Pariser Bilder und Geschichten/Plaudereien aus den Salons

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Autor: Sigmund Kolisch
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Titel: Pariser Bilder und Geschichten/Plaudereien aus den Salons
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 490-492
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Pariser Bilder und Geschichten.

Von Sigmund Kolisch.
Plaudereien aus den Salons.
Die Macht der Pariser Salons – Scene vor dem Staatsstreich – Frömmigkeit in den Salons – Louis Veuillot und Graf Montalembert – Die Feder eines Bischofs – Lamartine – Die Generäle Türr und Bixio – Aus den Erzählungen Türr’s – Bixio ein zweiter Scävola – Unglaubliche Anmaßung.

Man weiß überall, daß der Salon in Paris eine große Rolle spielt, aber man kann sich im Auslande nur schwer eine Vorstellung davon machen, welchen mächtigen Einfluß derselbe auf alle Verhältnisse des Lebens ausübt. Der Pariser Salon ist ein Markt, wo man verkauft, kauft und eintauscht, wo man gewinnt und verliert; dann ist er ein Capitol, wo man Kränze des Ruhmes verleiht. Bald ist er ein Forum, wo man über Staatsangelegenheiten entscheidet, bald eine Arena, wo Wettkämpfe abgehalten werden, wo Schönheit mit Schönheit, Fähigkeit mit Fähigkeit, Reichthum mit Reichthum ringen. Selten ist er blos Schauplatz des Vergnügens und des geselligen Verkehrs, noch seltener der Zufluchtsort eines freundschaftlich innigen Zusammenlebens, eines unbefangenen, heitern Gedankenaustausches.

Der Sohn des Philipp Egalité wäre schwerlich im Jahre 1830 auf den Thron von Frankreich gelangt, wenn er in seinem Salon nicht die Herren Casimir Perier, Laffitte und namentlich den alten Herrn von Lafayette empfangen hätte, der es nach den Julitagen wagen durfte, der Menge vom Stadthause die denkwürdige Albernheit zuzurufen: „Der Herzog von Orleans ist die beste Republik!“ Durch eine gefällige Conversation und einige glückliche Bons-mots hat der schlaue Herzog eine Krone gewonnen. Wörtlich genommen hat der Herzog von Aumale Recht, wenn er in seinem Schreiben an den Prinzen Napoleon erklärt, daß sein Vater nicht conspirirt hat. Derselbe hielt allerdings keine geheimen Zusammenkünfte, wie etwa Ludwig Napoleon mit Parteiführern, er zettelte keine Aufstände an, er verführte keine Soldaten, er unternahm keine tollen Streiche, wie die von Straßburg und Boulogne, er hat sich überhaupt nie und zu Niemand bestimmt ausgesprochen, dazu war der kluge Mann zu ängstlich und zu vorsichtig; allein er lächelte in seinem Salon diesem Banquier oder jenem General zu und durch dieses Lächeln ließ er errathen, wozu er gegebenen Falles zu bewegen wäre; Blicke und Mienen, aber niemals Worte, sprachen seine Wünsche und Hoffnungen aus. Er wurde von seinen Freunden verstanden, die aus dem Salon des Palais Royal die stillen Eingebungen mitnahmen, nach denen sie handelten, als der Julisturm losbrach.

Als der Staatsstreich vorbereitet und das Nöthige zur Gründung der napoleonischen Herrschaft eingeleitet wurde, fand eine Berathung im Elysée statt; es handelte sich darum, die Listen derjenigen Personen zu fertigen, die aus dem Lande entfernt werden müßten, um den Sieg der Gewalt über Recht und Gesetz zu sichern. Die Vertrauten und Helfershelfer, denen bei dem bevorstehenden Drama wichtige Rollen zugetheilt wurden, waren gegenwärtig, die Generale St. Arnaud und Canrobert, Oberst Espinasse, der Polizeipräfect Maupas, Herr v. Morny und Andere. Die Namen aller derjenigen, welche irgend einen Einfluß, sei es nun auf die Truppen, sei es auf die Arbeiter, üben konnten, wurden vorgeschlagen und ohne Widerrede behufs der Verhaftung aufgezeichnet. Als aber der Name Thiers ausgesprochen wurde, zeigte sich der Präsident der französischen Republik erstaunt.

