Nigrinus

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Lukian von Samosata
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Nigrinus
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Erstes Bändchen, Seite 35–60
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1827
Verlag: J. B. Metzler
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Νιγρίνου Φιλοσοφία
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[35]
Nigrinus.
Vorwort.
Lucian an Nigrinus.

Eine Eule nach Athen, sagt das Sprichwort, weil es lächerlich wäre, wenn einer Eulen an einen Ort tragen wollte, wo deren schon so viele sind. Eben so würde auch ich dem Lächerlichen nicht entgehen, wenn ich, um eine Probe meines Schriftstellertalents zu geben, dem Nigrinus ein Büchlein [36] von mir zuschicken wollte: das hieße wohl gewiß Eulen nach Athen zu Markte tragen. Da ich aber keine andere Absicht habe, als dir meine gegenwärtige Gesinnung und den gewiß nicht vorübergehenden Eindruck zu beweisen, welchen dein Vortrag auf mich gemacht hat, so hoffe ich, daß mich jenes Sprichwort so wenig, als der Ausspruch des Thucydides[1] treffen wird: Unkunde macht verwegen, Ueberlegung zaghaft. Denn du wirst es wohl nicht verkennen, daß nicht Unkunde allein, sondern hauptsächlich die Liebe, welche ich nun zu Vorträgen der Weisheit trage, diesen Versuch mich wagen ließ. Lebe wohl.


Lucian. Sein Freund.

1. Der Freund. Wie feierlich, wie so hoch einher wandelnd bist du zurückgekommen? Du magst mich ja nicht einmal ansehen, entziehest mir deinen Umgang, und wechselst nicht mehr, wie sonst, trauliche Worte mit mir. Woher denn, ich bitte dich, diese plötzliche Verwandlung, dieses seltsame Wesen?

Lucian. Woher anders, mein Freund, als von meiner Glückseligkeit?

Freund. Wie so?

Lucian. Ganz unverhofft bin ich dir glücklich geworden, selig, ja dreimal selig, wie die Dramatiker sagen.

Freund. Herkules! und das so schnell?

Lucian. Allerdings.

[37] Freund. Und worin besteht denn das große Glück, worüber du triumphirest? Ich möchte mich nicht nur so im Allgemeinen mit dir freuen, sondern das Ganze mit allen seinen Umständen vernehmen.

Lucian. Muß es dir nicht, bei Gott, wie ein Wunder vorkommen, wenn ich dir sage, daß ich aus einem Sclaven ein freier Mann, aus einem Armen ein wahrhaft Reicher, aus einem unverständigen und eingebildeten Menschen ein Weiser geworden bin?

2. Freund. Das wäre? Doch verstehe ich noch nicht recht, was du willst.

Lucian. Ich hatte mich nach Rom begeben, um mich nach einem Augenarzt umzusehen, weil mein Augenleiden immer schlimmer geworden war.

Freund. Das wußte ich, und mein Wunsch war, du möchtest einen geschickten Mann gefunden haben.

Lucian. Da ich mir vorgenommen hatte, den platonischen Philosophen Nigrinus nach langer Zeit einmal wieder zu besuchen, so begab ich mich eines Morgens früh nach seiner Wohnung, klopfe an, lasse mich melden, und werde vorgelassen. Bei meinem Eintreten finde ich ihn mit einem Buche in der Hand, von vielen Büsten alter Weisen rings umgeben: vor ihm lag eine Tafel mit geometrischen Figuren, und eine Kugel aus Rohrstäben, die, wie ich glaube, das Weltall vorstellen sollte.

3. Nachdem er mich gar freundlich begrüßt hatte, fragte er mich, wie es mir gehe. Ich mußte ihm über alles Auskunft geben, und da ich ihn gleichfalls nach seinem Befinden gefragt hatte, und ob er nicht einmal wieder eine Reise nach [38] Griechenland zu machen gedenke, so kam er denn recht ins Sprechen hinein, öffnete mir sein ganzes Herz, und, o Freund! er bezauberte mich so mit dem süßen Nectar seiner Rede, daß der Sirenen (wenn es je welche gab), der Nachtigallen, und des Homerischen Lotus[2] Zauberkraft mit jenen göttlich tönenden Worten nicht in Vergleichung kam.

4. Denn er ward auf das Lob der Philosophie geführt, wie sie die wahre Freiheit gewähre, und zeigte mir das Verächtliche der Dinge, welche die Menge für Güter hält, einer glänzenden äußern Lage, des Ranges, der Herrschergewalt, der Ehrenstellen, des Goldes und Purpurs, und aller der Dinge, die in den Augen der gewöhnlichen Menschen, und bisher auch in den Meinigen, so wichtig sind. Allem diesem öffnete ich mein Gemüth und faßte es mit gespannter Aufmerksamkeit auf; aber ich kann dir nicht beschreiben, wie mir ward, und wie wunderbare Empfindungen in meinem Innern wechselten. Bald betrübte es mich, zu hören, wie das, was mein Liebstes gewesen, Pracht, Geld, Ruhm, in seiner Nichtigkeit dargestellt ward, und ich hätte weinen mögen, wie ich es so zu Boden getreten sah: bald kamen mir dieselben Dinge wieder geringfügig und verächtlich vor, und ich war so froh, als ob ich mein bisheriges [39] Leben in trüber Dämmerung zugebracht hätte, und nun in eine Welt voll heitern Lichtes hinausschaute. Das Seltsamste war, daß ich mein krankes Auge gänzlich darüber vergaß, indem mein Geist, der, ohne daß ich es wußte, blind gewesen, immer hellsehender wurde.

