Ostindische Tigerjagden

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Titel: Ostindische Tigerjagden
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aus: Die Gartenlaube, Heft 21, S. 356
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: verschiedene Arten der Jagd auf Tiger in Indien
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[356] Ostindische Tigerjagden. (Zu dem Bilde S. 345.) Der Tiger ist weit besser als sein Ruf. Das haben in der jüngsten Zeit erfahrene Reisende und Naturforscher gelehrt. Sie versuchten sogar, den Beweis zu führen, daß der Tiger in Indien dem Menschen nützliche Dienste erweise; denn er ist ein „Wildtöter“ ersten Ranges und lichtet die Scharen des Wildes, die sonst den Ackerbau unmöglich machen würden. Leider kann man aber nicht unter allen Umständen der Ehrenrettung der heimtückischen Raubkatze beistimmen; denn der Tiger folgt auch den Herden des friedlichen Hirten und wird zum gefährlichen „Viehräuber“ und bei dieser Gelegenheit lernt er auch den Menschen als leichte und wohlschmeckende Beute kennen, wird dann zum „Menschenfresser“ oder „man-eater“. In diese letztere Untugend soll zwar der Tiger nur „ausnahmsweise“ verfallen, aber die Statistik in Britisch-Indien belehrt uns, daß dort jährlich 800 bis 900 Menschen von Tigern zerrissen werden; das ist zwar in Anbetracht der vielen Millionen, die Indien bevölkern, keine große Zahl, wie die Verteidiger des Tigers meinen, den Nächstbeteiligten erscheint sie aber groß genug, um den Tiger zu verfolgen und auf sein Fell Prämien auszusetzen; so werden auch in Ostindien alljährlich gegen 1600 Tiger erlegt und der Ausrottungskampf wird nicht aufhören, bis die Tiger verschwunden sind. Nur wenige der indischen Fürsten und Nabobs sind einer anderen Ansicht, verbieten in gewissen Distrikten die Tigerjagd, um von Zeit zu Zeit zum Vergnügen in eigener Person die großen Katzen jagen zu können. In solchen Gegenden bilden Tigerjagden eine vornehme und recht kostspielige Belustigung, einen Sport, den sich aber nur sehr reiche Leute erlauben können. Ein schlichter Nimrod stellt dem Tiger in einfacher Weise nach. Am Orte, wo vermutlich das Raubwild umherschleicht, bindet er ein Kalb als Köder an. Hat der Tiger das Opfer „geschlagen“, so begiebt sich der Jäger an den Ort und besteigt einen Baum, auf dem er die Rückkehr des Raubtiers zu seiner Beute erwartet. Den hohen Standpunkt wählt er nicht aus dem Grunde, um etwa vor dem Tiger sicher zu sein, sondern um in das Gras- und Rohrdickicht der Dschungel hineinblicken zu können, in dem sich sonst Roß und Reiter verbergen können. Gute Jäger haben auf diese Weise in ihrem Leben Tiger zu Dutzenden erlegt.

Vornehme Indier jagen mit großartigeren Mitteln; sie ziehen zur Tigerjagd auf Elefanten aus, begleitet von einem Troß von Jägern und Treibern, der nach Hunderten und selbst Tausenden zählt. Als Gäste der indischen Fürsten haben Europäer öfter solche Jagden mitgemacht, die wohl sehr spannend und aufregend, dabei aber auch mit vielen Mühsalen verknüpft sind.

Schon die Jagdzeit ist für den Europäer nicht günstig. Man wählt zu solchen Treibjagden die dürre Jahreszeit, weil dann die Tiger an nicht ausgetrockneten Gewässern sich aufhalten und man auf einem verhältnismäßig kleinen Terrain mehrere Stück des Raubzeugs auf einmal auftreiben kann. Ferner treibt man das Wild in den heißesten Stunden des Tages, weil die große Hitze den Tiger träge und weniger vorsichtig und wachsam macht.

