Pariser Bilder und Geschichten/Eine aristokratische Republikanerin

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Titel: Eine aristokratische Republikanerin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 169-171
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Pariser Bilder und Geschichten.
2. Eine aristokratische Republikanerin.

Wie selten kommt im menschlichen Leben die Erscheinung starker Charaktere vor, die allen Wechsel der Schicksale mit Ruhe und Seelengröße ertragen! Die politischen Wogen, welche seit 70 Jahren Frankreich von Zeit zu Zeit überfluthen und manche Höhe erniedrigt haben, mußten nothwendiger Weise auch solche Charaktere hervorbringen. Ohne weitere Theorie will ich lieber gleich ein Beispiel anführen, die Geschichte einer Frau erzählen.

Im Jahre 1850 lernte ich in einem ärmlichen vierten Stocke der Rue Miromenil die siebzigjähre, blinde Madame de Montercy kennen. Wer es nicht weiß, dem will ich es sagen, daß der Name Montercy zu den ältesten und aristokratischsten Namen gehört, daß man erwarten darf, einen Träger dieses Namens in einem prächtigen Hotel des Faubourg St. Germain zu finden, daß man billig erstaunen kann, wenn man ihm in einer ärmlichen Wohnung der Faubourg St. Honoré begegnet. – Die Schicksale, die Madame de Montercy blind, arm, vergessen in die vergessene Mansarde getragen, sind romanhafter Natur, nein, besser gesagt, historischer Natur; und wie ihr Gespräch eine große Geschichtslection, so war ihr ganzes Leben eine Chronik der letzten 70 Jahre.

Madame de Montercy, geborne Mademoiselle de Montercy, war die Tochter des Capitains der Garden im Versailler Schlosse. Diesen hohen Grad nahmen nur Edelleute aus alten Geschlechtern ein. Ihre erste Jugend verbrachte Mademoiselle, nach der Sitte der Zeit, im Kloster der Karmeliterinnen zu Paris; die Klosterdamen des 18. Jahrhunderts gaben den ihnen anvertrauten adeligen Fräulein eine freisinnigere Erziehung, als man heute in manchen bürgerlichen Familien gibt. Der Geist der Aufklärung, der freisinnige Geist des 18. Jahrhunderts, der Geist der Encykklopädisten, mit dem selbst die Könige spielten, den Souveräne, wie Joseph II., selbst au sérieux nahmen, drang durch die Klostermauern und die Klöster selbst lieferten Vertheidiger und Jünger der Aufklärung. In diesem Geiste wurde Mademoiselle de Montercy erzogen. Sie verließ oft das Kloster, um ihre Eltern in Versailles zu besuchen. Dort wurde sie mit der Princesse Lamballe bekannt und endlich, trotz des Altersunterschiedes, intim befreundet. Als die Revolution ausbrach, glaubten die Eltern klug zu handeln, wenn sie ihre Tochter im Kloster, in diesem Hafen der Ruhe, ließen. Aber die Septembertage mit ihren Schrecken klopften auch an die Klosterpforte. Die Nonnen mit ihren Zöglingen flüchteten durch eine Hinterpforte, während die Septembriseurs das Hauptthor stürmten. Aber wohin flüchten? Die Frauen wußten nicht recht, was in der Welt vorging und daß der Krieg allen Klöstern galt; sie flüchteten daher in’s Kloster der Karmeliter, der Mönche, unter deren unmittelbarem Oberbefehl sie standen. Dort angekommen, fanden sie die Mönche, wie sie sich zum Tode bereiteten.

