Otto Glagau (Die Gartenlaube 1875/20)

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Textdaten
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Autor: Otto Glagau
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Titel: Otto Glagau
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 343, 344
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[343] Otto Glagau sendet an den Redacteur dieses Blattes folgende Zeilen, deren Aufnahme wir selbstverständlich nicht verweigern wollen:

Berlin, April 1875.
Sehr geehrter Herr,

Sie erweisen mir die Ehre, meinen Artikel „Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin“ in Nr. 5 Ihres geschätzten Blattes einer Kritik, vom Standpunkte der Redaction, zu unterziehen, und dabei einen Punkt zu bemängeln. Ich weiß natürlich, daß Sie das aus Pflicht- und Billigkeitsgefühl, im Interesse der Sache thun, die Sie nicht einseitig, nicht parteiisch behandelt wissen möchten; ich glaube deshalb Ihrem Wunsche zu entsprechen, wenn ich meine Entgegnung gleichfalls an dieser Stelle abgebe. Ich habe diese Entgegnung absichtlich verzögert, um inzwischen noch einige Artikel mehr erscheinen zu lassen, und mir so die Antwort zu erleichtern.

Sie fechten den ersten, einleitenden Artikel namentlich in diesem Satz an:

„Die nationale Begeisterung, die heiligsten Gefühle eines Volkes wurden von der Speculation und von dem Schwindel für ihre schnöden Umtriebe, für ihre verbrecherischen Zwecke ausgebeutet.“

Sie bezweifeln das und fragen: „Was haben die ‚heiligen Gefühle‘ mit Strousberg’schen und Quistorp’schen Actien zu thun?“ –

Darauf muß ich nun antworten: Viel, sehr viel, geehrter Herr, nicht weniger denn Alles. Ohne den großartigen Aufschwung, den Preußen und Deutschland genommen, wären Strousberg und Quistorp bei uns gar nicht möglich gewesen, wären ihre „Gründungen“ nie zu Stande gekommen, wären ihre Actien nimmer an den Mann gebracht worden. Erst die Siegesfreude, die nationale Begeisterung, das so mächtig erwachende Selbstbewußtsein des deutschen Volks, seine heiligsten Gefühle – Sie sehen, ich halte jedes Wort aufrecht – mußten angerufen, mußten ausgebeutet werden, um all die zahllosen Actienunternehmungen verwirklichen, um den ganzen Börsen- und Gründungsschwindel in Scene setzen zu können. Allerdings haben nur Wenige aus reiner Begeisterung, aus bloßem Patriotismus gezeichnet und gekauft, aber Alle thaten es [344] doch zunächst, weil sie die Unternehmungen für solide und rentabel, für gemeinnützig und einem wirklichen Bedürfnisse entsprechend hielten. Außerdem entstand im Publicum der Wahn, dem politischen Aufschwunge müsse eine ebenso reiche Blüthe der materiellen Wohlfahrt auf dem Fuße folgen, der Wohlstand sei plötzlich ein allgemeiner geworden. Freilich ein Irrthum, ein schwerer Irrthum! Lehrt doch die Geschichte, daß nach jedem Kriege, wo die Arbeit feierte, wo Handel und Wandel stockten, wo Zehntausende von Jünglingen und Männern Leben oder Gesundheit einbüßten und Zehntausende zu Wittwen und Waisen wurden, daß nach jedem großen Kriege naturgemäß eine Reaction, ein empfindlicher Rückschlag eintritt. Aber das Publicum wurde eben getäuscht, unter fortwährendem Hinweise auf die französischen Milliarden, von denen es selber doch so gut wie nichts bekam; es wurde durch diese und andere Vorspiegelungen getäuscht und bethört von den Gründern und Börsenrittern und von den mit ihnen verbündeten „Volkswirthen“ und Zeitungen.

