Noch einmal vom Langensalzaer Schlachtfelde

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Autor: Heinrich Schwerdt
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Titel: Noch einmal vom Langensalzaer Schlachtfelde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31/32, S. 499–503
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Noch einmal vom Langensalzaer Schlachtfelde.


Der Frieden ist vor der Thür, der Krieg von „sieben Tagen“, der dennoch gewaltiger und blutiger war, als jener andere von sieben Jahren, beendet, auch der Bruderkampf im Süden und Südwesten scheint ausgekämpft, die Brust athmet wieder leichter, daß Zündnadel und Kanone, Schwert und Säbel, Bajonnet und Lanze nun ihre Mordarbeit einstellen, die über so viele deutsche Häuser und Herzen eine unsägliche Fluth des Jammers ergossen hat. „Werden nun,“ fragt jetzt jeder deutsche Mann, „die Resultate des Krieges, des leidigen deutschen Bruderkrieges werth sein der furchtbaren Opfer, die er gefordert hat; werden die politischen Ergebnisse dieses entsetzlichen Kampfes, der so viele bewunderungswürdige Thaten des Heldenmuthes aufzuweisen hat, Deutschland und seiner nationalen Entwickelung und Erstarkung wahrhaft und ausgiebig zu Gute kommen? Werden die „Diplomatiker“, wie der alte Marschall Vorwärts sagte, nicht verderben, was die Schwerter errungen haben? Wir wollen dies nicht fürchten, ob auch dieser und jener Zweifel das Gemüth beschleichen will, wir wollen nur dem sehnlichen, dem wohlbegründeten Wunsche Ausdruck leihen, daß die blutige Saat die Früchte trage, welche das deutsche Volk in seiner Opferfreudigkeit und nach solchen Beschwerden und Leiden zu erwarten berechtigt ist; daß die lang erstrebte Neugestaltung Deutschlands, d. h. die von allen Patrioten ersehnte Einheit, erreicht werde und die Phrase, die bei allen Friedensschlüssen stereotyp zu sein pflegt, „auf ewige Zeiten“ einmal in Wahrheit sich erfüllen möge.

Die nächsten Wochen werden hoffentlich unsern zagenden Herzen darüber Beruhigung bringen; inzwischen aber wird die Gartenlaube fortfahren, von den zahlreichen Beweisen deutscher Tapferkeit und den denkwürdigen Episoden und Einzelzügen, welche den gegenwärtigen Krieg charakterisiren, einerlei ob unter schwarz-gelber oder unter schwarz-weißer Fahne, zur Kenntniß auch späterer Geschlechter zu verzeichnen, was ihr Zuverlässiges darüber gemeldet wird. Dies wird sie rechtfertigen, wenn sie im Nachstehenden noch einmal auf die Schlacht von Langensalza zurückkommt.

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Die Gartenlaube (1866) b 500.jpg

Von und auf dem Langensalzaer Schlachtfelde.
Nach Mittheilungen von Augenzeugen und nach der Natur aufgenommen von A. Sundblad.

[502] Ja, es war ein entsetzliches Blutbad jene kleine, aber mörderische Schlacht bei Langensalza, in welcher die hannoversche Armee mit staunenswerther Opferwilligkeit und todesmuthiger Erbitterung, wenn auch erfolglos, gegen die Bravour der Preußen kämpfte.

Einzelne Vorspiele leiteten das blutige Drama ein, und wir erzählen diese zum Theil selbst scherzhaften Einzelheiten, wie wir sie theils selbst erlebt, theils aus dem Munde wahrheitsgetreuer Augenzeugen vernommen haben. – Mehrere gothaische Dörfer wurden hier von den Hannoveranern, dort von den Preußen verbarricadirt. In Remstädt hatte man die Kirche zu einem Castell gemacht. Die Häuser waren mit Schießscharten durchbrochen, die Straßen mit Kanonen gespickt. In Warza, dem nachmaligen Nachtquartier des Generals von Flies, hatte vorher eine Escadron preußischer Dragoner gelegen, welche der Rittmeister v. Wydenbruck führte. Damals waren die Uebergänge über die thüringische Eisenbahn nur schwach besetzt und es wäre den Hannoveranern ein Leichtes gewesen, zwischen Gotha und Eisenach nach dem Thüringer Walde und Baiern durchzubrechen. Um nun die Hannoveraner über die Stärke der preußischen Truppenmacht zu täuschen, nahm Herr von Wydenbruck zu einer originellen Kriegslist seine Zuflucht. Er schickte einzelne Patrouillen in die umliegenden Ortschaften und ließ überall starke preußische Einquartierung ansagen. Auf diese Weise hatte er sechsunddreißigtausend Mann untergebracht, obschon nicht so viele Hunderte in der Nähe waren. Die Schultheißen wurden sogar angewiesen, die Anzahl der zu erwartenden Mannschaften an die Thür zu schreiben. Da nun dieselben Dörfer auch von hannoverschen Patrouillen durchschwärmt wurden, so hörten und sahen diese mit Erstaunen, welche Macht ihnen gegenüberstehe. Schleunigst rapportirten sie diese Kunde in’s Hauptquartier. Und – die Hannoveraner zogen sich vor den Zahlen des Herrn von Wydenbruck nach Langensalza zurück.

