Neu aufgefundene Briefe des Dante Alighieri

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Textdaten
Autor: Karl Witte
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Titel: Neu aufgefundene Briefe des Dante Alighieri
Untertitel:
aus: Blätter für literarische Unterhaltung, 1838, Band I; Ausgaben 149–151; S. 605–606, 609–610, 613–614.
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1838
Verlag: F. A. Brockhaus
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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[605]
Neu aufgefundene Briefe des Dante Alighieri.

 Der große Mangel an Nachrichten über Dante’s Lebensumstände, der den Erklärer seiner dichterischen Werke so oft eines der wichtigsten Hülfsmittel schmerzlich entbehren läßt, ist besonders dem auffallenden Umstande zur Last zu legen, daß der Briefwechsel des Dichters, der nach dem Zeugniß seiner ältern Biographen ein ausgebreiteter und inhaltreicher war, zum größten Theil für uns verloren gegangen ist. Noch vor 50 Jahren besaßen wir nur einen einzigen Brief des Sängers der „Göttlichen Komödie“, und dieser eine (die Dedication des „Paradieses“ an Can grande della Scala), dessen Echtheit noch dazu neuerlich mehrfach bestritten ist, verdient mehr den Namen einer Vorrede als den eines Briefes. Dann machte Dionisi einen kurzen, aber sehr bezeichnenden Brief bekannt, in welchem Dante die Heimkehr aus der Verbannung, die ihm unter entwürdigenden Bedingungen geboten war, mit edlem Selbgefühl zurückweist. Außerdem besaßen wir nur neuere, vermuthlich von Marsilius Ficinus herrührende Übersetzungen von zwei Briefen, in deren einem Dante die Fürsten und Freistaaten Italiens auffordert[1], sich Heinrich VII. auf seinem Römerzuge ergeben, friedfertig und einig zu erweisen, und in denen anderm er den Kaiser selbst ermahnt, von der Lombardei, deren Intriguen und Kämpfe ihn ein kostbares Jahr verlieren ließen, nach Toscana herabzusteigen und das rebellische Guelfenthum in Florenz als in seiner Wurzel zu besiegen.

 Als ich vor etwa zehn Jahren eine Sammlung von Dante’s Briefen (in nur 60 verschenkten Exemplaren) herausgab, war ich so glücklich, derselben an bisher ungedruckten Stücken das Original des Briefes an Heinrich VII., ferner ein Sendschreiben an die im Conclave von Carpentras mit versammelten italienischen Cardinäle (in welchem Dante ihnen das Verderbniß der damaligen Geistlichkeit vorhält und sie den päpstlichen Stuhl wieder nach Rom zurückzuverlegen ermahnt), sowie endlich einen Brief an Cino von Pistoja einverleiben zu können, der eine dem Schreiber vorgelegte Liebesfrage zu lösen bestimmt ist. Seit jener Zeit fortwährend auf jede Spur ähnlicher Überbleibsel merkend, hat mich endlich durch bereitwillige Vermittelung entfernter Freunde das Verfolgen Einer solchen Spur zu einem unerwartet reichen Funde geführt, über den ein kurzer vorläufiger Bericht auch in weiterm Kreise einiges Interesse gewähren dürfte.

 Unter den Handschriften, welche Maximilian von Baiern 1622 Gregor XV. als einen Theil der heidelberger Beute zum Geschenk sandte, enthält die mit Nr. 1729 bezeichnete, in Quart auf Pergament, wie es scheint im Sommer 1394 von Francesco da Monte Pulciano zu Perugia geschriebene Handschrift nächst den zwölf Eklogen des Petrarca und nächst Dante’s bekannter, aber in Manuscripten selten vorkommender Schrift über die Monarchie eine Sammlung von neun Briefen, unter denen bis jetzt nur einer, nämlich der von mir herausgegebene Brief des Dante an Heinrich VII. gedruckt ist; auch für diesen bietet indeß die Handschrift eine beträchtliche Reihe von Verbesserungen. Einen zweiten Brief, nämlich den an die Fürsten Italiens, besaßen wir bis jetzt nur in der bereits erwähnten Übersetzung, und hier findet er sich nun endlich im Originale. Die übrigen sieben waren bis jetzt vollkommen unbekannt. Drei darunter schreibt das alte Manuscript mit Bestimmtheit unserm Dichter zu, die übrigen viere scheinen gleichmäßig durch die Zusammenstellung wie durch den Inhalt als von demselben, obwol in fremden Namen geschrieben, bezeichnet zu werden. So läßt sich denn behaupten, daß dieser eine Fund unsern bisherigen Vorrath so ziemlich verdoppele.