5. Allmählig ist die Veränderung mit mir vorgegangen, worüber du dich so eben beklagtest. Jene Rede hat mich so gehoben, daß ich fast über der Erde wandle, und den Sinn auf nichts Kleinlichtes mehr richte. Ich glaube eine Wirkung von der Philosophie erfahren zu haben, ähnlich derjenigen, welche der Wein auf die Indier, als sie ihn zuerst kennen lernten[3], geäußert haben soll. Diese, ein von Natur warmes Volk, hatten kaum von diesem starken Getränke zu sich genommen, als sie auf der Stelle betrunken wurden, und noch einmal so toll, als Andere, schwärmten. So wandle auch ich umher, wie trunken von der begeisternden Kraft jener Worte.

6. Freund. Nun, dieß heißt doch wohl nicht betrunken, sondern recht nüchtern und weise seyn. Ich selbst wollte gerne auch, wenn es möglich wäre, diese Rede vernehmen. Und ich glaube, es wäre nicht recht, wenn du diesen Wunsch des Freundes, der mit dir gleiches Streben hat, nicht berücksichtigtest.

Lucian. Besorge dieß nicht, mein Bester! Ich möchte mit dem Atriden fragen:

– – – warum, da ich selber ja strebe,
Mahnest du mich?[4]

[40] Wenn du mir nicht zuvorgekommen wärest, hätte ich dich wohl selbst gebeten, mir zuzuhören. Denn ich möchte dich als Zeugen gegen die Leute aufstellen, daß ich kein rasender Schwärmer bin. Zudem ist es mir hoher Genuß, mich recht oft an das Gehörte zu erinnern, deswegen habe ich dasselbe schon mehrmals eingeübt, und, sogar wenn mir Niemand zuhörte, zwei und dreimal des Tages jene Worte wiederholt.

7. Es geht mir wie den Verliebten, die in Anwesenheit ihrer Geliebten alle Handlungen und Worte derselben im Gedächtnisse an sich vorbeigehen lassen, um sich durch diese Beschäftigung über die Schmerzen der Trennung zu täuschen. Versetzen sich doch wirklich Einige in Gedanken in ein ordentliches Zwiegespräch, und freuen sich über Dinge, die sie ehemals von ihnen gehört haben, nicht minder, als ob sie ihnen in diesem Augenblicke erst gesagt worden wären: ihre ganze Seele ist so vertieft in die Erinnerung an das Vergangene, daß sie keine Zeit haben, sich um das Gegenwärtige zu bekümmern. So finde auch ich, da mir die Philosophie selbst ferne ist, keinen geringen Trost darin, daß ich alle die Worte, welche ich von ihr vernommen, sammle und bei mir selbst der Reihe nach wiederhole. Und gleich einem, der in finstrer Nacht auf dem Meere treibt, habe ich die Augen stets auf jene Leuchte geheftet: bei Allem, was ich vornehme, glaube ich jenen Mann zum Zeugen zu haben; immer ist es mir, als ob er mir jetzt noch dasselbe, wie damals, sagte. Ja bisweilen, besonders wenn ich den Gedanken an ihn mit aller Anstrengung fest halte, erscheinen seine Gesichtszüge meinen Augen, und der Laut seiner Stimme [41] tönt in meinen Ohren nach. Denn wirklich gilt mit Recht von ihm, was der Komiker[5] von Perikles sagt:

– – – einen Stachel
ließ er in seiner Hörer Brust zurück.

8. Freund. Halt ein, mein wunderlicher Freund! Gehe doch wieder ein wenig zurück, und erzähle mir von Anfang an jenen ganzen Vortrag: denn du marterst mich wahrlich mit deinen Umschweifen.

Lucian. Du hast Recht: ich will beginnen. Nur das noch – du hast doch wohl schon schlechte tragische, oder gar auch komische Schauspieler gesehen, die, weil sie die Stücke verderbten, ausgepfiffen und am Ende von der Bühne gejagt wurden, während öfters die Stücke selbst gut waren, und den Preis davon trugen!

Freund. Ich kenne viele dergleichen Leute; aber warum diese Frage?

Lucian. Weil ich besorge, dir lächerlich zu werden, wenn auch ich meine Rolle schlecht spielen und bald ohne gehörigen Zusammenhang sprechen, bald vielleicht aus Unverstand den Sinn der Rede selbst verderben werde. Dieß könnte dich nach und nach verleiten, über das Stück selbst den Stab zu brechen; worüber ich freilich, so weit es meinen Vortrag betrifft, mich nicht beklagen könnte, was ich jedoch in Beziehung auf den Inhalt des Originals, wenn es, durch meine Schuld entstellt, mit mir durchfiele, sehr bedauern müßte.

[42] 9. Vergiß also, so lange ich spreche, keinen Augenblick, daß der Dichter für mögliche Verstöße nicht verantwortlich ist, und weit von der Bühne entfernt, sich nichts um das bekümmert, was auf dem Schauplatze vorgeht. Ich aber lege blos eine Gedächtnißprobe vor dir ab, und bin nichts weiter als der Schauspieler, der die Rolle eines Boten herzusagen hat. Wenn du daher Mängel in dem, was ich sage, wahrnimmst, so denke doch sogleich, daß es eigentlich besser war, und daß es der Dichter selbst wohl ganz anders gesagt hatte. Mich selbst magst du auspfeifen: ich werde mich darüber wenig kränken.

