Panegyrikus auf Rabulas von einem gleichzeitigen Edessener

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Textdaten
Autor: Unbekannt
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Titel: Panegyrikus auf Rabulas von einem gleichzeitigen Edessener
Untertitel:
aus: Bibliothek der Kirchenväter, Band 38, S. 166–211.
Herausgeber:
Auflage: 1
Entstehungsdatum: 5. Jh.
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Jos. Koesel’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Kempten
Übersetzer: Gustav Bickell
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Panegyrikus auf Rabulas von einem gleichzeitigen Edessener.




In dem Eifer der Liebe Christi wollen wir euerer Liebe, o Brüder, das Bild des herrlichen Wandels des heiligen Bischofs Rabulas, der Zierde unserer Stadt, schriftlich vormalen, damit es für uns und für alle Generationen ein mahnendes, zur Nachahmung seiner Tugenden aneiferndes Vorbild werde. Ihn, welcher sich in der Ringbahn der Gerechtigkeit kampfbereit zeigte und in den schweren Kriegen mit den Höllenmächten siegreich erfunden wurde, der die List des Teufels durch seine Weisheit überwand, die Welt mit ihrer Lust einsichtsvoll verachtete, die Macht des Widersachers durch seinen Kampfesmuth niedertrat, die Versuchungen des Fleisches durch seine Standhaftigkeit unterdrückte, seinen Feind Satan im Kampfe besiegte und die von ihm Verführten zur Wahrheit zurückbrachte, der die schlauen Lockungen verführerischer sündiger Begierden durch [167] seine entschlossene Ausdauer niederhielt, welcher den Menschen durch seine Worte nützte und durch seine Werke Vielen Heil brachte, der die Engel durch seine Abtödtung in freudiges Erstaunen versetzte und seinen Herrn durch seinen Glauben lobpreisend verherrlichte, der seine Seele gefunden und sein Leben erworben hat, auf welchem sein ganzes Leben hindurch der Geist Gottes geruht hat, bis daß er, geziert mit dem guten, Gottes würdigen Ende, sich aus allen Kämpfen der Verachtung die Krone der Gerechtigkeit errungen hat, diesen ruhmvollen Heiligen also sind wir schuldig und verpflichtet zu verherrlichen, indem wir das theuere Andenken seines göttlichen Wandels aufzeichnen, damit es uns und allen Generationen zum Vorbilde seiner Tugenden, zum antreibenden Muster der Nachahmung diene, gleich dem der vortrefflichen, ruhmvollen Väter, deren Tugendbild im alten und neuen Testament mit geschriebenen, den heiligen Büchern einverleibten Farben dargestellt ist.

Es war aber dieser selige Rabulas von seiner Kindheit an ein Heide; denn auch sein Vater war ein Heide und zwar ein Götzenpriester, eben Derselbe, durch dessen Hände der gottlose Julian sich selbst den Dämonen opferte, als er in den Perserkrieg zog.[1] Seine Mutter aber war eine Gläubige und kämpfte fortwährend mit ihrem Gatten, um ihn zu der Furcht Christi zu bekehren, vermochte aber nicht die Macht seines verstockten Willens zur Wahrheit zu wenden. Auch er suchte auf jegliche Weite die gläubige Gattin zum Abfall zu verleiten, konnte aber die Macht ihres in Jesu befestigten freien Willens nicht der Sünde unterwerfen. So blieben sie denn, ein Jeder bei seiner Religion, und es wurde ihnen geboren der ganz herrliche Eiferer Rabulas, der zweite Josias, wenn diese Vergleichung genügt, um die Größe des Heiligen zu bezeichnen. Seine Mutter übergab ihn einer [168] gläubigen Amme, und als er heranwuchs, ward er in der griechischen Literatur unterrichtet, wie es bei den Söhnen der Reichen und Vornehmen in seiner Vaterstadt Kenneschrin üblich ist. Dann wählte seine Mutter eine gläubige Gattin für ihn aus. Obgleich nun seine Gattin und seine Mutter fortwährend in ihn drangen, daß er sich von dem Heidenthume seines Vaters zu dem Glauben Christi bekehren möge, so hörte er doch nicht auf sie. Er war übermüthig wegen der angesehenen und ehrenvollen Gewalt, die ihm der Kaiser verliehen hatte. Da veranlaßte ihn ein glücklicher Zufall, seine Landgüter in der Umgegend von Kenneschrin zu bereisen. An eines von diesen grenzte ein einsames Kloster des seligen Reclusen Abraham, in welchem, wie ihm seine Diener und die Bewohner der Gegend erzählten, fremde Mönche wohnten und staunenswerthe Heilungswunder durch die Kraft Christi, des Gottes der Christen, vollbrächten. Als er Dieß hörte, machte ihn die Kunde von den Wundern Christi bestürzt, und die Nachricht von diesen Triumphen stürzte wie ein Ocean in seine Seele; und während das Feuer der Liebe zu diesem anbetungswürdigen Namen Jesu in sein Herz eilte, begann sein Verstand an seinem Heidenthum irre zu werden und führte ihn alsbald ungesäumt unter göttlicher Leitung zu dem Anblicke jenes Seligen, um mit eigenen Augen die Wunderkraft Jesu zu schauen, der ihm zuvor verhaßt war, ganz so wie dieser den Paulus, der ihn Anfangs verfolgt hatte, durch das Seil der himmlischen Stimme anbetend unter das Joch des Kreuzes brachte und ihn aus dem Judenthum für seine Wahrheit gewann. Ebenso entriß er auch den Rabulas dem Heidenthume, um ihn zum Christenthum zu bekehren. Und weil Zeichen für die Ungläubigen nothwendig sind, so bereitete ihm der gute Herr, welcher für seine Knechte besorgt ist, eine Lockspeise zum ewigen Leben, wie der Samaritanerin und dem Nathanael, durch ein geringes Wunder, durch welches er zum Leben eingefangen wurde. Er ließ nämlich ein Weib zu dem erhabenen Abraham kommen, deren Fleisch durch schwere, langwierige Krankheit verdorrt und deren Glieder gelähmt waren. Als nun [169] der selige Rabulas dieses Wunder sah, ging er hinweg voll Staunen in seiner Seele über das Geschehene, fing an wegen der Macht Christi an seinem Heidenthume zu zweifeln und sprach in seinem Herzen, wie er uns selbst erzählt hat, also zu sich: „Wäre es dir wohl eine Schande, die schmachvollen Griechengötter zu verleugnen und den gekreuzigten Gott zu bekennen? Siehe, was das Gedächtniß seines Kreuzes durch die Heilung dieses Weibes in deiner Seele bewirkt hat, und bleibe fest!“ Als aber seine Mutter den Wechsel seiner Gesichtsfarbe sah und das vor seinen Augen geschehene göttliche Ereigniß von seinen Begleitern erzählen hörte, da ging sie ganz außer sich vor Freude zu dem seligen Eusebius, dem Bischof ihrer Stadt, und theilte ihm die Geschichte von ihrem Sohne mit. Der hocherfreute Bischof ließ ihn zu sich kommen und erklärte ihm Vieles aus den heiligen Schriften über Christus. Da er aber für zweckmäßig hielt, daß sein Wort auch von Anderen unterstützt werde, so trug er Sorge, ihn zu dem ehrwürdigen Acacius, Bischof der Stadt Aleppo, mitzunehmen. Denn sie waren Brüder in Christo und hatten in dem ehrwürdigen Kloster gemeinschaftlichen Unterricht empfangen. Als nun Acacius die Ursache ihrer Ankunft erfuhr, freute er sich sehr und empfand viel Mitleid mit Rabulas; deßhalb begann er zu ihm zu sagen: „Mein Sohn, du kannst nur dann die Macht der Wahrheit als Wahrheit erkennen, wenn du einsiehst, daß das, was du weißt, Irrthum ist.“ Jener antwortete darauf: „Wie kann ich wissen, daß das, was ich weiß, Irrthum ist, wenn mir nicht die Wahrheit durch ihr Licht Wahrheit und Irrthum als unterschieden zeigt?“ Acacius aber wies diese Einwendung kräftig zurück, indem er erwiderte: „Du kannst die Wahrheit erkennen, wenn du einsiehst, daß du bisher noch Nichts gewußt hast.“ Rabulas sprach: „Dieses, daß ich einsehen soll, ich wisse die Wahrheit nicht, lehrt mich die Wahrheit nicht kennen, sondern zeigt mir nur von dem Irrthum, daß er Irrthum sei; ich aber will eben die Wahrheit kennen lernen.“ Acacius erwiderte ihm: „Glaube an unseren Herrn Jesum als an den Sohn Gottes; alsdann wirst du die [170] Wahrheit erkennen, wie sie dich zu sich zieht!“ Jener antwortete: „Wie kann ich mich überzeugen, daß Christus die sichere Wahrheit ist, welche ich erkennen muß?“ Eusebius sagte darauf: „Diese Wahrheit offenbart sich selbst dir, wenn du dich deines eigenen Wissens entäusserst und dir das Bedürfniß nach ihrer Erkenntniß aneignest.“ Rabulas wandte ein: „Wie kann ich aber jenes vergessen, da ich es ja sogar gegen meinen Willen im Gedächtniß behalten muß?“ Eusebius antwortete ihm: „Wenn du das stete Andenken an Jesum in deine Seele aufnimmst und darin wohnen lässest, so werden ihn alle bösen Geister, die in dir kämpfen, erblicken und aus dir fliehen, wie die Finsterniß vor den Strahlen des Lichtes schwindet.“

Nachdem sie so unter einander Vieles über den Glauben geredet hatten, versprach er, daß er zu der Märtyrerkapelle der heiligen Kosmas und Damian gehen und daselbst beten wolle; Jene aber rüsteten ihn mit Fürbitten aus und entließen ihn freudig. Als er nun in dem Tempel stand, sah er, wie ein offenbar blinder Mann das Augenlicht erhielt, und er staunte über die Macht des Kreuzes. Aber noch mehr staunte er über ein Wunder, welches Gott an ihm selbst wirkte. Der Herr öffnete nämlich seine Lippen, und er sprach eine neue Lobpreisung aus, indem er Gott pries, den Vater und den Sohn und den heiligen Geist. Alsdann theilte er Almosen aus und kehrte seines Weges zurück, indem er über das Gesehene und Gehörte nachdachte und den bis dahin gehegten Irrthum mit Verachtung von sich stieß. Er kam aber zu Acacius, erzählte ihm, wie Gott die Lobpreisung aus seinem Munde hatte hervorgehen lassen, während er dastand und betete, und bekannte vor ihm seinen Glauben an Jesum. Als Acacius Dieses hörte, freute er sich über seinen Glauben und sprach zu ihm: „Mein Sohn, in Jedem, in dessen Herz das Feuer der Gottesliebe gedrungen ist, werden alle Lüste mit allem Dorngestrüppe der Sünde ausgebrannt, und er wird siebenfältig ausgeläutert und weißgebrannt.“ Darauf brachten ihn die Bischöfe Acacius und Eusebius zu dem Kloster des heiligen Reclusen Marcian und zu dem oben erwähnten [171] seligen Abraham. Sie bestärkten seinen Entschluß durch mächtige Rede und riethen ihm dazubleiben. Dieß versprach ihnen Rabulas, indem er sagte: „Weil ich fest auf den Herrn hoffe und an den Sohn Gottes glaube, so lege ich das Gelübde ab, mich ganz Gott zu weihen, die Welt vollständig zu verlassen, ungetheilt Gott anzuhangen und gleich euch im Kloster eingeschlossen zu leben. Auch verlangt es mich, nach Jerusalem zu gehen, um die heiligen Orte zu sehen und die Taufe im Jordan zu empfangen, wo sich auch Christus uns zum Vorbild hat taufen lassen.“ Als die Väter Dieß hörten, freuten sie sich, geleiteten ihn mit ihrem Gebete und entließen ihn. Der selige Rabulas kam nach Jerusalem, betete unter vielen Reuethränen vor Golgatha, besuchte das Grab unseres Herren und die Grotte, in welcher Er geboren ward, bestieg den Berg der Himmelfahrt, gab den Armen Almosen und stieg von da zum Jordan hinab. Alsbald wandte er sich an die Priester und legte vor ihnen sein Glaubensbekenntniß ab, worauf sie ihn salbten und tauften. Sobald er aber aus dem Wasser herausgestiegen war, erschien das Taufgewand, in welches er nach der Gewohnheit der geistlichen Verlobten Christi eingehüllt war, auf allen Seiten ganz glänzend von dem in Kreuzesform überall sichtbaren einzigen Heilmittel des Blutes Christi. Alle daselbst Anwesenden sahen dieses große Wunder, staunten und erschracken darüber, wurden von Zittern ergriffen und fielen in ihrer Bestürzung auf ihre Kniee, um vor Gott zu beten und Ihn mit lauter Stimme für alle Wunderkräfte, die sie gesehen, zu preisen. Nachdem er aber die heiligen Geheimnisse des Leibes und Blutes unseres Herrn empfangen hatte und mit jedem göttlichen Sakramente versehen war, kehrte er in seine Vaterstadt zurück, indem er sich in seinem Glauben freute, in seiner Hoffnung jubelte, in seiner Liebe entzückt, in seiner Hingebung trunken und der göttlichen Gnade theilhaftig war.