 Der der Zeitfolge nach erste, in der Handschrift aber achte, Dante nicht ausdrücklich beigelegte Brief ist im Namen des Anführers (Alessandro da Romena), des Rathes (von zwölf Personen, zu denen Dante selbst gehörte) und der Gesammtheit – capitaneus, consilium et universitas – der aus Florenz vertriebenen Weißen an den Cardinal Nicolaus von Ostia (Albertini aus Prato) gerichtet. Es war dieser Cardinal von dem, erst am 22. Oct. 1303 zum Pontificat erhobenen Papst Benedict XI. zu Anfang 1304 abgesandt worden, um in Toscana, der Maremma und Romagna zwischen Ghibellinen und Guelfen, Weißen und Schwarzen, und wie sonst noch die fast in jeder Stadt einander feindlich gegenüberstehenden Parteien hießen, Frieden zu stiften. Er traf am 10. März in Florenz ein und wußte sich schnell fast unbedingtes Zutrauen zu erwerben; bald aber verbreitete sich das angeblich durch untergeschobene Briefe genährte Gerücht, daß er die verbannten Weißen zum Schaden der in Florenz zurückgebliebenen [606] Schwarzen begünstige, und nachdem er sich am 8. Mai zu einer Reise nach Pistoja hatte bereden lassen, gelang es ihm nicht mehr, in Florenz Aufnahme zu finden. Der gegenwärtige, vermuthlich im März 1304, und zwar vom obern Arnothal, wohin die Mehrzahl der Verbannten sich geflüchtet, geschriebene Brief nun läßt uns glauben, daß der von den Schwarzen dem Friedensstifter gemachte Vorwurf schwerlich ein ganz unbegründeter war. Es ergibt sich daraus, daß der Cardinal seine Thätigkeit mit der Sendung eines Frater L. an die verbannten Weißen begonnen und ihnen dabei brieflich volle Wiedereinsetzung in ihre alten Rechte und Reorganisation ihres Vaterlandes im Sinne jener Vertriebenen verheißen. So wissen sie denn Worte des Dankes, die ihnen genügend schienen, nicht zu finden und versichern, die Demüthigung ihrer Gegner (adversarios nostros ad sulcos bonae civilitatis intenditis remeare) nur zum wahren Heile ihrer Heimat zu begehren. Zugleich versprechen sie, nach dem Begehren des Cardinals sich aller Feindseligkeiten gegen die Schwarzen zu enthalten und die endlichen Friedensbedingungen allein jenem Vermittler zu überlassen.

     So bitten wir denn – heißt es zum Schlusse – Euer gnadenreiches Wohlwollen inbrünstig und mit kindlicher Stimme, daß Ihr auf unser so lange erschüttertes Florenz den Schlaf des Friedens und der Ruhe träufeln, daß Ihr sein Volk immerdar in Euern Schutz nehmen, uns aber, und die mit uns sind, als ein liebender Vater Euch empfohlen haben wollet, die wir so wenig von der Liebe unsers Vaterlandes jemals abgefallen sind, als wir die Schranken Euerer Gebote je zu übertreten gedenken, sondern vielmehr den letztern, wie sie auch lauten mögen, so pflichtmäßig als gehorsam Folge zu leisten verheißen.