In der That stürmten die Septembriseurs herein und die Frauen und Mädchen hatten das gräuliche Schauspiel anzusehen, wie die Mönche vor ihren Augen massacrirt wurden. Aber da die Septembriseurs es in diesem Kloster nur auf die Mönche abgesehen hatten, konnten sich die Frauen im Getümmel retten. Sie flohen hinaus in das Gedränge der revolutionirten Straße. Sehe jede, wie und wohin sie sich rette! Im Augenblicke sind sie getrennt. Allein und verlassen eilt Mademoiselle de Montercy durch die blutbefleckten Straßen, über Leichname, durch das Gedränge eines wüthenden Volkes, einer flüchtigen, entsetzten Menge. So kommt sie auf den Pont-neuf – und da wird ihr ein Schauspiel, dessen Erinnerung aus ihrem Gedächtnisse sich nie verwischen, das sie noch in ihrer letzten Stunde, mit ihrem letzten Hauche beklagen wird. Sie sieht den schönen Kopf der Prinzessin von Lamballe auf der Pike ihres Mörders; sie sieht den schönen, blassen Kopf, der im Triumph dahingetragen wird. Mademoiselle de Montercy fällt in Ohnmacht, und es ist ein Wunder, daß sie auf dem [170] Pont-neuf nicht zertreten worden ist. Erst in später Nacht erwacht sie und schleicht sich weiter, und es gelingt ihr, erst zu entfernten Anverwandten, dann zu ihren Eltern zu gelangen, die sie schon als todt beklagt hatten. – Die Revolution geht ihren gewaltigen, schicksalvollen Gang unaufhaltsam immer weiter bis zu ihrem gewaltigsten, blutigsten Ausdrucke. Die Schreckenstage sind da. Der König und die Konigin sind gefangen. Die Prinzen und Aristokraten wandern aus. Monsieur de Montercy will sein Vaterland nicht verlassen, aber als ein alter Aristokrat und als Capitain der Garden ist er mit seiner ganzen Familie verdächtig und wandert mit seiner Frau, seinen zwei Söhnen und seiner Tochter in die Conciergerie.

Als die Familie verhaftet wurde, war die Mutter eben in ein leichtes, weißes Mousselinkleid gekleidet. Während der Haft und des Processes, nur um sich zu beschäftigen, stickt sie Veilchen in die weiße Mousseline, und da sie endlich an der Seite ihres Gatten auf die Guillotine wandert, ist sie ganz von blauen Veilchen bedeckt. Sie hat das Beispiel gegeben und alle in der Conciergerie verhafteten Damen fangen zu sticken an und sticken Blumen in ihre Kleider, um so geschmückt auf das Schaffot zu gehen. „Nicht viele,“ sagt mir die blinde Frau, „haben ihre Arbeit so weit beendigt, wie meine Mutter.“

Dem Vater und der Mutter folgen die beiden Brüder. Mademoiselle ist nun allein in der Welt, und in welcher Welt! Sie weint Tag und Nacht. Wenn sie auch von der Guillotine gerettet ward, dieses lange und tiefschmerzliche Weinen, diese bitteren Thränen legen den Grund zu einer Krankheit, die sie dereinst in ewige Nacht tauchen wird. –

Jeden Morgen tritt ein Commissair in’s Gefängniß und liest eine Liste von Namen ab; es sind die Namen der fournée, der Lieferung, die heute der Guillotine in den unersättlichen Rachen geworfen wird. Nach dem Tode der Eltern und Brüder hört Mademoiselle de Montercy der Ablesung der Liste mit Ruhe zu: es ist ihr gleichgültig, ob auch ihr Name gelesen werde. Das sechzehnjährige Geschöpf ist des Lebens müde. Aber Tag um Tag vergeht; ihr Name wird nicht verlesen, und nach und nach stellt sich die Lust zum Leben wieder ein, und sie beginnt zu zittern, wenn der Commissair die Namen verliest.

Aber die Reihen in ihrem Gefängniß werden immer lichter; endlich muß die Reihe an sie kommen; schon längst stand sie vor Fouquier-Tinville, dem schauerlichen Höllenrichter, schon längst ist das Todesurtheil über sie gesprochen. Jede Nacht betrachtet sie als die letzte und zittert der Dämmerung entgegen, die sie auf dem verhängnißvollen Karren sehen soll. In der Todesangst weicht der wohlthätige Schlummer, der ihrer Jugend in allen Leiden bisher treu geblieben, von ihr. Drei und vier Nächte sind vorübergegangen und sie hat kein Auge geschlossen. Endlich in der fünften Nacht ist die Natur stärker, als die Todesangst, und sie sinkt in einen Starrschlaf, der einer tiefen Ohnmacht ähnlich ist.