Der Ritt auf Elefanten gehört für den Europäer auch nicht zu einer Erquickung; die Bewegungen sind schwankend, schiffartig und um so ausgiebiger und unangenehmer, je größer der Elefant ist. Für diese und andere Unannehmlichkeiten wird man jedoch durch das eigenartige Leben und Treiben in solchem Jagdzuge reich belohnt. Während der Haupttroß ein Lager in der Wildnis bezieht, rüsten sich die eingeborenen Jäger, die Schikari, zum Aufspüren des Wildes. An verschiedenen Stellen binden sie Büffel an und beobachten von Bäumen und Hügelspitzen die Lockspeise. Hat der Tiger geschlagen, so melden sie das Ereignis im Lager und die Jäger besteigen die Jagdelefanten, auf deren Rücken die Hauda, ein viereckiger Kasten, befestigt ist. Zumeist sind es alte, kluge und wohldressierte Tiere, die den Tiger nicht fürchten und ihm, wenn er hervorbricht, standhalten. Der Schlupfwinkel des Raubzeugs wird nun umzingelt und unter der Führung der Schikari setzt sich lärmend eine Treiberkette in Bewegung, welche die Tiger gegen die Jagdelefanten aufscheucht. In besonders dichtem Terrain greifen auch die Elefanten vorbereitend ein. Damit der Tiger in dem Baum- und Rohrdickicht nicht durchschlüpfen kann, wird vor der Jägerlinie der Platz gesäubert. Die Elefanten rücken vor, werfen Bäume um, zertreten das Gras und schaffen in kurzer Zeit eine etwa zehn Meter breite und entsprechend lange Lichtung. Vor dieser erwarten die Jäger, in den Haudas thronend, das Raubwild.

Es kommen nun Augenblicke der höchsten Spannung. Jeden Augenblick kann der Königstiger hervorbrechen; an den Kampf denkt er nicht, sondern sucht in schlauer Weise zu entschlüpfen, gefährlich wird er in der Regel erst dann, wenn er verwundet in höchste Bedrängnis gelangt. Dann wendet er sich gegen die Elefanten und treibt diesen und jenen in die Flucht und läßt ihn seine Pranken fühlen. Trotzdem kommen bei diesen Jagden nicht mehr Unglücksfälle vor als bei uns bei den Hetzjagden. Bei solchen Treiben werden öfters aus einem Dickicht mehrere Tiger, sechs bis sieben Stück aus einem Dschungel, aufgescheucht und auch zur Strecke gebracht.

Wo das Dickicht zu groß, das Rohr zu hoch ist, so daß Menschen in demselben nicht vordringen können, benutzt man Elefanten, um das Raubzeug vor die Jäger zu treiben. Oft reiten auch die Jäger in die Wildnis hinein und pirschen, von der Hauda ausspähend, auf die Tiger. Diese Art des Jagens ist wohl die reizvollste. Der eingeborene Führer des Elefanten ist in solchen Künsten geübt und versteht aus dem Verhalten anderer Tiere, namentlich der Affen und der wachsamen Pfauen, die Nähe des Tigers zu erkunden. Er macht den Jäger aufmerksam – und nun kommt der entscheidende Augenblick. Mit erhobenem Rüssel und aufgestellten Ohren macht der Elefant einen Sprung nach vorwärts und trompetet laut – ein sicheres Zeichen, daß er auf einen Tiger gestoßen. Und in der That, in dem hohen Schilfe windet sich die gefährliche Katze dahin, wild seine Gegner anfauchend. Doch schon kracht der Schuß von der Höhe der Hauda und das Sündenregister des Wildtöters ist für immer abgeschlossen.

Wieder im Lager, zieht der glückliche Weidmann der Beute das Fell ab, das in Europa wegen seiner tadellosen Schönheit für 1200 Mark Käufer finden würde. Die eingeborenen Jäger stürzen aber über das enthäutete Wild her – denn Tigerfett ist ja ein berühmtes Heilmittel in Indien und Tigerfleisch verleiht dem, der es essen kann, Kraft und wilden Mut.
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