Nicht Waterloo, sondern Belle Alliance

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Titel: Nicht Waterloo, sondern Belle Alliance
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8–9, S. 116–120;134–137
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[116]
Nicht Waterloo, sondern Belle Alliance.

„Der Ochs will gesattelt sein!“ So lautete jüngst ein Hohn über die Sehnsucht der Deutschen nach einer Kriegsflotte. Woher kam dieser Hohn? Von dem Volke, dessen öffentliche Stimmen seit dem Tode des Dänenkönigs und der deutschen Anfechtung des sogenannten Londoner Protokolls für Deutschland keinen andern Ausdruck mehr hatten, als den der unerhörtesten Beschimpfungen, von den Engländern.

Wir sehen uns vergeblich in Europa nach noch einem Volke um, das im Uebermaß der Gehässigkeit gegen die Deutschen dem englischen nahe käme. Nicht die russische, nicht die schwedische und norwegische Presse, von denen wir eine gerechte Würdigung so wenig gewohnt sind, wie von der französischen, vergessen so weit die Ehre der Wahrheit und den nationalen Anstand, wie die englische; ja selbst nicht einmal der dänischen, der wir in diesem Augenblick die äußerste Gereiztheit nachsehen würden, ist es möglich, die Wuthausbrüche John Bull’s, die lügenselige Rohheit der Organe des freien Albion zu erreichen.

Welch Entsetzliches ist geschehen, was haben wir Gräßliches verbrochen, um von einer Nation, welche die oberste Stufe der Cultur und Macht in Europa beansprucht, in solcher Weise behandelt zu werden?

Wir sehen uns vergeblich nach dem schauderhaften Verbrechen um. Nicht in der Gegenwart, und noch weniger in der Vergangenheit finden wir die Ursachen für eine so tief aufgewühlte Empörung gegen uns.

Wir behaupten ganz einfach unser gutes Recht auf die Selbstständigkeit

[117]
Die Gartenlaube (1864) b 117.jpg

Der entscheidende Moment im Siege von Belle Alliance.
Zieten wirft die Franzosen die steilen Höhen von La-Have-Sainte hinab. (Siehe Text in nächster Nummer.)

[118] von Schleswig-Holstein, wir verlangen, daß diese Herzogthümer, soweit sie deutsch sind, nach ihrem Recht und ihrem Willen auch zu Deutschland gehören.

Und Das ist’s, was das große, mächtige Inselreich in eine Aufregung versetzt, als ob wir die Hand frevelhaft nach seinen heiligsten Kleinodien ausgestreckt hätten. Wir wissen’s: von der gemeinsten Selbstsucht wird die englische Ehre befleckt; die Furcht, der verachtete Deutsche könne zur See doch noch zu Macht gelangen, „der Ochs könne doch gesattelt werden,“ – diese Angst vor der Zukunft des eigenen Lebensbaums durch eine aufgehende fremde Blüthe, – diese jämmerliche Angst hat die englische Nation so tief sinken lassen, daß sie für Ausbrüche wahrhaft ruchloser Versunkenheit keine Scham mehr hat! Oder ist es etwas Anderes, wenn eine Stimme der freiheitsstolzesten Nation „sich und der Welt dazu Glück wünscht, daß die Freiheit in Frankreich dem aufgeklärten Despotismus Platz gemacht habe“ – weil sie in dem Despoten einen Freund gegen Deutschland gefunden zu haben glaubt? Dies Eine genügt, das Gebühren der Engländer zum gemeinen Verbrechen am Geist der Menschheit zu stempeln.[1]

Wir Deutsche haben den Engländern gegenüber uns nur den einen Vorwurf zu machen, daß wir vor lauter Anstaunung ihrer Herrlichkeiten uns, unserer Ehre und unseren Interessen ein halbes Jahrhundert lang das größte Unrecht angethan haben. Von hundert Beispielen wollen wir heute nur eines unseren Lesern vorführen: den wahrhaften Antheil, den die deutschen Waffen an der Entscheidungsschlacht von Belle Alliance hatten.

Jeder Deutsche weiß, welche Zustände uns drückten seit jenem großen Siegestage und wie es möglich war, daß wir selbst unseren Ehrenantheil so gering anschlagen konnten, als der englische Undank nach den Tagen der Noth ihn anschlug.

So erzähle denn die Geschichte einfach, treu und wahr, welchen Dank England bei Belle Alliance uns schuldig geworden, damit sein Undank das gebührende Brandmal um so sichtbarer trage, und damit endlich der Geschichtsverfälschung ein energisches Ende gemacht werde, welche durch die hochmüthigen Rodomontaden der Engländer und ihrer dünkelhaften Presse hinsichtlich des letzten Vernichtungssieges über den gewaltigen Corsen in einem großen Theile der civilisirten Welt so lange Cours und Geltung behauptet hat. –

Es war in der Nacht vom 6. zum 7. März 1815, als Fürst Metternich in Wien eine Depesche aus Genua erhielt, die er anfangs, ermüdet von langer Conferenz, ungelesen zurückschob. Endlich erbrach er sie. Napoleon sei, so wurde darin berichtet, von der ihm angewiesenen Insel Elba entwichen, man wisse nicht, wohin. Am 11. März wurde sodann in Wien bekannt, der gewaltige Mann sei im Süden Frankreichs gelandet. Alle hielten jetzt einen neuen Krieg für unvermeidlich. Die europäischen Mächte erklärten am 13. März, „daß Napoleon Bonaparte sich selbst außerhalb aller bürgerlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse versetzt und sich als Feind und Störer der Ruhe der Welt der öffentlichen Strafe preisgegeben habe“. Ohne Säumen trafen die Fürsten darauf die Anstalten, einen neuen gewaltigen Krieg gegen den Ruhestörer Europa’s zu führen. Vergeblich waren dessen Friedensversicherungen, vergeblich seine diplomatischen Ränke. Unter damaligen Umständen war wirklich die Herrschaft Napoleon’s in Frankreich eine Bedrohung des Friedens in Europa, vor Allem eine Bedrohung der deutschen Selbstständigkeit. Es war freilich zu jener Zeit schon viel gethan, um den herrlichen Geist, der die Schlachten des Freiheitskrieges schlug, zu vernichten; mit Mißtrauen und armseligem Feilschen um die Rechte, die dem deutschen Volke zuzugestehen seien, war dessen Freiheitsthat bereits belohnt; aber trotzdem erhob es sich auf den Ruf der Fürsten von Neuem, um die Gefahr einer Unterdrückung vom Vaterlande abzuwehren. Ehe Napoleon seine gewaltigen Rüstungen beenden konnte, standen ihm die Deutschen schon kampfbereit gegenüber.