     Der zweite Brief ist ein Beileidsschreiben an Oberto und Guido Grafen von Romena, wegen des Todes ihres Vaterbruders, des obenerwähnten Heerführers der Weißen, Alessandro. Troga („Veltro alleg.“, S. 96) führt Alessandro da Romena zu Ende 1308 noch als lebend auf. Dagegen werden bei dem Römerzuge Heinrich VII. (1311) nur die übrigen Grafen Guidi, seine Verwandten, genannt. Aus dieser Zwischenzeit, grade der Zeit, in welcher Dante sich am tiefsten gebeugt fühlte, und in der vermuthlich das „Convito“ und die Schrift: „De vulgari eloquio“, entstanden, rührt also unser Brief her. Über das Verhältniß des Dichters zu dem Verstorbenen, von dem wir bisher so gut als nichts wußten, findet sich hier Folgendes:

     Euer Onkel .... war mein Gebieter, und sein Andenken wird mich, so lange ich noch in der Zeitlichkeit lebe, beherrschen; denn sein Großmuth, der jetzt über den Sternen mit würdigem Lohne reichlich gelohnt wird, machte mich ihm unerbeten seit jahrelanger Vergangenheit ergeben. Diese Tugend war es, die, zu allen andern in ihm gesellt, seinen Namen über die Verdienste anderer italienischer Helden verherrlichte..... So klage denn, ja es klage der größeste Stamm in Toscana, der von solch einem Manne erglänzte; klagen sollten seine Freunde, klagen seine Diener, deren Hoffnungen der Tod nun grausam gegeißelt hat. Unter diesen Letzten klage denn auch ich Ärmster, aus der Heimat Verstoßener und unschuldig Verbannter, der, wenn ich meine Unfälle erwog, stets meine Sorgen durch die Hoffnung auf ihn beschwichtigte..... Drum ermahne ich Euch, meine werthesten Gebieter, mit bittlichem Zuspruch, daß Ihr Euern Schmerz mäßiget, und Dessen, was Ihr für diese Welt verloren, nur gedenket, um darin ein Vorbild Eures Wandels zu finden; damit Ihr in Zukunft, wie er Euch, als die ihm dem Blute nach Nächsten, gerechterweise zu Erben seiner Güter eingesetzt, so auch mit seinen makellosen Sitten Euch bekleiden möget. Schließlich aber vertraue ich noch außerdem Eurer einsichtigen Erwägung, daß Ihr meine Abwesenheit bei dem bevorstehenden thränenreichen Begräbniß entschuldigen wollet. Wahrlich, nicht Lässigkeit ist es, noch Undank, die mich zurückhalten, sondern allein die unvermuthete Armuth, welche die Verbannung über mich gebracht hat. Sie ist es, die, eine unversöhnliche Verfolgerin, mich der Pferde und Waffen beraubt, in die Höhle ihrer Knechtschaft verstoßen und den mit aller Kraft sich wieder zu erheben Bestrebten bisher mit Übermacht grausam festzuhalten nicht abläßt.

      Außer dem lebhaften Interesse, das dieser Brief an sich schon gewährt, gibt er auch für die Entstehungsgeschichte der „Göttlichen Komödie“ einen erheblichen Aufschluß. Allgemein nämlich wird die Herausgabe der „Hölle“ um das Jahr 1308 gesetzt; die entgegengesetzte Meinung, daß Dante diesen ersten Theil seines Gedichts erst um das Jahr 1314 habe bekannt werden lassen, die früher Dionisi verfochten, und die ich alsdann im „Parnasso italiano“ zu begründen versucht, hat meines Wissens nur die, freilich gewichtige Beistimmung von Blanc gefunden. Nun ist es aber gradezu unmöglich, daß der Dichter zu den Grafen Guidi und von ihrem Oheim Alessandro in der oben angegebenen Weise um die gleiche Zeit gesprochen habe, in welcher er drei dieser Brüder wegen Falschmünzerei in die Hölle (XXX, 77) versetzte. Erinnern wir uns dagegen, wie schlecht jene Grafen den von Dante ausgesprochenen Hoffnungen entsprachen, wie zweideutig, ja zum Theil gradezu feindlich sie 1311 und 1312 trotz heuchlerischer guter Worte gegen Dante’s Helden, Heinrich VII., zu Werke gingen, so begreifen wir, wie der Dichter um das Jahr 1314 über die jüngst Gepriesenen seine Geißel schwingen konnte. Zu diesen Gründen, welche die Beendigung der „Hölle“ bis 1314 hinausschieben, tritt auch die, früher von mir nicht hervorgehobene gehässige Art hinzu, mit welcher in derselben (XIX, 82) von Clemens V. gesprochen wird. So lange nämlich das gute Vernehmen zwischen diesem, sogar für ghibellinisch gehaltenen Papst und der Partei des Dichters, insbesondere mit Heinrich VII. selbst, bestand, konnte Dante unmöglich so, wie er es am angeführten Orte thut, von dem sichtbaren Haupte der Kirche sprechen, wie er denn auch noch in dem Briefe an die italienischen Fürsten, dessen Original jetzt aufgefunden ist, um das Ende des Jahrs 1310 vom Kaiser sagt: „quem Clemens, nunc Petri successor, luce apostolicae benedictionis illuminat“.

