Neuere Literatur zur Geschichte Frankreichs im Mittelalter

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Autor: Auguste Molinier
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Titel: Neuere Literatur zur Geschichte Frankreichs im Mittelalter.
Untertitel:
aus: Deutsche Zeitschrift für Geschichtswissenschaft Bd. 3 (1890), S. 143-163; Bd. 5 (1891), S. 185-208
Herausgeber: Ludwig Quidde
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Akademische Verlagsbuchhandlung J.C.B. Mohr
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Erscheinungsort: Freiburg i. Br
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[143]
Berichte und Besprechungen.
Neuere Literatur zur Geschichte Frankreichs im Mittelalter.

Von Werken, die auf Französische Geschichte des Mittelalters Bezug haben, ist in dem Jahre 1888—89 eine beträchliche Anzahl erschienen; in Frankreich allein könnte man leicht mehrere hundert aufzählen. Wenn man aber die localgeschichtlichen Monographien, die populären Werke und die Arbeiten zweiter Hand ausscheidet, so möchten etwa zwei Drittel derselben fortfallen.

Beginnen wir mit der Bibliographie und Quellenkunde. Drei grosse vom Unterrichtsministerium geleitete Repertorien werden mit Eifer fortgesetzt. Von dem ersten, der Bibliographie, welche wir Robert de Lasteyrie und Eug. Lefèvre-Pontalis verdanken[1], ist ein ganzer Band erschienen, der das Register aller Schriften enthalt, welche die wissenschaftlichen Gesellschaften von 32 Departements (Ain bis Gironde) veröffentlicht haben. Von dem zweiten Werke, den Inventaires sommaires[2], sind im Jahre 1888, dem letzten, dessen Ergebniss uns vollständig vorliegt, 10—12 Bände oder Bandtheile erschienen, folgende Departements und Gemeinden betreffend : Ardennes, Gard, Loire, Morbihan, Nord, Nantes, Seclin und Crécy-en-Ponthieu. Mit dem Handschriftenkatalog[3] geht es schneller vorwärts. Das Jahr 1889 brachte fünf neue Bände von der Serie der Departements: V, Dijon; VII, Grenoble; VIII, La Rochelle; X, kleine Bibliotheken der Normandie; XII, Orléans. [144] Drei dieser Bände (V, VII, und XII) bieten grosses Interesse für die Geschichte der Paläographie ; in Dijon bewahrt man einen Theil der Manuscripte von Citeaux und Saint-Bénigne; die Sammlung von Grenoble zählt zu den reichsten Frankreichs; endlich in Orléans finden sich die Beste der berühmten Bibliothek von Fleury-sur-Loire.

Die Bibliothek in Orléans wurde leider von Libri schmählich ausgeraubt; bekanntlich haben erst lange und mühselige Unterhandlungen es L. Delisle, dem Leiter der National-Bibliothek, ermöglicht, einen Theil der von diesem Schwindler entführten Bände und Fragmente nach Frankreich zurückzubringen. Dieser ausgezeichnete Gelehrte hat es für nützlich erachtet, ein Verzeichniss der paläographischen und geschichtlichen Schätze zu geben, deren Wiedererlangung wir seinen Bemühungen zu danken haben. Dieses Verzeichniss[4] bildet einen starken Band. Der Verfasser hat eine überaus anziehende Einleitung vorangeschickt, in welcher man die Geschichte der von oder für Libri und Barrois begangenen Diebstähle und der jetzt beendeten Unterhandlungen mit Gewissenhaftigkeit und genauester Kenntniss des Gegenstandes dargelegt finden wird. Der Katalog, welcher dieser Einleitung folgt, ist des wohlerworbenen Rufes des Verfassers würdig. Er ist allen Gelehrten zu empfehlen, welche sich mit Literaturgeschichte und Paläographie beschäftigen.

Die Herausgabe der Haupt-Urkundenbücher Frankreichs, die schon lange vom Unterrichtsministerium in Angriff genommen ist, geht ziemlich langsam vorwärts. Die Nothwendigkeit, dringendere und besonders besser unterstützte Unternehmungen fortzusetzen, hat das Comité des travaux historiques gezwungen, die dieser doch so nützlichen Sammlung gewidmeten Mittel zu vermindern. Seit einem Jahre ist die Collection des documents inédits nur um einen Band dieser Serie bereichert worden, um Band IV des von A. Bruel herausgegebenen Cartulaire de Cluny[5]. Dieser Band enthält 859 Urkunden, die in die Jahre 1027 bis 1090 fallen. Die Urkunden interessiren Europa und die christliche Kirche eben so sehr als Frankreich. Niemals ist der Orden zu Cluny so mächtig gewesen, als in dieser Zeit; seinen Plänen, eine allgemeine Reform zu schaffen, hat er zum Siege verholfen, in einer Menge von im Verfall begriffenen Abteien hat er die Wiederbeobachtung der Ordensregeln durchgesetzt und so die grosse geistige Wiedergeburt des 12. Jahrhunderts vorbereitet. Leider ist der Gebrauch dieser grossen Sammlung noch [145] mit Schwierigkeiten verbunden; es fehlt ihr jegliches Register, und in bedauernswerther Nachlässigkeit hat der Herausgeber es unterlassen, einem jeden Bande ein chronologisches Verzeichniss der darin veröffent- lichten Urkunden beizufügen.

Glücklicherweise scheinen die Provinzialforscher die Fortführung des zuerst von der Regierung unternommenen Werkes auf ihre eigene Rechnung in die Hand genommen zu haben. Im letzten Jahre sind 2 Urkundenwerke allein über Velai erschienen: Das erste, welches wir Chassaing verdanken, ist das Cartulaire des Hospitaliers aus dieser Provinz[6]. Der Herausgeber hat 114 Urkunden der Jahre 1153 bis 1549 gesammelt, welche ein ganz neues Licht auf einige Punkte der Verwaltungsgeschichte dieses Theiles von Languedoc werfen. Die Ausführung der Arbeit verräth eine nahezu ängstliche Sorgfalt. Das Cartulaire de l'abbaye de Saint-Chaffre ou du Monastier, herausgegeben von Abbé Ul. Chevalier[7], kann gleichfalls als vortrefflich gelten. Dieses Urkundenbuch ist eine Art Sammelwerk, aus dem Ende des 11. Jahrhunderts, welches Text oder Regest der meisten damals vorhandenen Urkunden enthält. Der Herausgeber hat dank seiner aufmerksamen Vergleichung der verschiedenen Abschriften des Originals (dieses selbst scheint verloren gegangen zu sein) einen sehr reinen Text geben können; er hat auch eine Anzahl damit zusammenhängender Urkunden und ferner die sehr interessante Chronik des Saint-Pierre du Puy, eines der seltenen historischen Werke, welche uns der Süden Frankreichs aus dem Mittelalter hinterlassen hat, angeschlossen. — Man findet dieselbe Sorgfalt, denselben kritischen Scharfsinn in der Ausgabe des Cartulaire de Bonnevaux[8], gleichfalls von Chevalier. Erwähnt sei noch das Cartulaire d'Uzerche[9] hrsg. von Champeval. Man findet darin Urkunden, die ein gewisses Interesse für die ältere Geschichte des mittleren Frankreich bieten. — Ebenderselbe Champeval hat den Text des Cartulaire de l'abbaye de Tulle herausgegeben[10] und unter dem Titel „Simples notions d'ancienne géographie Basse-Limousine“ brauchbare Verbesserungen zu dem schon früher in der Coll. des documents inédits von Deloche herausgegebenen Cartulaire de Beaulieu geliefert. — Weniger wichtig [146] in jeder Hinsicht ist das Cartulaire de Notre Dame d'Etampes[11] (herausgegeben von Abbé Alliot) und das des hôpital St.-Jean-en-l'Estrée d'Arras, eine Publication J. M. Richard’s[12]. Das letztere Werk ist mit grosser Sorgfalt ausgeführt and mit einer ausgezeichneten Einleitung versehen, welche die innere Einrichtung gewisser Klöster des nördlichen Frankreichs im Mittelalter darstellt; die Arbeit des Abbé Alliot dagegen ist nicht frei von Fehlern, und die von diesem Gelehrten herausgegebenen Urkunden sind bisweilen wenig interessant und verhältnissmässig jung.

Allgemeine Werke aber die Geschichte Frankreichs sind im ganzen wenig zahlreich, einige von ihnen jedoch nicht ohne Interesse. Der Trésor de chronologie, d’histoire etc. von L. de Mas-Latrie[13] ist kein eigentlich selbständiges Werk. Der Verfasser beabsichtigt in bequemer und abgekürzter Form eine Menge von Dingen zusammenzutragen, die man sonst nur zerstreut vorfindet, in der Art de vérifier les dates, bei Grotefend, Moréri u. s. w. Umsonst würde man hier nach eigenen Studien suchen, ausgenommen vielleicht in den Partien, die sich auf die Geschichte des Lateinischen Orients beziehen, mit welcher der Verfasser sich lange beschäftigt hat. Immerhin, wenn man bedenkt, dass dies Werk dem Forscher viel kostspieliges und zeitraubendes Sammeln ersparen kann, so muss man dem Verfasser Dank wissen, dass er sich an diese ebenso langwierige als umständliche Sammelarbeit gemacht hat. Die Specialisten, welche inmitten dieser Tausende von Daten, Namen und Zahlen Irrthümer entdecken, werden niemals die Absichten des Verfassers und seinen Fleiss vergessen dürfen.

Glasson’s Histoire du droit et des institutions de la France[14] steht beim dritten Bande; der Autor behandelt darin das Civil- und Strafrecht der Fränkischen Zeit. Es ist kein originales Werk; der Verfasser, ein geachteter Jurist, hat alle Französischen und ausländischen Werke über diesen Stoff gelesen; aber er hat keine festen Ansichten über die Probleme, welche er untersucht, daher das Vage, die Unbestimmtheit in den Grundlinien. Ebenso macht sich in der Ausführung eine gewisse Ueberstürzung bemerkbar. Immerhin werden die Studirenden aus diesem gewaltigen Stoff- und Gedankenvorrath [147] Nutzen ziehen können. Dieses Werk wird für sie weniger gefährlich sein, als z. B. die Schriften des leider dahingegangenen Fustel de Coulanges, aber man darf dort weder die kräftige Originalität noch die bewunderungswürdige Form suchen, durch welche sich die kleinsten Werke des Verfassers der Cité antique und der Histoire des institutions de la France auszeichnen.

Diese Eigenschaften finden sich auch in Fustel’s letztem Artikel : Le problème des origines de la propriété foncière[15]. Leider findet sich hier auch die bittere Polemik wieder, welche die Einleitung zu dem letzten Bande seines Hauptwerkes entstellt. Jener Artikel ist eine scharfe Kritik der von Maurer, Lamprecht, Mommsen, Laveleye, Viollet und d’Arbois de Jubainville aufgestellten Theorien über den ursprünglichen Collectivcharakter des Eigenthums. In jedem einzelnen von ihm erörterten Punkte scheint F. Recht zu haben; viele Stellen, auf welche sich die von ihm bekämpften Gelehrten berufen, haben weder die Tragweite noch die Wichtigkeit, welche man ihnen zugeschrieben hat. Aber F. hütet sich wohl, den innersten Kern der Frage zu berühren, welche heute wohl entschieden ist. Seine Abhandlung ist ein Muster tief eindringender Discussion ; aber doch ist es bedauernswerth zu sehen, wie der Verfasser in diese schwer-wissenschaftlichen Erörterungen eine oft übergrosse Heftigkeit und Gereiztheit hineinträgt.

A. Marignan hat unter dem Titel: Étude sur l’état économique de la France pendant la première partie du moyen âge[16] die Studien K. Lamprecht’s über Recht und Wirthschaft in den Rheinlanden zur Fränkischen Stammeszeit und dessen Beiträge zur Geschichte des Französischen Wirthschaftslebens im 11. Jahrhundert ins Französische übersetzt. Die Uebersetzung dieser beiden bemerkenswerthen Werke ist günstig aufgenommen worden; immerhin war sie nach unserer Ansicht nicht von nöthen, denn das Verständniss der Deutschen Sprache wird unter den Französischen Gelehrten, die doch allein sich mit den Studien Lamprecht’s abzugeben haben, immer ausgedehnter.

Das Werk des Abbé Duchesne über die Origines du culte chrétien[17] hat nicht ausschliesslich das alte Gallien zum Gegenstande: immerhin muss man es hier erwähnen, da die meisten der vom Verfasser benutzten Manuscripte aus diesem Lande stammen. [148] Man wird auch hier das hohe Wissen des Verfassers und seine anerkannte Beherrschung dieses schwierigen Gebietes wiederfinden. Laien und Geistlichkeit werden in gleichem Masse aus der Lectüre des Werkes Nutzen ziehen, erstere werden bisher wenig bekannte Thatsachen betreffend Cultus, Messe, ursprüngliche Bedeutung der liturgischen Handlungen darin finden, die letzteren werden hier den Sinn von unzähligen Regeln erfahren, zu deren Beobachtung sie verpflichtet sind, deren geschichtliche Entwicklung und innerer Sinn ihnen aber unbekannt war. Vor allem ist die Vorrede sowohl der Form als auch dem Inhalte nach bemerkenswerth.

Die Études de l’histoire du droit von R. Dareste[18] beziehen sich gleichfalls nur theilweise auf Gallien und Frankreich. Dennoch ist hier das Werk zur Lectüre zu empfehlen. Der Verfasser besitzt einen scharfen weitschauenden Geist und schreibt einen bündigen und kräftigen Styl. Erprobt in Studien der vergleichenden Rechtswissenschaft und vertraut mit den alten Gesetzgebungen bringt er neue Ansichten über das alte Recht der Barbaren. Die Abschnitte über Irische und die Salische Gesetzgebung verdienen genau studirt und erwogen zu werden.

A. Longnon hat die dritte Lieferung seines Atlas historique de la France in die Hände des Publicums gelangen lassen[19]. In dieser neuen Lieferung ist Frankreich vom 10. bis zum 14. Jahrhundert dargestellt. Wir bewundern das grosse Wissen und die vortreffliche Methode dieses hervorragenden Geographen. Freilich ist die Karte von Frankreich zur Zeit der Lehensherrschaft nicht frei von Fehlern; man findet solche auch in der Karte von Frankreich im 13. Jahrhundert; und diese neueste Lieferung kommt der vorangehenden, die dem Karolingischen Frankreich gewidmet ist, an Werth bei weitem nicht gleich. Hoffen wir, dass die nächste Lieferung diesen ärgerlichen Eindruck beseitigen wird.

In dem Werke H. Ch. Lea’s, A history of the Inquisition of the Middle-age[20], wird der Französische Historiker das Capitel, welches sich mit den Albigensern und der Inquisition in Frankreich beschäftigt, lesen und berücksichtigen müssen. Das Buch ist in jeder Hinsicht bemerkenswerth, sehr unparteiisch und ausschliesslich nach den Quellen gearbeitet; es wird in kurzer Zeit die meisten Arbeiten, welche ihm vorangegangen sind, in Vergessenheit bringen. — Man kann an dieses Buch die Studien Ch. Molinier’s über einige Italienische Hss. zur Inquisitions- und Ketzer-G. [149] anschliessen[21]. Verfasser hat namentlich werthvolle Acten in der Vatic. Bibliothek, die über das Verfahren der Inquisitoren in der Grafschaft Foix bei Beginn des 14. Jahrhunderts handeln, benutzen können. Das Werk ist ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der letzten Zeit des Albigenserthums in Frankreich. — Schliesslich sei noch eine Arbeit Ul. Robert’s erwähnt, über die Signes d'infamie au moyen âge: Juifs, Sarrasins, hérétiques, lépreux, cagots et filles publiques[22]. Man wird hier viele interessante, aus einer Menge von anderen Werken mühsam gesammelte Einzelheiten finden; der Verfasser schmeichelt sich keineswegs, den Stoff erschöpft zu haben; immerhin kenne ich kein anderes Werk, welches ebenso vollständig über diese Fragen handelt.

Geschichte einzelner Perioden. Unter dieser Rubrik verzeichnen wir die wichtigsten im Jahre 1889 erschienenen Werke und Aufsätze, welche die Geschichte Frankreichs von Beginn des Mittelalters bis auf Ludwig XII. behandeln. Zunächst die Fränkische Epoche. Ch. Nisard[23] untersuchte den Briefwechsel des Dichters Fortunat und der Aebtissin Agnes und suchte diese beiden Persönlichkeiten von gewissen Vorwürfen zu reinigen, welche einige Geschichtschreiber ihnen gemacht haben. — Die Abhandlung Dareste’s über das Fränkische Königsthum[24] ist eine entschiedene und tiefgehende Kritik der Theorien Fustel’s de Coulanges; der Verfasser zeigt, wie gewagt die Aufstellungen des vortrefflichen Schriftstellers über gewisse Punkte sind; Dareste hat nach Monod, d'Arbois und Fustel die unklare Geschichte des Prozesses des Sicharius noch einmal dargestellt, und er sucht aus der ziemlich dunklen Erzählung Gregor’s von Tours feste Schlüsse zu ziehen.