10. Freund. Nun, beim Hermes, das heiß’ ich denn ganz fein und nach allen Regeln der Rhetoren seine Rede bevorworten. Ohne Zweifel wirst du noch hinzusetzen, du wärest nur ganz kurz bei Nigrinus gewesen, kämest nicht eben vorbereitet zum Vortrag, und es würde für mich besser seyn, jenen selbst zu hören: denn nur Weniges sey dir möglich gewesen, in deinem Gedächtniß aufzubewahren, und dergleichen. Nicht wahr? Aber aller dergleichen Ausreden bedarfst du bei mir nicht: bilde dir nur ein, sie bereits vorangeschickt zu haben. Denn ich bin nur bereit, dir Beifall zuzurufen und zu klatschen. Wenn du mich aber noch länger warten lässest, werde ich es dir gedenken, wenn du mitten im Feuer bist, und so scharf pfeifen, als ich kann.

11. Lucian. Nicht nur alles das, was du da anführtest, wollte ich gesagt haben, sondern auch das noch, daß mir nicht mehr möglich wäre, des Nigrinus Rede in derselben Ordnung und in Einem Zuge zu wiederholen. Eben so wenig werde ich ihm selbst die Worte in den Mund legen, [43] um mich nicht auch hierin den Schauspielern gleichzustellen, die in der Maske eines Agamemnon, Kreon oder Herkules steckend, mit goldgestickten Gewändern angethan, mit grimmigem Blicke, aus weitaufgerissenem Maule[6], doch nur ein schwaches, dünnes und weibermäßiges Stimmchen hören lassen, das auch für eine Hekuba und Polyxena noch viel zu schmächtig wäre. Um mir also nicht den Vorwurf zuzuziehen, daß ich eine für meinen Kopf bei weitem zu große Maske vorhabe, und meinem Costüme schlechte Ehre mache, und um nicht zugleich mit mir auch den Helden fallen zu machen, den ich vorstelle, will ich in meiner eigenen Person sprechen.

12. Freund. Dieser Mensch wird heute nicht mehr aufhören, mir von Schauspiel und Schauspielern vorzuschwatzen.

Lucian. Siehst du, ich bin bereits fertig damit, und schreite zur Sache. – Nigrinus begann also mit dem Lobe Griechenlands und hauptsächlich der Athener, daß sie im beständigen Verein mit der Weisheit und der Armuth leben, und weit entfernt, es gerne zu sehen, wenn ein Einheimischer oder ein Fremder den Luxus bei ihnen einzuführen sucht, Jedem, der mit solchen Gesinnungen zu ihnen kommt, seine frühern Sitten allmählig abgewöhnen, ihn gänzlich umstimmen, und für die Frugalität ihrer eigenen Lebensweise gewinnen.

13. So erwähnte er eines gewissen steinreichen Mannes, der einst mit großem Gepränge nach Athen kam, mit [44] einem Schwarme von Bedienten die Straßen beengte, und meinte, wegen seines Goldes und seiner gestickten Kleider werden ihn die Athener als einen beneidenswerthen und glückseligen Sterblichen betrachten. Allein diese hatten Mitleid mit dem Herrlein, und beschloßen, es in ihre Schule zu nehmen. Sie waren nicht so grob, daß sie ihm verwehrt hätten, in einer freien Stadt nach seinem Gefallen zu leben: allein wenn er in den Gymnasien und Bädern mit seiner Anwesenheit zur Last fiel, und mit seiner Dienerschaft den Raum so versperrte, daß die Ab- und Zugehenden kaum durchkommen konnten, so sagte einer halblaut, als ob es jenen eben nichts anginge: „Er fürchtete im Bade umgebracht zu werden, und doch ist tiefer Friede hier im Badehause. Wozu denn also eine ganze Armee?“ Jener aber hörte, verstund, und ließ sich belehren. Das buntgestickte Kleid aber und die Purpurstoffe haben sie ihm gleichfalls ganz artig ausgezogen, indem sie über die mannigfaltigen Blumenmalereien auf denselben ihre Späße machten. Der eine rief: „Seht, der Frühling ist schon da!“ Ein anderer: „Woher dieser Pfau?“ Ein dritter: „Die Kleider gehören vielleicht seiner Mutter.“ Und ähnliches dergleichen. Und so machten sie sich über alles Uebrige dieser Art an ihm lustig, über die vielen Ringe an seinen Fingern, über das Geckenhafte seines Haarputzes, den ausschweifenden Aufwand seiner Tafel. Und wirklich wurde der Mann allmählig vernünftig, und hatte dieser öffentlichen Erziehung zu danken, daß er um vieles besser wieder abreiste, als er gekommen war.

[45] 14. Zum Beweise aber, daß man sich in Athen nicht schämt, seine Armuth zu gestehen, erwähnte er gegen mich eines Wortes, das er an den Panathenäischen Kampfspielen aus dem Munde der gesammten Bürgerschaft vernommen zu haben versicherte. Es war nämlich ein Bürger festgenommen, und vor den Kampfrichter geführt worden, weil er den Spielen in einem bunten Kleide zugesehen[7] hatte. Alle Anwesenden legten aus Mitleid eine Fürbitte für ihn ein; und als der Herold ausrief, dieser Mann habe sich gegen das Gesetz vergangen, da er in einem solchen Aufzuge den Spielen angewohnt, schrieen sie Alle, wie verabredet, einstimmig: „Verzeiht diesem Menschen seinen Anzug, er hat keinen andern!“ – Dieß lobte er also an den Athenern, so wie auch die freie, unbefangene Weise, wie man dort lebe, und die stille Ruhe und Muße, die man bei ihnen in Fülle genieße. Auch zeigte er, wie der dortige Aufenthalt so gut zum Studium der Philosophie stimme, wie sehr er geeignet sey, den Charakter rein zu erhalten, und wie trefflich die dortige Lebensweise für einen rechtschaffenen Mann passe, der den Reichthum verachten gelernt, und das von Natur Gute zur Regel seines Lebens gemacht habe.

