Hölderlin (Max Ring)

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Autor: Max Ring
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Titel: Hölderlin
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aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 164-467
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Hölderlin.

In dem reizenden Neckarthale, lieblich von Weinbergen umkränzt und von den fernen Höhen der „rauhen Alp“ wie von treuen Wächtern behütet, liegt das freundliche Tübingen, wo Uhland, der deutsche Liedersänger, an der Brücke in dem trauten Hause wohnt. In der Nähe erhebt sich der Oesterberg mit dem kleinen Weinbergshäuschen, worin Wieland seinen „Oberon“ gedichtet hat. Noch eine Reliquie birgt die Stadt in ihren Mauern, zu der wir jetzt unsere Schritte lenken.

Wir steigen eine schmale Treppe hinauf und gelangen in ein thurmähnliches Erkerzimmer mit der entzückendsten Aussicht auf Berg und Thal. Rings umher steht der einfachste Hausrath, ein hölzerner Tisch und zwei Sessel; in einem Winkel ein Clavier mit verstimmten und zerrissenen Saiten, ein treues Bild einer gestörten Menschenseele. Der Bewohner dieser fast ärmlichen Räume starrt uns mit scheuen und stumpfen Blicken an; aber die Gegenwart unseres Begleiters, eines wackeren Tischlermeisters, dem das Haus gehört, macht ihn freundlicher, so daß er uns nicht, wie es sonst seine Gewohnheit den Fremden gegenüber ist, mürrisch und aufgebracht den Rücken kehrt. Die hagere Gestalt richtet sich empor und antwortet auf unseren Gruß mit einer tiefen Verneigung, die voll Grazie wäre, wenn sie nicht etwas gezwungen Krampfhaftes verriethe. Das Profil des uns zugewandten Gesichtes zeigt eine hohe gedankenschwere Stirn, freundliche, wenn auch erloschene, aber nicht seelenlose, liebe Augen; über Wangen, Mund und Nase liegt ein eigenthümlich schmerzlich kranker Zug ausgebreitet, der mit einem plötzlichen convulsivischen Zucken abwechselt, von dem der ganze Körper erschüttert wird. Er trägt ein einfaches graues Wamms, in dessen Seitentaschen er seine Hände zu verbergen liebt. Die ganze Erscheinung trägt die Spuren einer früheren großen Schönheit und Anmuth an sich, die weder von den Jahren, noch vom Unglück gänzlich verwischt worden sind. Unwillkürlich müssen wir bei seinem Anblicke an eine mächtige vom Mond beglänzte Ruine denken und unsere Seele fühlt sich von Mitleid und tiefer Wehmuth ergriffen, ehe wir noch sein Schicksal kennen. Auf unsere freundliche Anrede erwidert er mit einem Schwall von unverständlichen Worten ohne jeden Sinn und Zusammenhang. Er nennt uns bald Ew. Majestät, bald Ew. Heiligkeit und überhäuft uns mit den verschiedensten Titeln. Länger können wir nicht zweifeln, daß wir es mit einem Wahnsinnigen zu thun haben. Da plötzlich fällt sein Auge auf ein Buch, welches aufgeschlagen auf dem Tische liegt; er greift danach und liest anfänglich mit tonloser Stimme, dann immer lebendiger und erschütternder daraus folgende Stelle vor:

„Ruhe der Kindheit! himmlische Ruhe! wie oft stehe ich stille vor Dir in liebender Betrachtung und möchte Dich denken! Aber wir haben ja nur Begriff von dem, was einmal schlecht gewesen und wieder gut gemacht ist; von Kindheit, Unschuld haben wir keine Begriffe.

„Da ich noch ein stilles Kind war und von dem Allen, was uns umgibt, nichts wußte, war ich da nicht mehr, als jetzt, nach all’ den Mühen des Herzens und all’ dem Sinnen und Ringen?

„Ja! ein göttlich Wesen ist das Kind, so lange es nicht in die Chamäleonsfarbe der Menschen getaucht ist.

„Es ist ganz, was es ist, und darum ist es so schön.

„Der Zwang des Gesetzes und des Schicksales betastet es nicht; im Kind ist Freiheit allein.

