Prometheus (Lukian)

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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Prometheus
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Erstes Bändchen, Seite 29–35
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1827
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Πρὸς τὸν εἰπόντα Προμηθεὺς εἶ ἐν λόγοις
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[29]
Prometheus.
An Jemand[1], der mich einen Prometheus im Schriftstellen genannt hatte.

1. Einen Prometheus[2] nennst du mich also, mein Bester? Wenn du damit sagen willst, daß meine Werke gleichfalls [30] nur thönern seyen, so erkenne ich mich in dem Bilde, und gebe meine Aehnlichkeit mit Prometheus zu. Ich weigere mich nicht, ein Thonbildner zu heißen, wiewohl mein Lehm weit schlechter als der seinige, und wohl nicht viel besser als – Straßenkoth ist. Solltest du aber, indem du den Urheber dieser Aufsätze mit dem Namen des Weisesten der Titanen beehrst, die schmeichelhafte Absicht haben, dieselben als kunstvoll zu bezeichnen, so siehe zu, daß nicht jene Ironie und jener boshafte Spott, der euch Athenern eigen ist, unter dem Lobe sich zu verstecken scheine. Denn wie sollten meine Schriften zu jenem Vorzuge kommen? Worin sollte die große Weisheit und prometheische Kunst derselben bestehen? Ich bin mehr als zufrieden, wenn du sie nur nicht gar zu platt und des Kaukasus würdig findest. Mit weit größerem Rechte könnte man euch berühmte Sachwalter mit Prometheus vergleichen, da eure Reden es mit der Wirklichkeit zu thun haben. Eure Werke sind wahrhaftig lebend und beseelt, und ihre innere Wärme stammt, bei Gott, von jenem himmlischen Feuer, so daß man sie dem Prometheus zuschreiben könnte, wenn nicht der große Unterschied statt fände, daß dieser nur in Thon arbeitete, eure Gebilde aber größtentheils aus purem Golde bestehen.

2. Unser einer hingegen, der sich bloß zu Aufsätzen, die für die Unterhaltung des Publikums bestimmt sind, anheischig macht, bringt nur todte Bilder zu Tage. Und, wie [31] gesagt, diese meine ganze Bildnerei hat blos mit gemeinem Lehm zu thun, wie er zu Spielzeug verarbeitet wird: im Uebrigen sind sie ohne Bewegung, ohne alles Leben, eitel kindische Dingerchen zu augenblicklicher Ergötzung. Und so muß ich wohl glauben, daß du mich nicht minder ironisch einen Prometheus nennest, als der Komiker den Kleon, wenn er in der bekannten Stelle sagt:

Kleon ist ein Prometheus, wenn gehandelt ist; –

und als ihr Athener überhaupt jeden Töpfer, Ofenbauer und Lehmarbeiter zum Scherze einen Prometheus nennt; weil sie es, wie dieser, mit Thon und Feuer zu thun haben. Und, wahrlich, wenn du mit deinem Prometheus darauf gezielt hast, so hast du recht gut gezielt, und deinen Pfeil in die scharfe Lauge Attischen Spottes getaucht. Denn ich gestehe es, meine Geschöpfe sind eben so wenig dauerhaft, als jene irdenen Gefäße, die ein kleiner Stein, den man unter sie wirft, in Stücken schlägt.