Einer dieser Wydenbruck’schen Landwehrdragoner war auf eine feindliche Vedette gestoßen. Als er davon Meldung machte, ward er gefragt, ob er mit derselben handgemein geworden. Er verneinte es. „Und warum nicht?“ „Weil mir,“ entgegnete er treuherzig, „der Hannoveraner zurief: ‚Bruder, schieß nicht! Komm’, wir wollen einmal trinken!‘“ Darauf hätten sie sich die Hände gereicht und mit einander getrunken. Die Soldaten lachten. Der Rittmeister aber rief erzürnt: „Freiwillige vor!“ Sofort meldeten sich ein Wachtmeister, ein Unterofficier und vier Gemeine, die mit den besten Pferden versehen waren und dem Wäldchen zugeschickt wurden, an dem jener Vorposten gestanden. Nach anderthalb Stunden kehrte der Wachtmeister allein zurück. „Und die Andern?“ „Alle gefangen und Einer gestürzt.“ „Warum sind Sie zu weit vorgegangen?“ „Weil ich die Leute nicht halten konnte. Sie wollten die Scharte ihres trinklustigen Cameraden auswetzen.“ – Dieser aber sagte mit unerschütterlicher Seelenruhe: „Na, das hat man davon, wenn man zu hitzig ist.“ –

In Neukirchen, einem Dorfe bei Eisenach, hatten sich hannoversche Husaren, von den ungeheuern Strapazen der letzten Tage und Nächte übermannt, in einen Bauernhof zurückgezogen, um ein Stündchen zu rasten. Sie waren in einen tiefen Schlaf verfallen. Währenddessen näherte sich eine preußische Patrouille. Als sie vor dem Dorfe erfuhr, daß alle Häuser von Hannoveranern besetzt seien, schlich sich der Anführer, seine Cameraden zurücklassend, in jenen Bauernhof, zunächst der Straße, zog zwei hannoversche Pferde, gesattelt und gezäumt, aus dem Stalle und sprengte mit ihnen davon. Kurz darauf ward Alarm geblasen. Die Hannoveraner erwachten. Wie sie sich aber auch die Augen rieben, ihre Pferde waren fort. Dagegen mußte ein preußischer Corporal, der, um auch eine Heldenthat zu verrichten, oder um die Prämie zu verdienen, womit das Einbringen eines feindlichen Pferdes gelohnt wird, drei kostbare Thiere, die er einem hannoverschen Officier, welcher in Tonna am Fieber darniederlag, trotz aller Proteste entführte, auf Befehl des preußischen Commandos zurückbringen und besah statt der Prämie einen Wischer, den ihm Alle gönnten. –

In der Hitze des Gefechts kämpften, sogar Freunde gegen Freunde, von der Aehnlichkeit der beiderseitigen Uniformen getäuscht. In einem Einzelgefecht zwischen preußischen Landwehr-Husaren und hannover’schen Dragonern sprengten zwei Reiter schnurstracks dem preußischen Zugführer zu. Der vordere, ein Preuße von der Ersatz-Husaren-Escadron, schien von dem hinteren, den man für einen rothuniformirten Hannoveraner hielt, verfolgt zu werden. Flugs zückte der Zugführer seinen Säbel und spaltete dem vermeintlichen Feinde die Stirn. Mit dem gellenden Rufe: „Herr Rittmeister, das hab’ ich nicht verdient!“ stürzte der Unglückliche von seinem Schimmel, der, wie sein Reiter, von Blut überströmt war. „Mein Gott, Richter, bist Du es?“ riefen die nahen Cameraden dem Gefallenen zu, der von den Feinden hart zerfetzt und zurückgedrängt worden war. Die blutenden Wunden hatten seine blaue Uniform geröthet und sein Gesicht unkenntlich gemacht. Er konnte nicht mehr antworten und hörte es nicht, als der Rittmeister, tief erschüttert, ihm zurief: „Für Dein Weib und Deine Kinder will ich sorgen.“ Das Gefecht drängte vorwärts. Richter ward in die Todtenliste eingetragen. Nach mehreren Tagen aber fand man ihn in einem Lazareth zu Langensalza, wohin die Hannoveraner den Schwerblessirten gerettet hatten. Wider alles Erwarten lebte er noch und ist jetzt auf dem Wege der Genesung, obgleich er die blutigen Denkzettel an die Langensalzaer Schlacht lebenslang mit sich tragen wird. –