„In ihm ist Frieden; es ist noch mit sich selber nicht zerfallen. Reichthum ist in ihm; es kennt sein Herz, die Dürftigkeit des Lebens nicht. Es ist unsterblich, denn es weiß vom Tode nichts.

„Aber das können die Menschen nicht leiden. Das Göttliche muß werden, wie ihrer einer, muß erfahren, daß sie auch da sind, und eh’ es die Natur aus seinem Paradiese treibt, so schmeicheln und schleppen die Menschen es heraus, auf das Feld des Fluches, daß es, wie sie, im Schweiße des Angesichts sich abarbeite.“

Während er liest, leuchtet der göttliche Strahl der Poesie um seine hohe, weiße Stirn wie Sonnenschein über einer Winterlandschaft. – Wir glauben einen großen Dichter zu hören, einen gottbegeisterten Sänger. Mit einem Male läßt er aber seine Stimme sinken, sein Gesicht verzerrt sich zu einem widerwärtigen Lachen.

„O schön, schön, Ew. Majestät!“ ruft der Unglückliche, indem er das Buch fallen läßt. Wir heben es auf und lesen den Titel: Hyperion oder der Eremit in Griechenland. Jener Wahnsinnige, der uns wieder dumpf brütend anstarrt, ist der Verfasser dieses wunderbaren Werkes, ist der Dichter Hölderlin.

Ueber dreißig Jahre verharrte er in diesem bedauerungswürdigen Zustande. Welche Verhältnisse und Schicksale diesen edlen Geist zerrüttet, diesen Genius wie ein Frostreif in seiner Blüthenpracht getroffen, bleibt ein psychologisches Räthsel, das trotz mancher Andeutungen und Anhaltepunkte aus seinem Leben noch immer nicht gelöst ist. – Hölderlin war einer der bedeutendsten Dichter, welche Deutschland besessen, ein eben so eigenthümliches als hervorragendes Talent; aber das Geschick verstattete ihm nicht, den ihm gebührenden Platz einzunehmen. Mitten in seiner Entwickelung traf ihn das grausige Loos des Wahnsinnes wie der Blitzstrahl, welcher nicht das niedere Gestrüpp, sondern nur die stolze, königliche Eiche schlägt.

Er war wie Schiller, mit dem er eine gewisse Verwandtschaft zeigt, in dem an Dichtern und Denkern so reichen Schwaben am 29. März 1770 geboren. Frühzeitig verlor er seinen Vater, so daß die Mutter fast allein die Erziehung des begabten Knaben leitete. Der vorzugsweise weibliche Einfluß in seiner Jugendzeit entwickelte zwar den Sinn für alles Gute und Schöne, aber auch eine gewisse Schüchternheit, ideale Schwärmerei, eine überwiegende Empfindlichkeit und leichte Verletzbarkeit im Zusammenstoße mit der rauhen Wirklichkeit. Die schöne Natur, in der Hölderlin fortwährend lebte, unterstützte seinen Hang zur Zurückgezogenheit; er liebte selbst als Kind nicht die lärmenden Spiele seiner Altersgenossen, denen er die einsamen Wanderungen in der herrlichen Umgebung vorzog.

Diese Neigung hielt ihn jedoch nicht ab, mit Fleiß seine Studien zu verfolgen; er besuchte die lateinische Schule in Nürtingen, wo seine Mutter wohnte. Unter den Zöglingen dieser Anstalt befand sich mit Hölderlin zugleich der später so berühmt gewordene Naturphilosoph Schelling. Beide Knaben wurden bald miteinander bekannt und befreundet, gleiche Liebe zu den Wissenschaften und Bewunderung für das classische Alterthum verband sie auf das Innigste. Von Nürtingen kam Hölderlin wohl vorbereitet auf das Seminar nach Maulbronn. Hier entwickelte sich bereits sein poetisches Talent; er galt bei seinen Lehrern für einen talentvollen Schüler, der „auch schöne deutsche Verse mache.“ Besonders aber fühlte er sich schon damals von den Dichtern Griechenlands angezogen und seine Vorliebe für Hellas und die Vergangenheit einer schöneren Zeit erfüllte ihn mit einer Sehnsucht, welche sich später zu krankhafter Schwärmerei steigern sollte. Auch die Liebe, diese stete Begleiterin der Poesie, näherte sich ihm in Gestalt einer jugendlichen Beamtentochter, mit welcher der siebzehnjährige Hölderlin bald in den Kreuzgängen des Klosters, bald in den benachbarten Baumgärten oder in den frischen, von schönen Seen durchzogenen Wäldern in der Umgebung verstohlen zusammenkam. Ihre Gespräche beschränkten sich meist auf poetische Eindrücke und Empfindungen, wie aus den noch vorhandenen Briefen hervorgeht. So schildert Hölderlin einmal seiner Louise, so hieß das Mädchen, mit besonderer Rührung den tiefen Eindruck, welchen das Gebet des greisen, der Klosterschule würdig vorstehenden Prälaten während eines furchtbaren Gewitters auf ihn gemacht, und sie wiederum beneidet ihn in ihrer Antwort um diesen frommen Genuß.