(Die Fortsetzung folgt.)


[609]
Neu aufgefundene Briefe des Dante Allighieri.
(Fortsetzung aus Nr. 149.)

     Nicht viel später als dieser Brief dürfte der dritte an den Marchese Maroello Malaspina, den der Dichter darin seinen Gebieter, sich selbst aber dessen Diener nennt, abgefaßt sein. Völlig abgesehen von dem weitern Inhalte dieses Briefes, ist schon der bloße Umstand, daß Dante in solcher Weise an Maroello Malaspina geschrieben, von dem größten Interesse. Daß nämlich unter den mehren zu Anfang des 14. Jahrhunderts lebenden gleichnamigen Mitgliedern dieser Familie nur der berühmteste, nämlich der Marchese di Giovagallo, Sohn des Manfredi Lancia und Enkel des Currado l’Antico („Purg.“, VIII, 119), Gemahl der Alagia de’ Fieschi („Purg.“, XIX, 142) gemeint sein könne, scheint nach Allem, was wir von den Lebensumständen dieser Personen wissen, unbedenklich. Grade zu diesem Maroello soll aber nach dem Berichte Boccaccio’s (in Dante’s Leben und im Commentar zur „Hölle“), Benvenuto’s von Imola und Filippo Villani’s Dante ziemlich früh während der Dauer seines Exils sich geflüchtet und, namentlich bei ihm verweilend, um das J. 1307 die schon in Florenz begonnenen, seitdem aber von dem Dichter selbst beinahe vergessenen ersten Gesänge der „Göttlichen Komödie“ von den in der Heimat zurückgebliebenen Freunden erhalten haben. Maroello wäre es nach dieser Erzählung gewesen, der seinen Gast durch Bitten bewogen, das angefangene Werk fortzusetzen, und zum Danke dafür hätte ihm dieser das „Fegefeuer“ gewidmet. Obgleich wie nun aber aus einem Friedensschlusse zwischen dem Bischof von Luna und mehren Malaspinis vom 6. Oct. 1306 (bei welchem Dante Franceschino von Mulazzo und Corradino von Villafranca, die Enkel des andern Vatersbruders jenes Maroello, vertritt) wissen, daß Dante schon damals im Thal der Magra weilte und mit der Familie Malaspina befreundet war, und obgleich eine Stelle des „Fegefeuer“ (VIII, 138) ungefähr für dieselbe Zeit ein näheres Verhältniß mit jener Familie bezeugt, so haben doch schon Andere mit Recht behauptet, daß es wenigstens für 1307 völlig unmöglich sei, sich Maroello Malaspina als Dante’s Gastfreund zu denken. Nachdem nämlich dieser Feldherr durch eine Reihe von Jahren an der Spitze der unserm Dichter feindlichen Partei gestanden und namentlich 1302 die Weißen bei Serravalle aufs Haupt geschlagen („Inf.“, XXIV, 148), war er es gewesen, der nach einer durch die Hungersnoth der Belagerten denkwürdigen Belagerung Pistoja, die letzte ghibellinische Stadt in Toscana, für Florenz und Lucca eingenommen und es dann im Namen der letztern Republik des zum Frühjahr 1307 als capitano del popolo verwaltet. Gewiß, nach solchen Vorgängen konnte Maroello es nicht sein, unter dessen Schutz Dante sich zu dieser Zeit begeben. Anders aber gestalteten sich die Sachen in den nächsten zwei Jahren. Die scheinbar vermittelnde Stellung Clemens V. hatte theils die Parteien einander näher gebracht, theils war für Dante, wie schon erwähnt, alle Hoffnung auf das Obsiegen der Ghibellinen verschwunden, theils endlich waren 1308 zwischen Maroello und dem guelfischen Florenz schwere Mishelligkeiten ausgebrochen. So können wir uns denn um so weniger verwundern, wenn wir den der Familie schon befreundeten Dichter um das J. 1309 oder 1310 in einem nähern Verhältnisse zu deren ihm einst so feindlichen Haupte finden, als wir denselben Maroello etwa ein Jahr später auch von Heinrich VII. hochgeehrt und als kaiserlichen Vicarius nach Brescia gesandt sehen. In ähnlicher Weise fand Dante auch seine letzte Zuflucht bei einem Guelfen, bei Guido Novello von Polenta.

