Die Perlen. Perlenluxus, Perlenfischerei, Perlenhandel

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Autor: Emil Adolf Roßmäßler
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Titel: Die Perlen. Perlenluxus, Perlenfischerei, Perlenhandel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 167-169
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Perlen.
Von E. A. Roßmäßler.
Zweite Hälfte: Perlenluxus, Perlenfischerei, Perlenhandel.

Orientalischer Luxus ist eben so sprüchwörtlich, wie man unter orientalischen Perlen stillschweigend „echte“, die besten Perlen, gegenüber den für weniger gut gehaltenen „occidentalischen“ versteht. Edelsteinschmuck ist ein Abzeichen stolzer Pracht, der Perlenschmuck verleiht dem Träger, und wäre es ein Nena Sahib, den würdevollen Glanz, den allein das mit edelm Geschmack gewählte Seltene verleihen kann. Ich weiß nicht, wie weit das Gleichniß in Geltung steht: „Perlen bedeuten Thränen“; jedenfalls trägt es dazu bei, die tiefere Bedeutung derselben, den Edelsteinen gegenüber, auszudrücken. Eine sinnige Symbolik liegt in einem Hochzeitsgebrauche der Indier, welchen Ruschenberger erzählt. Man pflegt dabei eine frische Perle, als Sinnbild der jungfräulichen Reinheit, zu durchbohren.

Wir begegnen dem Perlenluxus zu allen Zeiten und bei allen Völkern, in deren Bereichen sich Perlen finden. Die ältesten Geschichtsurkunden schmücken die Mächtigen der Erde mit Perlen und wenden sie, wie noch heute wir, als Gleichniß des Kostbarsten, Edelsten an.

Am frühesten und am allermeisten war die Perle in Indien ein Gegenstand der Prachtliebe, denn die indischen Gewässer sind auch heute noch am reichsten an den schönsten Perlen. Wenn man weiß, wie beschwerlich die Perlenfischerei ist und daß nur in den wenigsten vom Meeresgrunde heraufgeholten Muscheln sich Perlen finden, dann muß man billig staunen über die unermeßlichen Perlenmengen, von welchen uns die Reisenden berichten, wenn sie die Pracht indischer Fürsten erzählen. Bei den Chinesen wurden schon über 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung Perlen, und zwar anfangs Süßwasserperlen, als Tribut gezahlt, und als Columbus den gefundenen neuen Weltlheil betrat, überraschte den mit Undank belohnten dienstbeflissenen Diener seiner Herrschaft der Perlenschmuck der Eingeborenen, die ihn im Golf von Paria bewillkommneten, und in seinem Eifer, die Habgier Spaniens zu füttern, fiel ihm verheißungsvoll des Plinius Entstehungsgeschichte der Perlen ein; denn hier fiel Thau die Menge und an den Wurzeln der Strandgewächse hingen zahllose Muscheln, der fallenden Tropfen gewärtig. Der Tempel in Mexico, in welchem Montezuma sein Nachtgebet verrichtete, strahlte von Goldblechen und Perlen und so fanden des Columbus Zeitgenossen und nächste Nachfolger in den neu entdeckten Landen Perlenluxus und Perlenverehrung überall bereits vor.