Alsbald nach seiner Taufe und der Rückkehr in seine Heimath führte nun der selige Rabulas sein Gelübde aus, gleich dem weisen Kaufmanne, welcher gute Perlen suchte [172] und, als er die erhoffte Perle gefunden hatte, hinging und Alles, was er besaß, verkaufte, um sie zu kaufen. Denn er vertheilte sein Gold und Silber und alle seine Habe an die Bedürftigen, so daß seine Almosen sogar bis zu den Heiligen und Armen Edessa’s gelangten, jener Stadt, welche er sich so gleichsam prophetisch zu seinem Eigenthum bestimmte. Denn die geheime Anordnung Christi verlobte ihm Edessa, wie auch die übrigen Gegenden, schon im Voraus durch das Unterpfand seiner Almosen, indem die Armen als Brautwerber dienten. Er bedachte weislich in seiner Seele, daß weltliche Sorgen und Streben nach Reichthum in einem unbehüteten Herzen wie Disteln und Dornen den Samen des Wortes Gottes ersticken, so daß er keine Früchte bringt. Daher warf er eifrig das ganze schwere Gewicht der Reichthumsketten von sich, damit das Wort Gottes, welches er in sich aufgenommen hatte, ungehindert im Verborgenen aufsprossen und Früchte bringen könne dreißigfältig, sechzigfältig und hundertfältig. Er nahm also mit Freuden das Gebot unseres Herrn auf sich: „Wer nicht Alles, was er besitzt, verläßt, der kann nicht mein Jünger werden,“ und vertheilte sorgfältig seine ganze Habe unter die Armen, damit seine Gerechtigkeit auf ewig bestehe. Auch seine Landgüter verkaufte er und vertheilte den Kaufpreis nach Gebühr unter die Dürftigen, damit derselbe durch ihre Hände als Depositum in das himmlische Schatzhaus gebracht und daselbst mit Kapital und Zinsen für ihn aufbewahrt werden sollte. Auch alle seine Sklaven, sowohl die in seinem Hause geborenen als auch die angekauften, ließ er frei, indem er jeden einzelnen mit Geld versah und in Frieden verabschiedete; einigen aber ertheilte er Unterricht und ließ sie in Klöster eintreten. Seiner gesegneten Mutter nahm er zu ihrer Freude Alles, was sie besaß, hinweg, und sie nahm das Joch Christi auf sich. Ebenso that er auch seiner Gattin. Seine noch unmündigen Kinder aber unterrichtete er und schickte sie in Klöster. So entäusserte er sich alles dessen, was er besaß, um den Herrn alles Besitzes zu gewinnen. Als er so nach dem Befehle unseres Herrn sein Weib, seine Söhne [173] und Töchter, seine Acker und alle Habe, seine Vorräthe, seine Sklaven, seine Freunde und alle Güter der Welt verlassen hatte, da nahm er nach dem Gebot Christi heimlich sein Kreuz auf sich und folgte ihm vollkommen nach. Und sobald er lebend die Welt und Alles, was in ihr ist, aus glühendem Verlangen nach der wahren Liebe Christi verlassen hatte, ging er einsam in die Wüste, um nach dem Vorbilde unseres Herrn von dem Widersacher versucht zu werden, schrecklichen, gigantischen Leiden in der Einöde muthig entgegenzutreten, seine Natur und ihre Gewohnheiten zu bekämpfen und als ein geistlicher Athlet mit den Mächten und Gewalten, und den bösen Geistern von innen und außen, zu ringen. Er ging aber und wohnte in dem in der Wüste gelegenen Kloster des oben erwähnten seligen Abraham, welcher durch den schwachen Strahl eines seiner Wunder zuerst begonnen hatte, den seligen Rabulas aus der Finsterniß des Heidenthums zu ziehen und zu dem Lichte der Wahrheit zu bekehren. Nachdem er eine ziemliche Zeit hindurch unter herrlichen Tugendübungen bei Diesem gewohnt hatte, drängte es ihn, sich neben Jenem eine kleine Hütte anzulegen und darin ganz still und einsam zu leben. Er ließ sich aber von Abraham überreden und blieb im Kloster, indem sein Bruder und Andere bei ihm wohnten, darunter auch der selige Eusebius, welchen der heilige Rabulas später zum Bischof der berühmten Stadt Tella weihte. Ihre Wohnung war aber, wie alle Klöster, ein Bild der apostolischen Kirche. Alles, was sie hatten, war gemeinschaftliches Eigenthum. Oft mußten sie aus Mangel an Nahrung mit frohem Herzen ihre Wohnung verlassen, um die Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Einmal war, wie gewöhnlich, in ihrem Kloster das Brod zu Ende gegangen; als Rabulas nun ganz entzückt seinem Herrn dafür dankte, daß er ihn gewürdigt habe, solche Leiden zu ertragen, da sandte ihnen die göttliche Güte gegen Sonnenuntergang Brod zu ihrem Lebensunterhalt. Nun staune und verwundere dich über die Geistesstärke des seligen Rabulas! Als er nämlich jenes Geschenk sah, sprach er: „Gott hat Dieses gethan, um mich zu versuchen, weil er meine [174] Schwäche kennt und meine Unfähigkeit, die Noth geduldig zu ertragen.“ In dieser Meinung nahm er die Lebensmittel und gab sie noch am selben Abend Anderen, so daß die Brüder hungrig einschlafen mußten. Als er aber bemerkte, daß Volksmengen zu ihm hinströmten, als zu einem Manne, der die Welt verlassen und die Einöde erwählt hatte, der sich selbst haßte und Gott liebte, da entzog er sich ihnen, um nicht unter ihren Augen von dem geraden Wege der Gerechtigkeit abgelenkt zu werden, und zog sich in das Innere der Wüste zurück, gleichwie einst der selige Antonius. Er fand daselbst eine kleine Höhle in der Erde und nebenan ein Bächlein, welches so viel Wasser lieferte, als für Einen genügte. Seine Thätigkeit aber bestand da ausschließlich in beständigem Gebet, Psalmenrecitation und Lesen der heiligen Schriften; denn so schreiben es ja auch mit Recht die Regeln aller gut geordneten Klöster vor, und so halten es Alle, die sich unserem Herrn geweiht haben. Eben deßhalb hatte er sich auch dorthin zurückgezogen, damit seine Seele nie von dem Gedanken an Gott abgezogen werden sollte. Nun erhob der Böse gegen ihn viele Kämpfe auf alle mögliche verschiedene Weisen, wie der Selige selbst erzählt hat, und der schreckliche, vielgestaltige Drache kämpfte offen mit ihm. Denn er ließ um ihn und über ihm Schlangen, Skorpione, Nattern und Vipern kriechen, um ihn zu schrecken und zu ängstigen; aber sie wurden alle durch die Macht des Kreuzeszeichens besiegt. Da ihn also Satan mit seiner Streitschaar nicht zu überwinden vermochte, so stürzte er den Wasserkrug um; denn das Bächlein konnte nur so viel Wasser liefern, als für das Bedürfniß eines Einzigen nothwendig war.[2] Aber alle diese heftigen Kämpfe, durch welche ihm Satan Leid zufügen wollte, gereichten ihm nur zum größeren Gewinn und Fortschritt in der Gerechtigkeit, indem er sich um so eifriger des Gebetes befleissigte und aus [175] allen Kräften flehend zu Gott rief, daß er ihn von allem Bösen erretten möchte. Denn durch seine innerliche und äusserliche Abtödtung erlangte er eine gewaltige Stärke gegen den Teufel und hielt sich stets bereit, jeder bösen Regung durch gute Gedanken entgegenzutreten, um sie zu überwinden. Als er im Gebete begriffen und besorgt war, seine Unterredung mit Gott nicht zu unterbrechen, geschah es einst, daß er einen Streifzug von Arabern kommen sah. Da freute er sich und hoffte, daß endlich die Zeit seiner Martyrerkrönung genaht sei. Jene aber sahen den Lebendigtodten in seiner leeren Höhle, verschonten ihn aus Geringschätzung und zogen ab, indem sie nur sein Brod und seine Decke raubten. Auch hierfür lobte und dankte er seinem Herrn. Staunenswerth war es aber, daß Jene einem Manne begegneten, welcher kam, um ihm Brod für seinen Lebensunterhalt zum Geschenk zu bringen, und ihn nicht beschädigten, damit seine Abtödtung einen doppelten Triumph erlange. Während er mit Leib und Seele in diesem engelgleichen Wandel lebte und sein Geist stets vor Gott weilte, gleichwie Ihm die Engel im Himmel stets dienen, erfuhren die Mönche seines Klosters, wo und wie er lebe, suchten ihn auf und überredeten ihn, wieder zu ihnen zurückzukehren. Weil aber die Liebe zum Martyrium wie ein glühendes Feuer in seinem Herzen brannte, so nahm er den seligen Eusebius mit sich, und sie begaben sich beide nach der Heidenstadt Baalbek. Daselbst gingen sie in den Götzentempel aus göttlichem Eifer, um die Götzen zu zertrümmern und des Märtyrertodes gewürdigt zu werden. Denn sie gingen nicht dahin in der Erwartung, lebendig wieder zurückzukehren, sondern in der Hoffnung, gemartert und getödtet zu werden, um durch ihren Tod Zeugniß abzulegen. Sie wagten nun zwar, Dieses zu thun, konnten aber des Leidens des Martyriums nicht theilhaftig werden, indem sie Gott wegen ihrer künftigen Bestimmung als treffliche Verwalter des Episkopats davor bewahrte. Übrigens wurden sie von den Heiden so lange erbarmungslos geschlagen, bis diese sie für todt hielten. Darauf wurden sie wie Leichen von großer Höhe herab viele [176] Treppenstufen hinuntergeworfen, an denen sich ihre Glieder anstießen, wie sie auf einander folgten, indem sich eine jede Stufe immer der folgenden zuneigte und sie ihr zuschleuderte, so daß sie im Herunterfallen von allen Stufen zerschlagen wurden, bis sie unten ankamen. Darauf kehrten sie in ihr Kloster zurück, hocherfreut, daß sie um Gottes willen gewürdigt waren, die Wunden des Leidens Christi an ihren Leibern zu tragen. So litten sie zwar Todesnoth, wie sie erbeten hatten, starben aber nicht wegen ihres Zeugnisses, wie sie gehofft hatten. Ihrem Willen nach waren sie Märtyrer geworden und hatten ihren Wunsch erreicht; nur waren sie nicht durch den Tod vollendet worden, denn sie sollten aufbewahrt bleiben, damit Vielen durch sie die Krone des Lebens zu Theil werde.

Wie der selige Rabulas Bischof der Stadt Edessa wurde.

Nach dem Tode des Bischofs Diogenes von Edessa versammelten sich die Bischöfe, darunter auch Acacius von Aleppo, in Antiochien bei dem Patriarchen Alexander, um darüber zu berathen, wen sie auf den bischöflichen Thron von Edessa setzen sollten. Da entschied in ihren Herzen der Geist Jesu also: „Rabulas soll dorthin gewählt werden; denn an ihm habe ich Wohlgefallen.“ Und der Geist sprach, wie einst über David, so auch über Diesen durch den Mund der Priester:[3] „Ich habe den Rabulas, meinen Knecht, zu meinem Dienste tauglich gefunden; durch euere Hände will ich ihn mit meinem heiligen Öle salben. Meine Hand soll ihm helfen und mein Arm ihn stärken. Die Feinde der Wahrheit will ich vor ihm her vernichten und seine Hasser zermalmen.“ Nach dieser Weissagung ist es auch geschehen, indem er die Wildheit der Ketzer überwunden hat. „Meine Treue und meine Gnade werden mit ihm sein, und in meinem [177] Namen soll sein Horn erhöhet werden.“ Gemäß diesem Zeugnisse also, mit welchem der Geist Jesu ihre Seelen gewiß gemacht hatte, schickten sie eiligst nach dem Kloster, holten Rabulas aus demselben, brachten ihn nach Antiochien und weihten ihn daselbst zum Bischof. Aber nicht ließen sie ihn, wie Viele thun, jene unaufrichtigen Bitten und Einwendungen vorbringen, er könne die Bürde des Amtes nicht tragen und aushalten. Auch er selbst warf sich nicht so weg, daß er zum Schein diese gewöhnlichen Redensarten gebraucht hätte, womit Andere, wenn sie gewählt werden, zu streiten und Vorwände zu machen pflegen, indem sie sagen: Wir nehmen es nicht an, weil wir nicht fähig und würdig sind. Denn er war geistlich gesinnt und eifrig besorgt, daß ihn sein Herz nicht über irgend Etwas tadeln möchte; und er beurtheilte Alles in seiner edlen Seele auf gerade und einfache Weise, damit ihm Niemand Etwas als ungöttlich vorwerfen könne. Er fürchtete sich nämlich zu widersprechen, damit er nicht etwa als gegen den Willen Gottes streitend erfunden würde. Denn er beurtheilte sich selbst und sprach: „In meiner Seele herrschte durchaus kein Verlangen nach dieser Würde, und die Begierde danach verwirrte mein Herz nicht. Deßhalb glaube ich, ohne zu zweifeln, daß diese Sache in Wahrheit ganz von Gott kommt, welcher will, daß ich trotz meiner Schwachheit das schwere Joch der Herrschaft und das ehrwürdige Geheimniß der Bischofswürde tragen soll. Sein Wille geschehe, und sein Wohlgefallen gehe in Erfüllung! Denn gleichwie ich einst, seinem Worte gehorchend, diese böse Welt verließ und ihm ganz nachfolgte, um seine Gebote zu halten, ebenso nehme ich auch jetzt sein Gebot im Glauben an und kehre in seiner Kraft wieder in die Welt zurück, auf daß ich nur seinen Willen vollbringe.“