Seit 200 Jahren gebrauchten die Gelehrten, wenn sie die Briefe Loup’s, Abts von Ferrières, zu citiren hatten, die schöne Ausgabe von Baluze. Desdevizes du Désert hat es für nützlich erachtet, eine neue Ausgabe zu veranstalten[25]; aber dieselbe scheint ein Fortschritt über Baluze hinaus nicht zu sein. Die Correctheit des von diesem gegebenen Textes konnte genügen; unbekannte Handschriften der Sammlung hat man nicht entdeckt, und von den Bemerkungen [150] des neuen Herausgebers sind sehr wenige wahrhaft nützlich. Man hat demselben noch vorgeworfen, die bisher angenommene Ordnung der Briefe umgestürzt zu haben. Baluze war der Anordnung des Manuscripts selbst gefolgt; Desdevizes hat sich bemüht, die Briefe chronologisch zu ordnen, ein sicherlich wenig gelungener Versuch. Der neue Herausgeber scheint sich nicht bemüht zu haben, in den Plan des Urhebers der Sammlung einzudringen. Vielleicht hätte ihn diese Vorfrage dazu geführt, eine ganz andere Anordnung zu Grunde zu legen. — Befolgt hat diese so ergiebige Methode J. Havet in seiner schönen Ausgabe der Briefe Gerbert’s[26]. Diese für das 10. Jahrhundert überaus wichtige Sammlung war bisher noch nicht gründlich im Zusammenhänge bearbeitet worden. Die Ausgabe d'Olleris kann für ganz ungenügend gelten, und die chronologische Anordnung dieser undatirten, dunkeln und räthselhaften Briefe, die Namen und ganze Satzglieder in Geheimschrift enthalten, schien fast unmöglich. Havet war es schon durch weitläufige Studien gelungen, diese Geheimschrift zu entziffern. Aufmerksame Prüfung der Handschriften hat ihn zu dem Ergebniss geführt, dass die Ordnung der Briefe in den alten Handschriften die richtige sei, und dass dieselben direct vom Concept des Verfassers herstammen. Damit war die Lösung des Bäthsels gefunden, und alle Schwierigkeiten, welche frühere Historiker nicht hatten überwinden können, klärten sich von selbst auf. Havet’s Methode war die richtige, ein Russischer Gelehrter, Bubnov, welcher dem Text des Gerbert eine lange Untersuchung gewidmet hatte, kam mittlerweile zu denselben Ergebnissen wie der Französische Forscher[27]. Die Beweisführung war mathematisch genau. Dank Havet hat man also jetzt die Briefe Gerbert’s in ihrer ursprünglichen Reihenfolge; aber der Herausgeber hat den Werth seiner Arbeit noch durch eine lange und ausgezeichnete Einleitung über die Rolle Gerbert’s in Deutschland, Italien und Frankreich und durch sehr gründliche Anmerkungen erheblich gesteigert. Die Einleitung will Gerbert gegen den oft wiederholten Vorwurf der Doppelzüngigkeit und Falschheit rechtfertigen, man wird darin ein treues Bild der mit dem Untergang der Karolinger verknüpften Ereignisse finden. In anspruchsloser Form hat Havet so einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der grossen Umwälzung im 10. Jahrhundert gegeben.

Denselben Scharfsinn und dieselbe kritische Genauigkeit findet man in einer kurzen Bemerkung desselben J. Havet über Rodulfus [151] Glaber[28]. E. Sackur hatte eine interessante Studie über diesen Geschichtschreiber veröffentlicht[29]. J. Havet, der die Frage wieder aufnimmt, hat nun, wie ich glaube, bewiesen, dass, wenn man auch die Annahmen Sackur’s über Interpolationen in Glaber’s Text nicht zugibt, doch die Schlüsse desselben über Zeit und Ort der Abfassung angenommen werden müssen. Darnach hätte Rodulfus den letzten Theil des Werkes in Saint-Germain d’Auxerre geschrieben. Nur Buch I und ein Theil von Buch II wären in Cluny selbst abgefasst.

Die Geschichte der folgenden Jahrhunderte bis zum Anfang des 14. hat keine Behandlung gefunden, welche uns länger aufhalten könnte. Mehrere wichtige Arbeiten sind gegenwärtig im Druck; aber keine ist bisher erschienen. Nur diejenige P. Delehaye’s über Guibert von Gembloux[30] wäre anzuführen. Dieser Abt, ein unbedeutender Dichter, hat eine umfangreiche Correspondenz mit den bedeutendsten Männern des 12. Jahrhunderts hinterlassen. Guibert unterhielt lebhaftere Beziehungen zu Deutschen Landestheilen als zu Frankreich; immerhin enthält die Arbeit auch für letzteres einiges Wichtige. P. Delehaye hat auch die Gedichte Guibert’s auf den heiligen Martin herausgegeben[31]. Alterthumsforscher werden darin einige interessante Einzelheiten über die Kirche zu Tours finden.

Die Abhandlung L. Delisle’s über die finanzielle Thätigkeit des Templerordens[32] entspricht durchaus dem Rufe des Verfassers; auf Documenten ersten Ranges beruhend, die fast alle unedirt sind, unterrichtet sie uns eingehend über eine sehr interessante Seite der königlichen Verwaltung. Bis gegen Ende des 13. Jahrhunderts war der Templerorden in der That Schatzmeister und Gläubiger des Königthums; bei ihm wurden die königlichen Einnahmen niedergelegt, und die Ausgaben wurden in Form von Anweisungen auf das Ordenshaus zu Paris zur Baarzahlung angewiesen. Dieses System hatte sein Gutes; es vereinfachte die Schreibereien, aber die Templer waren in Folge dessen zu sehr in die Geschäfte der königlichen Regierung verwickelt, und man darf sich nicht wundern, dass Philipp der Schöne, ein argwöhnischer und selbständiger Herrscher, von Beginn seiner Regierung an freiwillig auf alle Dienstleistungen des Ordens verzichtete, indem er eine unabhängige Verwaltung der Finanzen schuf. Alle diese Dinge ergeben sich aus der Abhandlung Delisle’s, die mit jener Gelehrsamkeit, Genauigkeit und Sicherheit der [152] Forschung geschrieben ist, welche auch die kleinsten Arbeiten dieses hervorragenden Gelehrten auszeichnen. — Das Jahr 1889 brachte uns auch den Schluss der Rouleaux d'arrêts de la cour du roi au 13e siècle, herausgegeben von Ch. Langlois[33]. Diese Actenstücke werfen ein ganz neues Licht auf die Verhältnisse Frankreichs und Englands zur Zeit Eduard’s I. und auf das Vorgehen des Pariser Parlaments in Bezug auf die Lehnsbesitzungen der Krone.

Aus dem Beginn des 14. Jahrhunderts finde ich nur die Documents sur Bertrand de Got[34] zu erwähnen, ebenfalls von Langlois herausgegeben. Sie stammen gleich den Rouleaux aus Englischen Archiven und geben einige Aufschlüsse über das erste mit Kämpfen verbundene Auftreten des zukünftigen Papstes und über seinen Aufenthalt in Bordeaux im Jahre 1305. Hier ist auch noch ein Actenstück zur Gesch. der Beziehungen Frankreichs zu England und Deutschland unter Philipp dem Schönen anzuführen, das Funck-Brentano wieder herausgegeben und mit Anmerkungen versehen hat[35]. Ueber den Inhalt dieses Documents, welches schon Boutaric edirt hatte, ist ausserordentlich viel, besonders in Deutschland, discutirt worden. Der Französische Gelehrte hat es versucht, ihm eine neue Deutung zu geben. Wenn auch einige seiner Auseinandersetzungen bestritten werden können, so kann man doch nicht leugnen, dass er besser als seine Vorgänger die volle Bedeutung dieses diplomatischen Actenstücks gezeigt hat. — Band 30 der vom Institut herausgegebenen Histoire littéraire de la France[36] soll den Beginn des 14. Jahrhunderts behandeln, geht aber in Wahrheit eben sowohl das vorangehende Jahrhundert an. Der Ruf der Herausgeber, Hauréau, Delisle, Paris und Renan, bürgt für die Vortrefflichkeit der Arbeiten, von denen einige formell wie inhaltlich gleich werthvoll sind. Die Historiker werden darin eine lange Abhandlung über Aegidius de Roma und kürzere über den Inquisitor Geoffroy d'Ablis, Petrus Riga, etc. zu beachten haben. Sehr verständigerweise geben sich die Biographen nicht nur Mühe, die verschiedenen gelehrten Fragen klar zu stellen, sondern sie merken auch alles an, was aus diesen unerquicklichen Werken, mit denen wenige Gelehrte sich abgeben, für Sitten- und Verfassungsgeschichte sich ergibt. [153] Die Thätigkeit der Französischen Gelehrten erstreckt sich immer mehr auf den sogenannten 100jährigen Krieg zwischen Frankreich und England. Wie viel Arbeiten über diese Periode seit 20 Jahren herausgegeben sind, ist erstaunlich; die Geschichte des 14. und 15. Jahrhunderts ist durch sie gleichsam etwas ganz Neues geworden. Wir wollen zuerst von den Chroniken sprechen. S. Luce hat Band VIII der Chroniques de Froissart herausgegeben[37]. Dieser Band beschliesst das erste Buch und führt die Erzählung bis zum Jahre 1377 fort; der Text und die Lesarten sind durch die Sorgfalt G. Raynaud’s festgestellt. Es wäre wünschenswerth, dass der gelehrte Herausgeber die Arbeit ein wenig beschleunigte, sonst könnte sein Werk leicht unvollendet bleiben. Plan und Anordnung der Ausgabe sind bekannt; jeder Band umfasst 8 Theile: den Text mit den Lesarten, im Anhang die Abweichungen der anderen Redactionen des Werkes, und als Einleitung eine kurze historische Uebersicht, mit reichlichen Anmerkungen versehen. Einige Kritiker haben diese Erläuterungen sogar zu umfangreich gefunden. Wenn einmal ein alphabetisches Register es gestatten wird, mit Leichtigkeit Luce’s Froissart zu benutzen, so dürfte diese Ausgabe eine Fundgrube von unschätzbarem Werth für die Geschichte des 14. Jahrhunderts sein.

Das Journal de Nicolas de Baye, herausgegeben von A. Tuetey[38], bezieht sich auf eine etwas jüngere Zeit; der zweite im Jahre 1888 erschienene Band umfasst die Jahre 1411—1416, das alphabetische Register und eine vorzügliche Einleitung des Herausgebers. Nicolas de Baye übte während 17 Jahre das Amt eines Greffiers im Parlament zu Paris aus und bemerkte in den Registern, die er führen musste, was ihm von wichtigen Ereignissen zu Ohren kam. Die Sprache dieser Bemerkungen ist zuweilen ziemlich sonderbar und erinnert an die Rechtssprache jener Zeit; aber Nicolas de Baye, ein grösser Freund des Nicolas de Clemangis, war darum doch ein wissenschaftlich gebildeter Mann von feinem Geschmack. Sein Amt ermöglichte ihm, sich über alles wohl zu unterrichten. Er wusste Menschen und Dinge zu beurtbeilen und zu schätzen. So schlecht geschrieben sein Tagebuch auch ist, es ist das Werk eines sehr scharfsinnigen Kopfes.

Der Jouvencel von Jean de Bueil[39] ist durch Hinzufügung eines zweiten Bandes jetzt gleichfalls vollendet. Die Ausgabe stammt von C. Favre und L. Lecestre; dieser hat nur theilweise den Text [154] vorbereitet; dem ersteren dagegen verdankt man die ausgezeichnete, sehr ins Einzelne gehende Vorrede und die Entdeckung des wirklichen Sinnes dieses allegorischen Romans, einer Quelle ersten Ranges für die Kriegsgeschichte während der Regierung Karl’s VII. Lecestre hat den Text festgestellt und die Handschriften mit einander verglichen. Diese sehr sorgfältig gearbeitete Ausgabe macht den Herausgebern grosse Ehre und besonders C. Favre, welcher den Hauptantheil daran gehabt hat.

Man wusste seit langer Zeit von einer nicht herausgegebenen Chronik, gen. des Tard-Venus, deren einzige Handschrift dem Mailänder Carlo Morbio gehörte. L. Delisle hat soeben nach Einsicht eines Facsimiles nachgewiesen, dass dieselbe eine sehr grobe Fälschung aus dem 19. Jahrhundert sei, das Werk eines Unbekannten, der Vergnügen daran gefunden hat, alte Manuscripte zu imitiren, von denen einige uns in öffentlichen Bibliotheken Frankreichs und des Auslandes erhalten sind[40]. Dieses Werk ist also aus der historisdien Bibliographie des 14. Jahrhunderts zu streichen.

H. Moranvillé hat in einer hübschen Abhandlung[41] versucht, den Namen des Mönchs von Saint-Denis zu finden, dem wir die wichtige, schon früher in der Coll. des doc. inédits herausgegebene Chronik über die Regierung Karl’s VI. verdanken. Er schlägt vor, sie dem Secretär des Königs, Pierre le Fruitier, genannt Salmon, zuzuschreiben und schildert das Leben dieses Mannes, welcher thätigen Antheil an den Ereignissen des grossen Schismas und an den Unterhandlungen mit dem Englischen Hofe nahm. Die spärlichen Documente über die inneren Zustände der Abtei Saint-Denis bei Beginn des 15. Jahrhunderts haben den gesicherten Beweis, dass Pierre Salmon in diesem Kloster Mönch geworden sei, nicht ermöglicht, aber man muss anerkennen, dass alle Details, die der Mönch über seine eigene Persönlichkeit gibt, wunderbar mit dem übereinstimmen, was wir von dem abenteuerlichen und bewegten Leben Pierre Salmon’s wissen.

In der Collection de textes pour servir à l'histoire et l'enseignement de l'histoire ist im Jahre 1889 zugleich mit Havet’s Ausgabe der Briefe Gerbert’s auch das Werk E. Cosneau’s erschienen[42]: Les grands traités de la guerre de cent ans. Ueber die Nützlichkeit dieser Sammlung, welche übrigens sehr sorgfältig [155] redigirt zu sein scheint, wurden gelegentlich Zweifel geäussert. Man darf aber nicht vergessen, dass Studirende, Lehrer, ja selbst Fachgelehrte in diesem kleinen, sehr billigen Bande den neuen und berichtigten Text wichtiger Urkunden finden werden, die man in den grossen Sammelwerken erst lange suchen müsste. Die Anmerkungen des Verfassers sind vielleicht zu zahlreich und zuweilen überflüssig; viele indessen werden auch gut zu gebrauchen sein.

Ich erwähne sodann einige Publicationen von einzelnen Actenstücken. Zuerst ein interessantes Stück, welches die Namen der tapfern Krieger gibt, die mit ihrem Leibe in der Schlacht bei Crécy den Rückzug Philipp’s VI. deckten[43]; ferner bisher unedirte Fragmente aus dem Inventar der Schätze Herzog Ludwig’s von Anjou, des Bruders Karl’s V.[44] Dieses von G. Ledos in der Nationalbibliothek entdeckte Bruchstück vervollständigt zum Theil den schon früher vom Graf L. de Laborde herausgegebenen Text. Nichts von dem, was das Leben des Herzogs von Anjou, eines der berühmtesten Kunstliebhaber im 14. Jahrhundert, angeht, kann uns gleichgültig sein. Das wiederaufgefundene Fragment enthält ein beschreibendes Verzeichniss zahlreicher Webearbeiten. Ein Artikel von J. Finot weist nach, dass der letzte Wille Karl’s V., ein Befehl betreffend die Steuern und Pachtgelder, der von dem Conseil des jungen Karl VI. geheim gehalten und widerrufen wurde, wenigstens in der Normandie veröffentlicht wurde[45].

