Pariser Bilder und Geschichten/Eine Künstlercarriere

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Textdaten
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Autor: Sigmund Kolisch
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Titel: Eine Künstlercarriere
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 633-635
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Pariser Bilder und Geschichten.

Von Sigmund Kolisch.
Eine Künstlercarriere.

Auf den öffentlichen Plätzen, in Straßen und Höfen von Paris Musik machen zu dürfen, ist eine Begünstigung, die von der Polizei den Armen, den Hilfsbedürftigen gewährt wird, die recht einträglich für die von Haus zu Haus wandernden Virtuosen, eine wahre Plage aber für die Bewohner der lärmenden Stadt ist. Denn diese sind verurtheilt, all das Leiern, Schaben und Zupfen auf den abenteuerlichsten Instrumenten, das Brummen, Krächzen, Quieken und Brüllen verzweifelter Kehlen anzuhören.

Der Franzose ist aber viel zu heiterer Laune, um sich durch die falschen, grimmigen Töne verstimmen zu lassen, und beschenkt reichlich das Elend, welches sich in so zudringlich widerwärtiger Weise an seine Großmuth wendet. Und so ein Straßenkünstler, der es gut anzustellen weiß, um Mitleid zu erregen, den das Schicksal mit einer tüchtigen Gebrechlichkeit bedacht hat, oder der sich durch Jugend, durch Aeußerlichkeit oder ein bischen Fähigkeit empfiehlt, der seine Beine nicht schont, oder dem eine „gute Stelle“ auf einer Brücke, oder an einer Straßenecke zugewiesen wird, kann ein gar hübsches Einkommen, man sagt, zwischen 5 und 25 Franken pro Tag, erzielen. Es giebt in Paris Straßenspielleute, die sich mit dem Ertrage der Mildthätigkeit ein beträchtliches Vermögen gemacht haben und sich im Besitz von Häusern oder Renten befinden, was sie jedoch nicht hindert, ihre ohrenbetäubende Kunst, sei es aus Gewohnheit, sei es aus Gewinnsucht, fort zu treiben.

Diese ehrwürdigen Tonmeister erinnern an Herrn Dupin den Aeltern, den bekannten Orleanisten, welcher, von einem seiner Freunde darüber zu Rede gestellt, daß er die Stelle eines Procurators am Cassationshofe wieder gesucht habe, nachdem er so würdig seine Entlastung gegeben und sich vom Kaiserreiche zurückgezogen hatte, zur Antwort gab: „Was wollen Sie? ich war nahe daran die Zinsen meines Capitals anzugreifen.“

Viele habsüchtige Eltern zwingen ihre Kinder, Knaben und Mädchen, nachdem sie ihnen die Erlaubniß ausgewirkt und irgend ein Liedchen beigebracht, an öffentlichen Orten zu singen, und bringen zu ihrem eigenen Gewinn die armen Kinder um Gegenwart und Zukunft. Herr Felix und Fräulein Rachel haben Glück gehabt. Anders als die Schauspielerin enden sonst die Mädchen, welche in den Straßen mit Guitarren umherlaufen, um den Leuten heisern Gesang und welke Blumen feil zu bieten.

Hier und da, wenn es dunkel wird, sieht man einen schlank gewachsenen blassen Mann von ungefähr 30 Jahren, mit einem dichten schwarzen Bart und langen Haaren, in einem Anzuge zwischen gut und schlecht, den Rock bis zum Kinn empor zugeknöpft, einen Violinkasten in der Hand, auf den Boulevards des Capucines oder der Place Vendome oder sonst an einem belebten Punkte der Stadt plötzlich erscheinen. Während er das Instrument aus dem Kasten nimmt und den Hut vor sich hinstellt, blickt er scheu umher, wie Jemand, der sich vor etwas fürchtet, oder der etwas thun will, dessen er sich zu schämen hat. Nun fängt er an zu spielen, die Elegie von Heinrich Ernst etwa oder ein Adagio von Beriot, kurz ein rührendes Stück, und er spielt rein und mit Ausdruck, gut genug für jeden Salon. Die Menge, welche sich um den Virtuosen gesammelt hat, ist erstaunt und ergriffen. Ein tiefes Unglück bei dem Manne voraussetzend, der sich gezwungen sieht, ein schönes Talent in so kläglicher Weise zu verwerthen, leeren die Zuschauer ihre Taschen. Der Hut, den der Virtuose vor sich hingestellt, ist mit allerlei Münzen voll gefüllt, wenn das Stück zu Ende gespielt ist. Kaum ist der letzte Ton verklungen, so verschwindet das blasse Genie der Straße mit derselben Hast, als es herbeigekommen war.