Als nun die Edessener die Kunde vernahmen, daß Rabulas ihr Bischof und Hirte geworden sei, beeilten sie sich ihm freudig entgegenzuziehen, und nahmen ihn in Frieden auf. Nachdem er gekommen war, wurde er alsbald auf den bischöflichen Thron gesetzt, unter vielen lobpreisenden Acclamationen des gesammten edessenischen Volkes, welches ihn [178] mit seinen Stimmen feierte. Zuerst zeigte er seinen besonderen Eifer für die ehrwürdigen Ordines des kirchlichen Dienstes. Denn, sagte er, wenn die israelitischen Priester in der zeitweiligen Stiftshütte mit Furcht und Ehrerbietung dienen mußten, um wie viel mehr müssen wir in der Kirche Gottes, welche Er mit seinem Blute erworben hat, in Furcht und Liebe unser Priesteramt verwalten? Er übersetzte auch durch die in ihm weilende göttliche Weisheit das neue Testament genau so, wie es war, aus dem Griechischen in das Syrische, wegen der vorgefundenen Abweichungen vom Urtext. Viele silberne Gefäße, welche mit Sorgfalt zum Gebrauch an den zehn Tischen der Kleriker[4] angefertigt waren, befahl er alsbald zu verkaufen und verwandte den Erlös, wie es sich gebührte, zur Unterstützung der Dürftigen. Die Kleriker aber ermahnte er in liebreicher Weise, daß sie sich irdener Tischgeräthe bedienen möchten. Er beabsichtigte sogar die goldenen und silbernen Altargefäße aus den Kirchen verkaufen zu lassen und ihren Werth den Armen zu geben, indem er sagte: „Es ist offenbar für die Verständigen, daß kostbare Altargeräthe von Gold und Silber nichts Besonderes zur Verherrlichung Gottes beitragen, sondern daß der Geist Gottes an reinen Herzen Wohlgefallen hat und sein Wille durch Vernachlässigung dieser verachtet wird.“ Doch stand er auf Bitten Vieler von der Ausführung dieses Planes ab, weil die Gefäße Gaben von verstorbenen Vorfahren waren, welche dieselben zum Heile ihrer Seelen Gott dargebracht hatten. Seine Kleriker ermahnte er, wie ein Vater seine Söhne, und trieb sie an, wie das Haupt die Glieder, indem er folgende liebevolle Mahnung an sie richtete: „Ihr wisset, Brüder, daß das ganze uns untergebene Volk auf uns, die wir die hocherhabene, glorreiche Würde des Priesterthums inne haben, hinblickt und sich an unserem Wandel ein Beispiel nimmt. Werden wir also Niemandem ein Stein [179] des Anstoßes, und bereiten wir unserem Stande keine Schmach, damit nicht der Dienst unseres Herrn durch unsere Schuld gelästert werde! Lasset uns Nichts thun, weßwegen wir von unserem eigenen Herzen oder von Anderen getadelt werden müssen, vorzüglich aber hüten wir uns vor Allem, was irgendwie Gott mißfällig wäre! Zeigen wir uns vielmehr in Allem als Diener Gottes in jeglichem Gottes würdigen Werke, wie der Apostel sagt, und seien wir geschmückt mit jeder schönen Zierde der wahren Gerechtigkeit! Lasset uns in unserer eigenen Person durch Werke ein gutes Beispiel geben, welches denen, die uns sehen, bezeuge, daß unsere Ermahnungen aufrichtig sind. Deßbalb verlange ich von euch vor allen Dingen in der Milde und Sanftmuth Christi, daß ihr jeden Verkehr mit Frauen vermeidet und Niemand unter euch sich je einfallen lasse, mit seiner Bruderstochter oder Schwesterstochter zusammenzuwohnen. Ja, wenn es möglich ist und euch nicht zu beschwerlich fällt, möge nicht einmal die Mutter oder Schwester bei euch sein, wie es der Reinheit am angemessensten ist. Besonders aber erniedrigt euere Würde nicht dadurch, daß ihr Mägde oder weltliche Diener in eueren Dienst nehmet, sondern euere Würde werde geehrt von Brüdern, die unserem Bunde[5] angehören, wie es den Heiligen angemessen ist, oder bedienet euch einander gegenseitig, indem ihr zusammen wohnet, wie es sich für die christliche Liebe geziemt! Enthaltet euch gänzlich des Fleisches, des Geflügels und des Badens, ausgenommen wenn ihr durch Krankheit und Schmerzen dazu genöthigt seid! Hütet euch auch, eueren Leib selbst mit einfachen Speisen begierig und reichlich zu nähren, damit ihr nicht in Folge seines Behagens durch gefährliche Versuchungen zu leiden habet! Geldgier aber oder Habsucht, welche unserem Stande so unangemessen ist, möge unter euch nicht einmal genannt werden! Auch feine Kleider und schönes Hausgeräthe möge nicht die Würde euerer Heiligkeit verächtlich [180] machen! Harret vielmehr statt dessen aus in Fasten, Gebet und guten Werken! Keiner unter euch gebe sich her zu weltlichen Geschäften oder zu Rechtsangelegenheiten seiner Verwandten; sondern widmet euch der Lesung der heiligen Schriften! Liebet nicht müssigen Zeitvertreib und treibt euch nicht zwecklos auf den Straßen der Stadt herum, indem ihr euch gleich den Müssiggängern mit nichtigem, unnützem Gerede unterhaltet, sondern seid bei Tag und bei Nacht auf den Dienst der Kirche Gottes bedacht! Zu jeder Zeit und bei allen eueren Verrichtungen bewähret euch durch gute Werke, damit ein Jeder durch eueren Anblick überzeugt werde, daß sich die göttliche Verheissung und Mahnung an eueren eigenen Seelen als zuverlässig erweise!“ Und gleich dem Propheten bezeugte er ihnen in seiner Rede, sagend: „Wenn ihr mir folget und auf mich höret, so werdet ihr nicht nur das Mark der Erde essen, sondern auch die Güter des Himmels ererben. Wenn ihr aber nicht folget, sondern widerspenstig seid, so werdet ihr hier vor Aller Augen von uns verachtet und im Gericht vor den Engeln und vor aller Welt zur Hölle verdammt werden.“ Denn Diejenigen, welche nicht seine Liebe in Güte überredete, unterwarf die Furcht vor ihm mit Gewalt. Die Hochmüthigen unter dem Klerus züchtigte er durch gerechte Strafen, damit sie sich bekehren möchten; die Demüthigen aber ehrte er verständiger Weise, damit sie aufgemuntert würden. Diejenigen, welche sorglos wandelten und sich wegen ihres Reichthums gegen ihre Mitbrüder überhoben, behandelte er höchst verächtlich und demüthigend, um sie zur Reue zu bewegen; Diejenigen dagegen, welche in freiwilliger oder unfreiwilliger Armuth Noth litten, aber, ohne darüber bekümmert zu sein, einen ganz heiligen Wandel führten, erhöhte, ehrte und liebte er und betraute sie mit kirchlichen Würden. Er achtete auch mit Sorgfalt darauf, daß Diejenigen, welche durch seine Hand zu den heiligen Weihen erwählt werden sollten, in diesen und vielen anderen Tugenden vollkommen wären. Er war während der Prüfung lange Zeit in seinem Geiste besorgt, eine zuverlässige Empfehlung von wahrheitsliebenden Männern [181] zu erhalten, ehe er Jemanden zu dem Dienste Christi zuließ. Denn es fiel der Festigkeit seines Geistes leichter, die Handauflegung ohne falsche Schonung muthig zu verweigern, als Einem, der sich keiner Bewährung seiner Standhaftigkeit unterzogen hatte, die Hand leichtfertig aufzulegen. Er führte nämlich das Wort des Apostels[6] in der That aus und ließ sich nie dazu bewegen, Jemandem alsbald die Hand aufzulegen, auf daß er sich nicht fremder Sünden theilhaftig machte, sondern nur Solche, welche von Versuchungen der Seele und des Leibes frei waren, durch seine Handauflegung zu dem heiligen Sakrament der Priesterweihe zuließe. Deßhalb verkündete er mit lauter Stimme vor der ganzen Kirche die Namen Aller, welche in den Klerus aufgenommen zu werden wünschten, indem er im Namen Gottes alle Zuhörer beschwor, ihm anzuzeigen, ob ihnen etwas Gottwidriges von Jenen bekannt wäre. Ausserdem erforschte er aber auch die Ordinanden im Geheimen durch allerlei Fragen, um auch aus ihren eigenen Aussagen über sich selbst Gewißheit zu erlangen, ob sie in irgend einer Hinsicht Tadel verdienten. Denn er bemühte sich in jeder Weise auf’s Sorgfältigste, daß durch seine Hand makellose Diener Gott dargebracht würden, gleich dem auserwählten und wohlgefälligen Opfer Abels, des ersten Priesters. Seine Anstrengungen waren darauf gerichtet, daß die Priester in ihrem Dienste den himmlischen Engeln so ähnlich sein möchten, als es die menschliche Natur gestattet.

Wer kann aber alle die Ermahnungen aufzählen, welche er stets an den keuschen Stand der Mönche richtete? Denn während der ganzen vierundzwanzigjährigen Dauer seines Episkopats hörte er nie auf, sie anzueifern, und wir vermögen nicht schriftlich wiederzugeben die große Sorgfalt seiner täglichen Mahnungen. Denn auch sie beschwor er unter Strafandrohungen, daß sie den Umgang mit Frauen gänzlich vermeiden sollten. Ferner schärfte er ihnen das [182] Verbot ein, in gesundem Zustand Fleisch zu essen oder sich zu baden. Er warnte sie eindringlich, sich nicht in weltliche Geschäfte einzulassen, und verbot ihnen, Geld auf Zinsen auszuleihen. Er ermahnte sie mit freundlichen Worten, einander zu lieben, und rieth ihnen, wo möglich zusammen zu wohnen. Er lehrte und bat sie, stets dem Fasten und dem Gebete obzuliegen, und schärfte ihnen ein, sich durch Worte und Werke in Allem als Jünger Christi zu erweisen. Auch traf er Anordnungen über Kleidung, Beschuhung und Tonsur des Haupthaares, damit ihre äussere Erscheinung angemessen sei.

Ferner schärfte er stets dem ganzen Stande der Nonnen ein, daß durchaus Niemand das Angesicht einer Braut Christi auf der Straße ohne einen verhüllenden Schleier sehen dürfe, daß sie durchaus keine Spur von freiem Benehmen auf irgend eine Weise zeigen und niemals allein, ohne Begleitung vieler Mitschwestern, zu einer kirchlichen Versammlung oder zu einem anderen pflichtmäßigen Ausgange sich begeben sollten. Er wollte auch, daß alle geistlichen Töchter einer jeden Diakonissin[7] bei ihr wohnen sollten in Enthaltsamkeit, Heiligkeit und Keuschheit, da die einträchtige Gemeinschaft Vieler leicht alle Einzelnen bewahren könne.

Es drängte ihn auf jede Weise, die Menschen der Sünde zu entreissen und der Gerechtigkeit zuzuführen. Gleich einem eifrigen Hirten, der seine Heerde mit Sorgfalt weidet, war auch er besorgt um geistliche Weide für die ihm von Gott anvertraute vernünftige Heerde. Er wagte nicht, sich auch nur kurze Zeit von der Arbeit für seine Heerde zu erholen, aus Furcht, daß unterdessen, während er nur für sich selbst besorgt wäre, eine Seele von seinem Volke sich verirren und verloren gehen könnte. Vielmehr wachte und betete er stets [183] mit großer Treue für seine Heerde und war in seinem Herzen bekümmert, daß in ihr irgend ein verborgener oder offenbarer Schaden sein könnte. Denn er hätte es in seiner Liebe auf sich genommen, nach seinem guten Willen für seine Heerde, selbst als ein Verworfener zu gelten, wenn es möglich gewesen wäre, dadurch seine Heerde zur Ausübung des Guten zu bewegen. Mit tiefem Schmerzgefühl wirkte er stets im Gebete zu Gott für ihr Heil, indem er sie auf den reichen Fluren der heiligen Schriften mit seinen geistlichen Aussprüchen weidete und sie sorgfältigst aus dem erquickenden Bache der göttlichen Lehre mit Worten des Lebens tränkte, indem er das Kräftige durch Warnungen bewahrte, das Kranke durch Tröstungen heilte und das Schwache durch Ermuthigungen stärkte, damit ja Nichts aus seiner Heerde durch Vernachlässigung von seiner Seite verloren gehe. Denn er glaubte an die gesegnete Hoffnung, die ihm als Lohn für seine Arbeit aufbewahrt war, nach dem Zeugnisse Gottes, welcher zu ihm in der Person jenes Knechtes mit den Talenten gesagt hat: „O du guter und getreuer Knecht, weil du über Weniges getreu gewesen bist, so will ich dich über Viel setzen; gehe ein in die Freude deines Herrn!“ Von seinen Verordnungen für die Seelsorgpriester, Mönche und Nonnen wäre noch Viel zu sagen; aber wir führen daraus nur, soviel es geht, das Eine oder das Andere an.