Bald aber zogen auch andere ungeheure Heeresmassen den Grenzen Frankreichs zu. Die Russen, welche die Heimath noch nicht einmal erreicht, kehrten schleunigst um, das unterbrochene Werk von Neuem aufzunehmen. Alle Länder Europa’s, die Türkei allein ausgenommen, versprachen, je nach ihren Kräften, zahlreiche Heere zu senden. Menschengetöse erscholl überall. Und wirklich setzten sich bald über eine halbe Million Krieger aller Zungen gegen das Reich Napoleon’s in Bewegung.

Abgesehen von den Truppen in Italien, sammelten sich vier gewaltige Heere der Verbündeten. Südlich, den linken Flügel bildend, stand der österreichische Fürst Schwarzenberg mit 230,000 Mann in Baden. Ihm sollte sich zur Rechten der Russe Barclay de Tolly mit 150,000 Mann anschließen. Da aber dessen Schaaren bei Ausbruch des Krieges noch weit zurück waren, so standen freilich zwischen Schwarzenberg und den niederländischen Heeren vorerst nur kleinere Abtheilungen. In den Niederlanden aber kamen zwei furchtbare Armeen unter den trefflichsten Führern zusammen.

Lord Wellington, der früher siegreich die Franzosen aus der pyrenäischen Halbinsel vertrieben, sammelte hier bald mit rastloser Energie ein verbündetes Heer von mehr denn 100,000 Mann, Alle vom feurigsten Kriegsmuth beseelt. Fast die Hälfte von ihnen bestand aus Deutschen, die theils als englische Söldlinge, theils auch wegen naher Verbindung deutscher Länder und Fürstenhäuser mit dem Inselreich, unter die Fahnen des ruhmreichen Herzogs gestellt waren. Auch das hat uns zum Schaden gereicht. Die Lorbeeren dieser deutschen Truppen pflegen die Engländer für sich in Anspruch zu nehmen, und Wellington vermehrte durch sie seine Erfolge, das schwerste Gewicht für die bourbonische Politik seiner Regierung. Der „Eisenherzog“ berechnete mit diplomatischer Feinheit auch solche Elemente, die zum Zwecke führten, während es dem alten Feldmarschall Blücher, der mit jugendlicher Kraft und altbewährtem Eifer den Kern der deutschen Macht heranführte, nur um die Sache zu thun war, ohne alle Nebenrücksichten. Blücher’s Armee, etwa 112,000 Mann stark, war in vier verschiedene Corps unter der Führung von Zieten, Pirch I., Thielmann und dem trefflichen Bülow von Dennewitz vertheilt.

Auch diese Truppen erfüllte der beste Geist, der nur gewünscht werden konnte. Willig ertrugen sie den durch die üble finanzielle Lage des Staates nicht selten herbeigeführten Mangel, gern thaten sie, was nur immer in ihren Kräften stand, die unvollständige Kriegsbereitschaft zu bessern und zu erhöhen. Auch war die junge wie die alte Mannschaft dieser wackern Preußen erfüllt von unbedingtem Zutrauen zu dem erprobten Marschall Vorwärts und zu dessen feurigem Gesellen, dem General von Gneisenau, der, wie in dem früheren Kriege, dem alten Blücher als aufrichtiger Freund und treuer Rathgeber an der Spitze des Generalstabes zur Seite stand.

Der vorsichtige Fürst Schwarzenberg wünschte, daß die Operationen nicht eher ihren Anfang nehmen möchten, bis Barclay in die Linie eingerückt. Im Blücher’schen Hauptquartiere wurde allerdings ein so langer Aufschub nicht für räthlich gehalten; man meinte, „die verlorene Zeit gewinnt der Feind“; allein selbst Gneisenau war doch noch im Anfange Juni nur für ein sehr langsames und vorsichtiges Ueberschreiten der französischen Grenze. Da kam Napoleon, mit oft befolgter Taktik, den Angriffen seiner Gegner wieder zuvor.

Noch einmal entwickelte der großartige Schlachtenkaiser seine staunenswerthe Thätigkeit in Frankreich. Die Begeisterung freilich, mit der die französische Nation dem durch ihn bewirkten Sturz der verlebten Bourbonen entgegenjubelte, hatte sich bald gegeben, als sie wahrnahmen, daß nun das erschöpfte Land wiederum in Krieg und Noth gestürzt werden mußte. Es bedurfte bald theatralischer Effecte, dem Volke glauben zu machen, es hänge begeistert an dem Kaiser. Aber die Armee war für Napoleon und für Krieg, was davon unzertrennlich. Sie hielt treu zum Kaiser, obwohl selbst die meisten seiner alten Waffenbrüder, die stolzen Marschälle, sich scheu zurückhielten. Dem Heere mußten zum Theil neue Führer gegeben werden. Und nun trieb Napoleon mit rastloser Energie die Mittel zum unvermeidlichen Kriege zusammen. Die Bildung einer zahlreichen Armee wurde vorbereitet. Schon im Mai konnten gegen 90,000 Franzosen an verschiedenen Stellen gegen die drohenden Fremden aufgestellt werden, während Napoleon selbst mit 130,000 der tapfersten und herrlichsten Krieger nach den Niederlanden [119] eilte, um zunächst hier seinen gefährlichsten Feinden mit Macht zu begegnen. Die Verbündeten ahnten kaum sein Kommen, als Napoleon schon eintraf.

Wellington hatte gar keine, Blücher erst spät und dann nur geringe Anstalten getroffen, einem plötzlichen Angriffe zu begegnen. Ein militärischer Geschichtsschreiber sagt deshalb mit Recht, die beiden Feldherren hätten zuerst das Gewöhnlichste versäumt, um nachher Ungewöhnliches zu leisten. Ihre Heere lagerten weitläufig zerstreut.

Am Abend des 14. Juni zeigten aber zahlreiche Wachtfeuer die Nähe des Feindes. Blücher zog jetzt rasch das Corps Zieten’s zusammen und verfügte, alle vier Armeecorps hätten sich unverzüglich bei Sombreffe zu versammeln. Mit Anbruch des folgenden Tages begann der kurze denkwürdige Krieg durch ein rasches und entschlossenes Vordringen der Franzosen. Doch wehrten sich die Preußen tapfer, zogen sich fechtend zurück und verschafften dadurch beiden Armeen der Verbündeten die Möglichkeit, sich zu sammeln. Denn nicht nur Blücher, sondern auch Wellington benutzte diese Zeit, seine Truppen zusammenzuziehen.