     Daß nun diese Möglichkeit, der Dichter habe die Jahre vor Heinrich’s Römerzuge an Maroello Malaspina einen Beschützer gefunden, eine Wirklichkeit ist, daß die Nachrichten jener alten Biographen nicht völlig erfunden sind, und daß die neuesten Schriftsteller mit Unrecht nur Franceschino Malaspina von Mulazzo als Dante’s Wirth anerkennen wollen, beweist uns, fast zu unserer Überraschung, der neuentdeckte Brief. Selbst die Erzählung von den aufgefundenen und nachgesandten Gesängen mag im Wesentlichen wahr, aber umgebildet sein. Vielleicht enthielten die zurückgelassenen Papiere die später im „Convito“ erläuterten Canzonen, vielleicht sandte Dino Frescobaldi, den Boccaccio uns nennt, sie an Franceschino, Dante’s damaligen Wirth, welchen die Sage nachher mit dem berühmtern Maroello verwechselte, vielleicht wurde dies Ereigniß wirklich Anlaß, daß Dante das „Convito“ ausarbeitete. Zwar haben Scolari und Fraticelli („Opere minori di Dante“, Florenz 1836, II, 2, S. 557–636) neuerlich behauptet, der zweite und vierte Abschnitt jenes Buches [610] sei 1297, der erste und dritte aber 1314 geschrieben; wie wenig aber diese Meinung begründet ist, ergibt sich schon daraus, daß sie zu ihrem Hauptargumente voraussetzt, Gherardo da Camino, der im vierten Capitel als eben verstorben genannt wird, habe das Ende des 13. Jahrhunderts nicht erlebt, während er in der That am 26. März 1307 starb.

     Möge diese Bestätigung der Nachrichten über Dante’s Verhältniß zu Maroello indeß Niemand verführen, der Dedication des „Fegefeuer“, oder gar den in dem geschmiedeten Briefe des Mönches Hilarius, den kein Kundiger sich mehr erlauben sollte, für echt zu halten, verzeichneten Fabeln Glauben beizumessen. Maroello’s Gemahlin, Alagia, kommt schon 1315 als Witwe vor, und das „Fegefeuer“ kann erst 1318 oder 1319 vollendet worden sein.

     Fast noch überraschender als die Aufschrift ist der Inhalt dieses übrigens ziemlich kurzen Briefes: Der Dichter meldet seinem Gönner, kaum von dessen Hofe, nach welchem er sich oft zurückgesehnt und an dem seine Unempfänglichkeit für weibliche Reize nicht selten ein Gegenstand der Verwunderung gewesen, zu den Quellen des Arno (vielleicht zum Grafen Guido Salvatico, anderm Geschwisterkinde des obengenannten Alessandro von Romena) heimgekehrt, habe er ein Weib erblickt, die Liebe zu dieser sich unwiderstehlich seiner bemächtigt, alle andern Gedanken in ihm verdrängt und ihn durchaus umgewandelt. Eine, diese Gefühle weiter ausführende Canzone scheint dem Briefe beigelegt gewesen zu sein, und man darf nicht fürchten fehlzugreifen, wenn man sie in der, mit den Worten: „Amor dacchè convien pur ch’io mi doglia“ beginnenden (in der Ausgabe von Kannegießer S. 164) wiedererkennt, welche mit dieser prosaischen Schilderung auf das entschiedenste übereinstimmt, in Betreff deren also schon Dionisi das Richtige fast ganz (er setzt sie um das J. 1311) gefunden hatte.

