O’Donnell

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: O’Donnell
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 445–447
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[446]
O’Donnell.

Spanien hat wieder einmal eine königliche Revolution erlebt, die für den Augenblick zwar geglückt, deren Ende aber noch nicht abzusehen ist. Volk und Militär haben mit einer Erbitterung gegen einander gekämpft, wie niemals zuvor; in beiden Lagern, wenn auch augenblicklich weniger sichtbar, ist deshalb tödtlicher Haß geblieben und wartet der Zeit, wo er mit neuen Erfolgen oder rächend hervortreten kann. Die eine Hälfte, nicht zufrieden mit den schwer errungenen Erfolgen, schreitet im blinden Eifer auf dem Wege der Reaction fort, die wenigen Rechte des vielfach geknechteten Volkes mehr und mehr beschneidend und vernichtend, während die besiegte Hälfte zähneknirschend der Stunde entgegenarbeitet, in der die jetzigen Sieger in nothwendiger Folge ihrer eigenen traurigen Schöpfungen zum Rücktritt gezwungen werden. Daß dieser nicht ausbleiben wird, beweist die Stellung O’Donnell’s, des Siegers und augenblicklichen Diktators von Spanien, der in maßloser Verblendung sich zum Umsturz der Verfassung gebrauchen ließ und schon nächstens als ein nicht mehr brauchbares Werkzeug von der äußersten Reaktion bei Seite geworfen werden wird.

Da der eben genannte königliche Revolutionär zu erhöhter Bedeutung gelangt ist, so theilen wir nachfolgend die Hauptereignisse seines früheren Lebens mit. Leopold O’Donnell, zweiter Sohn des Grafen von Abispal, ist etwa fünfundvierzig Jahre alt. Einer seit Ende des vorigen Jahrhunderts in Spanien ansässigen irländischen Familie angehörig, war er zuerst Officier in der königlichen Garde. Als solcher begründete er sich durch Tapferkeit einen Ruf und stieg in dem Bürgerkriege, welcher der Ausschließung des Infanten Don Carlos vom spanischen Throne folgte, rasch zum Divisions-General empor. Während er auf Seiten der Königin Isabella stand, fochten die sämmtlichen übrigen Mitglieder seiner Familie für den Prätendenten, unter dessen Fahne zwei seiner Brüder getödtet wurden, einer vor den Thoren

[445]
Die Gartenlaube (1856) b 445.jpg

O’Donnell.

[447] von Pampeluna bei einer Kavallerie-Charge, der andere in den Straßen von Barcelona, wo er vom Volke massacrirt wurde. Mit dem Generalkommando betraut, schlug O’Donnell im Jahre 1839 den carlistischen Heerführer Cabrera bei dem Dorfe Lucena, wofür ihn die Regierung zum Grafen von Lucena erhob. Der Königin Christine leistete er 1840 bei Niederlegung der Regentschaft zu Valencia große Dienste. Seiner politischen Meinung nach den Moderados (Gemäßigte) angehörend, betheiligte er sich, als Espartero 1841 die Zügel der Gewalt ergriff, an der Verschwörung seiner Partei gegen den Letzteren und bemächtigte sich mit Hülfe einer von ihm gewonnenen Truppenabtheilung der Citadelle von Pampeluna, während Montes d’Oca, ein anderer Moderado-Chef, in Vittoria ein Pronunciamento hervorrief. Beide Unternehmungen schlugen aus Mangel an Sympathien fehl. Montes d’Oca wurde gefangen und erschossen, O’Donnell mußte in’s Ausland fliehen, von wo er erst nach dem Sturze des Siegesherzogs 1843 gleichwie Narvaez zurückkehren durfte, um dann vier Jahre lang als Generalkapitän in Cuba, der wichtigsten Kolonie Spaniens, ein strenges, aber blutiges Regiment zu führen, sich auch ein großes Vermögen zu erwerben. Seit seiner Rückkehr von dort saß er im Senate und begleitete unter Narvaez’ drittem Ministerium den wichtigen Posten eines Generaldirektors der Kavallerie. Von diesem unter dem Ministerium Bravo Murillo abgerufen, schloß er sich der Opposition an, welche namentlich unter Manuel de la Concha’s Leitung die auf eine Verfassungs-Revision zielenden Plane des Kabinetes durchkreuzte und vereitelte. Noch bedeutender trat er unter dem folgenden Ministerium im Senate auf, als es galt, seinen Freund und Waffenbruder Narvaez, den das Ministerium durch eine Sendung nach Wien aus Spanien entfernt und von der Theilnahme am Kampfe für die Verfassung abgehalten, in den Senat zurückzuführen. Sehr wichtig war auch sein Antrag wegen der Eisenbahnen, welcher gegen die von Bravo Murillo mit Verpfändung von Staatsgarantien eigenmächtig ertheilten Concessionen gerichtet, die Königin-Mutter anklagte und zu den heftigsten Debatten führte. Wegen seiner hartnäckigen Opposition gegen das Ministerium San Luis, als dieses den Senat umändern wollte, seiner Stelle als Generaldirector der Kavallerie entsetzt und aus Spanien nach den kanarischen Inseln verwiesen, hielt er sich doch heimlich vom Februar bis zum Ausbruche der Verschwörung in Madrid auf.