Napoleon traf am 15. Juni die allgemeine Anordnung für diesen Feldzug, daß sein Heer in einen linken Flügel unter dem Marschall Ney, der sich soeben erst bei der Armee eingefunden, einen rechten unter dem Marschall Grouchy und eine zwischen beiden marschirende Reserve eingetheilt sein solle. Den Oberbefehl über den letztern Heerestheil behielt sich der Kaiser, nachdem der Marschall Mortier, der dafür bestimmt, erkrankt war, selbst vor. Nach den geringern Gefechten an diesem Tage rückte daher Ney am 16. Juni mit etwa 50,000 Mann gegen Wellington vor, während Napoleon und Grouchy den Feldmarschall Blücher mit seiner Armee über den Haufen zu werfen gedachten. Schon waren die Proklamationen gedruckt, mit denen Napoleon nach dem, wie er wähnte, unzweifelhaft glücklichen Erfolge die Welt von Brüssel aus, das er früh Morgens am 17. zu erreichen gedachte, beglücken wollte.

Blücher hatte die drei Armeecorps von Zieten, Pirch und Thielmann bei Ligny vereinigt und aufgestellt. Er war, obwohl Bülow noch weit zurückstand, entschlossen, hier eine Schlacht anzunehmen. Er ließ die Dörfer St. Amand und Ligny besetzen und dazwischen Truppen von Pirch und Zieten aufstellen. Links, etwas weiter zurück, hatte Thielmann ein Terrain eingenommen, das ihn ebensowohl schützte, aber auch an einem wirksamen Eingreifen in den Gang der Schlacht hinderte. Blücher hatte 83,000 Mann, Napoleon 78,000 zu verwenden. An Artillerie war dieser seinem Gegner überlegen. Gegen ein Uhr erschien, von seiner nahen Aufstellung, Wellington bei den preußischen Führern, sah sich die Lage der Dinge an und versprach, bald mit Verstärkung heranzukommen. „Um vier Uhr werde ich hier sein,“ sagte er, als er wieder von dannen ritt. Er ahnte nicht, daß er selbst zu gleicher Zeit bei Quatrebras angegriffen würde.

Aber auch Napoleon täuschte sich über die Stellung seiner Gegner. Er sandte dem Marschall Ney Befehl, Blücher’s rechte Seite zu umfassen, den Preußen so in den Rücken zu fallen und dadurch den Sieg bei Ligny zu einem entscheidenden zu machen. Der Kaiser dachte sich also, sein Marschall werde entweder bereits im siegreichen Besitz von Quatrebras sein, oder dort doch nur einen geringen Kampf zu bestehen haben. Dem war, Dank einer frühzeitigen Besetzung des wichtigen Kreuzweges durch den Herzog von Weimar, nicht so.

Erst gegen drei Uhr eröffnete Napoleon die Schlacht durch einen Angriff auf den rechten Flügel der Preußen, auf die Dörfer St. Amand, welche nach hartnäckigem Widerstände um vier Uhr von den Preußen geräumt wurden. Allein Blücher befahl, dieselben wieder zu nehmen, was auch unter der persönlichen Leitung des greisen Helden theilweise gelang. Jetzt wurde hier mit abwechselndem Erfolge bis neun Uhr Abends gekämpft.

Fast gleichzeitig mit dem gegen St. Amand wurde auch der Angriff gegen die Mitte der preußischen Stellung, gegen das Dorf Ligny, begonnen. Die Preußen wehrten sich aber hier nicht allein standhaft, sondern verfolgten den zurückgeschlagenen Feind sogar noch eine Strecke. Aber dieser griff sie abermals mit Nachdruck an, warf sie auf das Dorf zurück und machte sich dann schließlich nach Ueberwindung der wackersten Gegenwehr zum Herrn desselben. Mit unwiderstehlicher Gewalt drangen dann aber die jungen preußischen Krieger von Neuem vor; sie nahmen den größten Theil des Dorfes, den festen Kirchhof, selbst das Schloß von Ligny wieder ein und behaupteten sich hier lange, trotz furchtbaren Handgemenges. Auch Blücher hatte sich jetzt hier eingefunden. Der aber sah plötzlich von St. Amand feindliche Truppen fortziehen und hielt dieses für ein Zeichen des errungenen Sieges. Das entflammte seine alte Heldenseele zum kräftigsten Thatendrang. „Vorwärts, vorwärts, dem Feinde nach!“ rief er und warf alle verfügbaren Truppen nach St. Amand. Aber bald zeigte sich, daß jene Truppen eine andere Bestimmung gehabt. Bitter rächte sich die Täuschung, denn jetzt war, besonders auch durch den unbefugten Abmarsch einer Brigade, die günstige Lage in Ligny unwiederbringlich verloren.

Napoleon bereitete einen letzten furchtbaren Schlag gegen Ligny vor. Um acht Uhr ließ er durch seine Garden, von anderen Kerntruppen gefolgt, stürmend das Dorf nehmen, und dadurch, und durch eine gleiche Bewegung weiter rechts die preußische Schlachtlinie durchbrechen. Sofort entfaltete er große Cavalleriemassen. Als Blücher dieses bemerkte, stellte er sich unverzagt an die Spitze eines Uhlanenregimentes, den Feind wieder zu werfen. Aber das muthige Unternehmen mißlang. Der Führer der Uhlanen, der bekannte Oberst von Lützow, wurde gefangen genommen. Und kaum entging der Heldengreis demselben Schicksal. Sein Pferd sank tödtlich getroffen mit ihm nieder, und nur der Geistesgegenwart seines wackern Adjutanten, des Major Grafen Nostitz, ist es zu danken, daß Blücher nicht in die Gewalt der Franzosen fiel, welche der geworfenen preußischen Cavallerie mit Windeseile nachjagten. Ein Uhlanenpferd trug dann den verletzten Feldherrn wieder zu den besorgten Seinen.

Die Schlacht aber war verloren. Thielmann’s Corps war freilich noch unverbraucht, allein es hatte nicht zur rechten Zeit in den Gang des Gefechtes eingegriffen. Jetzt mußte es sich zurückziehen, wie die beiden andern.

Die einbrechende Nacht machte dem Kampfe ein Ende. Schwere Regengüsse strömten nieder. Die preußische Armee entzog sich dadurch den Blicken der Feinde. Gneisenau, dem nach Blücher’s Unfall die ganze Leitung allein oblag, bestimmte jetzt, der Rückzug solle über Tilly nach Wawre gehen. Es war ein kühner Entschluß! Die Verbindung mit Deutschland, möglicherweise selbst mit Bülow, der noch ungeschlagen war, wurde dadurch preisgegeben; aber die Vereinigung mit Wellington festgehalten. Auch Thielmann sollte sich, jedoch über Gembloux, nach Wawre zurückziehen, und Bülow, so wurde ihm vorgeschrieben, gleichfalls dort eintreffen.

Das preußische Heer trat dann geschlagen, jedoch nicht entmuthigt, unter dem Schleier der Nacht und dem dunkeln Wetter seinen Rückzug an. Etwas in Unordnung gerathen, formirte es sich gleich hinter dem Schlachtfelde von neuem, so daß es bereits am folgenden Tage wieder kampfbereit war.

