Mitteilungen aus den Memoiren des Satan/Zweiter Teil/IV

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III. Mein Besuch in Frankfurt Mitteilungen aus den Memoiren des Satan von Wilhelm Hauff
IV. Der Festtag im Fegefeuer (Fortsetzung)
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[451]
IV.
Der Festtag im Fegefeuer.
(Fortsetzung.)


 Am Horizont in diesem Jahr
 Ist es geblieben, wie es war.

 M. Claudius.[1]




1) Der junge Garnmacher fährt fort, seine Geschichte zu erzählen.

Das Manuskript, aus welchem wir diese infernalischen Memoiren dechiffrieren und ausziehen, fährt bei jener Stelle, die wir im ersten Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen deutschen Schneiderbaron zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt Dresden entflohen, er will in die weite Welt, fürs erste aber nach Berlin gehen, und erzählt, was ihm unterwegs begegnete.

„Meine Herren“, fuhr der edle junge Mann fort, „als ich mich umsah, stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher Bürger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe, und behauptete, sein Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich verstand so viel von der Welt, daß ich einsah, es würde weniger auffallend sein, wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem älteren Mann gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von Garnmacher [452] in der Dorotheenstraße in Berlin, erzählte. ‚Euer Onkel ist ja schon seit zwei Monaten tot!‘ erwiderte er. ‚O, du armer Junge, seit zwei Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Würmer!‘

Sie können sich leicht meinen Schrecken über diese Trauerpost denken, ich weinte lange und hielt mich für unglücklicher als alle Helden; nach und nach aber wußte mich mein Begleiter zu trösten: ‚Erinnerst du dich gar nicht, mich gesehen zu haben?‘ fragte er. Ich sah ihn an, besann mich, verneinte. ‚Ei, man hat mich doch in Dresden so viel gesehen‘, fuhr er fort, ‚alle Alten und besonders die Jugend strömte zu mir und meinem jungen Griechen.‘

Jetzt fiel mir mit einemmal bei, daß ich ihn schon gesehen hatte. Vor wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen unglücklichen Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und ließ den jungen Athener für Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des Griechen und der Überschuß für einen Griechenverein bestimmt. Alles strömte hin, auch mir gab der Vater ein paar Groschen, um den unglücklichen Knaben sehen zu können. Ich bezeugte dem Mann meine Verwunderung, daß er nicht mehr mit dem Griechen reise.

‚Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hälfte meiner Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wußte wohl, daß ich ihm nicht nachsetzen konnte; aber wie wäre es, Söhnchen, wenn du mein Grieche würdest?‘ Ich staunte, ich hielt es nicht für möglich; aber er gestand mir, daß der andere ein ehrlicher Münchner gewesen sei, den er abgerichtet und kostümiert habe, weil nun einmal die Leute die griechische Sucht hätten.“

„Wie?“ unterbrach ihn der Engländer, „selbst in Deutschland nahm man Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? und doch ist es eigentlich ein deutscher Minister[2], der es mit der Pforte hält und die Griechen untergehen läßt.“

„Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland“, antwortete Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, „was einmal [453] in einem anderen Lande Mode geworden, muß auch zu uns kommen. Das weiß man gar nicht anders. Wie nun vor kurzem die Parganioten[3] ausgetrieben wurden und bald nachher die griechische Nation ihr Joch abschüttelte, da fanden wir dies erstaunlich hübsch, schrieben auf der Stelle viele und dicke Bücher darüber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar Philhellenen gab es bei uns, und man sah diese Leute mit großen Bärten, einen Säbel an der Seite, Pistolen im Gürtel, rauchend durch Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte, wohin? so antworteten sie: ‚In den heiligen Krieg, nach Hellas gegen die Osmanen!‘ Bat sich nun etwa eine Frau oder ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr erfahren, eine nähere Erklärung aus, so erfuhr man, daß es nach Griechenland gegen die Türken gehe. Da kreuzigten sich die Leute, wünschten dem Philhellenen einen guten Morgen und flüsterten, wenn er mit dröhnenden Schritten einen Fußpfad nach Hellas einschlug, ‚der muß wenig taugen, daß er im Reich keine Anstellung bekommt und bis nach Griechenland laufen muß.‘“

„Ist’s möglich?“ rief der Marquis, „so teilnahmelos sprachen die Deutschen von diesen Männern?“

„Gewiß; es ging mancher hin mit einem schönen Gefühl, einer unterdrückten Sache beizustehen; mancher, um sich Kriegsruhm zu erkämpfen, der nun einmal auf den Billards in den Garnisonen nicht zu erlangen ist; aber alle barbierte man über Einen Löffel, wie mein Vater zu sagen pflegte, und schalt sie Landläufer.“

„Mylord“, sagte der Franzose, „es sind doch dumme Leute, diese Deutschen!“

„O ja“, entgegnete jener mit großer Ruhe, indem er sein Rumglas gegen das Licht hielt. „Zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen unerträglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen.“

Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhrt fort: „Auf diese Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, [454] und noch oft muß ich mich wundern, wie richtig sein Kalkül war. Die Deutschen, dachte er, kommen nicht dazu, etwas für einen weit aussehenden Plan, für ein fernes Land und dergleichen zu thun; entweder sagen sie: ‚Es war ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas Neues machen wollen.‘ Oder sie sagen: ‚Gut, wir wollen erst einmal sehen, wie die Sache geht, vielleicht läßt sich hernach etwas thun.‘ Fällt aber etwas in ihrer Nähe vor, können sie selbst etwas Seltenes mit eigenen Augen sehen, so lassen sie es sich ‚etwas kosten‘.

Man war dem Griechen früher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar, daß er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigeführt habe, eine Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Männer beim Bier traktieren konnten.