15. Wer aber nur den Reichthum liebt, fuhr er fort, vom Golde bezaubert ist, und die Glückseligkeit nur nach Purpur, Macht und Einfluß bemißt, wer nie die wahre Freiheit gekostet, unbefangenen Freimuth nie kennen gelernt, die Wahrheit nie geschaut hat, sondern unter Schmeichlern und [46] Sklaven aufgewachsen ist, ferner wer sein ganzes Wesen dem Dienste der Wollust hingegeben, ein Freund ausschweifender Tafelgenüsse, des Weines und der Liebe ist, und seine Freude an eiteln Gauckeleien und trugvollem Lügenwerke hat: wen endlich nur allerhand Geklimper und Triller und heillose Lieder ergötzen – für solche Leute ist diese Stadt[8] der rechte Aufenthalt.

16. Denn hier sind von ihren Lieblingsgegenständen alle Straßen, alle Märkte voll. Alle Zugänge werden hier der Wollust geöffnet, Augen, Ohren, Nase, Gaumen; einem nie versiegenden, trüben Flusse gleich strömt sie in das Innere, und erweitert den Zugang für alle Verdorbenheit: und so ziehen denn Leidenschaften aller Art, Geldsucht, Meineid und Ehebruch ein, und umfluthen von allen Seiten das Herz; Schaam, Tugendsinn und Rechtlichkeit aber werden hinausgeschwemmt. Am Ende bleibt ein wüster Schlammboden, wo in Menge die Pflanzen wilder Begierden wuchern. – Diese Vorstellung machte er mir von der Stadt und von den Herrlichkeiten, die man in ihr lernen könne.

17. Als ich daher, sprach er weiter, aus Griechenland zurück kam, und bereits wieder in der Nähe dieser Stadt war, hielt ich an, und forderte mit jenen Homerischen Worten[9] mir selbst über meine Hieherkunft Rechenschaft ab:

Warum doch, O Armer, das Licht der Sonne, verlassend
(Griechenland nämlich mit jenem glücklichen Leben der Freiheit),
Kamst du hieher, um zu schauen

[47] dieses Getümmel, diese Schwärme von geheimen Angebern, hoffärtigen Höflingen, von Leckermäulern, Schmeichlern, Banditen, Erbschleichern und falschen Freunden? Was willst du nun anfangen, da du diesen Ort so wenig verlassen, als die herrschende Weise annehmen kannst?

18. Wie ich so mit mir zu Rathe gehe, fasse ich endlich den Entschluß, wie dort Jupiter den Hektor

Aus dem Gewürge der Schlacht, aus strömendem Blut und Getümmel[10],

so mich selbst aus jenen Geschoßen zu ziehen, mich in mein Haus zu verschließen, und eine Lebensweise, so scheu und unmännlich sie auch gewöhnlichen Menschen vorkommen mag, zu erwählen, wobei ich nur mit der Philosophie, mit meinem Plato und mit der Wahrheit verkehre. Dabei ist es mir, wie einem, der auf dem höchsten Sitze eines von Tausenden angefüllten Theaters sitzt; ich beschaue von meiner Höhe Alles, was unter mir vorgeht, Dinge, die bisweilen ergötzlich und lächerlich genug sind, bisweilen aber auch die Tugend des festesten Mannes auf die Probe stellen.

19. Denn um auch von der schlimmen Sache das zu sagen, was an ihr zu loben ist, so glaube nicht, daß es irgendwo eine größere Kampfschule für die Tugend, einen richtigern Probierstein unseres Charakters geben könne, als diese Stadt und ihre Lebensart. Denn es ist gewiß nichts Kleines, so vielen lockenden Begierden, so verführerischen Reizen für Aug’ und Ohr zu widerstehen, welche von allen Seiten uns in Anspruch nehmen. Man muß nun einmal, wie [48] einst Ulysses, an diesen Sirenen vorüber segeln, und sich nicht aus Mangel an Selbstvertrauen die Hände an den Mast festbinden lassen, und die Ohren mit Wachs verstopfen, sondern frei und mit recht keckem Stolze ihnen zuhören.

20. Hier lernt man die Weisheit hochachten, wo man sie im Gegensatze mit solcher Thorheit findet, hier die Glücksgüter gering schätzen, wo man, wie auf der Bühne in einem aus den mannigfaltigsten Personen zusammengesetzten Drama, bald den gewesenen Sklaven als Herrn, bald den Reichen als Bettler, wiederum den Bettler als Satrapen oder König herauskommen, und aus Freunden Feinde, aus Günstlingen Flüchtlinge werden sieht. Denn das ist das Thörichteste, daß, während die Glücksgöttin des Spieles mit allen menschlichen Dingen überwiesen und geständig ist, daß deren keines von Dauer sey, dennoch Leute, welche tägliche Zeugen dieses Spieles sind, nach Geld und Herrschaft dürsten, und sich mit einer Menge vergeblicher Hoffnungen tragen.