Dieses an sich unschuldige Verhältniß mag allerdings dazu beigetragen haben, seine ohnehin lebendige Phantasie noch mehr zu [165] reizen und die Empfindsamkeit seines Herzens zu erhöhen; seine Poesie erhielt aber Nahrung und Leben.

Im Herbst des Jahres 1788 bezog er die Landesuniversität Tübingen, wo er sich auf Wunsch seiner Mutter dem Studium der Theologie widmete, nicht aus innerem Beruf, aber auch nicht mit Widerstreben, wie von verschiedenen Seiten behauptet wird. Das Zusammenleben mit verschiedenen jungen Leuten, von denen einige später zu der größten Berühmtheit gelangten, übte einen vortheilhaften Einfluß auf sein ganzes Wesen aus. Mehrere bedeutende Jünglinge näherten sich ihm trotz seiner Zurückgezogenheit und schlossen sich ihm an. Diese Freundschaft gewann schon durch seine körperliche Schönheit etwas Idealisches, seine Studiengenossen haben oft von ihm erzrhlt, „wenn er vor Tische auf- und abgegangen, sei es gewesen, als schritte Apollo durch den Saal.“ Zu diesem anziehenden Aeußeren gesellte sich eine angeborene dichterische Melancholie, welche ihm einen eigenen, wunderbaren Reiz verlieh. Unter seinen Freunden nahmen die Studenten Ludwig Neuffer und Rudolph Magenau die erste Stelle ein; Beide beschäftigten sich, wie Hölderlin, mit Poesie und theilten sich gegenseitig ihre ersten Versuche mit. Unter den Ausländern zogen ihn Leo von Seckendorff und Sinclair, aus einer vornehmen schottischen Familie stammend, besonders an. Letzterer, ein bedeutender und interessanter Mann, der später die diplomatische Laufbahn einschlug, griff im ferneren Leben überaus thätig in Hölderlin’s Schicksal ein. Auch der berühmte Hegel, welcher in Tübingen damals Theologie studirte, trat ihm nahe. Hegel ließ damals seine künftige Bedeutung nicht im Entferntesten ahnen; man wußte nur, daß er sich viel mit Kant beschäftigte, außerdem galt er für einen eifrigen, feinen Tarokspieler, liebte die Gesellschaft und war in Betreff seines Umganges nichts weniger als wählerisch. – Mit Hölderlin verband ihn ein gleiches philosophisches Streben und seine Bekanntschaft mit den Griechen, namentlich mit Sophokles.

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Hölderlin.

In solch’ anregender Umgebung mußte sich Hölderlin’s Geist immer freier und bedeutender entwickeln. Mit besonderer Vorliebe trieb er Philosophie und das Studium der alten Classiker, in die er sich nach und nach immer mehr versenkte, so daß er in einer mit der Gegenwart scharf contrastirenden Welt völlig heimisch wurde und eine fremde Denkweise sich zu eigen machte. Aber auch sein gesellschaftliches Talent entwickelte sich in gewinnender Weise. Eine ihn überall empfehlende Lieblingsbeschäftigung war die Musik; er nahm Unterricht bei dem berühmten blinden Flötenspieler Dulon, der sich einige Zeit in Tübingen aufhielt, und bald erklärte der Meister, daß sein Schüler nichts mehr bei ihm zu lernen habe. Mit seiner ersten Geliebten stand er als Student noch in Verbindung, aber da ihm die Schwierigkeit, sich mit dem Mädchen verbunden zu sehen, immer klarer entgegentrat, je älter er wurde, und da sich keine Aussicht auf eine frühzeitige Versorgung zeigte, wurde von ihm das ohnehin nur lockere Verhältniß aus der Jugendzeit gelöst. Eine neu aufkeimende Neigung zu der Tochter eines Tübinger Professors, welche er unter dem Namen Lyda besang, war nicht glücklicher, da die Eltern der Verbindung entgegen waren und jede fernere Annäherung abschnitten. – Diese Neigungen scheinen indeß Hölderlin nicht tiefer berührt zu haben; erst später sollte er die Gewalt der wahren Liebe kennen lernen, welche sein dämonisches Schicksal hauptsächlich mit herbeiführte.