Seine Rede war stets durch die Gnade Gottes wie mit Salz gewürzt und vermochte denen, welche sie gläubig annahmen, Gnade zu verleihen. Denn sein Wort erschien den Hörern glaubwürdig durch das Beispiel seiner Werke. Seine Werke und Worte nützten Allen durch Gesicht und Gehör und wurden von Allen als wahrhafte Zeugen angenommen. Sein Wort war furchtbar in der Strafrede ernst in der Zurechtweisung, liebreich in der Ermahnung und für die Zuhörer praktisch nutzbringend. Denn seine Lippen redeten aus der Fülle seines Herzens heraus und trieben Jeden zur Nachahmung seiner herrlichen Tugenden an. Er war nämlich nicht darauf bedacht, in seinen Predigten kunstvolle Abschweifungen anzubringen, sondern nur darauf, wie [184] er die Menschen zu Gott bekehre, von ihren bösen Wegen zu den Werken der Gerechtigkeit. Nicht aus Mangel an Gelehrsamkeit entbehrte seine Rede solcher Ausschmückungen, sondern deßhalb, weil es ihm nur auf das Vorzüglichere und den Menschen Heilbringende ankam. Denn er ließ sich nie dazu verleiten, in seiner Predigt nach dem Schmucke zierlich gesetzter Worte zu haschen. Er predigte ja nicht in der Kirche, um die Größe seiner Weisheit zur Schau zu stellen und für sich selbst Lob einzuernten, wie Andere, die deßhalb auch von ihren Zuhörern verachtet werden, sondern er war besorgt, wie er die Herzen seiner Hörer mit seinem scharfen Worte beschnitte vom Bösen zum Guten, und darum war er bekümmert, daß Jene nicht Gott den ihm gebührenden Lobpreis vorenthielten. Und als ob er in seiner Predigt die gewaltige Stimme des Propheten Jeremias angenommen hätte, rief er gleich einer Posaune in die Ohren des Volkes, daß es ablassen solle von Unrecht und Sünde, welche geistliche Erstorbenheit bewirken. Er tadelte auch Diejenigen, welche begierig in das Theater und den Circus eilten, um daselbst die schändlichen, schamlosen Spiele anzusehen. Aber das scheußliche Schauspiel der wilden Thiere, welche in der Rennbahn Menschenblut vergoßen, schaffte er durch sein strenges Verbot gänzlich ab, indem er unter gerechten Strafandrohungen also sprach: „Ferne sei es von den christlichen Bewohnern dieser Stadt, welche gläubig den Leib Gottes essen und sein Blut trinken, daß sie zusehen sollten, wie das Fleisch ihrer Mitmenschen zur Unterhaltung gräulicher Weise von wilden Thieren gefressen wird!“ Dabei zeigte er ihnen in seiner Rede die Wunden der Sünde, welche sie, ohne es zu merken, unter dem Namen von Vergnügungen in ihren Seelen herrschen ließen, und als ob er selbst wegen seiner Liebe zu ihnen statt ihrer verletzt wäre, so trug er in Wahrheit Leid über Diejenigen, welche aus Ungehorsam zum Verluste ihres Seelenheiles Böses begingen. Wenn er das Volk voll Schmerz beschwor, sich von seinen bösen Werken zu bekehren, so that er Dieß nicht nur, um seine eigene Seele durch Warnung der Sünder zu retten, sondern damit an [185] ihm jene Verheissung Gottes durch den Mund des Propheten[8] in Erfüllung ginge: „Wenn du den Leichtfertigen in einen Ehrbaren umwandeln wirst, so wirst du wie mein Mund sein.“ Deßhalb arbeitete er also aus allen Kräften.

Was aber Diejenigen betrifft, welche, nachdem sie das Gelübde jungfräulicher Heiligkeit abgelegt hatten, durch die Wunden fleischlicher Sünden verletzt waren, so wäre er allein im Stande, uns mit seinen eigenen Worten die schmerzliche Trauer zu schildern, welche sein Herz ihretwegen durchbohrte. Wo hörte er je von einem, der bisher durch frommen Wandel gesund gewesen und dann an irgend einer Sünde erkrankt war, ohne daß er mit ihm und seinetwegen aus Kummer über seinen Fall selbst erkrankt wäre? Oder wo erfuhr er je, daß ein Jünger Christi seinem Gelübde untreu geworden sei oder im Glauben schwanke, ohne daß er für ihn und aus Schmerz über ihn wie im Feuer gebrannt hätte? Stets verstand er als ein kundiger Arzt, die für die verschiedenen Arten der Seelenkrankheiten passenden Heilmittel anzuwenden. Zuweilen schnitt er durch eine barmherzige, zur Züchtigung der Bosheit dienliche Strafe, wie mit einem scharfen Eisen, die eiternde Wunde aus, um durch Schmerz vom Tode zu erretten. Zuweilen heilte er durch drohende, zur Zurechtweisung der Thorheit genügende Worte wie durch kräftige Wurzeln ein schweres Leiden, um durch Buße zu helfen. Zuweilen auch heilte er das Leiden des Kranken durch friedliche Ermahnung mit sanften, zur Besserung des Verirrten nützlichen Worten, wie mit erquickenden Arzneien, um ihn zu befestigen und aufzurichten. Denn auf jegliche Weise war er nur darauf bedacht, die Sünder durch seine sorgfältige Belehrung zur Heilung in der Buße, welche zum Leben zurückführt, zu bringen. Auf solche und viele ähnliche Weisen bewies er fortwährend, wie eifrig er für seine Heerde sorgte. Denn er fürchtete sich in Wahrheit vor dem gerechten [186] Strafurtheil, welches Gott angedroht und festgesetzt hat für diejenigen Hirten, welche ihre Heerden vernachlässigen, um für sich selbst zu sorgen. Und da er fest an die unerbittliche Rechenschaft glaubte, welche beim Endgericht von den Hirten gefordert werden wird nach dem Worte unseres Herrn, der ihnen bezeugt: „Wem viel anvertraut ist, von dem wird auch viel gefordert werden,“ so bestrebte er sich von ganzem Herzen und aus allen Kräften. Alle durch Wort und That, zur Zeit und zur Unzeit, durch allerlei Anordnungen zu ermahnen, zu belehren und zurechtzuweisen. Obgleich seine natürliche Kraft der Bereitheit seines Willens nicht gleich kam, so erwies sich doch sein guter Wille stärker als die Kraft seiner Natur, wie ihm die Gewissen der Rechtschaffenen bezeugen können.

Die vorzüglichsten guten Werke aber, welche der heilige Bischof Rabulas während dieser ununterbrochenen Hirtenthätigkeit an seiner eigenen Person ausübte, sind die folgenden. Fortwährend übte er ein strenges, jedoch vernünftiges Fasten, obgleich sogar seine Mahlzeit als ein vollkommenes Fasten gelten konnte. Denn er gestattete sich nicht nur niemals, aus sinnlichem Behagen mancherlei ausgewählte Speisen zu genießen, sondern er erlaubte sich nicht einmal während der Mahlzeit so viel zu essen, als zur Stillung des Hungers nothwendig gewesen wäre. Denn nur mit drei Unzen Brod und einem armseligen Gemüsegericht schützte er seinen Magen vor dem Zusammenschrumpfen, indem er sich selbst des Öles und des Weines enthielt. Von dem Tage an, wo er sich nach Christi Namen nannte, hat er sich niemals verleiten lassen, sich satt zu essen. Denn er führte durch seine Enthaltsamkeit einen fortwährenden Krieg gegen alle Lüste und unterlag durchaus niemals der Versuchung, auch nur die geringste Speise aus sinnlicher Begierlichkeit zu kosten, sondern blieb stets als Sieger hoch erhaben über diese armseligen Leidenschaften, welche den Menschen unter die harte Sklaverei der verlangenden Bedürftigkeit erniedrigen. Durch sein Beispiel lehrte er Allen das abtödtende, jedoch von jedem Stolze freie Fasten und die Beschränkung [187] auf wenig Nahrung. Aber die kostspieligen Ehrengeschenke von verschiedenartigen Speisen, die ihm von Vielen dargebracht wurden in der Erwartung, daß er sie selbst verzehren würde, schickte er, wenn er sich bewegen ließ sie anzunehmen, an die Kranken und Leidenden in dem Hospital oder an die, welche verlassen und hilflos in ihrem eigenen Hause Noth litten. Das ganze armselige Geräthe auf seinem dürftigen Tische bestand nur aus einem gläsernen Teller, einer irdenen Schüssel und einem hölzernen Löffel. Dabei unterwies er auch nach Kräften seine Hausgenossen, und diese beeiferten sich freiwillig, das Bild seiner Vollkommenheit in sich selbst nachzubilden. Denn sie verbrachten mit ihm einen großen Theil der Nacht in ausdauerndem Wachen unter Psalmengesang und Gebet, während sie sich alle Tage mit der Pflege der Nothleidenden und der in seiner Gegenwart stattfindenden geistlichen Lesung beschäftigten. Auch fasteten sie täglich mit ihm, indem sie sich mit zwei Gerichten von eingemachtem oder frischem Gemüse begnügten. Es genügte aber schon der Anblick seiner bleichen Farbe und der Angesichter seiner Hausgenossen, welche ebenso gefärbt waren, um ihre strenge Lebensweise zu verrathen. Denn da sie alle von demselben ärmlichen Tische speisten, so waren auch ihre Angesichter von derselben blassen Färbung überzogen. Er bestrebte sich, die harten Abtödtungen seines Ordenslebens als Bischof noch zu verdoppeln, indem ihm die Gnadengabe des priesterlichen Geistes zur Vollbringung aller guten Werke helfend zur Seite stand.

Aber auch Dieses muß wie ein Wunder angesehen werden, daß Keiner von diesen Leuten, die doch vierundzwanzig Jahre lang in demselben Hause mit ihm wohnten, sich während dieses ganzen langen Zeitraumes jemals eine solche Freiheit gegen ihn herauszunehmen wagte, um etwa auf Grund des langjährigen vertraulichen Verkehres ungeniert bei ihm einzutreten oder allzu familiär mit ihm zu sprechen. Vielmehr nahm die Ehrfurcht, von welcher sie gegen ihn erfüllt waren, noch mit jedem Tage zu, und ihr Gewissen bebte aus Furcht vor ihm grade so, als ob sie eben zum [188] ersten Male vor ihm erschienen wären. Aber sie zitterten nicht etwa vor ihm als vor einem harten und Schrecken einflößenden Herrn, sondern sie scheuten seine sie durchschauende Weisheit und sein ehrwürdiges Wesen. Denn obgleich er, auch wenn Jene ihn nicht sahen, doch niemals seinem freien Willen gestattete, sich ungezwungen und sorglos gehen zu lassen, so war es doch noch ein besonderer Beweggrund für seinen Willen, daß Jene nie auch nur in Gedanken an ihm Anstoß nehmen könnten. Da er sogar in seinen verborgensten Innern keine tadelnswerthe Empfindung duldete, war er natürlich in Gegenwart Jener und überhaupt anderer Menschen um so mehr würdig und Ehrfurcht einflößend; deßhalb flößte er trotz seiner Milde Furcht ein. Aber jene seine Hausgenossen sammt dem ganzen Klerus verpflichtete er gemäß dem Worte Gottes stets dazu, daß sie durchaus niemals von irgend Jemandem weder Bestechungen noch Ehrengeschenke annähmen. Auch allen Priestern seiner Diöcese untersagte er unter Androhung der Suspension, daß sie je wagten, einem von seinen Hausgenossen oder irgend einem seiner Kleriker Geschenke zu bringen, indem er sagte: „Wenn sie die Bestechung unter dem Namen einer Segensgabe (Eulogie) bringen, so sollten wir als Inhaber einer höheren Würde eher dieselbe geben; wenn sie dieselbe höhnischer Weise eine Ehrengabe nennen, so geziemt es sich doch eher für uns, als Trägern der geistlichen Herrschergewalt, den Untergebenen Ehre zu verleihen; wenn sie aber ihre in Wirklichkeit ungern dargebrachte Gabe ein Geschenk nennen, nun so sollten wir bedenken, daß wir bemittelter als Jene sind. Unter was immer für einem Vorwande uns also eine Gabe gebracht wird, läge es uns eher ob, zu geben, aber nicht zu empfangen.“

Welcher Mönch wäre wohl dem hohen Grade seiner Selbstverleugnung gleichgekommen? Denn seine Gesinnung war ascetisch, und seine beständige Kleidung bestand nur aus einem härenen Untergewand und einem einfachen Obergewand. Zum Gebrauch während des Gottesdienstes besaß er ausserdem noch einen Burnus[BN 1] für den Winter und eine [189] Kasel für den Sommer.[9] Sein armseliges Lager bestand nur aus einer Decke, einem Bettgestell und einem kleinen mit Heu gestopften Kissen, welches gerade groß genug war, daß er sein Haupt darauf legen konnte.