Endlich weckt sie ein Geräusch. Sie sieht sich um: das Gefängniß ist leer. Diesen Morgen hat man es gereinigt, d. i. man hat den ganzen Rest auf die Guillotine gebracht, ohne Ceremonie, ohne Namensverlesung. In ihrem Starrschlafe ist sie durch den ganzen Vorgang nicht geweckt worden und in der Dämmerung hatte man sie nicht bemerkt, da sie in einem dunkeln Winkel des Gefängnisses, hinter Stroh versteckt, geschlafen hat. – Das Geräusch, das sie jetzt geweckt, kommt vom Gefängnißwärter, der hereinkam, um das Gefängniß zur Aufnahme neuer Gefangener vorzubereiten. Er ist entsetzt, wie er das schlaftrunkene Mädchen erblickt, das sich dort in dem Winkel die Augen reibt und sich zu besinnen sucht. – „Sie sind noch hier?“ ruft der Gefängnißwärter.– „Was ist vorgegangen?“ fragt die Angeredete. – Ohne zu antworten, tritt der Mann rasch entschlossen an sie heran, faßt sie um den Leib, trägt sie aus dem Gefängniß und hinaus aus der Conciergerie und setzt sie vor die Thür, auf den Boden. „Retten Sie sich!“ raunt er ihr dringend zu und Frl. de Montercy flieht in das Labyrinth der Straßen und ist frei und vom Tode gerettet, ehe sie sich besinnen kann.

Entfernte Anverwandte nehmen sie auf. Aber sie ist arm; sie besitzt nichts mehr auf dieser weiten Erde; das ganze Vermögen der Familie ist zu Grunde gegangen. Ein Todesurtheil schwebt immer noch über ihrem sechzehnjährigen Haupte. Um sie zu retten und zu versorgen, verheirathet man sie, ohne sie weiter zu fragen, mit einem Cousin, Herrn v. Montercy, der sich der Republik angeschlossen und als ihr Beamter eines der neuen Departements verwaltet. Das Departement liegt an der Grenze der Vendée, wo der große legitimistische Krieg, ein Bürgerkrieg in seiner scheußlichsten Gestalt, wüthet. Jeden Augenblick kommen versprengte Vendéer herüber; von Montercy’s Pflicht ist es, auf sie zu fahnden und sie den Gerichten der Republik zu überliefern. Aber sein altadeliges Herz ist in ihrem Lager – und doch darf er sich nicht compromittiren, darf seine Neigungen nicht verrathen. Er begnügt sich damit, auf die Vendéer lässig zu fahnden, und überläßt es seiner Frau, sie werkthätig zu retten. Man kann sich Niemand anvertrauen, man muß Alles selbst besorgen, und Madame de Montercy versteckt die flüchtigen Vendéer in ihrem eigenen Hause, in der Präfectur selbst. Sie trägt ihnen in der Nacht das Essen zu, das sie sich selbst vom Munde abspart, um den Verdacht der Diener nicht zu wecken, wenn sie mehr Speisen als gewöhnlich bereiten ließe. Sie schafft Verkleidungen herbei und wenn Gefahr droht, steigt sie selbst zu Pferde und geleitet die Verfolgten in der Nacht durch die Wälder, die sich damals zwischen Tours und Blois ausdehnten und die sie eigens durchforscht hat, um alle ihre Verstecke und Seitenpfade kennen zu lernen.

Einmal entdeckt man einen Verborgenen in ihrem Hause; um ihn zu retten, läßt sie ihn für ihren Liebhaber gelten und sich vor der Welt von ihrem Manne mißhandeln. Ihre nächtlichen Ausflüge werden auch bemerkt; sie kommt in den Ruf eines verworfenen Weibes und ihr Mann jagt sie fort, nachdem er heimlich unter Thränen Abschied genommen von der heldenmüthigen Frau. Sie geht ruhig nach Paris zurück, denn der Krieg ist beendet und Niemand mehr zu retten. Ihr Gemahl gibt sein Amt auf und folgt ihr. Er stirbt und hinterläßt eine hülflofe Wittwe mit einer Tochter.

