Ostern (Lavant)

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Textdaten
Autor: Rudolf Lavant
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Titel: Ostern
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aus: Der Wahre Jacob
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: J. H. W. Dietz
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Scan
Kurzbeschreibung:
Der Wahre Jacob, Nr. 51, Seite 401
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Ostern Heft 51.jpg
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[401]

Ostern.
Von Rudolf Lavant.

Es macht uns jede Stunde freier
Von uns’res Kinderglaubens Rest;
Wir knüpfen uns’re Osterfeier
Nicht länger an ein Kirchenfest,

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Und daß es Lenz aufs Neue werde,

Wir fühlten es an jenem Tag,
Wo auf der eisbefreiten Erde
Der erste goldne Schimmer lag.

Noch war es kahl und still im Walde

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Und keiner Blume feiner Duft

Hat an der herbstlich braunen Halde
Gewürzt die kosend weiche Luft,
Doch wenn nach sanftem, warmen Regen
Der Tag in grauen Schleiern schied,

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Wie klang urplötzlich uns entgegen

Der Amsel erstes zages Lied!

Ist es so thöricht, wenn ich wähne,
Von Rührung wunderlich bedrängt,
Daß dann der Freude klare Thräne

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An jeder Knospe zitternd hängt,

Daß dann aus langem Schlaf das Leben,
Das sonnendurst’ge aufersteht,
Daß dann ein tiefgewalt’ges Beben
Durch unsrer Erde Vesten geht?

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Es ist kein trüglich-dunkles Ahnen,

Kein Hoffen, das vielleicht verfliegt;
Ich weiß, daß sich im Wind die Fahnen
Des Lenzes bläh’n und daß er siegt,
Daß er, ein junger Gott der Rache,

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Die Tyrannei des Winters bricht,

Daß dieser matt für eine Sache,
Die rettungslos verloren, ficht.

Ob mir so tief ins Herz gegangen,
Ob höher meine Freude flog,

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Wenn tausend Lerchen jubelnd sangen

Ob junger, grüner Saat Gewog,
Wenn Baum u. Busch beschneit mit Blüthen
Und in der Frühlingssonne Licht
Die ersten Rosen purpurn glühten ―

40
Ich frage mich’s und weiß es nicht.


So nimmt das Herz, das räthselvolle,
Die tiefste Wonne sich voraus
Im Stürzen einer ersten Scholle
Zum Grunde für ein stattlich Haus,

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Im Pflanzen einer jungen Rebe,

Die lange zögert, lange träumt,
Eh‘ sie ― dafern ich es erlebe ―
Als flüssig Gold im Becher schäumt.

Ob so auch wir, vom starren, blinden

50
Geschick zu stetem Kampf geweiht,

Ihn reiner, tiefer nicht empfinden,
Den mächt‘gen Hauch der neuen Zeit.
Als sie, für welche Ernten reifen,
Und die sich müh’n in ihrem Licht,

55
Das einst’ge Dunkel zu begreifen ―

Ich frage mich’s und weiß es nicht.