Während Blücher und Napoleon sich bei Ligny schlugen, wurde gleichzeitig bei Quatrebras gekämpft, wo Marschall Ney um Mittag mit überlegenen Kräften die Engländer anfiel und sie anfangs zurückdrängte. Wellington aber, von seiner Unterredung mit Blücher zurückgekehrt, zog neue Truppen heran und brachte das Gefecht auf diese Weise zum Stehen. Der rechte Flügel der Franzosen wurde dann von den ungestümen Briten geworfen. Dem glücklicheren linken stürmte unerschrocken der Herzog Friedrich Wilhelm von Braunschweig-Oels entgegen. Aber der in seinem Leben so vielfach schwergeprüfte Fürst hatte auch hier kein Glück; er wurde geworfen und fand dabei selbst seinen Tod. Den Sterbenden entrissen mit Mühe die Freunde den Händen der Feinde. Nun schwankte der Kampf wieder lange hin und her. Endlich aber, gegen Abend, waren die Engländer durch starken Zuzug den Franzosen überlegen. Sie eroberten jetzt allmählich die Stellungen wieder, die sie früher verloren. Ney zog sich zurück. Er hatte Napoleon’s Befehl, Blücher in die rechte Flanke zu fallen, ebenso wenig erfüllen können, wie Wellington sein Versprechen, den Preußen baldigst Hülfe zu bringen.

Darin lag die größte Bedeutung des Treffens bei Quatrebras.

Blücher vollzog mit den Corps von Zieten und Pirch ungehindert seinen Nachtmarsch nach Wawre. Der alte Herr selbst hatte sehr stark durch den Fall gelitten. Nur mit den größten Schmerzen konnte er sich auf dem Pferde halten, und verlangte oft, was aber, der Nähe der Feinde wegen, nicht anging, nur auf kurze Zeit heruntergehoben zu werden, um sich einigermaßen auszuruhen. Spät Abends fand ihn jedoch Gneisenau bereits in einem kleinen [120] Dorfe auf einem Strohlager, in gewohnter Seelenruhe sein Pfeifchen schmauchend. Er war ungebrochenen Muthes. Und ebenso war, trotz der verlorenen Schlacht, trotz des im starken Regen und mit lerem Magen ausgeführten Nachtmarsches, die ganze preußische Armee am folgenden Tage wieder von dem besten kriegerischen Geiste beseelt, bereit von neuem zu kämpfen. Gegen Abend am 17. Juni standen die Corps von Zieten, Pirch und Thielmann, der selbstständig seinen Marsch ungehindert ausgeführt, bei Wawre vereinigt, und Bülow nicht weit mehr entfernt. Nur den großen Anstrengungen der Befehlshaber ist die so bald wieder hergestellte Schlagfertigkeit der geschlagenen Armee zu danken.

Anders verhielt sich Napoleon, der nicht mehr der Mann jener energischen Thatkraft früherer Jahre zu sein schien.

Der Kaiser ging von der Voraussetzung aus, die ganze feindliche Armee sei flüchtig gegen Deutschland zu auf Namur zurückgeeilt. Daher sandte er nach dieser Seite hin in der kommenden Morgenstunde 6000 Mann unter dem Befehl des General Pajol, und als dieser hier bald eine preußische Batterie antraf und ohne Widerstand nahm, bestärkte das den Kaiser in seiner Täuschung. Allerdings wurde später gemeldet, ein Theil der Preußen habe sich auf Gemblonx zurückgezogen. Aber Napoleon war so sicher in seiner Voraussetzung, das preußische Heer habe sich aufgelöst und sei vernichtet nach Namur geflüchtet, daß er nun sogar jene 6000 Mann noch theilte und den General Berton mit sehr geringer Mannschaft der neuangegebenen Richtung folgen ließ. Dem Marschall Ney aber wurden Befehle gegeben, aus denen ebenfalls ersichtlich ist, daß Napoleon die Wichtigkeit des 17. Juni nicht erkannte. Er blieb unthätig.

Gegen Mittag ließ der Kaiser einige Truppen nach Quatrebras abmarschiren. Zu seinem Erstaunen mußte er bald hören, daß dort Wellington noch immer halte, denn er glaubte, nach der vorausgesetzten Flucht der Preußen gegen Namur würden sich die Engländer auch zurückziehen. Jetzt wandte er sich mit einem Theil seines Heeres ganz gegen Wellington, den andern, etwa 33,000 Mann, stellte er unter die Befehle des Marschalls Grouchy, dem er auftrug, die Preußen hart zu verfolgen, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Und doch hatte Blücher schon zehn Stunden Vorsprung! Bald nachher meldete dann Berton, er habe bei Gembloux ein vollständig schlagfertiges Armeecorps – Thielmann – gefunden. Jetzt erst, Nachmittags, erwachte bei Napoleon der Gedanke, daß die Preußen vielleicht noch weitere Pläne verfolgen könnten. Er wies nun Grouchy an, seine sämmtlichen Truppen bei Gembloux zu vereinen und die Pläne des Feindes zu erkunden. Erst Abends, nachdem die Preußen längst verschwunden, traf der Marschall in Gembloux ein. Pajol aber irrte natürlich den ganzen Tag umher, ohne Feinde zu sehen.

[134] Am Morgen um acht Uhr nach der Schlacht bei Ligny traf ein Bericht Blücher’s bei Wellington ein. Der Officier mußte zugleich fragen, ob das britische Heer bereit sei, Napoleon anzugreifen, wenn das preußische zu ihm stoße. Wellington antwortete, er werde sich jetzt in die feste Stellung bei Mont-St.-Jean, mit dem Hauptquartier Waterloo, zurückziehen und hier, falls ihm Blücher auch nur mit zwei Heerestheilen, 25,000 Mann, zu Hülfe kommen wolle, am folgenden Tage die Schlacht annehmen. Um zehn Uhr begann der Abmarsch des britischen Heeres. Gegen Abend war die ausersehene Stellung bei Waterloo besetzt. Ney, dem sich Napoleon mit seiner mächtigen Reserve anschloß, folgte ebendahin. Um sieben Uhr Abends beobachtete Napoleon schon von dem Pachthof La Belle Alliance aus durch den dicht fallenden Regen die auf den flachen Anhöhen von Waterloo gegenüberstehenden Schaaren Wellington’s. Dieser sandte Nachts an Blücher die Nachricht von seiner glücklichen Ankunft in der vorbezeichneten Stellung, „wo er den Angriff des Feindes erwarte und dazu um preußische Mitwirkung ersuche.“ Blücher sagte sein Kommen zu und ertheilte noch in der Nacht die erforrerlichen Befehle. Am 18. Juni Morgens neun Uhr, kaum sechsunddreißig Stunden nach seiner Niederlage, ließ dann der heldenmüthige Greis in das englische Hauptquartier schreiben: „Sagen Sie dem Herzog von Wellington, daß, so krank ich auch bin, ich mich dennoch an die Spitze meiner Truppen stellen werde, um den rechten Flügel des Feindes sogleich anzugreifen, wenn Napoleon etwas gegen den Herzog unternimmt; sollte der heutige Tag aber ohne einen feindlichen Angriff hingehen, so ist es meine Meinung, daß wir morgen vereint die französische Armee angreifen.“

Gneisenau traf frühzeitig die Anordnungen, um die Truppen auf dem kürzesten Wege in den Rücken des Feindes zu führen. Erst später wurde, auf ausdrücklichen Wunsch von Wellington, bestimmt, daß ein Corps gesondert von den übrigen sich direct mit der englischen Armee vereinigen sollte.