Um die Pflicht des Gebetes zu Gott zu erfüllen, genügten ihm keineswegs die vorgeschriebenen Zeiten des Gottesdienstes; deßhalb behielt er sich von Zeit zu Zeit eine Woche zum anhaltenden, ununterbrochenen Gebete vor. Dann zog er sich von allem Verkehr mit den Menschen in die Abgeschlossenheit seiner Wohnung zurück, indem er es vermied, sogar seine Hausgenossen zu sehen, und auch das Vorlesen unterbrechen ließ, um seinen Geist durch Abziehung von jedem Laut menschlicher Stimme in der friedlichen Stille der Betrachtung vollkommen zu sammeln und durch das Andenken an seinen Herrn wach zu erhalten, damit sein Herz aufwalle in dem Geiste Gottes und sein einsames Gebet ihm den gewünschten Erfolg verschaffe, nämlich den, daß das wohlgefällige Opfer des reinen Gebetes seinen Herrn in dieser Abgeschiedenheit besänftige. Zu diesem Zwecke legte er das Gedächtniß der Sünden der Welt auf die Hände seiner Seele, um von der grenzenlosen Barmherzigkeit Gottes die Versöhnung für ihre Sünden zu erlangen. Wer kann aber wissen und erzählen, welche wunderbaren und mannigfaltigen Einwirkungen während der verborgenen Stille dieser im Gebet verbrachten Tage durch den Geist Gottes in seinem Herzen hervorgebracht wurden, ausser jenen Vollkommenen, welche gleich ihm in den verborgenen Geheimnissen des Gebetes erfahren sind? Diesen fiel es auch gewiß leicht, aus der Süßigkeit seiner Reden auf die geheimen Wunder zu schließen, welche die göttliche Gnade in seinem Herzen [190] gewirkt hatte. Und gleichwie Diejenigen, welche die göttliche Liebe wahrhaft essen, immer wieder nach ihr hungern, und Diejenigen, welche sie trinken, immer wieder nach ihr dürsten,[10] so wurde er von dem heiligen Verlangen nach der Liebe seines Herrn noch weiter gedrängt, in jedem Jahre auf vierzig Tage die Stadt trotz dringender Geschäfte zu verlassen, mit heisser Sehnsucht hinwegzueilen und in dem Kloster bei Kenneschrin zu wohnen, um sich daselbst im Gebete zu sammeln und mit Macht um Erhörung seiner Bitten zu Gott zu rufen. So oft er an der Spitze des Volkes vor Gott im Gebete begriffen war, hörten seine Augen nie eher auf, schmerzliche Thränen zu vergießen, als bis er sich vom Knieen erhoben hatte. Es genügte aber der Anblick seines reichlichen Thränenstromes, um auch die verstocktesten und hartherzigsten Sünder zu rühren, wenn sie sahen, wie in Folge des Überwallens des Geistes brennende Thränen aus seinen Augen auf die Brust herabfielen, während er bei dem heiligen Dienste auf dem Throne saß. Denn er versah einsichtsvoll das priesterliche Amt vor Gott, sowohl in ehrerbietiger Furcht, wie es die Pflicht unseres menschlichen Geschlechts erfordert, als auch in der Zuversicht wahrer Liebe, wie es der göttliche Wille verlangt.

Bei solchen himmlischen Tugenden also, welche man an diesem Engel im Fleische beobachtete, wurden den Kranken viele und mannigfaltige wunderbare Heilungen durch die Kraft seines Gebetes zu Theil. Nicht minder befreite sein Glaube die Menschen von schweren Plagen böser Geister. Sein Wort bewährte Allen, die ihn kannten, durch die That, daß Gott stets mit ihm war, mochte er nun gerechter Weise auf Jemanden zürnen oder einsichtig Jemandem vergeben. Aus Furcht hiervor genügte schon allein die Erwähnung seines Gebetes, um die Zwietracht zwischen Streitenden in Frieden aufzulösen. Wie oft suchte das Volk im Übermaße seines Vertrauens zu ihm seine Gewänder zu zerreissen und [191] wie Reliquien unter einander zu vertheilen, damit der von seinen Sachen ausströmende Segen auf Viele überginge! Auch gaben viele Bewohner der Stadt und der ganzen Diöcese aus gläubigem Vertrauen ihren Söhnen und sogar ihren Töchtern den ehrwürdigen Namen Rabulas. Denn unter den Schutz seines Namens und seiner Gebete flüchtete sich seine Heerde, um vor Unheil bewahrt zu bleiben, und betete um Erhaltung seiner Gesundheit und Verlängerung seines Lebens. War er ja doch gleich einer unüberwindlichen, ihr ganzes Gebiet mit mächtigem Schutze umringenden Mauer, welche auf keine Weise je durch die List des Feindes erobert wurde, und im Vertrauen auf welche die im Umkreise ihres Gebietes Wohnenden in friedlicher Ruhe ein geordnetes Leben führten. Beraubung oder ungerechte Bedrückung oder erbarmungslose Forderungen wehrte er kräftig von den Hilflosen ab. Denn wann hätte wohl jemals Jemand gewagt, einen Bedrängten zu berauben oder einen Armen zu vergewaltigen oder seinen Nächsten zu bedrücken, ohne daß die Gerechtigkeit Gottes durch den Eifer des Rabulas zu seiner Züchtigung über ihm offenbar geworden wäre? Die Reichen wurden schon dadurch, daß sie an ihn dachten, von ungerechtem Verfahren gegen die Armen abgeschreckt und zurückgehalten, und man schämte und scheute sich aus Furcht vor seinem Namen, einen Geringeren um das ihm Gebührende zu bringen. Ein Jeder brachte vielmehr schon von vornherein sein Geschäft mit seinem Nächsten in ehrlicher Weise zum Abschluß, damit er nicht nachher in der Gerichtsverhandlung vor Rabulas schmählich zu Schanden würde. Denn der gierige Rachen der Unterdrücker war durch den Maulkorb seiner Gerechtigkeit verschlossen, so daß sie den Frevel ihrer Ungerechtigkeit gegen die Hilflosen nicht offen zu zeigen wagten; und die räuberischen Hände der Plünderer waren gefesselt durch die Bande seiner Unparteilichkeit, so daß ihre Übermacht die Schwachen nicht beschädigen konnte. Denn wer von den Vornehmen seiner Stadt oder von denen, welche sich, um ungestraft Böses thun zu können, in die angesehenen Häuser der Gewalthaber bergen, [192] hätte wohl je sein Haupt erhoben und übermüthig gepfiffen, ohne sogleich durch die Ferse seiner Wahrheit zermalmt zu werden, so daß er seine Frechheit bereut hätte? Oder welcher von den Richtern, welche zu seiner Zeit fungirten, hätte wohl je versucht, seine Entscheidung umzustoßen, ohne daß ihn alsbald die göttliche Gerechtigkeit mit einer Strafe heimgesucht hätte, in Folge deren er sein Vergehen bedauerte? Oder wer unter allen Gewalthabern hätte sich gegen seine Demuth aufgelehnt, ohne daß ihn die Gerechtigkeit Gottes schleunigst gezüchtigt hätte, so daß er seine Sünde bereute? Die Wittwen und Waisen seiner Diöcese waren in ihrem Vertrauen auf ihn wie in einem sicheren Hafen beruhigt, in der Überzeugung, daß sie, indem sie ihre Zuflucht zu ihm genommen hatten, der Beschädigung durch die stürmischen Wogen der ruchlosen Plünderer nicht mehr ausgesetzt sein würden. Zu seiner Zeit enthielten sich die Soldaten, durch die Furcht vor ihm gezwungen, nicht nur der Beraubung des Handwerkers und der Belästigung des Landmannes, sondern wurden sogar durch die Ehrerbietung gegen ihn gleichsam wie mit Gewalt dazu gebracht, daß sie das Gewand Christi in jedem damit Bekleideten ehrten, wie geringfügig er auch dem Auge erscheinen mochte. So ließ Gott die Furcht vor ihm und die Liebe zu ihm einen Jeden in seiner Weise beeinflussen, wie denn auch Viele durch die Furcht und Scheu vor ihm von einer Menge Sünden zurückgehalten wurden. Denn es war schwer, in seiner Diöcese Weltleute zu finden, welche die Ehegesetze verachtet oder übertreten hätten. Da war nicht ein Einziger, der zwei Schwestern nach einander geheirathet hätte; denn er gestattete Dieses auch dann nicht, wenn der Witwer Kinder von seiner verstorbenen ersten Frau hatte.[11] Auch erlaubte er nie, daß Jemand die Tochter seines Bruders oder seiner Schwester [193] zum Weibe nähme. Noch weit weniger konnte es jemals in irgend einem Falle mit seinem Vorwissen möglich werden, daß sich ein Mann unter was immer für einem Vorwande von seiner Gattin scheiden ließ; denn er gestattete nie, etwas dem Willen Gottes Widerstreitendes zu begehen, wenn er davon benachrichtigt wurde.[12] Wie oft aber genügte schon die bloße schreckende Erinnerung an seinen göttlichen Eifer, um dem schändlichen Antrieb zur Begehung böser Handlungen zuvorzukommen und die Ausführung vieler Sünden zu verhindern! Welcher Elende hätte es wohl zu seiner Zeit gewagt, offen seinen schamlosen Blick zu erheben, um die Schönheit des Angesichtes eines sittsamen Frauenzimmers zu betrachten? Denn die bloße Erinnerung an die Heiligkeit dieses Ehrwürdigen hätte die Erde unter ihm und den Himmel über ihm empört und seine Sinnlichkeit, wie durch eine sanfte Abkühlung, zur Ruhe und zum Schweigen gebracht. Oder welcher von den Jüngern Christi hätte sich wohl mit feinen und eleganten Gewändern bekleidet, um dadurch geehrt sich auf den Straßen der Stadt prahlerisch zu zeigen, ohne sich vor sich selbst zu schämen und seine Neigung zum Stolz zu verachten, wenn er sah, in welch ärmlicher Kleidung jener Ehrwürdige an der Spitze des Volkes stand? Oder welcher Unmäßige, der argen Herrschaft der Eßgier Unterworfene wäre nicht des Tisches jenes Heiligen eingedenk gewesen, welcher nie auch nur seinen Hunger stillte, und wäre dann noch geneigt geblieben, gierig zu essen oder unmäßig zu trinken? Denn Manche besserte die Furcht vor ihm, Andere bewahrte der Wunsch, sein Wohlgefallen zu erwerben. Ferner wer von den Geldgierigen, die ihr Leben in der Sorge um Vermögenserwerb nutzlos vergeuden, konnte wohl aufmerksam jene göttlichen Zinsen [194] erwägen, durch welche es ihm die Gnade möglich machte, in einem einzigen Jahre siebentausend Dariken unter die Armen zu vertheilen, abgesehen von dem, was seine Diener und alle einregistrirten Stadtarme erhielten, ohne alsbald über seine Seele Gericht zu halten, sich selbst zu verurtheilen, seinen Fehler hassenswerth zu finden und sich zu beeilen, durch Almosengeben diesem der Barmherzigkeit Gottes in allem nacheifernden Gerechten ähnlich zu werden und mit ihm in Gemeinschaft zu treten?

Während seiner ganzen Lebenszeit ließ er sich nie bereden, einen irdischen Bau auszuführen, mit einziger Ausnahme der halben nördlichen Chormauer der städtischen Kirche, weil er hierzu durch die Dringlichkeit des daran entstandenen Schadens gezwungen war; aber er brachte diese Reparatur in wenigen Tagen zu Ende. Er pflegte zu sagen: „Nach der richtigen Entscheidung, die der Gerechtigkeit Gottes gemäß ist, leben wir Priester von dem Vermögen der Armen, nicht aber werden die Armen aus unserem Vermögen ernährt. Denn die Kirche besitzt alles Das, was sie von den Gläubigen erhalten hat, zum Besten der Witwen, Waisen und Bedürftigen. Wir, als die Verwalter, dürfen nur genau so viel für uns verwenden, als unser persönliches Bedürfniß fordert, ganz wie alle übrigen Armen auch, nach dem gerechten Urtheil, nicht aber so viel, als unser zum Schaden unseres Geistes gelüstender Leib wünscht.“

