Pariser Bilder und Geschichten/Männliche und weibliche Modelle

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Autor: Ludwig Kalisch
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Titel: Pariser Bilder und Geschichten
Männliche und weibliche Modelle
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 775–778
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Pariser Bilder und Geschichten.


Männliche und weibliche Modelle.


Von Ludwig Kalisch.


Es gewährt dem Denker ein ganz eigenthümliches Interesse, in Paris die tausend Wege zu beobachten, auf denen die Menschen dem täglichen Brode nachjagen. Diese Wege sind nicht immer gerade, nicht immer geebnet. Es sind oft krumme Wege, verschlungene Wege, Seitenwege, Abwege; aber sie sind gedrängt voll. Die Existenz in Paris ist eben für die Meisten ein beständiger Kampf auf Leben und Tod. Man muß laufen und rennen; man muß schaffen und erfinden; man muß überall die Augen haben und alle Kräfte in Bewegung setzen, wenn man nicht in Noth und Elend untergehen will. Von dem Banquier, [776] der seinen Gewinn nach Hunderttausenden und Millionen zählt, bis zu dem Lumpensammler, der um Mitternacht den Straßenkehricht durchwühlt: welche unendliche Reihe von Beschäftigungen! welche Menge von Erwerbsquellen! Jede dieser vielen Erwerbsquellen bildet eine besondere Classe, die ihr eigenes Gepräge besitzt. Eine der wenigst zahlreichen, aber gewiß eine der interessantesten, ist die Classe der Kunstmodelle.

In anderen Städten, die sich großer Kunstschulen erfreuen, wie in Düsseldorf, München, Dresden etc., giebt es nur einige Individuen, die den Künstlern zuweilen zu Modellen dienen; in Paris aber bilden die Modelle einen förmlichen Stand. Man ist in Paris Kunstmodell, wie man Schneider, Schuster, Tischler oder Zimmermann ist. Die Modelle, die in Paris ausschließlich von den Künstlern leben, zählen bei Weitem über tausend Köpfe.

Die Laufbahn eines solchen Modells beginnt oft, bevor es laufen kann. Eine arme Frau, die ein schönes Kind hat, begiebt sich mit diesem zu einem Künstler, der gerade um das Modell eines Christuskindes verlegen ist, und verdient ihre vier Franken, den gewöhnlichen Preis für eine Sitzung. Wir haben hier also den sonderbaren Fall, daß der Säugling die Mutter ernährt. Die Mutter fängt an, die Schönheit ihres Kindes auszubeuten. Sie lebt von ihrem Kinde; es ist ihre einzige Erwerbsquelle. Nun giebt es in Paris einige fast hundertjährige Greise, die den Künstlern zu Modellen dienen, um ihren Unterhalt zu gewinnen; man sieht also, daß dieser Erwerb auf der allerniedrigsten Lebensstufe anfängt und selbst auf der allerhöchsten nicht aufhört.

Die meisten Modelle gehören dem weiblichen Geschlecht an. Ich will daher mit diesen beginnen, nachdem ich eine zum Verständniß dieser Skizze nothwendige Bemerkung vorausgeschickt.

Die Pariser Maler und Bildhauer theilen sich in zwei Classen. Die Einen sind zugleich Lehrer und vereinigen eine Anzahl Schüler in ihren Werkstätten, während die Anderen sich niemals mit der Ausbildung von Schülern befassen. Die Modelle nun, welche die Werkstätten der erstgenannten Künstler besuchen, heißen „Modèles d’ateliers“; die anderen werden „Modèles d’artiste“ genannt. Die „Modèles d’ateliers“ stehen in Bezug auf Moralität in keinem sonderlich guten Rufe, oder vielmehr in üblerem Rufe, als die „Modèles d’artiste“. In den Ateliers der lehrenden Künstler ist ein Mädchen den Neckereien und Späßen der Schüler ausgesetzt. Das weibliche Modell besucht also diese Werkstätten nicht gern. Glänzt ein Frauenzimmer durch auffallende Schönheit, so wird sie natürlich von den Künstlern sehr gesucht, und da eine Sitzung höchstens fünf Stunden dauert, so kann sie an einem Sommertage zwei Sitzungen geben und zehn bis zwölf Franken verdienen, besonders wenn sie Intelligenz hat und zu sitzen versteht. Der Künstler, dem sie dann die Arbeit erleichtert, giebt ihr für jede Sitzung eine kleine Gratification. Diese Modelle heißen „Modèles fixes“ und haben ihre gestochenen Karten, die sie in die Ateliers schicken. Sie verschwinden nämlich von Zeit zu Zeit und nicht selten dann, wann der Künstler ihrer am nöthigsten bedarf. Vergebens wird nach ihnen geforscht. Sie sind nicht aufzutreiben.