Bei Tagesanbruch setzte sich am 18. Jnni zunächst Bülow mit seinem Armeecorps in Bewegung. Bald folgte ihm, über St. Lambert, Pirch, während Zieten gleichzeitig den Weg über Fromont und Ohain einschlug, um sich links an Wellington anzuschließen. Gegen Mittag traf Bülow in der Nähe des Schlachtfeldes ein, wo der Kampf bereits heiß entbrannt war.

Wellington hatte für erforderlich gehalten, zur Deckung seiner rechten Flanke 19,000 Mann zu detaschiren. Er konnte daher nur über 24,000 Briten, 30,000 Deutsche und 13,000 Niederländer, zusammen etwa 67,000 Mann, und 150 Geschütze verfügen, die er auf den sanft ansteigenden Höhen vor Waterloo aufstellte. Vor der Fronte wurden das Schloß Houyomont, und die Pachthöfe La-Haye-Sainte, Smouhen, La-Haye und Papelotte besetzt. Des Herzogs Plan war, sich bis zur Ankunft Blücher’s nur gegen Napoleon zu vertheidigen.

Napoleon’s Heer war dem gegnerischen an Zahl etwa gleich; an Artillerie und Reiterei überlegen. Er formirte daraus eine einfache Schlachtordnung, die der englischen fast parallel lief. Des Kaisers Plan war, die Mitte der feindlichen Armee zu durchbrechen und sich so schnell als möglich des Dorfes Mont-St.-Jean im Rücken derselben zu bemächtigen. Gegen einen Anmarsch der Preußen in die rechte Flanke wurden dabei gar keine Vorbereitungen getroffen, weil eben Napoleon sich nicht dachte, daß Blücher ihm kampfbereit so nahe sei.

Fünfundzwanzig Minuten vor Mittag begann der Kampf durch einen Angriff des linken Flügels der Franzosen unter Jerôme Bonaparte auf das Schloß Houyomont, vor dem rechten Flügel der Engländer. Es wurde von beiden Seiten hartnäckig und mit wechselndem Erfolge gestritten. Bald mußten hier wie dort neue Truppen in’s Feuer gezogen werden, und so schwankte denn an diesem Punkte der Kampf fast den ganzen Tag hindurch hinüber und herüber.

Fast gleichzeitig begann das Geschützfeuer auf der ganzen Front der Franzosen. Um ein Uhr sollte ein allgemeiner Angriff auf die Gegner gemacht werden. Napoleon hatte sich auf eine Anhöhe bei Rosomme begeben, von wo er, etwas links von der Mitte seiner Schlachtlinie, dicht bei seinen Garden, den ganzen Kampfplatz überschauen konnte. Er stieg vom Pferde und setzte sich auf einen hölzernen Schemel, der ihm aus dem nahen Meierhofe gebracht war. Da gewahrte er am rechten Horizont durch sein Fernrohr nicht unbeträchtliche Streitkräfte. Ein aufgefangener Brief erwies [135] bald, daß Bülow von dort heranrücke. Napoleon sandte den so unerwartet erscheinenden Preußen anfangs nur leichte Reiterei entgegen, die doch blos beobachten konnte, und ließ daneben nur durch den Major-General Soult den Marschall Grouchy auffordern, sich so rasch als möglich seinem rechten Flügel zu nähern, um „Bülow, den er auf der That ertappen werde, zu vernichten.“ Die Voraussetzungen dieses Befehles sind fast unbegreiflich, denn Napoleon mußte wissen, daß sein Marschall zu fern war, um denselben ausführen zu können. Uebrigens verkündete der Kaiser ganz ruhig, er wisse, daß es Grouchy sei, der sich dort zur Rechten so unerwartet nahe.

Der Angriff auf Wellington erlitt hierdurch etwas Verzug. Er begann erst gegen zwei Uhr unter der Führung des unerschrockenen Ney.

Drei Divisionen wurden gegen den Pachthof La-Haye-Sainte und gegen die Mitte der feindlichen Schlachtlinie gesandt, vor der derselbe lag. Es gab hier einen der ruhmwürdigsten Kämpfe, in dem britische Kaltblütigkeit und französische Tapferkeit sich die Wage hielten. Der Ausgang war lange zweifelhaft. Den Franzosen rückten die Engländer mit Festigkeit entgegen. Es wurde heiß und heftig zwischen beiden Heeren gekämpft. Hier wie dort wurden Erfolge errungen, und die Opfer waren beiderseits groß. Nach einer Stunde trennten sich dann die feindlichen Colonnen, jede zog in die früheren Stellungen zurück. Eine vierte Division suchte sich gleichzeitig der drei Pachthöfe La-Haye, Papelotte und Smouhen zu bemächtigen, die vor dem linken Flügel der Engländer lagen. Auch hier wurde, jetzt wie später, hart und mit Ausdauer gestritten, doch ohne wesentlichen Erfolg.

Nun wäre es für Napoleon an der Zeit gewesen, den geschwächten Engländern neue Massen entgegen zu senden. Der Heerestheil des löwenmuthigen Grafen Lobau, etwa 9000 Mann, war früher dazu bestimmt gewesen, allein durch den drohenden Anmarsch von Bülow sah sich Napoleon doch genöthigt, ihn gegen diesen aufzustellen. Seine Garden wollte der Kaiser noch nicht in’s Gefecht führen, und so blieb einstweilen nichts anderes übrig, als Wellington hauptsächlich mit den schon geschwächten Divisionen von neuem angreifen zu lassen. Den Engländern aber wurde auf diese Weise schon durch den Anmarsch der Preußen ihre Haltung wesentlich erleichtert.

Gleichzeitig ließ jetzt aber Napoleon durch Ney zwischen Houyomont und La-Haye-Sainte hindurch große Reitermassen gegen die Reihen Wellington’s anstürmen. Starker Kugelregen erschütterte den Muth der Männer nicht. Sie erstiegen, wenn auch sehr gelichtet, die von den Gegnern besetzten Anhöhen und stürzten sich hier jubelnd auf die feindlichen Kanonen, deren Bedienung, einem früheren Befehle gemäß, in benachbarten Quarrés Schutz gesucht hatte. Diesen galt der nächste Anprall der mächtigen Reiterschaar.