Über die Schärfe seines Verstandes und die Klarheit seiner Einsicht ließe sich Vieles sagen, wie er aus den Worten der Menschen auf ihre Werke zu schließen wußte, gemäß seinem Erfülltsein vom Geiste Gottes. Nicht vermochten ihn Lügenreden, welche den Schein der Wahrheit annahmen, irre zu führen; denn durch den Geist der göttlichen Weisheit, welcher ihm einwohnte, wurde die Überlegung der vor ihm Rechtenden ganz verwirrt, so daß sie, indem sich ihre Rede aus Furcht verwickelte, mit eigenem Munde gegen ihren Willen die Wahrheit aussagten und er nicht mehr nöthig hatte, Belastungszeugen gegen den Angeklagten zu verlangen. Er vermochte aber schon aus seiner eigenen Überzeugung [195] durch Erforschung der Parteien herauszubringen, wer Recht und wer Unrecht hatte, so daß das Urtheil von ihm nie verkehrt, sondern gerecht ausging. Denn gleich Einem, vor dessen Bewußtsein die Gedanken der Menschen offenkundig sind, stand er da, ihre Geheimnisse untersuchend, um die Wahrheit herauszufinden. Gott hatte ihm, wie dem Salomo, eine überaus große Weisheit, Einsicht und Geistesgröße verliehen. Das Maß seiner Gerechtigkeitsliebe kannte keine Grenzen, wenn sie sich mit so gewaltiger Wucht gegen jene Elenden erhob, welche sich in ihrem Übermuthe erfrechten, die Armen zu bedrängen. Ebenso unermeßlich war auch der Reichthum seiner Milde; wie überströmend ergoß sie sich nicht auf die leiblich und geistlich Armen, welche sich durch ihre Geduld in dem Schmelztiegel der Armuth bewährt hatten! In seiner Gerechtigkeit wie in seiner Barmherzigkeit verfuhr er stets ausschließlich nach dem Willen Gottes. Denn er war unter seinem Geschlecht und zu seiner Zeit ein anderer Moyses, dessen gerechter Eifer den Sündern verhaßt und zuwider war, und dessen einsichtsvolle Sanftmuth den Stolzen verächtlich und erniedrigend schien. Er glich aber dem Moyses nicht nur in dieser Beziehung, sondern ahmte ihm in Allem nach. In seinen schweren Kämpfen gegen viele Irrlehren glich er Josue, dem Sohne Nun’s, ganz besonders aber dem Eiferer Josias. Denn auch ihm war von seinem Herrn gesagt, wie einst dem Josue: „Sei muthig und stark und fürchte dich nicht; denn ich bin mit dir, um dir zu helfen.“ Gleichwie einst Josue, der Sohn Nun’s, und später Josias das Land Kanaan mit allerlei Dornengestrüppe des Heidenthumes bepflanzt fanden, so fand auch er das ganze edessenische Gebiet von allen Dornen der Sünde dicht überwuchert. Ganz besonders blühte in Edessa die gottlose Lehre des Bardesanes, bevor sie von ihm überwunden und unterdrückt wurde. Denn der verfluchte Bardesanes hatte einst durch seine List und die Süßigkeit seiner Lieder alle Vornehmen der Stadt an sich gezogen, um sich durch sie wie durch starke Mauern zu schützen. Dieser irrende und seine Anhänger irreführende Thor hatte nämlich [196] gehofft, er werde seine Irrlehre durch die vergängliche Macht hoher Gönner fest und dauerhaft begründen können. Aber jener weise Ackermann der Herzen befleissigte sich nicht nur, das hinderliche Unkraut aus seinem Lande auszureuten und den Weizen ungestört wachsen zu lassen, was das Leichteste gewesen wäre; sondern er bestrebte sich auch in seiner Weisheit, das Unkraut selbst in Weizen zu verwandeln, was das Allernothwendigste ist. Statt also, wie Josue und dessen Heer, den schrecklichen Klang der Posaunen ertönen zu lassen, durch welchen die Mauern Jericho’s fielen, statt die Menschen auszurotten und alle ihre Habe für den Herrn in den Bann zu thun, erreichte es dieser ruhmvolle Feldherr Jesu Christi durch seine friedliche und liebevolle Stimme in der Kraft seines Gottes, daß er die häretischen Versammlungshäuser ohne Widerspruch zu finden zerstörte und ihr ganzes Besitzthum seiner Kirche zubrachte, so daß er sogar ihre Bausteine zu deren Ausbesserung verwenden konnte. Auf die Menschen aber, welche diesen Sekten angehörten, verwendete er alle Sorgfalt. Er belehrte sie sanft, brachte sie durch Milde zur Unterwerfung und bekehrte sie zu der unerschütterlichen Wahrheit der apostolischen Kirche, indem sie ihren Irrthum verwarfen und anathematisirten. Dann taufte er sie in Christo und fügte sie Seinem Dienste hinzu. Auf diese Weise überwand er viele Sekten der Irrlehrer und unterwarf sie der Wahrheit, so daß er in der ganzen Zeit seines Episkopates Tausende von Juden und Myriaden von Häretikern in Christo taufte. Durch die Waffenrüstung des Geistes, womit er bekleidet war, vermochte er auch die Arianer der Wahrheit der erhabenen Dreifaltigkeit zu unterwerfen. Denn er zerstörte ihr Gebetshaus, brachte sie auf seine Seite und vereinigte ihre Anhänger mit seiner Heerde, indem sie gemeinschaftlich würdigen Lobpreis darbrachten der einen Natur in den drei Personen des Vaters, Sohnes und heiligen Geistes. Wie groß aber seine Bemühungen zum Heile der Marcioniten waren, könnte ich selbst mit vielen Worten nicht beschreiben. Dieses eiternde Krebsgeschwür der marcionitischen Ketzerei also heilte er mit der [197] Sorgfalt jenes großen, allerheiligsten Arztes unter dem Beistande seines Gottes, indem er sie mit Geduld und Langmuth behandelte; denn Gott sandte in ihre Herzen die Furcht vor dem heiligen Rabulas, und sie nahmen seine Wahrheit gläubig an, indem sie ihren Irrthum abschworen. Ebenso brachte er durch seine göttliche Weisheit auch die rasenden Manichäer zu ruhiger Überlegung und vernünftiger Einsicht, so daß sie ein Bekenntniß nach seinem Wunsche ablegten, der Wahrheit Glauben schenkten, sich auf Christum taufen und zu seinem Volke hinzufügen ließen. Die schändliche Ketzerei und schmutzige Überlieferung der Borborianer trieb er hinaus während seiner ganzen Lebenszeit aus wahrem Erbarmen; denn ihre Abscheulichkeit ist so groß und ihre Lehre so scheußlich, daß es reine Lippen und keusche Ohren verunreinigen würde, wenn man davon auch nur reden wollte. Deßhalb bestimmte er auch, daß sie sich nie in seiner Diöcese aufhalten dürften. Was aber die audianischen und sadducäischen Ketzer[13] betrifft, welche sich als von der Wahrheit Anathematisirte von der kirchlichen Gemeinschaft getrennt und sich selbst ein falsches Priesterthum statt des wahren zurecht gemacht haben, indem sie dem Geschwätz angeblicher Offenbarungen nachirren und gegen die Wahrheit sich verblenden, so richtete dieser wahre Hirte seine sorgfältigen Bemühungen auch auf solche verirrte Schafe. Er löste ihre Versammlung auf, nahm ihnen ihren prächtig ausgeschmückten [198] Tempel weg, vertrieb sie aus demselben und übergab ihn Ordensbrüdern von unserer Gemeinschaft. Diejenigen von ihnen, welche sich bekehrten, fügte er zu seiner Heerde hinzu. Auf gleiche Weise bezeigte er auch den messalianischen Häretikern seine Sorgfalt, indem er sie vor sich kommen ließ und sie in Christo ermahnte, was sie mit Freuden aufnahmen, ihren Irrthum ablegend. Dieser wahre Hirte bestrebte sich, gemäß seiner vollkommenen Liebe zu Gott, die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters nachzuahmen, und zeigte daher durch die That, daß er den Bösen gleiche Sorgfalt wie den Guten widme. Deßhalb vernachlässigte er auch das verstockte Volk der Israeliten nicht, sondern erwies ihnen stets eine ganz besondere werkthätige Theilnahme. Denn er versagte ihnen nicht nur nicht ihren Antheil an den Almosen, welche seine Mildthätigkeit spendete, sondern bewirkte auch durch seine steten Ermahnungen, daß sich in jedem Jahre Viele von ihnen freudig entschlossen, den Leben verleihenden Charakter der Taufe Christi zu empfangen.

Nachdem so der selige Rabulas alle Speere und Pfeile der Wahrheitsfeinde an dem Schilde seines Glaubens hatte zerbrechen lassen und durch seine göttliche Waffenrüstung den Widersacher der Rechtgläubigkeit besiegt, durch seine Glaubensfestigkeit alle Pflanzen des Irrthums zerstampft, mit der Arznei seiner Lehre die abscheulichen Wunden der Lästerungen der Apostaten geheilt und seine ganze Heerde zu einem einzigen wohlzusammengefügten Leibe des vollkommenen Menschen gemacht hatte; als er sich nun anschickte, ein wenig auszuruhen, um sich des Gewinnes zu erfreuen, den er in den Kämpfen mit den Irrlehren davongetragen hatte, und anfing, nur noch für seine eigene Seele und die der Glaubensgenossen, besonders der nach Vollkommenheit Strebenden, zu sorgen, indem er sie mahnte, antrieb und anfeuerte, sich in dieser Welt himmlischen Gewinn durch Werke der Gerechtigkeit zu erwerben, welche nothwendig sind, damit wir am seligen Ende den zuverlässigen Führer finden, durch den wir getrost in das Reich Gottes hinübergelangen; als er, wie gesagt, auf diese Weise ermahnte und belehrte [199] und sein Volk mit vielen derartigen Aufforderungen durch Worte und Werke zur Nacheiferung bewegte: da ließ der Geist der Lüge aus einer giftigen Wurzel, nämlich aus dem Theodorus (von welchem zuverlässige Männer, die ihn kannten, versichern, daß das Feuer der Wollust die Blüthe seiner Jugend verzehrt habe, bis daß sein verzärtelter Leib, im Greisenalter durch den Tod hinweggerafft, verfault und in der Erde zu Dünger geworden sei), einen verfluchten Sproß aufblühen, den Nestorius, den bösen Schüler jenes Theodorus, und legte in dessen Mund die Tod bringenden, verborgenes Gift enthaltenden Früchte. Dieser nun hatte zwar schon früh den verfluchten Samen durch den Unterricht des Theodorus und den Umgang mit ihm in sich aufgenommen, hielt ihn aber unterdrückt und verborgen in dem Acker seines Herzens, so lange er durch die Furcht vor den Menschen zurückgehalten wurde. Als er aber Gelegenheit fand, den erhabenen bischöflichen Thron der Hauptstadt und Residenz an sich zu reissen, da hoffte der durch seinen Hochmuth irregeführte Thor, er werde ohne Weiteres durch die schwerwiegende Macht seiner Autorität und mit dem Beistand der weltlichen Behörden Alle zu seiner Lästerung verführen können. Von dieser Zeit an wagte er Blasphemien gegen den Höchsten auszustoßen und Beleidigungen gegen die Mutter Gottes vorzubringen. Ich erzittere aber, die Lästerungen, welche er auszustoßen wagte, auch nur zu erwähnen, wie, daß die selige Maria nicht Gott, sondern nur einen Menschen geboren habe, und daß, wenn Maria die Mutter des Sohnes Gottes sei, auch Elisabeth die Mutter des heiligen Geistes sein müsse. So zitterte und scheute er sich in dem Übermuth seines Apostatenherzens nicht einmal vor dem Worte des Apostels:[14] „Gott hat seinen Sohn gesandt, geboren von einem Weibe und unter das Gesetz gethan.“ Vielmehr erfrechte er sich in seinem Hochmuthe zu [200] behaupten, der Sohn habe nur in Jesu gewohnt, ebenso wie der Geist in Johannes, ferner jener vom Weibe geborene Knecht habe seiner Natur gemäß die ihn treffenden Leiden erduldet, aber der in ihm wohnende Sohn habe nach seinem Wohlgefallen die Wunder gewirkt. Um aber nicht noch mehr über den Irrthum dieses Verfluchten zu berichten, möge Dieses genügen, um den Verständigen die Größe seines Frevels zu zeigen. Denn er verachtete so sehr seine eigene Seligkeit, daß er durch seine Worte zwei verschiedene Söhne zu unterscheiden und vorzuzeigen wagte, den einen von Natur, den anderen durch Gnade. Als nun die Lästerungen dieses Abtrünnigen unserem Heiligen zu Ohren kamen, wurde sein Herz von Furcht und Schrecken bewegt. Denn er begriff alsbald durch die in ihm wohnende göttliche Weisheit, ein wie entsetzlicher Schaden der Heerde Christi leicht durch diesen schändlichen Hirten entstehen könne. Deßhalb begann er gegen seine Irrlehre zu predigen, indem er die Wahrheit nach dem zuverlässigen Zeugniß der göttlichen Schriften darstellte, nämlich, daß die heilige Maria wahrhaft die Mutter Gottes sei. Denn also rufe der Prophet Isajas[15] aus: „Eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, dessen Namen man Emanuel nennen wird, welches bedeutet: Unser Gott mit uns.“ Auch Jeremias[16] vekünde: „Unser Gott ist auf Erden erschienen und hat mit den Menschen gewandelt.“ Ferner bestätige der Apostel Paulus die Worte der Propheten und lehre die Geburt seines Herrn im Fleische aus dem Samen Davids, wodurch offenbar wird, daß dieser selbe der Sohn Gottes ist. Auch Johannes sage in seinem Evangelium aus: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir [201] sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit wie die des eingeborenen Sohnes vom Vater.“ Auch sage derselbe: „Im Anfang war das Wort.“ Dieses Wort sei also Fleisch geworden, nicht indem seine Natur verwandelt wurde, das sei ferne! Sondern der Herr über Alles habe Knechtsgestalt angenommen, indem er ein vollkommener Mensch wurde, ohne sein göttliches Wesen zu verlieren. Die Besonderheit seiner Gottheit und seiner Menschheit bleibe bewahrt, aber es bestehe eine Natur[17] und Person des ewigen Sohnes, wie sie schon vor der Incarnation bestanden hat. Ebenso habe auch Derjenige, welcher in seiner Natur leidensunfähig war, nach seinem Wohlgefallen im Fleische gelitten. Er sei also dem Leibe nach gestorben und dem Geiste nach lebendig geblieben, um den in der Vorhölle eingeschlossenen Seelen die Erlösung zu verkündigen. Alsdann sei er auferstanden in der Herrlichkeit seines Vaters und zum Himmel aufgefahren, woselbst er von Ewigkeit her war und in Ewigkeit sein wird. Diese geistlichen Pfeile nun, welche unser seliger Vater von dem Bogen seines Glaubens mit der gespannten Sehne seiner wahrheitsliebenden Zunge abschoß, drangen zwar in die Ohren des Volkes nur zur Erbauung ein, ohne Schmerz zu verursachen, zielten aber auf das Herz des Gegners, um ihn zur Reue und Belehrung zu bewegen. Zu jener Zeit berief ihn eine günstige Veranlassung auch nach Konstantinopel, wo er öffentlich den alten Irrthum des neuen Juden widerlegte, während diese falsche Münze noch in dem Goldschimmer des Episkopats strahlte; und obgleich Jener noch, von Stolz und Hochmuth aufgeblasen, auf dem erhabenen Throne der Herrschaft saß, so verkündigte er doch ihm ins Angesicht hinein, vor den Augen der ganzen versammelten Gemeinde mit lauter Stimme furchtlos das rechte Wort der Wahrheit, indem er die verkehrte [202] Irrlehre Jenes durch das wahre Bekenntniß seines Glaubens berichtigte. Wir werden übrigens zur Zurechtweisung Vieler und zum Nutzen Aller nach unserer Lebensbeschreibung des seligen Rabulas auch diese Rede mittheilen, welche er vor dem Tyrannen in der großen Kirche von Konstantinopel gehalten hat, damit Jeder deutlich einsehe und sich davon überzeuge, welche große Zuversicht sein gewaltiges Wort durch das mächtige Zeugniß seines reinen Gewissens erhielt. Er trug auch kein Bedenken, den Irrthum des Nestorius vor den gläubigen, Christum liebenden Kaisern und vor allen Großen und Machthabern des Kaisers zu enthüllen, sowie die Wahrheit seines eigenen Glaubens ihnen darzulegen. Diese aber nahmen ihn auf in Ehrfurcht, Liebe und großer Verehrung, wie einen Engel Gottes oder wie den Letzten der Apostel. Aus überwallender Liebe zu ihm beeiferten sie sich, gläubig seine Hände zu küssen, um seines Segens und des daraus fließenden Heiles theilhaftig zu werden. Denn die erbauliche Kunde von seiner Vollkommenheit in Gott eiferte Jene selbst aus weiter Entfernung her zu guten Werken an, wie ihm denn auch sehr oft Jene und Solche, die noch weiter in dem erhabenen römischen Reich entfernt wohnten, viele Tausende von Goldstücken zur Unterstützung der Armen schickten. Um wie viel mehr mochte sie also der so heilsame nahe Verkehr mit ihm von Angesicht zu Angesicht und sein vertrauter Umgang mit ihnen durch seine Ermahnungen zu allem Guten antreiben! Während er aber das ihm aus der Ferne zugeschickte Geld mit Freuden annahm, so trug er Bedenken, wenn ihm jene Kaiser und Vornehme persönlich eine Menge Goldes nebst Ringen und Prachtgewändern darbrachten, ihn bittend, er möge es als Geschenk von ihnen annehmen, und pflegte dann zu sagen: „So offenkundig auch die geschäftlichen Angelegenheiten sind, welche mich gezwungen haben, hieher zukommen, so könnten die Geber doch leicht vermuthen, ich hätte mit nur einen Vorwand gesucht, um vor ihnen zu erscheinen und Geschenke von ihnen anzunehmen.“ Eben dadurch, daß er sich nie einem Vornehmen gegenüber irgendwie herabwürdigte [203] und seiner Freiheit durchaus nichts vergab, genoß er bei ihnen um so höheres Ansehen und Vertrauen.