Das erste Mal, als ich die Scene sah, ging auch ich in die Falle und steuerte über meine Kräfte zur Unterstützung des Künstlers bei, der sich so unglücklich darstellt. Seitdem aber habe ich erfahren, daß derselbe die Geige und zugleich verschämte Armuth spielt und sich bei diesem Gewerbe, wie er weislich berechnet hat, besser befindet, als wenn er Unterricht ertheilte und in irgend einem Orchester mitwirkte. Der Marktschreier!

In den Batignolles, einem Viertel von Paris, läßt sich seit einiger Zeit ein Sänger hören, dessen Aussehen und Auftreten ihn von seinen Cameraden unterscheiden und mit dessen Geschichte mich der Zufall bekannt gemacht hat. Er heißt Gustave Freminet, ist der Sohn eines Tischlers, der in der Rue Rocher wohnte und arbeitete, sich und seine Familie redlich nährte, erzählte mir eine Frau, bei welcher ich zu Besuch war und die sich schnell vom Fenster zurückzog, als sie den herabgekommenen Mann vorübergehen sah, um ihm die Demüthigung ihres Anblicks zu ersparen. Der gute Tischler und seine Frau, vor Allem bedacht, ihrem einzigen Sohne ein glückliches Leben zu bereiten, und von einigen ihrer Bekannten auf die musikalischen Anlagen und Stimmmittel des Knaben aufmerksam gemacht, brachten alle erdenklichen Opfer, um denselben musikalisch ausbilden zu lassen. Die Sache ging leidlich gut. Gustave machte in der Kunst hinreichend Fortschritte, um in einem Alter von 18 Jahren, zur größten Genugthuung seiner Eltern, in’s Conservatorium als Schüler aufgenommen zu werden.

Schmeichelte sich die Familie schon früher mit glänzenden Hoffnungen seine Zukunft betreffend, so galt ihnen die Aufnahme in die erste musikalische Anstalt Frankreichs als eine Bürgschaft der Erfüllung des heiß gehegten Wunsches. Die guten Leute in der Umgebung des angehenden Künstlers, dessen Stimme entschieden den Charakter des Tenors annahm, träumten laut von den vielen, vielen Tausend Franken, die Gustave als Opernsänger gewinnen würde. Mit enthusiastischer Bewunderung nahmen sie jede [634] Gesangsübung auf, die sie von ihm zu hören bekamen. Nichts natürlicher, als daß der junge Mann die Ueberzeugung seiner Eltern und Verwandten theilte, sich zufrieden in seinem künftigen Glücke wiegte und die Aufmerksamkeiten und Huldigungen, welche ihm zu Theil wurden, so wie die schweren Opfer, welche sein arbeitsamer Vater ihm brachte, wie etwas ihm Gebührendes hinnahm. Er erlaubte sich Ausgaben für seine Unterhaltung, von denen ihn die Anstrengungen seines Vaters hätten zurückhalten sollen. Um die Zeit, als der Dünkel Gustave’s und sein Ansehen in der Familie den höchsten Grad erreicht hatten, bezogen Frau Anne Roussel und ihre Tochter Celestine eine Stube, welche der Tischler vermiethete.

Frau Roussel hatte schwere Kämpfe mit dem Schicksal bestanden. Früh verwittwet und auf sich allein angewiesen, war sie außer Stande, für ein kleines Kind, die Frucht ihrer Ehe, zu sorgen, an dem sie liebend hing. Zu ihrem Schmerze mußte sie sich von ihrem Kinde trennen. Sie that es in ein Unterstützungshaus (Salle d’asile), wo die kleine Celestine bis zu ihrem zwölften Jahre blieb und in allen einem Weibe nöthigen Kenntnissen und Fertigkeiten unterwiesen wurde. Nachdem später das Kind aus der Anstalt getreten war, lernte es künstliche Blumen machen und fand kurz darauf in dem bekannten Hause Labitte, Rue Richelieu, das dergleichen Blumen, die keinen Frühling kennen, verkauft, als Ladenmädchen ein vortheilhaftes Unterkommen. Nicht lange, so schwang sie sich zur ersten Verkäuferin auf und erhielt nebst der Verköstigung 100 Franken monatlich. Da sie sich in ihre Aufgabe trefflich zu schicken wußte, sich thätig und eifrig im Geschäfte erwies, die Käufer aus allen Weltgegenden mit Takt zu behandeln und einzunehmen wußte, worauf die Handelsleute zu Paris einen besonders großen Werth legen, wurde sie von den Eigenthümern des Geschäftes mit Geschenken und Aufmerksamkeiten aller Art überhäuft und hatte eine Stellung, die Vielen beneidenswerth erschien.