3. Jedoch – vielleicht tröstet man mich, und sagt sehr verbindlich, die Vergleichung gelte nur der Neuheit meiner Compositionen die keinem fremden Muster nachgebildet wären, wie denn auch Prometheus, bevor Menschen waren, die Idee, solche zu schaffen, zuerst gefaßt hätte, und der kunstvolle Bildner dieser leicht beweglichen, wohlgefällig gestalteten Geschöpfe gewesen sey: wiewohl ihm auch Minerva dabei behülflich war, und die thönernen Gebilde mit ihrem belebenden Hauche beseelte. So könnte man wenigstens sagen, um jener Aeußerung eine möglichst vortheilhafte Deutung zu geben: und vielleicht war dieß auch wirklich der Sinn deiner Vergleichung. Allein ich bin noch nicht zufrieden, blos für [32] den Erfinder einer neuen Form zu gelten, von welcher mir Niemand ein älteres Vorbild nachweisen kann. Im Gegentheile, wofern dieselbe nicht auch zugleich geschmackvoll wäre, so würde ich mich ihrer schämen, und sie mit einem Fußtritte zerstören, denn die bloße Neuheit soll bei mir wenigstens das Häßliche nicht vor der Vernichtung sichern. Dächte ich nicht so, so verdiente ich, dünkt mich, von sechzehen Geiern ausgeweidet zu werden, als ein Mensch, der zu beschränkt ist, um einzusehen, daß das Häßliche, wenn es neu ist, nur um so häßlicher erscheint.

4. Ptolemäus, des Lagus Sohn, hatte einst zwei zuvor nie gesehene Dinge nach Aegypten gebracht, ein ganz schwarzes bactrianisches Cameel und einen zweifarbigen Menschen, dessen eine Seite pechschwarz, die andere glänzend weiß war. Nach vielen Schaustücken, die er seinen Aegyptern im Theater zum Besten gegeben hatte, ließ er endlich auch das Cameel und den halbweißen Menschen vorführen, Wunder glaubend, welches angenehme Erstaunen diese Erscheinung erregen würde. Allein so reich das Cameel mit Gold geschmückt war, so schön es mit Purpurdecken und einem mit Edelsteinen besetzten Zaume prangte, der vielleicht das Kleinod eines Darius, Cambyses oder gar Cyrus gewesen war, so wirkte es doch bei den Zuschauern einen so heftigen Schrecken, daß nicht viel fehlte, so wären alle aufgesprungen und davon gelaufen. Beim Anblicke jenes Menschen aber brachen die meisten in ein Gelächter aus, die übrigen entsetzten sich davor wie vor einem gräulichen Zeichen: so daß Ptolemäus, wie er sah, daß er mit dergleichen Seltenheiten keine Ehre bei den Aegyptern einlegte, welche Schönheit und Ebenmaß der Neuheit [33] vorzögen, beide sogleich hinwegbringen ließ, und nun selbst keinen so hohen Werth mehr, wie zuvor, auf sie legte. Das Cameel wurde vernachläßigt und ging drauf; den Doppelmenschen aber schenkte er einem Flötenspieler, Namens Thespis, als er einst bei einem seiner Trinkgelage besonders schön gespielt hatte.