Was für Aussichten blieben mir übrig? Mein Onkel war tot, ich hatte nichts gelernt, so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander wurden, daß mir mein Führer sogar Schläge beibrachte. Er lehrte mich alle Gegenstände auf Neugriechisch nennen, bleute mir einige Floskeln in dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlänglich instruiert war, schwärzte er mir Haar und Augbraunen mit einer Salbe, färbte mein Gesicht gelblich, und – ich war ein Grieche. Mein Kostüm, besonders das für vornehme Präsentationen, war sehr glänzend, manches sogar von Seide. So zogen wir im Land umher und gewannen viel Geld.“

„Aber, mein Gott“, unterbrach ihn der Franzose, „sagen Sie doch, in Deutschland soll es so viele gelehrte Männer geben, die sogar griechisch schreiben. Diese müssen doch auch sprechen können; wie haben Sie sich vor diesen durchbringen können?“

„Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen größten Spaß; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut, daß sie vor zweitausend Jahren mit Thucydides hätten korrespondieren können, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie mußten zu Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine herrliche Floskel bereit: – – – – ‚Mein Herr! das ist nicht griechisch.‘ Mein Führer [455] unterließ nicht, sogleich, was ich gesagt, dem Publikum ins Deutsche zu übersetzen, und jene Kathedermänner kamen gewöhnlich über das Lächeln der Menschen dergestalt außer Fassung, daß sie es nie wieder wagten, griechisch zu sprechen.

So zogen wir längere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze Komödie auf einmal aufhörte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit einem Band im Knopfloch auf, der mir große Ähnlichkeit mit meinem Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken Sie sich mein Erstaunen, höre ich, wie man ihn Herrn von Garnmacher tituliert. Ich stürzte zu ihm hin, fragte ihn mit zärtlichen Worten, ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der Stelle, wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als köngl. sächsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine rührende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der mit vornehmer Gesellschaft zugegen war und nicht gerne an meinen Vater, den Marchand tailleur, erinnert sein wollte, die Wut meines Führers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rührung höchst komisch vor.

Der Führer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner an, ließ mir Kleider machen und führte mich nach Berlin. Und dort begann für mich eine neue Katastrophe.“


*  *  *


2) Der Baron wird ein Rezensent.

„Mein Onkel war ein nicht sehr berühmter Schriftsteller, aber ein berüchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und ich wurde anfänglich dazu verwendet, seine Hahnenfüße ins Reine zu schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels Geist denken, faßte die gewöhnlichen Wendungen und Ausdrücke auf und bildete mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, über welche ich [456] übrigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht interessieren.“

„Nein, nein!“ rief der Lord; „ich habe schon öfters von dieser kritischen Wut Ihrer Landsleute gehört. Zwar haben auch wir, z. B. Edinburg und London, einige Anstalten dieser Art, aber sie werden, höre ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die ihrigen.“

„Allerdings sind diese Blätter in meinem Vaterlande eine sonderbare, aber eigentümliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Litteratur immer noch etwas Engbrüstiges, Eingezwängtes zu verspüren ist, wie nicht das, was leicht und gesellig, sondern was mit einem recht schwerfälligen gelehrten Anstrich geschrieben ist, für einzig gut und schön gilt, so haben wir auch eigene Ansichten über Beurteilung der Litteratur. Es traut sich nämlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame in der Gesellschaft ein Urteil über ein neues Buch zu, das sich nicht an ein öffentlich ausgesprochenes anlehnen könnte; man glaubt darin zu viel zu wagen. Daher gibt es viele öffentliche Stimmen, die um Geld und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das Tutti oder der Chorus des Publikums einfällt.“

„Aber wie mögen Sie über diese Institute spotten, mein Herr Baron?“ unterbrach ihn der Lord; „ich finde das recht hübsch. Man braucht selbst kein Buch als diese öffentlichen Blätter zu lesen und kann dann dennoch in der Gesellschaft mitstimmen.“

„Sie hätten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wäre. So aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blättern richtet, unbewußt irgend eine Partie und kann, ohne daß er sich dessen versieht, in der Gesellschaft für einen Goethianer, Müllnerianer[4], Vossiden[5] oder Creuzerianer[6], Schellingianer oder Hegelianer, kurz für einen Y-aner gelten. Denn das eine Blatt gehört dieser Partie an und haut und sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehört diesem oder jenem großen Buchhändler. [457] Da müssen nun fürs erste alle seine Verlagsartikel gehörig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig angefallen werden, oft muß man auch ganz diplomatisch zu Werk gehen, es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln (Dichter-) Wasser tragen und indem man einem freundlich ein Kompliment macht, hinterrücks heimlich ihm ein Bein unterschlagen.“

„Aber schämen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik und Litteratur zu handhaben?“ fragte der Marquis, „ich muß gestehen, in Frankreich würde man ein solches Wesen verachten.“

„Ihre politischen Blätter, mein Herr, machen es nicht besser. Übrigens sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschüssen und langsamen, gründlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt. Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs der Litteratur. Sie plänkeln mit dem Feind, ohne ihn gerade gründlich und mit Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie umschwärmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch dürfen sie sich gerade nicht schämen, denn sie rezensieren anonym, und nur einer unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten.“

„Das muß ja ein eigentlicher Matador sein!“ rief der Lord lächelnd.

„Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf spanisch – ein Totschläger, denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der höchste Triumph, dieser Matador, und zählt für zehen, wenn er Pacat ultimo macht. Und bei den litterarischen Stiergefechten ist er Matador! Denn er, der Hauptkämpfer, ist es, der dem armen gehetzten und gejagten Stier den Todesstoß gibt.“

„Gestehen Sie, Sie übertreiben; – Sie haben gewiß einmal den unglücklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tüchtig vorgenommen wurde, und jetzt zürnen Sie der Kritik?“

Der junge Deutsche errötete. „Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben, doch war es nur eine Novelle und leider nicht so bedeutend, [458] daß es wäre rezensiert worden; aber nein; ich selbst habe einige Zeit unter meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht und kenne diese Affairen genau. Nun, mein Onkel brachte mir also die verschiedenen Formen und Klassen bei. Die erste war die sanftlobende Rezension. Sie gab nur einige Auszüge aus dem Werk, lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen Bahn fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber für sich gewinnen wollte. Hauptsächlich aber war diese Klasse für junge schriftstellerische Damen.“

„Wie?“ erwiderte der Lord, „haben Sie derer so viele, daß man eine eigene Klasse für sie macht?“

„Man zählte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig jüngere und ältere! Sie sehen, daß man für sie schon eine eigene Klasse machen kann und zwar eine ‚gelinde‘, weil diese Damen mehr Anbeter und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die zweite Klasse ist die lobposaunende. Hier werden entweder die Verlagsartikel des Buchhändlers, der das Blatt bezahlt, oder die Parteimänner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist gerührt, man ist glücklich, daß die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die dritte Klasse ist dann die neutrale. Hier werden die Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag, etwas kühl und diplomatisch behandelt. Man spricht mehr über das Genus ihrer Schrift und über ihre Tendenz als über sie selbst und gibt sich Mühe, in recht vielen Worten nichts zu sagen, ungefähr wie in den Salons, wenn man über politische Verhältnisse spricht und sich doch mit keinem Wort verraten will.

Die vierte Klasse ist die lobhudelnde. Man sucht entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder tief verwunden oder doch lächerlich machen. Die fünfte Klasse ist die grobe, ernste; man nimmt eine vornehme Miene an, setzt sich hoch zu Roß und schaut hernieder auf die kleinen Bemühungen und geringen Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften [459] zu finden, was zu gefährlich ist, als daß man öffentlich davon sprechen möchte. Diese Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und Beben erfüllt. Die sechste Klasse ist die Totschläger-Klasse. Sie ist eine Art von Schlachtbank, denn hier werden die Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne Gnade und Barmherzigkeit, sie ist eine Säge- und Stampfmühle, denn der Müller schüttet die Unglücklichen, die ihm überantwortet werden, hinein, und zerfetzt, zersägt, zermalmt sie.“

„Aber wer trägt denn die Schuld von diesem unsinnigen Vertilgungssystem?“ fragte Lasulot.

„Nun, das Publikum selbst! Wie man früher an Turnieren und Tierhetzen die Freude hatte, so amüsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen aufeinander anrennen sieht, und – wenn die Rippen krachen, wenn einer sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Ländlich, sittlich! ‚Ein Stier, ein Stier, ruft’s dort und hier!‘[7] In Spanien treibt man das in der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar tüchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden an ihm beißen, wenn der Matador von der Galerie hinab in den Zirkus springt,

Und zieht den Degen
Und fällt verwegen
Zur Seite den wütenden Ochsen an –[7]

da freut sich das liebe Publikum, und von ‚Bravo!‘ schallt die Gegend wider!“

„Das ist köstlich!“ rief der Engländer, doch war man ungewiß, ob sein Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm; „und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?“

„Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, für mehrere Journale verpachtet; wunderbar war es übrigens, welches heterogene Interesse er dabei befolgen mußte. Er hatte es so weit gebracht, daß er an einem Vormittag ein Buch las und sechs Rezensionen [460] darüber schrieb, und oft traf es sich, daß er alle sechs Klassen über einen Gegenstand erschöpfte. Er zündete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines gelindes Lobfeuer aus Zimtholz an; dann warf er kritischen Weihrauch dazu, daß es große Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten und die Augen beizten. Dann dämpfte er diese niedlichen Opferflammen zu einer düsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der vierten Klasse frischer an, warf in der fünften einen so großen Holzstoß zu als die Sancta simplicitas in Konstanz dem Huß[WS 1] und fing dann zum sechsten an, den Unglücklichen an dieser mächtigen Lohe des Zornes zu braten und zu rösten, bis er ganz schwarz war.“

„Wie konnte er aber nur mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene Meinungen über einen Gegenstand haben? Das ist ja schändlich!“

„Wie man will. Ich erinnere Sie übrigens an die liberalen und an die ministeriellen Blätter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat und ihm morgen der Herr von … einige Sous mehr bietet, so hält er einen Panegyrikus[WS 2] gegen die linke Seite, als hätte er von je in einem ministeriellen Vorzimmer gelebt.“

„Aber dann geht er förmlich über“, bemerkte der Marquis; „aber Ihr Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwölf Augen, die Hälfte mehr als der Höllenhund.“

„Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Künsten und Handarbeiten weit gebracht“, erwiderte mit großer Ruhe der junge Mann, „so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht hatte, daß ich nicht nur ein Buch von dreißig Bogen in zwei Stunden durchlesen, sondern auch den Inhalt einer unaufgeschnittenen Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wußte, von welcher Partei sie war, so gebrauchte er mich zur Kritik. ‚Ich will dir‘, sagte er, ‚die erste, zweite, fünfte und sechste Klasse geben. Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag’ ist, kann nichts mit Maß thun. Sie lobt entweder über alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt unverschämt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebiß haben, sind übrigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an [461] die Kette, bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem Erfolg, denn sie sind auf den Mann dressiert trotz der besten Dogge. Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralitätssystem, zu dem verdeckten Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehört schon mehr kaltes Blut.‘

So sprach mein Onkel und übergab mir die Kränze der Gnade und das Schwert der Rache. Alle Tage mußte ich von frühe acht bis ein Uhr rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich mußte es schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zurückgeschickt. Nun schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu exequieren, so ließ er mir sagen: ‚Mein lieber Neffe; nur immer Nr. 5 und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn ins Teufels Namen tüchtig durch‘; und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rührung bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die Hölle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der Onkel that, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebräu pikanter zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil- und unheilschweren Blätter an die verschiedenen Journale.“