Unter den gelehrten Werken und Aufsätzen, welche diesen Zeitraum betreffen, sind mehrere hervorzuheben. Das Buch von Noël Valois über den Königlichen Rath im 14., 15. und 16. Jahrhundert[46] ist keine zusammenhängende Darstellung; es ist eine Sammlung von grösstentheils interessanten Aufsätzen, von denen mehrere schon gedruckt waren, so z. B. der über den Grand Conseil unter Johann dem Guten, welcher schon vor einigen Jahren in der Revue des quest. hist, erschien. Jeder dieser Aufsätze bildet ein Ganzes für sich, sauber, klar, zuweilen etwas trocken; die besten beziehen sich auf das Mittelalter, denn was die neuere Zeit betrifft, so kann man die vom Verfasser ausgesprochene Absicht, die Geschichte der Religionskriege mit Hilfe der Register des Conseils neu bearbeiten zu wollen, sonderbar finden. Immerhin muss man anerkennen: keine dieser Erörterungen ist ohne Interesse, und diejenigen, welche sich mit Geschichte des 14. und 15. Jahrhunderts beschäftigen, werden [156] immer ihre Zuflucht zu diesem Werke nehmen müssen, um das Wesen der Centralgewalt in Frankreich unter Johann II., Karl VI. und Karl VIII. kennen zu lernen.

Das Werk L. Jarry’s über den Herzog Ludwig v. Orléans[47] ist umfangreicher, aber der dicke, gewissenhaft vorbereitete Band reicht trotz guter Eigenschaften nicht an die kleinen Aufsätze Valois’ heran. Den Verfasser hat die Masse des zu behandelnden Stoffes gleichsam erdrückt; er hat es nicht immer verstanden, denselben klar und anziehend zu ordnen, und die interessante und sympathische Gestalt seines Helden ins rechte Licht zu setzen. Indem er ferner die literarische und künstlerische Seite seines Themas absichtlich bei Seite liess, musste sein Versuch einer Apologie Ludwig’s scheitern. Denn wenn dieser Fürst auch ein hellblickender Beschützer der Künstler und Gelehrten war, so war seine Rolle in der inneren und äusseren Politik doch beklagenswerth. Zudem scheint Jarry nicht genügend die Gesellschaft zu kennen, in der sich dieser Fürst bewegte, und in gewisser Hinsicht, besonders im Punkte der Sittlichkeit, erregt diese Vertheidigungsschrift in uns ein Lächeln; doch bleibt das Werk eine wichtige Arbeit, reich an kritischen Untersuchungen, und man wird dasselbe immer zu Rathe ziehen müssen.

Dieselbe Fülle der Einzelheiten und dieselbe Genauigkeit finden wir in den Abhandlungen des Grafen von Circourt über die Unternehmungen des Herzogs Ludwig in Italien von 1392—1396[48]; die Liebhaber von Ineditis werden hier ihre Freude haben. Graf von Circourt bringt wie Jarry eine Menge von bisher unbekannten Stücken. Doch scheinen diese Documente den Kern der Geschichte nicht wesentlich zu modificiren.

Moranvillé erzählt in einer Abhandlung, betitelt: Conférences entre la France et l’Angleterre, 1388—1393[49], die Geschichte der Unterhandlungen, welche dem Waffenstillstände zwischen Karl VI. und Richard II. vom Jahre 1396 vorausgingen und trotz scheinbaren Misslingens denselben herbeiführten.

Alex. Sorel, Richter in Compiègne, hat sich daran gemacht, die Geschichte dieser Stadt unter der Regierung Karl’s VI. und Karl’s VII. zu erzählen ; das bemerkenswertheste Ereigniss dieses Abschnittes in der Geschichte Compiègnes ist die Ergreifung der Jungfrau von Orléans unter den Mauern der Stadt im Jahre 1430, daher der Titel des Werkes: La prise de Jeanne d’Arc devant [157] Compiègne[50]. Sorel scheint ziemlich glücklich den Schauplatz des letzten Kampfes der Jungfrau reconstruirt zu haben; vortreffliche Pläne sind dem Werke beigegeben, mit ihrer Hilfe kann man den Ort, wo die Jungfrau der Ueberzahl erlag, bestimmt angeben. Die anderen Theile des Baches von Sorel sind nicht weniger anziehend; die ganze Darstellung der Belagerung Compiègnes im Jahre 1430 ist neu und beruht auf ungedruckten Acten. Man findet Vergnügen an dem Muthe und der Beharrlichkeit, welche die Bürger Compiègnes in ihrem langen Kampfe mit dem Feinde zeigten. — Ueber die Jungfrau von Orléans kann noch eine Abhandlung des Grafen von Puymaigre[51] angeführt werden; man findet darin einen Italienischen, übrigens nicht sonderlich wichtigen Bericht analysirt, der von Giovanni Sabadino degli Arienti herstammt und um das Jahr 1483 geschrieben ist. — A. Thomas hat die Berathungen des Rathes von Toulouse herausgegeben, in denen die Jungfrau genannt wird[52]. — Ebenderselbe hat mit Wiederaufrahme eines von ihm vor 10 Jahren behandelten Themas zwei neue Abhandlungen über die États généraux unter Karl VII. geliefert[53]. Beide verdienen gelesen und berücksichtigt zu werden; man findet in ihnen viele bisher nicht herausgegebene Acten, zudem eine sehr scharfsinnige und tief eindringende Kritik der von E. Picot und G. de Beaucourt gewonnenen Resultate, sowie Correcturen zu den von ihnen aufgestellten Listen. Die von A. Thomas vorgebrachten Thatsachen scheinen durchaus gesicherter Erwerb der Wissenschaft.

Für die Regierungszeit Ludwigs XI., Karl’s VIII. und Ludwigs XII. ist die Ausbeute in diesem Jahre ziemlich schwach. Die Société de l’histoire de France hat den vierten und letzten Band der Memoiren Olivier’s de la Marche herausgegeben[54]. Die Ausgabe, besorgt von Beaune und d'Arbaumont ist durchaus ungenügend. Der Text ist unkritisch in Folge der mangelhaften handschriftlichen Untersuchung. Die historischen Anmerkungen sind wenig reichlich und von nur geringem Werthe. Die lange Abhandlung Beaune’s endlich im letzten Bande ist nur ein Auszug aus dem vortrefflichen Aufsatz, den H. Stein vor 2 Jahren in den Mémoires de l'Ac. royale de Bruxelles herausgegeben hat. Nach einigen Jahren wird man eine von Grund aus neue Ausgabe des Werkes beginnen müssen, um einem der grössten Schriftsteller des 15. Jahrhunderts [158] ein literarisches Denkmal zu errichten, das seiner würdig ist. Anziehender und besser ist die Notice biographique sur Louis Malet de Graville von P. Perret[55]. Der Verfasser hat zahlreiche Aoten über diesen heute allzu sehr vergessenen Rathgeber Ludwig’s XI. und Anna’s von Beaujeu gesammelt und mit Glück verwerthet. Die Arbeit ist eine gute Monographie; hauptsächlich die Kapitel über den Krieg in der Bretagne zur Zeit Karl’s VIII. und über die Leitung der Marine sind zu empfehlen. Der Admiral Malet de Graville verdient wohl einen Biographen, und Perret hat es verstanden, diese sympathische Gestalt in ein günstiges Licht zu rücken. Ich notire noch die Abhandlung Nerlinger’s über Peter Hagenbach und die Burgundische Herrschaft im Elsass[56], und die schöne Publication des Herzogs de la Trémouille, Archives d'un serviteur de Louis XI; documents et lettres (1451—1481)[57]; dieses letztere Werk ist eine in jeder Hinsicht vortreffliche Sammlung und wohl würdig der früheren Veröffentlichungen dieses Autors.

Ortsgeschichte. Alle Werke anzuführen, die über diesen Gegenstand im Laufe des letzten Jahres erschienen sind, ist natürlich in einem so kurzen Literaturbericht nicht möglich. Viele von ihnen brauchen übrigens nicht besonders erwähnt zu werden, da sie sich auf untergeordnete Einzelheiten der Provinzialgeschichte beziehen. Wer Aufschluss über diese Materie wünscht, wird vor allem auf die Specialzeitschriften zurückgehen müssen, sowohl auf die von Localgeschichtsvereinen, wie auch die von Privatleuten herausgegebenen (vgl. die Zusammenstellung in Monod’s Bericht, Bd. 2 dieser Zeitschrift). Hier möchte ich nur einige wichtigere Bücher hervorheben.

Das Werk Janvier’s, Les Clabault, famille Amiénoise, (1349—1589)[58], ist ein wichtiger Beitrag zur inneren, und äusseren Geschichte dieser grossen Stadt Nordfrankreichs. Die Familie übte seit 1358, da sie in die Leitung der Geschäfte eingetreten war, zwei Jahrhunderte hindurch einen überwiegenden Einfluss in ihrer Vaterstadt aus; sie waren unausgesetzt Schöffen oder Maires; desshalb interessirt das Buch Janvier’s, in dem wir die ganze innere Geschichte Amiens während dieser Periode erzählt finden. Die sehr reichen und wohl geordneten städtischen Archive haben dem Verfasser das Hauptmaterial für seine Monographie geliefert. Man wird hier viele Aufschlüsse über die Geschichte Nordfrankreichs finden, auch über die [159] Art, wie man im 15. und 16. Jahrhundert die Nordgrenze Frankreichs vertheidigte, und anderes mehr. — Bonvalot hat Studien über einen Specialgerichtshof in Lothringen, die sogenannte féautés[59], gemacht, es war eine Art Schiedsgericht, welches dingliche Klagen zu entscheiden hatte.

Die Société de l'histoire de Normandie fährt fort, über die alte Geschichte der Abteien dieser Provinz Werke zu publicieren, die im 17. und 18. Jahrhundert von den Benedictinern der Congrégation Saint-Maur verfasst worden sind. Im laufenden Jahre förderte Lormier die Histoire de l'abbaye de Saint-Michel du Tréport von D. Coquelin[60] zu Tage. Alle diese Monographien haben ja ihren Nutzen; immerhin aber geht man vielleicht ein wenig zu weit. In diesen alten Compilationen sind sehr oft Längen und Fehler ; sie sind mehr Stoffsammlungen als Bücher. — Graf de Lestrange hat ein Inventaire et vente des biens meubles de Guillaume de Lestrange, archevêque de Rouen, herausgegeben[61]; dasselbe ist von Bedeutung für die politische und die Kunstgeschichte des 14. Jahrhunderts. Guillaume de Lestrange, ein Verwandter P. Gregor’s XI., Rath der Könige Karl V. und Karl VI., starb als Erzbischof von Ronen im Jahre 1389. Die Ausgabe des Grafen de Lestrange lasst den feinen und durchgebildeten Geschmack jenes Prälaten erkennen.

Der erste Band von Ménorval’s Werk: Paris, depuis ses origines jusqu'à nos jours[62], geht von den ältesten Zeiten bis nun Tode Karl’s V. (1880). Das Buch ist recht merkwürdig gearbeitet. Verfasser ist über alles, was die eigentliche Geschichte von Paris angeht, wohl unterrichtet, und man wird in diesem Bande ein im Allgemeinen genaues Résumé alles dessen finden, was über die Geschichte der Hauptstadt erschienen ist. Aber leider hat Ménorval es für nöthig erachtet, seine Ansichten über die allgemeine Geschichte Frankreichs zu äussern, und diese sind weder richtig noch neu. In dieser Hinsicht ist er um 50 Jahre zurück, und scheint keine der Arbeiten zu kennen, welche in diesem Jahrhundert in Frankreich wie in Deutschland unsere historische Kenntniss von diesen Dingen auf völlig neue Grundlagen gestellt haben. Hoffentlich zügelt der Verfasser in den folgenden Bänden seine Lust, von Paris auf alles Mögliche zu kommen, und beschränkt sich auf die Geschichte der Hauptstadt, welche er vortrefflich zu kennen scheint. — In anderer Weise interessant ist die Monographie V. Mortet’s : Etude hist. et archéol. [160] sur la cathédrale et le palais épiscopal de Paris, du 6e au 12e siècle[63]. Die Abhandlung ist sehr knapp und mit gründlicher Kenntniss der leider so spärlichen Documente geschrieben, die über jene beiden Denkmäler handeln. Die meisten Schlüsse des Verfassers dürften gesichert sein, und er scheint mit Recht zwischen der alten von Gregor von Tours erwähnten Kirche und dem jetzt noch stehenden bewunderungswerthen Bau die Existenz einer dritten Kirche anzunehmen, die aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts stammte. — Anführen will ich noch A. de Dion’s Abhandlung über die Prieuré Saint-Laurent de Montfort l'Amaury[64]. Der Verfasser kennt die unedirten Urkunden recht genau und hat eine anziehende neue Geschichte dieser Priorei, welche von der berühmten Familie Montfort gegründet, beschenkt und beschützt wurde, gegeben. Sie hing von der Abtei Saint-Magloire in Paris ab. — Die Histoire des ducs de Bourgogne de la race capétienne[65] von E. Petit steht beim 3. Bande; der Verfasser erzählt darin das Ende der Herrschaft Hugo’s III. und die Regierung seines Sohnes Eudes’ III. (1183—1218); man sieht, er ist vom Jahre 1361 noch weit entfernt. Das Werk ist wichtig : E. Petit hat seit langer Zeit die Hauptarchive Burgunds und der Stadt Paris durchforscht und eine gewaltige Menge unedirter Documente zusammengebracht. Er hat den glücklichen Gedanken gehabt, am Schlusse jedes Bandes den Text oder die Inhaltsangabe der wichtigsten unter diesen Documenten beizugeben; die so entstehende Sammlung zählt schon für die drei ersten Bände 1500 Nummern. In dem vorliegenden Band III seien als besonders lehrreich und neu die Capitel über die Feldzüge Philipp August’s in Burgund (1183 ff.), über den Kreuzzug von 1190 und über das Walten der Herzöge in der Dauphiné und der Franche Comté hervorgehoben. Das Werk wird nach seiner Vollendung die nur mittelmässige Geschichte Burgunds von D. Plancher verdrängen. — Mit grossem Vortheil werden die Archäologen und Historiker das Werk von H. de Fontenay und A. de Charmasse’s: Autun et ses Monuments[66] benutzen. Der erste der beiden Verfasser, aus der École[WS 1] des Chartes hervorgegangen, ist soeben gestorben, beide kannten vortrefflich die Landes-Geschichte und besassen ein Wissen, eine technische Vorbildung, wie sie Gelehrten der Provinz leider nur zu oft fehlen. Auch ihr Werk wird für lange Jedem als Führer dienen, der die Geschichte und die Denkmäler dieser interessanten Stadt [161] kennen zu lernen wünscht. — Erwähnt sei noch eine interessante Arbeit Fr. Molard’s über die bürgerlichen Gerechtsame der Aussätzigen[67]. Der Verfasser beweist aus unedirten Urkunden, dass sie in Hochburgund nie als bürgerlich Todte angesehen wurden. Es scheint nach verschiedenen im Laufe der letzten 20 Jahre herausgegebenen Zeugnissen, dass die Lage dieser Unglücklichen in Frankreich nicht so beklagengwerth war, wie viele Geschichtschreiber angenommen haben.

Die Grundlage für seine Histoire de la baronnie de Craon de 1382 à 1626, hat André Joubert[68] den reichen Archiven des Hauses La Trémouille entlehnt; diese Familie besass Craon während dieser ganzen Periode. Das Werk ist sehr anziehend und voll werthvoller Einzelheiten über die Verwaltung eines grossen Herrensitzes im 14. und 15. Jahrhundert. Man findet darin auch viele Aufschlüsse über die Feldzüge der Engländer in Maine unter Karl VI. und Karl VII. Empfohlen sei noch die Sammlung der im Anhang herausgegebenen Schriftstücke. Die Geschichte Poitou’s[69] vom Abbé Auber steht jetzt im 5. Bande. Es ist ein weitschichtiges Werk, zuweilen kritiklos, aber doch zu berücksichtigen. Den alten Provinzialgeschichten, wie z. B. Dreux du Radier, steht das Buch an Werth sicherlich gleich. — Die Sammlung von Livres de raison limousins et marchois[70], herausgegeben von L. Guibert, verdient entschiedenes Lob. Sie ist ein gutes Beispiel für die Art, wie man diese werthvollen Register herausgeben muss, welche so viele Aufschlüsse über die wirtschaftliche und sociale Geschichte des alten Frankreich enthalten. Durch Guibert und seine Mitarbeiter: Leroux, de Cessac und Abbé Leclerc, kennen wir jetzt das bürgerliche Leben in Limousin am Schlusse des Mittelalters und in den letzten Jahrhunderten des ancien Régime zur Genüge. Sie bringen neue Documente bei zu der oft aufgeworfenen Frage, ob die Französische Gesellschaft durch die Revolution verloren oder gewonnen hat.

