Moderne Brunnenvergiftung

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Autor: Dr. M. Dyrenfurth
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Titel: Moderne Brunnenvergiftung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19–20, S. 295–297; 311–313
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Hygiene von Trinkwasser und Toiletten
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Moderne Brunnenvergiftung.

Vergiftung der Themse – Leichenwasser – Das Wiener Trinkwasser – Unser Quellwasser – Erscheinungen in Schweidnitz und im Departement du Nord – Deutsche Polizei und deutsche Pumpen.

Wenn im Mittelalter eine verheerende Seuche unter den Völkern wüthete, so erhob sich sofort der Argwohn, daß eine Vergiftung des nothwendigsten Lebensmittels, des Wassers, daran schuld sein müsse. In Frankreich verbrannte man im Jahre 1322 eine große Zahl Aussätziger, weil es hieß, sie seien von den aus dem Lande gejagten Juden aus Rache gedungen worden, die Brunnen zu vergiften. „Sie nahmen,“ so lesen wir in der Chron. Belg. Gottfred. p. 612, „etwas von ihrem aussätzigen Blut und Harn, kneteten dann einen Teig an, mengten Krötenlaich und giftige Kräuter darunter und senkten solchen Teig, zu Kügelchen geformt, mit angebundenen Steinen in den Grund der Quellenbrunnen.“ So oft im Mittelalter eine große Epidemie über die Völker hereinbrach, hatten, nach dem allgemeinen Wahn, die Juden durch Vergiftung der Brunnen sie verursacht.

Wer sollte glauben, daß in diesem Wahnsinn ein Körnchen Vernunft steckt, daß das Verbrechen der Brnnnenvergiftnng vorhanden ist, und – tagtäglich von uns Allen verübt wird? Aber nicht straflos. Denn wir trinken als Folgen unserer thörichten Achtlosigkeit uns Krankheit und Tod in den Leib hinein. In vielen Gegenden haben Fieber, Ruhr, Typhus ihren beständigen Wohnsitz aufgeschlagen; die Gelehrten zerbrechen sich die Köpfe, worin der Grund des Uebels zu suchen sei; sie gucken in den Himmel, sie zerlegen die Luft, aber kein Mensch forscht nach dem verdorbenen Trinkwasser. O, wie viel des Siechthums könnte dem Menschengeschlecht erspart werden, wenn auf die Pflege der Quellen und Brunnen ein wachsameres Auge verwandt würde!

„Wasser ist das Allerbeste!“ sang Pindar in einer seiner Oden. Ob das antike Mitglied des „Vereins der Wasserfreunde“ wohl bei seinem Lobspruch geblieben wäre, wenn er im Sommer der Jahre 1857, 1858 oder 1859, zu London an dem Themseufer stehend, bei zugehaltener Nase gesehen hätte, wie die Meeresfluth alle Mauserungen der Riesenstadt – man berechnet sie täglich auf mindestens 7000 Tonnen – nach dem Herzen derselben zurückspülte? Chemisch reines Wasser – für Londons Bewohner freilich fast eine Mythe – soll aus 2 Theilen Wasserstoff und einem Theil Sauerstoff bestehen; was aber Letheby, der das Themsewasser im Jahre 1859 an 172 verschiedenen Orten und Zeiten mit dem Mikroskop und Reagensglas untersuchte, darin fand, waren Schwämme, Infusorien, Ammoniak, Schwefelwasserstoff und – nebenbei allerdings auch einiges Wasser! Blos um den pestilenzialischen Geruch dieser Stoffe einigermaßen zu dämpfen, wurden dem Flußgott im Jahre 1859 an 85,620 Centner gewöhnlichen Kalks und 9560 Centner Chlorkalk geopfert. Im Sommer desselben Jahres zahlte die Stadt für Reinigung der Themseufer die Kleinigkeit von 17,733 Pfd. Sterl.

Welches Unheil aber daraus entsteht, wenn solche Elemente sich dem Trinkwasser beimischen, ergiebt sich zur Genüge schon aus der Geschichte der neueren Cholera-Epidemien. Namentlich steht gerade in dieser Hinsicht London als trauriges Muster da. In den Jahren 1848–49 wüthete die Krankheit mit vorzüglicher Heftigkeit in mehreren Bezirken, die ihr Wasser von der Lambeth- und von der Southwark and Vauxhall-Company bezogen. Die Röhrenleitung wurde aber aus einer Stelle der Themse gespeist, wo diese bereits mit dem Inhalt eines großen Theils der Londoner Cloaken und außerdem mit dem durch die Fluth dorthin getragenen [296] Seewasser geschwängert war. Die Bewohner dieser Stadttheile tranken also ein – wenn auch immerhin verdünntes und filtrirtes – Cloaken- und Seewasser. Anfangs 1852 wählte die Lambeth-Gesellschaft für ihre Röhren- und Filtrirapparate eine höher gelegene, weder den städtischen Abgängen noch der Meeresfluth zugängliche Stelle des Stromes. Als nun in den Jahren 1853 und 1854 die Cholera abermals in London ausbrach, verloren die von der Lambeth-Company versorgten Bezirke, wo in der früheren Epidemie 12,5 pro Tausend gestorben waren, diesmal nur 3,7; hingegen betrug der Verlust der von der anderen Gesellschaft versehenen Stadttheile 13 pro Tausend gegen 11,8 der früheren Epidemie.