Ohne schön zu sein, war Celestine um die Zeit, als sie mit ihrer Mutter die Stube beim Tischler bezog, eine angenehme frische Erscheinung mit lebhaften schwarzen Augen und von aufgewecktem Geiste. Sie befliß sich, ja sie befliß sich zu sehr eines feinen, ausgezeichneten Benehmens und redete in Ausdrücken, wie sie in Eug. Sue und Balzac gelesen.

Sprachen Gustave und Celestine mit einander von Kunst und Künstlern, von Dingen, die er aus dem Verkehr mit den andern Zöglingen des Conservatoriums oder durch die Vorträge der Professoren, sie aus ihren Romanen kannte, dann horchte die schlichte Gesellschaft beim Tischler mit einer um so größeren Bewunderung auf die Bemerkungen von beiden Seiten, je unverständlicher sie ihnen waren. Und in den Blicken der guten Leute sprach sich die Ueberzeugung aus, daß die Zwei für einander wie geschaffen seien.

In der That wirkte der angehende Künstler von vortheilhaftem Aeußern, der so selbstbewußt auftrat, dessen Fähigkeit von seiner ganzen Umgebung angestaunt wurde, auf die Einbildung des Ladenmädchens, das sich ihn zu einem Romanhelden ausdehnte und ausschmückte. Andrerseits wurde sie von dem Zögling des Conservatoriums einiger Aufmerksamkeit würdig befunden, weil sie sich von den Anderen im Hause durch Eleganz und Bildung vortheilhaft unterschied und weil er doch, wie er sich in seiner Selbstüberhebung ausdrückte, mit ihr reden konnte. Seine Hinneigung zu Celestinen ging so weit, daß er, freilich nur auf Augenblicke, den Vorzug des Künstlers, dem Tausende entgegenwinken, vor einem Ladenmädchen vergaß, das für 1200 Franken jährlich Blumen anrühmt und verkauft.

Mit lebhafterer Theilnahme als alle Anderen beobachtete und verfolgte Frau Roussel die Entwickelung eines innigeren Verhältnisses zwischen Gustave und ihrer Tochter. Anne hatte nämlich in früheren Jahren den Soufleur der großen Oper bedient, der äußerst redselig der staunenden Frau von den Schätzen erzählte, „die in den Kehlen der Sänger und Sängerinnen stecken,“ und der häufig, wenn er seiner Baarschaft beim Weinhändler arg zugesetzt hatte und sich in Geldverlegenheit befand, zu der Aufwärterin darüber klagte, daß ihn Gott nicht mit einer Tenorstimme gesegnet habe, die ihm, wie etwa Herrn Roger, 100,000 Franken jährlich einbrächte und es ihm möglich machte, sorglos seinen Vergnügungen nachzugehen.

Auf Erden aber ist kein Gluck und selten eine Hoffnung ungetrübt. Vor dem Sonnenschein im Hause des Tischlers schwebte eine düstere Wolke; an die glänzenden Erwartungen hängte sich eine ernste Besorgniß. Einige Monate vor den Prüfungen im Conservatorium finden auf dem Stadthause die Rekrutenverloosungen statt. Und Gustave war dasselbe Jahr zu ziehen verpflichtet. „Wie, wenn ihm der Zufall ein schlimmes Loos in die Hände spielte? Wer wird ihm bei ben beschränkten Vermögensverhältnissen seiner Eltern einen Stellvertreter kaufen, um ihm die Unterbrechung der vielversprechenden Laufbahn zu ersparen?“ lauteten die quälenden Fragen, die man in dem Kreise stellte, dessen Mittelpunkt der junge Sänger war. Gustave selbst, obgleich sonst leichtfertig und ernsten Gedanken wenig zugänglich, zeigte sich bekümmert, wenn von seiner Militärpflichtigkeit die Rede war.

Je näher der Tag rückte, an welchem das Loos über das Schicksal des angehenden Künstlers entscheiden sollte, desto stiller wurde es in dem Hause des Tischlers, desto gespannter wurden die Gemüther daselbst.