Die Abhandlung Ch. Lécrivain’s über die „Interpretatio der Lex Romana Visigothorum[71] weist nach, dass das Recht der Westgothen nicht den geringsten Einfluss auf die Erklärer des breviarium Alaricianum gehabt hat. Man würde auch mit Unrecht vermuthen, dass die ganze mittelalterliche Gesetzgebung Südfrankreichs [162] römisch ist; Jarriand, der Verfasser einer juristischen Doctor- dissertation: L'histoire de la Novelle 118 dans les pays de droit écrit[72] zeigt, dass diese Novelle, welche, wie bekannt, die successiones ab intestato nach den vermutheten Absichten des Erblassers regelte, nur langsam im Süden Frankreichs den Sieg errang. Sie hatte gegen sich nicht nur das alte Römische vorjustinianeische Recht, welches sich von dem Naturrecht weiter entfernte, sondern auch eine Menge localer Gewohnheiten unbekannten Ursprungs, welche man aber zum Theil für älter als die Römische Eroberung halten darf. Der Sieg der Novelle war das Werk der Parlamente zu Toulouse und Aix. Die Abhandlung Jarriand’s ist anziehend, vielleicht ein wenig verworren, aber sehr gründlich. Der Verfasser hat fast alles gekannt, was an Gewohnheitsrecht gedruckt vorliegt. — Die Histoire de Grenoble von Prudhomme[73] ist ein nahezu vollkommenes Werk, ausgezeichnete Harmonie der einzelnen Theile, umfassende und gründliche Belehrung, kurz, die wichtigsten Eigenschaften einer wissenschaftlichen Arbeit finden sich hier vereinigt. Die Erzählung ist klar, zuweilen lebhaft, immer aber interessant. — ln gleicher Weise ist Delachenal’s Geschichte von Crémieu[74] als ein Muster dieser Gattung hervorzuheben. Beides sind nützliche Werke, und sie waren schwieriger zu schreiben, als man glauben sollte. Man muss Prudhomme und Delachenal loben, dass sie es unterlassen haben, in das Gebiet der allgemeinen Geschichte hinüber zu greifen, und damit die Klippe vermieden, an der die Verfasser localer Geschichtswerke meistens scheitern.

Unnöthig ist es, die von Blancard herausgegebene Sammlung von Documents sur le commerce de Marseille noch eigens zu loben[75]; der zweite Band, welcher im Jahre 1889 erschienen ist, aber die Jahreszahl 1887 trägt, enthält Handelscontracte aus dem 13. Jahrhundert; der Werth der leider so seltenen Veröffentlichungen des gelehrten Archivars der Bouches du Rhône ist bekannt. — Jules Chevalier’s Essai hist. sur l'église et la ville de Die[76] steht noch immer beim 1. Bande. Der Verfasser führt die Geschichte dieser kleinen Diöcese bis zum Jahre 1276, ihm kamen die von seinem Bruder, dem Abbé Ul. Chevalier herausgegebenen Urkunden- bücher zu statten. — Die Abhandlung des Grafen Caix de Pierlas über „Das 11. Jahrhundert in den Seealpen[77] ist ein dankenswerther [163] Beitrag zur Geschichte der Anfänge des Lehnswesens in der Provence und Dauphiné. Der Verfasser scheint übrigens nicht genügend mit der Literatur über sein Thema vertraut zu sein. Das Werk ist jedoch anziehend und macht dem Herausgeber des vor einem Jahre erschienenen Cartulaire de l’église de Nice Ehre.

Le Livre juratoire de Beaumont de Lomagne, welches eine Vereinigung von Gelehrten im Aufträge der Société archéologique de Tarn et Garonne[78] herausgegeben hat, enthält die Coutumes dieses aus dem Ende des 18. Jahrhunderts stammenden Städtchens. Die Herausgeber haben leider auf die Correctur zu wenig Werth gelegt, und der Text zeugt davon, zudem verraten die Worterklärungen in dem Glossar am Schluss des Buches Unkenntniss, und so ist es begreiflicherweise unmöglich, etwas Lobendes über diese Ausgabe zu sagen. Die Texte haben an sich selbst wenig Interesse, da sie einen wohlbekannten Typus des Gewohnheitsrechtes zeigen ; das Werk würde nur dann ein Verdienst haben, wenn die Ausgabe etwas Vollendetes darböte. — Weit interessanter ist die von Laplagne, Barris und Cassalade du Pont herausgegebene Sammlung von Siegeln aus der Gascogne[79]. Die Verfasser haben hier die Kirchensiegel und die Siegel des Adels edirt. Die Abdrücke sind bis auf den Strich genau. Die Urkunden, welche den Abdrücken vorangehen, werden grösstentheils in extenso gegeben. Es ist eine mit Sorgfalt hergestellte Sammlung, werthvoll vor allem für die Geschichte der englischen Kriege im Südwesten Frankreichs.

Paris, Anfang December 1889.
A. Molinier.
[185]
Neuere Literatur zur Geschichte Frankreichs im Mittelalter.

In dem gegenwärtigen Berichte über die auf Französische Geschichte des Mittelalters bezüglichen Werke, welche von November 1889 bis Nov. 1890 erschienen sind, werden wir wie letztes Jahr[80] alle diejenigen [186] unerwähnt lassen, welche rein localgeschichtl. oder populärer Natur sind; wir werden vorwiegend Arbeiten anführen, durch welche neue Quellen bekannt gemacht sind oder in denen selbständige Ideen vorgetragen werden.

I. Bibliographie, Quellenkunde und Hilfswissenschaften. Das Repertorium von R. de Lasteyrie und Eugène Lefèvre-Pontalis erscheint weiter, aber ziemlich langsam[81]. Ein fünftes Heft, das erste von Band II, ist 1890 erschienen; es enthält das Verzeichniss der von den gelehrten Gesellschaften der folgenden Departements veröffentlichten Schriften: Hérault, Ille-et-Vilaine, Indre, Indre-et-Loire, Isère; Jura, Landes, Loir-et-Cher, Loire, Loire-Inférieure, Haute-Loire, Loiret, Lot, Lot-et-Garonne, Lozère, Maine-et-Loire. — Für die Inventaires sommaires[82] des archives departementales communales et hospitalières fehlen uns genaue Notizen, da der officielle Bericht noch nicht erschienen ist. Der Handschriftenkatalog[83] endlich ist um folgende Bände bereichert worden: Arsenal T. V, Mazarine T. III; Départements T. XI. Der letztere Band enthält die Handschriften der Bibliothek von Chartres, die eine der reichsten in Frankreich ist und dem alten Ruf der Capitelsschule dieser Stadt durchaus entspricht.

Während diese bibliographischen Arbeiten officiellen Charakters sind, haben die Belgischen Jesuiten ihrerseits es unternommen, die hagiographischen Manuscripte der Pariser Nationalbibliothek auszubeuten. Der erste Band ist erschienen[84]; er enthält die Beschreibung von 274 Latein. Mss., mit zahlreichen Verweisungen auf gedruckte Werke. Im Anhang haben die Herausgeber den Text der wichtigsten unedirten Stücke, welche sie anführen, mitgetheilt. — Die Arbeit des Abbé U. Chevalier ist weit specieller; der Autor hat sich begnügt, liturgischen Büchern und Specialsammlungen, geschriebenen und ge- druckten, soweit sie ihm zugänglich wurden, die verschiedenen in der Römischen Kirche üblichen Gesänge[85] zu entnehmen und nach dem Alphabet zu ordnen. Dieses trockene Verzeichniss wird allen denen gute Dienste leisten, welche sich mit der Geschichte der Lateinischen [187] Poesie im Mittelalter beschäftigen. Das erste erschienene Heft enthält die Buchstaben A—D. — An dieser Stelle ist zu erwähnen die sehr wichtige Arbeit Barthélemy Haureau’s[86], des einzigen oder fast des einzigen Gelehrten in Frankreich, welcher sich ernstlich mit den Lateinischen Schriftstellern des eigentlichen Mittelalters beschäftigt hat. Dem grossen Publicum sind jene Autoren unbekannt und selbst von unseren Geistlichen werden dieselben nur selten durchgeblättert. In der Form von Handschriftenbeschreibungen vereinigt nun Haureau eine Menge brauchbarer Notizen über diese heutigen Tages sehr vernachlässigte Literatur zu einem ersten Bande. In jenen dunklen Commentaren und schwer zu verstehenden Tractaten werden die Gedanken, die Ideen der Gebildeten des 11. und 12. Jahrhunderts, also derjenigen, welche damals die Angelegenheiten der Christenheit leiteten, zu suchen sein.

Das beim Unterrichtsministerium bestehende Comité des travaux historiques et scientifiques hat es für nothwendig erachtet, seinen Provinzialcorrespondenten neue Instructionen zu ertheilen. Zwei Hefte sind erschienen. Das eine, von L. Delisle, handelt über Literatur und Geschichte des Mittelalters[87]; Verfasser gibt treffliche Regeln über das Aufsuchen und Commentiren unbekannter Documente und veröffentlicht eine gewisse Anzahl von Texten, die aus den Manuscripten der Nationalbibliothek sorgfältig ausgewählt sind. Das andere, von E. Leblant verfasst, ist eine Uebersicht über die Regeln der Kritik, welche heute von den Epigraphikern beim Studium christlicher Denkmäler befolgt werden[88].

Wir erwähnen noch das Répertoire des sources imprimées de la numismatique française von Engel und Serrure[89], welches nunmehr einschliesslich des Registers vollständig vorliegt; und eine Untersuchung des Abbe Douais über eine Handschrift der Geschichtswerke des Bernard Gui[90], sowie eine Abhandlung desselben Verfassers über die Handschriften des Schlosses Merville[91]. In letzterer findet man mehrere für die Geschichte Südfrankreichs wichtige Stücke ziemlich ausführlich beschrieben, u. a. auch eine bisher unbekannte Copie der in Provençalischer Prosa geschriebenen Chronik des Albigenserkrieges. [188] M. Prou’s Manuel de paléographie[92] füllt eine empfindliche Lücke aus. Man hatte in Frankreich bisher kein Buch, welches den Anfängern die Elemente dieser so wichtigen Wissenschaft darbot; die Curse der Paläographie an den Universitäten sind heute noch wenig zahlreich, und man kann von einem gewöhnlichen Studenten doch nicht verlangen, dass er sich in dem umfangreichen Traité de diplomatique der Benedictiner, oder gar in den Elements de paléographie von N. de Wailly zurechtfinde. Prou’s Werk ist ein gutes Handbuch und steht auf der Höhe der Wissenschaft; man hat ihm nur den Vorwurf gemacht, dass die Vertheilung des Stoffes wenig übersichtlich sei und die mehrmaligen Abschweifungen auf das Gebiet der Diplomatik oder Chronologie nicht zur Sache gehörten. Bei einer neuen Auflage wird der Verfasser diese geringfügigen Mängel leicht beseitigen können. Das Verzeichniss von Abkürzungen, welches den Band schliesst, wird gleichfalls den Anfängern gute Dienste leisten, wenn es sie auch nicht der Mühe überheben wird, auf Specialwerke, wie Walther’s Lexicon diplomaticum, zurückzugreifen.

Zum Schluss dieses Abschnittes sei noch eine neue Zeitschrift angezeigt, welche im November 1889 ins Leben trat, die Archives historiques[93]. Diese Sammlung wird von zwei ehemaligen Schülern der École des chartes, B. Prost und Welwert, redigirt und scheint lebenskräftig zu sein. Die Herausgeber wollten eine Zeitschrift schaffen, in welcher Jedermann die Documente, auf welche er bei seinen Forschungen gestossen, ob lang oder kurz, veröffentlichen könnte. Man kann dem Unternehmen nur guten Fortgang wünschen. Die im 1. Bande erschienenen Artikel sind fast alle beachtenswerth, für mittelalterliche so gut wie für neuere Geschichte; und wenn jeder Band ein sorgfältiges Register erhält, so wird diese Zeitschrift eine wahre Fundgrube sein und den Gelehrten nur empfohlen werden können.

II. Allgemeine und Verfassungs-Geschichte. Der im April verstorbene Ad. Tardif hatte es unternommen, eine Geschichte des Französischen Rechts zu schreiben, welches er seit nahezu 40 Jahren an der École des chartes lehrte. Nur zwei Bände konnte er noch erscheinen lassen, einen über das kanonische Recht (1887), den anderen über den Römischen Ursprung des Französischen Rechts[94]. Dieser letztere ist der weitaus bessere; er zeichnet sich durch klare und [189] präcise Darstellung aus und bietet jungen Historikern, zumal solchen, welche sich nicht speciell mit dem Rechtsstudium befasst haben, alle nur wünschenswerthen Aufschlüsse über die Quellen, die Glossatoren und die Commentatoren des Römischen Rechts. Es ist sehr zu bedauern, dass der Tod den Verfasser hinwegraffte und uns so des 3. Bandes beraubte, welcher die Quellen des Französischen Gewohnheitsrechts behandeln sollte, ein Gebiet, auf welchem Tardif eine staunenswerthe Kenntniss besass. — Allerdings wird in einem gewissen Masse das Werk P. Viollet’s[95] diesen 3. Teil von Tardif’s Handbuche ersetzen können. In einem früheren, sehr beifällig aufgenommenen Bande hatte der gelehrte Rechtshistoriker das Privatrecht behandelt; jetzt beschäftigt er sich mit dem Staatsrecht, und der 1. Band erstreckt sich bis an das Ende der Fränkischen Zeit, d. h. bis an das Ende des 9. Jahrhunderts. Der Verfasser beherrscht die Literatur seines Gegenstandes: er hat eine gewaltige Anzahl von Werken gelesen und die Quellen selbst studirt. Auch dieses Werk ist in jeder Hinsicht empfehlenswerth. Man wird wohl über viele Einzelheiten anderer Ansicht als Viollet sein, gewisse von ihm entwickelte allgemeine Ideen verwerfen, z. B. seine Bewunderung für den durch den Untergang des Römischen Reiches geschaffenen Zustand übertrieben finden können, aber selbst die, welche den einen oder den anderen von diesen Punkten für anfechtbar erklären, werden an dem Autor die Lauterkeit der Gesinnung und sein Wissen bewundern müssen und werden seine Auseinandersetzungen mit Nutzen lesen. Nur wenige Bücher sind gleich anregend und nutzbringend; man kann dasjenige Viollet’s Anfängern empfehlen, sie werden darin viel Richtiges und eine unparteiische Darstellung finden.

Dagegen wird man derselben Classe von Lesern nicht die Werke Fustel’s de Coulanges empfehlen können. Ein merkwürdiger Schriftsteller! Man hat ihn ohne allzu grosse Uebertreibung mit Montesquieu verglichen, und er kam sicherlich Guizot gleich; aber er besass eine solche rein persönliche Arbeitsmethode, eine solche wenigstens scheinbare Geringschätzung vor ihm erschienener Arbeiten, eine solche Scheu vor den durch andere Gelehrte entdeckten Wahrheiten, dass von seinem Geschichtswerk mehr Negatives als Positives übrig bleiben wird. Er hat gewiss seine Verdienste, besonders dadurch, dass er die schwachen Seiten der von ihm bekämpften Theorien aufzeigte, aber er hat mehr vernichtet als aufgerichtet. Jedoch zeichnen sich die beiden nach Fustel’s Tode von pietätvollen Schülern veröffentlichten Bände[96] in dieser Hinsicht vor den vorhergehenden aus. Zwar verliert [190] sich der Verfasser, indem er sich nicht damit begnügt, seine eigenen Ansichten über den Ursprung des unbeweglichen Eigenthums auseinanderzusetzen, in langathmige Erörterungen gegen die Verfechter eines ursprünglichen Collectiveigenthums. Aber gerade die Uebertreibungen in seinem System machen dasselbe wenig gefährlich, und die Ansicht, welche Fustel über den Ursprung des Lehnswesens und die Lage von Land und Leuten zur Merovingerzeit äussert, scheint sich nicht wesentlich von derjenigen zu unterscheiden, welche G. Waitz aufgestellt hat; und man weiss, dass des Letzteren System jetzt fast allgemein angenommen worden ist.

Einer der Gegner Fustel’s, dem er am übelsten mitspielte, war E. Glasson, Professor in der Juristenfacultät zu Paris, der den Versuch gemacht hat, gegen ihn das Vorhandensein von Gesammteigen in Frankreich zur Merowingerzeit zu erweisen. Die Beweise erscheinen ziemlich überzeugend, aber offen gestanden, die Frage gehört kaum in das eigentliche Gebiet der Geschichte[97]. Das grosse Werk von H. d’Arbois de Jubainville über den Ursprung der Ortsnamen in Frankreich[98] ist sehr wichtig; der gelehrte Verfasser weist nach, dass die meisten den Namen der ersten Eigenthümer der Fundi der Römischen Zeit entlehnt und in gewissen Fällen mit Gallischen Suffixen versehen worden sind. Diese Thatsache war schon bekannt, aber man hatte sie nie im Zusammenhang studirt, und die neuen Gesichtspunkte, welche d’Arbois bezüglich der Beschaffenheit des Grundeigenthums in der Gallischen und Gallorömischen Zeit eröffnet, bestätigen in gewissen Punkten, berichtigen in einigen anderen die Ansichten seiner Vorgänger.