(Der Beschluss folgt.)


[613]
Neu aufgefundene Briefe des Dante Allighieri.
(Beschluß aus Nr. 150.)

     Der merkwürdigste und zugleich ausführlichste Brief ist indeß (den an die Fürsten Italiens, von dem wir schon eine Übersetzung kannten, nicht mitgezählt) der vierte, von der Grenze Toscanas, unter der Quelle des Arno, den 31. März 1311 datirt, also mit dem Aufbruch Heinrich VII. gegen Cremona und Brescia ungefähr gleichzeitig. Er trägt die Überschrift: „D. Al., der Florentiner und unschuldig Verbannte, grüßt die ruchlosen einheimischen Florentiner“, und ist keineswegs mit dem andern, einige Jahre zuvor in bittlichem Tone geschriebenen Briefe zu verwechseln, von dem Leonardo Bruni uns die Anfangsworte aufbewahrt hat. Auch dieser ist indeß dem genannten aretiner Biographen bekannt gewesen; denn nur auf ihn kann es sich beziehen, wenn er ferner sagt:

     Als Heinrich von Luxemburg über die Alpen gekommen war, vermochte es Dante nicht mehr über sich, wie er früher sich vorgesetzt, Gnade von seiner Vaterstadt zu erwarten, sondern er erhob sich wieder stolzen Sinnes und begann von Denen, die seine Heimat lenkten, Arges zu reden, nannte sie schlecht und ruchlos und bedrohte sie mit der verwirkten, vom Kaiser über sie zu verhängenden Rache, gegen dessen Macht Hülfe zu finden, ihnen, wie er sagte, offenbar unmöglich sein würde.

     Nach einer kurzen Einleitung, in welcher der Dichter die durch Geschichte und Offenbarung bestätigte Nothwendigkeit der auf das deutsche Kaiserthum übertragenen römischen Universalmonarchie nachzuweisen sucht und dabei von dem Papste und den Kirchenfürsten mit minderer Ehrfurcht spricht, als er noch das Jahr zuvor gethan hatte, führt er also fort:

     Euch aber, die Ihr göttliche und menschliche Rechte überschreitet, Euch, die Ihr, keinen Frevel scheuend, von unersättlicher Gier verlockt werdet, machen Euch nicht die Schrecken des zweiten Todes erbeben, daß Ihr zuerst und allein, das Joch der Freiheit verschmähend, gegen den Ruhm des römischen Fürsten, des Königes der Welt, des Beauftragten Gottes getobt und, auf das Recht der Verjährung Euch berufend, vorgezogen habt, der schuldigen Ergebenheit Pflichten zu verweigern und zu des Aufruhrs Raserei Euch zu erheben?

     Weiterhin hält er den Gegnern eine Consequenz ihrer Principe entgegen, die mindestens bestätigt, daß Dante weit entfernt war, die Einheit der Kirche irgend antasten zu wollen:

     Wollt Ihr, durch so thörichte Meinung bewogen, gleich neuen Babyloniern, von dem frommen Kaiserthum Euch losreißen und neue Reiche versuchen, daß ein anderes das florentinische und ein anderes das römische Staatenthum sei; warum beliebt es Euch nicht gleichfalls, auf die apostolische Einherrschaft scheel zu sehen, damit, wenn am Himmel der Mond (Kaiser) verdoppelt werden soll, auch eine doppelte Sonne (Papst) sei?