Ach, die Modelle der Kunst sind gar selten Modelle der Tugend, und wenn sie auf ihrer vielverschlungenen Lebensbahn einen russischen Grafen, oder einen Lord, oder einen Plantagenbesitzer aus Südamerika entdecken, so kehren sie der Kunst den Rücken. Sie haben eine unbesiegbare Vorliebe für Silberrubel, englische Banknoten und Piaster und machen sich wenig daraus, durch den Pinsel eines Malers auf der Leinwand verewigt zu werden.

Nichts aber ist beständig auf dieser Erde, und folglich sind die Lords und die russischen Grafen und südamerikanischen Plantagenbesitzer auch nicht beständig, und eine Julie, die einige Monate hindurch bei den vorzüglichsten Restaurants gespeist, in einem prachtvollen Wagen die elyseischen Felder durchrollt, in den Theaterlogen mit einem kostbaren Fächer sich angenehme Kühlung zugefächelt und der Geldbörse ihres Romeo die galoppirende Schwindsucht zugezogen hat, sie stellt sich eines schönen Tages wieder bei dem Maler ein, um als Modell für eine Diana oder für die keusche Susanne im Bade so lange zu dienen, bis sie mit ihren Augen abermals eine Feuersbrunst in dem Herzen eines reichen Ausländers anfacht.

Die meisten Modelle glänzen indessen weniger durch Schönheit, als durch einzelne Schönheiten. Die Eine ist berühmt wegen ihrer majestätischen Stirn, die Andere wegen ihres lieblichen Mundes, die Dritte wegen ihrer tadellosen Hand, und ich kenne Eine, die wegen ihres üppigen, hellblonden Haares seit mehreren Jahren von den Pariser Malern sehr gesucht wird. Manche dieser Fornarinas findet ihren Raphael und tritt mit ihm in ein Eheverhältniß. Sie liefert ihm dann die Engel, die Venusse, die Musen, die Grazien und die Nymphen. Bald verführt sie den heiligen Antonius; bald begeistert sie als Beatrice den unsterblichen Alighieri. Auf einem Bilde sieht man sie als lachende Braut, auf dem andern als trauernde Wittwe; kurz, man begegnet ihrer Physiognomie in unzähligen Compositionen.

Zuweilen stellt sich wohl bei berühmten Künstlern eine Dame ein, die eben im Begriff ist, das Schwabenalter zu erreichen, oder es bereits erreicht hat. Sie führt sich mit dem Bemerken ein, daß sie für das Fach des Portraits sitzen möchte. Diese Damen haben von ihren früheren Reizen nichts gerettet, als das alternde Haupt, eine schöne imponirende Haltung und die Kunst, sich geschmackvoll zu kleiden. Solche Modelle sind den Portraitmalern sehr willkommen, da man bei Portraits ganz besonders auf eine elegante Haltung sieht. Aber die Jahre vergehen pfeilgeschwind, und dieselbe Dame, die jetzt für die Portraits sitzt, wird nach einem Jahrzehnt ein abgenutztes Modell und muß sich nun dazu verstehen, ihre Dienste als „Poseuse de draperie“ den Künstlern anzubieten. Das ist ein langweiliges, saures, höchst anstrengendes Geschäft. Sie sinkt dadurch zur Gliederpuppe herunter. Es wird ihr nämlich irgend ein Gewand umgehängt und von dem Künstler in malerische Falten gelegt; damit nun diese Falten sich nicht verschieben, muß das Modell während der ganzen Sitzung, während fünf Stunden, unbeweglich und schweigend verharren; denn ein ernster Künstler spricht nur selten oder niemals mit einem Modell. Für ein lebhaftes Temperament ist eine solche Sitzung eine wahre Höllenqual.