5. Und so besorge ich, daß auch meine neue Erfindung das Schicksal des Cameels in Aegypten haben könnte, wovon die Leute allenfalls nur den prächtigen Zaum und die Purpurdecke bewunderten. Denn daß ich meine Produkte aus zwei an und für sich sehr schönen Bestandtheilen, dem Dialog und der Komödie zusammensetzte, giebt ihnen selbst noch keinen Reiz, wofern nicht aus dieser Mischung ein harmonisches, mit sich selbst in schönen Verhältnissen stehendes Ganze entsteht. Aus zwei für sich schönen Gestalten läßt sich ja die abenteuerlichste Composition bilden, wie das bekannte Zerrbild des Centauren beweist. Gewiß wird Niemand dieses Wesen liebenswürdig, sondern im Gegentheil den Ausdruck der höchsten Wildheit darin finden; wie denn auch die Maler, wenn wir ihren Mythen glauben wollen, von den Ceutauren nur Scenen der Trunkenheit und Mordlust darstellen. Sollte aber darum aus zwei schönen Dingen nicht auch die Zusammensetzung eines dritten Schönen möglich seyn, so wie zum Beispiel aus Honig und Wein die lieblichste Mischung entsteht? Ich dächte doch: wiewohl ich durchaus keinen Grund habe, zu behaupten, daß meine Produkte von dieser Art seyen, sondern im Gegentheile sehr besorge, das eigenthümliche Schöne des einen wie des andern Theils möchte in der Mischung zerstört worden seyn. [34] 6. Denn es ist nicht zu läugnen, daß der philosophische Dialog und das Lustspiel[3] von Anfang an nichts weniger als verwandt und befreundet waren. Jener hatte seine Unterhaltungen immer nur mit Wenigen zu Hause, oder auf einsamen Spaziergängen. Dieses aber hatte sich ganz dem Dienste des Bacchus gewidmet, trieb sich auf der Schaubühne um, spielte, scherzte, machte lachen, und tanzte im Rhythmus nach den Tönen der Flöte. Bisweilen schritt es auf den Stelzen des Anapästs einher, und machte sich weidlich lustig über die Freunde des Dialog, die es überstudirte Grübler und Grillenfänger nannte. Damals war es ihm die einzige Aufgabe, dieselbe lächerlich zu machen, und mit der ganzen Fülle von Spott, welchen ihm die bacchische Freiheit erlaubte, zu begießen, indem es dieselben bald in der Luft gehen und mit den Wolken verkehren, bald Flohsprünge ausmessen ließ, um sie als Menschen zu bezeichnen, die sich in die spitzfindigsten und unfruchtbarsten Untersuchungen überirdischer Dinge vertieften. Der Dialog aber gefiel sich nur in der ernsthaftesten Gesellschaft, und philosophirte blos über die Natur der Dinge und über die Tugend. So weit nun auch diese Gegensätze aus einander lagen, so versuchte ich doch die widerspenstigen zu vereinigen, und, wiewohl sie anfänglich ihre Paarung nur mit Widerwillen ertrugen, allmählig in Harmonie zu bringen. [35] 7. Und so muß ich abermals besorgen, deinem Prometheus auch dadurch ähnlich geworden zu seyn, das ich das Weibliche mit dem Männlichen paarte, was mir gleiche Verantwortung, wie jenem zuziehen könnte. Oder man sagt wohl gar, ich hätte meine Leser betrogen, und ihnen Knochen um Fett überzogen, das heißt, komischen Scherz in philosophischen Ernst gehüllt, vorgesetzt. Mag man doch! Nur den Vorwurf des Diebstahls (denn Prometheus hat ja auch diesen auf sich) müßte ich mir verbitten. Einen solchen allein wirst du mir in meinen Produkten allen nicht aufweisen können. Denn wen sollte ich bestohlen haben? Wenn auch schon ein Anderer vor mir dergleichen Wunderthiere zusammengesetzt haben sollte, so ist mir wenigstens dieß unbekannt geblieben. – Am Ende – was ist zu thun? das Beste wird seyn, ich bleibe bei meiner einmal gewählten Art. Denn sie mich gereuen zu lassen, würde einen Epimetheus und keinen Prometheus verrathen.



  1. Dieser Jemand war, wie sich aus dem folgenden ergiebt, ein öffentlicher Redner und Sachwalter zu Athen.
  2. Man erinnre sich an den Mythus, daß Prometheus (der kluge und vorsichtige; Epimetheus, der hinten nach überlegende) aus Thon Menschen bildete, einen Stab an dem Feuer des Sonnenwagens anzündete, mit dieser brennenden Fackel die Brust des Menschen entzündete, und mit Hülfe der Minerva den belebenden Hauch ihm einflößte. Einst täuschte er den Jupiter, indem er ihm Knochen, statt Fleisch, mit Fett umwickelt, vorlegte, wogegen Jupiter den Menschen des Prometheus das Feuer entzog. Prometheus [30] stahl dasselbe wieder, und ward zur Strafe an den Kaukasus geschmiedet, wo ein Adler oder Geyer ihm die Leber unaufhörlich abfraß.
  3. Man denke hiebei an des Sokrates dialogische Art zu unterrichten, und andererseits an die Gestalt, welche die alte Griechische Komödie, wie wir sie noch aus Aristophanes kennen, hatte, besonders aber an die Wolken des letztern, auf welche im Folgenden angespielt wird.