     Wenn der Dichter ferner den Florentinern vorwirft, daß sie ihren Ungehorsam in einem eignen Rathsbeschlusse auszusprechen sich nicht gescheut, so scheint dies auf die trotzige Beantwortung des königlichen Fürwortes in der aretiner Angelegenheit, Juli 1310 (Villani, VIII, 120, Barthold I, 380) zu deuten. Dann fügt er hinzu:

     Wird aber jene zu Euerm Verderben gereichende, menschliche und irdische Furcht von Euch fern bleiben können, wenn der unvermeidliche Schiffbruch Eures hochmüthigen Blutes und Eures noch oft von Euch zu beweinenden Raubes eilig herannaht? Werdet Ihr, hinter lächerliche Wälle verschanzt, irgend einer Vertheidigung vertrauen? O, Ihr nur zum Übel Einträchtigen, von wunderbarer Leidenschaft Verblendeten, was wird es Euch helfen, mit Wällen Euch zu verschanzen, was mit Außenwerken und Thürmen Euch zu verfestigen, wenn erst der Adler im goldenen Felde schreckenbringend herbeischwebt, der, bald die Pyrenäen, bald den Kaukasus und bald den Atlas überfliegend, durch der himmlischen Heerscharen Lenkung gekräftigt, den weiten Ocean einst in seinem Fluge nicht als ein Hinderniß geachtet hat.

     Wo Ihr das Ehrenkleid falscher Freiheit zu verfechten wähnt, da werdet Ihr in die Sklavenkerker wahrer Knechtschaft versinken. Denn durch Gottes wunderbares Gericht wird ein Jeder getrieben, auf eben dem Wege, auf dem er der verwirkten Strafe zu entfliehen vermeint, sich derselben schwerer entgegenzustürzen und, wenn er freiwillig und wohlbewußt wider den göttlichen Willen ankämpfte, unbewußt und widerwillig für denselben zu streiten. So werdet Ihr denn trauernd Eure Gebäude, welche nicht, wie es dem Bedürfnisse geziemt, versehen, sondern zu Üppigkeiten unverständig verkehrt sind, unter den Stößen des Mauerbrechers zusammenstürzen und von den Flammen verbrennen sehen. Den Haufen des Volkes, der jetzt von allen Seiten rasend, bald für und bald wider, in die Gegensätze umspringt, werdet Ihr dann einstimmig wüthendes Geschrei wider Euch verführen hören, wenn er dem Hunger und der Furcht zugleich zu widerstehen nicht mehr vermag. Und nicht minder wird es Euch schmerzen, die ihres Schmuckes beraubten und von dem klagenden Zusammenfluß der Frauen erfüllten Kirchen und die staunenden Kleinen zu schauen, welche der Väter ihnen unbewußte Sünden zu büßen bestimmt sind. Täuscht sich mein prophetischer Geist nicht, dem wahrhafte Zeichen und unwiderlegliche Gründe zur Seite stehen, so werden unter Euch nur Wenige, der Verbannung Aufgesparte, nachdem Tod oder Gefangenschaft die Mehrzahl hinweggerafft haben wird, die anhaltender Trauer verfallene Vaterstadt endlich fremden Händen [614] übergeben sehen. Und daß ich es mit wenig Worten sage, eben die Leiden, welche, in der Treue verharrend, Sagunt für die Freiheit zu ewigem Ruhme getragen, die, zur Schande in der Untreue für die Knechtschaft, zu erdulden ist Euch bestimmt.

     Nicht an dem unvermutheten Glücke, ermahnt ferner der Dichter, mit dem einst die Parmesaner Friedrich II. Lagerstadt Vittoria überrascht, sondern an dem Gerichte sollen die Florentiner sich ein Beispiel nehmen, mit dem der Rothbart das unglückliche Mailand überzogen.