Daß bei den Egyptern die Vorliebe für Perlen groß war, haben wir schon durch Kleopatra gelernt. In Griechenland scheinen sie vor des Aristoteles Zeit (geb. 384 v. Chr.) unbekannt gewesen zu sein, während sie bei den Medern und Persern schon nach den Siegen über Crösus (557 v. Chr.) höher als Gold und Edelsteine gehalten wurden. In Rom stieg der Perlenluxus im letzten vorchristlichen Jahrhundert zu einer solchen Höhe, daß die Schriftsteller dagegen eiferten. Julius Cäsar schenkte der Servilia eine Perle im Werthe von 330,000 Thlr. Etwas später, zu Plinius Zeit, trug Lollia Paulina, des Cajus Caligula Gemahlin, bei einer Verlobungsfeier einen Schmuck von grünen Edelsteinen und Perlen, dessen Werth von 2,200,000 Thlr. sie schriftlich beweisen zu können versicherte. Auf den Brustbildern römischer Frauen sehen wir häufig das trilinum, d. i. einen Schmuck aus drei Perlenschnuren, von denen die oberste straff am Halse anliegt und die beiden anderen in sanften Bogen herabhängen. Eine zweifache Schnur hieß dilinum, und eine einfache monile. Um sich vor den feilen Dirnen auszuzeichnen, die sich die beliebten Perlen-Ohrgehänge auch zu erwerben wußten, überboten sie die vornehmen Damen durch crotalia, was man mit Klappergehänge übersetzen könnte, denn sie hießen so nach dem Klappern, was die zwei und drei birnförmigen nebeneinander angebrachten Perlen hervorbrachten und so durch ihr kostbares Getön das nahe Ohr kitzelten.

Doch es würde uns zu weit führen, wollten wir den Perlenluxus überall hin verfolgen. Die aus Amerika kommende Perlenfluth kühlte die Liebhaberei dafür bedeutend ab und die Edelsteine drängten sich für lange Zeit von allen Seiten in die von den Perlen verlorenen Positionen ein. In neuester Zeit aber gewinnen sie ihr altes Recht allmählich wieder, und bei der vor zwei Jahren stattgehabten Krönung Alexanders II. in Moskau war der österreichische Gesandte Fürst Esterhazy mit Perlen übersät, dessen Kleid, selbst die Stiefelschäfte, anstatt mit Gold, mit Perlen gestickt war.

Indem wir nun zu der Perlenfischerei übergehen, haben wir zunächst zu fragen, wo man überhaupt Perlen fischt, und wir ahnen aus dem bisher Gesagten bereits, daß die Perlenmuscheln ein größeres Verbreitungsgebiet haben, als man gewöhnlich glaubt. Vor Kurzem wurde in diesem Blatte das Meer als die Fundgrube eines unermeßlichen Silberschatzes dargestellt; es ist eine solche in viel mehr praktischer Weise auch hinsichtlich der Perlen, denn in den Meeren der heißen Zone und den den Tropengürteln zunächst liegenden bis in die Breiten von Nordcalifornien sind die Perlenmuscheln verbreitet. In noch weiter von dem Erdgleicher entfernten Lagen tritt das Meer die Sorge für die Perlenbildung dem Süßwasser ab, denn z. B. Irland und ganz Scandinavien bis nach Lappland bergen in dem kalten Wasser ihrer Bäche die nicht blos auf Europa beschränkte, sondern auch in Nordamerika lebende Flußperlenmuschel, Unio margatifer.

Die wichtigsten und wahrscheinlich am längsten ausgebeuteten Fischereigebiete liegen jedoch zwischen den indischen Meeren und der Südsee, zwischen den dort liegenden großen Inselgruppen und in der Nähe der Insel Ceylon, namentlich in der Meerenge, welche diese von dem Festlande trennt und wo von 1506 an nacheinander die Portugiesen, Spanier und Holländer den Markt beherrschten. Neben den ceylonischen sind dort namentlich die Fischereien von Bahrein im persischen Golf und Dahalak von Alters her ergibig und berühmt, doch mögen die zahllosen Einbuchtungen des inselreichen indischen Meeres noch viel zahlreichere Fischereiplätze haben, als deren jetzt ausgebeutet werden. Das ganze rothe Meer, vielleicht mit Ausnahme seines gegen den Ocean offenen Theiles, dient den Perlenmuscheln zum Aufenthalt. Jedoch wird von den nördlichen [168] Theilen aus mehr mit den Schalen als mit Perlen ein beträchtlicher Handel getrieben. Möbius zählt weiter in seinem, im vorigen Artikel erwähnten Buche eine große Menge Plätze des großen Oceans auf, aus denen hervorgeht, daß man diesen mit demselben Recht ein großes Perlenmeer nennen kann. Cook fand Perlenmuscheln an der Ostküste von Neuholland. Auf beiden Seiten Amerika’s werden jetzt an vielen Orten große Mengen von Perlenmuscheln gefischt. Doch sind die Fischereien der Inseln Margarita und Cubagua, im caraibischen Meere, wo Columbus am 15. Aug. 1498 die gesuchten Perlenschätze fand, in neuerer Zeit vernachlässigt, obgleich die hier gefischten alle anderen amerikanischen Pcrlen an Größe und schöner Form übertreffen haben sollen. In Florida fand Hernando de Soto Unmassen von Perlen vor, welche aus den Gewässern der Bahamastraße stammten.