Auf den 30. März war die Rekrutenverloosung, auf den 12. Juli die Untersuchung der dem Militärdienst Verfallenen und zugleich die Gesangprüfung im Conservatorium festgesetzt.

Als am Morgen des 30. März 1853 Gustave aus dem Hause ging, um sich zur Ziehung zu begeben, konnte der Tischler vor Aufregung gar nicht arbeiten, mit zitternder Hand legte er den Hobel bei Seite. Klopfenden Herzens, eine Thräne im Auge, unbeweglich sah der Arbeiter seinem dahinschreitenden Sohne eine Weile nach. „Möchte es gelingen!“ murmelte er vor sich hin. Und als der Sohn ihm aus dem Gesichte war, suchte er sich zu fassen und fing wieder zu Hobeln an. Frau Freminet betete und weinte im Verborgenen.

Gegen 1 Uhr Nachmittags kehrte Gustave zurück, mühsam sich dahin schleppend, als trüge er ein Kreuz, er sah blaß, sein Auge blickte düster, man konnte ein leises Zittern seiner Lippen bemerken. In seinen Zügen stand es geschrieben, daß er ein schlechtes Loos gezogen hatte.

„Du hast Unglück gehabt, Gustave!“ sagte der Tischler, als der junge Mann in die Werkstatt trat. Er legte das Werkzeug, mit dem er gearbeitet hatte, wieder aus der Hand und indem er sich den Schweiß vom Gesichte wischte, setzte er sich auf einen Stuhl, was er niemals während der Arbeitszeit that. Die Tischlerin entfernte sich, um ungestört zu weinen.

Kaum jedoch war die Heftigkeit des ersten Eindrucks überwunden, als schon die Betrübten nach einem Trost, nach einem Mittel zur Abhülfe suchten. Es wurde darüber Rath gehalten, wie das Geld zum Ankauf eines Stellvertreters herbeigeschafft werden könnte. Der Eine schlug eine Bittschrift an den Kaiser vor, der Zweite machte auf die Hülfsvereine aufmerksam, die doch unterstützen, wo sie können, der Dritte stimmte für einen Anfruf in den Zeitungen an Freunde und Beschützer der Künste etc. Zuletzt nahm Frau Roussel das Wort, welche vorher den Gegenstand mit dem Soufleur der großen Oper besprochen hatte. „Nach der Ansicht eines Sachkenners,“ sagte sie, „könnte Herr Freminet, der doch ein Künstler ist, nichts Besseres thun, als sich an Seinesgleichen, d. h. wieder an Künstler, mit der Bitte wenden, daß sie in einem Concert mitwirken, dessen Ertrag zu seiner Befreiung vom Militärdienst anzuwenden wäre.“ Der Vorschlag wurde von der ganzen Gesellschaft, ganz besonders aber von Gustave vortrefflich befunden und einstimmig angenommen.

Nach einigen Wochen fand das Concert in der That statt, und da sich musikalische Berühmtheiten zur Mitwirkung herbeiließen, wurde die erforderliche Summe geliefert.

Seit dem Tage, als Gustave das verhängnißvolle Loos gezogen hatte, und seine Hülflosigkeit ihm deutlich wurde, konnte man an ihm mehr Ernst und weniger Selbstvertrauen denn bis dahin bemerken. Als er am 12. Juli endlich vor den Untersuchungsrath trat und zum Militärdienst tauglich erklärt wurde, fiel aber sein ganzer Stolz zusammen. Er hatte von dem aus den Concerten gewonnenen Geldern bedeutende Summen zu allerlei Ausgaben verwendet, er wußte nicht, wie das Deficit ersetzt werden sollte, und ging trübe gestimmt und sorgenvoll direct vom Stadthause in das Conservatorium, wo heute die Hauptprüfung stattfinden sollte.

War die trübe Aussicht, war Müdigkeit, war Unsicherheit der Stimme überhaupt daran schuld: die Töne, welche Gustave vorbrachte, waren klanglos, schwankend, falsch sogar; er hörte es und rang nach besserer und richtigerer Anstimmung; allein [635] die Anstrengungen, die der Zögling machte, um seiner Stimme Nachdruck und Genauigkeit zu geben, verschlimmerten noch die Sache. Ein Lächeln des Spottes malte sich auf den Gesichtern der Zuhörer, und Herr Auber, der berühmte Director der Anstalt, richtete an den Schüler die vernichtenden Worte: „Wie wenig Verstand, wie wenig Musikkenntniß, ja selbst nur musikalischen Instinct muß man haben, um so schwach und unfähig, wie Sie, eine Prüfung bestehen zu wollen!“ So rücksichtslos wurde dem armen jungen Manne seine schönste Hoffnung getödtet zu Füßen geworfen.