God damn! Habe ich in meinem Leben dergleichen gehört?“ rief der Lord mit wahrem Grauen; „aber wenn Sie alle Tage nur ein Buch renzensierten, das macht ja im Jahr 365! Gibt es denn in Ihrem Vaterland jährlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe?“

„Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Litteratur schlecht, wenn Sie dies fragen. So viele gibt es in einer Messe, und wir haben jährlich zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig schlechte Lust- und Trauerspiele, hundert schöne und miserable Erzählungen, Novellen, Historien, Phantasien etc., dreißig Almanachs, fünfzig Bände lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in Stanzen oder Hexametern, vierhundert Übersetzungen, achtzig Kriegsbücher rechnen, und die Schul-, Lehr-, Katheder-, Professions-, Konfessionsbücher, die Anweisungen zum frommen Leben, zu Bereitung guten Champagners aus Obst, zu Verlängerung der Gesundheit, die Betrachtungen über die Ewigkeit [462] und wie man auch ohne Arzt sterben könne u. s. w. sind nicht zu zählen; kurz, man kann in meinem Vaterland annehmen, daß unter fünfzig Menschen immer einer Bücher schreibt; ist einer einmal im Meßkatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem sechzigsten Jahr nicht auf. Sie können also leicht berechnen, meine Herren, wieviel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der Litteratur, welches weite Feld für die Kritik!“

Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit einer Andacht gesprochen, die sogar mir höchst komisch vorkam; der Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz gesteigert zu werden.

Monsieur de Garnmackre! Nehmen Sie es nicht übel, daß ich mich von Ihrer Erzählung bis zum Lachen hinreißen ließ“, sagte der Marquis, „aber Ihre Nation, Ihre Litteratur, Ihre kritische Manufaktur kam mir unwillkürlich so komisch vor, daß ich mich nicht enthalten konnte, zu lachen. Ihr seid sublime Leute! das muß man euch lassen.“

„Und der Herr hier hat recht“, bemerkte Mylord mit feinem Lächeln. „Alles schreibt in diesem göttlichen Lande, und was das schönste ist, nicht jeder über sein Fach, sondern lieber über ein anderes. So fuhr ich einmal auf meiner grand tour in einem deutschen Ländchen. Der Weg war schlecht, die Pferde womöglich noch schlechter. Ich ließ endlich durch meinen Reisebegleiter, der deutsch reden konnte, den Postillon fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, daß er uns so miserable Pferde vorspanne? Der Postillon antwortete: ‚Was das Post- und das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts.‘

Wir waren verwundert über diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gespräch Spaß machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe? ‚Er schreibt!‘ war die kurze Antwort des Kerls. ‚Wie? Briefverzeichnisse, Postkarten?‘ – ‚Ei, behüte‘, sagt er, ‚Bücher, gelehrte Bücher.‘ – ‚Über das Postwesen?‘ fragten wir weiter. ‚Nein‘, meinte er, ‚Verse macht mein Herr, Verse, oft so breit als meine fünf Finger und so lang als mein Arm!‘ und klatsch! klatsch! hieb er auf die mageren Brüder [463] des Pegasus und trabte mit uns auf dem stoßenden Steinweg, daß es uns in der Seele wehe that. ‚God damn!‘ sagte mein Begleiter, ‚wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperichte Verse zu Tage fördern!‘ Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nächsten Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter und wie Sie, Mr. Garnmacher, ein großer Kritiker.“

„Ich weiß, wen Sie meinen“, erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger Miene, „und Ihre Erzählung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich eigentlich auch nicht für dieses Gebiet der Litteratur erzogen worden. Übrigens muß ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen, nach Gesetzen ängstlich zugeschnittenen Land möchte etwas dergleichen auffallen, aber bei uns zu Lande ist das was anderes. Da kann jeder in die Litteratur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein Gesetz, daß einem verböte, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn er nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie, die schöne romantische Zeit des Mittelalters, nein, wir sind, und ich rechne mich ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Rauhritter, die einander die Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verliese schleppen, wir üben das Faustrecht auf heldenmütige Weise und halten litterarische Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krämer und Juden. Die Poesie ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben.“

„Herr von Garnmacker“, unterbrach ihn der Marquis de Lasulot; „ich würde Ihre Geschichte erstaunlich hübsch und anziehend finden, wenn sie nur nicht so langweilig wäre. Wenn Sie so fortmachen, so erzählen Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor, wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebensläufe auf ein andermal und gehen jetzt auf die Höllenpromenade, um die schöne Welt zu sehen!“

„Sie haben recht“, sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein Sixpensestück zuwarf, „der Herr von Garnmacher weiß [464] auf unterhaltende Weise einzuschläfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl viele Bekannte aus der Stadt hier sind?“

„Wie?“ rief der junge Deutsche nicht ohne Überraschung, „Sie wollen also nicht hören, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mühlendamm zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hören, wie ich einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche elendigliche Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine Geschichte fängt jetzt erst an, interessant zu werden.“

„Sie können recht haben“, erwiderte ihm der Lord mit vornehmem Lächeln, „aber wir finden, daß uns die Abwechslung mehr Freude macht. Begleiten Sie uns, vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem Vaterland, die Sie uns zeigen können.“

„Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte“, sagte der Marquis lachend, „aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre interessante Erzählung möchte ich diese Stunde versäumen. Gehen wir.“

„Gut“, antwortete der deutsche Stutzer resigniert und ohne beleidigt zu scheinen. „Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft sehr angenehm, denn es ist für einen Deutschen immer eine große Ehre, sich an einen Franzosen oder gar an einen Engländer anschließen zu können.“

Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich veränderte schnell mein Kostüm, um diese merkwürdigen Subjekte auf ihren Wanderungen zu verfolgen, denn ich hatte gerade nichts Besseres zu thun.

Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich – es ist möglich, daß Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Veränderung in manchem hervorbringen; aber lasset nur eine Stunde lang Landsleute zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen, wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So kommt es, daß dieser Geburtstag meiner lieben Großmutter mir Stoff zu tausend Reflexionen gibt, denn selbst im Fegfeuer, wenn diesen Leutchen nur ein Tag vergönnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem, und [465] es spricht und lacht und geht und liebt wie im Prater, wie auf der Chaussee d’Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden oder wie in …

Welchen Anblick gewährte diese höllische Promenade! Die Stutzer aller Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten; Theologen aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Financiers von Paris bis Konstantinopel, von Wien bis London; und sie alle in Streit über ihre Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: „Zu unserer Zeit, ja! Zu unserer Zeit war es doch anders!“ Aber ach, meine Stutzer kamen zu spät auf die Promenade, kaum daß noch Baron von Garnmacher einen jungen Dresdner Dichter umarmen und einer Berliner Sängerin sein Vergnügen ausdrücken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern! Der edle junge Herr hatte durch seine Erzählung die Promenadezeit verkümmert, und die große Welt strömte schon zum Theater.


*  *  *


3) Das Theater im Fegefeuer.

Man wundert sich vielleicht über ein Theater im Fegefeuer? Freilich ist es weder Opera buffa noch seria, weder Trauer- noch Lustspiel; ich habe zwar Schauspieldichter, Sänger, Acteurs und Actricen, Tänzer und Tänzerinnen genug, aber wie könnte man ein so gemischtes Publikum mit einem dieser Stücke unterhalten? Ließe ich von Zacharias Werner[8] eine schauerlich-tragi-komisch-historisch-romantisch-heroische Komödie aufführen, – wie würden sich Franzosen und Italiener langweilen, um von den Russen, die mehr das Trauerspiel und Mordszenen lieben, gar nicht zu sprechen. Wollte ich mir von Kotzebue ein Lustspiel schreiben lassen, etwa „Die Kleinstädter[9] in der Hölle“, wie würde [466] man über verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich eine andere Einrichtung getroffen.

Mein Theater spielt große pantomimische Stücke, welche wunderbarerweise nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum Gegenstand haben, aber mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen. Selten bekömmt eine einen Erlaubnisschein, als Revenant die Erde um Mitternacht besuchen zu dürfen. Denn was nützt es mir, was frommt es dem irren Geist einer eifersüchtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zurückzukehren? Was nützt es dem Mann, der sich schon um eine zweite umgethan, wenn durch die Gardine dringt –

„Eine kalte weiße Hand,
Wen erblickt er? Seine Wilhelmine,
Die im Sterbekleide vor ihm stand.“
[10]

Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit dem Federmesser die Kehle abschnitt, allnächtlich ins Departement schleicht, angethan mit demselben Schlafrock, in welchem er zu arbeiten pflegte, schlurfend auf alten Pantoffeln und die Feder hinter dem Ohr; zu was dient es, wenn er seufzend vor die Akten sitzt und mit glühendem Auge seinen Rest immer noch einmal wieder berechnet?

Was kann es dem fürstlichen Keller helfen, wenn der Schloßküfer, den ich in einer bösen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfährt und mit krampfhaft gekrümmtem Finger an den Fässern anpocht, die er bestohlen? Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der Zapfenstreich ertönt und die Hörner zur Ruhe blasen? Zu was den Stutzer, um zu sehen, ob sein bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt? Zwar sie alle, ich gestehe es, sie alle würden sich unglücklicher fühlen, könnten sie sehen, wie schnell man sie vergessen hat, es wäre eine Schärfung der Strafe, wie etwa ein König, als ihm ein Urteil zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe vorgelegt wurde, „noch sechs [467] Jahre länger“ unterschrieb, weil er den Mann haßte. Aber sie würden mir auf der andern Seite so viel verwirrtes Zeug mit herabbringen, würden mir manchen fromm zu machen suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten so viel getrunken, daß er in der Hölle Wasser trinken wollte, – ich habe darin zu viele Erfahrungen gemacht und kann es in neuern Zeiten, wo ohnedies die Missionarien und andere Mystiker genug thun, nicht mehr erlauben. Daher kommt es, daß es in diesen Tagen wenig mehr in den Häusern, desto mehr aber in den Köpfen spukt.

Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten über die Zukunft zu geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stücke von meiner höllischen Bande aufführen. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt:

Mit Allerhöchster Bewilligung.
Heute, als am Geburtsfeste der Großmutter, diabolischen Hoheit:
Einige Szenen aus dem Jahr 1826.
Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters.
Die Musik ist aus Mozarts, Heydens, Glucks und anderen Meisterwerken
zusammengesucht von Rossini.

(Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwärtig sehr viele allerhöchste Personen und hoher Adel hier sind, so wird gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und Ministern bis zum Grafen abwärts inklusive, die zweite Galerie der Ritterschaft samt Frauen bis zum Lieutenant abwärts zu überlassen.

Die Direktion des infernal. Hof- und Nationaltheaters.