21. Ich sagte vorhin, die Dinge, welche hier vorgehen, geben bisweilen reichlichen Stoff zum Lachen und zu ergötzlicher Unterhaltung. Ich will dir Beispiele geben. Wie lächerlich werden nicht eben jene reichen Gecken, wenn sie ihren Purpur zur Schau tragen, ihre Ringe in die Augen spielen lassen, und eine Menge ähnlicher Abgeschmacktheiten begehen? So haben zum Beispiel Einige die ungereimte Sitte, die Begegnenden auf der Straße blos durch einen Bedienten grüßen zu lassen, indem sie sich einbilden, die Leute müßten hoch zufrieden seyn, wenn sie auch nur mit einem Blicke angesehen werden. Andere, die noch vornehmer thun, erwarten Kniebeugungen, und zwar nicht nur aus einiger Entfernung, wie [49] es bei den Persern gebräuchlich ist, sondern man muß vor sie hintreten, sich niederlassen, und, indem man die Demuth und Erniedrigung der Seele in Mienen und Geberden ausdrückt, ihnen die Brust oder die Hand küssen, eine Gnade, die mit neidischen Augen von denen angesehen wird, die dazu nicht einmal gelangen können. Indessen steht der Mann da, und läßt eine gute Weile Aefferei mit sich treiben. Uebrigens lobe ich doch insofern diesen übermenschlichen Hochmuth, als wir dadurch von unreinen Lippen ferne gehalten werben.

22. Doch noch viel lächerlicher machen sich uns diejenigen, welche jenen nachlaufen, und ihnen den Hof machen. Diese Menschen stehen mitten in der Nacht auf[11], rennen in der ganzen Stadt herum, und lassen sich’s gefallen, wenn die Bedienten ihnen die Thüre vor der Nase zuschließen, und Schmarotzer! Hund! und dergleichen ihnen nachrufen. Und der Preis, den sie mit diesem mühseligen Herumlaufen erjagen, ist die lästige, an so vielen Uebeln fruchtbare Ehre, zu Gaste zu seyn. Was müssen sie nun da nicht Alles verschlingen, wie Vieles wider ihren Willen austrinken, wie viele Ungehörige schwatzen! Endlich gehen sie murrend und verdrüßlich von dannen, und schimpfen bald auf das Essen, bald beklagen sie sich über die Grobheit und Kargheit des Hausherrn. Die Nebengäßchen sind dann voll von Leuten, die sich des Zuvielgenossenen entledigen, oder sich um eine gemeine Metze balgen. Des folgenden Tages liegen die Meisten krank, und geben den Aerzten reichliche Gelegenheit, hin- und herzulaufen. [50] Einige jedoch nehmen sich, seltsam genug, nicht einmal Zeit, krank zu seyn.

23. Ich halte wirklich diese Schmarotzer für weit verworfener, als die, vor denen sie kriechen, und bin überzeugt, daß sie selbst an der übermüthigen Grobheit der letzteren schuld sind. Denn, wenn sie die Reichthümer derselben bewundern, ihre Goldhaufen preisen, vom frühesten Morgen ihre Vorzimmer füllen, sich ihnen wie ihren Beherrschern nähern, was müssen diese am Ende nicht von sich selber denken? Gesetzt, jene verabredeten sich, dieser freiwilligen Knechtschaft auch nur auf eine Weile sich zu begeben, glaubst du nicht, die Reichen würden nun im Gegentheile selbst vor die Thüren der Armen kommen und bitten, daß sie ihr Glück nicht ohne Zuschauer und Zeugen, und ihre prächtigen Tafeln und großen Palläste nicht ungebraucht und unbesucht lassen möchten? Denn sie sind nicht sosehr in das Reichseyn selbst, als in das Vergnügen verliebt, deswegen für glücklich zu gelten. Und so ist es wirklich: die schönste Wohnung, der größte Reichthum an Gold und Elfenbein hat keinen Werth für den Besitzer, wenn Niemand da ist, der dieses alles bewundert. So sollte man also diese Menschen von ihrer stolzen Höhe herabziehen, und ihren Werth heruntersetzen, indem man ihrem Reichthum die Verachtung als einen Damm entgegenstellt, anstatt daß man sie jetzt mit sklavischen Schmeicheleien zu Narren macht.

24. Wenn übrigens Menschen ohne Bildung, die ihren Mangel an Erziehung gar keinen Hehl haben, sich so betragen, so mag man dieß natürlich finden: daß hingegen zuweilen Leute, welche die Maske des Philosophen tragen, sich [51] noch weit lächerlicher aufführen, das ist doch wohl das Aergste. Wie meinst du, daß mir zu Muthe ist, wenn ich einen von diesen, zumal einen von den ältern, mitten unter einem Schwarme von Schmarotzern den Trabanten irgend eines Großen machen, und mit den Bedienten, die ihn zur Tafel laden, vertraulich sprechen sehe, während er seiner auffallenden Tracht[12] wegen um so mehr in die Augen fällt? Was mich dabei am meisten verdrießt, ist, daß sie nicht auch das Kostüme vertauschen, da sie ja doch in allem Uebrigen einerlei Rolle mit den Andern spielen.

25. Und wie sie sich nun bei Tische benehmen, läßt sich mit nichts Ehrbarem vergleichen. Sind sie es nicht, die sich am unanständigsten mit Speisen beladen, die sich am schamlosesten betrinken, die zuletzt von der Tafel aufstehen und mehr als alle Uebrigen einsacken? Die Geschliffenern unter ihnen haben sich mehr als einmal sogar zum Singen bewegen lassen. Alles dieses fand nun Nigrinus sehr lächerlich. Besonders aber erwähnte er noch derjenigen Gattung von Philosophen, die sich um Lohn verdingen, und die Tugend als Marktwaare feil bieten, und deren Lehrsäle er deswegen Krambuden und Schenkstuben nannte. Er verlangte, daß derjenige, welcher die Verachtung des Reichthums lehren will, zuvor selbst sich über alle Gewinnsucht erhaben zeige.