Wohlgezieltes Feuer empfing sie. Gegen den verwirrten Haufen ging sodann die freilich schwache Reiterei der Verbündeten in schönster Ordnung vor. Sie warf den Feind und schlug damit dessen herzhaften Angriff zurück. Bald sandten auch die wiederbesetzten Kanonen den fliehenden Franzosen ihr mörderisches Geschoß nach.

Der Reitersturm war vergeblich gewesen. Er hätte durch Infanterie unterstützt werden müssen. Ney stellte dies Verlangen. Napoleon aber, der weder Lobau, noch jene Divisionen vor der Mitte der Feinde zurückziehen konnte, erwiderte cynisch: „Infanterie? Woher soll ich sie nehmen? Wollen Sie, daß ich welche schaffe?“

So blieb ihm, außer dem beständigen Feuer seiner zahlreichen Artillerie, nichts übrig, als die Reiterstürme, wenn auch durch neue, herrliche Schaaren vermehrt, zu erneuern. Sie wirkten verderblich für beide Theile, aber eine Entscheidung konnten sie nicht herbeiführen. Wie der erste verliefen auch die übrigen.

Indessen kämpften die schon früher im Feuer gewesenen Infanteriekolonnen wieder auf das Heftigste um Houyomont und La-Haye-Sainte. Beide Plätze wurden mit unerschütterlicher Tapferkeit vertheidigt. Aber der Besatzung von La-Haye-Sainte ging schließlich die Munition aus, während die steten, ungestümen Reiterangriffe nicht gestatteten den Mangel zu ersetzen. Die Franzosen bemächtigten sich nach fünf Uhr des Platzes.

Die Stellung Wellington’s war dadurch stark erschüttert. Der Sieg wäre für ihn jetzt verloren gewesen, wenn Napoleon ihm die Truppen, welche bereits mit Erbitterung gegen die Preußen kämpften, hätte entgegenführen können. War doch ohnedies des Herzogs Heer mit Vernichtung bedroht.

Bald nachdem La-Haye-Sainte verloren gegangen, brannte Schloß Houyomont nieder. Später büßte Wellington auch Papelotte und La-Haye ein. Und gleichzeitig wurden seine Reihen immer mehr erschüttert. Starke, zahlreiche Divisionen waren zu kleinen Haufen zusammengeschmolzen; die stolze, kriegerische Pracht vom Morgen war längst gebrochen. Die wiederholten, ungestümen Reiterstürme vernichteten in offen bemerkbarer Weise immer mehr und mehr die Schaaren der Verbündeten. Flüchtig verließen einzelne, sogar das ganze hannoversche Regiment Cumberland-Husaren, den furchtbaren Kampfplatz. „Um sieben Uhr Abends,“ berichtet ein Augenzeuge, „existirte die Armee Wellington’s nicht mehr; es war keine Armee mehr.“ In des Herzogs Umgebung tauchten selbst jetzt noch, wo die Preußen schon erschienen waren, Stimmen auf, die da meinten, der Rückzug müsse angetreten werden. Aber wie schon vorher in viel kritischeren Momenten, so blieb auch jetzt Wellington kalt und unerschütterlich. „Unser Plan,“ sagte er, „ist ganz einfach: Blücher oder die Nacht.“

Schon hatten die Preußen thätig in den Kampf eingegriffen und jetzt bewirkten sie, daß den Franzosen ihre Erfolge über Wellington nicht zu statten kamen, daß diese vielmehr selbst völlig geschlagen wurden.

Der Marsch der preußischen Corps Bülow und Pirch, bei denen sich Blücher und Gneisenau befanden, wurde durch die grundlos schlechten Wege mehr gehindert, als vorauszusehen war. Oft hieß es: „Wir können nicht weiter.“ Dann rief jedoch der unverzagte Blücher: „Wir müssen, Kinder! Ich habe Wellington mein Wort gegeben, und Ihr werdet doch nicht wollen, daß ich wortbrüchig werde?“ Die Artillerie blieb weit zurück. Es wurde erforderlich, auf sie im Angesicht der Schlacht zu warten. Als aber Blücher sah, wie Ney den zweiten großen Reiterangriff auf das verbündete Heer vorbereitete, befahl er, ungesäumt vorzugehen.

Um halb fünf Uhr sandten die Preußen ihre ersten Schüsse in die Schlacht, weniger um dem Feinde direct dadurch zu schaden, als vielmehr seinen Muth zu mindern, den des befreundeten Gegners zu erhöhen. In diesem Augenblicke ertönte aber auch Kanonendonner im Rücken von Blücher. Bald traf von Thielmann die Nachricht ein, daß er bei Wawre von überlegenen Kräften angegriffen sei. Es war Grouchy, von dessen Irrfahrten die Verbündeten ebenso wenig erfahren, wie Napoleon von dem Ziele des Nachtmarsches der geschlagenen preußischen Armee. Ein etwaiger Rückzug konnte den Preußen abgeschnitten sein, während noch nicht entschieden war, wie der Kampf in der Front ausfallen würde. Es war ein Moment, der mehr als irgend einer zu halben Maßregeln verleiten konnte. Blücher und Gneisenau aber, großartig und kühn wie je, schwankten keinen Augenblick. Sie sendeten keine Verstärkungen rückwärts. „Er müsse sich,“ ließen sie Thielmann sagen, „vertheidigen, so gut er könne.“ Sie selbst aber sammelten eifrig die Streitkräfte, um bald mit Macht in den Kampf einzugreifen.

Das Gefecht mit Lobau’s Truppen, die Napoleon, wie bemerkt, den Preußen entgegen geworfen, hatte indessen begonnen. Bald konnte Bülow Uebermacht entwickeln und damit gegen sechs Uhr Lobau zurückdrängen. Die Preußen standen bereits im Rücken der Franzosen.