Die Modelle ziehen die Malerwerkstätten den Bildhauerwerkstätten bei Weitem vor, da sie in diesen ihre Gesundheit gefährden. Der Gyps, mit dem sie zum Theil übergossen werden, verursacht ihnen häufig Rheumatismen und Gliederreißen. Sie werden deshalb von den Bildhauern viel besser bezahlt.

Schöne Modelle sind in der Regel so sehr gesucht, daß deren Sitzungen schon einen ganzen Monat voraus bestellt werden müssen. Indessen tritt doch zuweilen eine Periode ein, in welcher die Kunst mehr oder weniger feiert und die Künstler keiner Modelle bedürfen. Die beliebtesten Modelle besuchen dann nicht minder die Werkstätten berühmter Künstler, aber weniger in Angelegenheit der Kunst, als in Herzensangelegenheiten. Sie wissen nämlich, daß man in den Ateliers guter Maler stets reiche Dilettanten und Kunstfreunde trifft. Sie werfen dann ihre Netze aus und es gelingt ihnen zuweilen dort, einen alten Rentier aufzufischen.

Das Modellsitzen wird von vielen Pariserinnen deshalb als Erwerbsquelle gesucht, weil es eine Beschäftigung ist, die weder eine große körperliche noch geistige Anstrengung erfordert. Der verhältnißmäßig leichte Gewinn, die Zerstreuung in den Ateliers, die Bekanntschaft mit jungen Künstlern und reichen Kunstfreunden haben für Viele einen unwiderstehlichen Reiz. Gewöhnlich werden sie von ihren Freundinnen den Künstlern empfohlen; sehr häufig aber sind es die Mütter, die für ihre jungen Töchter diese Erwerbsquelle aussuchen. Sie führen dieselben bei den Künstlern ein, und diese sind oft erstaunt über die praktischen Erfahrungen der jungen Modelle. Es geschieht wohl auch, daß ein Künstler in den gewerbtreibenden Stadtvierteln einer Arbeiterin begegnet und, von der Schönheit derselben überrascht, sie zum Modellsitzen einladet. Der Zufall spielt in Paris sehr häufig eine Hauptrolle, und es ist schon vorgekommen, daß ein solches, gleichsam auf der Straße gefundenes Mädchen die Gattin eines tüchtigen Künstlers geworden.

Was nun die männliche Modelle betrifft, so haben sie häufig ihre Specialität und sind in den Pariser Ateliers unter gewissen Spitznamen bekannt. Ich kannte in Paris einen Mann, dessen Christuskopf für die Maler der Passionsgeschichte unentbehrlich war. Ein Anderer ernährte sich von seinem Spitzbubengesicht. Er hatte eine wahre Galgenphysiognomie und diente als Modell für Jesuiten, Intriguanten und tückische Scheinheilige. [777] Wer einen Tartüffe malen wollte, wendete sich an ihn. Das Komische bei der Sache war, daß man sich keinen ehrlicheren, braveren, unbescholteneren Mann denken kann, als er war. Er war ein Tolpatsch, der über seine eigene Rechtschaffenheit stolperte. Sein Gesicht paßte zu seinem Charakter wie der Titel eines Schelmenromans zu einer moralischen Erzählung. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.