Das Werk von A. Luchaire über die Französischen Gemeinden zur Zeit der Capetinger ist ein Ueberblick, verfasst von einem tüchtigen Historiker, der im Stande ist, auf Grund der in neuester Zeit aufgestellten Theorien über die Entstehung dieser interessanten Bildungen sich seine eigene Ansicht zu bilden und dieselbe zum Ausdruck zu bringen[99]. Der Verfasser kennt die Begebenheiten und die Menschen des 12. Jahrhunderts sehr gut, und versteht es, unter jenen auszuwählen und diese zu beurtheilen. Selbst die Gelehrten werden aus der Lectüre dieses Buches, das bescheiden als populäre Darstellung für das grosse Publicum bezeichnet wird, Nutzen ziehen. — Weit weniger wichtig ist der dem Kriegsdienst der Roturiers im 11. und 12. Jahrhundert gewidmete Artikel von M. [191] Prou[100]. Das Meiste von dem, was der Verfasser erwähnt, ist längst bekannt, und der ganze Aufsatz scheint lediglich zu dem Ende geschrieben zu sein, das Buch von Championnière über den Besitzwechsel, ein unvollkommenes, ganz veraltetes Werk, das einige darin enthaltene originelle Ansichten kaum vor der gänzlichen Vergessenheit schützen, in Erinnerung zu bringen.

Man gestatte dem Verfasser des vorliegenden Berichtes beiläufig seine eigene Abhandlung über die Französischen Nekrologien im Mittelalter zu erwähnen[101]. Bei diesem Werke, welchem ein umfangreiches Verzeichniss handschriftlicher und gedruckter Nekrologien des alten Frankenreichs beigefügt ist, wird der Versuch gemacht, Ursprung und Gebrauch jener Register darzulegen und zum Gebrauch für Gelehrte, welche damit zu thun haben, kritische Grundsätze aufzustellen. Ein Theil desselben Gegenstandes ist in einem kürzlich in Deutschland erschienenen Buche von Ad. Ebner[102] behandelt worden; der Verfasser schliesst mit der Karolingerzeit, d. b. gerade mit dem Zeitpunkte, um welchen die Nekrologien zum Vorschein kommen. Man wird in dieser Arbeit und in derjenigen von A. Molinier viel Verwandtes finden; sie werden sich gegenseitig ergänzen können.

In einer Abhandlung über die Anfänge des Parlamentes[103] zeigt Ch. V. Langlois, wie der Hof des Königs, das Parlament des 13. Jahrhunderts, allmählig aus der alten curia regis der ersten Capetinger, einer Versammlung von Getreuen des Königs, welche beauftragt sind, die richterliche Gewalt im Namen des Königs auszuüben, hervorgeht. Vom 12. Jahrhundert ab besitzt dieser Gerichtshof bereits eine eigene Rechtsprechung und feststehende Satzungen; im 13. Jahrhundert nimmt seine Zusammensetzung eine bestimmte Form an, er organisirt sich. Gleichwohl dauert es bis zur Regierung Philipps des Schönen, ehe man authentische Bestimmungen über die Thätigkeit dieser grossen politischen Körperschaft findet. — F. Aubert hat es unternommen, die Geschichte eben dieses Parlamentes von 1314 bis 1422 zu schreiben. In einem ersten Bande, welcher 1887 erschien, hatte er die Organisation des Gerichtshofes erforscht; der zweite behandelt die Zuständigkeit desselben[104]. In diesem Bande, ohne Frage dem besten des Werkes, zeigt Aubert, dass das Parlament von Paris, als Erbe der alten curia regis, zugleich ein [192] Gerichtshof und ein Verwaltungstribunal ist. Es entscheidet als oberste Instanz alle Processe des Reiches und gleichzeitig beaufsichtigt es die Schulen, die Universitäten und die Gemeindeverwaltung von Paris, beschäftigt sich mit den Hospitälern, dem Strassenwesen und der Verproviantirung der Hauptstadt. Als eifrige Stütze der Prärogative der Krone kämpft es scharf und ausdauernd gegen den Klerus und die grossen Herren, und arbeitet mit aller Kraft daran, das Aufkommen des Absolutismus, den Sieg der Ansprüche des Königthums vorzubereiten.

Die von A. Franklin veröffentlichten drei Bände über das Privatleben von ehemals[105] ermangeln nicht des Interesses; Verfasser spricht von den Mahlzeiten, von der Lage der Handwerker und von der Hygiene. Viele der angegebenen Facten datiren aus den letzten Jahrhunderten, doch hat der Verfasser durchgehends sein Augenmerk darauf gerichtet, den Ursprung der von ihm mitgetheilten Gebräuche zu erforschen. Das Bild, welches er von dem Leben der Franzosen von ehedem entwirft, ist nicht sehr verführerisch; dass dasselbe zutreffend, ist bestritten worden, gleichwohl muss man zugeben, dass man im Mittelalter gewöhnlich mit den Fingern ass, dass Communalverwaltung und Sanitätswesen auch in den reichsten Städten viel zu wünschen übrig liessen, endlich, dass der Handwerker trotz des Schutzes und der Hilfe, die er durch die Zünfte erhielt, nicht glücklicher war, als heute.

III. Geschichte einzelner Perioden. Man weiss, wie sehr sich die Werke über die sogenannte vorgeschichtliche Zeit seit einigen Jahren vermehrt haben; es wäre an der Zeit, zu versuchen, aus dieser wirren Masse von gewagten Hypothesen und scharfsinnigen Beobachtungen die wirklich annehmbaren Thatsachen hervorzuheben. Sal. Reinach hat es versucht, in seiner Einleitung zum Katalog der Alterthümer des Museums von S.-Germain-en-Laye. Seine lichtvolle, mit peinlicher Kritik verfasste Abhandlung wird ein trefflicher Führer für die zahlreichen Historiker sein, welche sich mit diesen entlegenen Zeiten beschäftigen; sie ist ein guter Wegweiser für das Studium der Anthropologie, soweit es sich dabei um Frankreich handelt[106].

Christliche Urzeit. Die Untersuchungen des Abbé L. Duchesne über die alten Bischofskataloge der Diöcese Tours[107] scheinen über die alten, noch heute von den Anhängern des apostolischen [193] Ursprungs der Gallischen Kirchen hartnäckig vertheidigten Legenden definitiv das Urtheil gesprochen zu haben. Soweit es sich historisch wahrscheinlich machen lässt, ist der westliche Theil des alten Lyonnais erst ziemlich spät christianisirt worden. Der hl. Gatian, der erste Bischof von Tours, scheint zu Constantin’s Zeiten gelebt zu haben; der hl. Martin, welcher 397 starb, fand das Heidenthum in diesem Theile des Kaiserreiches noch in Blüthe, und wenn es in Armorica auch schon früh Christen gab, so sind doch Bischöfe dort erst ziemlich spät eingesetzt worden: in Rennes und Vannes im 5., in Alet, Dol etc. im 8. und 9. Jahrhundert. Man darf hoffen, dass der gelehrte Akademiker derselben britischen Prüfung auch die Bischofslisten der anderen Gallischen Diöcesen wird unterziehen können, z. B. die von Sens und Reims. — Die Schriften des hl. Avitus sind erst kürzlich in den Monum. Germ. von Neuem herausgegeben worden; die neue Ausgabe der Homilien, Gedichte und Briefe dieses Bischofs von Vienne, welche der Abbé Ul. Chevalier soeben erscheinen liess, wird der Französischen Forschung zu gute kommen[108]. Die Feststellung des Textes ist mit peinlicher Sorgfalt erfolgt, die geschichtlichen Erläuterungen sind zahlreich und die Einleitung ist sehr instructiv; auch für die Geschichte des Königreichs Burgund wird man gut thun, die Daten, welche der neue Herausgeber für die Briefe des hl. Avitus gibt, zu beachten.

Die Merowingische Zeit ist der Gegenstand einer Anzahl werthvoller Arbeiten geworden. Die Schrift von Max Bonnet über die Sprache Gregor’s von Tours[109] ist die wichtigste unter denjenigen, deren Gegenstand das Werk dieses Vaters der Französischen Geschichtsschreibung seit einigen Jahren gewesen ist. Vom rein philologischen Standpunkte aus beleuchtet Bonnet von Neuem die Geschichte des Vulgärlateins in Gallien im 6. Jahrhundert; er gibt eine Fülle feiner und treffender Bemerkungen, deren Werth ein bleibender sein wird und welche ebenso wohl den Historiker wie den Sprachforscher interessiren. — Die Abhandlung von G. Kurth über die Gesta regum Francorum[110] ist nicht von derselben Bedeutung, aber sie bietet einige neue und, wie es scheint, sichere Facten; der Verfasser hat, wohl schärfer als seine Vorgänger, die der epischen Ueberlieferung entlehnten Theile des Werkes von denjenigen geschieden, welche jüngere volksthümliche Ueberlieferung enthalten.

Die Reihe der „Questions merovingiennes“ von J. Havet ist 1890 um zwei neue Abhandlungen bereichert worden. Die erste [194] behandelt die Anfänge von Saint-Denis[111]; Havet stellt hier fest, dass das Kloster von Dagobert, dem damaligen König von Austrasien, zwischen Januar 622 und Juli 625 gegründet wurde und dass die Uebertragung der Reliquien Dienstag den 22. April 626 stattfand; die eigentliche Abtei des hl. Dionysius muss von der „basilica S. Dionisii“, welche Gregor v. Tours wiederholt erwähnt, getrennt werden. Der hl. Dionysius hätte das Martyrium in dem Orte Catulliacus, wie Saint-Denis früher hiess, und nicht auf dem Montmartre erlitten. Alle diese Resultate wird man, scheint es, annehmen müssen, ausgenommen vielleicht das letzte, das man aus verschiedenen archäologischen Gründen wird bestreiten können. — In der zweiten Abhandlung[112] zeigt Havet an einigen Beispielen, wie man die Texte Merowingischer Urkunden mit Hilfe paläographischer Regeln berichtigen kann, und stellt die Echtheit einer Urkunde Chlotar’s I. von 629, welche alle früheren Herausgeber unter die acta spuria verwiesen haben, fest.

Charles Nisard, der im Laufe des Jahres 1890 gestorben ist, hatte zum Gegenstande seiner letzten Arbeiten den Dichter Fortunat gemacht. Sein Buch, betitelt „Fortunat, panegyriste des rois merovingiens[113], enthält in ebenso geschmackvoller wie besonnener Formulirung ein allgemeines Urtheil über den Menschen und den Dichter. Diese sämmtlichen Arbeiten Nisard’s sind jetzt vereinigt in einem besonderen Bande und unter eigenem Titel erschienen[114].

Für die Karolingische Zeit haben wir nur die Ausgabe der Gesta Aldrici von den Abbés Charles und Froger[115] anzuführen. Die Arbeiten Simson’s über den Entstehungsort- und die Entstehungszeit der falschen Decretalen haben die Aufmerksamkeit der Gelehrten von Neuem auf diese merkwürdige Quelle gelenkt. Die neue Ausgabe, welche mit Sorgfalt nach der einzigen in Le Mans aufbewahrten Handschrift veranstaltet ist, wird also willkommen sein, doch haben die Herausgeber leider nicht versucht, das Echte vom Unechten zu scheiden. Alderich war zweifellos ein Fälscher, die Geschichte der Urkunden von Saint-Calais beweist es, aber man weiss noch nicht, welche von jenen Stücken er erfunden und welche er nur interpolirt hat. — Interessant ist die Abhandlung von J. Desilve über die Klosterschule von Saint-Amand[116]; man findet dort gute Angaben über die hervorragenden Schriftsteller, welche ihr im 9. und 10. Jahrhundert zum Ruhm gereichten: Milo, Hucbald, Giselbert und Folcuin, [195] auch eine treffliche Studie über die alte Klosterbibliothek, welche jetzt theils in Valenciennes, theils in der Pariser Nationalbibliothek aufbewahrt wird. — Führen wir noch eine Abhandlung des Abbé U. Chevalier an, betitelt: La plus ancienne chronique de l’église de Vienne[117]; sie ist nach einer Handschrift saec. 10 in Bern wiedergegeben und bietet ein gewisses Interesse für die alte Geschichte der Provinzen Arles und Vienne.

11. und 12. Jahrhundert. Das Leben des hl. Hugo, Abtes von Clugny, von P. Lhuillier, ist weniger ein Geschichtsbuch als ein Panegyricus[118]. Der Verfasser nimmt ganz in der Auffassungsweise älterer Zeit ohne Zaudern die phantastischsten Erfindungen der Legendenschreiber des 11. Jahrhunderts an; doch ist aus dem dicken Bande eine gute Studie über Gilo’s bis auf Lhuillier nicht benutzte Biographie des hl. Hugo hervorzuheben. Das Buch ist übrigens interessant zu lesen und gibt eine sehr sorgfältige Uebersicht über die Schriften der alten Hagiographen. — Das Werk P. Ragey’s über den hl. Anselm[119] ist wissenschaftlicher; man findet darin zwar breite und überflüssige Auseinandersetzungen, aber der Verfasser hat es doch verstanden, ein hinlänglich klares und im ganzen interessantes Bild von der Thätigkeit dieses grossen Heiligen zu entwerfen, der zu den regsten Geistern seiner Zeit zählte und noch heute einer der am besten bekannten Philosophen des Mittelalters ist. — Weniger wichtig ist sicherlich die Biographie des Dichters und Bischofs von Rennes, Marbod, von L. Ernault[120]. Verfasser hat es nicht vermocht, ein kritisches Verzeichniss der Werke dieses Mannes herzustellen; doch muss man anerkennen, dass er umfassender als seine Vorgänger das Leben des Prälaten studirt hat.

Die Jahrbücher der Regierung Ludwig’s VI. von Luchaire nehmen unter den Erscheinungen des Jahres 1890 eine hervorragende Stelle ein[121]. Das Werk besteht aus zwei getrennten Theilen: einer umfangreichen Einleitung und Regesten. Diese letzteren sind nicht ganz vollständig; man merkt, dass der Verfasser sich nicht an jene Genauigkeit gewöhnt hat, welche man heutzutage von einem Gelehrten verlangt. In der Anordnung der Verweisungen und in den Urkundenauszügen zeigt sich bisweilen eine gewisse Unerfahrenheit. Gleichwohl [196] werden diese Regesten, die Fracht langer und ausdauernder Forschungen, gute Dienste leisten, und die Einleitung ist, alles in allem, ein vortreffliches Stück geschichtlicher Darstellung, besonnen und elegant geschrieben; sie ist reich an neuen Anschauungen über die Geschichte des 12. Jahrhunderts. Seit Michelet dürfte der Charakter Ludwig’s VI. nie mit gleichem Glück gezeichnet sein und kein Geschichtschreiber mit gleicher Gründlichkeit die Ursachen der Grösse des Capetingischen Hauses erforscht haben. Ohne Frage ist es das beste Werk Luchaire’s; wir ziehen es selbst seiner Geschichte der Französischen Verfassung unter den ersten Capetingern vor. — Die Geschichte der Ehescheidung Ludwig’s VII. und Eleonore’s von Poitou ist noch immer wenig bekannt. Der Abbe Vacandard hat nun die Rolle, welche das Papstthum in dieser Angelegenheit spielte, untersucht; seine Resultate sind etwas unbestimmt und er scheint vergessen zu haben, dass im 12. und 13. Jahrhundert die Päpste in Angelegenheiten dieser Art sehr oft grösseres Gewicht auf die Anforderungen der Politik als auf kanonische Fragen legten[122]. Selbst die Rolle des hl. Bernhard in dieser Sache ist im Ganzen wenig bekannt. Uebrigens ist dies nicht der einzige Punkt, welcher in der Geschichte des Lebens und der Werke des berühmten Schriftstellers aufgeklärt werden muss; so zeigt z. B. Hauréau[123], dass die nach Angabe der Zeitgenossen von ihm verfassten Gedichte jedenfalls verloren sind und dass man dem Stifter von Clairvaux streng genommen keinen von den jämmerlichen Versen wird zuschreiben dürfen, welche unter seinem Namen von den sachkundigsten Editoren, selbst von Mabillon veröffentlicht worden sind.

V. Mortet’s Biographie des Maurice de Sully, Bischofs von Paris, Stifters von Notre-Dame und Reformators des Klerus der Diöcese, ist ein ausgezeichnetes Geschichtswerk[124]. Ein wissenschaftlich gebildeter Prälat wird uns hier gezeigt, der es versteht, mit der königlichen Macht auf gutem Fasse zu bleiben und seine Kirche weise zu leiten, dabei doch seine Tafelgelder vortrefflich verwaltet und gewaltige und kostspielige Projecte zu einem guten Ende führt.