„Thiers?“ rief er erstaunt aus.

„Es ist nothwendig,“ versicherte mit Nachdruck der Polizeipräfect.

„Er schreibt die Geschichte des ersten Kaiserreichs und schwärmt für meinen Onkel!“ bemerkte der Präsident.

„Er ist deshalb nicht minder dem zweiten Kaiserreich entgegen und Ihr entschiedener Widersacher, Prinz,“ entgegnete unerschüttert der Präfect.

„Was kann der Mann uns schaden, den die Soldaten höchstens dem Namen nach kennen und der unter den Arbeitern unpopulär ist?“

„Aber in den Salons ist Herr Thiers bekannt unk populär. Wenn er da erzählt, hört alle Welt zu, und wenn er einen Witz macht, lacht alle Welt. Erzählung und Witz gehen dann weiter von Haus zu Haus, sodaß ganz Paris über ein Wort von Herrn Thiers lacht. Meine Leute, welche in die Salons Zutritt haben, wo Herr Thiers sein Wesen treibt, berichten einstimmig, mit welcher Rücksichtslosigkeit er sich über Sie, über uns Alle ausläßt.“

Der Präsident schwieg.

„Wenn sein Bleiben nicht schadet, so schadet sein Gehen noch weniger,“ meinte der General St. Arnaud.

„Lassen Sie ihn reisen, Prinz,“ sagte Herr v. Morny.

Und der Name des Herrn Thiers wurde auf die Liste gesetzt.

Die Salons des Faubourg St. Germain bieten seit Kurzem Scenen von tragikomischer Wirkung dar, in welchen sich ein Stück Zeitgeschichte abspiegelt, die man ergötzlich nennen könnte, wenn sie nicht gar so trostlos wäre. Die Abkömmlinge der unzüchtigen Marquis und Marquisinnen des vorigen Jahrhunderts haben sich aus Verzweiflung nicht dem Trunk, sondern der Frömmigkeit ergeben, nachdem die Julibewegung sie gezwungen hat, Rechte und Pflichten mit anderen Erdenkindern zu theilen und vor denselben nichts voraus zu haben, als einen Titel, der nichts mehr gilt. Zu stolz und dumm, um sich mit dem Nothwendigen abzufinden, unbrauchbar für die neue Welt und das neue Leben, bleibt ihnen viel Zeit sich mit ihrem Seelenheil zu befassen. Die irdischen Dinge gingen für sie so schlecht, daß sie sich dem Himmel zuwandten, nach Art herabgekommener Wüstlinge und verblühter Frauen, die ein stürmisches Leben hinter sich haben. Der italienische Krieg steigerte die Frömmigkeit der um ihre verlorenen Vorrechte Trauernden zum Fanatismus. Krampfhaft klammern sie sich an das Papstthum, nicht etwa um ihm zu dienen, sondern um sich durch diesen Anker im Sturme vom gänzlichen Schiffbruch zu retten.

Mit einem Male sah man einen Plebejer der ungeschliffensten Art in den ausschließlichsten Salons von Paris nicht nur aufgenommen, sondern gefeiert. Der journalistische Klopffechter Louis Veuillot, der die Gegner der von ihm vertretenen Ansicht beschimpft, statt sie zu widerlegen, der Unrath als Waffe gebraucht, dem eben so die Anmuth des Umgangs, wie die Aufrichtigkeit der Ueberzeugung, dem eben so die Würde im Leben, wie in seinem literarischen Wirken fehlt, wurde von zarten Frauen, die ihre Ahnen bis zu den Kreuzzügen hinan und weiter verfolgten können, in den lichten Räumen, die sonst kein „Ungeborener“ durch seine Gegenwart entweihen durfte, mit Freundlichkeiten und Aufmerksamkeiten überhäuft. Sie nannten ihn einen „großen Mann“ und citirten Stellen aus seinen Artikeln im Univers, durch die er den Raub des Knaben Mortara und die Inquisition und andere ähnliche Vortrefflichkeiten vertheidigte und die von Ungebührlichkeiten aller Art wimmeln.