Geübte Physiognomiker und feine Beobachter wissen recht gut, daß Bettler einen eigenthümlichen Gesichtsausdruck haben. Es giebt daher unter den Modellen solche, die ausschließlich für Bettler sitzen. Sie werden sehr gesucht. Auch die Soldatenköpfe sind sehr begehrt. Vor einigen Monaten ist in Paris ein Mann gestorben, der, als er in der Schlacht von Lützen verwundet worden, schon weißes Haar hatte. Bis unmittelbar vor seinem Tode besuchte er als Modell für Veteranen die Pariser Ateliers. [777] Keine Stadt der Welt kann sich so vieler, so mannigfacher Modelle rühmen wie Paris. Der Pariser Künstler ist in dieser Beziehung niemals in Verlegenheit. Neger, Mulatten, Hindus, Chinesen und Araber dienen ihm als lebende Modelle für seine Schöpfungen. Die Beduinen laufen zu Dutzenden in Paris herum, und man kann mehr als einen ehemaligen Beduinenhäuptling in den Pariser Malerwerkstätten finden. Einer dieser Häuptlinge – er nennt sich Abd-el-Kader – ist ein sehr bekanntes Modell. Er ist ein schöner Mann, dem das arabische Costüm trefflich zu Gesicht steht; er ist auch zugleich ein sehr geriebener Mann, der mit Kunstgegenständen handelt. Eines Tages, als ich mich im Atelier eines mir befreundeten Künstlers befinde, tritt Abd-el-Kader ein und spricht von einem alten Portrait Martin Luther’s, das er soeben gekauft. Ich muß gestehen, der Name des großen Reformators im Munde des Arabers berührte mein Ohr auf eine ganz eigenthümliche Weise.

Ich muß noch zwei Arten von Modellen erwähnen, nämlich das „Modèle de Complaisance“ und das „Modèle de Confiance“. Das „Modèle de Complaisance“ ist eine dem Künstler befreundete Dame, die, oft sehr reich und vornehm, ihm aus Gefälligkeit sitzt. Der Name „Modèle de Confiance“ aber bezeichnet diejenigen, die nicht nur dem Künstler zu Modellen dienen, sondern ihm auch manchen andern Dienst verrichten. Sie reinigen die Paletten, ordnen das Atelier, besorgen verschiedene, [778] oft sehr delicate Aufträge und sind das Factotum der Künstler. Unter ihnen findet man zuweilen höchst komische Figuren, die eine besondere Schilderung verdienen.

Die Pariser Künstlerwerkstätten liefern nicht selten Stoff zu interessanten Romanen, wie folgender Fall beweist.

Eines Tages tritt in das Atelier des berühmten Malers V. eine Frau mit einem jungen Mädchen, das sie ihm als ihre Tochter vorstellt und als Modell anbietet. Das Mädchen hatte kaum das achtzehnte Jahr erreicht und ihre Schönheit war so groß, daß der Künstler sie voll Bewunderung betrachtete und, wie es sich wohl von selbst versteht, das Anerbieten annahm. Die Mutter fand sich nun täglich im Atelier ein und merkte bald die tiefe Zuneigung, die der Künstler zu dem Mädchen gefaßt hatte. Einige Zeit darauf kam sie allein, und nachdem sie lange über die Armuth geklagt, in welcher sie ihr Gatte zurückgelassen, machte sie unter Forderung einer bestimmten Summe dem Künstler Anträge, welche die Ehre ihrer Tochter gefährdeten. Dieser traute seinen Ohren kaum und war empört über die Verworfenheit der Frau. Indessen stellte er ihr die verlangte Summe zu.

Am folgenden Morgen kam das Mädchen ohne Begleitung der Mutter in’s Atelier. Sie sah bleich und angegriffen aus und ihre schönen Lippen preßten sich krampfhaft zusammen. Nach einer für den Maler höchst peinlichen Pause begann sie:

„Mein Herr, ich bin von Allem unterrichtet. Die bittere Noth, in der wir seit Jahren leben –“

Thränen erstickten ihre Stimme.

„Beruhigen Sie sich,“ bat der Künstler tief ergriffen.