Die heranbrechende französische Revolution übte einen mächtigen Einfluß auf Hölderlin und seine Studiengenossen. Wie überall in Deutschland wurde das welterschütternde Ereigniß besonders von der Jugend anfänglich mit Begeisterung aufgenommen; sie hoffte davon die Verwirklichung ihrer Ideale, die Wiederkehr der großen Vergangenheit, einen Freistaat im Sinne der Republik eines Plato, eine Wiedergeburt der Menschheit und Thaten, würdig des alten Sparta und Athen. Am Geburtstage der französischen Republik wurde von den Studenten auf dem Tübinger Marktplatze ein Freiheitsbaum errichtet und mit berauschender Freude umjubelt. Hegel galt für einen entschiedenen Republikaner und Hölderlin selbst erwartete für Deutschland einen ähnlichen gewaltigen Umschwung und eine Verjüngung der alten, verrotteten Zustände. – Der deutsche Geist brachte es jedoch nicht weiter, als zu einer Umwälzung auf dem abstracten Gebiete der Gedankenwelt; hier hatte Kant eine Revolution angeregt und einen Kampf hervorgerufen, an dem sich Hölderlin lebhaft betheiligte. Durch Jakobi’s Schriften wurde er auch mit Spinoza bekannt gemacht und schwärmte bald für eine pantheistische Weltanschauung, welche mit der von ihm bewunderten griechischen Götterwelt vollkommen harmonirte.

Aber weder die Politik noch die Philosophie waren im Stande, ihn der Poesie untreu zu machen; in ihr fand er die höchste Befriedigung, das Ziel seines brennenden Ehrgeizes. Nicht wenig trug zu dieser entschiedenen Richtung das Vorbild seines Landsmannes Schiller bei, dessen persönliche Bekanntschaft er bei einem Besuche desselben in Schwaben gemacht hatte. Deutlich tragen auch die ersten Gedichte Hölderlin’s die Spuren dieses Einflusses und das oft in einem Grade, daß man Schiller selbst zu hören glaubt, wenn Hölderlin in seinem Gedichte „das Schicksal“ singt:

Mit ihrem beil’gen Wetterschlage,
Mit Unerbittlichkeit vollbringt
Die Noth an einem großen Tage,
Was kaum Jahrhunderten gelingt.
Und wenn in ihren Ungewittern
Selbst ein Elysium vergeht,
Und Welten ihrem Donner zittern –
Was groß und göttlich ist, besteht.

So verfolgte Hölderlin immer mehr eine Richtung, welche ihn seinem eigentlichen Berufe, der Theologie, entfremdete und überhaupt an die Stelle des praktischen Lebens eine Welt der Ideale setzte. Im Herbst 1793 verließ er die Universität, unentschieden [166] wegen seiner zukünftigen Laufbahn. Einstweilen nahm er durch Schiller’s Vermittlung die Stelle eines Erziehers in dem Hause der bekannten geistreichen Frau von Kalb an, aber ungeachtet diese Freundin Schiller’s gewiß Alles aufbot, ihm seine Stellung angenehm zu machen, so verließ er dieselbe schon nach kurzer Zeit, um sich nach Jena zu begeben, wohin er durch Fichte’s berühmte Vorlesungen und durch den Verkehr mit Schiller sich mächtig gezogen fühlte. Der Letztere nahm den lebendigsten Antheil an den poetischen Arbeiten seines jüngeren Landsmanns, von dem er mehrere Gedichte und ein Fragment des Hyperion in der von ihm herausgegebenen neuen „Thalia“ veröffentlichte.