Beschämt, verletzt, außer sich vor Schmerz, verließ er hastig den Saal und jagte, als würde er verfolgt, durch die Straßen nach Hause, wo man ihn mit zweifacher Spannung erwartete. Er lachte, als er in die Stube trat, wo er seine Eliern fand, und als diese wie mit einer Stimme frugen, wie es ihm ergangen sei, gab er zur Antwort: „Ich bin General und habe den Feind geschlagen, weil die Trompeten so falsch bliesen. Die Terz muß sterben, denn sie ist an Allem schuld.“

„Gustave!“ rief der Tischler, indem er seinen Sohn am Arme faßte, „was sprichst Du? Wir fragen Dich, wie es Dir auf dem Stadthause und im Conservatorium ergangen ist.“

Der junge Mann stierte seinen Vater mit großen Augen an und sprach mit Heftigkeit: „Kein Quartier! Nieder mit ihnen. Sie taugen Alle nichts, weder die Infanterie, noch die Cavallerie, denn sie bleiben keinen Augenblick im Takt.“

„Er ist von Sinnen!“ sagte der Tischler mit verloschener Stimme zu seiner Frau, indem er mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes auf den Sänger zeigte. Dann machte er noch einen Versuch, seinen Sohn aus der „Nacht der Gedanken“ zu reißen, und als auch dieser mißlang, sagte er kein Wort mehr, sondern führte oder trug vielmehr den Unglücklichen in dessen Stube, entkleidete ihn und brachte ihn zu Bette, in der Hoffnung, daß Ruhe und Schlaf vielleicht dem jungen Manne das verlorene Licht des Geistes zurückgeben werde. – Wohl entschlief Gustave, wohl erwachte er; doch das Licht seines Geistes kehrte nicht zurück. Nach einigen Tagen wurde er in die Irrenanstalt von Bicêtre gebracht, wo ihm die erforderliche ärztliche Pflege zu Theil wurde und wo er einige Monate blieb.

Als er aus dem Krankenhause kam, war sein Vater der schweren Arbeit und dem noch schwereren Grame erlegen und auf dem Friedhofe von Montmartre begraben worden. Seine Mutter hatte die Wohnung in Rue Rocher aufgegeben und sich eine kleine Stube rue de l’Imperateur gemiethet; in einem vorgerückten Alter mußte sie das Gewerbe der Frau Roussel ergreifen, um sich kümmerlich durchzubringen. Von ihr konnte er keine Unterstützung erwarten.

Ohne Celestinen und Frau Roussel hätte es ihm an einem Obdach und an den dringendsten Lebensbedürfnissen gefehlt; diese aber nahmen ihn gastlich auf, und ihr Haus wurde dem vom Schicksal Heimgesuchten eine wahre Zufluchtsstätte. Celestine gefiel sich in der Rolle einer Retterin und glaubte an ihre Liebe zu dem jungen Manne, den das Verhängniß seiner Verfolgung würdig erachtete. Was Frau Roussel betrifft, hätte sie es nicht über sich vermocht, einem Wunsche ihrer Tochter, der so lebhaft auftrat, zu widerstreben; dazu kam, daß ihr Orakel, der Soufleur, das sie um Rath gefragt, den Ausspruch that, daß ein junger Mann, wie Gustave, die Stimme wiederfinden könne, wenn er sie durch irgend eine äußere Einwirkung verloren habe, und daß sie folglich die Hoffnung auf eine glänzende Laufbahn des jungen Mannes nicht aufgab.

Aus dem Zusammenleben der jungen Leute entwickelte sich denn auch ein förmliches Liebesverhältniß, und dieses führte zur Ehe. Einige Monate, nachdem Gustave ein Hausgenosse der beiden Frauen geworden war, fand die Vermählung statt, geräuschlos, im Beisein nur der nächsten Verwandten des Brautpaares.