     Wohl gewahrt Ihr mit Blindheit Geschlagene nicht – fügt er hinzu –, wie die Leidenschaft Euch beherrscht, mit giftigem Flüstern Euch schmeichelt und den Weg zur Umkehr mit hinhaltenden Drohungen Euch versperrt, wie sie Euch der Knechtschaft im Gesetze der Sünde unterwirft und Euch hindert, den heiligen, der natürlichen Gerechtigkeit nachgebildeten Gesetzen zu gehorchen, deren Befolgung, wenn sie eine willige und freie ist, nicht nur keine Dienstbarkeit genannt werden kann, sondern vielmehr dem tiefer Aufmerkenden als Das, was sie wirklich ist, als die höchste Freiheit sich offenbart, denn, was ist diese letztere anders als des Willens ungehindertes Fortschreiten zur That? und eben dieses gewähren die Gesetze ihren Getreuen. Sind nun also nur Diejenigen wahrhaft frei, welche dem Gesetze des freien Willens gehorchen; welchen wollte Ihr Euch zuzählen, die Ihr, die Liebe zur Freiheit vorschützend, gegen jegliches Gesetze verschwört? – O, beklagenswerther Samen von Fäsulä, o wiederkehrende Zeit der Finsterniß! Erfüllt Euch das Gesagte noch nicht mit genügender Furcht? Nein, ich bin überzeugt, daß, wenn Ihr auch in Geberden und lügenhaften Worten Hoffnung heuchelt, Ihr wachend zittert und aus Euren Träumen häufig aufschreckt, sei es, daß Ihr Euch vor den Euch offenbarten Ahnungen entsetzt, oder sei es, daß Ihr der Rathschläge des Tages gedenkt.

     Zum Schlusse verkündet Dante noch den feindlichen Mitbürgern, wie die Zeit der Reue nun verschwunden sei und der sonst so gnädige Kaiser ihnen jetzt nur noch Strafe zu bringen habe.

     Noch 29 Monate, und die Bahre von Buonconvento bot die traurige Antwort auf die Drohungen des Dichters!

     Die drei letzten und kürzesten Briefe sind nicht mit Dante’s Namen bezeichnet, sondern in dem der Gräfin G. (die Handschrift enthält blos den Anfangsbuchstaben) von Battifolle an Heinrich VII. Gemahlin, die Kaiserin Margarethe (von Brabant), gerichtet. Unter ihnen ist wieder der letzte und offenbar jüngste von Poppi im obern Arnothal den 18. Mai. 1311 datirt. Der erste könnte vielleicht noch aus dem Sommer 1310 herrühren, wo Heinrich’s Boten nach verschiedenen Richtungen Italien durchzogen und die Entfremdeten zu gewinnen, die Wohlgesinnten aber zu ermuthigen strebten. Der Inhalt beschränkt sich auf gerührten Dank für die besondere Gnade, mit der die Fürstin von ihres Gemahls und ihrem eignen Ergehen Nachricht ertheilt hat. Der zweite Brief spricht in lebhaften Ausdrücken die theilnehmende Freude der Briefstellerin über die glücklichen Erfolge aus, welche die Kaiserin ihr gemeldet (vielleicht die Ereignisse in Asti, Nov. 1310), und endlich der dritte enthält fernere Versicherungen der Theilnahme an den glücklichen Fortschritten und der Ergebenheit, denen sich, auf ausdrückliches Verlangen der Fürstin, kurze Mittheilungen über das Befinden der Schreibenden, ihres Mannes und ihrer Kinder anschließen.

     So sehen wir denn Margarethen, des Kaisers treue Gefährtin in des Zuges Mühen und Gefahren, auch schon von Ferne klug bemüht, der Sache ihres Gemahls durch ein huldreiches Wort zur rechten Stunde selbst unter dem guelfischen Adel Anhänger zu gewinnen. Die Briefstellerin nennt sich in diesem Schreiben „Pfalzgräfin von Toscana“, ein Titel, den sich sämmtliche Grafen Guidi der verschiedenen Linien beilegten. Vermuthlich haben wir in ihr die Gemahlin des Guido, also die Mutter des, „Fegefeuer“, VI, 17 genannten, Federigo Novello zu erkennen. Daß aber Dante der eigentliche Verfasser sei, wird aus mehren, in seinen lateinischen Schriften häufig wiederkehrenden Worten und Wendungen und aus dem Umstande wahrscheinlich, daß der Dichter eben um diese Zeit sich, wie schon oben nachgewiesen, im obern Arnothal bei den Grafen Guidi aufgehalten. Dabei aber, wie Troga thut, eine Gefangenschaft Dante’s im Thurme von Porciano anzunehmen, dazu dürfte nicht der mindeste Anlaß sein.

Karl Witte.     

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: auffodert