26. Und wirklich beobachtete er dies selbst zu jeder Zeit. Er gewährte seinen lehrreichen Umgang nicht nur unentgeldlich Jedem, der ihn wünschte, sondern unterstützte sogar auch diejenigen, die es bedurften, und war ein Verächter alles [52] Ueberflüssigen. Weit entfernt also, nach fremdem Gute zu trachten, machte er sich wenig Sorgen, wenn er auch an seinem eigenen zu Schaden kam. So besaß er unfern der Stadt ein Landgütchen, das er in vielen Jahren nicht nur nicht zu besuchen verlangte, sondern nicht einmal für sein wirkliches Eigenthum erklärte; indem er dabei ohne Zweifel an die Wahrheit dachte, daß wir von Natur über keines dieser Dinge Herren sind, sondern blos durch das Gesetz und durch Erbfolge oder Uebergabe den Gebrauch derselben auf unbestimmte Zeit erhalten haben, und eine Weile für die Besitzer gelten, bis der Termin eintritt, wo ein Anderer dieselben übernimmt und den Namen des Besitzers führt. Auch in anderer Beziehung ist er für diejenigen, welche ihn nachahmen wollen, ein schönes Vorbild, ich meine seine mäßige und einfache Lebensart, die zweckmäßige Weise, wie er seine Körperkräfte übt, die Würde in seinen Mienen, das Einfache seines Anzugs, und, was mehr als dieses alles ist, die ruhige Harmonie seines ganzen innern Wesens, und die Sanftmuth seines Charakters.

27. Seinen Zuhörern rieth er, das Besserwerden nicht auf gewisse Termine zu verschieben, wie so Viele thun, die sich vornehmen, mit diesem Festtage das Lügen aufzugeben, mit jenem in Erfüllung ihrer Pflichten den Anfang zu machen, und dergleichen. Denn das Streben nach dem Guten leidet keinen Aufschub, behauptete er. Auch zeigte er sich als einen Gegner jener Philosophen, welche es für ein Uebungsmittel der Tugend halten, junge Leute Zwang und Mühseligkeiten verschiedener Art ertragen zu lassen; wie es denn welche giebt, die ihren Schülern Fesseln anlegen, Andere, die [53] sie geißeln, wieder Andere, und zwar die Artigern unter ihnen, die ihnen mit einem Schabeisen eine glatte Haut geben lassen[13].

28. Nigrinus war der Meinung, in den Seelen müsse vielmehr jene Festigkeit und jener stoische Gleichmuth hervorgebracht werden; und wer Menschen aufs Beste erziehen wolle, müsse theils auf ihre natürliche Leibes- und Gemüthsbeschaffenheit, theils auf ihr Alter und ihre frühere Erziehung Rücksicht nehmen, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, an den Zögling Anforderungen über seine Kräfte gemacht zu haben. Denn man habe nicht wenige Beispiele, sagte er, von solchen, die in Folge von dergleichen unvernünftigen Anstrengungen gestorben seyen. Ich selbst habe einen Jüngling gesehen, welcher jene üble Behandlung gekostet hatte, aber sobald er richtigere Grundsätze vernommen, sich alsbald in die Schule des Nigrinus flüchtete, wo er sich augenscheinlich besser befand.

29. Von diesen Gegenständen kam er auf die Stadt zu sprechen, auf das Gewühl und Gedränge in derselben, auf die Theater, den großen Circus, die Wagenrennen[14], die verschiedenen Namen der Rennpferde, das ewige Schwatzen über dieselben auf allen Gassen u.s.w. Denn mit der Pferdewuth ist es dort in der That weit gekommen, da sie bereits auch viele Männer, die für sehr vernünftig galten, angefallen hat.

[54] 30. Hierauf ging er auf einen andern Theil seines Gemähldes über, auf die weitläuftigen Geschäfte, die sie sich mit ihren Leichenbegängnissen und Testamenten machen, wobei er die Bemerkung machte, nur Einmal in ihrem Leben redeten die Römer die Wahrheit, und zwar erst im Testamente, um keinen Verdruß von ihrer Aufrichtigkeit zu haben[15]. Auch konnte ich mich des Lachens nicht enthalten, als er sagte, daß sie ein Verlangen tragen, ihre Albernheiten auch im Grabe bei sich zu haben, und ihre gemeine Denkart in Inschriften an den Tag legen. So ließen Viele ihre Kleider, oder andere vielgeliebte Kleinodien mit sich verbrennen, Etliche ihrer Sklaven neben ihren Gräbern wohnen, um ihre Grabmäler stets mit Blumen zu bekränzen – kurz sie blieben auch im Sterben noch alberne Gecken.

31. Aus dergleichen Verordnungen, wie es nach ihrem Tode gehalten werden soll, könne man schließen, was solcher Leute ganzes Thun bei ihren Lebzeiten gewesen. Das seyen eben die, welche so kostbare Gerichte kauften, und die Weine bei ihren Gelagen mit Krokus und anderen duftenden Gewürzen mischten; dieselben, welche im Winter in einer Fülle von Rosen schwelgten, die sie nur, wenn sie selten und außer der Zeit sind, schätzten, in der rechten Zeit hingegen, und wenn sie die Natur hervorbringt, als etwas gemeines verachteten; das seyen endlich eben jene, die mit ihren Salben auch die Getränke versetzten. Denn was er am schärfsten an ihnen durchzog, war, daß sie nicht einmal ihrer Begierden zu genießen [55] verständen, sondern hierin gegen die Gesetze der Natur sündigten, die Gränzen verwirrten, von ihrer Sinnlichkeit den Geist niedertreten ließen, der Wollust – wie jene Dichter sagen – neben der Thüre mit Gewalt einen Eingang machen wollten, und was dergleichen grobe Verstöße gegen die rechte Art zu genießen, wie er es nannte, mehr sind.

