Nacht! (Ulk)

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Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Theobald Tiger
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Titel: Nacht!
Untertitel:
aus: Ulk Jahrgang 48. Nummer 50. Seite 187
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 12. Dezember 1919
Verlag: Rudolf Mosse
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Heidelberg und Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[187]
     Nacht!


Wenn aus den Löchern und aus den Kaschemmen
Gesichter steigen, die man niemals sah –
wenn Spezialisten ganze Schränke klemmen,
wenn aus dem Skatvereine kommt Papa –

5
     wenn jene Mädchen mit dem falschen Busen

     von einem Gulasch zu zwölf fuffzig schmusen,
     wenn brav und treu die Schließgesellschaft wacht –:
     dann ist es Nacht, die Neu-Berliner Nacht …
          Der Asphalt glitscht. Die Bogenlampen funkeln.

10
          Der Regen rinnt. Die Nebelschwaden ziehn.

          Die Tugend wackelt – bis sie fällt – im Dunkeln …
          Wie hast du dich verändert, mein Berlin!

Wenn man für eine Fahrt vom Leipziger Platze
im Ommnibus zwei lumpige Märker zahlt –

15
wenn Meta mit dem Portokassenschatze

sich in der (doch noch offnen) Bar beim Whisky aalt –
     wenn Ludewiche an den Ecken raufen,
     wo feine Leute billige Seife kaufen,
     wenn das Roulette noch schnell Geschäfte macht –:

20
     dann ist es Nacht, die Neu-Berliner Nacht …

          Der Asphalt glitscht. Die Bogenlampen funkeln.
          Der Regen rinnt. Die Nebelschwaden ziehn.
          Die Tugend wackelt – bis sie fällt – im Dunkeln …
          Wie hast du dich verändert, mein Berlin!

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Wenn knackend voll und zischend durch die Hallen

der letzte Untergrundbahnzug mit Pfeifen saust –
wenn du den Mädchen, die dir sehr gefallen,
von wegen morgen früh nicht gerne traust –
     wenn sie diskret dich in die Bar verschleppen

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     und dich dort neppen, neppen, neppen, neppen –

     bis ihr am Alexanderplatz erwacht –:
     dann ist es Nacht, die Neu-Berliner Nacht …
          Der Asphalt glitscht. Die Bogenlampen funkeln.
          Der Regen rinnt. Die Nebelschwaden ziehn.

35
          Die Tugend wackelt – bis sie fällt – im Dunkeln …

          Und schöner bist du nicht, du mein Berlin –!

Theobald Tiger