Mit den vorher von uns mitgetheilten Reden widerlegte er also den Nestorius, stellte seine Irrlehre bloß, warnte das Volk vor ihm, zeigte seinen eigenen wahren Glauben, belehrte die Kaiser und erleuchtete sie über die Wahrheit, erbaute und befestigte die Vornehmen in seiner Lehre und schaffte durch Worte und Werke reichlichen Nutzen Allen, die ihn sahen, wie er die Gegenden hin und her durchzog, bis daß er liebevoll zu seiner Stadt zurückkehrte. Er verharrte aber so lange in dieser Thätigkeit (obgleich er auch nachher noch unausgesetzt die neue Gottlosigkeit bekämpfte), bis daß sich der gute Hirte, welcher für seine Heerde gelitten hat, gegen den Nestorius zum unerbittlichen Gerichte erhob durch die gläubigen und heiligen Bischöfe aus dem Süden und Westen, welche ihn unter der Leitung des heiligen Geistes excommunicierten und der bischöflichen Würde entkleideten, indem er für das gerechte Gericht Gottes aufbewahrt wurde, vor welchem er sich dereinst sammt seinen Anhängern wird verantworten müssen.

Weil ich aber hier den Kampf unseres Vaters gegen diese Häresie nicht in einer ausführlichen Erzählung schildern kann, andererseits aber auch die Vertheidigung des wahren Glaubens der Kirche durch den Seligen sich nicht in wenige Worte zusammenfassen läßt, so mögen hierfür seine sechs und vierzig Briefe an Bischöfe, Kaiser, Vornehme und Mönche genügen, mit deren Übersetzung aus dem Griechischen in das Syrische wir unter dem Beistand der göttlichen Gnade beschäftigt sind, damit sie dem Leser zeigen sollen, wie brennend und flammend sein göttlicher Eifer war. Denn er war im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe dem hl. Paulus ähnlich. Wenn er auch nicht gleich dem Apostel darum betete, daß er für seine Brüder und Verwandte nach dem Fleische zum Anathema würde von Christo hinweg,[18] [204] so drängte es ihn doch unzähligemale um Jesu willen für seine Brüder und Verwandten nach dem Geiste wo möglich hingeopfert zu werden. Und welche Zeit gab ihm nicht Gelegenheit, dieses Verlangen zur Ausführung zu bringen? Denn in willig erduldetem Leiden und frei erwählten Drangsalen, die er an sich selbst erfuhr, brachte er unter stetem Kreuze alle Tage seines Lebens in dieser Welt zu. Er glich aber dem hl. Paulus nicht nur in dieser Beziehung, sondern auch in der großen Aufgabe, welche Diesem von den Aposteln zugewiesen und übertragen war, nämlich in der Sorge für die Armen. Denn er bestrebte sich, derselben obzuliegen, und übte sie so eifrig aus, als ob auch er, wie Paulus, von den Aposteln diese Anweisung, für die Armen zu sorgen, erhalten hätte. Denn wer könnte seinen großen Eifer für die Armenpflege beschreiben, insbesondere aber seine ausserordentliche Liebe für die gottgeweihten Armen? In jedem der einsamen Klostergebäude, in welchen heilige Männer in strenger Abgeschlossenheit von der Welt lebten, deren Gebeine oft nach ihrem Tode ein süßer Wohlgeruch in Christo werden, wurde auf seinen Wunsch und Befehl eine besondere Zelle für ihn reservirt, damit er, so oft er zum Besuch der Mönche dahin käme, um durch die bereits im Frieden Entschlafenen vertrauensvoll Hilf zu erlangen,[19] und noch mehr um selbst durch seine Ermahnungen ihren geistlichen Söhnen zu nützen, in der ruhigen Einsamkeit dieser Zelle wohnen und daselbst im Gott wohlgefälligen und heilbringenden Gebete ausharren könnte. Während er nun stets für Alle zahlreiche und reichliche Almosen vertheilte, verlangte er auch in übernatürlicher Weisheit danach, seine [205] eigene Person Christo als ein Opfer für Alle darzubringen. Gemäß dem Verlangen seines guten Willens gegen Gott und alle Menschen ernährte er, so lange er in dieser Welt lebte, seine armen Mitbrüder um Gottes willen von dem, was ihm sein Herr gab. Aber auch nach seinem Verscheiden hinterließ er ihnen das kostbare Erbtheil seines Gebetes und vertraute sie der göttlichen Gnade an, dieser Mutter Aller, auf daß sie ihnen den täglichen Lebensunterhalt auch fernerhin nach Bedarf reiche. Denn weil das Feuer der Liebe zu ihm in den Herzen der Gläubigen lebendig blieb und selbst das theuere Andenken an seinen geliebten Namen Rabulas dieses Feuer in ihren Herzen nährte und anfachte, so erhandelten sich alle Nothleidenden mit diesem edlen Namen, wie mit einer kostbaren Tauschwaare, den ihnen nothwendigen Unterhalt. Denn sobald seine Verehrer den theueren Namen Rabulas hörten, entzündete sich die Liebe zu ihm in ihren Herzen, so daß sie in überströmender Barmherzigkeit Almosen gaben. Dann freute sich der Empfänger, der Geber hatte Verdienst davon, und Gott wurde dadurch verherrlicht. Aber auch unserem Vater Rabulas blieb Antheil und Lohn auch für dieses gute Werk bei seinem Herrn aufbewahrt, nach dem unter den Gläubigen üblichen Spruch: „Heil dem Knechte, durch welchen der Name seines Herren gepriesen wird!“

Die in seiner Seele brennende Liebe zu den Armen zeigte er ganz besonders an dem Hospital der Stadt, welches früher nur dem Namen nach, aber nicht in Wirklichkeit als ein Hospital gelten konnte, indem es nicht wahrhaft zur Ehre Gottes diente und keinen gebührenden Nutzen zu seiner Verherrlichung brachte. Er nun sonderte bestimmte Grundstücke von den Kirchengütern aus, damit von ihren Einkünften die nothwendigen Ausgaben bestritten würden; Dieß wurde die Veranlassung, daß dann Viele ihre Güter und Besitzungen dem Hospitale vermachten, so daß die festen Einkünfte desselben jährlich auf tausend Denare stiegen, mit welchen die von ihm geleitete Verwaltung den Kranken Pflege und den Gesunden Unterstützung zu Theil werden [206] ließ. Auch der Verwöhnteste würde sich nicht geekelt haben,[20] die verschiedenen Speisen zu essen, welche den Kranken durch seine fürsorgenden Befehle zubereitet wurden. Man konnte unmöglich an der Vernachlässigung erkennen, daß hier Kranke und Verwundete lagen, da zufolge seiner Anordnungen die größte Sorgfalt und Reinlichkeit herrschte. Die Betten boten durch die feinen, darüber ausgebreiteten Decken einen freundlichen Anblick dar, und man konnte weder inwendig noch auswendig schmutziges oder abgenutztes Bettzeug sehen. Zu Vorgesetzten ernannte er gläubige und für solche Zwecke wahrhaft eifrige Diakonen mit der Beihilfe frommer und liebevoller Ordensbrüder, damit nur das Wohl der Leidenden ohne Nebenabsichten befördert werde. Ähnliche Einrichtungen traf er auch in dem Hospitale für Frauen, welches vor seiner Zeit noch gar nicht bestand, sondern erst zufolge seiner Anordnung alsbald mit den Steinen von vier auf seinen Befehl in Edessa zerstörten Götzentempeln erbaut wurde. Er setzte also in gleicher einsichtiger Weise auch dieser Anstalt eine bewährte Diakonissin vor, unterstützt von Nonnen, welche fromm und erfolgreich den Pflegedienst versahen. Ferner bewies er in Folge der göttlichen Liebe zu seinen Mitbrüdern, welche ihn voll Barmherzigkeit wie mit Feuer durchglühte und entzündete, eine besonders große Theilnahme den armen Aussätzigen, welche ausserhalb der Stadt wie Feinde und Verstoßene einsam wohnen mußten. Denn er beauftragte einen zuverlässigen Diakon, bei ihnen zu wohnen, mit eifrigen Ordensbrüdern, welche sich ihrem Dienste widmeten. Ihr ganzer Lebensunterhalt wurde ihnen regelmäßig auf Kosten der Kirche aus der Stadt herausgebracht. Aber auch persönlich tröstete Rabulas stets ihre Seelen durch That und Wort: durch die That, indem er mit seinen Gaben den Schmerz über ihr Elend milderte; durch das Wort, indem [207] er ihre Seelen durch das Wort Gottes ermuthigte, daß sie nicht in Traurigkeit untergingen. Wie oft gab er, um ihre Seelen zu trösten, den Gruß des heiligen Kusses den eiternden Lippen verfaulter Leiber! Auch sprach er ihnen Muth ein, damit sie nicht in der von Gott über sie verhängten Züchtigung verzweifelten, und schärfte ihnen ein, gerade wegen ihrer Leiden unserem Herrn um so dankbarer zu sein, indem er sprach: „Gedenket, meine Brüder, an das, was geschrieben steht, daß Lazarus, weil er Böses erlitten hatte, gewürdigt ward, im Himmelreich in Abrahams Schoß zu ruhen!“