Aber Napoleon ließ nicht ab von der Bedrängung der Engländer, denen er gerade jetzt nicht unwesentliche Erfolge abrang. Gegen die Preußen sandte er frische Truppen, ein Dritttheil seiner letzten Reserve. Blücher mußte sich, für die geringen Kräfte, die noch zur Verfügung standen, anfangs ziemlich weitläufig entwickeln. Er hatte Lobau zu bekämpfen und mußte gleichzeitig suchen, mit seinem rechten Flügel Halt zu bekommen, um die Verbindung mit Wellington herzustellen. Dadurch wird es gekommen sein, daß er zuerst zurückgedrängt wurde. Es entspann sich ein lebhaftes und blutiges Gefecht um das Dorf Planchenois, das von Lobau, durch Garden ansehnlich verstärkt, heldenmüthig vertheidigt wurde. Die Preußen verloren dabei halb so viel Mannschaft, als Wellington am ganzen Tage. Hier lag von sechs bis acht Uhr das Schicksal der Schlacht. Napoleon ließ gleichzeitig von Neuem gegen die Briten anstürmen. Sechs Bataillone der alten Garde wurden jetzt unter Ney gegen die Feinde geführt. Sie erstiegen die Anhöhen, brachten Tod und Verderben und wurden dann wieder geworfen, wie die frühern Colonnen. Während diese Tapfern im vergeblichen Kampfe auf dem rechten Flügel der Verbündeten rangen, wurde endlich auf dem linken [136] die lange erwartete Entscheidung durch die Preußen herbeigeführt.

Dem Wunsche Wellington’s gemäß traf hier jetzt eine starke preußische Colonne, der Heerestheil Zieten’s, der über Ohain marschirt war, zu seiner Unterstützung ein. Es war die Brigade Steinmetz mit ihren Bataillonen, Batterien und den kühnen Reiterschwadronen unsers Bildes in voriger Nummer. Allen voraus eilte der Oberstlieutenant von Reiche, Chef des Generalstabes bei Zieten. Ihm schien die Schlacht keinesweges ungünstig für Napoleon zu stehen. Bald hörte er auch, daß es der letzte Moment sei, thatkräftig mit einzugreifen, indem sich Wellington im andern Fall zum Rückzug genöthigt sehen würde. Reiche suchte den Anmarsch möglichst zu beschleunigen. Gerade eben waren Papelotte und La-Haye vor diesem linken Flügel Wellington’s genommen; es handelte sich zunächst darum, die Franzosen wieder aus der wichtigen Position zu vertreiben. Da räumten, durch den Anmarsch der Preußen erschüttert, die Franzosen gegen sieben Uhr, ohne angegriffen zu sein, die erst vor kurzem besetzten beiden Pachthöfe, und nun konnien bald zwei preußische Batterien zur Unterstützung der Engländer auf eine Anhöhe bei Smouhen aufgefahren werden. Aber bei dem entsetzlichen Pulverdampf, bei dem Hin- und Herwogen der Massen, mußte es zweifelhaft sein, ob die Geschütze Freund oder Feind treffen würden. Alle schwankten, was zu thun sei. Da sagte Reiche: „Ich übernehme alle Verantwortung,“ und richtete dann selbst die sechszehn Geschütze mitten auf den dicksten Haufen. Die Kugeln schlugen rechts ein in die von Ney geführten Angriffscolonnen, links in Lobau’s Heertheil, der um Planchenois kämpfte. Gleichzeitig ließ Zieten eine Angriffscolonne unter dem Obersten von Hofmann gegen französische Schaaren, die soeben Nassauer geworfen hatten, stürmend vorrücken. Es entstand bei Smouhen ein kurzes, aber lebhaftes Treffen, in dem die Preußen Sieger blieben.

Das Gefecht kam jetzt auf der ganzen Linie der Franzosen eine kurze Weile zum Stehen. Aber der Eindruck, den Zieten’s Erscheinen, besonders sein kräftiges Eingreifen durch die beiden Batterien bei Smouhen machte, muß ein ungeheurer gewesen sein. Bald begännen die feindlichen Angriffscolonnen zu wanken. Nur die Garden suchten ihre Haltung noch zu bewahren. Frohlockend sahen die Verbündeten, wie sich die Reihen der Feinde auflösten, wie dann, es mochte acht Uhr Abends sein, eine allgemeine wilde Flucht ihren Anfang nahm. Napoleon selbst sagte: „C’est fini.

Um diese Zeit kam zu den beiden von Reiche dirigirten Batterien ein Adjutant Wellington’s und forderte ihn auf, mit Schießen einzuhalten, weil der Herzog mit der ganzen Linie vorrücken wolle. Sofort schwiegen die Kanonen.

Wellington stieg dann mit seinen stark gelichteten Reihen die Anhöhen hinab und fand dabei, nach eigenem Geständniß, keinen erheblichen Widerstand mehr. Als er aber am Fuße der Stellungen der Franzosen angekommen, formirte der Herzog schnell seine Truppen, denn oben hielten noch einige feindliche Bataillone. Zum Angriff kam es auch hier nicht. Als die Engländer vorgingen, wichen die Feinde. Das war – nur englischer Uebermuth kann es verhehlen – Zieten’s Werk. Oberst Hofmann hatte jetzt die Franzosen geworfen. Er drängte unaufhaltsam hinter ihnen her. Und gleichzeitig brach Zieten mit Reitern vor. Die Wellington entgegenstehenden Bataillone wurden dadurch vollends erschüttert; sie wichen, ehe der Herzog sie erreichte. Jetzt hatte sich auch der blutige Kampf um Planchenois entschieden. Vergeblich war Lobau’s Heldenmuth, vergeblich der tapfere Widerstand der Garden; sie wurden geworfen, wie auch alle Uebrigen, und wurden mit fortgerissen in den wilden Haufen, den jetzt die beiden verbündeten Heere als den bejammernswerthen Rest der Armee, die noch bis zur Ankunft der Preußen den Sieg zu erlangen schien, vor sich hertrieben. Die Schlacht war entschieden, einzig und allein entschieden durch die Preußen. Niemand wußte dies besser, als Wellington; es galt daher seine ganze Schlauheit, um sich allein den Ruhm des Tages zu vindiciren. Und dies ist seiner feinen Berechnung meisterhaft gelungen. Er befahl nämlich, daß die ganze Heereslinie unter seinem Commando die steilen Abhänge hinab vorgehen und den allgemeinen Angriff eröffnen solle. „Mit seinem Kennerblicke übersah er,“ schreibt Müffling, der bekanntlich als preußischer Bevollmächtigter in Wellington’s Hauptquartier dem Feldzuge von 1815 beiwohnte, „daß die französische Armec nicht mehr gefährlich war; zwar wußte er ebensogut, daß er mit seiner zusammengeschmolzenen Infanterie nichts Bedeutendes mehr ausrichten konnte, aber wenn er stehen blieb und der preußischen Arrnee allein die Verfolgung überließ, ohne die Aufstellung zu verlassen, in der er die Angriffe der Gegner abgeschlagen hatte, so hätte die Schlacht vor ganz Europa das Ansehen gehabt, als ob die englische Armee sich zwar tapfer vertheidigt, aber die preußische Armee die Schlacht allein entschieden und gewonnen hätte.“

Von allen Seiten drängten denn die Feldherren der Verbündeten an der Spitze ihrer siegreichen Schaaren auf die frühere Mitte des feindlichen Heeres ein, wo jetzt ein wüster Knäuel sich zusammengeballt. Dort, bei dem Wirthshause La Belle Alliance, begegneten sich durch Zufall Blücher und Wellington. Blücher schlug vor, die Schlacht nach dem beziehungsvollen Namen dieses ergreifenden Wiedersehens zu nennen. Er that das ohne sorgsame Ueberlegung, doch in dem guten Bewußtsein, daß das Ausharren der Engländer den Sieg ermöglicht und das rechtzeitige Erscheinen der Preußen ihn herbeigeführt. Aber er wußte noch nicht, daß Wellington die ganze Ehre des Sieges für sich allein in Anspruch nehmen und ihn deshalb nach seinem Hauptquartier Waterloo nennen wollte. Doch wurde jetzt die wundervolle Eintracht nicht gestört, und willig übernahmen die Preußen den zweiten Theil des blutigen Werkes, die energische Verfolgung des Feindes.