Er war der geheime Leiter des Militäraufstandes, welcher am 28. Juni 1854 in Madrid ausbrach und als dessen ostensibler Anführer General Dulce, Generaldirector der Reiterei, auftrat. Dieser Aufstand fand jedoch erst größeren Anklang, als Espartero durch eine am 18. Juli von Logrono aus erlassene Proclamation sich ihm anschloß; er gelangte erst zum vollständigen Siege, als neben dem Namen des bisherigen Hauptführers, des General O’Donnell, in erster Stelle der seines alten Gegners, Espartero’s, als eine Bürgschaft der Aussöhnung der Moderados mit den Progressisten (Fortschrittmänner) erschien. Am 28. Juli hielt Espartero seinen feierlichen Einzug in Madrid und bildete nun sofort ein Ministerium, in welchem alle die verschiedenen Fractionen, die an der Durchführung der neuesten Umwälzung Theil genommen hatten, vertreten waren. Er selbst übernahm das Präsidium, Santa Cruz, einer seiner persönlichen Anhänger, das Innere, O’Donnell den Krieg; die übrigen Portefeuilles wurden an Progressisten und an ein Mitglied der Linken vergeben. Eine der ersten Maßregeln des neuen Ministeriums war, die Gewalt der Junten (Rathsversammlung), welche überall an die Stelle der regelmäßig constituirten Behörden getreten waren, wenigstens insoweit einzuschränken, daß ihnen alle anderen als blos berathende Befugnisse abgesprochen wurden, und allmälig gelang es ihm, die meisten derselben aufzulösen. Um den vielfachen Anträgen auf Anklagen der Königin Christine vor den Cortes (Nationalversammlung) durch einen entscheidenden Schritt ein Ende zu machen, ließ das Ministerium die Königin am 28. August unter militärischer Bedeckung nach Portugal abreisen. Das gute Einvernehmen zwischen O’Donnell und Espartero fing damals schon an zu wanken, doch ward durch diese Coalition die politische Lage Spaniens zwei volle Jahre in der Schwebe erhalten.

Das Portefeuille des Krieges genügte O’Donnell nicht, sein Ehrgeiz strebte weiter. Er verband sich mit der bald wieder thätig gewordenen Hofpartei, deren Streben auf die Wiederherstellung des Absolutismus gerichtet war, und nachdem es ihm gelungen, Espartero zu stürzen und die übrigen Minister zum Austritt zu veranlassen, stellte er sich mit Genehmigung der Königin an die Spitze eines neuen Ministeriums, dessen erster Regierungsact die Beschränkung der Verfassung und Auflösung der Nationalgarde war. Die Cortes protestirten gegen die Absetzung Espartero’s und die Nationalgarde begann einen Kampf gegen die Truppen, der vorläufig also mit einer Niederlage der Aufständischen endete. Wer schließlich der Besiegte bleiben wird, das müssen die weiteren Ereignisse ergeben.