Es wurde schon früher gesagt, daß die Perlen des Meeres von verschiedenen Muschelarten und zwar meist aus der Gattung Avicula herstammen. Die ceylonische Perlenmuschel ist nur 2–2½ Zoll breit und 2½–3 Zoll hoch, sie ist also nicht die, welche uns die großen, bis ein Pfund schweren Schalen liefert, welche letztere meist über Manila von den Sulu-Inseln kommen. Jene soll die Avicula radiata und ihr dünnes Perlmutter werthlos sein. Uebrigens liegt die Naturgeschichte der See-Perlenmuscheln noch sehr im Argen.

Die Perlenfischerei ist oft genug beschrieben worden und zwar nicht selten auf Kosten der Lunge der Taucher, welchen man mehr, als billig ist, dabei zumuthete. Selten vermag ein Taucher länger als eine Minute, ohne Athem zu schöpfen, unter dem Wasser zu bleiben, ja die meisten eilen schon nach 53–57 Secunden wieder an das lebenspendende Element, obgleich auch Fälle von größerer Tauchfertigkeit vorkommen. Die Leichtgläubigkeit für übertriebene Angaben über die Zeit des Tauchens hat ihren Grund in der merkwürdigen Ungeübtheit der Meisten in der Schätzung kleiner Zeitmaße, die man fast immer überschätzen hört. Eine halbe Minute, nach einer Secundenuhr genau gemessen, nicht Athem zu schöpfen, ist für Viele schon eine große Anstrengung.

Im Jahre 1833 waren 125 Boote mit je 10 Tauchern, die sich zu 5 ablösten, also mit zusammen 1250 Tauchern in der Meerenge von Ceylon beschäftigt. Nach einer Durchschnittsannahme berechnet Möbius, daß 150 Boote in 20 Tagen dem Meeresgrunde 60 Millionen Muscheln entreißen, wobei jeder Taucher durchschnittlich 40–50 Mal täglich hinunterfährt und 1000–4000 Muscheln heraufschafft, nachdem er die Byssusfäden zerrissen hat, mit denen die Muscheln am Meeresgrunde festsitzen. Es ist also bei den zahlreichen Fischereistellen im Occan die Zahl der jährlich erbeuteten Muscheln gewiß ungeheuer groß und man kann es glauben, daß ganze Muschelbänke dadurch erschöpft werden können, wenn man die Fischerei unausgesetzt betreibt. Jedoch länger als 6–7 Jahr die Bänke ruhen zu lassen, soll wenigstens in den ceylonischen Gewässern mit Verlust verbunden sein, indem man dann viel todte Schalen findet. Man schließt daraus, daß die Muscheln nicht länger leben, was im Vergleich zu den Süßwasser-Perlenmuscheln eine sehr kurze Lebensdauer sein würde. Man findet die werthvollsten Perlen in einer Tiefe von 3–15 Faden auf Korallenriffen. Doch sind die Perlen des persischen Meerbusens höher geschätzt, weil sie härter als die von Ceylon und daher dauerhafter sind.

Es mag ein abenteuerliches Schauspiel sein, wenn auf das Signal des Regierungsschiffes dort im März, und April von allen Seiten die Taucher mit ihren Booten und gewinnsüchtige Speculanten zu vielen Tausenden zusammenströmen und sich dann für kurze Zeit unter dem glühenden Sonnenstrahl auf dem unwirthbaren Küstensande, der oft nicht einmal Trinkwasser bietet, eine umfangreiche Stadt aus Hütten und Zelten erhebt. Unter den flüchtigen Ansiedlern sind alle Classen vertreten, Jongleurs und Tänzerinnen, Priester und vor allen Haifischbeschwörer, denen für ihre schützenden Zauberformeln ein Theil der Beute zufällt.