„Wie man siegt, haben wir jetzt gezeigt; nun wollen wir auch zeigen, wie man verfolgen kann!“ rief Gneisenau noch auf dem Schlachtfelde aus. Wellington aber erklärte bei jener Zusammenkunft mit Blücher, seine Truppen seien zu erschöpft, um dem Feinde folgen zu können. Da versammelte der alte Feldmarschall schnell die anwesenden preußischen Officiere und erklärte, daß sie den letzten Hauch an die Verfolgung der Feinde setzen müßten. Sofort brachen die Preußen auf. Unter lautem Hurrah führte Gneisenau persönlich ein noch geordnetes Füsilierbataillon vom fünfzehnten Regiment dem Feinde auf den Fersen nach und drängte unaufhaltsam immer weiter und weiter. Bis Genappe zog auch der alte Blücher, trotz der Ueberanstrengung und der Schmerzen seines Körpers, mit. Von da an leitete Gneisenan allein die wilde Jagd.

Die Franzosen aber hatten sich vollständig aufgelöst. Ihre wirren Haufen rissen Alles mit sich fort: den durch das Uebermaß der Niederlage stumpfen Napoleon, die stolzen Generale und Marschälle, die kriegerischen Garden, den flüchtigen Train. Wo ein Versuch des Sammelns gemacht wurde, scheuchten preußische Trommeln und Hörner von Neuem auf. Napoleon’s Wagen, mit wichtigen Papieren und Kostbarkeiten aller Art, wurde erbeutet; er selbst mußte in größter Eile ohne Hut flüchten. Gegen Morgen erreichte Gneisenau mit dem kleinen Häufchen, das ihm noch hatte folgen können, fünfzig Uhlanen, das Städtchen Frasnes. Hier, etwa dritthalb Meilen vom Schlachtfelde, hielt er an, um die ersten Strahlen der Sonne zu erwarten.

Der alte Blücher, auf das Schlachtfeld zurückgekehrt, schrieb aber um diese Zeit an Knesebeck: „Mein Freund. Die Schönste Schlagt ist geschlagen. Der herligste Sieg ist erfochten. Das Detallie wird er folgen; ich denke, die Bonaparte’sche Geschichte ist nun wohl für lang zu ende. La Bellaliance den 19. früh. Ich kann nicht mehr schreiben, den ich zittere an alle glieder. Die Anstrengung wahr zu groß.“

Und wahrlich, die herrlichste Schlacht war geschlagen! Hätte Grouchy nicht gleichzeitig den General Thielmann durch doppelte Ueberzahl bei Wawre zurückgedrängt und dann verdeckt die Grenzen seines Vaterlandes zu erreichen vermocht, so würde keine französische Armee den heimischen Boden wieder betreten haben. Fast ein Dritttheil der Mannschaft Napoleon’s war getödtet oder verwundet; 7600 wurden gefangen genommen. Der Rest war völlig entmuthigt. Die Armee Wellington’s erbeutete 122, die Preußen in Planchenois 60, später in Genappe noch 80 Kanonen; die reichen Vorräthe ungerechnet. Aber der Sieg wurde auch theuer bezahlt. Wellington verlor an 13,000 Mann, worunter gegen 3000 Deutsche. Der harte Entscheidungskampf der Preußen um Planchenois kostete über 6000 Mann, während Zieten auch noch gegen 700 verlor.

Es waren aber die Opfer des Preises werth. In unaufhaltsamem Marsch ging es jetzt nach Paris, das nach elf Tagen capitulirte. Unser Vaterland war damit von der neuen Gefahr befreit, die sich so drohend erhob. Freilich sind dann auch bei dem zweiten Pariser Frieden die deutschen Angelegenheiten nicht im nationalen Sinne vertreten worden, und demnach ist auch der Erfolg [137] des ruhmreichen Feldzuges für uns Deutsche nicht so groß gewesen, wie wir hätten erwarten können. Aber diese Ungunst der politischen Verhältnisse darf uns nicht hindern, stets und immerdar den Tag bei Belle Alliance, wie wir Deutschen nach dem Vorschlage unseres Marschall Vorwärts die Schlacht vom 18. Juni 1815 fortan nennen wollen, als einen der glänzendsten in der Reihe der deutschen Siegestage zu betrachten.

Durch deutsche Kraft und Unerschrockenheit wurde die Schlacht entschieden. Ohne sie wäre Wellington mit seinem tapfern Heere, das auch noch zum größten Theile aus Deutschen bestand, unrettbar vernichtet worden. Wenn sich trotzdem die Engländer in bekannter Selbstüberhebung die ganze Ehre des Tages oft und wiederholt angemaßt haben, so konnte das nur geschehen, weil sie wohl wußten, daß unsere Federn leider oft genug mehr der philosophischen Speculation als der Vertheidigung der wohlerworbenen Ehren unserer Nation gewidmet sind.

Unserem Volke aber, dem dadurch eins seiner größten Güter geschmälert ist, gereicht das zur Schande. Denn die Ehren der Nation sind ihr Ruhm, und fest bewußt müssen wir für beide einstehen. – Die wahrscheinlichen Fanfaren der Engländer bei der demnächstigen Jubelfeier der Schlacht auf ihr richtiges Niveau herabzustimmen, – das war der Hauptzweck unsers Artikels.



  1. Wir dürfen wohl unseren Lesern eine neueste Probe englischer Schmähkraft in Erinnerung bringen. Ein „Schleswig-Holstein-Lied“ des englischen Kladderadatsch „Punch“, welches vor einigen Wochen durch unsere Tagesblätter lief, schloß mit den Versen:

    Lumpen! ruft euch England zu,
    Laßt den Kleinen nur in Ruh,
    Bindet doch mit Großen an –
    Schleswig-Holstein woll’n wir ha’n.
    Noble Bande! Könnt ihr stehn,
    Könnt ihr auch zum Kampfe gehn.
    Brüllet, wird s euch wackelisch,
    Schleswig-Holstein unterm Tisch.