Nicolas Charrington, der „heilige Bierbrauer“

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Textdaten
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Autor: Bw.
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Titel: Nicolas Charrington, der „heilige Bierbrauer“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 756
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[745] Nicolas Charrington, der „heilige Bierbrauer“. Nicolas Charringtons Vater war einer der reichsten Brauer im Londoner Ostend, dessen Plakate eins der beliebtesten Biere Englands in allen Wirtshäusern verkündeten und noch verkünden, und in dessen Taschen von den 1300 Millionen Mark, welche die englische Arbeiterwelt jahraus jahrein im Alkohol anlegen soll, ein anständiger Prozentsatz geflossen ist. Nicolas wuchs auf, studierte und trat ins Geschäft wie andere reiche junge Herren, bis ihm mit 20 Jahren die Predigten des Dissidentenpfarrers Lord Radstock und alsdann das Studium der Evangelien derart aufrüttelten, daß sein Geist eine ganz neue Richtung empfing. Mit aller Energie warf er sich alsbald auf die Aufgabe, ein „Seelenretter“ zu werden. Voll glühenden Eifers widmete er sich besonders den Armen des Ostends, und während er am Tage in seines Vaters Geschäft arbeitete, lehrte er abends und nachts die verwahrloste Jugend lesen in den so genannten Nachtschulen, die er mit gleichgesinnten Freunden gründete. Bald trat er auch in größeren Versammlungen auf und sein Kampf galt nun besonders dem Teufel des Alkohols. Der Gegensatz zwischen seinen Gesinnungen und dem Geschäft, in dem ihn der Wille seiner Familie festhielt, blieb ihm natürlich ebensowenig verborgen wie denen, die er zu „belehren“ unternahm, und die grellen Bierplakate mit seinem eigenen Namen, die er in allen Hotels, Theatern und Schenken sehen mußte, bereiteten ihm viel Schmerz und Beschämung. Ja, er erlebte es, daß ihm halbwüchsige Burschen abends vor den Lokalen, in denen er sprach, auflauerten, um dem heiligen Brauer die Lust am Belehren zu versalzen. Sein offener Mut, seine herzliche Freundlichkeit ließen ihn zwar selbst bei solchen Gelegenheiten mehr Triumphe als Beschämung erleben, aber der Vorwurf, ein Brauer zu sein, ließ ihm doch keine Ruhe, bis er mit 23 Jahren dem Geschäft und Vermögen seiner Familie den Rücken gewandt hatte, um ganz seinem neuen Berufe zu leben. Sein Kreuzzug gegen die Trunksucht wurde nun ebenso leidenschaftlich wie erfolgreich, obwohl es die Wirte nicht an Versuchen fehlen ließen, ihn in seinem Streben zu hindern. Alkohol und Sinnlosigkeit waren die Feinde, die Charrington besonders verfolgte, aber auch im allgemeinen ist er einer der größten Wohlthäter der Armen und Elenden Londons geworden. Die „Assembly Hall“, der örtliche Mittelpunkt der inneren Mission im Osten der Stadt, mit ihren Sälen, ihren Lese-, Speise- und Erholungsräumen für Arme, die „Children Hall“ für verwahrloste Kinder sind das Werk Charringtons. Das Liebesmahl, das am 9. November jedes Jahres vom Lord Mayor den Frierenden und Hungernden des Ostends gespendet wird, ist von ihm gestiftet, die Kolonisation der Armen, d. h. ihre kostenlose Beförderung nach Canada, wo vielen, die in London zu Grunde gegangen, eine zweite Existenz blüht, hat in ihm eine ihrer größten Stützen, und der Name des heiligen Brauers, einst ein Spottwort, ist heute bekannt und geliebt bei allen Armen der Sechsmillionenstadt.

Bw.