Wie grauenvoll jede Versündigung gegen die drei Grundlagen menschlicher Existenz: Luft, Licht und Wasser, an der allgemeinen Wohlfahrt sich rächt, und wie umgekehrt schon der kleinste Fortschritt in dieser Beziehung sich durch die segensreichsten Folgen belohnt, dafür liefert wiederum London den schlagendsten Beweis. In Wildcourt und Drury Lane sind neuerdings 13 Häuser durch Aus- und Umbau verbessert worden, wobei der Inhalt der Senkgruben in 150 Karren schwersten Kalibers und der in Kellern und sonst an Fundamenten aufgehäufte Unrath in 350 Karren weggebracht werden mußte. Unter den Dielen fanden sich 3–4 Zoll tiefe Schichten einer wimmelnden Masse von Ungeziefer jeder Art. In den Parterrewohnungen lagen die Cloaken mit dünnen Bretern verdeckt und führten ihren Gehalt unmittelbar in die Brunnen. Die 13 Häuser enthielten eine Bevölkerung von gegen 1000 Personen. Die Sterblichkeit in denselben überstieg den Durchschnitt (25 pro Tausend) ums Doppelte. Seit unter den Auspicien einer Reformgesellschaft die Häuser umgebaut und verbessert wurden, ist die Sterblichkeit auf 1/2–Bruch|1|3}}, der durchschnittlichen Sterblichkeit Londons heruntergegangen.

Vor mehreren Jahren nahmen in einem anderen Bezirk Londons die Krankheiten, ohne daß irgend eine Epidemie herrschte, auffallend zu, und der abscheuliche Geschmack des Trinkwassers legte die Vermuthung nahe, in diesem die Ursache jener Gesundheitsstörungen zu suchen. Bei weiterem Nachforschen ergab sich, daß das Wasser aus der Gegend eines benachbarten, erst vor Kurzem geschlossenen Kirchhofs herstamme; wegen Mangels an Raum waren die Leichen daselbst reihenweise über einander gestapelt worden. Das quellige Erdreich hatte sich mit cadaverösen Substanzen vollgesogen; das so vergiftete Wasser war in die Brunnen gedrungen und hatte dem Wasser jene übeln Eigenschaften mitgetheilt. Nach Entfernung der Leichen verschwanden die Krankheiten.

Auch Wien, wo Typhus oder Cholera fast alljährlich ihre Magentas und Solferinos schlagen, leidet bis heut an der Ungunst eines gleich schlechten wie unzureichenden Trinkwassers. Ein großer Theil der Einwohner erhält nämlich das letztere aus dem Donaucanal, welcher fast sämmtliche Abzugsröhren der Stadt in sich aufnehmen und außerdem vier Mal jährlich die bei der Reinigung jener Canäle fortzuschaffenden Unrathsmassen beherbergen muß. Dabei fehlt es an einem einheitlich durchgeführten Abzugssystem. Je nach dem Zuwachs von Straßen wurde ohne Rücksicht auf ein planmäßiges Gefälle Röhre an Röhre, meist von höchst mangelhafter Bauart, gefügt. Diese Canäle empfangen in bunter Reihe nicht blos Regen-, Schnee- und Wirthschaftswässer, sondern auch überhaupt alle Auswurfstoffe der Residenz. Bei solchem Stande der Dinge wird eine radicale Abfuhr aller dieser Massen zur reinen Unmöglichkeit. Verwesender Unrath muß in den unterirdischen Behältern stagniren, in das Erdreich, die Brunnen dringen und eine Pandora-Büchse von Krankheiten eröffnen.

Das Wasser, welches wir trinken und zu unseren Speisen oder Gewerben brauchen, stammt – abgesehen von den Cisternen des Orients und einiger europäischer Gegenden – aus Quellen, Brunnen, Flüssen und Seen. Als Product atmosphärischer Niederschläge ursprünglich von fast vollkommener Reinheit, nimmt es vermöge der Auflösungsfähigkeit, die ihm für die allermeisten organischen und unorganischen Stoffe innewohnt, alle Eigenthümlichkeiten seiner örtlichen Verhältnisse an. Und so mag der Chemiker sein destillirtes Wasser in Sauer- und Wasserstoff zerlegen – die Natur schenkt uns nirgend reines Wasser ein. Selbst Thau, Nebel und Hagel sind nicht frei von fremdartigen, aus der atmosphärischen Luft entlehnten Theilen. Das Regenwasser enthält nicht blos Ammoniak, Salpetersäure und Kohlensäure, sondern es beladet sich überhaupt mit Allem, was es auf seinem Wege durch das Luftreich vorfindet, mit Staub und den verschiedensten pflanzlichen und thierischen Stoffen. In dem Regen, der sich mit dem aus den Oefen größerer Städte aufsteigenden Rauche verbindet, finden sich Salzsäure, Kochsalz, schweflige und Schwefelsäure.

In die stehenden oder fließenden Gewässer jagt der Wirbelwind Staubmassen und allerlei Blätter und Blüthen. Die Thiere, die sich darin aufhalten oder es vorübergehend benutzen, die Pflanzen, die sich im Wasser entwickeln, das Hochwasser, welches mächtige Uferstücke mit sich fortreißt – sie alle helfen das Wasser verunreinigen. Das gewöhnliche Brunnenwasser zeigt besonders häufig einen Gehalt von Kohlensäure, salpeter- und kohlensauren Salzen. In Flüssen findet man außer diesen noch Chlorkalium, Kieselerde, Koch- und Glaubersalz, Eisenoxyde, phosphor- und schwefelsaure Salze und organische Stoffe. Je schwerer löslich die Bestandtheile des Gefäßes, in dem sich das Wasser befindet, um so reiner wird dasselbe sein. So zeichnet das Wasser der Loka, eines Flusses im nördlichen Schweden, welcher in einem Granitbette fließt, sich vor vielen anderen durch seine Reinheit aus, indem es auf vier preuß. Quart nur 1/20 Gran an Mineralwasserstoffen enthält.