Die Honigmonde vergingen, wie alle Honigmonde, unter Lust und Glück, unter Vergnügen und Zärtlichkeit; doch folgte ihnen der Jammer auf dem Fuße. Celestine arbeitete und erwarb; Gustave genoß und verthat. Dieser Abstand zwischen den Eheleuten gab, nachdem die schöne Zeit der Schattenlosigkeir verflogen war, zu Reibungen Anlaß, die von Tag zu Tag zunahmen. Celestine hatte als Romanleserin einen Anflug von Schwärmerei, als Ladenmädchen aber war sie äußerst praktisch und berechnend, voll Ehrfurcht vor dem zählbaren Ergebniß der Mühe und Arbeit. Sie sei bereit, sagte sie, auf die Rückkehr der Tenorstimme ihres Mannes zu warten; doch sei diesem dafür die Pflicht auferlegt, sich der äußersten Sparsamkeit zu befleißen und die Befriedigung seiner vornehmen Gelüste bis zu einer Zeit aufzuschieben, da er ihnen aus selbsterworbenen Mitteln würde Genüge thun können.

Wie bitter aber auch die ausgesprochene Zumuthung Celestinens war, sie blieb doch ohne Wirkung auf das fernere Benehmen ihres Gatten. Statt ihn zu überzeugen, reizte sie ihn; und das Recht, welchen das französische Gesetz dem Ehemanne einräumt, mißbrauchend verfuhr Gustave ohne Schonung mit dem Einkommen seiner Frau. – Kaum drei Jahre zählte die Ehe, welche mit einem kleinen Mädchen gesegnet war, als sie schon durch dauernden Hader vielerlei Störungen erfuhr.

Die Geduld, mit welcher Mutter und Tochter auf die Rückkehr der abhanden gekommenen Tenorstimme warteten, riß endlich auch, und sie drängten den Künstler ohne Kunst zur Annahme einer Commisstelle in einem Laden, die sich „glücklicher Weise darbot“, damit er ein wenig die Lasten des Haushalts tragen helfe, statt sie übermäßig zu vermehren; denn man müsse nehmen, was man findet, wenn man nicht finden könne, was man sucht. Gustave mußte nachgeben. Er trat als Commis in einen Laden, wurde aber durch die ihm „aufgedrungene Erniedrigung“, wie er es nannte, so erbittert, daß der Hausfriede durch die Anstellung eher verlor, als gewann. Ungewohnt außerdem der Ordnung und geregelten Thätigkeit, ohne Lust und Geschick zu dem neuen ihm fremden Berufe, erfüllte er so wenig die Wünsche seines Vorgesetzten, daß er nach Kurzem entlassen wurde.

Von da ab wurde ein Krieg ohne Waffenstillstand und von einer beispiellosen Heftigkeit von Celestinen und ihrer Mutter gegen Gustave geführt. Das Haus wurde ihm zur wahren Hölle gemacht. Was er sagte, wurde entweder mit schmollendem Schweigen oder mir grollender Mißbilligung aufgenommen; was er verlangte, wurde verweigert; was er zurückwies, wurde ihm aufgedrungen. Nie trat ihm ein Lächeln, nie ein gütliches Wort, ein freundlicher Blick der Frauen entgegen. Und was er auch anwenden mochte, Sanftmuth oder Ungestüm, um sein Ansehen geltend, um den Feindseligkeiten ein Ende zu machen, blieb erfolglos. – Gereizt, gequält, müde gehetzt, verließ er das Haus, verließ er Weib und Kind.

Er trat auf einem Provinzialtheater als Sänger auf, fiel durch und wurde von der Direction fortgeschickt. Andere ähnliche Versuche auf Provinzbühnen lieferten dasselbe Ergebniß. Nach Paris zurückgekehrt, nimmt er eine Anstellung im Chore der großen Oper an, deren Ertrag aber nicht hinreicht, die dringendsten Lebensbedürfnisse zu decken. Er treibt sich in schlechter Gesellschaft herum, sinkt immer tiefer und tiefer. Nach einiger Zeit erfährt Celestine, daß er mit einer zweideutigen Frauensperson zusammen wohnt, und gründet auf diesen Umstand ihr Ansuchen um gerichtliche Scheidung von ihrem Manne, die denn auch erfolgt.

Ohne Energie, ohne Existenzmittel, aus dem Chore der großen Oper wegen Unpünktlichkeit gestoßen, ist Gustave auf den Erwerb durch Gesang auf den Straßen angewiesen, zu dem ihm aber die vorgeschriebene Befugniß fehlt. Schon ist die Polizei hinter ihm her, um ihn für die Uebertretung zur Rechenschaft zu ziehen.

Welches Ende steht dem Künstler bevor?