Das Publikum drängte sich mit Ungestüm nach dem Haus. Ich bot mich den drei jungen Herren als Cicerone an und führte sie glücklich durch das Gedränge ins Parkett; obgleich der Lord ohne Anstand auf die erste, der Marquis und der deutsche Baron auf die zweite Loge hätten eintreten dürfen. Diese drei Subjekte fanden es aber amüsanter, von ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren. Wie mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlüpfte ihnen, wenn sie wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen. Besonders Garnmacher schien vor Erstaunen [468] nicht zu sich selbst kommen zu können. „Nein, ist es möglich!“ rief er wiederholt aus, „ist es möglich? Sehen Sie, Marquis, jener Herr dort oben in der zweiten Galerie rechts, mit den roten Augen, er spricht mit einer bleichen, jungen Dame, dieser starb in Berlin im Geruch der Heiligkeit und soll auch hier sein an diesem unheiligen Ort? Und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe ich sie gesehen und gesprochen! Sie war eine liebenswürdige, fromme Schwärmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den Ball – sie starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar wollte man behaupten, sie sei in Töplitz an einem heimlichen Wochenbett verschieden, aber wer ihren frommen Lebenslauf gesehen, wer konnte das glauben?“

„Ha! die Nase von Frankreich!“ rief auf einmal der Baron mit Ekstase. „Heiliger Ludwig, auch Ihr, auch Ihr unter Euren verlorenen Kindern? Ha! und ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schönes Vaterland in die Kapuze stecken wollet. Sehen Sie, Mylord, jene häßlichen, kriechenden Menschen? Sehen Sie, dort – das sind berühmte Missionäre, die uns glauben machen wollten, sie seien frömmer als wir. Dem Teufel sei es gedankt, daß er diese Schweine auch zu sich versammelt hat.“

„O, mein Herr“, sagte ich, „da hätten Sie nicht nötig gehabt bis ins Theater sich zu bemühen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich zwar nicht gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Hölle nichts Erbärmlicheres zu sein pflegt, als ein entlarvter Heuchler; aber im Café de Congregation wimmelt es von diesen Herren. Vom Kardinal bis zum schlechten Pater. Sie können manche heilige Bekanntschaft dort machen.“

„Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier“, erwiderte Mylord, „sagen Sie doch, wer sind diese ernsten Männer in Uniform nebenan? Sie unterhalten sich lebhaft, und doch sehe ich sie nicht lächeln. Sind es Engländer?“

„Verzeihen Sie“, antwortete ich, „es sind Soldaten und Offiziers von der alten Garde, die sich mit einigen Preußen über den letzten Feldzug besprechen.“

[469] Alle drei schienen erstaunt über dieses Zusammentreffen und wollten mehr fragen, aber der Kapellmeister hob den Stab und die Trompeten und Pauken der Rossinischen Ouvertüre schmetterten in das volle Haus. Es war die herrliche Ouvertüre aus „Il maestro ladro“[11], die Rossini auf sich selbst gedichtet hat, und das Publikum war entzückt über die schönen Anklänge aus der Musik aller Länder und Zeiten, und jedes fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem herrlich komponierten Stück. Ich halte auch außer der Gazza ladra den Maestro ladro für sein Bestes, weil er darin seine Tendenz und seine künstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz ausgesprochen hat. Die Ouvertüre endete mit dem ergreifenden Schluß von Mozarts „Don Juan“, dem man zur Vermehrung der Rührung einen Nachsatz von Pauken, Trommeln und Trompeten angehängt hatte und – der Vorhang flog auf.

Man sah einen Saal der Börsenhalle von London. Ängstlich drängten sich Juden und Christen durcheinander; in malerischen Gruppen standen Geldmäkler, große und kleine Kaufleute und steigerten die Papiere. Nachdem diese Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte, kamen in sonderbaren Sprüngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt. Allgemeine Spannung; die Depeschen werden in einem Pas de Deux entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblick erscheint mein erster Solotänzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in der Szene. Seine Mienen, seine Haltung drücken Verzweiflung aus, man sieht, seine Fonds sind erschöpft, sein Beutel leer, er muß seine Zahlungen einstellen. Ein Chor von Juden und Christen dringen auf ihn ein, um sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, seine Geberdensprache ist bezaubernd – es hilft nichts. Da raffte er sich verzweiflungsvoll auf; er tanzte ein Solo voll Ernst und Majestät; wie ein gefallener König ist er noch im Unglück groß, seine Sprünge reichen zu einer immensen Höhe, und mit einem prachtvollen Fußtriller fällt das Haus Goldsmith in London. Komisch [470] war es nun anzusehen, wie das Chor der englischen, deutschen und französischen Häuser, vorgestellt von den Herren vom Corps de ballet, diesen Fall weiter fortsetzten. Sie wankten künstlich und fielen noch künstlicher, besonders exzellierten hiebei einige Berliner Börsenkünstler, die durch ihre ungemeine Kunst einen wahrhaft tragischen Effekt hervorbrachten und allgemeine Sensation im Parterre erregten.

Plötzlich ging die lamentable Börsenmusik in einen Triumphmarsch über; die herrliche Passage aus der „Italienerin in Algier“[12]: Heil dem großen Kaimakan[13] ertönte, ein glänzender Zug von Christensklaven, Goldbarren und Schüsseln mit gemünztem Gold tragend, tanzten aufs Theater. Es war, wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit Brot in eine ausgehungerte Stadt kommt. Man denkt nicht daran, daß der spekulative Kopf, der das Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner Wucherer ist, der den Hunger benützt und sein Brot zu ungeheuren Preisen losschlägt; man denkt nicht daran, man verehrt ihn als den Retter, als den schützenden Schild in der Not. So auch hier. Die gefallenen Häuser richteten sich mit Grazie empor, sie schienen Hoffnung zu schöpfen, sie schienen den Messias der Börse zu erwarten. Er kam. Acht Finanzminister berühmter Könige und Kaiser trugen auf ihren Schultern eine Art von Triumphwagen, der die transparente Inschrift: „Seid umschlungen Millionen!“ trug. Ein Herr mit einer pikanten, morgenländischen Physiognomie, wohlbeleibt und von etwas schwammigem Ansehen, saß in dem Wagen und stellte den Triumphator vor.

Mit ungemeinem Applaus wurde er begrüßt, als er von den Schultern der Minister herab auf den Boden stieg. „Das ist Nothschild! Es lebe Nothschild!“ schrie man in den ersten Ranglogen und klatschte und rief Bravo, daß das Haus zitterte. Es war mein erster Grotesktänzer, der diese schwierige Rolle meisterhaft durchführte; besonders als er mit dem englischen, österreichischen, [471] preußischen und französischen Ministerium einen Cosaque[14] tanzte, übertraf er sich selbst. Nothschild gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Börse, den Frieden, und der erste Akt der großen Pantomime endigte sich mit einem brillanten Schlußchor, in welchem er förmlich gekrönt und zu einem allerhöchsten cher Cousin gemacht wurde.