Uebrigens ist das Quellwasser, obwohl unserem Geschmack am meisten zusagend, doch im chemischen Sinne genommen am unreinsten, weil es bei seinem Ursprung immer Theile seiner Umgebung an sich reißt, vor sich herspült und auflöst. – An sich verhältnißmäßig reiner ist das Flußwasser, weil mit dem längeren Laufe des Stroms auch mehr Wasser verdunstet und die darin enthaltenen oder an Kohlensäure gebunden gewesenen Salze allmählich zu Boden sinken. Doch geschieht dies nur bei ruhiger Strömung, da jede heftigere Wellenbewegung das Absetzen von Mineraltheilen oder sonst hinzugekommenen Stoffen verhindert.

Indessen die Veränderungen, die das Wasser durch Naturprocesse erleidet, sind in der Regel demselben durchaus nicht nachtheilig, sondern verleihen ihm eben meist seinen Wohlgeschmack oder gesundheitsfördernde Eigenschaften. Wie fade, ja wie ungenießbar schmeckt Regen-, Fluß- oder destillirtes Wasser! Hingegen verdankt es einem Gehalt von Kohlensäure, ja selbst von Kalksalzen gerade seine erfrischende und belebende Wirkung, wie denn auch die segensreiche Heilkraft, welche den Mineralquellen innewohnt, nur von der Vermischung des Wassers mit erdigen Theilen herrührt.

Also nicht die Natur, sondern der Mensch, die Cultur verderben das Wasser, und fast gewinnt es den Anschein, als ob jede Erfindung, welche zur Erleichterung und Verschönerung unseres Lebens gemacht wird, eine Verschlechterung jenes unentbehrlichsten aller Lebensmittel zur Folge haben müßte. Das spüren sogar die Fische, welche bei der überhandnehmenden Dampfschifffahrt aus den Flüssen, und der unausgesetzten Beladung derselben mit den gewerblichen und häuslichen Abgängen auf den Aussterbe-Etat gesetzt zu sein scheinen!

Rastlos schreitet die Cultur fort. Die Bevölkerung der Großstädte, welche nicht Häuser genug bauen können für die Schaaren der ihnen zuströmenden Ansiedler, mehrt sich in’s Riesenhafte. Fabriken und industrielle Anlagen aller Art wuchern wie Pilze empor. Mit der stetig zunehmenden Menschenzahl steigt auch die der Kranken, und oft können die Lazarethe kaum die Unzahl der letzteren, die Friedhöfe kaum mehr die Legionen der Leichen beherbergen, wie denn London jetzt, dem ägyptischen Theben gleich, seine besondere Todtenstadt in Woking errichtet, und alltäglich einen 20 Todten-Extrazug – „hurrah, die Todten reiten schnell! – 20 englische Meilen weit in’s Land hinausschickt, weil es kaum mehr für die Lebenden, geschweige denn für die Leichen noch Raum hat. Der Erdboden, die Flüsse und Seen aber sättigen sich mit den Ausscheidungen der Menschen und Thiere, mit den Abgängen und Auswürfen des Gewerbfleißes und des Hauswesens.

So ist das Wasser von Newcastle am Tyne, woselbst fast lauter Steinkohle gebrannt wird, und namentlich die Fabriken dies Material in ungeheuern Mengen verbrauchen, ganz mit niedergeschlagenem Ruß vermischt; schöpft man davon, so sieht es aus, als ob ein Tuschpinsel darin ausgespült wäre. Uebrigens ist der Ort durch seine ungesunde Beschaffenheit und die Menschenhekatomben, die es allen Epidemien, besonders der Cholera, spendet, berüchtigt; der letzteren erlagen 1853 binnen wenigen Wochen an 2000 Personen.

Die Bewohner von Schweidnitz sahen zu ihrem Erstaunen vor etwa zehn Jahren das Wasser ihrer Weistritz sich allmählich ganz milchweiß färben. Die von dem Mikroskop als enorme [297] Wucherung von leptomitus lacteus erkannte Vegetation rührte von Melasseschlempe, dem Abgange der in der dortigen Gegend schwunghaft betriebenen Zuckerfabrikation her, welche theils direct, theils durch in die Weistritz mündende Gräben in den Fluß gebracht worden war. Als den Fabrikanten dies fortan untersagt wurde – mehrere verbrannten fortan die Rückstände zu Pottasche – hörte jene Färbung sofort auf.

Zu welchem für Boden, Luft und Wasser gleich nachtheiligen Elemente sich jene Rübenmelasseschlempe emporgeschwungen hat, geht aus einem in den Annales d’hygiène publique, Janv. 1859 mitgetheilten Bericht von Wurtz hervor. Derselbe berechnet die Gesammtmenge der Melassen-Destillationsrückstände für das Jahr 1857 allein im Departement du Nord auf 3 Millionen Cubikmeter. Eine Analyse derselben von Meurein ergab auf den Litre circa 8 Grammes unlöslicher, 11 löslicher, organischer Substanz, 7 Grammes Asche. „Die organischen Substanzen der Rückstände gehen nun überall, wo dieselben nicht von einem schnell strömenden, mächtig strömenden Strome aufgenommen werden, schnell in Gährung über, liefern für sich flüchtige Zersetzungsproducte und reduciren gelöste schwefelsaure Salze (Gyps) zu Sulphüren, aus welchen sich Schwefelwasserstoff entbindet. Dies und die andern Zersetzungsproducte der Masse verpesten die Luft in und über langsam strömenden, wasserarmen Flüssen, Seen und Teichen, in welche die Massen entleert weroen. Auch Brunnen, welche von so verpesteten Wässern ihren Inhalt beziehen, erleiden natürlich gefährliche Veränderungen, und so wird es ganz unzweifelhaft, daß eine Entleerung der fraglichen Abgänge in anderes als schnellströmendes und massenhaftes Wasser nicht geduldet werden könne.“