Nachdem also das wahre Priesterthum dieses ruhmvollen Heiligen durch alle diese guten Werke, sowie durch die vielen vorher erwähnten und durch unzählige andere, die wir nicht einzeln beschreiben können, verherrlicht worden war; nachdem die frechen Gottlosen von seiner Gerechtigkeit geschreckt und die armen Schwachen von seinen Almosen unterstützt waren; nachdem er den Unterdrückten freundlich hilfreiches Gehör geschenkt und seinen Eifer als Rächer der Unrecht Leidenden gezeigt hatte; nachdem er die Guten durch Wort und Beispiel zur Vervollkommnung angeeifert und den Gefallenen stets die Hand zur Wiederaufrichtung geboten hatte; nachdem er die Werke des Gesetzes in seiner Person gleichsam verkörpert und das Gebot seines Herren als ein lebendiges Muster der Beobachtung um seine Seele gehüllt hatte; als sich der Charakter eines Freundes Gottes an ihm zeigte und sein Ruhm das ganze Gebiet seiner Diöcese erfüllte; als sich alle Edessener seiner rühmten und auf ihn stolz waren, während er selbst sich seines Herren rühmte und durch ihn gestärkt wurde, indem er deutlich Gott als den Erlöser erkannte und durchaus nicht auf seine eigene Gerechtigkeit vertraute: nach Diesem allem also erkrankte er wieder einmal, wie Dieß häufig vorkam, zur Zeit des Neumonds im Juni, nach einem Episkopat von vierundzwanzig Jahren und drei Monaten. Aber auch hierin läßt sich deutlich ein an ihm gewirktes Wunderzeichen erkennen, daß dieser Mann, welcher doch täglich von verschiedenartigen [208] Krankheiten heimgesucht war, an dem Tage, an welchem ihn diese letzte Krankheit betraf, alsbald mit Bestimmtheit wie aus göttlicher Offenbarung zu seiner Umgebung sagte: „Die Zeit meines Abscheidens ist gekommen.“ Er zeigte aber auch durch Thaten, wie seinem Geiste in Wahrheit eingesprochen war, daß das Ende seines Lebens bevorstehe. Denn das Almosen, welches er sonst jährlich im Dezember zu vertheilen pflegte, beeilte er sich dießmal im Juni vorauszuzahlen. Er schickte alsbald die gewohnten Geschenke durch seine Diakonen nach Norden und Osten; andere sandte er ab, um seine Gaben den Klöstern im Westen und Süden zu bringen, welche nur im Vertrauen auf die göttliche Güte fortbestehen, ja sogar bis zu den armen Heiligen, welche in der Wüste bei Jerusalem wohnen, wie ja auch vom seligen Paulus geschrieben steht, daß er für diese Almosen gesammelt habe. Andere gingen aus in alle Bezirke seiner Diöcese, spendeten den unter seiner Jurisdiktion stehenden Priestern, den Klerikern und gottgeweihten Jungfrauen, sowie den Asceten und Mönchen in seinem Gebiete und theilten aus unter die Armen in der ganzen edessenischen Landschaft, während wieder Andere in der Stadt Edessa selbst allen Dürftigen, Mönchen und Gottgeweihten beiderlei Geschlechts Almosen vertheilten. Auch machte er sich die Freude, den Wittwen und den Aussätzigen Unterstützungen zukommen zu lassen. Ferner schrieb er an Viele, denen er Geld geliehen hatte, daß er ihnen alle seine Schuldforderungen erlassen wolle, und zerriß die Schuldscheine über große Summen, welche er Handwerkern vorgestreckt hatte. Allen Klerikern gab er gleichmäßig aus seiner Hand Ehrengeschenke. Nachdem er so all sein Verlangen Gutes zu thun befriedigt und seinem edlen Drange Genüge geleistet hatte und nun sah, daß er dieser verkehrten Welt entrinnen werde, da erhob er, voll Verachtung gegen den Bösen und seine Schmeicheleien, wie gegen das Fleisch und seine Reizungen, seine Stimme zuversichtlich ob des guten Zeugnisses seiner vollkommenen Werke, indem er sich in dem Herrn rühmte, wie der ruhmvolle Paulus sagt: „Ich habe einen guten Kampf [209] gekämpft, meinen Lauf vollendet, den Glauben bewahrt; von nun an ist mir aufbewahrt die Krone der Gerechtigkeit, welche mir an jenem Tage mein Herr, der gerechte Richter, verleihen wird.[21] In seine Hand lege ich meinen Geist.“ So betete er voll Zerknirschung in der Stunde seines Todes, bezeichnete sein Angesicht mit dem Kreuzeszeichen, segnete liebevoll die vor ihm Stehenden und übergab seine Seele freudig seinem Herrn.

Als nun am siebenten Tage des Monats August[22] die Nachricht von seinem Tode sich plötzlich in der Stadt verbreitete, da wurden fast die Mauern und Häuser erschüttert durch das Klagegeschrei der Einwohner. Denn die Stimmen Aller vereinigten sich in schmerzlichem Weherufen und dauerten ohne Unterbrechung fort. Die ganze Stadt war eine Stätte des Klagens, welches sich vertheilte auf die achtzehn Versammlungen der Diakonissinen in den Vorhöfen der Kirchen; auch die Juden klagten ausserhalb. Es beweinte ihn die ganze Stadt auf den Straßen, auf den Höfen und in der Kirche mit schmerzlichem Wehklagen, welches bitteres Stöhnen und leidvolle Thränen hervorbrachte. Die Priester und alle Ordensleute, die Laien und selbst die Juden riefen Wehe über sich, also sagend: „Wir alle sind jetzt ganz in’s Unglück gestürzt! Denn was für ein Freund Gottes und der Menschen ist uns hinweggenommen! Was für ein wahrer Hirte und gerechter Vorsteher hat uns als Waisen zurückgelassen! Was für ein gütiger Wohlthäter und trefflicher Fürsorger ist uns entrissen! Welch einen Lehrer der rechtgläubigen Wahrheit haben wir verloren! Und welches heilsamen Rathgebers und Antreibers zur Vollkommenheit [210] sind wir beraubt! Wer wird uns (so riefen sie) jenen barmherzigen Arzt und seine Pflege wieder zurückbringen, welcher über die Leiden seiner Mitmenschen in seinem Herzen seufzte! Denn er war der Vater der Waisen durch seine Liebe zu ihnen, der Bruder der Armen durch seine Sorge für sie, der Gefährte der Asceten durch seinen abgetödteten Wandel, der Freund der Heiligen durch seine erhabene Weisheit, und ein aufopferungsvoller Arbeiter für das Heil Aller durch seine Wahrheit.“ So sprachen sie weinend und fügten noch vieles Ähnliche unter Wehklagen hinzu.

Am folgenden Tage aber beeilte man sich, seinen ehrwürdigen Leib innerhalb seiner Wohnung in einen hölzernen Sarg einzuschließen, damit nicht dieser heilige Leib von den Händen des ganzen Volkes herumgezerrt werde, welches sich aus Liebe zu ihm gläubig herzudrängte, um von ihm heilbringende Reliquien zu erlangen. Alsdann geleitete man ihn unter Psalmen- und Hymnengesang und trug ihn ehrerbietig bis zu dem Hafen des Grabes auf dem Kirchhof, in welches hinabgesenkt wurde das durch Arbeit aufgeriebene Schiff seines gesegneten Greisenalters, eine reiche Fracht der Gerechtigkeit in sich bergend, von welcher er denen hilfreich mittheilen wird, die seinen Herrn in seinem Namen gläubig bitten, daß er ihnen durch die Hand seines getreuen Schatzverwalters die Gabe des Erbarmens aus dem Schatzhause seiner Gnade verleihen wolle. Denn sehet, dort werden Kranke geheilt, Gesunde geistlich gefördert, Teufel ausgetrieben, Bedrängte getröstet, Arme unterstützt und Reiche mit besseren Gütern gesegnet. Sogar sein erkalteter Leib ist durch die Gluth des Geistes, der in ihm geweilt hat, eine Quelle des Heils und verfügt durch die ihm von seinem Herrn übertragene Vollmacht über eine Fülle von Gütern, mit welchen er leicht alle Bedürftigen, die sich an ihn wenden, bereichern kann, während zugleich auch bei ihm selbst die Fülle seines Reichthums gesammelt bleibt und der ganze Erwerb seines Tugendlaufes vollständig für ihn aufbewahrt wird, bis daß einst auch sein Leib auferweckt und erneuert, mit der Seele vereint und verherrlicht wird, damit er aus [211] beiden vollendet in der Glorie strahle am Tage der herrlichen Offenbarung des allerlösenden Gottessohnes, welcher uns Alle durch die Gabe seiner Barmherzigkeit in seiner Gnade würdigen möge, daß wir unter dem friedenverleihenden Schutz unseres heiligen Vaters Rabulas zu seiner Rechten stehen mögen! Dann möge er sich unser nicht schämen, sondern mit Zuversicht zu seinem Herrn für uns sprechen: „Siehe, Herr, mich und die Kinder, die du mir gegeben hast![23] Wir beten dich an, und wir preisen deinen Vater, und wir verherrlichen deinen heiligen Geist, jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.“


  1. D. h. durch welchen Julian den Götzen Opfer bringen ließ, die sein eigenes zeitliches und ewiges Verderben bewirkten.
  2. Wenn also der Krug, in welchem er das spärliche Wasser gesammelt hatte, umgestürzt war, so konnte Rabulas seinen Durst nicht mehr stillen.
  3. Vgl. Ps. 88, 21–25.
  4. An welchen die ein gemeinschaftliches Leben führenden Kleriker speisten.
  5. Dem Ordensstande.
  6. Vgl. I. Tim. 5, 22.
  7. Da die Vorsteherinen der gottgeweihten Jungfrauen oft Diakonissen waren, so wird dieser Name, welcher eigentlich ein kirchliches Gemeindeamt bezeichnet, zuweilen statt „Äbtissin“ gebraucht; vgl. Bibl. Orient. III, II, S. 882-884.
  8. Scheint auf Ezech. 33, 7. 14-16 anzuspielen.
  9. Das Wort „Burnus“ haben wir nur deßhalb beibehalten, weil eben dieses Wort (Biruna) im Original steht; es ist darunter ein schwereres Meßgewand mit Kapuze zu verstehen. Die Kasel heißt im Syrischen Paina, was dem griechischen Phelonion entspricht, und ist natürlich in gothischer Form zu denken.
  10. Vgl. Jesus Sirach 24, 29
  11. Da dieser Satz in der Handschrift unvollständig erhalten ist, so mußten einige Worte durch Conjectur ergänzt werden.
  12. Diese Stelle liefert einen neuen, wichtigen Beweis dafür, daß nach Lehre der alten Kirche das Band der Ehe in keinem Falle getrennt werden durfte, und daß die laxe Praxis des gegenwärtigen Orients erst in Folge des Schismas aufgekommen ist.
  13. Die Audianer wurden im vierten Jahrhundert von Audius, einem Syrer, gestiftet. Sie lehrten die Körperlichkeit Gottes, hatten viele apokryphische Bücher und eine eigene schismatische Hierarchie mit Bischöfen und Priestern, wodurch sie sich von den meisten vorher genannten Sekten unterschieden. Der Beiname „Sadducäer“, der ihnen hier gegeben wird, enthält wohl einen ironischen Doppelsinn und soll auf ihre Declamationen gegen die Verderbniß der Kirche und ihren Anspruch, die allein Heiligen und Gerechten zu sein, anspielen, da „Sadducäer“ etymologisch einen Gerechten bedeutet.
  14. Galat. 4, 4.
  15. Is. 7, 14.
  16. Eigentlich Baruch 3, 38, welcher bekanntlich von den Kirchenvätern oft unter dem Namen des Jeremias citirt, auch in den Verzeichnissen der kanonischen Bücher mit Letzterem zusammengefaßt wird.
  17. Über diese Stelle vergleiche man das auf Seite 156 Bemerkte.
  18. Vgl. Röm. 9, 3.
  19. Rabulas besuchte also die Klöster, um die Fürbitte der daselbst verstorbenen und beigesetzten heiligen Mönche anzurufen und durch deren Vermittlung Gnaden von Gott zu erlangen. Wir haben also hier, wie auch am Schlusse dieses Panegyrikus, ein wichtiges Zeugniß für die Heiligenverehrung.
  20. Vielleicht ist zu übersetzen: „Auch die noch so sehr an Appetitlosigkeit Leidenden verlangten gern“ u. s. w.
  21. II. Tim. 4, 7-8.
  22. Den siebenten August gibt auch der Anhang zu dem syrischen Auszug aus Eusebs Chronik (Land, Anecdota syriaca I, S.114) als Todestag unseres Bischofs an; die edessenische Chronik nennt den achten August, wohl nur in Folge einer Verwechslung mit dem Begräbnißtage.
  23. Vgl. Is. 8, 18.

Berichtigungen und Nachträge

  1. S. 188, Z. 1 v. u. lies: Mantel statt Burnus. Auch ist der erste Satz der Anmerkung zu streichen. Das syrische Wort Biruna bezeichnet zwar bei den jetzigen Nestorianern eine Kopfbedeckung der Bischöfe, hatte aber ursprünglich jedenfalls die Bedeutung „Mantel“, da es die syrische Deminutivform des lateinischen Wortes birrus oder birrum ist. Berichtigungen und Nachträge, S. 409