Vom 13. bis Anfang des 14. Jahrhunderts. Universitäts-Geschichte. Die Bemühungen der Behörden um die Reorganisation des höheren Unterrichtswesens in Frankreich beginnen unleugbar ihre Früchte zu bringen. Die Geschichte der alten Universitäten steht bei den Gelehrten in grosser Gunst und wir haben auf diesem Gebiete [197] drei Werke anzuzeigen, von denen zwei im Auftrage der Central Verwaltung veröffentlicht sind. Das erste und beste ist das Chartularium universitatis Parisiensis von H. Denifle und E. Châtelain[125]. Band I erschien und umfasst die Jahre 1200—1286: vermöge des Interesses, welches die hier veröffentlichten Urkunden erwecken, und durch die auf ihre Herausgabe verwendete Sorgfalt ist dieses Werk das beste unter allen, deren Gegenstand die Geschichte der alten Pariser Universität seither gewesen ist. Fehler in grösserer Anzahl hier nachzuweisen, würde schwer halten; die sehr massvollen und umsichtigen Erläuterungen bekunden die tiefe Gelehrsamkeit und den guten Geschmack der Herausgeber. — Das zweite Werk, Die Statuten und Privilegien der Französischen Universitäten, hrsg. von Marcel Fournier[126], ist gleichfalls sehr interessant und wird gute Dienste thun. Aber vielleicht hat der Herausgeber in dem Wunsche, die Ausgabe zu beschleunigen, nicht genug Sorgfalt auf die Auswahl der zu veröffentlichenden Texte und auf die Correctur verwendet: daher die vielen kleinen Fehler, welche den schönen Band entstellen, allerdings ohne das Interesse daran merklich zu schmälern. Man darf erwarten, dass die nächsten Bände mehr nach Wnnsch ausfallen. — Führen wir endlich das Werk des Abbé Péries über die Pariser Juristenfacultät bis zu ihrer Aufhebung im Jahre 1793[127] an; dasselbe ist interessant, bietet aber für das Mittelalter am wenigsten Neues. Der Verfasser hat vorwiegend die neuere Zeit, das 16. und 17. Jahrhundert, studirt.

Für das 13. Jahrhundert haben wir sonst nur einige Zeitschriftenartikel anzuführen; in erster Linie eine Notiz L. Delisle’s, welche die Entdeckung der Fragmente von Verwaltungsberichten aus der Zeit Ludwig’s des Heiligen in Büchereinbänden, die aus dem Anfang des Jahrhunderts herrühren, meldet[128]; diese Fragmente datiren von 1247 und 1248 und betreffen die Picardie. — Ch. V. Langlois hat einige Details aus für Frankreich wichtigen Acten mitgetheilt, welche er in Englischen Bibliotheken und Archiven gefunden hat[129].

Aus der viel reichhaltigeren Historiographie über das 14. Jahrhundert sei zunächst die Abhandlung Pirenne’s über die Schlacht von Courtrai 1302 erwähnt, in welcher die Französische und [198] die Vlämische Version des Schlachtberichtes untersucht werden; beide gehen bis ins 14. Jahrhundert zurück[130]. Hier führen wir auch an einen von Viard sehr sorgfaltig veröffentlichten Text[131]; es ist eine etwa 1329 für die Rechnungskammer angefertigte Liste aller königlichen Beamten in Frankreich mit Angabe der Höhe ihrer Gehälter.

Zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts. Einer der Artikel des Vertrages von Brétigny (1360) bedang die Freilassung König Johann’s gegen eine hohe Summe aus; als Garantie für die Zahlung dieses Lösegeldes stellte der König von Frankreich eine bestimmte Anzahl Bürgen. Sir Duckett hat eine Anzahl interessanter Berichte über die Ausführung dieser Clausel zusammengestellt: sie sind theils dem reichen Lyoner Stadtarchiv, theils Documenten entnommen, welche kürzlich der Herzog de la Trémoille der Pariser Nationalbibliothek geschenkt hat[132]. — S. Luce, der wohlbekannte Herausgeber der Chronik von Froissart, vereinigt jetzt unter einem Gesammttitel mehrere hier und da von ihm veröffentlichte Abhandlungen, die sich ausnahmslos auf die Geschichte Frankreichs während des hundertjährigen Krieges beziehen[133]. Der Verfasser hat geglaubt, den kritischen Apparat, Anmerkungen und Verweise weglassen zu müssen; aber trotz dieses Entschlusses wird der Band ebensowohl und vielleicht noch mehr das Interesse der Gelehrten als der Laien erregen. Jede dieser Abhandlungen, für sich genommen, ist interessant und enthält wichtige Thatsachen und neue Ansichten. Man hat aber dem Verfasser die üble Neigung zum Vorwurf gemacht, auf ganz moderne Vorgänge anzuspielen, zu voreilig vom Besondern aufs Allgemeine zu schliessen, zu oft — bei jedem Anlass und auch ohne solchen — seine persönliche Ansicht zu geben.

Die Fragen der Wirthschafts- und Socialgeschichte sind heute für den Historiker von grossem Interesse; er findet mannigfache Belehrung in dem Contobuch der Gebrüder Bonis, welches E. Forestié veröffentlicht hat[134]. Die Bonis waren Bankiers und Commissionäre in Montauban um die Mitte des 14. Jahrhunderts, [199] und ihre Unternehmungen erstreckten sich auf die verschiedenartigsten Dinge: Ein- und Verkauf von Möbeln, Kleidungsstücken und Ausrüstungsgegenständen, von Pferden, Spezereien und Medicamenten, Darlehen und Einziehung von Steuern und Zinsen. Ihr von Forestié veröffentlichtes Contobuch wimmelt von werthvollen Nachrichten über die Lebensweise der Bewohner von Quercy und Toulouse in der Zeit von 1345—1368, über Umlauf und Werth der Münzen und über den Preis der unumgänglich nothwendigen Producte, sowie der einheimischen und fremden Marktwaare. Die Vorrede des Herausgebers ist sorgfältig und sehr gelehrt; vielleicht werden seine Folgerungen ein wenig optimistisch erscheinen. Nichtsdestoweniger scheint es sicher, dass dieser Theil Frankreichs zu jener Zeit sich einer Wohlhabenheit, eines Reichthums erfreute, den das ganze Land erst viel später gewann.

Die Abhandlung von Fr. Delaborde über die eigentliche Chronik des Mönchs von Saint-Denis[135] zeigt, welcher Platz in der Französischen Historiographie der berühmten Chronik über die Regierung Karl’s VI., deren Autor noch nicht sicher ermittelt werden konnte, gebührt. Der Verfasser führt den Nachweis, dass der Mönch von Saint-Denis, ehe er die Geschichte der letzten Jahre des 14. Jahrhunderts erzählte, eine grosse Universalgeschichte verfasst hatte ; und von dieser Geschichte hat Delaborde zwei wichtige Bruchstücke wiedergefunden, von denen das eine von 768 bis 1065, das andere von 1057 bis 1270 reicht.

De Circourt setzt seine Forschungen über die auswärtige Politik des Herzogs Louis von Orléans fort[136]; in einer neuen Abhandlung beschäftigt er sich mit den Beziehungen dieses Fürsten zum Hause Luxemburg und zu König Wenzel; man wird darnach das im vorigen Jahre hier angezeigte Werk von Jarry in einigen Punkten ergänzen und berichtigen können.

Erste Hälfte des 15. Jahrhunderts. Coville’s Werk über den Pariser Aufstand von 1413 ist zweifellos eines der besten Geschichtswerke, welche in Frankreich innerhalb des verflossenen Jahres erschienen sind[137]. Das Buch beginnt mit einem Gesammtbild des Zustandes des Königreichs in den ersten Jahren des 15. Jahrhunderts. [200] Man hat dem Verfasser den Vorwurf gemacht, er habe zu schwarz gemalt. Mag dieser Vorwurf in gewisser Hinsicht begründet sein und Coville sich haben hinreissen lassen, die Angaben der Quellen zu sehr zu verallgemeinern: nichtsdestoweniger bleibt ein bemerkenswerthes und, wie es scheint, im Ganzen zutreffendes Bild bestehen. Weiterhin werden dann die vom Bürgerthum und den Gebildeten bewirkten, durch die Verordnung vom Jahre 1418 bestätigten, aber durch die Gewaltthätigkeiten des Pöbels und die Intriguen des Herzogs von Burgund, Johann ohne Furcht, wieder beseitigten Reformen dargelegt. Nie scheiterte eine so weise und so trefflich angeordnete Reform in einer so kläglichen Weise. Im 15. wie im 18. Jahrhundert und überhaupt stets führten die Ausschreitungen der rohen Volksmasse die Rückkehr aller Missbräuche und eine blutige Reaction herbei. — Die Abhandlung Dognon’s über Languedoc während der Jahre 1416 bis 1420[138] zeigt, in welchen Zustand das Land bald wieder zurücksank; durch einen neuen Aufstand aus Paris verjagt, musste der Dauphin, der spätere Karl VII., im südlichen Frankreich einen Stützpunkt suchen und, von dem Adel Nordfrankreichs verrathen, sich mit kaum noch Französischen Fürsten, wie dem Grafen von Foix, verbünden.

Jedes Jahr mehren sich die Forschungen zur Geschichte der Jeanne d’Arc. Wir haben noch mehrere Werke über diesen Gegenstand zu verzeichnen, aber die umfangreichsten sind nicht die bedeutendsten. Das Buch von H. Blaze de Bury, ein nachgelassenes Werk, dessen Herausgabe pietätvolle Hände für nützlich erachtet haben, ist ganz und gar werthlos[139]; der Verfasser war alles eher, denn ein Gelehrter, und das Publicum würde wohl gerne darauf verzichtet haben, seine Meinung über die Jungfrau von Orleans kennen zu lernen. — Das Werkchen Lesigne’s[140] ist nur ein Paradoxon; der Verfasser, ein hervorragender Philosoph, behauptet, dass Johanna gar nicht in Rouen verbrannt wurde, vielmehr aus der Gefangenschaft entronnen, später unter dem Namen Jeanne des Armoises wieder auftauchte, sich verheirathete und Familienmutter wurde. Wir würden dieses wunderliche Buch gar nicht anführen, hätten es nicht viele Journalisten, Französische wie fremde, ernsthaft genommen. — Die vier Bände des Capitän Marin[141] haben ebensowenig [201] Werth. Dass ein Franzose den Charakter der Jungfrau verherrlicht, auch wohl ihren Antheil an den Ereignissen übertreibt, — nichts natürlicher als das; aber aus diesem heldenmüthigen Mädchen eine Heerführerin, eine Schlachtenlenkerin zu machen, diese Zumuthung ist denn doch zu stark. Der Verfasser kennt übrigens seinen Gegenstand nur unvollkommen und sein Werk ist verworren, zu weitschweifig und ermüdend zu lesen. Marin’s wie Lesigne’s Werke werden hier lediglich erwähnt, um vor ihnen zu warnen. — Interessanter ist die von Lanery d’Arc[142] veröffentlichte Quellensammlung; sie enthält die zur Zeit des Rehabilitationsprocesses Johanna’s von den hervorragendsten Kanonisten und Theologen jener Zeit gelieferten Denkschriften. Viele derselben waren von Quicherat, dem Herausgeber der Processacten, mit Fug und Recht weggelassen worden; nichtsdestoweniger verdienen einige die Beachtung der Gelehrten. Der neue Herausgeber hat den Text ohne jeden kritischen Apparat gegeben; er hätte vielleicht noch besser daran gethan, wenn er die Wiederholungen und den grösseren Theil von dem Gerede seiner schwatzhaften und über die Massen weitschweifigen Autoren gestrichen hatte. — Weit wichtiger sind die Ausführungen, welche Ch. de Beaurepaire, Archivar des Departements Seine-Inferieure, über die Richter der Jeanne d’Arc gibt[143], ihre Persönlichkeiten schienen zwar schon hinreichend bekannt, doch haben Beaurepaire’s Nachforschungen in den ihm unterstellten Archiven es ermöglicht, zu den älteren Nachrichten viele neue hinzuzufügen. — Unter jenen Richtern befanden sich mehrere fromme Dominicaner. Diese schon von einigen Andern bemerkte Thatsache hatte einen der neueren Biographen der Jungfrau, einen von denjenigen, welche seit Quicherat das Meiste zu unserer Kenntniss der Anfänge der Jeanne d’Arc beigetragen haben, S. Luce, zu dem Schlusse geführt, dass der Predigerorden der Heldin gegenüber stets eine feindselige Haltung beobachtet habe. Letzteres hat einen Dominicaner, den Pater Chapotin, gewaltig aufgeregt, so dass er unternommen hat, jene Ausführungen zu widerlegen[144]. In mehreren Punkten scheint Chapotin Recht zu haben. So weist er nach, dass Luce etwas leichthin behauptet habe, dass [202] Jean Petit Predigermönch gewesen sei und dass der genannte Dominicanerorden mit Leib und Seele der Sache Burgunds ergeben gewesen sei. Aber Ch. hat weder die Väter des Konstanzer Concils gegen den Vorwurf der Bestechlichkeit rechtfertigen können, noch das Andenken des dem Johann ohne Furcht mit Leib und Seele ergebenen Martin Poirée wieder zu Ehren zu bringen vermocht. Luce’s Buch behält trotz einiger Irrthümer in der Hauptsache seinen vollen Werth, und es scheint erwiesen, dass wir Joanne d’Arc den Predigten der Minoriten verdanken.

Um mit dem hundertjährigen Kriege zu Ende zu kommen, erwähnen wir noch kurz einige Abhandlungen, welche einzelne Provinzen des Königreiches in der Mitte des 15. Jahrhunderts betreffen. Zuerst eine gute Arbeit André Joubert’s[145] über Maine; sodann eine wichtige Abhandlung de Fréminville’s über die Schinder in Burgund[146]; ferner einen umfangreichen Aufsatz des Abbé R. Charles über die Englischen Einfälle in Maine in den Jahren 1417 bis 1428[147]; endlich die interessanten Untersuchungen Gasté’s über die Volksaufstände in der Normandie. Letzterer bespricht ausführlich die Vaux-de-Vire des Olivier Basselin[148].

Zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts. G. de Beaucourt, der den Druck seiner grossen Geschichte Karl’s VII. fortsetzt, hat einige Bruchstücke von Bd. V.[149] veröffentlicht. Er behandelt darin den Process des Jacques Coeur und sucht nachzuweisen, dass der König seinen Minister nicht aus Feigheit preisgab. Es dürfte schwer sein, diesen Theil so getrennt vom Ganzen zu beurtheilen; der Verfasser kommt zu dem Schluss, dass der Sturz Jacques Coeur’s aus schwer zu ermittelnden politischen Gründen erfolgte. Dies ist wohl möglich, doch dürfte de Beaucourt in diesem Punkte wie in der Sache Jeanne d’Arc’s Mühe haben, Karl VII. von jedem Vorwurf der Undankbarkeit zu reinigen. — Die Beziehungen der Französischen Könige zu den Italienischen Staaten im 15. Jahrhundert sind noch lange nicht genügend bekannt; man wird daher die beiden Abhandlungen P. M. Perret’s über die Gesandtschaft Jean’s de Chambres an Venedig (1459)[150] — der Verfasser veröffentlicht hier die Berathungen des Venetianischen Senates über die Vorschläge des Königs — und über den am 9. Januar 1478 zwischen Ludwig XI. [203] und dieser Republik geschlossenen Frieden[151], welcher den langen Streitigkeiten zwischen Frankreich und Venedig ein Ziel setzte, mit Interesse lesen.

Unter eben diesem Ludwig XI. wurde die Buchdruckerkunst in Frankreich definitiv eingeführt. Diese Frage war im vergangenen Jahre der Gegenstand mehrerer werthvoller Arbeiten. An erster Stelle ist zu erwähnen die grosse Sammlung von Platten, welche O. Thierry-Poux[152] herausgegeben hat. Man findet dort Schrifttafeln in Lichtdruck reproducirt, welche den ältesten Französischen Drucken des 15. Jahrhunderts (1470—1500) entlehnt sind. Diese Sammlung enthält zwar alles, was man heute von den Anfängen der Buchdruckerkunst in Frankreich weiss, doch jeder Tag bringt neue Entdeckungen, welche die eben gewonnenen Vorstellungen modificiren. In Avignon z. B. hat der Abbé Requin Urkunden gefunden, aus denen hervorgeht, dass in dieser Stadt 1444—1446 ein gewisser Procope Waldfoghel lebte, welcher zum Zweck der Ausübung des Buchdrucks Gehilfen suchte; er besass Pressen und bewegliche Lettern. Wenn man nun auch nicht wird behaupten können, dass schon von dieser Zeit ab in Avignon Bücher gedruckt worden, so beweisen diese Quellen doch, dass die neue Erfindung damals bereits einen ziemlichen Weg zurückgelegt hatte[153].