Nach Louis Veuillot kam der Graf Montalembert an die Reihe, mit dem der Faubourg jenseits der Seine früher geschmollt hat, weil er zuerst liberale und dann bonapartistische Anwandlungen zeigte. Er erhielt förmlich Absolution, und von schönen Augen und süßen Stimmen wurde ihm für die „Rückkehr zu den Seinen“, für die Bekehrung zum alten Glauben an die Allmacht des Papstthums gedankt. „Ein großer Geist giebt seinen [491] Irrthum auf und wird dadurch nur größer,“ sagte die Herzogin L… dem ehemaligen Genossen des Abbé Lamennais. Der Graf erröthete, und Einer der Umstehenden, der die Taktlosigkeit der Anspielung fühlte, lenkte das Gespräch mit der Gewandtheit eines Weltmannes auf einen anderen Gegenstand. Die ganze Gesellschaft war bemüht, durch das zuvorkommendste Benehmen den Fehler der schönen Herzogin gut zu machen.

Was werden die Hirtenbriefe der Prälaten gegen Napoleon und Cavour, gegen Victor Emanuel und Garibaldi in den Salons des Faubourg St. Germain gelesen, ausgelegt und bewundert! Der Eine zeigt die gelungene Photographie des Bischofs von Orleans und der von Cambray over Tours, welche von Hand zu Hand geht. Der Andere zeigt die Antwort, welche er von einem dieser eifrigen Vertreter der Kirche auf seine glückwünschende Zuschrift erhalten hat. Die wohlgeschulte Gesellschaft bemeistert kaum die Ungeduld, mit der Jeder des geehrten Blattes habhaft zu werden sucht.

In dem Salon des Grafen M… zeigt die Hausfrau ihren Gästen eine Feder. Man fragt, was es mit dem Ding für eine Bedeutung habe, und die Gräfin erklärt, daß sie sich in einem Briefe an den ehrwürdigen Bischof von Poitiers gewendet habe, um sich von ihm die Feder zu erbitten, mit welcher er den denkwürdigen Hirtenbrief geschrieben, der den Kaiser Napoleon mit Pontius Pilatus verglich, der sich die Hände wusch, nachdem Christus gekreuzigt worden war. Mit dem lebhaftesten Beifall empfing die Versammlung die Erklärung der Gräfin, man lobte ihren glücklichen Einfall, sich in den Besitz eines so kostbaren Gegenstandes zu bringen. Jeder will die Feder in der Nähe besehen, und die Fanatischesten küssen sie wie eine heilige Reliquie.

Die Werbungen und Sammlungen für die Armee und den Schatz des heiligen Vaters beschäftigten auf’s lebhafteste die gedachten Pariser Salons. Die jungen Leute aus den vornehmsten Familien wurden zu dem neuen Kreuzzuge gegen die Ungläubigen angefeuert, und die frommen Rekruten, welche sich in Paris befanden, wurden im voraus für künftige Thaten durch die wärmste Anerkennung und durch Auszeichnungen aller Art belohnt; man verkündete sie als Helden, bevor sie noch einen Feind gesehen, bevor sie einen Schuß gehört.

Nach der Niederlage der Päpstlichen bei Castelfidardo, nach der Einnahme von Ancona herrschte tiefe Trauer in den Salons des Faubourg St. Germain, und doch fuhr man fort im Interesse der Partei zu wirken, und da es keine Siege zu besingen gab, besang man Niederlagen. Die Frauen sammelten zum Ankauf eines Ehrendegens für Lamoricière, und die zurückkehrenden Freiwilligen, gleichviel ob sie Stand gehalten hatten oder davon gelaufen waren, wurden mit offenen Armen und als ruhmreiche Märtyrer begrüßt und behandelt. Der ehemalige Kriegsminister der französischen Republik wurde für die Schmähungen, die er von Freunden und Feinden erfuhr, für das Gelächter, welches er im Lande erregte, für das Unglück, das ihn betroffen hatte, durch unbegrenzte Huldigungen in den Salons schadlos gehalten. Ob sich der General durch diese Huldigungen für die Verluste, die er erlitten hat, getröstet fühlt, weiß er allein.