Auch zahlreiche andere, durch die Erfindungen der modernen Chemie und Physik theils in’s Leben gerufene, theils zu vollendeter Entwicklung und damit zu oft kolossaler Production erweckte Künste und Industrien, z. B. die Photographie, Kattundruckerei, Gasbeleuchtung, Färberei, Destillation, Tabaks-, Seifen- und Paraffinfabrikation, Gerbereien, Bleichanstalten etc. entledigen sich ihrer mannigfachen Rückstände in Gossen, Bäche und Flüsse. Niemand aber wird leugnen, daß Substanzen, wie Cyankalium, Kupfervitriol, Jod-, Chlor-, Ammoniak-, Schwefelwasserstoff und viele andere organische oder metallische Verbindungen dem Trinkwasser höchst nachtheilig sein müssen. Man wende nicht ein, daß die genannten Substanzen in allzu geringer Menge in’s Wasser gelangen, um erheblichen Schaden stiften zu können. Was dem Gift an Größe der Dosis abgeht, das ersetzt es durch die Beharrlichkeit seiner Einwirkung. Wer hat nicht von den höllischen Gebräuen der Borgia’s, der Marquise von Brinvilliers gehört, welche den Organismus ganz allmählich, aber eben so sicher untergruben, bis das Opfer erlag?

Und so zeigen sich die verderblichen Folgen jener Wasservergiftung weniger in charakteristischen, hitzigen Krankheiten oder den ausgeprägten Zügen einer Arsenik- oder Schwefelsäurevergiftung, als vielmehr in einem schleichenden, die Säfte annagenden Siechthum, welches indessen große Neigung besitzt, anderweitig hinzutretenden Krankheitsstürmen, z. B. Typhus, Ruhr und Cholera zu unterliegen. Aber sollte nicht das in Gegenden schlechten Trinkwassers heimische Heer der kalten Fieber, Gichtbeschwerden, Wassersüchten, Brustübel die Sanitätspolizei auf einen tief wuchernden Krebsschaden aufmerksam machen und belehren, daß Hülfe Noth thut, daß die moderne Cultur jenes mittelalterliche Märchen von der Brunnenvergiftung zu schrecklichem, leibhaftigem Leben gebracht hat?

Der deutsche Staatsbürger kann sich über Vernachlässigung Seitens einer hochweisen Polizei nicht beklagen. Mit Musteraugen bewacht sie sein Kommen und Gehen, sein Thun und Lassen.

Warum erweist sie seinem Essen und Trinken eine so stiefmütterliche, nur den Mahl- und Schlachtgroschen berechnende Aufmerksamkeit? – Schädliche Geheimmittel werden so gut wie straflos öffentlich feilgeboten und verkauft. Zuckerbäcker und noch vielmehr die Tapeten- und Spielzeugfabrikanten versetzen allen Verboten zum Hohn ihre Waaren mit Arsenik. Kein Hahn kräht danach, ob ein Brauer das zu seinem Gewerbe nöthige Wasser zehn Schritt unterhalb der Stelle herholt, wo der Hauptunrathscanal einer Stadt in den Fluß mündet.

Hier ist noch eine würdige Aufgabe für den Thätigkeitstrieb einer wohllöblichen Polizei. Ein wenig mehr Sorgfalt auf den Schutz der wichtigsten Lebensbedürfnisse, und wir wollen ihrem Eifer in allem Uebrigen gern ein wenig Ruhe gönnen. Die Sicherheitspolizei gehe ein wenig bei der Gesundheitspolizei in die Schule. Was eine solche zu thun habe, um das Wasser vor Schimpf und Gift zu wahren, lernen wir aus Pappenheim’s Handbuch der Sanitätspolizei II. Bd. II. Abth. S. 604. Sie hat „festzustellen, von welcher Stelle das Wasser gepumpt werde, was für Ausgüsse in der Nähe dieser Stelle stattfinden, wie das Wasser an der Pumpstelle beschaffen sei, welche Abgänge oberhalb der Pumpstelle in den Fluß kommen, wie die Reservoirs des Werkes beschaffen seien, wie die oberen Schichten des Filtersandes sich betreffs des Schlammgehaltes verhalten, was für Röhren das Werk verwende, wie beschaffen (mikroskopisch und chemisch) das Wasser bei den Consumenten ankomme, ob es event. Blei, und ob es Eisen führe, endlich, ob die Art des Wasserverkaufs ein Aufspeichern des Wassers bei den Consumenten nöthig mache. Diese Feststellungen sind nicht ein für alle Mal, sondern zu verschiedenen Zeiten, mehrmals im Jahre zu machen.“

Und nun bitten wir demüthigst um Verzeihung, wenn ein großer Theil des Folgenden sich mit einem sehr undelicaten und sehr unästhetischen Gegenstände beschäftigt. Fallet nicht in Ohnmacht, geneigter Leser und holde Leserin! Die Regionen, in die wir euch hinabführen, stehen nicht im besten Geruche! Wir befassen uns jetzt mit dem Behälter, der euren der Natur täglich mehr oder weniger reichlich abgestatteten Zoll aufnimmt, mit – („Nachbarin, Euer Fläschchen!“) mit dem Abtritt, und zwar dem Theile desselben, welcher zur eigentlichen Herberge der Excrementalstoffe bestimmt ist.

Die diesem Zwecke dienenden Orte sind entweder unter- oder oberirdisch belegen.

Die unterirdischen bestehen der großen Mehrzahl nach aus besonders dazu eingerichteten Gruben; seltener dient ein unter den Durchgangsröhren befindliches, stehendes oder fließendes Wasser zur Aufnahme der Entleerungen.