Für die Regierung Ludwig’s XI. haben wir nur noch den die Jahre 1469—72 umfassenden vierten Band der Sendschreiben dieses Fürsten anzuführen, welche Vaesen für die Société de l’histoire de France herausgegeben hat[154], und eine sehr wichtige Abhandlung von B. de Mandrot über Jacques d’Armagnac, Herzog von Nemours[155]. Ausgedehnte Forschungen haben es dem Verfasser ermöglicht, ein definitives Urtheil über ihn zu fällen. Er war ein schwacher, treuloser Charakter, der es weder vermochte, Ludwig XI. offen zu verrathen, noch getreu sein Glück an dasjenige dieses Fürsten zu ketten. Er besass allerdings daneben gute Eigenschaften, war auch sehr gebildet und hatte eine prachtvolle Sammlung von Handschriften, von denen viele noch in Paris Bind, zusammengebracht. Aber die Unentschlossenbeit seines Charakters richtete ihn zu Grunde. Ludwig XI. verzieh ihm zwar ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit wiederholt, aber dafür liess er auch, nachdem er sich einmal entschlossen, ihn zu strafen, eine ungewöhnliche Strenge und Grausamkeit walten. [204] Ohne diese Ausschreitungen vertheidigen zu wollen, muss man freilich zugeben, dass Jacques de Nemours ein Verräther war, und dass er zu einer Zeit, zu welcher auf politische Verbrechen die Todesstrafe gesetzt war, sein Schicksal verdient hatte. Ludwig’s XI. strenges Verfahren war um so unpolitischer, als es dem Herzoge von Nemours die Sympathien der Zeitgenossen verschaffte und seine Fehler vergessen liess.

Die Chronik Ludwig’s XII. von Jean d’Auton war seit Anfang des letzten Jahrhunderts nicht wieder in sorgfaltiger Weise edirt worden; die Ausgabe von de Maulde[156] wird daher willkommen sein. Die Herstellung des Textes war übrigens ziemlich leicht, denn wir besitzen noch die Originalhandschrift des Werkes. Es handelte sich also nur darum, dasselbe abzuschreiben und zu erläutern. Die Erläuterungen, welche der neue Herausgeber gibt, scheinen etwas ungleichmässig zu sein: bald sind sie zu zahlreich und überflüssig, bald hinwiederum fehlen die Anmerkungen gerade da, wo sie nöthig wären. Nichtsdestoweniger wird diese Ausgabe erwünscht sein, zumal der Text unendlich besser als derjenige Godefroy’s zu sein scheint. Demselben de Maulde verdanken wir eine Geschichte Ludwig’s XII., die umfangreich zu werden verspricht. Die beiden ersten Bände, die bisher erschienen, reichen bis zu Karl’s VIII. Italienischem Feldzuge[157]. Verfasser hat viel gelesen und gesammelt, und veröffentlicht nun das Resultat seiner Forschungen, doch ein rechtes Buch daraus zu machen, versucht er nicht. Das Werk ist weitläufig und lässt die Gestalt Ludwig’s XII. nicht klar hervortreten. Es scheint, als wolle de Maulde die gangbaren Ansichten über Charakter und Bedeutung dieses Fürsten adoptiren, ohne Front zn machen gegen die herkömmliche Bewunderung für diese in jeder Hinsicht sehr mittelmässige Persönlichkeit.

Localgeschichte. Des Abbé Lebeuf Geschichte von Stadt und Diöcese Paris wird noch heute von den Gelehrten geschätzt; zwar ist sie in ihrer Form zerrissen und in ihrer Anordnung unbequem, indess der Verfasser hatte viele Urkunden gesehen und besass in nicht geringem Grade Sinn für die alte Zeit. Jedenfalls konnte es verdienstlich erscheinen, das Werk dem heutigen Stande der Wissenschaft entsprechend zu vervollständigen. Vor 25 Jahren hatte dies ohne Erfolg Hippol. Cocheries versucht; seine Arbeit, die übrigens unvollendet blieb, ist mangelhaft und schlecht entworfen. Bessere Dienste wird die neue Ausgabe F. Bournon’s leisten, von welcher [204] Ohne diese Ausschreitungen vertheidigen zu wollen, muss man freilich zugeben, dass Jacques de Nemours ein Verräther war, und dass er zu einer Zeit, zu welcher auf politische Verbrechen die Todesstrafe gesetzt war, sein Schicksal verdient hatte. Ludwig’s XI. strenges Verfahren war um so unpolitischer, als es dem Herzoge von Nemours die Sympathien der Zeitgenossen verschaffte und seine Fehler vergessen liess.

Die Chronik Ludwig’s XII. von Jean d’Auton war seit Anfang des letzten Jahrhunderts nicht wieder in sorgfaltiger Weise edirt worden; die Ausgabe von de Maulde[158] wird daher willkommen sein. Die Herstellung des Textes war übrigens ziemlich leicht, denn wir besitzen noch die Originalhandschrift des Werkes. Es handelte sich also nur darum, dasselbe abzuschreiben und zu erläutern. Die Erläuterungen, welche der neue Herausgeber gibt, scheinen etwas ungleichmässig zu sein: bald sind sie zu zahlreich und überflüssig, bald hinwiederum fehlen die Anmerkungen gerade da, wo sie nöthig wären. Nichtsdestoweniger wird diese Ausgabe erwünscht sein, zumal der Text unendlich besser als derjenige Godefroy’s zu sein scheint. Demselben de Maulde verdanken wir eine Geschichte Ludwig’s XII., die umfangreich zu werden verspricht. Die beiden ersten Bände, die bisher erschienen, reichen bis zu Karl’s VIII. Italienischem Feldzuge[159]. Verfasser hat viel gelesen und gesammelt, und veröffentlicht nun das Resultat seiner Forschungen, doch ein rechtes Buch daraus zu machen, versucht er nicht. Das Werk ist weitläufig und lässt die Gestalt Ludwig’s XII. nicht klar hervortreten. Es scheint, als wolle de Maulde die gangbaren Ansichten über Charakter und Bedeutung dieses Fürsten adoptiren, ohne Front zn machen gegen die herkömmliche Bewunderung für diese in jeder Hinsicht sehr mittelmässige Persönlichkeit.

Localgeschichte. Des Abbé Lebeuf Geschichte von Stadt und Diöcese Paris wird noch heute von den Gelehrten geschätzt; zwar ist sie in ihrer Form zerrissen und in ihrer Anordnung unbequem, indess der Verfasser hatte viele Urkunden gesehen und besass in nicht geringem Grade Sinn für die alte Zeit. Jedenfalls konnte es verdienstlich erscheinen, das Werk dem heutigen Stande der Wissenschaft entsprechend zu vervollständigen. Vor 25 Jahren hatte dies ohne Erfolg Hippol. Cocheries versucht; seine Arbeit, die übrigens unvollendet blieb, ist mangelhaft und schlecht entworfen. Bessere Dienste wird die neue Ausgabe F. Bournon’s leisten, von welcher [205] soeben Heft 1 erschien. Die Zusätze des Herausgebers sind bequem vertheilt und beschränken sich in massvoller Weise auf die Hauptpunkte. Das Werk des Abbé Lebeuf wird aus seinen Händen mehr als doppelt so stark und unendlich vollständiger hervorgehen[160]. — Die von E. Coyecque veröffentlichten Texte sind den Berathungsprotokollen des Capitels von Notre-Dame in Paris entnommen. Sie werfen ein ganz neues Licht auf die Geschichte des Krankenhauses der Stadt[161]; der Herausgeber bat die von ihm abgedruckten Urkunden nicht mit Anmerkungen versehen, doch ist hierfür zu beachten, dass ein erster Band, der noch erscheinen soll, die Geschichte des Krankenhauses bis zum 16. Jahrhundert enthalten wird. Viele der von Coyecque mitgetheilten Stücke scheinen übrigens von untergeordnetem Interesse zu sein; wir haben hier eine ein wenig ins Kleine gehende Gelehrsamkeit vor uns. — Die Geschichte des Hospitals von Bicêtre von E. Richard[162] ist anziehend, bietet aber für das Mittelalter nichts, was man nicht schon anderswoher wüsste. — Endlich erwähnen wir zur Pariser Provinzialgeschichte noch einen Artikel L. Sandret’s über die Fähre von Conflans-Sainte-Honorine im Mittelalter[163], der Verfasser veröffentlicht hier einen ziemlich interessanten Bericht vom Jahre 1467; ferner die Notes historiques sur Saint-Mandé von Ul. Robert[164]. Letztere Arbeit ist eine treffliche Monographie über dieses jetzt zu einem blühenden Städtchen gewordene Dorf. — Von vielen Benedictinerabteien besitzen wir handschriftlich Geschichten, welche im 17. und 18. Jahrhundert von den Mönchen der Congregation de Saint-Maur verfasst worden sind. Diese Ausarbeitungen bleiben sich an Werth nicht überall gleich, man könnte vielleicht bei der Herausgabe derselben stark kürzen. Denn diese schriftstellernden Mönche waren so weitschweifig als nur möglich, und viele der von ihnen mitgetheilten Details sind jetzt von keinem Interesse. So verhält es sich mit der Geschichte von Orbais, welche Nicolas du Bout im Jahre 1702 verfasste und E. Héron de Villefosse jetzt veröffentlichte[165]. Die Zusätze und Anmerkungen des modernen Schriftstellers sind so interessant und erheblich, dass sie den Werth des Originalwerkes [206] verdoppeln. Man findet namentlich viele interessante Einzelheiten über die Kirche und die Klostergebäude. — P. Guilhermoz veröffentlichte neue und sehr beachtenswerthe Stücke, die den mutterbürtigen Adel in der Champagne betreffen[166]. Man weiss, was für Staub jene Frage aufgewirbelt hat. Mehrere Gelehrte glaubten, dass es sich hier nur um einen privilegirten Bürgerstand handle; andere dagegen haben behauptet, dass dieser Punkt des Gewohnheitsrechtes nie unumstösslich festgestanden habe. Die von Guilhermoz mitgetheilten Stücke beweisen nun, dass der fragliche Rechtssatz zu Anfang des 14. Jahrh. vollkommen anerkannt war und dass damit die für Leibeigene geltende Regel „le fruit suit le ventre“ auch auf den Adel ausgedehnt war. Es gab also wie Leibeigene so auch Adlige durch mütterliche Abstammung. — Endlich erwähnen wir für die Geschichte der östlichen Provinzen Frankreichs noch die Abhandlungen Ch. Pfister’s über die Legenden vom hl. Dié und vom hl. Hydulphe[167]. Der Verfasser stellt hier als Datum der Gründung des Klosters Saint-Dié das Jahr 669 und für das Kloster Moyenmoutier den Anfang des 8. Jahrhunderts endgültig fest.

Die Geschichte der Provinz Perche ist bisher ein wenig vernachlässigt worden. Zwei ehemalige Schüler der École des chartes, O. de Romanet und H. Tournouer, haben zur Ausfüllung dieser Lücke die periodische Veröffentlichung von Quellen über diese Provinz unternommen; diese Hefte erscheinen vierteljährlich. Man findet hier Arbeiten der alten Geschichtschreiber des Landes, Urkunden und Copialbücher, endlich eine Specialbibliographie[168]. Die ersten Hefte bieten manches Interessante. — Für dieselbe Provinz können wir noch das Chartular der Abtei La Trappe anzeigen, welches die Société historique de l’Orne[169] herausgegeben hat. Der Text ist interessant; unglücklicherweise haben aber die Herausgeber dem Chartular selbst noch neun Stücke nach einer beglaubigten Abschrift vom Jahre 1741 hinzugefügt. Wenigstens eins von den Stücken dieses Anhanges, eine Urkunde Ludwig’s IX. von 1240, ist offenbar untergeschoben. Delisle hat dies unwiderleglich nachgewiesen. Man begreift kaum, wie die Herausgeber ein Stück in ihre Sammlung aufnehmen konnten, in [207] welchem unter diesem Datum von den „presides summorum senatuum totius Francie“ gesprochen wird. Die Abhandlung über die historische Geographie der Bretagne von A. de la Borderie[170] ist viel wichtiger. Der Verfasser kennt die Provinz, von der er spricht, vortrefflich und setzt, ohne das Detail zu vernachlässigen, in vorzüglicher Darstellung die tiefliegenden Ursachen auseinander, welche im 10. Jahrhundert in der Bretagne die Feudalität mit ihren grossen Grafschaften und Grenzlehen herbeiführten, und zeigt, wie die Festsetzung der Einkünfte von Penthièvre die Unterwerfung des Herzogthums unter fremden Einfluss bewirkte.

Für das mittlere Frankreich können wir einen guten Bericht L. Guibert’s über das Chartular von Obazine anführen[171]. Dieses Manuscript, das jüngst der Nationalbibliothek geschenkt wurde, ist sehr werthvoll für die Geschichte von Limousin und La Marche. Guibert’s Abhandlung hebt die Wichtigkeit desselben genugsam hervor und gibt ein Inhaltsverzeichniss. — Champeval hat die Veröffentlichung der Chartulare von S. Martin du Tulle[172] und von Uzerche[173], die beide sehr wichtig sind, fortgesetzt. — Spont’s Artikel über die Steuern in Languedoc von 1490—1515 ist eine gute Einzeluntersuchung über die Französischen Finanzen gegen Ende des Mittelalters[174]. Unter Ludwig XI. machte Languedoc die Hälfte des eigentlichen Königreiches und sicherlich die reichere aus. Spont ist im Stande gewesen, für jedes Jahr die von den Landständen bewilligte Summe und die vom König verlangten Hilfsgelder zu bestimmen. Man sieht, dass die grossartige Politik Ludwig’s XI. und die unsinnigen Feldzüge Karl’s VIII. und Ludwig’s XII. dem Lande sehr theuer zu stehen kamen. Frankreich konnte diese Lasten ohne Nachtheil ertragen dank dem wunderbaren Aufschwung von Industrie und Handel am Ende des verderblichen 100jährigen Krieges.

Das von dem Domherrn Pottier bearbeitete Verzeichniss von gedruckten oder handschriftlichen „Chartes de coutumes“ der Ortschaften des jetzigen Departements Tarn-et-Garonne wird gute Dienste leisten[175]. Dieselbe Arbeit ist schon für Ariège gethan worden und die Localhistoriker müssten ähnliche Verzeichnisse auch für die übrigen Provinzen [208] anlegen. — Wir können hier auch die Abhandlung Rébouis’ über die Coutumes von Agenais[176] einreihen, welcher zwei ungedruckte Aufzeichnungen aus den Jahren 1256 und 1358 beigegeben sind. — Ferner erwähnen wir an dieser Stelle die Untersuchung A. Ducom’s über die Geschichte und Verfassung der Gemeinde Agen bis zum Vertrag von Brétigny[177], und von Abbé Douais die Ausgabe des Gewohnheitsrechtes von Montoussin, im alten Toulousain westlich von der Garonne (1270), nach einer Handschrift des 15. Jahrhunderts[178].

Das Syndicatsbuch von Béarn, das L. Cadier[179] veröffentlichte, enthält die Verwaltungsacten der Landstände dieser Provinz von 1488 bis 1521. Die sehr gelehrte und schön geschriebene Einleitung setzt den Werth dieser Quelle in das gehörige Licht; man wird sie für die Geschichte der Beziehungen zwischen Frankreich und Spanien zu Anfang des 16. Jahrhunderts mit Nutzen zu Rathe ziehen, da die Beherrscher von Béarn bis 1515 das Königreich Navarra (südlich der Pyrenäen) besassen.

In einer gehaltvollen Abhandlung erzählt uns noch Abbé J. Chevalier die Geschichte der Kirche von Valence in der Dauphiné unter den Bischöfen Wilhelm und Philipp von Savoyen 1226—1267[180]. Diese beiden kriegerischen und unruhigen Prälaten brachten ihr Leben in Streitigkeiten mit ihren Nachbarn hin und mischten sich in alle politischen Händel ihrer Zeit. Philipp, der gleichzeitig Bischof von Valence und Erzbischof von Lyon war, wurde nie zum Priester geweiht, trat nach 25 Pontificatsjahren ins Weltleben zurück, verheirathete sich und regierte 17 Jahre lang die Grafschaften Savoyen und Burgund.

Paris, im December 1890.
A. Molinier.