Vor ungefähr drei Monaten war in dem Salon des Marquis C. eine so zahlreiche und glänzende Gesellschaft beisammen, wie man sie nur bei den außerordentlichsten Gelegenheiten findet, und wie sich selbst, als der General Lamoricière von seinen italienischen Niederlagen zurückkehrend empfangen wurde, nicht darstellte. Und in den hell erleuchteten Räumen, wo sich sonst Alles gemessen innerhalb vorgezeichneter Formen bewegt, machte sich eine gewisse Aufregung fühlbar; dort und da fielen die Bemerkungen: „Er wird wohl spät kommen.“ „Es ist elf Uhr vorüber, wenn er nur nicht verhindert wird.“ „Er hat dem Marquis auf’s Bestimmteste zugesagt.“ „Er ist seit zwei Tagen in Paris und begreiflicher Weise von Personen und Geschäften vielfach in Anspruch genommen.“ Der Hausherr wurde fortwährend mit Fragen bestürmt, die sich ebenfalls auf den mit Ungeduld Erwarteten bezogen. Endlich meldete ein Diener: „Herr v. Lamartine“, und ein Geräusch der Befriedigung ließ sich im ganzen Saale vernehmen. Der Mann, den das Schicksal mit den großen Gütern des Lebens, mit Ruhm und Reichthum bedacht und der beide verzettelt hat, trat in den Saal, ein Greis mit grauen Haaren vor der Zeit, durch selbstverschulteten Kummer, durch selbstverschuldeten Jammer gebeugt, mit einem verloschenen Blick, mit zahllosen Runzeln auf Stirn und Wangen. Viele von den anwesenden Frauen, die den Dichter in seiner Jugend gekannt, da sein blaues Auge von Begeisterung glühte, da die edle, hohe Gestalt die Blicke anzog und fesselte, „da blond sein Haar und frisch sein Sinn noch war“, mochten sich tief erschüttert fühlen von dieser schauerlichen Umwandlung, die ihnen an dem Dichter der Méditations entgegentrat.

Alle Welt, Jung und Alt drängte sich an Herrn Lamartine, um ihn zu begrüßen, um ihm die schmeichelhaftesten Dinge zu sagen, um ihn glauben zu machen, daß die Kränze, welche sein jugendliches Haupt geschmückt haben, noch grün und nicht längst verwelkt und zerrissen seien. Wenn er sprach, wurde mit Andacht zugehört, und was er sagte, wie die tiefste Weisheit hingenommen; zu jeder oberflächlichen Bemerkung nickten die Häupter zustimmend, als ob der Poet etwas Unerforschliches erklärt hätte. Der Abend war für ihn ein Triumph, aber freilich in einem äußerst beschränkten Kreise, der nichts, gar nichts mehr zu bieten hat, als diese vorübergehende unfruchtbare Genugthuung. Die Welt, in der hier plötzlich Herr von Lamartine erschien, ist eine Art Schattenwelt, wie sie die Alten schildern, wo man, vom Leben abgeschieden, ein zweckloses Dasein fortschleppt. Herrn von Lamartine haben sich die Thüren der adeligen Salons verschlossen, als er die „Girondisten“ veröffentlichte, in welchen er Robespierre begnadigt hat, Grundsätze aussprach und vertrat, die ihn zum Mitglied der provisorischen Regierung im Jahre 1848 erhoben, als Frankreich eine Republik wurde. Selbst durch die Erklärung, daß sein Herz legitimistisch, sein Kopf aber republikanisch sei, konnte er den grollenden Faubourg nicht versöhnen, der für seine verlorene Sache nicht nur die Gefühle, sondern auch die Gedanken seiner Anhänger in Anspruch nimmt. Die Verzeihung der Sünden früherer Jahre aber hat das ehemalige Mitglied der provisorischen Regierung mit dem republikanischen Kopfe dadurch erwirkt, daß er in seinen Cours littéraires der italienischen Unabhängigkeit entgegen trat und sich mit dem Vatican und der Wiener Hofburg verband. Durch diese Abtrünnigkeit hat er sich der Aufnahme in die Welt der Abgeschiedenen würdig gemacht und es verdient, daß er von Monseigneur Dupanloup in der Schrift gegen Victor Emanuel, Cavour und Garibaldi citirt wurde. Armer Lamartine! Wer hätte gedacht, daß der Mann, welcher so vielverheißend aufgetreten ist, so schlimm enden würde!