32. Aus demselben Grunde (gerade wie einst Momus den Neptun tadelte, daß er dem Stier die Hörner nicht vor die Augen gesetzt habe) fand er die Thorheit derer, welche Kränze auf dem Kopfe tragen, lächerlich, weil sie den rechten Ort dafür nicht wüßten. Denn, sagte er, wenn es ihnen um den Duft der Veilchen und Rosen zu thun ist, so sollten sie ihre Kränze unter der Nase anbringen, um möglichst viel von dieser Wollust einziehen zu können.

33. Ferner ergoß sich sein Spott über den erstaunlichen Eifer, womit diese Leute für die Besetzung ihrer Tafeln sorgen, über die Mannigfaltigkeit, die sie dem Geschmack ihrer Speisen, die künstliche Zubereitung, die sie ihren Leckerbissen geben. Wie viele Mühseligkeiten, sagte er, lassen sie sich nicht gefallen, aus Liebe zu einem augenblicklich vorübergehenden Gemüthe? Um der vier Daumen breit willen, als welches das Maaß des längsten menschlichen Gaumens ist, giebt es kein Opfer, zu welchem sie sich nicht entschließen. Und doch haben sie, ehe sie ihre theuer gekauften Bissen in den Mund stecken, eben so wenig einen Genuß von denselben, als das Gefühl der Sättigung von verschlungenen Köstlichkeiten angenehmer, denn von den wohlfeilsten Speisen ist. Also bleibt nur der Augenblick des Wanderns durch den Mund für den Genuß der Dinge übrig, die so theuer bezahlt worden [56] sind. Doch – es ist nicht mehr denn billig, daß es denen so geht, die in ihrer Thorheit die ächtern Genüsse, welche die Weisheit den Thätigen verleiht, nicht kennen gelernt haben.

34. Nächst diesem machte er mir eine ausführliche Schilderung von dem Treiben in den öffentlichen Bädern, von den zahlreichen und groben Dienerschaften der Großen, und wie sich diese vornehmen Herrn, gelehnt auf die Schultern ihrer Sklaven, einherbewegen, oder gar, todten Körpern gleich, sich auf ihren Armen hinaustragen lassen. Eines schien ihm ganz besonders zuwider zu seyn, was in dieser Stadt sehr häufig, und besonders in den Bädern ganz einheimisch ist, daß nämlich etliche Sklaven ihrem Herrn vorangehen, und bei jedem Stein und jeder Rinne, worüber man zu schreiten hat, rufen: vorgesehen! und also, seltsam genug bei jedem Schritte den Herrn erinnern müssen, daß er gehe. Er fand es abscheulich, daß Leute, die doch sonst ihre eigenen Organe gut zu brauchen wissen, wie Hände und Mäuler bei ihren Mahlzeiten, ihre Ohren, wenn es etwas zu hören giebt u. s. w. bei ganz gesunden Augen fremde nöthig haben, um vor sich hinzusehen, und Worte, die man gegen unglückliche Blinde gebraucht, sich in die Ohren schreien lassen. Und gleichwohl sind es oft Männer, denen die Obhut ganzer Städte anvertraut ist, und die auf öffentlichen Plätzen und am hellen Mittage dieser Unsitte huldigen.

35. Nachdem Nigrin noch manches Andere dieser Art erwähnt hatte, schloß er seine Rede. Ich hatte ihm bisher in stiller Bewunderung zugehört, ängstlich den Augenblick ferne wünschend; wo er aufhören würde. Als er aber wirklich [57] schloß, erging es mir, wie den Phäaken[16]: ich sah ihn eine Weile in einer Art von Entzückung schweigend an: darauf befiel mich Verwirrung und Schwindel: der Schweiß brach mir aus: ich wollte reden, aber ich stockte und brachte kein Wort heraus, denn die Stimme verließ mich, und die Zunge versagte ihre Dienste: kurz ich wußte gar nicht, wie mir ward, und vergoß endlich helle Thränen. Denn nicht nur so zufällig und an der Oberfläche hatte mich diese Rede berührt: die Wunde war tief und entscheidend: denn er hatte mit seinen Worten recht scharf mir auf das Gemüth gezielt, und es, wenn ich so sagen darf, in der Mitte getroffen. Denn wenn es mir jetzt schon erlaubt ist, mich mit meinem Urtheil an die Reden der Philosophen zu wagen, so ist meine Meinung von denselben diese.

36. Das Gemüth eines gut gearteten Menschen gleicht einer weichen Masse. Auf diese zielen der Schützen viele im Leben: die Pfeile, von denen ihre Köcher strotzen, sind Reden von gar mancherlei Art, aber nicht alle treffen gleich gut nach dem Ziele. Einige spannen die Sehne zu straff, und so wird der Pfeil zu heftig abgeschnellt: zwar verfehlt er die Richtung nicht, allein er haftet nicht im Ziele, sondern von der Gewalt des Schusses hindurchgetrieben, läßt er in dem Gemüthe eine klaffende Wunde. Andere hinwieder thun das Gegentheil. Aus Mangel an Spannung und Schnellkraft der Sehne gelangen ihre Geschosse gar nicht an das Ziel, [58] sondern fallen oft schon in der Mitte des Weges matt zur Erde, oder wenn sie auch das Ziel erreichen, so ritzen sie nur leicht dessen Oberfläche, ohne eine tiefe Wunde zu verursachen.