Eine nachlässige und fehlerhafte Bauart begünstigt die Durchtränkung des feuchten, umliegenden Erdreichs mit Abtrittsjauche; die mit dieser geschwängerten Bodenflüssigkeiten vereinigen sich nach hydrostatischen Gesetzen mit den benachbarten größeren Wässern (Flüssen, Quellen, Brunnen). Für das Unheil, welches der Genuß eines dermaßen inficirten Trinkwassers anzustiften vermag, sprechen die oben mitgetheilten Belege ganz hinlänglich. Je seltener die Ausräumung dieser Gruben erfolgt, um so größer die Neigung des Bodens zu solchen verderblichen Einsaugungen.

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Bewegliche Behälter und Water closets – Die Ableitungen – Wasservergiftung in Halle – Unterirdische Ausdünstungen – Wichtige Entdeckung für Fortschaffung der Excremente.

Die dichte Bevölkerung der Wohnhäuser größerer Städte und die Schwierigkeit, eine für die ganze Bewohnerschaft genügende Latrinenräumlichkeit herzurichten, bringen es mit sich, daß für die nächste Beherbergung der Excremente daselbst allerlei Nothbehelfe in’s Leben getreten sind. Es giebt in großen Städten viele Häuser, die gar keine Abtrittsgruben besitzen, und wo für die letzteren als oberirdische Surrogate

I. bewegliche Behälter fungiren, die nach kürzerer oder längerer Zeit geleert werden.

II. Mit dem System der englischen Wasserleitungen, welches sich in der neuesten Zeit über die meisten großen Städte des Festlandes verbreitet, ist das der Spülabtritte (Water closets) innig verbunden. Hierbei verweilen die Fäcalstoffe gar nicht erst in einem Behälter; sie werden, kaum in das Aufnahmegefäß gelangt, sofort vermöge eines eigenthümlichen Mechanismus aus demselben weggespült.

Unleugbar hat diese Methode ästhetisch ihre sehr angenehmen Seiten. Der widerwärtige Geruch, das Fatale der Fortschaffung der Excremente kann Niemand mehr belästigen. Allein es fragt sich: was wird aus diesen Massen, welche die Spülung vorläufig aus unserer Umgebung entfernt? Verschwinden sie? lösen sie sich in Wohlgefallen auf? Bei näherer Betrachtung finden wir nun, daß die modernen Spülapparate die Wegschaffung des Unraths auf drei Wegen besorgen. Der eine Weg besteht darin, daß die Spülung in eine frühere Abtrittsgrube oder in einen alten Brunnen mündet. In diese Behälter werden die Closetröhren aus den verschiedenen Wohnungen des Hauses hineingeleitet. Stein- oder Asphaltpflaster bedeckt die Grube, in welcher auch ein Pumpwerk zur Entleerung des Inhalts angebracht ist.

Es leuchtet ein, daß in diesen Kothcisternen eine weit größere Gefahr für das Trinkwasser schlummert, als in den früheren Abtrittsgruben. Die um Vieles stärkere Verflüssigung ihres Inhalts, die durchlassende Beschaffenheit ihrer Seiten- und Grundtheile bedingen eine unendlich leichtere Möglichkeit von Kothinfiltration der benachbarten Erdschichten. Sind die letzteren nun gar quelliger oder filtrirender Natur (Sand oder Kalk), werden die Gruben nur selten, vielleicht nur alle Jahre einmal geräumt – wie denn wegen des beständigen Durchsickerns durch die Grubenwände nach außen eine Ueberfüllung nicht so leicht stattfindet –: so müssen die Brunnen der Umgegend die bedenklichsten Verunreinigungen und der Gesundheitszustand der Anwohner die ernstlichste Bedrohung erfahren.

Ein anderer Ort, welchem die Spülabtritte ihren Inhalt gern anvertrauen, sind zweitens die fließenden oder stehenden Gewässer. Befindet sich ein solches in der Nähe des mit dem Closetapparat versehenen Gebäudes, so wird von diesem aus ein zur Aufnahme der Fäcalstoffe bestimmter Canal in jenes geleitet. Nur ein Fluß mit wirklich gutem Gefälle und rascher Strömung ist im Stande jene fremden Massen rasch fortzutragen, während stagnirende Wässer (wie z. B. der Königs- und Schafgraben zu Berlin), seit Jahrhunderten mit allen Abgängen der thierischen und häuslichen Oekonomie und Gewerbe vollgepfropft, diese Stoffe schließlich dem Ufererdreich mit seinen Quellen und Brunnen mittheilen.

Nichts widersinniger, als wenn aus solchen mit den Auswurfsstoffen der Natur und Cultur beladenen Fluthen eine Wasserleitungsanstalt sich speist, wie wir es von London kennen gelernt haben, und wie wir es theilweise noch in Paris finden, obgleich dasselbe gerade in dieser, wie in vielen anderen sanitätspolizeilichen Beziehungen den meisten Hauptstädten Europas voranleuchtet! Die Abflüsse der großen Schlachthäuseranstalten und Abdeckereien von Bondy münden einige Kilometer oberhalb der Stelle, woselbst sich die Pariser Wasserfiltrir- und Reinigungsapparate befinden, in die Seine.

Endlich münden die Waterclosets gern in die unterirdischen, ursprünglich nur für Aufnahme der Wirthschafts- und Regenwässer angelegten Abzugscanäle – eine Einrichtung, welche in manchen Städten streng verpönt, in anderen geduldet, in anderen, wie z. B. in London, sich einer ausschließlichen Beliebtheit erfreut und bis vor kurzem noch für eine bedeutende Cultur-Errungenschaft galt. Indessen haben neuere Erfahrungen die großen Schattenseiten dieses Systems zur Anschauung gebracht. Lassen sich nämlich die Wasserleitungscanäle in ihrer Verzweigung nach allen Richtungen eines Stadtgebiets von einem Punkt aus mit der arteriellen, die unterirdischen Abzugsröhren in ihrer allmählichen Vereinigung zu einem Hauptstrang mit der venösen Strömung vergleichen, so muß der Ort, der einen gemeinsamen Sammelplatz beider Systeme bildet, gewissermaßen die Rolle eines Herzens spielen. Und dies trifft auf die britische Weltstadt unbedingt zu. Der alte Themsearm, der jetzt als cloaca maxima Londons benutzt wird und sämmtliche Abzugscanäle desselben in sich aufnimmt, wälzt in seiner Höhlung alle organischen und unorganischen Mauserungen in den Strom, von welchem der größte Theil der Stadt sein Wasser bezieht. London genießt also seine eigenen Auswurfsstoffe. Können aber in einem Körper gesunde Säfte strömen, wenn diese nur aus bereits verbrauchtem, ausgestoßenem Material sich wieder erzeugen? Filtrirt solches Wasser immerhin, filtrirt es selbst drei und vier Mal hintereinander, Eure Bassins lassen nur die gröbsten Verunreinigungen des Wassers auf den Kiesboden sinken; eine chemische Reinigung desselben ist auf diesem Wege unmöglich.