Während Frankreichs Glorie die Welt erfüllt, lebt eines seiner heldenmüthigsten Kinder, Madame de Montercy mit ihrem Kinde lange, lange Jahre hindurch in der bittersten Noth. Die Tochter des alten Hauses arbeitet für die Damen des neuen Adels, um ihr Kind zu ernähren. Eines Tages begegnet sie im Palais Royal einem jener Flüchtigen, die sie gerettet. Tage lang hatte sie ihn in ihrem Hause versteckt und mit aller List und allem Muthe des Weibes die Verfolger von seiner Spur abgelenkt; sie hatte ihn mit ihrem Brode gespeist und ihren letzten Pfennig ausgegeben, um ihm eine Verkleidung zu verschaffen; endlich hatte sie ihn in wilder Nacht durch den Wald geleitet, bis er in Sicherheit war. Es war eine jener nächtlichen Promenaden, die sie um ihren guten Ruf gebracht. Jetzt war dieser Mann in Aemtern und Würden, denn er war in das kaiserliche Lager übergegangen. Dies wußte Madame de Montercy nicht, aber man sah es seinem ganzen Wesen an, daß es ihm wohl ging. Vielleicht konnte er nun helfen in ihrer Noth, ihr wenigstens Arbeit verschaffen, sie als Arbeiterin empfehlen. So redet sie ihn denn an. Aber der Mann ist in großer Verlegenheit und versichert endlich, sie nicht zu kennen und daß sie sich gewiß irre. – Madame de Montercy hat sich nicht geirrt; aber der Mann war nun kaiserlicher Beamter und wollte an seine legitimistische Vergangenheit nicht erinnert sein. Das konnte ihm möglicherweise schaden. – Madame de Montercy lächelte und entschuldigte sich für ihren Irrthum und lächelnd hat sie mir die Geschichte erzählt.

Napoleon fällt; Ludwig XVIIl. besteigt den Thron Frankreichs. Madame de Montercy verläßt ihre Mansarde und geht nach Versailles und in das Schloß. Die Wachen wollen die arme Frau im alten abgetragenen Kleide nicht vorlassen: der Nachfolger ihres Vaters selbst, der Capitain der Garden, weist sie zurück. Die arme Frau befiehlt ihm im Tone der Majestät: „Sagen Sie dem König, Mademoiselle Montercy wünsche ihn zu sprechen, wolle ihn sprechen.“

Der Officier gehorcht unwillkürlich. Was darauf folgt, versetzt sämmtliche Vorsäle und alle anwesenden Hofleute in Erstaunen. Der König hat sie nicht vorgelassen! Nein! Er ist selbst herausgekommen bis in den Saal der Garden und hat sich vor Mademoiselle de Montercy tief geneigt; dann hat er ihr den Arm geboten und sie in sein Cabinct geführt, als führte er eine Königin.

Ludwig XVIII. hat für Madame de Montercy gethan, was sie von ihm verlangte; er hat ihr eine kleine Pension ausgesetzt, von der sie und ihr Kind bescheiden, beinahe nothdürftig leben konnten. Er hatte ihr eine Stelle am Hofe angeboten; sie nahm sie nicht an, denn sie fühlte sich nicht zu einer Hofdame geboren, und ihre Grundsätze vertrugen sich nicht mit den Grundsätzen, die am Hofe Ludwigs XVII. gepredigt wurden. Auch an der Entschädigung, die zum Nachtheile des Landes den Emigranten und denen, die in der Revolution ihre Güter verloren, geboten wurde, wollte sie keinen Antheil haben. Ihr genügte der kleine Jahresgehalt. Diesen hat Ludwig Philipp und später auch die Revolution von 1848 bestätigt.