Von einem besonderen Interesse war es mir, zwei Männer im Salon zu sehen, die durch kriegerische Großthaten einen europäischen Ruf erlangt haben, und deren Namen mit der Befreiung Italiens und mit den Heldenunternehmungen Garibaldi’s auf’s Engste verflochten sind. Diese Männer sind die Generäle Türr und Bixio. Ich sah sie beide, obgleich zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Umständen, im Salon des Herrn Szarvavy, wo künstlerische Elemente die vorherrschenden sind, wo classische Musik die Hauptrolle spielt und eine eben so gewählte als für Kunst empfängliche Gesellschaft anzieht. Frau Szarvady ist in Deutschland zu bekannt, als daß diese einer weiteren Erklärung bedürfte. Den General Türr sah ich in einem engeren Kreise, was man in Paris en petit comité nennt; nur die dem Hause näher stehen, waren zugegen. Nichts an dem Aeußeren Türr’s läßt auf die außerordentliche Entschiedenheit und Tapferkeit des Mannes schließen, der sich dem großen Italiener anschloß und mit ihm das Unerhörte vollzog, Schwierigkeiten und Gefahren gleich verachtend, der auf allen Schlachtfeldern focht, wo seit dem Jahre 1848 für die Freiheit, für ein höheres europäisches Interesse gekämpft wurde. Er ist von schwächlichem Körperbau, groß und schlank gewachsen, sein Gesicht ist so blaß, daß es einem die Worte in den Sinn bringt, die Shakespeare dem Julius Cäsar über Cassius in den Mund legt. Das blaue Auge blickt sanft und nimmt ein, ohne zu beherrschen. Das einzig Martialische an dieser Persönlichkeit ist der gewaltige Schnurr- und Knebelbart. Wie in der Regel Leute von echtem anerkanntem Verdienst, ist Türr bescheiden und anspruchslos, schlicht und ungekünstelt in Sprache und Benehmen. Ein hervortretender Zug an ihm wie an Bixio ist eine eben so innige, als aufrichtige Verehrung für Garibaldi, in die sich kein Hintergedanke mischt und die sich in absichtsloser Weise bei jeder Gelegenheit kund giebt. Wenn man an den Streit Agamemnon’s mit Achilles vor Troja, an die Eifersüchteleien zwischen dem ersten Napoleon und seinen Feldhauptleuten, zwischen den hochgestellten Kriegern aller Zeiten denkt, die mit einander zu wirken hatten, so kann man nicht leugnen, daß sich in diesem ungetrübten Verhältniß der Freiheitskämpfer zu ihrem Oberhaupt eine ideale Höhe der Gesinnung seinerseits wie ihrerseits ausspricht.

[492] Türr ist sehr mittheilsam und ob er gleich mit ungarischem Accent und etwas mühsam Deutsch und höchst unvollkommen Französisch spricht, erzählt er doch in diesen Sprachen mit Anmuth und in anziehender Weise. Alles, was er sagt, zeigt eben nicht von einer besondern Tiefe der Anschauung, aber von Geradsinnigkeit und klarem Verstande. Er erzählte, durch Fragen und Bemerkungen der Gesellschaft veranlaßt, die kriegerischen Begebenheiten im südlichen Italien von der Abfahrt der „Tausend“ nach Sicilien bis zum Einzug Garibaldi’s in Neapel und entzückte die Zuhörer durch die einfache, ungekünstelte Darstellung, in welcher Garibaldi immer und immer den Vordergrund einnahm. „Von Allem, was ich gewirkt habe,“ erklärte Türr, „schlage ich nichts als meine Theilnahme an dem Zuge nach Sicilien hoch an,“ und er sprach den Vorsatz aus, diese verwegenste aller Unternehmungen, von denen die Geschichte und selbst die Sage meldet, ausführlich für die Mit- und Nachwelt zu beschreiben. Die Landung zu Marsala stellt Türr als das Ergebniß eines Gedankens dar, der plötzlich in dem Kopfe Garibaldi’s entstand, als er mit seinen Genossen in Altamo anhielt, um das kleine Heer mit dem Nothdürftigsten, an dem es auf den beiden Schiffen fehlte, zu versehen. Die neapolitanischen Kreuzer, versicherte Türr, kamen zu spät, um die Landung zu verhindern, ohne jedes Einverständniß ihrer Anführer mit den Patrioten. Mit einem angenehmen Humor schilderte Türr den Zustand und namentlich die Bewaffnung des heldenmüthigen Häufleins, das seinem Führer in den sichern Tod folgte.

