Mondscheinleute

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Rudolf Doehn
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Mondscheinleute
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 123–124
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[123] Mondscheinleute. Die vorstehende Bezeichnung hat mit der von den Romantikern so viel besungenen „mondbeglänzten Zaubernacht, die den Sinn gefangen hält“, gar nichts zu thun, noch deutet sie auf eine „wunderbare Märchenwelt“ hin, die „in alter Pracht“ heraufsteigt, sie bezieht sich vielmehr auf einem sehr realen Vorgang. Es giebt nämlich in einigen Südstaaten der nordamerikanischen Union, vorzugsweise in Georgien, Leute, die unter dem Namen „Mondscheinleute“ (moonshiners) sich mit einer seltenen Zähigkeit gegen bestehende staatliche Vorschriften auflehnen und ihre vom Gesetze verbotene Beschäftigung mit den Waffen in der Hand fortsetzen. Die Beschäftigung dieser eigenthümlichen Sorte von Leuten ist aber das Branntweinbrennen. Die Sache hängt, kurz erzählt, folgendermaßen zusammen.

Durch den Bürgerkrieg, den die südlichen Sklavenhalter vor etwa achtzehn Jahren über die Union heraufbeschworen, wurde bekanntlich [124] den Vereinigten Staaten eine ganz enorme Schuldenlast aufgebürdet, zu deren Abtragung sich bald genug schwere und drückende Steuern notwendig machten. Eine der einträglichsten Steuern uber war diejenige, welche die Branntweinbrennereien, mochten dieselben groß oder klein sein, traf. Nun gab und giebt es noch in den wilden Wald- und Bergdistricten der Staaten Georgien, Nord- und Süd-Carolina, Kentucky und Tennessee sehr viele kleine Farmer, die, abgeschlossen von den civilisirteren Gegenden ein verhältnißmäßig äußerst einsames Leben führen. Eisenbahnen, Kanäle und schiffbare Flüsse findet man in den genannten Districten wenig oder gar nicht. Die Einwohner sind, wenige Ausnahmen abgerechnet, Ackerbauer, die vorzugsweise Heu und Mais produciren, da das Klima den Anbau von Tabak und Baumwolle nicht gestattet. Mit dem Heu füttern sie ihr Vieh, von dem sie einen Theil nach den größeren Städten treiben und daselbst um einen geringen Preis verkaufen; aus dem von ihnen gebauten Mais aber, den sie mit ihren Familienmitgliedern nicht verzehren, bereiten sie seit undenklicher Zeit Branntwein, denn die Quantität des nicht für den Hausgebrauch und zur Saat nötigen Mais ist so unbedeutend, daß es sich wegen der hohen Transportkosten kaum lohnt, den Ueberschuß auf den Markt zu bringen. Die zur Fabrikation des Whiskey oder sonstiger Spirituosen nothwendigen Destillirgeräthschaften sind in der Regel klein und werden von den erwähnten Farmern ohne große Schwierigkeit nach wenig besuchten, von reißenden Bergflüssen durchströmten Gegenden gebracht, wohin sich die Steuerbeamten der Union nur selten verirren.

Wenn Letztere indeß diese Verstecke dennoch ausgekundschaftet haben und die betreffende Steuer einziehen wollen, so flüchten die Branntwein brennenden Farmer, denen der Volksmund wegen des von ihnen im Geheimen und mit Umgehung des Gesetzes betriebenen Geschäfts den Beinamen „Mondscheinleute“ gegeben hat, mit ihrem Destillirapparate in die wildzerklüfteten Felsschluchten, wo es an schwer zugänglichen Zufluchtsorten nicht fehlt. Folgen ihnen aber die Vertreter des Gesetzes auch bis in diese letzten Schlupfwinkel, so entspinnt sich nur zu häufig ein blutiger Kampf, der oft in ein förmliches Gefecht ausartet, da die „Mondscheinleute“ wohl bewaffnet sind, nach Tausenden zählen und fest zu einander stehen. So lange das Branntweinsteuergesetz in den Vereinigten Staaten existirte, sind Conflicte dieser Art vorgekommen; in der jüngsten Zeit wiederholen sich dieselben in einer wahrhaft beunruhigenden Weise, und fast gewinnt es den Anschein, als ob die Unionsregierung sich bald gezwungen sehen wird, mit entsprechender Militärmacht dem Unwesen zu steuern.

Es ist in der That ein hartes, eigenwilliges und noch dazu leider sehr unwissendes Geschlecht, dieses Bergvolk in den genannten Südstaaten der Union, rauh und unzugänglich, wie die Bergzüge, die es bewohnt. Es führt nicht allein den Pflug, sondern weiß auch die Büchse meisterlich zu gebrauchen, und seine Wälder bergen nicht nur ungefährliches Wild, sondern auch Raubthiere böser Art. Während des Bürgerkrieges sympathisirte es im Ganzen mit dem freien Norden, seit Einführung der Branntweinsteuer aber, in der es nichts Anderes als eine drückende und tyrannische Gewaltmaßregel erblickt, ist diese Sympathie geschwunden. Man wähnt sich von der Union schwer gemißhandelt und hält sich daher zu revolutionärem Widerstande für berechtigt. Sowohl der Expräsident Grant, wie dessen Amtsnachfolger Rutherford B. Hayes haben den „Mondscheinleuten“ Amnestie versprochen, sobald sie vor Gericht erscheinen, ihre Schuld bekennen und Besserung versprechen würden. Einmal kamen auch mehr als sechshundert dieser Gesetzübertreter nach der Stadt Atlanta in Georgien und gelobten sich zu bessern. Aber sobald die Maisernte vorüber war, nahm das gesetzwidrige Branntweinbrennen wieder seinen Anfang. Unter solchen Umständen ist auf eine dauernde Besserung der „Mondscheinleute“ wohl nicht zu hoffen, bis die Unionsregierung mit starker Hand dem Gesetze Achtung verschafft, oder die Steuer fällt.

R. Doehn.