Anmerkungen

  1. Bibliographie des travaux hist, et archéol., publ. p. les Sociétés savantes de France. Paris, Hachette. 4°. 706 p. 16 fr. — Erscheinungsjahr, wenn nicht angegeben: 1889.
  2. Inventaires sommaires des archives départementales und Inv. somm. d. arch. communales.
  3. Catalogue général des mss. des bibliothèques de France. Paris, Pion. 8°.
  4. Catalogue des manuscrits des fonds Libri et Barrois. Paris, Champion. 8°. xcvj 333 p. Facsimiles. 12 fr. [Vgl. Bibl. '89, 67 u. 2716.]
  5. Paris, Impr. nat. 4°. 820 p. 12 fr. [Vgl. Bibl. '89 , 2819 u. 4664.]
  6. Le Puy. Marchessou 1888. 8°. lxvij 270 p. 8 fr.
  7. Paris, Picard. liv 234 S. 8°.
  8. Paris. 8°. 198 S. 5 Fr. Bonnevaux war eine Cisterzienser Abtei in der Diöcese Vienne (Dauphiné).
  9. Bulletin de la société des lettres de la Corrèze, 1888 u. 1889.
  10. Im Bulletin de la société archéologique de la Corrèze. Dieselbe tagt in Brive.
  11. Im Auftrage der Société de Gâtinais. Paris, Picard. 1888. 8°. xxvj 161 p. 5 fr.
  12. Paris, Champion. 8°. xxviij 144 p.
  13. Trésor de chronologie, d'hist. et de géogr. pour l'étude et l'emploi des documents du moyen âge. Paris, Palmé, fol. 2304 col. 100 fr. [Vgl. Bibliogr. ’89, 4536.]
  14. Paris, Pichon. 8°. xix 704 p. 10 fr. [Vgl. Bibl. ’89, 200; 1985; 4617.]
  15. Revue des quest. hist., avril 1889. [Vgl. Bibl. ’89, 3481.]
  16. Paris, Picard. 8°. 328 p. 12 fr. — Lamprecht’s Studien 8. sein Dt. Wirthschaftsleben 1, 1-60. Seine Beiträge erschienen 1878.
  17. Paris, Thorin. 8°. viij 504 p. 8 fr. [Vgl. Bibl. ’89, 2803.]
  18. Paris, Larosse et Forcel. 1888. 8°. xij 419 p. 10 fr.
  19. Paris, Hachette. fol. (erklärender Text in 8°).
  20. New-York, Harper & Br. 1888-89. 3 Vol. [Vgl. Bibl. ’89, 1147 u. 3621]
  21. Études sur quelques mss. des bibl. d'Italie conc. l'inquis. et les croyances hérét. du 12e au 13e siècle (Sep. a. Archives des Missions, t. XIII). Paris, Levaux. 8°. 208 p. [Vgl. Bibl. ’89, 1148 u. 3622.]
  22. Mémoires des antiquaires de France, t. XLIX. Nogent-le-Rotrou, Daupeley-Gouverneur. 8°. 120 p.
  23. In einer am 8. Febr. der Ac. des inscript, et belles lettres gemachten Mittheilung, die später im Compte-rendus des séances, t. 17, erschien.
  24. Journal des savants, mai et juin 1889.
  25. Bibl. de l’École des Hautes-Études. Fasc. 77. Paris, Vieweg. 8°. 236 p.
  26. Collection de textes pour servir ä l’étude et à l'enseignement de l'histoire. Fasc. 6. Paris, Picard. 8 fr. [Vgl. Bibl. ’89, 2817].
  27. Sbornik piçem Gerberta kak istoritscheskii istotschnik. Petersburg. 1888. 8°. [Vgl. Bibliogr. '89, 2026. '90, 102.]
  28. Revue hist., mai-juin. [Vgl. Bibl. ’89, 2821.]
  29. N. Archiv 14, 377 ff.
  30. Revue des quest. hist., juillet 1889.
  31. Analecta Bollandiana. T. VII.
  32. Mémoire de l'Ac. des inscript. etc. XXXII, 2. Paris, Impr. nat. 4°. 252 p. [Vgl. Bibl. ’89, 2863.]
  33. Nach den Originalen des Record office in der Bibl. de l’école des chartes 50, 41—67.
  34. Revue hist., mai-juin.
  35. Revue hist., mars-avril. [Vgl. Bibl. ’89, 2103.]
  36. Paris, Impr. nat. 1888. 4°. xviij 636 p.
  37. Société de l’histoire de France. Paris, Loones. 2 Thle. 8°. clxix 337 p. [Vgl. Bibl. ’89, 2908.]
  38. Société de l’histoire de France; 2 vol. 8°.
  39. Société de l’histoire de France; 2 vol. 1887-89. 8°. cccxxxij 225; 497 p. à 9 fr.
  40. Mitgetheilt in der Ac. des inscript 28. Juni 1889. Als Abhandlung in der Bibl. de l'école des chartes 1889 p. 439 ff. erschienen.
  41. Bibl. d. l'école des chartes, 1889. p. 5 ff.
  42. Bd. 7 der Collection. Paris, Picard. 8°. vij 190 p. 4 fr. 50.
  43. Bibl. de l’école des chartes, 1889, p. 295.
  44. Ebenda p. 168 ff.
  45. Ebenda 164 ff.
  46. Le conseil du roi au 14e, 15e et 16e siècle. Paris. 8°. 401 p. 8 fr.
  47. La vie politique du duc Louis d’Orléans. Paris, Picard. 1889. 8°. xx 486 p. 10 fr. [Vgl. Bibliogr. Nr. 213.]
  48. Revue des quest. hist., janv. et juill. 1889. [Vgl. Bibl. ’89, 2130 u. 4746.]
  49. Bibl. de l'école des chartes, 1889 p. 355 ff.
  50. Paris, Picard. 8°. xij 385 p. 10 fr.
  51. Revue des questions historiques, avril.
  52. Annales du Midi 1889, livr. 2.
  53. Revue historique, mai et juin, u. Annales du midi 1889.
  54. Paris, Loones. 8°. clxvj 348 p. 9 fr. [Vgl. Bibliogr. Nr. 234.]
  55. Paris, Picard. 8°. 279 p. [Vgl. pag. 168 Note 4.]
  56. Annales de l’Est, avril et octobre. [Vgl. Bibliogr. ’89, 4759.]
  57. Nantes, Grimaud. 1888. 4°. 229 p. 30 fr.
  58. Amiens 1889. 4°.
  59. Nouvelle revue histor. de droit, 1889.
  60. Rouen, Leetringant. 2 vol. 8°.
  61. Paris, Picard. 4°. 1888. viij 198 p.
  62. Paris, Firmin-Didot 8°. xxxvj 490p.
  63. Paris, Picard. 8°. xj 93 p. 4 fr.
  64. Mém. de la soc. de Rambouillet, t. VIII. Rambouillet, Douchin. 8°. 133 p.
  65. Dijon, Lavarche. 8°. 10 fr.
  66. Autun, Dejussieu. 8°. cclxxj 541 p.
  67. Bull. de la soc. des sciences de l'Yonne, t. 42.
  68. Paris, Lechevalier. 8°. viij 600 p.
  69. Histoire générale, civile, relig. et littér. du Poitou. Poitiers, Bonamy. 8°. 532 p. 6 fr.
  70. Paris, Picard. 8°. 484 p. 6 fr.
  71. Annales du Midi, Nr. 2.
  72. Paris, Giard. 8°.
  73. Grenoble, Allier. 8°. 683 p. 12 fr.
  74. Une petite ville du Dauphiné. Histoire de Crémieu. Grenoble. 8°.
  75. Marseille. 8°. 607 p. 8 fr.
  76. Montélimar, Bourrou. 8°. 500 p. 6 fr.
  77. Memorie della Regia Academia delle scienze di Torino. Serie II, t. XXXIX. [Vgl. Bibliogr. ’89, 4676.]
  78. Montaubau, Forestie. 4°. lvj 276 p.
  79. Archives hist. de Gascogne, fasc. 15 et 17. [Vgl. Bibl. ’89, 1697; 4438.]
  80. Vgl. den Bericht Bd. III p. 143 ff. – Als Erscheinungsjahr ist diesesmal 1890 anzunehmen, als Verlagsort Paris, als Format 8°.
  81. Bibliographie des travaux hist. et archl. Vgl. a.a.O. 143 Note 1.
  82. Vgl. jedoch Bibliogr. ’91, 72.
  83. Catalogue général des mss. Vgl. Bd. III p. 143 Note 3.
  84. Catalogus codd. hagiograph. Latinorum antiquorum saec 16., qui asservantur in bibl. nat. Parisiensi. Picard. 600 p. 15 fr.
  85. Repertorium hymnologicum: catalogue des chants, hymnes, proses, séquences, tropes en usage dans l’église latine. Louvain, Lefever. 1889. 272 p. 10 fr. Vgl. Bibliogr. ’90, 3705 d.
  86. Notices et extraits de manuscrits latins de la bibl. nat. I. Klincksieck. 406 p.
  87. Leroux. 116 p. 3 fr. 50.
  88. Leroux. 140 p. 4 fr. — Vgl. Nachrr. ’90, 280.
  89. Vgl. Bibliogr. ’89, 1671 u. ’90, 4370.
  90. Vgl. Bibl. ’90, 938.
  91. Annales du Midi, fasc. 4 et 5.
  92. Vgl. Bibliogr. ’90, 4300 u. die Anzeige Nachrr. ’90, 132.
  93. Monatlich ein Heft. — Vgl. Nachrr. ’90, 61 b.
  94. Vgl. Bibliogr. ’90, 3583.
  95. Vgl. Bibliogr. ’90, 824.
  96. Vgl. Bibliogr. ’90, 77 u. 2786.
  97. Vgl. Bibliogr. ’90, 2797.
  98. Vgl. Bibliogr. ’90, 2796 a u. ’91, 230.
  99. Vgl. Nachrr. ’90, 136 d.
  100. Vgl. Bibliogr. ’91, 338.
  101. Impr. nationale. 358 p. 7 fr.
  102. Vgl. Bibliogr. ’90, 3727.
  103. RH 42, 74-114; vgl. DZG III, 214.
  104. Vgl. Nachrr. ’90, 186h.
  105. Les repas. — Comment on devenait patron. — L’hygiène. Plon, à 3 fr. 50.
  106. Vgl. Nachrr. ’89, 223b.
  107. Thorin. 109 p. 5 fr.
  108. Vgl. Bibliogr. ’91, 187.
  109. Vgl. Bibliogr. ’90, 46.
  110. Vgl. Bibliogr. ’90, 2754.
  111. Vgl. Bibliogr. ’90, 2759.
  112. Vgl. Bibliogr. ’90, 47.
  113. Vgl. Bibliogr. ’90, 2767.
  114. Vgl. Bibliogr. ’91, 192.
  115. Vgl. Bibliogr. ’90, 803 a.
  116. Vgl. Bibliogr. ’90, 2780.
  117. Bulletin d’histoire ecclés. du diocèse de Vienne, Valence etc. 1890, sept-oct.
  118. Vgl. DZG III, 223 u. Bibliogr. ’89, 261 u. ’90, 861.
  119. Histoire de S. Anselme, archev. de Cantorbéry. Paris et Lyon, Delhomme. 2 vol. 556; 499 p.
  120. Vgl. Nachrr. ’90, 136 e.
  121. Vgl. Bibliogr. ’90, 867.
  122. RQH 47, 408—32.
  123. Vgl. Bibliogr. ’90, 2881.
  124. Vgl. Bibliogr. ’91, 364.
  125. Vgl. Bibliogr. ’90, 128 u. 2892.
  126. Vgl. Bibliogr. ’90, 3770.
  127. Vgl. Bibliogr. ’90, 3771.
  128. CR de l’acad. des inscriptions. 1890, mars et avril.
  129. Documenta relat. à 1’Agenais, au Périgord et à la Saintonge. (BECh 51,298-304.)
  130. Vgl. Bibliogr. ’91, 408.
  131. BECh 51, 238—67.
  132. Original documents relat. to the hostages of John king of France and the treaty of Brétigny, 1360, ed. by sir G. F. Duckett. London, Selbstverl. 78 p.
  133. Vgl. Nachrr. ’90, 136 i u. Bd. IV, 176.
  134. Livre de comptes des frères Bonis, marchands montalbanais du 14. siècle. Champion. ccxiij 246 p. 10 fr.
  135. BECh 51, 93—110.
  136. Documenta luxembourgeois à Paris concernant le gouvern. du duc Look d’Orleans. (Publl. de la sect. hist. de l’institut de Luxembourg, T. XL [1889]).
  137. Les Cabochiens et l’ordonnance de 1413. Hachette. 1888. xix 456 p. 7 fr. 50. (Erschien erst Dec. 1889).
  138. Vgl. Bibliogr. ’90, 2953.
  139. Vgl. Nachrr. ’90, 136k u. Bd. IV, 185.
  140. La fin d’une legende. Vie de Jeanne d’Arc. Baylé. 152 p. 2 fr. 50; vgl. DZG IV, 185.
  141. Jeanne d’Arc, tacticien et stratégiste. Baudouin, 4 vol. 321; 330: 322; 324 p. à 8 fr. 50; vgl. DZG IV, 185.
  142. Mémoires et consultations en faveur de Jeanne d’Arc par les juges du procès de réhabilitation, d’après les mss. authentiques. Picard. 1889. 600 p. 9 fr.
  143. Notes sur les juges et les assesseurs du procès de condamnation de Jeanne d’Arc. Rouen, Cagniard. 135 p.
  144. In einer in den Études historiques sur la province dominicaine de France (Lecoffre. xxxj 361 p. 5 fr.) wiederabgedruckten Abhandlung.
  145. Vgl. Nachrr. ’90, 136 o.
  146. Vgl. Nachrr. ’89, 143 h und Bibliogr. ’89, 4750.
  147. Vgl. Nachrr. ’90, 136 n.
  148. CR de l’ac. des sc. mor. et pol. 1889, oct.-déc.
  149. RQH 47, 433-71.
  150. BECh 50, 559-66.
  151. Ebd. 51, 111—35.
  152. Vgl. Bibliogr. ’90, 3080.
  153. Bibliogr. ’90, 3081. — Vgl. L. Duhamel, Les origines de l’imprimerie à Avignon. Avignon, Séguin. 15 p. 3 fr.
  154. Vgl. Bibliogr. ’91, 432.
  155. RH 43, 274-316. 44, 241-312.
  156. T. I. Laurens. 1889. 414 p. 9 fr.
  157. Vgl. Bibliogr. ’90, 965.
  158. T. I. Laurens. 1889. 414 p. 9 fr.
  159. Vgl. Bibliogr. ’90, 965.
  160. Histoire de Paris; rectifications et additions. Champion. 244 p. 10 fr.
  161. L’Hôtel-Dieu de Paris au moyen-âge; hist. et docc. 1826—1539. (Soc. de l’hist. de Paris et de l’Ile de France.) Champion. 449 p. 10 fr.
  162. Steinheil. 158 p. 6 fr.
  163. Soc. de l’hist. de Paris, Bulletin, 1889, sept. et oct.
  164. Saint Mandé, Beucher. 153 p.
  165. Histoire de l’abbaye d’Orbais (Marne) par du Bout, publ. d’après le ms. orig. par Et. Héron de Villefosse. Picard. 706 p. 20 fr.
  166. Un nouveau texte rel. à la noblesse maternelle en Champagne. (BECh 50, 509-36).
  167. Annales de l’Est 1889, juill.-oct.
  168. Vgl. Nachrr. ’90, 288 b. — Le Chevallier. à 2 fr. 50.
  169. Cartulaire de l’abbaye de Notre-Dame de La Trappe, publ. par le comte de Charencey. Alençon, Reinaut de Broise. 665 p. 10 fr. — Vgl. BECh 51, 378 f.
  170. Rennes, Plichon. 1889. 198 p.
  171. Soc. des lettres etc., de la Corrèze, (siégeant à Tulle). Bull. 1869. livr. 4.
  172. Soc. archl. de Tarn-et-Garonne, Bull., 1889. 4. trimestre.
  173. Soc des lettres de la Corrèze, Bull. 1889.
  174. Ann. du Midi, 1890, juillet.
  175. Montauban. 29 p. (Soc. archl. de Tarn-et-Garonne, Bulletin, 1889.)
  176. NRH de droit français, 1890, mai-juin.
  177. Soc. d’agriculture etc. d’Agen. (Recueil des travaux, II, 11.)
  178. NRH de droit 1890, juillet-août.
  179. Auch, Cocharaux (Paris, Champion). 1889. lvl99 p. 7 fr.
  180. Vgl. Bibliogr. ’91, 322.

Wikisource-Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vorlage: Ecole