„Wir thaten bis Palermo keinen Schuß,“ erzählte er, „aus dem guten Grunde, weil wir nicht schießen konnten. Von den Gewehren, über welche wir verfügten, wollte keines losgehen. An dem einen fehlte der Hahn, das zweite war verrostet, an dem dritten war der Lauf verstopft, kurz wir mußten uns auf Bajonnetangriffe verlegen und haben bei Calatasimi zweitausend fünfhundert Mann regelmäßiger Truppen, die gute Gewehre und Artillerie hatten, zum Weichen gebracht.“ Wenn Garibaldi anführt, und die neuangeworbenen jungen Leute, vom feindlichen Feuer erschreckt, ein wenig stutzen, ruft ihnen Garibaldi, der immer vorangeht, seinen Hut schwenkend, mit einer Art Gutmüthigkeit die Worte zu: „Vorwärts, vorwärts, Jungen, das ist kein Feuer,“ (avanti, avanti, ragazzi, questo non e fuoco) und es war die Wirkung unbegreiflich, unglaublich, welche diese einfache Ansprache aus dem Munde Garibaldi’s hervorbrachte. Türr war es, dem Garibaldi in der Nacht, wo er Bosco bei Palermo umging, einen Stern zeigte und zu ihm sprach: „Dieser Stern hat mir in Amerika geleuchtet, morgen sind wir in Palermo.“ Als sich Garibaldi anschickte, sich allein ohne ein Heer nach Neapel zu begeben, stellten ihm seine Kampfgenossen und unter diesen Türr die Gefährlichkeit dieses Schrittes vor, da St. Elmo und mehrere Punkte in der Stadt selbst von Soldaten Franz II. besetzt waren. „Das Volk von Neapel ruft mich, und ich komme,“ gab Garibaldi auf die Vorstellungen seiner Freunde zur Antwort; und diese wußten, daß jeder weitere Versuch, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, unnütz wäre, und sie folgten ihm, um mit ihm die Gefahr zu theilen, vor welcher sie ihn gewarnt hatten. Kaum angelangt in Neapel, erhielt Garibaldi einen Besuch des Befehlshabers der Festung von St. Elmo, der ihm anzeigte, daß die Soldaten in der Festung dem Bourbon ergeben sind und, von der Ankunft des Freischaarenführers unterrichtet, die Stadt beschießen wollen.

„Sagen Sie ihnen, daß wir hinauf schießen werden, wenn sie herunter schießen,“ versetzte Garibaldi zum Erstaunen seiner Freunde, die wohl wußten, daß es mit dem Hinaufschießen einige Schwierigkeiten haben würde, zumal weder Soldalen noch Gewehre oder gar Kanonen bei der Hand waren. All dieses nun und noch Anderes erzählte Türr so einfach, wie es sich zugetragen, und man sah es der kleinen Gesellschaft an, mit welchem lebhaften Interesse sie zuhörte. Dem Schreiber dieser Zeilen bleibt der angenehme Abend, den er in Gesellschaft Türr’s zugebracht hat, unvergeßlich.