Daß die Flußperlenmuscheln nicht minder verbreitet sind, wurde bereits erwähnt; und wie von denen des Meeres muß man auch von diesen sagen, daß ihre Naturgeschichte noch sehr lückenhaft ist, und man namentlich die die Perlen liefernden Arten Asiens und Amerika’s nicht vollständig kennt. In Europa ist es fast nur die schon mehrmals genannte Art, Unio margaritifer.[1] Sie lebt in dem hellen Wasser der Gebirgsbäche an solchen Stellen, wo diese einige Fuß Tiefe haben und nicht zu schnell fließen. Dabei scheinen sie sich am liebsten an solchen Stellen aufzuhalten, welche einen kiesigen oder wenigstens grobsandigen Boden haben. An solchen Stellen stecken sie oft zu vielen Hunderten dicht neben einander im Boden, ohne ihren Platz zu verlassen, während sie in sandigem Grunde lebendiger herumkriechen. In Deutschland ist diese Muschel als Perlenerzeugerin wohl am längsten aus der Elster und einigen Bächen des sächsischen Voigtlandes bekannt. Sie findet sich aber auch an sehr vielen andern Orten der nördlichen Hälfte von Deutschland; scheint dagegen im Süden zu fehlen. Das gleiche Verhältniß scheint in Frankreich stattzufinden, während sie jedoch Graëlls in Arragonien angibt, dessen Bergnatur und Wasserreichthum dem Vorkommen der Muschel allerdings günstig ist. Außerordentlich verbreitet ist die Flußperlenmuschel in Nordeuropa, wo sie selbst in den kältesten Lagen gedeiht. An einigen Orten, z. B. im sächsischen Voigtlande, wird die Perlenfischerei als Regale betrieben, was freilich nirgends viel abwirft. In dem liefländischen Bache Waidau wurden sonst viel Perlen gefunden, welche die Bauern um ein billiges Geld an die Juden verkauften, einen Holzlöffel voll für einen Silberrubel. Auch im eigentlichen Rußland werden Flußperlen gefunden, namentlich in den Gouvernements Nowgorod, Twer und Pskoff. Nächst Sachsen scheint Norwegen und Nordirland besonders reich an schönen Flußperlen zu sein. Wo die Flußperlenfischerei systematisch betrieben wird, sind die Perlenbäche in Bezirke eingetheilt, welche in längeren Zwischenräumen abgesucht werden. Dabei werden die Muscheln nicht getödtet, sondern mit einem meißelartigen Werkzeug etwas geöffnet und nach Perlen untersucht. Solche, in denen man eine sogenannte unreife Perle findet, werden äußerlich mit einem Zeichen versehen und wieder in das Wasser geworfen. 1832 sagte mir ein Beamter der sächsischen Perlenfischerei, daß man (damals) noch lebende Muscheln mit Zeichen aus dem vorigen Jahrhundert finde. Dies ist meines Wissens der einzige Fall, daß wir eine zuverlässige Kunde über die lange Lebensdauer der Muscheln besitzen. Sonst kann man nur aus der Dicke der Schale hierüber Schlüsse machen.

Meist oder wenigstens sehr oft sind die perlenführenden Flußmuscheln an ihrer etwas unregelmäßigen Gestalt schon äußerlich als solche zu erkennen, obgleich der umgekehrte Fall kein sicheres Zeichen von Abwesenheit einer Perle ist. Die Bezeichnung „unreif“ bezieht sich ohne Zweifel lediglich darauf, daß die Perle im Mantel des Thieres sich nicht in dem Bereiche der Absonderung des reinen Perlenmutterstoffes, sondern in dem des Säulenstoffes und des Oberhautstoffes befindet, und eine solche Perle kann nicht eher reif, d. h. nicht eher schön perlmutterglänzend werden, als bis sie in eine dazu geeignete Lage kommt. Es käme also darauf an, ob es gelänge, daß sie von dem Rande des Mantels, wo jene Stoffe ausgeschieden werden, mehr nach hinten zu gedrückt werden könnte. Es scheint aber gerade bei der Flußperlenmuschel häufiger als bei den Seemuscheln jede beliebige Stelle des Mantels Oberhautstoff ausscheiden zu können, denn man findet selten ein Exemplar, welches nicht inwendig olivengrüne wolkenförmige Flecken zeigte.

