Noch einmal „der mißhandelte Schiller“

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Autor: Arnold Schloenbach
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Titel: Noch einmal „der mißhandelte Schiller“
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[831] Noch einmal „der mißhandelte Schiller“. Zu der anregenden Notiz, welche in „Blätter und Blüthen“ in Nr. 48 der „Gartenlaube“ gegeben ist, erlauben Sie mir wohl noch einige Illustrationen. Die daselbst citirten Verse aus Don Carlos befinden sich nicht in einer etwa vorhandenen „ersten Handschrift“, sondern in dem (recht selten gewordenen) 1. Heft der „Thalia“, die Schiller im Jahre 1787 zu Mannheim herausgab. In meinem [832] – der Hermann Meyer’schen Bibliothek deutscher Classiker einverleibten Werke: „Schiller als Mensch, Dramatiker und praktischer Denker“ – wurde der erste Act des Don Carlos nach jener „Thalia“ zum ersten Mal vollständig neu veröffentlicht, und zwar nach Voraussendung folgender Bemerkung: „Wir geben den ersten Act des Don Carlos ganz genau so, wie er (mit dem zweiten und dritten) ursprünglich in der Thalia von 1787 erschienen und wie er durchaus verschieden ist von denen aller späteren Ausgaben dieses Stückes. – Wenn schon, mehr als jedes andere Werk Schiller’s, gerade Don Carlos die Doppelperson des Dichters im Infanten und im Marquis Posa darstellte, so geschieht dies am allertreuesten in der ursprünglichen Form der ersten drei Acte, worin der Dichter die ganze Subjectivität seines Wesens unmittelbar ausströmte, während in den folgenden zwei Acten und noch mehr in der späteren Umarbeitung der drei ersten (man sehe auch seine „Briefe über Don Carlos“) sich die objective Haltung, der historisch-kritische Geist des Dichters zeigt und die blanke, plane Individualität zurücktritt. – Wie sehr Schiller seine ganze Persönlichkeit in Don Carlos legte, sagt er uns selbst in seinen Briefen an Dalberg.“ So weit über den Don Carlos in der Thalia.

Aber es existirt auch noch ein anderer, ganz unbekannter Don Carlos und zwar als handschriftliches Theatermanuscript; er ist in Vielem sehr verschieden nicht allein von dem aller bekannten Ausgaben, sondern auch von dem der Thalia. Ich habe denselben aufgefunden und citire darüber, was ich in meinen „Beiträgen zur Geschichte der Schillerperiode in Mannheim“ (siehe „Schillerbuch“, im Verlag der Nationallotterie zu Dresden) veröffentlichte: „Auf dem Tabaksboden eines alten Bücherfreundes fand ich ein Exemplar vom „Tagebuch der Mannheimer Schaubühne“. Darin befindet sich eine Kritik über Don Carlos nach erster Aufführung. Ich gebe sie wieder in der 2. Abtheilung: „Kritiken über Schiller’sche Dramen etc.“ Sie ist von Wichtigkeit, denn sie giebt sämmtliehe Scenen des Stücks mit ihrem hauptsächlichsten Inhalt an und zeigt danach höchst merkwürdige Varianten mit sämmtlichen Ausgaben des Don Carlos. Ich forschte nun nach dem Manuscript der ersten Aufführung und war auch so glücklich, das Soufflirbuch derselben zu finden. Es war in einem sonderbaren Zustand, für spätere Aufführungen nach verschiedenen Ausgaben und Regieführungen von den Hauptdarstellern mit Stecknadeln, Zwirn, Leim, Blau-, Roth- und Graustift zugesteckt, genäht, geleimt, gestrichen, mit „bleibt“ versehen und wieder gestrichen; kurz, auf’s Gewaltthätigste, ja Grausamste behandelt. Dennoch ließ der eigentliche Urtext, oft durchschossen mit Worten und Sätzen von Schiller’s eigner Hand, sich ununterbrochen verfolgen, und es gelang mir, wenn auch nicht ohne große Vorsicht und Muhe, ihn gleichsam aus seinem Chaos herauszuschälen und übersichtlich zusammenzustellen. Dies so gewonnene Manuscript ist jetzt in der Hand des um die ursprüngliche Herstellung Schiller’s hochverdienten Professors Dr. Joachim Meyer zu Nürnberg und sieht, zugleich mit den Varianten in der Thalia, der Veröffentlichung entgegen.

Coburg, den 8. December 1863.
Arnold Schloenbach