Ganz anders als Türr stellte sich der General Bixio dar. Es ist ein ernster, schweigsamer Mann; die soldatische Entschiedenheit spricht aus jedem Zoll seiner kräftigen gedrungenen Gestalt, aus den fest gezeichneten Umrissen seines sonnverbrannten Angesichts. Er ist scheu, fast schüchtern in größerer Gesellschaft, und man sieht es ihm an, daß er sich besser im Gebraus der Schlachten, als innerhalb der Formen des Salonverkehrs befindet. Seine Gedanken schienen von ganz anderen Dingen eingenommen, als von den trefflichen Musik- und Gesangstücken, welche von den hervorragendsten Künstlern in diesem Fache vorgetragen wurden. Das ist ganz und gar der Mann, von dessen Ungestüm im Kampfe die geschlagenen neapolitanischen Truppen viel zu erzählen wissen und auf den der Vers des unsterblichen Lenau paßt:

„Die Feinde zählt kein tapfrer Mann.“

Das ist ganz und gar der Mann, unter dessen Leitung die calabresischen Freiwilligen, welche sich anfangs ein wenig zaghaft erwiesen, zu Helden sich herausgebildet haben, der in eine Kirche hineinritt, wo seine Schaar lagerte, um sie zu wecken, da sie zur festgesetzten Stunde nicht wach und zum Marsch bereit war. Schon als Knabe zeigte sich Nino Bixio von einem eben so unerschütterlichen als heftigen Charakter. In einem Alter von sechs Jahren zog er seine Schuhe von den Füßen und warf sie einer Magd in seiner Eltern Hause an den Kopf, die es gewagt hatte, ein verletzendes Wort über seine Familie auszusprechen. Es kam vor, daß er, ebenfalls noch in einem zarten Alter, Obst stahl und sein Vater, der dahinter gekommen war, ihn mit der Frage anließ:

„Weißt Du, was dem geschieht, der gestohlen hat?“

„Es werden ihm die Hände verbrannt,“ antwortete der Junge, und ohne sich weiter zu bedenken, legte er die Hände ins Feuer, dem der Vater zum Schaden der Truppen Franz II. sie entriß. Italien wurde in dem kleinen Scävola einer der wackersten Freiheitsmänner erhalten.

An Stoicismus wird Bixio von Niemandem überboten, und er gestattet der von ihm angeführten Mannschaft eben nicht allzugroße Bequemlichkeiten. Er hatte die Einschiffung der kühnen Gesellen zu besorgen, die Garibaldi nach Sicilien folgten; und es fand sich, daß die beiden Schiffe so stark beladen wurden, daß die mit dem Seewesen wenig vertrauten Truppen das Untersinken befürchteten. Eines der Fahrzeuge hatte bereits so viel Leute und Dinge aufgenommen, daß ihm die Fluth bis nahe an den Saum drang, und noch kamen nach der von Bixio gemachten Anordnung Personen auf das Verdeck.

Ein ungarischer Freiwilliger, von der auf dem Schiffe herrschenden Unruhe ergriffen, nahm sich’s heraus, einen Mann zurückzustoßen, der an Bord steigen wollte; da griff Bixio, damals Capitain, durch das vermessene, undisciplinirte Thun des Freiwilligen in Zorn versetzt, nach einer Muskete und schlug den Mann vor den Kopf, daß derselbe zurücktaumelte und sich’s weiter nicht bekommen ließ, die Einschiffung zu stören.

Der General erzählte diesen Vorgang seinem Bruder, dem ehemaligen Minister, der diese Aufwallung als gefährlich bezeichnete, „da so ein Ungar, um die Mißhandlung zu rächen, gelegentlich einen Schuß auf den Beleidiger thun könnte.“

„Nicht doch,“ entgegnete der General, „die ungarischen Freiwilligen sind wackere Leute und haben mir immer viel Sympathie gezeigt. Sie haben nur den Fehler, daß sie gar zu große Ansprüche machen; wenn man auf ihre Forderungen achten wollte, gäbe man ihnen jeden Tag frisches Stroh zum Lager.“

„Unglaubliche Anmaßung, die man nicht genug zurückweisen kann!“ versetzte lächelnd der ältere Bruder. Was soll aber General Bixio, ein Mann mit solcher Anschauung, im Salon?