„Ach, wenn alle Kugeln und alle Hiebe getroffen hätten,“ erklärte ein rückkehrender Preuße, „so wäre kein Einziger davongekommen; hüben und drüben,“ und dabei zeigte er sein durchstochenes Lederzeug und seine zerfetzte Montur, acht Kugeln hatten ihn gestreift und keine einzige verletzt. –

Der Trompeter Henne von der Ersatz-Husaren-Escadron stößt auf einen Wagen, der mit zwölf hannover’schen Infanteristen, alle gesund und bewaffnet, wenn auch von der Hitze des Tages erschöpft, besetzt ist. Daneben reitet ein hannover’scher Dragoner. Tollkühn herrscht mit drohendem Carabiner der Preuße den Hannoveranern zu: „Ergebt Euch!“ und geberdet sich, als ob er seine Schwadron, die aber nirgends zu hören und zu sehen ist, zu Hülfe rufe. Die Feinde stutzen. Bevor sie aber zur Besinnung kommen, hat der Trompeter den Dragoner entwaffnet und fordert die friedlichen Bürger, die gaffend in der Nähe stehen, gebieterisch auf, die Hannoveraner zu packen. Der Wagen wird angehalten. Ehe sie sich’s versehen, sind ihnen die Gewehre abgenommen und im Triumph führt der Trompeter seine dreizehn Gefangenen dem Oberst von Fabeck zu, der soeben mit den gothaischen Truppen vorüberzieht. Für diese muthige That ist ihm ein Theil der Summe zuerkannt worden, die ein sächsischer Patriot zur Anerkennung ausgezeichneter Dienste den Preußen zur Verfügung gestellt hat. –

Die Schlacht hat ausgetobt. Der Abend dämmert. Da reitet Georg, „der Streitbare“, mit dem Kronprinzen über die blutige Wahlstatt, die seine tapfern Truppen behauptet. Er sieht sie nicht, die Gräuel der Verwüstung; sein Roß wird sorgsam um die Leichen herumgeführt, die mit stieren Augen und klaffenden Wunden die Felder bedecken. Aber er hört das Aechzen und Stöhnen der Verwundeten, der Sterbenden; er hört die haarsträubenden Berichte seines Sohnes und seiner Umgebung, und seine lichtlosen Augen füllen sich mit Thränen. „Ja, Majestät,“ sagte ein bärtiger Sergeant, der beigerufen wurde, diese Berichte zu ergänzen, „die Hannoveraner haben ihre Schuldigkeit gethan, aber die Unstrut ist von unserm Blut geröthet und viele, viele brave Cameraden stehen nicht wieder auf.“ Da wendete sich der König schweigend ab und befahl, in die wiederbesetzte Stadt zu reiten.

Hier schallten ihm die Siegesfanfaren seiner Regimentmusik entgegen, die mit klingendem Spiel durch die Straßen zog, allein bei jeder weißen Fahne pausirte, um den Kranken, die hinter dieser Fahne ächzten, nicht wehe zu thun. Nun mochte sein Welfenstolz wieder erwachen, denn er gedachte, am andern Tage den Kampf zu erneuern. Der Kronprinz soll vor ihm niedergefallen sein und ihn beschworen haben, von diesem verzweifelten Vorhaben abzustehen. Auch mehrere der Stabsofficiere sollen ihre Bitten und Vorstellungen mit denen des Kronprinzen vereinigt haben; leider aber war der König nicht zu überzeugen.