Nachdem nun die Gründungen verübt waren und die allgemeine Ausplünderung sich vollzogen hatte – gleich nach dem Wiener Krach, wurde von der dortigen Presse, die, wie der Proceß Ofenheim bewiesen hat, fast durchweg im Solde der Börse steht, die Parole ausgegeben: „Wir haben Alle gesündigt. Die Börse und die Gründer haben geschwindelt, das Publicum aber hat gespielt und dadurch den Schwindel unterstützt. Wir sind Alle miteinander schuldig. Darum bedecken wir die Geschichte mit Schweigen und suchen wir sie zu vergessen!!“ – Diese famose Parole wurde auch in Deutschland begierig aufgenommen und in allen Tonarten variirt. Ja, man ging hier noch weiter und begann das Publicum geradezu anzuklagen, ihm Vorwürfe zu machen wegen seiner „Spielsucht“, ihm in’s Gesicht zu schleudern, daß es seiner „Spielsucht“ zum Opfer gefallen wäre, und ihm daher nur Recht geschehen sei. Diese Moral- und Strafpredigten wurden von denselben Leuten gehalten, die dem Publicum soeben das Fell über die Ohren gezogen hatten – von den Gründern und ihren Helfershelfern. So predigten die Wölfe und die Füchse den Schafen. Ist das nicht überaus rührend und erbaulich?!!

Durch solch freche Verdreherei der Begriffe und Thatsachen, geehrter Herr, entstand das Märchen von der „Spielsucht“ des Publicums überhaupt und von der „Gewinnsucht“ der „kleinen Leute“ insbesondere. Die Spiel- und Gewinnsucht hat sich im Verlaufe des Schwindels allerdings gezeigt, aber doch nur theilweise, nicht entfernt allgemein, und jedenfalls war sie ursprünglich nicht vorhanden, sondern sie wurde von den Gründern und Börsianern erst künstlich erzeugt, mit unzähligen Mitteln fortwährend genährt. Die „kleinen Leute“ namentlich, und selbst die gewöhnlichen Bürgerclassen, hatten bis 1870 von der ganzen Börse nur eine schwache Ahnung; sie kannten Actien kaum dem Namen nach, und der Courszettel war ihnen eine Tafel mit Hieroglyphen. Sie verwahrten ihre Ersparnisse im alten Strumpf; sie gaben ihr Geld auf die Sparcasse oder auf Grundstücke – bis der Gründungsschwindel auch sie aufblicken ließ, auch sie in seinen Strudel zog.

Jedes Blatt und jedes Blättchen legte sich einen Courszettel zu, errichtete eine ständige Rubrik für Börsennachrichten, brachte im Inseraten- wie im redactionellen Theil täglich Reclamen für neue Gründungen und neue Actien. Es entstand plötzlich eine neue Classe von Reisenden, der Börsenreisende für Stadt und Land, welcher von Haus zu Haus ging, in die Keller und in die Dachkammern stieg und seine – Actien anbot. Die Börse hatte überall, im kleinsten Städtchen und im abgeschiedensten Dörfchen ihre Agenten, welche dem Handwerker, dem Bauern dieses oder jenes Börsenpapier aufredeten, indem sie ihm Himmel und Erde versprachen und ihn gläubig, ihn sicher machten durch die Unterschriften, durch die stolzen vornehmen oder doch wohlcreditirten Namen, welche die Actie trug. Was Wunder, wenn die schlichten, ehrlichen Leute sich verlocken ließen und, durch kleine Gewinne vollends geködert, allmählich ihre ganze Habe der Börse in den Rachen warfen! Ich denke nicht daran, ihnen die „patriotische Märtyrerkrone“ aufzusetzen, wohl aber meine und behaupte ich: sie verdienen, als die Verführten, nur Bedauern und Entschuldigung; während die ganze Schuld, die unbedingte Verurtheilung – wenigstens vor dem Richterstuhle der Moral, denn gesetzlich sind sie nicht zu fassen gewesen – die Verführer trifft.

Im Uebrigen, verehrter Herr, haben die „kleinen Leute“ allein den Kohl nicht fett gemacht. Dazu gehörten auch noch die wohlhabenden und Reichen, alle Classen und Stände ohne Unterschied. Das ganze Volk ist durch den Börsen- und Gründungsschwindel in Mitleidenschaft gezogen; unter zehn Personen sind immer neun, direct oder indirect, ausgeplündert oder doch geschädigt worden. Die Netze, welche die Börse auswarf, waren so zahlreich und so mannigfaltig, die Lockspeisen so raffinirt, daß sie Alles miteinander eingefangen hat: Arm und Reich, gebildet und Ungebildet, Gescheit und Einfältig, Jung und Alt, Mann und – – Weib!

Das, verehrter Herr, sollen eben meine Artikel nachweisen, und ich schmeichle mir sogar, die bisher erschienenen haben es zum Theil schon bewiesen.

Mit dem Ausdrucke meiner Hochschätzung

Ihr ergebener 
Otto Glagau.