Ostern (Gottschall)

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Textdaten
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Autor: Rudolf Gottschall
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Titel: Ostern
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aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 165
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ostern.

Ostern! Ueber fernen Hügeln
Taucht empor dein erster Strahl;
Auf der Morgenröthe Flügeln
Schwebst du über Berg und Thal;

5
Frischer rauscht im Wald die Quelle

Und des Bachs geschwätz’ge Welle,
Plaudernd mit dem Felsgestein,
Und es taucht die Anemone
Ihre luft’ge Blüthenkrone

10
In der Frühe goldnen Schein.


Und die Knospen werden rege,
Und das Blatt die Hülle sprengt,
Und im waldigen Gehege
Alles sich zum Lichte drängt.

15
Nun entbrennt auf deinem Herde

Die erlosch’ne Gluth, o Erde,
Die aus deinen Tiefen bricht.
Deine Lenze kehren wieder,
Deine Blumen, deine Lieder,

20
Aber deine Todten nicht.


Deine Todten, tiefgeborgen
In dem mütterlichen Schoß!
Selbst am Auferstehungsmorgen
Giebst du nicht die Deinen los.

25
Ach, mit ihnen hat die Klage

Goldne Träume künft’ger Tage,
Schönes Hoffen aufgebahrt!
Noch hat keine Sonnenwende
Heißer Thränen Opferspende

30
Trostlos Trauernden erspart.


Doch die Welt ist licht und offen,
Und es naht ein schön’rer Tag!
Laßt uns glauben, laßt uns hoffen,
Daß er bald erscheinen mag!

35
Ja, ein künft’ges Ostern kröne

Alles Gute, alles Schöne,
Wälze von der Gruft den Stein,
Daß die Menschheit auferstehe
Aus dem tausendjähr’gen Wehe,

40
Glücklich, edel, frei und rein!
Rudolf v. Gottschall.


Die Gartenlaube (1890) b 165.jpg