Die Stadt Halle a. d. S. liefert (nach Reil: die verschiedenen Systeme, betreffend die Anlage von Abtritten in Caspar’s Vierteljahrsschr. f. gerichtl. Medicin 1859) ein ähnliches Beispiel von Verwendung desselben Flusses zur Unrathskammer und zugleich zur Wasserversorgung: „Alle Canäle und Gossen der Stadt (heißt es S. 316), die zum größten Theile auch die Abtrittsausflüsse aufnehmen, führen ihren Unrath an diesen Stoffen von den Küchenabgängen, von Resten der Stärkefabrikation und Schweinemast der Saale zu; dazu kommen noch zahlreiche an der Saale gelegene gewerbliche Etablissements und Fabriken, z. B. Zuckerfabriken, Färbereien, Gerbereien, die ihre Abgänge dem Wasser abgeben, und die in einzelnen Straßen am Wasser direct in die Saale mündenden Abtritte. Fast am Ende der Stadt, d. h. da, wo die Saale hinfließt, nicht etwa, wo sie herkommt, nur ungefähr 500 Schritt unterhalb des Anatomiegebäudes, das seine Abgänge ebenfalls der Saale anvertraut, und dicht unterhalb mehrerer Mahlmühlen mit ihren Abtritten befindet sich der Thurm der Wasserkunst, die hier das Saalewasser hebt und in das Röhrensystem der oberen Stadt bringt, wo es in stetem Strom in die Röhrtröge fließt. Dieses mit dem verdünnten, gesammten Unrath der Stadt geschwängerte Wasser wird ausschließlich zur Speisebereitung benutzt, da das Quellwasser salzig ist und kaum zum Trinken sich eignet. Oft wird auch das Saalewasser getrunken. – Und einem solchen Unfug kann die Staats-, Stadt- und Sanitätspolizei ruhig zusehen!“

Wir haben oben gesehen, wie die Leichenregister Londons dieses System der Flußvergiftung verurtheilen, und auch Berlin wird die Folgen derselben zu tragen haben, wenn erst mit der größeren Verbreitung der englischen Wasserleitung und der damit Hand in Hand gehenden Spülabtritte die Spree und die verschiedenen Gräben, in welche, meist innerhalb der Stadt, jene Canäle münden, einen Theil ihres Ueberflusses an Kothsubstanzen den Brunnen abgetreten haben werden. Man gebe den Abzugsröhren ein noch so hohes Gefälle, erbaue sie noch so solide, spüle sie täglich mit den stärksten Wasserstrahlen aus – wer kann ermitteln, ob nicht dennoch ein Theil des Unraths irgendwo zurückbleibt? Wie schwer, ja wie unmöglich ist eine genaue Controle der Canäle in Bezug aus die Undurchlässigkeit ihrer Wandungen, die doch in der Länge der Zeit Schaden erleiden müssen! Anhäufungen von Kothmassen an Wandlücken, Vorsprüngen und Undichten im Mauerwerk, sowie Durchsickern von Kothflüssigkeit in das Erdreich und seine Wässer sind gar nicht zu vermeiden. „Früher hatte man,“ sagt Pappenheim, ein vorzüglicher Forscher im Gebiete der Sanitätspolizei, [312] „einen offenen Feind, die defecten Düngergruben, zu bekämpfen, jetzt hat man einen solchen, den man nicht sehen, beim besten Willen, der besten Sachkenntniß nicht genügend überwachen kann, der sich überhaupt nur durch das Aufbrechen von Localepidemien als existent erkennen läßt.“

Schließlich darf hier noch ein Umstand nicht unerwähnt bleiben, welcher zwar auf die Beschaffenheit des Trinkwassers keinen Einfluß übt, aber doch mit der zunehmenden Verbreitung des Systems der Spülabtritte in volkswirthschaftlicher Beziehung immer schwerer in’s Gewicht fallen muß: wir meinen die Frage der Verwerthung der menschlichen Auswurfstoffe und der Wirthschaftsabgänge. In dem Rachen der Spülabtritte verschwinden alljährlich viele Millionen von Düngstoffen; wir holen von fernen Inseln den kostbaren Guano, den wir hier vergeuden, für dessen Wegräumnng die Stadt Berlin alljährlich über 50,000 Thaler verausgabt. Der praktische Engländer hat es mit seinen Spülabtritten dahin gebracht, daß diese ihm das Jahr über viele Millionen Pfund Sterling wegspülen, dafür aber ihm die Luft verpesten und das Wasser vergiften. – Wie anders Paris! dort verdient die Gesellschaft, die sich mit Räumung der Abtrittsgruben beschäftigt, an der Verarbeitung des Düngers zu Poudrette alljährlich vier Millionen und liefert außerdem in den Stadtseckel noch 320,000 Franken. Vielleicht wird, wenn das Interesse der öffentlichen Gesundheit es nicht vermag, die Frage des baaren Capitalverlustes durchdringen und die Gesellschaft, den Staat auf die Abstellung so schwerer Mängel hinweisen. – Wohl besteht in allen Ländern eine Reihe älterer und neuerer gesetzlicher Vorschriften und polizeilicher Verordnungen zum Schutze des Trinkwassers. Allein theils ist nicht immer über die Aufrechterhaltung derselben streng gewacht worden, theils enthalten sie den durch die moderne Culturentwicklung gesetzten Verhältnissen gegenüber noch mannigfache Lücken.