Da Hölderlin in Jena trotz seiner und Schiller’s Bemühungen kein gesichertes Einkommen sich verschaffen konnte, so mußte er wieder in die Heimath und zu seiner Mutter zurückkehren, die es nicht an liebevoller Unterstützung fehlen ließ. Mit der Vollendung des Hyperion und kleinerer literarischer Arbeiten beschäftigt, erhielt er auf die Empfehlung seines Freundes Sinclair das Anerbieten, eine Hofmeisterstelle in einem angesehenen Hause in Frankfurt a. M. zu übernehmen. Dies Verhältniß entschied über sein Geschick, und legte wahrscheinlich den Grund zu seinem nachfolgenden Wahnsinn. Bald machte die Frau vom Hause, eine geborne Hamburgerin und nach dem einstimmigen Urtheile Aller, die sie gesehen, mit einem vortrefflichen Charakter edles Zartgefühl und eine hohe Bildung vereinend, den tiefsten Eindruck auf die jugendliche Phantasie des Dichters. Anfänglich übte diese Neigung den vortheilhaftesten Einfluß auf Höderlin aus; wozu auch der erneuerte Umgang mit Hegel viel beitrug, der ebenfalls in Frankfurt eine Stelle als Hauslehrer gefunden hatte. Die Liebe zu jener ausgezeichneten Frau, welche er unter dem Namen „Diotima“ verehrte, schien seine poetische Schöpferkraft von Neuem anzufeuern; er dichtete mehrere bedeutende Gesänge, welche er Schiller mittheilte. Dieser verfolgte mit wahrhaft väterlich freundschaftlicher Gesinnung die Entwicklung des jüngeren Hölderlin, über dessen Wesen er schon damals folgenden höchst charakteristischen Brief an den minder für ihn eingenommenen Goethe schrieb:

„Es freut mich, daß Sie meinem Freunde und Schutzbefohlenen nicht ganz ungünstig sind. Das Tadelnswürdige an seiner Arbeit ist mir sehr lebhaft aufgefallen; aber ich wußte nicht recht, ob das Gute auch Stich halten würde, das ich darin zu bemerken glaubte. Aufrichtig, ich fand in diesen Gedichten viel von meiner eigenen sonstigen Gestalt, und es ist nicht das erste Mal, daß mich der Verfasser an mich erinnerte. Er hat eine heftige Subjectivität und verbindet damit einen gewissen philosophischen Geist und Tiefsinn. Sein Zustand ist gefährlich, da solchen Naturen so schwer beizukommen ist.“

Nur zu richtig hatte Schiller Hölderlin’s Zustand beurtheilt, obgleich derselbe vorläufig sich in seinen neuen Verhältnissen überaus glücklich fühlte. Er hatte einen Verleger für den ersten Theil seines „Hyperion“ gefunden, und beschäftigte sich mit der Vollendung dieses eigenthümlichen Romans, der, was Schönheit der Sprache und Tiefe der Gedanken betrifft, zu dem Vorzüglichsten gerechnet werden darf, was die deutsche Literatur aufzuweisen hat, und, wenn auch hier und da an Heinse’s Ardinghello anklingend, diesem in sittlicher und ethischer Beziehung unendlich überlegen ist, obgleich das lyrische Element auf Kosten der epischen Verwicklung vorwaltet. Die erhabensten Gefühle, Liebe, Freundschaft und Begeisterung für das Vaterland, geben dem Inhalt eine hohe Bedeutung für alle Zeiten.

Auch auf dem dramatischen Gebiete wollte Hölderlin wirken, und lange beschäftigte er sich mit dem Plane zu einem Trauerspiele, welches den König Agis von Sparta zum Helden haben sollte.

