Physiologische Wirkungen des Bergsteigens

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Titel: Physiologische Wirkungen des Bergsteigens
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 223
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[223] Physiologische Wirkungen des Bergsteigens. Ein bekannter Alpentourist hat vor Kurzem die Resultate sehr interessanter Experimente veröffentlicht, die er, mit einem außerordentlich feinen Apparat zur Messung von Temperatur und Circulation des Blutes und der Intensität des Athmens versehen, während einer Besteigung des Montblanc anstellte. Bis zur Höhe von dreitausendfünfhundert Fuß spürte er in der erwähnten Beziehung überhaupt keine Einwirkung; von da an jedoch trat eine merkbare Veränderung dieser Erscheinungen des Organismus ein. Bis zu zehntausend Fuß war die Veränderung noch eine sehr geringe, namentlich bei Denen, welche wußten, wie man hohe Berge zu ersteigen hat, nämlich mit gesenktem Kopfe, um die Mündungen der Athmungscanäle zu vermindern, so daß man nur durch die Nase die Lust einströmen läßt, während man den Mund fest geschlossen hält und irgend einen kleinen Gegenstand, eine Nuß, ein Steinchen oder dergleichen, hinein nimmt, der die Speichelabsonderung vermehrt. Ueber zehntausend Fuß hinaus aber wuchs die Anzahl der Athmungsbewegungen, welche bis dahin etwa vierundzwanzig in der Minute betragen hatte, zu sechsunddreißig pro Minute an, und der Athem selbst wurde kurz und schwer.

Diese Versuche stellten heraus, daß das ein- und ausgeathmete Luftquantum weit geringer war als in der Ebene und immer mehr abnahm, je höher man stieg, während zugleich nur sehr wenig Sauerstoff mit dem Blute in Berührung zu kommen schien. Wenn auch langsam und allmählich, so beschleunigte sich die Blutcirculation doch mit jedem Schritte, den man höher hinauf that, so daß die Zahl der Pulsschläge, die tiefer unten sich höchstens auf vierundsechszig in der Minute belaufen hatte, in der Nähe des Gipfels bis zu hundertundsechszig und selbst mehr stieg. Das Blut schien mit außerordentlicher Geschwindigkeit durch die Lungen zu passiren, welche, im Verein mit dem immer sparsamer werdenden Sauerstoffe, eine unvollkommene Oxygenation zur Folge hatte. Auf der Spitze selbst waren die Adern an Kopf und Armen geschwollen, und Gesichtsblässe und eine peinliche Schläfrigkeit traten ein; selbst nach einer längern Zeit absoluter Ruhe blieben die Pulsschläge noch immer neunzig bis hundert in der Minute. Die innere Körperwärme schwankte sehr erheblich; von ihrem gewöhnlichen Niveau fiel die Temperatur bis auf dreiundzwanzig Grad Réaumur – eine sehr beträchtliche Abnahme. Nach einigen Minuten stieg die Körperwärme indeß wieder bis nahezu auf ihre normale Höhe. Während dieser Temperaturverminderung nahm der Verdauungsproceß keinen Fortgang, was beweist, wie praktisch die Maßregel der Schweizer Führer ist, alle zwei bis drei Stunden etwas zu essen. Diese Temperaturverminderung entsteht jedenfalls dadurch, daß sich die Wärme in mechanische Kraft verwandelt, die unter gewöhnlichen Umständen sich unablässig wieder ersetzt. Auf hohen Bergen aber und besonders auf steilen, schneebedeckten Graten ist eine größere Summe von Wärme zu dieser Verwandelung erforderlich, als der menschliche Organismus liefern kann, und hieraus entspringen die Abkühlung des Körpers und die Nothwendigkeit, öfters auszuruhen, um den gehörigen Wärmegrad wieder herzustellen. Die Schnelligkeit des Blutumlaufes ist wahrscheinlich auch eine der Ursachen dieser Temperaturerniedrigung, da das Blut nicht Zeit genug behält, sich in den Lungen mit dem Sauerstoff in der Luft zu verbinden.