So kannte unsere Gesetzgebung in Betreff der Kirchhöfe bisher nur die Gefahr, welche aus der Nähe derselben an dichtbevölkerten Orten durch ihre atmosphärischen Ausdünstungen erwuchs; die eben so gefährlichen unterirdischen Ausdünstungen, die Wechselwirkung zwischen den Leichen und der Bodenfeuchtigkeit, das Eindringen aufgelöster Verwesungs- und Leichenstoffe in die Brunnen – alles dies blieb bis auf die Erfahrungen der neuesten Zeit ungeahnt. Jetzt wird bei Anlage von Friedhöfen eine sorgfältigere Untersuchung der Bodenbeschaffenheit angestellt werden müssen. Die Nähe von bewohnten Stätten, von Brunnen und Wasserleitungen wird zu vermeiden, das vorhandene Grundwasser durch Drainirungen abzuleiten sein; der Zwischenraum zweier Gräber muß wenigstens 2 Fuß betragen.

Größere Städte umwinden mit ihren „Riesenleibern“ alljährlich immer weitere Umkreise; die Kirchhöfe, die noch vor Kurzem außerhalb der Ringmauern lagen, sehen sich nicht selten mit einem Male von denselben eingeschlossen. Hier tritt nicht blos die Nothwendigkeit ein, den betreffenden Kirchhof sofort zu schließen, sondern bei irgend vorhandener Ueberfüllung müssen auch die Leichen gänzlich fortgeschafft werden.

Baumpflanzungen werden nicht nur die wehmüthige Poesie der Gottesäcker erhöhen, sondern auch zur Reinhaltung der unterirdischen Gewässer beitragen; denn die Wurzeln, indem sie eine Reihe organischer und unorganischer Verbindungen aus dem Erdreich aufsaugen, zersetzen sie dabei chemisch. – Noch bei Weitem gefährlicher aber bedrohen das Trinkwasser die zahllosen Fabriken und gewerblichen Anlagen, deren in und bei größeren Städten fast jeder Tag neue gebärt und die sich ihrer Rückstände auf dem kürzesten Wege in das nächste Gewässer entledigen. Die Flüsse und offenen Wässer, von der Natur dem allgemeinen Verkehr, der Luftreinigung und dem Aufenthalte eines Theiles der Thierwelt bestimmt, versumpfen unter der Ueberlast der ihnen aufgedrungenen Unrathsmassen. Und dasselbe eben verunreinigte Wasser zum Getränk zu brauchen, nimmt Niemand Anstoß, wenn nur die gröbsten Theile vorher durch allerlei Sieb- und Filtrirwerkzeuge entfernt worden sind. Man meint schon Wunders viel gethan zu haben, wenn man eine Wasserleitung aus dem Theile eines Flusses speist, der oberhalb der Stadt strömt, als ob nicht hinterm Berge auch Leute wohnten, die oberhalb jenes ebenfalls das Wasser besudeln und verpesten.

Die öffentliche Wohlfahrt erheischt gebieterisch die Abstellung solcher Mißbräuche. Die Industrie soll mit ihren Abfällen dem Wasser, welches wir trinken, nicht zu nahe kommen. Sie errichte ihre Werkstätten da, wo ein fließendes Gewässer mit schneller Strömung und starkem Gefälle die Abgänge rasch fortträgt. Sind diese Bedingungen nicht zu beschaffen, oder ist trotz ihrer noch Gefahr für das Trinkwasser zu besorgen, so muß die Zerstörung oder Beseitigung solcher Rückstände auf anderem Wege geschehen. Oefters wird es einer verständigen Industrie gelingen, werthlose oder gemeinschädliche Nebenproducte zu Gegenständen einer neuen und gewinnbringenden Industrie zu verarbeiten – wir erinnern an die Verwendung der Melasseschlempe in Pottasche – oder, wo dies nicht angeht, ihre Ueberbleibsel auf andere Weise zu beseitigen. Das Spülicht einer Stärkefabrik zu Villetaneuse bei St. Denis gab durch Verunreinigung der dortigen Brunnen und fließenden Wässer den Bewohnern der ganzen Umgegend Grund zu vielfachen Klagen. Da bohrte im Jahre 1831 der Ingenieur Mulot auf 64 Meter Tiefe einen artesischen Brunnen, welcher jene Abgänge zu 80,000 Litres täglich verschluckte und sie einem unterirdichen Strom überbrachte. Mit der Ursache verschwanden die Klagen.

Vorzüglich aber gehört die gefahrlose Unterbringung der menschlichen Excremente zu den wichtigsten Aufgaben der großstädtischen Polizei. Wir haben schon frühcr die eine Art ihrer Fortschaffung aus dem menschlichen Bereich, das System der Spülabtritte in seiner bequemen und ästhetischen, aber auch zugleich in seiner gesundheitsschädlichen und volkswirthschaftlich widersinnigen Seite kennen gelernt. Diese Anlagen werden nicht nachzuahmen, ihre Entfernung vielmehr aus allen Kräften zu erstreben sein.