Was den Handel betrifft, so beginnt er bei den Meerperlen meist schon an der Meeresküste, unmittelbar nachdem die Muscheln herausgebracht sind; und zwar beginnt er mit einer Art Lotteriespiel, indem die in Haufen getheilten Muscheln noch ungeöffnet verkauft werden. Ein solcher kann lauter Nieten, er kann aber auch einen oder einige große Treffer enthalten. Meist enthält eine Muschel, wenn sie überhaupt perlenhaltig ist, nur eine Perle, es kommen aber auch zuweilen mehrere darin vor, ja man fand einmal 87 gute Perlen in einer Muschel. Meist läßt man auf einer festen, etwas geneigten Stelle des Bodens die Muschelthiere faulen, was bei der großen Sonnenhitze in wenigen Tagen erfolgt. Dann wird der stinkende Brei in Holztrögen mit Wasser ausgewaschen, wobei die Perlen zu Boden sinken, um dann durch gewöhnlich neun verschiedene Siebe in eben so viele Größengrade sortirt werden. Die Schalen der leeren Muscheln sind dann doch wenigstens ein etwas besserer Trost, als das Papier durchgefallener Lotterieloose. Sie sind in neuerer Zeit, weil Perlmutterzierrathen jetzt besonders beliebt sind, sehr im Preise gestiegen. In den Jahren 1848–1856 kamen von den Sulu-Jnseln 827,300 engl. Pfund nach Europa, deren Preis gegen sonst von 8 Dollar auf 28 Dollar für das Pecul (gleich 140 engl. Pfd.) gestiegen war. In den [169] Jahren 1853–1855 war der Durchschnittspreis eines Zollcentners in Hamburg 9 Thlr. 16 Sgr.

Hinsichtlich des Werthes unterscheidet man Lothperlen, Barokperlen, Zahlperlen und die ganz kleinen als Saatperlen oder Perlenstaub. Die Lothperlen werden nicht einzeln, sondern nach dem Gewicht verkauft, und dabei bestimmt wieder die Zahl der Perlen, welche auf ein Loth gehen, den Preis eines Lothes. Die Barokperlen sind große, unregelmäßig gestaltete Perlen mit buckeliger Oberfläche. Sie werden mit Verwendung von Gold- und Edelsteinen zu allerhand Figuren verarbeitet. Im Dresdner Grünen Gewölbe finden sich eine Menge derartiger Kleinodien, unter andern ein Männchen, an dem eine sehr große Barokperle den Leib vom Gürtel bis zu den Knieen bildet, seine weiten Pluderhosen darstellend. Die Zahlperlen sind die größten, welche einzeln verkauft und oft zu außerordentlich hohen Preisen bezahlt werden.