Draußen aber, auf dem Schlachtfeld, wo der Tod in den Reihen der Feinde und der Freunde eine so grausige Ernte gehalten, – nein, wir wollen diese Jammerscenen mit einem dichten Schleier bedecken. O, der Krieg, auch der siegreichste, ist eine schreiende Satire auf unsere vielgerühmte Civilisation, ist ein entsetzliches Ungeheuer, das, wenn einmal entfesselt, mit vampyrartiger Gier das Mark der Volkswohlfahrt aussaugt!

Schon wühlen geschäftige Hände flache Gruben aus, in welche Freunde und Feinde, kaum erkaltet und vielleicht noch athmend, truppweise nebeneinander gebettet werden. Dort ragt noch ein [503] Arm, hier noch ein Fuß heraus, aber Niemand kennt die Namen derer, die hier modern. Hätte nicht der Himmel nach dem heißen Schlachttag anhaltende Regengüsse und rauhe Stürme gesendet, die ganze Umgegend würde von den ausströmenden Miasmen verpestet worden sein.

Tage lang irren Väter und Mütter, irren Wittwen und Waisen auf dem zerstampften Todtenfelde umher und suchen das Grab ihrer Söhne, ihrer Gatten, ihrer Väter. Doch fast alle Fragen werden mit einem stummen Kopfschütteln beantwortet. Einem liebenden Herzen aber mag es gelungen sein, die Ruhestätte zu finden, die das theure Leben birgt. Denn auf einem niedrigen Hügel außerhalb der Kirchhofsmauer zu Merxleben liegt ein welker Kranz mit einem Zettel, darauf mit zitternder Hand geschrieben: „Es ist bestimmt in Gottes Rath, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden.“ Ist es nicht eine beredtere, rührendere Grabschrift, als der prunkendste Leichenstein? Das umfänglichste Grab, welches die hannover’schen Pioniere aufwarfen, ist auf dem Friedhofe zu Merxleben. Wir wissen es nicht, wie Viele darin ruhen. Unvergeßlich aber wird uns der Abend bleiben, an welchem die Gefallenen hier gebettet wurden.

Der Mond schien so hell und die Militärmusik blies einen so feierlichen Choral und der Geistliche hielt eine so ergreifende Rede, aber in der nahen Kirche, die zu einem Lazareth umgewandelt, jammerten die Verwundeten und rings umher schluchzte das Volk, und auf dem Schlachtfeld, das so friedlich zu Füßen lag, schlich das Raubgesindel umher, das, wie Bienenschwärme, aus allen benachbarten Orten herbeigeströmt war und die Leichen, ja die Verwundeten auf dem Schlachtfelde plünderte. Die hochgewachsenen Raps- und Getreidefelder begünstigten ihre finsteren Thaten, erschwerten aber auch das Auffinden der Leichen und die Rettung der Blessirten. Noch am sechsten Tage nach der Schlacht ward ein Verwundeter in einem Kornfeld gefunden. Er hatte seine Wunden mit feuchtem Gras verbunden und sein Leben mit halbreifen Roggenähren gefristet, während der strömende Regen seine lechzende Zunge erquickte. Man trug ihn behutsam in’s Lazareth. Nachdem man ihm aber einige Tropfen Branntwein eingeflößt hatte, verschied er. Ein Anderer (Hannoveraner) hatte anderthalb Tage in der Unstrut gelegen, doch so, daß der Oberkörper auf dem flachen Ufer ruhte, als man ihn bewußtlos auffand. Schon hatten sich gefräßige Maden in seiner Kopfwunde eingenistet. Da er jedoch noch schwache Lebenszeichen von sich gab, wurde er stundenlang frottirt, bis er zum Bewußtsein erwachte. Und siehe, die norddeutsche Kernnatur erholte sich in wunderbarer Weise. Nach wenigen Tagen rauchte der Genesende seine Cigarre. Wie er aber in die Unstrut gekommen und wie lange er darin gelegen, das wußte er nicht. –