„Sie sind Künstler,“ fuhr das Mädchen fort. „Ihr Herz, das dem Gefühl für’s Schöne geöffnet ist, kann unmöglich dem Mitleid verschlossen sein, kann nicht grausam genug sein, zu dem Unglück die Schande hinzufügen zu wollen.“

„Stillen Sie Ihre Thränen,“ sagte Jener. „Sie haben sich in mir getäuscht. Ich habe Ihrer Mutter ein Darlehn geleistet, das sie mir zurückerstatten mag, wenn es ihr beliebt. Sprechen wir nicht weiter davon!“

Marie – so hieß das Mädchen – kam nun wie früher regelmäßig in’s Atelier, jedoch niemals mehr in Begleitung ihrer Mutter. Sie wurde mit jedem Tage ernster, niedergeschlagener. Der Künstler seinerseits fühlte die Fesseln, die er trug, auf’s Peinlichste. Er liebte jetzt Marie, nachdem er einen Beweis von ihrem Sittlichkeitsgefühl und zugleich von ihrem Vertrauen zu ihm gehabt, noch mehr als früher; er durfte jedoch nicht daran denken, sie jemals zu besitzen, denn er war verheirathet, wenn auch nicht glücklich, und er achtete das Mädchen zu sehr, um eine Maitresse aus ihr zu machen. Er sah keinen andern Ausweg als ihre Entfernung. Indessen quälte ihn der Gedanke, daß sie bei dem verworfenen Charakter ihrer Mutter und bei den Verlockungen, denen ein schönes Mädchen in Paris ausgesetzt ist, am Ende doch zu Falle kommen würde. Sein Inneres war heftig aufgewühlt. Er entschloß sich dennoch, bei dem nächsten Besuche Mariens sie von der Nothwendigkeit zu überzeugen, Paris zu verlassen. Er hatte eine Tante in einer kleinen Provinzialstadt. Diese Dame, eine kinderlose Wittwe, war, wenn auch nicht reich, doch in sehr guten Verhältnissen und er konnte mit Sicherheit darauf rechnen, dieselbe würde auf seine Verwendung Marie als Kammermädchen in’s Haus nehmen. Diesen Plan wollte er Marie mittheilen.

Wer vermag aber seine Empfindungen zu beschreiben, als er statt ihres Besuches einen Brief von ihr erhielt, in welchem sie ihm mittheilte, daß sie Paris auf immer verlassen. Sie dankte ihm in den herzlichsten Ausdrücken für die großmüthige Theilnahme, die er ihr bewiesen und die sie niemals vergessen würde. Was ihr Schicksal beträfe, sagte sie zum Schluß, so könnte er ruhig sein; ihre Zukunft sei gesichert und ihre Ehre keinen Gefahren mehr ausgesetzt.

Der Künstler las den Brief zu wiederholten Malen und fühlte sein Herz von den verschiedensten Gefühlen bewegt. Wenn er sich auch einerseits darüber freute, daß Marie, wie sie selbst versicherte, einer ruhigen Zukunft entgegensehen konnte und ihn also von einer schweren Sorge befreite, so war er doch darüber mißgestimmt, daß sie einen Entschluß ausgeführt, ohne ihm denselben mitgetheilt zu haben. Er sah darin ein Mißtrauen und fühlte sich verletzt. Warum hat sie ihm ihren künftigen Aufenthalt verschwiegen? Warum hat sie ihm über ihren künftigen Beruf kein einziges Wort gesagt? Diese Fragen, die er sich nicht zu beantworten vermochte, quälten ihn unaufhörlich. Er hatte keine Ursache, an der Wahrhaftigkeit Mariens zu zweifeln; dennoch aber konnte er sich der Eifersucht nicht erwehren. Während mehrerer Monate war er zu keiner Arbeit aufgelegt.

Ein Künstler von Ruf wird indessen in Paris nicht nur von seiner Kunst, sondern auch von der Gesellschaft so sehr in Anspruch genommen, daß er nicht lange einer schwermüthigen Herzensregung nachzuhängen vermag. In der emsigen Thätigkeit und in den Zerstreuungen der Pariser Welt erbleichte das Bild Mariens immer mehr im Herzen des Malers.