Wird sie endlich in diesem kümmerlichen Hafen Ruhe finden, die vielgeprüfte edle Dulderin? – Nein! Ihre Thränen, die sie geweint, [171] als sie den schönen Kopf der Prinzessin von Lamballe auf der Pike, als sie Vater, Mutter, Brüder auf’s Schaffet gehen sah, waren bittere Thränen, sie haben in ihren Augen ein Gift zurückgelassen, das sie früher oder später tödten muß. Und diese kranken Augen, die sich im Weinen geübt, haben in der Zeit der Noth Tage und Nächte lang, Jahre lang angestrengt auf der Hände Arbeit gesehen; sie müssen erliegen. Frau von Montercy steht noch in der Blüthe ihrer Jahre, als sich die ewige Nacht verhüllend, undurchdringlich, unzerreißbar und unbarmherzig auf sie herabsenkt. Sie erwacht eines Morgens und glaubt, es sei noch Nacht – es war Tag für alle Welt; für sie allein blieb die Nacht zurück; sie war auf beiden Augen erblindet.

So habe ich sie kennen gelernt. Da saß sie, wie das Bild der Sage. Ihr Auge war geschlossen für alle Dinge, die sie umgaben; aber ihr geistiger Blick war rückwärts gekehrt in die Vergangenheit, wie der Blick des „rückwärts gekehrten Propheten“, des Historikers. Stunden lang saß ich bei ihr, und sie erzählte und ich wurde nicht müde, ihr zuzuhören. Ihr Geist war bis in das späte Alter frisch geblieben, und die Vergangenheit wurde immer lebendiger in ihr, je mehr sie sich ihrem Ende näherte. Alles erlebte Leid konnte eine gewisse Heiterkeit, alles Drangsal eine hohe Klarheit ihres Geistes nicht verdunkeln. Die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts hatte sie gebildet und hatte sich im Laufe der langen Jahre, der langen Erfahrungen und mit den Fortschritten der Zeit selber größer und breiter in ihr ausgebildet. So kam es, daß diese Frau, die durch die Excesse einer Revolution so Unsägliches gelitten, doch den Segen der Freiheit zu würdigen verstand, und so habe ich noch das Wunderbarste aus dem Leben und Charakter dieser merkwürdigen Frau zu berichten: Sie war bis an den letzten Hauch eine Republikanerin! Ihre Aufopferung für die Vendéer wird dadurch nur noch erhabener; sie übte sie nicht, wie jene berühmten royalistischen Frauen der Chouans, aus Parteileidenschaft und politischer Ueberzeugung, sondern aus reinster liebevollster Menschlichkeit. Es waren die humanistischen, philanthropischen Grundsätze des achtzehnten Jahrhunderts, die sich in ihr zu solcher Menschlichkeit verklärten.

So ist es auch natürlich, daß sie die Ansichten und Vorurtheile ihrer Standesgenossen im Faubourg St. Germain nicht theilte. Die Welt, welche die große französische Revolution begraben, hielt sie für todt, und sie hoffte und wünschte ihre Auferstehung nicht. Niemand war beredter, als diese Tochter uralter Geschlechter, wenn sie die düstern Seiten der alten Zeit, die lichten der Gegenwart schilderte; wenn sie die Zukunft ausmalte, die sich noch immer aus den Grundsätzen von 1789 entwickeln könne. Von den blutigen Episoden der Revolution sprach sie mit derselben Einsicht, wie der Königsberger Philooph, als von traurigen unglückseligen Einzelnheiten, die in der großen Weltgeschichte, im Angesicht der großen Triumphe der Gesellschaft, nichts zu bedeuten haben. War sie darum eine Verrätherin? Mußte sie darum ihre Freunde vergessen?

Sie starb am 13. Januar 1853, und ihre letzten Worte waren: „La pauvre princesse! la pauvre princesse!“ Die menschliche Klage über das traurige Schicksal der schönen Prinzessin Lamballe war der letzte Laut, der über die Lippen der edlen Dulderin, der guten und weisen Madame de Montercy ging. Ein solches Ende war ihrer würdig. Wir begruben sie an einem kalten Wintertage; ein kleines Häuflein meiner Freunde folgte ihrem Sarge, der auf dem Montmartre liegt. Kein Monument, kein Wappen schmückt die Grabstätte dieser letzten Tochter eines altberühmten Hauses.