Als der Vorhang gefallen war, ließ sich Mylord ziemlich ungnädig über diese Szene aus. „Es war zu erwarten“, sagte er, „daß diese Menschen bedeutenden Einfluß auf die Kurse bekommen werden, aber daß auf der Börse von London ein solcher Skandal vorfallen werde, im Jahr 1826, das ist unglaublich.“

„Mein Herr!“ erwiderte der Marquis lachend, „unglaublich finde ich es nicht. Bei den Menschen ist alles möglich, und warum sollte nicht einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt erblickte, durch Kombination so weit kommen, daß er Kaiser und Könige in seinen Sack stecken kann?“

„Aber England, Altengland! Ich bitte Sie“, rief der Lord schmerzlich. „Ihr Frankreich, Ihr Deutschland hat von jeher nach jeder Pfeife tanzen müssen! Aber, God damn! Das englische Ministerium mit diesem Hephep[15] einen Cosaque tanzen zu sehen, o! es ist schmerzlich!“

„Ja, ja!“ sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr ruhig, „es wird und muß so kommen. Freilich ein bedeutender Unterschied zwischen 1826 und der Zeit des Königs David.“

„Das finde ich nicht“, antwortete der Marquis, „im Gegenteil, Sie sehen ja, welch großen Einfluß die Juden auf die Zeit gewinnen!“

„Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied“, erwiderte der Deutsche. „Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur Einen König, jetzt aber haben alle Könige nur Einen Juden.“

„Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was [472] für eine Szene uns der Teufel jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich oder Italien kommt ans Brett.“

„Ich denke, Deutschland“, erwiderte Garnmacher, „ich wenigstens möchte wohl wissen, wie es im Jahr 1826 oder 1830 in Deutschland sein wird. Als ich die Erde verließ, war die Konstellation sonderbar. Es roch in meinem Vaterland wie in einer Pulverkammer, bevor sie in die Luft fliegt. Die Lunte glühte, und man roch sie allerorten. Die feinsten diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um diesen geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme. Meinen Sie nicht auch, es müsse bedeutende Veränderungen geben?“

„Es wird heißen – auch in diesem Jahr ist es geblieben wie es war“, antwortete ich dem guten Deutschen. „Um eine Lunte auszulöschen, bedarf es keine großen Künste. Man wird bleiben wie man war, man wird höchstens um einige Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie wollen Ihr Vaterland in die Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie es Anno 1826 dort aussieht? Armer Herr! da müßte ich ja zuvor noch fragen, was für ein Landsmann Sie sind.“

„Wie verstehen Sie das?“ fragte der Baron unmutig.

„Nun? Was könnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationelles vorspielen, da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so müßte man Ihnen zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen Rezepten braut; sind Sie Württemberger, so könnten Sie erfahren, wie man die Landstände wählte. Sind sie ein Rheinpreuße und drückt Sie der Schuh, so lassen Sie sich den eigenen Fuß operieren, denn an dem Normalschuh darf nichts geändert werden. Sind Sie ein Hesse, so trinken Sie ganz ruhig Ihren Doppelkümmel zum Butterbrot, aber denken Sie nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche schön war und in der nächsten regnen wird; sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie, daß Ihnen die Haare zu Berg stehen, und hungern Sie, bis Sie eine schöne Taille bekommen – –“

„Herr, Sie sind des Teufels!“ fuhr der Baron auf; „wollen Sie uns alles Nationalgefühl absprechen? Wollen Sie –“

„Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Höhe!“ [473] rief der Marquis; „wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre Dame! Das finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in die Szene setzen will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der Kammer?“

Die Glocken von Notre Dame ertönten in feierlichen Klängen. Chorgesang und das Murmeln kirchlicher Gebete näherte sich, und eine lange Prozession, angeführt von den Missionären, betrat die Bühne. Da sah man königliche Hoheiten und Fürsten mit den Mienen zerknirschter Sünder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen; da sah man Damen des ersten Ranges, die schönen Augen gen Himmel gerichtet, die à la Madonna gekämmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die niedlichen Füßchen bloß und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum staunte; man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die Herzogin D–s, die Comtesse de M–u, die Fürstin T–d im Kostüm einer Büßenden zur Kirche wandeln sah. Doch als Offiziere der alten Armee nicht mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen Uniform der Marschälle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und Gebetbücher unter dem Arm, über die Szene ging, da wandte sich der Marquis ab, die Soldaten der alten Garde an unserer Seite ballten die Fäuste und riefen Verwünschungen aus, und wer weiß, was meinen Acteurs geschehen wäre, hätte man faule Äpfel oder Steine in der Nähe gehabt. Das hohe Portal von Notre Dame hatte endlich die Prozession aufgenommen, und nur der Schluß ging noch über die Szene. Es war ein Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem Arm eine Vulgata trug; man hatte ihm einen ungeheuren Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt, an welchem ihn zwei Missionäre wie ein Kalb führten. So oft er aus dem ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprünge fallen wollte, wurde er mit einer Kapuzinergeißel gezüchtigt und schrie dann, um seine Zuchtmeister zu versöhnen: „Vive le bon Dieu! vive la croix!“ So brachten sie ihn endlich mit großer Mühe zur Kirche, Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.