Mehrere Jahre vergingen. Nur selten dachte V. an Marie, als sie ihm eines Tages auf eine unerwartete Weise in’s Gedächtniß zurückgerufen ward. Unter seinen vielen Verehrern befand sich auch der liebenswürdige Herzog von Orleans, der, von Algerien zurückkommend, sich beeilte, das Atelier V.’s zu besuchen.

„Ich komme diesmal nicht blos, um Ihnen die Hand zu drücken und Ihre neuen Werke zu bewundern,“ sagte der Prinz, „sondern auch, um mich eines Auftrags zu entledigen. Die jüngste Expedition gegen die Kabylen,“ fuhr der Prinz fort, indem er sich in einen Sessel an der Seite des Künstlers niederließ, „war blutiger als sonst. Wir hatten sehr viele Verwundete. Unter den Frauen, die sich der Pflege derselben mit der edelsten Selbstaufopferung widmeten und darin die einzige Genugthuung für die Entsagung aller irdischen Freuden finden, zeichnete sich wie immer Marie Du….er aus –“

„Marie Du….er?“ rief der Künstler lebhaft.

„Hören Sie mich ruhig an,“ ermahnte der Prinz und fuhr dann fort: „Sie hatte sich während ihres fast vierjährigen Berufes durch unermüdliche, vor keiner Gefahr zurückschreckende Wirksamkeit so sehr hervorgethan, daß ich ihr mehrere Male meinen Dank persönlich abstattete. Unsere Truppen verehrten sie wie eine Heilige. In der letzten Expedition leistete sie fast das Unmögliche. Die unausgesetzte Anstrengung, die schlaflosen Nächte, die sie am Lager der Verwundeten und Kranken zubrachte, warfen sie endlich selbst auf’s Krankenlager. Ich fand sie, als ich sie besuchte, schon so erschöpft, daß sie kaum im Stande war, sich aufzurichten. Ihr bleiches Gesicht war schon halb verklärt. Ich überreichte ihr das Kreuz der Ehrenlegion, indem ich versicherte, daß ich durch diese so wohlverdiente Auszeichnung nicht nur meine eigene, sondern auch zugleich die Dankbarkeit Aller ausdrücke, die sie dem Siechthume, dem Tode entrissen, und daß ihr mildes Walten die allgemeinste Bewunderung erregt habe.

Sie lächelte und küßte das Kreuz.

Ich heftete dasselbe, als sie es wieder aus der Hand gelegt, an den Mousselinvorhang ihres Bettes, unter die Skizze einer Madonna, an der ich Ihre Meisterhand zu erkennen glaubte. Ich hatte mich nicht getäuscht.

Als Marie von mir erfuhr, daß ich Sie persönlich kenne und Ihr seltenes Talent hochschätze, erheiterte sich ihr Antlitz. ‚Monseigneur,‘ sagte sie, ‚Sie kehren bald nach unserm theuren Vaterlande zurück, das ich nicht mehr wiedersehen soll. Meine Stunden sind gezählt. Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?‘

‚Von ganzem Herzen!‘ rief ich.

‚Lassen Sie, Monseigneur, sobald ich die Augen geschlossen, dieses Kreuz und dieses Bild in meinem Namen dem Künstler V. zustellen,‘ bat sie. Lassen Sie ihn wissen, mein Prinz, daß das Gebet einer Sterbenden ihn nicht vergessen.‘ –

Am andern Morgen brachte man mir die Nachricht von ihrem Tode. Ich ließ das Kreuz und das kleine Madonnenbild vom Vorhange nehmen und bringe Ihnen selbst die Angedenken.“

Der Prinz zog ein Portefeuille aus der Tasche und überreichte es dem Künstler, der seine Thränen nicht bewältigen konnte. Er erzählte dann dem Herzoge, was dem Leser bereits über Marie mitgetheilt worden.

„Und die Mutter?“ fragte der Herzog.

„Ich habe sie niemals wieder gesehen,“ antwortete der Maler.