Dieser gefährlichen Neuerung ist die Rückkehr zu den Abtrittsgruben unbedingt vorzuziehen. Aber freilich ist bei ihrer Anlage vor allem darauf mit Strenge zu achten, daß sie in genügender Entfernung (wenigstens 30 Fuß) von solchen Stellen errichtet werden, welche Trink- und Haushaltungswasser liefern; sodann darauf, daß die Bauart der Behälter der Undurchlässigkeit entspreche, und endlich, daß dem Inhalt sein gesundheitsgefährlicher Charakter möglichst benommen werde.

Solchen Anforderungen schien bis jetzt der in Paris seit ungefähr acht Jahren eingeführte grand diviseur am meisten zu entsprechen. Derselbe steht inmitten der Senkgrube, sammelt in einer cylinderähnlichen Vertiefung alle Unrathsmassen und läßt die flüssigen Theile derselben durch seitlich angebrachte Röhren in die Grube abfließen. Aus dieser werden alle Jahr ein bis zwei Mal die Flüssigkeiten in einen hermetisch verschlossenen Wagen hineingepumpt und – in die Seine geschafft. Die festen, zur Bereitung der Poudrette dienenden Stoffe werden auch nur etwa alljährlich geräumt, vorher aber der Desinfektion, d. h. der Vermischung mit aufgelöstem Eisenvitriol unterworfen, wodurch die schädlichen Gase zerstört werden sollen.

Allein auch dies System ist nicht frei von erheblichen Nachtheilen. Aus den Behältern dringen bei längerer Aufbewahrung der Excremente trotz aller Ventile die stinkenden Gase bis in die Wohnräume. Die Ausräumung der Apparate ist für die Hauswirthe kostspielig, für die damit beschäftigten Arbeiter beschwerlich und wegen der gräulichen Ausdünstung nicht ohne Gefahr. Endlich gehen die der Landwirthschaft so wichtigen flüssigen Theile der Excremente ganz verloren.

Allen diesen Uebelständen scheint nun eine neue, von italienischen Technikern gemachte Erfindung, welche zur Fortschaffung der Excremente Luftdruck anwendet, abhelfen zu wollen. Nach dem sogenannten hydropneumatischen System wird eine eiserne Tonne, deren Gehalt zwei Cubikmeter beträgt, von oben mit Wasser gefüllt, und letzteres sodann durch eine besondere am Boden angebrachte Saug- und Druckvorrichtung ausgezogen. Es bleibt ein luftleerer Raum zurück. Nun wird das Ventil der oberen Oeffnung mit der Mündung eines in die Grube geführten Saugrohrs in Verbindung gebracht und geöffnet. Und so groß ist die ansaugende Kraft dieses Apparates, daß in noch nicht zwanzig Secunden der gesammte Grubeninhalt in die Tonne hineinstürzt. Ja, ofr werden durch die Gewalt selbst Ziegelsteine aus dem Boden der Grube mit in den Behälter gerissen.

Die Vortheile dieser Methode sind in die Augen springend: völlige Geruch- und Gefahrlosigkeit für die Arbeiter, erleichterte Fortschaffung und Kostenersparniß für die Hauseigenthümer. In Paris kostet die Wegräumung des Grubeninhalts 7 Francs, in Turin und Mailand nur 10 Centimes für den Cubikmeter. In Paris sind sechs Mann nothwendig, um in einer Stnnde vier Cubikmeter auszuräumen – nach dem neuen System verrichten zwei Mann in derselben Zeit das Fünffache! – Außerdem [313] kommt hier noch der Nutzen der Landwirthschaft in Anschlag, welche nach diesem System auch die flüssigen Stoffe wird verwerthen können.

Jetzt soll man in Turin gar noch mit dem Gedanken umgehen, einen großartigen Unraths-Saugapparat für die ganze Stadt herzurichten. Derselbe würde in angemessener Entfernung von der Stadt angelegt und durch Haupt- und Nebenröhren mit den einzelnen Straßen und Häusern in Verbindung gesetzt werden. Das wäre neben dem großen politischen auch ein socialer Fortschritt der Italiener!

Wir steigen aus dem scheußlichen Orkus an das fröhliche, duftige Tageslicht empor. Möchte es uns gelungen sein, den Leser, unseren Gefährten auf der unterirdischen Wanderung, über ein unheimliches Gebiet modernen Culturlebens aufgeklärt zu haben. Erkenntniß eines Uebels soll ja der erste Schritt zur Heilung sein! Aber wie oft bleibt es bei diesem ersten Schritte! Bequemlichkeit ist ein gar schönes Ding, und so sehen wir jeder Gefahr, die uns nicht augenscheinlich das Messer an die Kehle setzt, stumpf und gleichgültig entgegen. Wie viele von euch wohnen in feuchten Häusern, deren Wände vor Nässe triefen und vor Kälte starren und ein Heer von Krankheiten ausdünsten! Allein da mit der Zeit eure Lunge sich an diese dumpfe, modrige Luft gewöhnte, so nehmt ihr die mit ihr eingesogenen Krankheiten als unvermeidliches Verhängniß mit der Ergebung von Muselmännern entgegen. Nicht wahr, Allah hat es gewollt, daß ihr von unausrottbaren Wechselfiebern, Milz- und Leberanschwellungen, von Bleich- und Wassersucht heimgesucht werdet? – Wohl weiß Jedermann im Hause, daß sein Siechthum von dem modrigen Boden, von der eisigfeuchten Wand herstammt, allein wie selten versucht es Einer, durch zweckmäßige Abzugsrohren dem aus dem Erdboden die Mauer hinansteigenden Wasser zu Leibe zu gehen und damit der Krankheit die Quelle zu stopfen! Versumpfte Wiesen und Felder verwandelt ihr durch solche Drainanlagen in blühende Gärten – ihr könntet durch Entwässerung ganzer Stadttheile und Städte auch auf bleichen Menschengesichtern blühende Rosen hervorzaubern und eine Unzahl sogenannter endemischer Krankheiten mit einem Schlage vertilgen!

Dr. M. Dyrenfurth.