Unterdeß aber wuchs die Leidenschaft zu der Mutter seiner Zöglinge in einem Grade, daß er füglich nicht länger in ihrem Hause bleiben konnte, ohne sich und die Frau, welche seine Liebe erwiderte, zu verderben. Nach schweren Kämpfen, von denen seine Gedichte und die Briefe aus jener Zeit Zeugniß ablegen, riß er sich mit blutendem Herzen von ihr los. Er fand eine Zuflucht bei seinem treuen Sinclair in Homburg, der Alles anwendete, um den an Leib und Seele kranken Freund zu zerstreuen und herzustellen. Mit ihm wohnte Hölderlin dem bekannten Congresse in Rastadt bei, wo er jedoch weniger den politischen Vorgängen, als seinen literarischen Arbeiten Aufmerksamkeit geschenkt zu haben schien. Die deutsche Versunkenheit und Zerfahrenheit indeß, welche damals in grauenhafter Weise zuerst zum Vorschein kam, konnte sicher ihm nicht entgehen, und der Schmerz über diese erbärmlichen Zustände hallte in seinen spätern Gedichten klagend nach. Dieses Weh über den Verfall des Vaterlandes und die Gesinnungslosigkeit des deutschen Volkes steigerte sich in Hölderlin, dem die ideale Heldengröße des alten Hellas vorschwebte, zu einer Bitterkeit und Verstimmung, welche nicht ohne Einfluß auf seine spätere Geistesstörung blieb. Noch aber siegte seine Willenskraft über die äußeren und inneren Bedrängnisse; obgleich in seiner Jugendkraft gebrochen und vielfach tief verletzt, ließ er es nicht an neuen Versuchen fehlen, um sich mit dem Leben wieder auszusöhnen. Zunächst suchte er in neuen Arbeiten Trost; er schrieb den zweiten Theil des Hyperion, ohne jedoch den befriedigenden Abschluß für den Roman zu finden; auch vollendete er das Trauerspiel Agis, das leider durch einen Zufall im Manuscript verloren gegangen ist. Dagegen wurden die Fragmente einer andern Tragödie, „Empedokles“ erhalten, die trotz ihrer wunderbaren Gedankentiefe und der bedeutenden ihr zu Grunde liegenden Idee ein mehr lyrisches als wahrhaft dramatisches Ta- lent bekundet. –

Mit diesen poetischen Beschäftigungen wechselten verschiedene Pläne, um sich eine gesicherte Existenz zu begründen. Zuerst beabsichtigte Hölderlin die Herausgabe eines periodischen Journals, das indeß nicht zu Stande kam; ebensowenig gelang es ihm, eine Anstellung als Docent an der Universität Jena zu erlangen. Wie nicht unwahrscheinlich, trat ihm hier Goethe hindernd entgegen, dessen objektiv abgeschlossene Natnr sich mit einem so subjectiv zerfahrenen Charakter am wenigsten vertragen konnte. Noch in seinem Wahnsinne zeigte Hölderlin einen gewissen Widerwillen, wenn man in seiner Gegenwart den Namen Goethe’s erwähnte.

Kränkelnd, unzufrieden und in seinen Plänen gescheitert, kehrte Hölderlin von Neuem in das Haus der liebevollen Mutter zurück. Er sah alle seine Schulfreunde, die das praktische Leben besser verstanden, mehr oder minder versorgt und untergebracht, geehrt im Staatsdienst oder durch eigene Thätigkeit unabhängig, während er im reifen Mannesalter noch immer zum Theil auf die Unterstützung der Seinigen angewiesen war, und es zu nichts gebracht hatte. – Sein Stolz und ein empfindlicher Ehrgeiz litten unter diesem Zustande; es duldete ihn nicht länger in der Heimath, und er nahm deshalb mit Freuden wieder eine Hauslehrerstelle in Bordeaux bei dem Hamburgischen Consul an. Hier fühlte er sich auch anfänglich zufrieden; die südliche Natur des Landes, der classische Boden, den er betrat, die zarte, rücksichtsvolle Behandlung schien einen günstigen Einfluß auf sein verwundetes Gemüth auszuüben. Da traf ihn aller Wahrscheinlichkeit nach, plötzlich und unerwartet die Nachricht von der Krankheit und dem Tode jener Frau, die er noch immer heiß und innig liebte. Dieser letzte Schlag genügte, um den in allen Lebenshoffnungen betrogenen Dichter zu vernichten; seine Willenskraft, die nie besonders stark gewesen, wurde vollständig gelähmt, sein krankhafter Geist nun gänzlich zerrüttet. Man braucht nicht, wie Waiblinger, der mit Hölderlin später viel verkehrte, zu sinnlichen Ausschweifungen seine Zuflucht zu nehmen, um den jetzt mit Gewalt hervortretenden Wahnsinn zu erklären. Minder wichtige Momente, als der Tod einer angebeterten Geliebten, das Scheitern aller Aussichten und der Jammer über den Verfall des Vaterlandes, genügen wohl selbst einen gewöhnlichen Menschen, geschweige einen solchen Dichtergeist wahnsinnig zu machen.