Das Gewicht, welches beim Perlenhandel zum Grunde gelegt wird, ist, wie überhaupt bei dem Juwelenhandel, das Karat = 4 Grän. Ein Loth Hamburger Bankgewicht enthält 71 Karat. Nach der Angabe von Möbius bestimmt man den Preis besonders schöner und großer Perlen folgendermaßen. Man kommt zunächst über den Karatpreis der Perle überein, wobei man eine 1 Karat wiegende kleine Perle von derselben Schönheit der Form, Farbe und des Wassers zum Grunde legt. Diesen Werth multiplicirt man mit dem Quadrat des Gewichtes der zu schätzenden Perle, und multiplicirt das gefundene Product nochmals mit 8. Nehmen wir z. B. den Karatpreis zu 1 Thlr. an und das Gewicht der zu schätzenden Perle zu 5 Karat, so ist der Preis derselben fünf mal fünf 1 Thlr. = 25 Thlr. mal 8 = 200 Thlr. Vollkommen runde Perlen vom reinsten Wasser kosten ungefähr: 2 Grän schwer 11/5–1½ Thlr., 3 Grän schwer 3–3½ Thlr., 1 Karat schwer 4½–5 Thlr., 2 Karat 5–6 Thlr., 3 Karat bis 40 Thlr., 4 Karat bis 50 Thlr. Eine einzelne Perle wird weniger theuer bezahlt, als dieselbe in einer Schnur bezahlt werden würde, weil die Zusammengehörigkeit vieler vollkommen gleicher Perlen natürlich den Werth jeder einzelnen erhöht. In Hamburg wird eine Schnur von 70–80 dreikaratigen (ungefähr erbsengroßen) Perlen mit 4 bis 6000 Thlr. bezahlt, also durchschnittlich 70 Thlr. für eine, während eine einzelne davon nicht viel mehr als halb so viel Werth sein würde. Hier ist also der Partiepreis höher als der Stückpreis, während es sonst gewöhnlich umgekehrt ist. Gehen von Lothperlen 2–300 auf ein Loth (zu 71 Karat), so ist sein Preis 100 Thlr., wenn 6–700, nur 50 Thlr.

Die Perleneinfuhr nach Europa ist beträchtlich, obgleich wahrscheinlich eine noch größere Menge in Asien verkauft wird. Von 1837–1855 war die geringste Ziffer der jährlichen Einfuhr in Frankreich 310,400 Franken, die größte dagegen 2,433,000 Fr. In Englind wurden 1853, 1854 und 1855 für 132,212 Pfund Sterling Perlen eingeführt. Paris ist jetzt der hauptsächliche Perlenmarkt Europa’s; für Deutschland ist es Leipzig. Natürlich verschwindet dagegen der Ertrag der Flußperlenfischerei. In Sachsen war der durchschnittliche Jahresertrag von 1730–1804 135 Thlr. (152 Perlen), von 1805–1825 102 Thlr. (122 Stück Perlen) und 1826–1836 81 Thlr. (142 Perlen), also fortwährend im Abnehmen, zuletzt auch der Perlengüte nach. Gleichwohl geben die Flußperlen den Meerperlen an Schönheit zuweilen kaum etwas nach, wenn sie letztere auch nicht an Größe erreichen. Im Grünen Gewölbe zu Dresden befinden sich einige Schnuren von Elsterperlen, welche den daneben liegenden orientalischen wenig nachstehen. Die Herzogin von Sachsen-Zeitz besaß einen vaterländischen Perlenschmuck, welcher einen Werth von 40,000 Thlrn. hatte. Doch verschwinden diese Werthe gegen die Perlenwunder des Meeres. Die größte Perle, welche Tavernier auf seinen vierzigjährigen Reisen durch die Türkei, Persien und Indien bei dem König von Persien fand, war 35 Millimeter lang und 27 Millim. breit, also etwa eirund und kostete 128,000 Thlr. Auf der Londoner Ausstellung 1851 war eine allerdings etwas buckelige Riesenperle von 2 engl. Zoll Länge ausgestellt.

Wir lernten, daß an die krankhafte Verwendung eines Ueberrestes von jenem Baustoff, mit welchem ein auf der Stufenleiter des Systems sehr tief stehendes Thier sein Gehäuse baut, sich eine lange Folge von menschlichen Mühen und Sorgen, Wünschen und Leidenschaften reiht. Vielleicht mußten Tausende von armen Tauchern ihr Leben auf das Spiel setzen, um in Form von kleinen Perlen auf den üppigen Leib eines Nabob ein Capital zu häufen, mit dessen Zinsen hundert Arme den Kummer von ihrem Lager verscheuchen könnten.





  1. Nicht margaritifera, denn Plinius braucht das Wort unio in der Bedeutung einer großen Perle als Masculinum. Geläufiger ist es uns freilich als Femininum in der Bedeutung: Vereiniqung.