37. Wer aber ein tüchtiger Schütze ist, und meinem Nigrinus gleich, der wird zuvor genau sein Ziel untersuchen, ob es sehr weich, oder aber hart, und härter als der Pfeil selbst ist. Denn es giebt sogar solche, denen gar keine Wunde beigebracht wird. Wenn er nun hierüber Gewißheit hat, so taucht er sein Geschoß – nicht in Gift, wie die Scythen, noch in den Milchsaft des Feigenbaums, wie die Creter thun – sondern in einen sanftbeissenden und zugleich wohlthuenden Balsam, und sendet es dann mit sicherer Hand ab. Dieser Pfeil, mit gehöriger Kraft abgeschossen, trifft und dringt ein, um zu haften, und seinen Balsam reichlich zu ergießen. Während nun derselbe sanft zerrinnt und seine Kraft durch das ganze Herz verbreitet, entquellen jene Thränen der Wehmuth und Wonne, die auch ich vergossen, den Augen des Zuhörers. – Es drang mich, die Worte des Dichters ihm zuzurufen:

O triff immer so fort, denn jeder Pfeil ist ein Lichtstrahl![17]

Wie aber nicht Alle, welche die Phrygische Flöte vernehmen, begeistert werden, sondern nur in denen, die je einmal von der Göttin[18] ergriffen worden, die alte Begeisterung wieder

[59] aufwacht, so gehen auch von den Zuhörern der Weisen nicht Alle begeistert und tief getroffen von dannen, sondern nur die, in deren Wesen zuvor schon etwas der Philosophie Verwandtes lag.

38. Freund. Wie Großes, Wundervolles und Göttliches hast du mir da mitgetheilt, mein Freund! Wie warst du doch mit einer solchen Fülle von Ambrosia und Lotus,[19] ohne daß ich’s wußte, gesättigt! Als du sprach’st, wie regte sich’s da in meinem Innern, und daß du schon aufhörest, betrübt mich: denn ich fühle mich, um mit dir zu sprechen, wirklich verwundet. Du darfst dich das nicht wundern lassen. Denn du weißt, daß Diejenigen, welche von tollen Hunden gebissen werden, nicht nur selbst wüthend werden, sondern daß sich diese Art von Wuth auch durch den Biß der Gebissenen fortpflanzt, und so einer Menge Anderer mitgetheilt werden kann.

Lucian. Nun also, gestehst du, gleichfalls von jenem Liebesschmerze[20] ergriffen zu seyn?

Freund. O gar sehr; darum bitte ich dich, auf ein Heilmittel für uns beide zu denken.

Lucian. Wir werden wohl das des Telephus[21] ergreifen müssen.

[60] Freund. Wie meinst du das?

Lucian. Ich meine, wir sollten den bitten, uns zu heilen, der uns verwundet hat.



  1. Gesch. d. pelop. Kriegs II, 40.
  2. Odyss. IX, 94. ff.:

    Wer des Lotos Gewächs nun kostete, süßer denn Honig,
    Solcher dachte nicht mehr der Verkündigung oder der Heimkehr,
    Sondern sie trachteten dort in der Lotophagen Gesellschaft
    Lotos pflückend zu bleiben, und abzusagen der Heimath.
     Voß.

  3. Durch Dionysos, als er nach Indien zog.
  4. Iliade VIII, 293. Voß.
  5. Eupolis bei Diodor v. Sic. XII, 40. Vergl. Cicero vom Redner III, 34.
  6. Vergl. Anacharsis, 23.
  7. Während, wie aus dieser Stelle geschlossen werden muß, dem Feste der jungfräulichen Athene nur in einem reinen weißen Gewande anzuwohnen erlaubt war.
  8. Rom. S. oben 2.
  9. Odyss. XI, 93 f.
  10. Iliade XI, 163.
  11. Gewöhnlich empfiengen die Römischen Großen bereits vor Tagesanbruch die Aufwartungen ihrer Klienten.
  12. Des Philosophenmantels nämlich.
  13. Ohne Zweifel satyrische Anspielung auf gewisse Weichlinge unter den Philosophen damaliger Zeit, welche diese Sitte an sich beobachteten.
  14. ἀγῶνας, nach des Palmerius Vermuthung.
  15. Im Testamente erlaubte man sich Ausfälle gegen gehaßte Personen, besonders gegen die Großen.
  16. Jener sprach’s: doch alle verstummten umher, und schwiegen,
    Horchend noch mit Entzückung im schattigen Saal des Palastes.

     Odyss. XI, 333 f. Voß.
  17. Homers Iliade VIII, 282. von Wieland nachgebildet.
  18. Der Phrygischen Göttin Cybele oder Rhea, deren Priester, die Corybanten, beim Schalle lärmender Instrumente, von heiliger Wuth ergriffen, ihre Gottheit mit wilden Tänzen feierten.
  19. S. oben 3.
  20. S. oben 7.
  21. Telephus, König in Mysien, war von Achilles verwundet worden, und erhielt von dem Orakel, das er über die Heilung der sehr gefährlichen Wunde befragte, den Rath, bei dem Hülfe zu suchen, der ihn verwundet hatte. Er eilte also zu Achilles und wurde von diesem geheilt, indem Achilles der Deutung gemäß, welche Ulysses dem [60] Orakelspruch gab, ein wenig von dem Spieße, der die Wunde gemacht hatte, abschabte und auf die Wunde legte.