Nachdem Hölderlin seine bisherige Stellung heimlich verlassen und ohne Aufenthalt ganz Frankreich zu Fuß durchwandert hatte, erschien er plötzlich wieder in der Heimath und bei seinen Freunden. So erzählt der Dichter Matthisson, daß er ruhig in seinem Zimmer gesessen, als sich die Thür geöffnet und ein Mann hereingetreten, den er nicht gekannt. Er war leichenblaß, abgemagert, von hohlen, wildem Auge, langem Haar und Bart und gekleidet wie ein Bettler. Erschrocken steht Matthisson auf, das schreckliche Bild auffassend, das eine Zeit lang verweilt, ohne zu sprechen, sich ihm sodann nähert, sich über den Tisch hinüber neigt, häßliche, ungeschnittene Nägel an den Fingern zeigt und mit dumpfer, geisterhafter Stimme murmelt: „Hölderlin.“ Und sogleich ist die Erscheinung fort und Matthisson hat Noth, sich von dem Eindrucke dieses Besuches zu erholen.

Hölderlin blieb anfänglich im mütterlichen Hause, wo er sich auch zu erholen und, abgesehen von einigen Anfällen, ruhiger zu werden schien. Er kehrte sogar zu seiner Lieblingsneigung, der Poesie zurück, indem er sich bald mit eigenen Dichtungen, bald mit Uebersetzungen aus dem Griechischen beschäftigte, welche allerdings neben [167] großen Schönheiten bereits die Spuren geistiger Zerrüttung an sich trugen.

Jetzt, im Unglücke, sollte auch Hölderlin einen Beschützer an einem deutschen Fürsten finden. Der Landgraf von Hessen bot dem kranken Dichter die geeignete Stelle eines Bibliothekars mit einem kleinen Gehalte an, und Hölderlin war auch scheinbar so weit hergestellt, um seinen Posten antreten und nach Homburg reisen zu können, wo der treue Sinclair durch liebevolle Pflege und Theilnahme ihn vollends herzustellen glaubte. Diese Hoffnungen sollten indeß nicht in Erfüllung gehen; bald zeigten sich von Neuem die Spuren des Wahnsinns, der in Raserei ausartete, so daß der Kranke einer Heilanstalt übergeben werden mußte. Als unheilbar entlassen, fand Hölderlin die liebevollste Aufnahme in der Familie eines wohlhabenden und gebildeten Tischlermeisters, wo er bis zu seinem Lebensende blieb.

Sein Wahnsinn nahm zwar eine mildere Gestalt an, aber nichts desto weniger kehrte seine Vernunft nicht mehr zurück. Theilnahmlos ging er wie ein Schatten durch das Leben; nur die Nachricht von der Befreiung Griechenlands schien ihn aus seinem dumpfen Hinbrüten zu wecken. Bald verfiel er jedoch wieder in seinen früheren Stumpfsinn. – Nur die Muse war ihm treu geblieben; er schrieb und dichtete selbst in seiner Krankheit, wobei die wunderbare Erscheinung sich kund gab, daß die poetische Form und der Rhythmus von ihm streng beobachtet wurde, während er nicht die Kraft hatte, den Gedanken festzuhalten. So schleppte der geniale Dichter ein freudenloses, stumpfes Dasein bis in’s höchste Alter hin. Er starb über 70 Jahre alt am 7. Juni 1843. Seiner Leiche folgten trotz des eingetretenen Unwetters außer den Verwandten viele Studirende und Professoren. In dem Augenblick, wo der Sarg des Unglücklichen in das Grab gelassen wurde, brach die Sonne aus dem dunklen Gewölk hervor. – Der Tod hatte den Dichter von jedem irdischen Jammer befreit und seine Seele schwang sich, erlöst von den Banden des Wahnsinns, aufwärts zur Unsterblichkeit.

Max Ring.