Aus dem Garten des Heynemann’schen Kaffeehauses in Langensalza, das voller Verwundeter liegt, drang plötzlich ein wilder Schrei. Wir eilten dahin. Ein markerschütternder Anblick! Halb emporgerichtet sitzt auf einem Bette, das man in die offene Kegelbahn gestellt hat, der Dragonercorporal Hartmann aus Nordheim. Sein Schädel ist gespalten, so daß die Gehirnmasse ausfließt. Er aber stiert mit den Blicken des Wahnsinns umher, bald lachend, daß es durch die Seele schneidet, bald thierische Töne ausstoßend, bald sentimentale Lieder singend. Und daneben – kniet seine Braut, mit der er sieben Jahre verlobt ist, und hält seine eiskalte Hand und ruft mit herzzerreißender Zärtlichkeit seinen Namen. Da flüstert er: „Anna!“ Aber es ist nur ein Moment des Bewußtseins. Sofort überschattet ihn wieder der Irrsinn. Ein Geistlicher, der zur Seite steht, will die Braut trösten, und ermahnt sie zum Gebete. „Beten?“ zürnt sie, „hab’ ich’s nicht Tag und Nacht gethan, seitdem er fortging? Aber hat denn mein Beten geholfen?“ Der Arme starb. Die Braut nahm seine Leiche mit sich in die Heimath. Tief ergriffen kehrten wir in’s Haus zurück. Aber auch dort erwartete uns eine nicht minder ergreifende Scene.

Ein preußischer Soldat beugte sich über ein Bett, worin ein Hannoveraner mit schon halbgebrochenen Augen schmerzlich röchelte. „Lieber Bruder,“ stammelte er, „hab’s wahrlich nicht gern gethan, aber siehe, Du hast es nicht anders gewollt, und wenn Du sterben mußt, thut’s mir im Herzen weh. Die böse Kugel! Kannst Du mir verzeihen?“ Und der Sterbende drückte ihm leise die Hand. Ein Blutstrom entquoll seinen Lippen. „Grüß’ meine Frau!“ lispelte er und hatte ausgelitten. Beide, bis dahin einander fremd, waren auf dem Schlachtfeld zusammengestoßen. „Camerad, ergieb Dich!“ hatte der Preuße ihm zugerufen. „Wozu uns tödten, da wir deutsche Brüder sind!“ – „Darf’s nicht, Camerad! Alles, was ich habe, sei Dein“ – und damit hielt er ihm seine Geldbörse entgegen – „aber meinem König hab’ ich Treue geschworen, und die muß ich halten.“ Und so haute er auf ihn ein. Der Preuße aber schoß ihn durch die Brust. Im Lazareth, wo sie sich wieder erkannten, waren sie die besten Freunde geworden. Allein die Tage des Hannoveraners waren gezählt. Wir hatten seinen letzten Kampf gesehen und hörten nun die bittern Selbstanklagen seines befreundeten Widersachers, der sich von der Leiche nicht trennen wollte. Endlich richtete er sich in die Höhe und sprach: „Ich bin wieder gesund. Aber wahrlich, wenn sie mich abermals in den Krieg schleppen wollen, so thu’ ich’s nicht, mag daraus werden, was da will. Mein Gewissen hat an einem Brudermord genug zu tragen.“ Und er schlug die Hände vor’s Gesicht und schluchzte.

Horch! Da dröhnte eine dumpfe Salve herüber – noch eine – und die dritte. Schon wieder hatten sie einen Todten auf den Gottesacker getragen und ihm die letzte Ehre erwiesen, gleichviel ob Feind oder Freund. Der Tod hielt in den Lazarethen, trotz der sorglichsten Pflege, eine entsetzlich reiche Ernte. Er trat häufig in der Form eines Starrkrampfes an seine Opfer heran, wenn sie schon einer sichern Genesung entgegensahen.

Die hannoversche Armee war abgezogen, nach einer siegreichen Schlacht als Besiegte. Ihre Rolle war ausgespielt. Am zweiten Morgen nach dem heißen Kampfe war ein hannoverscher Soldat auf die Kanzel der Kirche gestiegen, worin man die preußischen Gefangenen eingepfercht, und hatte gerufen: „Brüder, unsere Könige haben Frieden geschlossen; ihr seid frei!“ Als aber die Capitulationsbedingungen ruchbar wurden, ging ein lautes Murren und eine tiefe Erbitterung durch die Reihen der hannoverschen Truppen. Und da sie nun abmarschirten, ohne klingendes Spiel, ohne Wehr und Waffen, selbst ohne Mäntel und Käppis: es war die ergreifendste Scene des tragischen Kriegszugs. Einzelne Officiere wendeten sich ab, und eine zornige Schamröthe überflog ihr Gesicht; andere knirschten mit den Zähnen, andere konnten sich der Thränen nicht erwehren, und einer soll sogar im Uebermaße des Schmerzes seinem Leben, das die feindlichen Kugeln verschont hatten, mit eigener Hand ein Ende gemacht haben.