„Haben Sie nun Genugthuung?“ sagte der Marquis zu dem [474] Lord; „was ist Ihr Skandal auf der Börse gegen diesen kirchlichen Unfug? O mein Frankreich, mein armes Frankreich!“

„Es ist wahr“, antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen die Hand drückte; „Sie sind zu beklagen. Aber ich glaube nicht an diese tollen Possen; Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten Geschmacks, der fröhlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich sollte schon im Jahr 1826 vergessen haben, daß es einst der gesunden Vernunft Tempel erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht möglich, es ist ein Blendwerk der Hölle!“

„Das möchte doch nicht so sicher sein“, sagte ich. „Das Vaterland des Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten; wenn einmal der Jesuitismus dort zur Mode wird, möchte ich für nichts stehen.“

„Aber was wollten sie nur mit dem Affen in Notre Dame?“ fragte der Baron, „was hat denn dieses Tier zu bedeuten.“

„Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Jocko[16], der sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von den Missionären bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen Seitensprüngen schließen könnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn wohl in der Kirche taufen.“

God damn! Was Sie sagen; doch Sie scheinen mit der Theaterdirektion bekannt; sagen Sie uns, was noch aufgeführt wird; wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter, denn ich finde diese Pantomimen etwas langweilig.“

„Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat“, antwortete ich; „es wird nämlich ein diplomatisches Diner aufgeführt, das der Reis-Efendi den Gesandten hoher Mächte gibt. Das Siegesfest der Festung Missolunghi[17] vorstellend. Es [475] werden dabei Ragouts aus Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das Hauptstück der Tafel macht ein Rostbeuf von dem griechischen Patriarchen, den sie lebendig geröstet haben, und zum Beschluß wird ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er sein mag, mit der schönsten Griechensklavin aus dem Harem seiner muhamedanischen Majestät eröffnet.“

„Ei!“ rief der Marquis, „was, wollen wir diese Schande der Menschheit sehen? Ihre Londoner Börse war lächerlich, die Prozession gemein und dumm, aber diese ekelhafte Erbärmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen! Kommet, meine Freunde, wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn von Garnmacher hören, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische Diner betrachten!“

Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf und verließen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem derben Fluche zurück und rief:

„Wahrlich, es steht schlimm mit der Zukunft von 1826!“


Ende des zweiten Teils.



  1. Erste Strophe von M. Claudius’ „Universalhistorie des Jahrs 1773, oder silbernes A. B. C.“ (in dessen „Sämtlichen Werken“, Bd. 1., S. 78), wo die Verse lauten:

    „Am Firmament in diesem Jahr
    Ists so geblieben wie es war.“

  2. Gemeint ist der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich (1773–1859).
  3. Die Bewohner der Stadt Parga am Ionischen Meere, die 1819 nach den Ionischen Inseln übersiedelten, als die Stadt am 10. Mai d. J. von der Pforte an Ali Pascha von Janina ausgeliefert wurde.
  4. Amadeus Gottfr. Adolf Müllner (1774–1829), dramatischer Dichter, besonders bekannt durch seine Schicksalstragödie „Die Schuld“ (1816).
  5. Der bekannte Homer-Übersetzer Joh. Heinr. Voß (1751–1826).
  6. Georg Friedr. Creuzer (1771–1858), Philolog und Altertumsforscher, von Einfluß auf die Humanitätsstudien.
  7. a b Aus Adolf Müllners Trauerspiel „Die Schuld“; 3. Akt, 1. Szene.
  8. Friedr. Ludw. Zacharias Werner (1768–1823), dramatischer Dichter von reichem Talent, aber verkommen und überspannt; am bekanntesten sind die Dramen „M. Luther oder die Weihe der Kraft“ (1805) und die Schicksalstragödie „Der 24. Februar“.
  9. Anspielung auf Kotzebues Lustspiel „Die deutschen Kleinstädter“.
  10. Verse aus Langbeins Gedicht: „Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten“ u. s. w.[WS 3]
  11. Il maëstro ladro heißt „der diebische Meister“, ein Operntitel, den Hauff, unter Anlehnung an „La gazza ladra“, „Die diebische Elster“, hier spottend erdichtet, um auf Rossinis musikalische Anleihen und Diebstähle hinzuweisen.
  12. Komische Oper von Rossini (1813).
  13. Kaimakan, in der Türkei Titel des Vorstehers eines Kreises; dann heißt K. auch jeder Stellvertreter eines hohen Beamten; in der Armee entspricht der K. dem Oberstleutnant.
  14. Cosaque, russischer Nationaltanz, bei dem sich der Körper mehr dem Boden nähert, die Arme über der Brust gekreuzt oder in die Hüften gestemmt werden und durch starkes Auftreten der bespornten Hacken der Takt geschlagen wird.
  15. Spottruf gegen die Juden.[WS 4]
  16. In den zwanziger Jahren wurden an den Bühnen vielfach Stücke aufgeführt, in denen ein Affe, von einem besondern Grotesktänzer dargestellt, die Hauptrolle spielt. Das erste derartige Stück war das 1825 von dem Tänzer Mazurier in Paris aufgeführte unter dem Titel: „Joko, on le singe du Brésil“, das beste das Ballett „Joko“ mit trefflicher Musik von dem Stuttgarter Hofkapellmeister Pet. Jos. v. Lindpaintner (1791–1856).
  17. Die griechische Stadt Missolunghi wurde zweimal vergebens von den Ägyptern belagert und fiel erst bei dem Ansturm des vereinigten Heeres der [475] Türken und Ägypter (22. April 1826); dieser Fall schreckte dann endlich die europäischen Mächte aus ihrer bisherigen Ruhe zur Unterstützung der Griechen auf.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Jan Hus soll bei seiner Verbrennung auf dem Scheiterhaufen diese Worte ausgerufen haben, als eine Frau weiteres Holz brachte (Wikipedia).
  2. Lobrede, auch im negativen Sinn (siehe Wikipedia).
  3. Das Gedicht ist von Kazner – siehe die Berichtigung des Herausgebers.
  4. Vgl. hierzu den Artikel bei Wikipedia.
III. Mein Besuch in Frankfurt Nach oben
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