Pferd und Esel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Heinrich Heine
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Pferd und Esel
Untertitel:
aus: Deutscher Musenalmanach, Band 7. S. 379–381
Herausgeber: Christian Schad
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Stahel’sche Buchhandlung
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Würzburg
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Deutscher Musenalmanach (7) 1857.djvu
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[379]
Pferd und Esel.


     Auf eisernen Schienen, so schnell wie der Blitz,
Dampfwagen und Dampfkutschen,
Mit dem schwarzbewimpelten Rauchfangmast,
Prasselnd vorüberrutschen.

5
     Der Troß kam einem Gehöft vorbei,

Wo über die Hecke guckte
Langhalsig ein Schimmel; neben ihm stand
Ein Esel, der Disteln schluckte.

     Mit stierem Blick sah lange das Pferd

10
Dem Zuge nach. Es zittert

An allen Gliedern, und seufzt und spricht:
Der Anblick hat mich erschüttert!

     Wahrhaftig, wär’ ich nicht von Natur
Bereits gewesen ein Schimmel,

15
Erbleichend vor Schrecken wär’ mir die Haut

Jetzt weiß geworden; o Himmel!

     Bedroht ist das ganze Pferdegeschlecht
Von schrecklichen Schicksalsschlägen.
Obgleich ein Schimmel, schau’ ich jedoch

20
Einer schwarzen Zukunft entgegen.


     Uns Pferde tödtet die Concurrenz
Von diesen Dampfmaschinen –
Zum Reiten, zum Fahren wird sich der Mensch
Des eisernen Viehes bedienen.

25
     Und kann der Mensch zum Reiten uns,

Zum Fahren uns entbehren –
Ade der Hafer! Ade das Heu!
Wer wird uns dann ernähren?

[380]

     Des Menschen Herz ist hart wie Stein;

30
Der Mensch gibt keinen Bissen

Umsonst. Man jagt uns aus dem Stall,
Wir werden verhungern müssen.

     Wir können nicht borgen und stehlen nicht,
Wie jene Menschenkinder,

35
Auch schmeicheln nicht wie der Mensch und der Hund –

Wir sind verfallen dem Schinder.

     So klagte das Roß, und seufzte tief.
Der Langohr unterdessen
Hat mit der gemüthlichsten Seelenruh’

40
Zwei Distelköpfe gefressen.


     Er leckte die Schnauze mit der Zung’,
Und gemüthlich begann er zu sprechen:
Ich will mir wegen der Zukunft nicht
Schon heute den Kopf zerbrechen.

45
     Ihr stolzen Rosse seid freilich bedroht

Von einem schrecklichen Morgen.
Für uns bescheid’ne Esel jedoch
Ist keine Gefahr zu besorgen.

     So Schimmel wie Rappen, so Schecken wie Fuchs,

50
Ihr seid am Ende entbehrlich;

Uns Esel jedoch ersetzt Hans Dampf
Mit seinem Schornstein schwerlich.

     Wie klug auch die Maschinen sind,
Welche die Menschen schmieden,

55
Dem Esel bleibt zu jeder Zeit

Sein sicheres Dasein beschieden.

[381]

     Der Himmel verläßt seine Esel nicht,
Die ruhig im Pflichtgefühle,
Wie ihre frommen Väter gethan,

60
Tagtäglich traben zur Mühle.


     Das Mühlrad klappert, der Müller mahlt,
Und schüttet das Mehl in die Säcke;
Das trag’ ich zum Bäcker, der Bäcker backt,
Und der Mensch frißt Bröte und Wecke.

65
     In diesem uralten Naturkreislauf

Wird ewig die Welt sich drehen,
Und ewig unwandelbar wie die Natur,
Wird auch der Esel bestehen.




Moral.


     Die Ritterzeit hat aufgehört,

70
Und hungern muß das stolze Pferd.

Dem armen Luder, dem Esel, aber
Wird niemals fehlen sein Heu und Haber.