Neudeutsch (Tucholsky)

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Textdaten
Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Peter Panter
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Titel: Neudeutsch
Untertitel:
aus: Die Weltbühne. Jg. 14, Nr. 45, S. 439-440
Herausgeber: Siegfried Jacobsohn
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 7. November 1918
Verlag: Verlag der Weltbühne
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Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Die Weltbühne. Vollständiger Nachdruck der Jahrgänge 1918–1933. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1978. Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[439] Neudeutsch von Peter Panter

Das Wort Neudeutsch ist nicht mit dem gleichnamigen Grünkohl zu verwechseln, obgleich ja beide aus der Zusammenziehung eines Adjektivs und eines Substantivs zu neuem Hauptwort und Begriff entstanden sind. Dieses Neudeutsch ist etwas ganz Furchtbares.

Wir wollen einmal zum guten Alten zurückgreifen und im Wustmann[1] nachlesen, was denn da steht. Der gute alte Wustmann! Er hat sich wahrscheinlich eine Walze im Grab anbringen lassen, und da dreht er sich nun ununterbrochen herum, wenn er das hören muß, was man heutzutage so Sprache nennt. Er hat gesagt: „… die schönen neumodischen Zusammensetzungen, mit denen man sich jetzt spreizt, wie: Fremdsprache, Neuerkrankung, Erstdruck, Höchststundenzahl! Hier leimt man also einen Adjektivstamm vor das Hauptwort, statt einfach zu sagen: höchste Stundenzahl undsoweiter.“[2] Und er fragt, worin denn das Abgeschmackte solcher Zusammensetzungen liege. Es gebe doch deren eine ganze Menge, wie Sauerkraut und Süßwasser, Hochverrat, Vollmacht und dergleichen mehr. Und er fährt zu rechten fort – hör zu, o Neuzeit! „Nun stecken dem Deutschen zwei Narrheiten tief im Blute: erstens, sich womöglich immer auf irgendein Fach hinauszuspielen, mit Fachausdrücken um sich zu werfen, jeden Quark anscheinend zum Fachausdruck zu stempeln; zweitens, sich immer den Anschein zu geben, als ob man die Fachausdrücke aller Fächer und folglich die Fächer auch selbst verstünde. Wenn es ein paar Buchhändlern beliebt, plötzlich von Neuauflagen zu reden, so denkt der junge Privatdozent: Aha! Neuauflage – schöner neuer Terminus des Buchhandels, will ich mir merken und bei der nächsten Gelegenheit anbringen. Der gewöhnliche Mensch sehnt sich nach frischer Luft. Wenn aber ein Techniker eine Ventilationsanlage macht, so beseitigt er die Abluft und sorgt für Frischluft. Im gewöhnlichen Leben spricht man von einem großen Feuer. Das kann aber die Feuerwehr doch nicht tun; so gut sie ihre Spritzen und ihre Helme hat, muß sie auch ihre Wörter haben. Der Branddirektor kennt also nur Großfeuer.“

Hörst du, wie er sich dreht? Und das täte auch ich im Grabe, wenn ich das mitanhören müßte, was sich heute begibt. Da gibt es einen Großkampftag und eine Großpatrouille und einen Feindangriff und Altkleider und Frischwasser und Frischgemüse und alles Mögliche gibt es, nur keine anständigen richtigen deutschen Wörter. Sondern ein lallendes Gestammel wichtigtuerischer Journalisten und aufgeblähter Bureaukraten. Man hört ordentlich, wie Der, der so ein scheußliches Wort sagt, mit der göttlichen, „beziehungsweise“ deutschen Weltordnung im reinen ist und artig die Wörter nachplappert, die eine vorgesetzte Dienststelle zuerst gebraucht hat. Und dieses Zeugs [440] sickert von den politischen Aufsätzen langsam in die Sprache ein, und nächstens wird einer noch etwas darauf reimen.

Nichts aber, Wustmann, der du dich noch immer drehst, geht über das schöne teutsche Wort Belange. Das habe ich mir nicht ausgedacht; das ist neudeutsch und heißt: Interessen. Nun hat mein kleines Fremdwörterlexikon von Lohmeyer, das der Deutsche Sprachverein herausgegeben hat, für Interesse allerhand Verdeutschungen, aber um sich jeweils eine herauszusuchen, die paßt, muß man Sprachgefühl haben, und das haben sie nicht. Dafür schreiben sie (die Süddeutschen Monatshefte) so: „Abwägung einander entgegenstehender Belange und dementsprechend Hintansetzung eines an sich zweifellos bestehenden aber in dem vorliegenden Widerstreit als minderwichtig erfundenen Rechts lassen ja selbst bürgerliche Rechtsordnungen wie die unsre in gewissen Fällen, besonders im Notstand, zu.“

Es wäre nun viel belangerer gewesen, wenn der Verfasser dieses Sätzchens ruhig Interessen geschrieben hätte, aber dafür alles andre deutsch; leider hat ers umgekehrt gemacht. („Zulassen“ ist viel zu weit auseinandergerissen, „zu“ klappt hinten nach; der Genetiv „Rechts“ ist mit Partizipien überlastet; in den dicken Blöcken der langweiligen Substantive liegt ein kleines Rinnsal eingebettet: das Verbchen „lassen“. Chinese.)

Sie lernens nicht. Und es ist schon das Gescheiteste, sie mit all ihren schönen neudeutschen Telegramm-Wörtern, ihrem Uebersetzungsdrehwurm und ihrem Fachwörterkram stehen und liegen zu lassen und sich „seinerseits“ einer anständigen und saubern Ausdrucksweise zu befleißigen. Das Neudeutsch aber soll der Teufel holen. Und der wird sich schwer hüten: denn der Teufel ist ein Mann von Jahrhunderte altem Geschmack.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gustav Wustmann (1844-1910), deutscher Philologe, Sprachpfleger und Historiker
  2. Allerhand Sprachdummheiten, kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Hässlichen, ein Hilfsbuch für alle die sich öffentlich der deutschen Sprache bedienen, 1903, S. 185. Internet Archive