Plaudereien im Musikzimmer/II

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Robert Eitner
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Plaudereien im Musikzimmer II
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 199, 200
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[199] Plaudereien im Musikzimmer. II. Man hatte also schon zu Luther’s Zeit Claviere und spielte darauf so wie heute?

Wenn sie auch nicht ganz so aussahen wie die heutigen und selbst die Art des Spielens darauf sich von der unsrigen wesentlich unterschied, so nahm doch schon damals das Clavier denselben Hauspostendienst ein, wie heute. Die Flinten und die Claviere, beide haben von jeher eine große Rolle in der Welt gespielt, und beide haben heutzutage eine Vollendung erreicht, daß man glaubt: nun kann es etwas Besseres nicht mehr geben! und doch kommt immer wieder noch ein pfiffigerer Kopf, der eine Verbesserung anbringt. Ihr werdet Euch wundern, wie ich auf die Zusammenstellung von Flinte und Clavier komme; doch ihre primäre, oft recht wunderliche Gestalt, die Verbesserungswuth bis zum heutigen Tage, die bis zur Wunderlichkeit gesteigerte Liebhaberei daran und ganz vorzüglich ihre Eigenthümlichkeit, den Nachbar in seiner Ruhe zu stören, lassen sie ohne Frage als nahe Verwandte zweier Linien erkennen. Auch werden wahrscheinlich mehr Menschen die innere Einrichtung eines Gewehres und die Verbesserung von der frühesten Zeit bis beute kennen, als die des Claviers, und so bietet sich auch darin vortrefflich Gelegenheit, das Unbekannte an das Bekannte anzuknüpfen. Wer hat nicht in Rüstkammern die alten plumpen, mit Zierrath überladenen und auf Gestellen ruhenden Gewehre gesehen und in Büchern gelesen über die Umständlichkeit des Ladens, und schließlich, wenn die Noth am größten, versagten sie den Dienst! Wer kennt nicht die heutigen glatten, schlanken und leichten Dinger, welche in der Minute so und so viel Schüsse liefern! Da haben wir die Geschichte des Claviers. Immer langsam, hieß es damals, und jetzt? Je schneller, desto besser.

Auch damals hatte man schweres und leichtes Caliber. Die ersteren waren die sogenannten Flügel, wegen ihrer Flügelform so genannt, und die letzteren die Claviere, welche einen mehr viereckigen Kasten hatten, und bis zu einer Kleinheit herabstiegen, daß man sie bequem unter den Arm nehmen konnte. Pianoforte wurden sie erst im achtzehnten Jahrhundert genannt, als man die Hammermechanik erfand und nun nach Belieben schwach (piano) und stark (forte) darauf spielen konnte. Unsere Altväter mußten in ihren Ansprüchen bescheidener sein und waren froh, wenn ihr Clavier den schwachen näselnden summenden Ton hatte. Die Herstellung war aber auch weit einfacher. An der verlängerten Taste war am Ende ein Stäbchen aufrecht eingeleimt, an dessen oberem Ende ein Messingblättchen eingezwängt wurde, und dieses Messingblättchen stieß beim Drucke auf die Taste an die betreffende Stahlsaite und brachte dadurch jenen wunderlichen „süßen Ton“, wie die Alten sagten, hervor. Die Flügel, mit dem langen, schmalen Körper, waren etwas anders eingerichtet, hier waren es nicht Stahlsaiten, sondern Darmsaiten und nicht ein Messingblättchen, sondern der gut geölte Kiel einer Rabenfeder brachte durch einen sanften Druck auf die Taste den Ton hervor. Doch der immerhin große Kasten des Flügels ließ dem Erfindungsgeiste des Menschen keine Ruhe und er begnügte sich nicht mit einer Saite für jeden Ton, sondern zog zwei, drei, ja sogar vier Saiten eng nebeneinander; er brachte ferner Vorrichtungen an, daß man nach Belieben auf so viel Saiten spielen konnte, wie man wollte; er stimmte eine der Saiten eine Octave höher oder tiefer, setzte zwei Claviaturen übereinander und auch zwei entsprechende Saitenlagen, ja sogar ein Flötenwerk, Trommel, Becken, Triangel und andere Spielereien wurden in dem Kasten angebracht und zur Freude der großen und kleinen Kinder lustig darauf herumgetrommelt. So sind die Menschen: wenn sie sich nicht am Erhabenen erbauen können, so ergötzen sie sich an Spielereien.

Die Kunst selbst und ihre Vertreter nahmen keinen Theil an diesen Instrumenten, d. h. es gab keine Literatur, weder für das Clavier, noch überhaupt für Instrumente. Instrumentalcomponisten erstanden erst, als die Instrumente eine Verbesserung erreicht hatten, in der sie sich würdig zeigten, Diener der Kunst zu werden. Die Claviere dienten in alter Zeit nur zur Unterstützung beim Gesange und die vorhandene Literatur besteht aus arrangirten Gesängen und Tänzen, wofür die Herren Verleger schon ihre Arbeiter zu finden wußten, die – gerade so wie heute – die Arbeit schockweise lieferten.

Erst dem in allen Dingen so revolutionären achtzehnten Jahrhundert war es vergönnt, auch die weittragende Erfindung der Hammermechanik an den Clavieren zu machen.

Drei Nationen streiten sich um die Ehre der Erfindung: Italien, Frankreich und Deutschland; doch Deutschland gebührt der Ruhm, die Erfindung praktisch zum Austrage gebracht zu haben. Wie so oft in der Geschichte der Erfindungen, haben die Erfinder selbst nur die Idee erzeugt, während die Ausführung, die praktische Verwerthung der Idee, von anderer Hand ausging. Christoph Gottlieb Schröter, um 1717 Organist in Nordhausen, Bartolo Christofali, um 1720 in Florenz lebend, und Marius[WS 1] , um 1716 in Paris, machen Anspruch auf die Erfindung der ersten Idee einer Hammermechanik, während Gottfried Silbermann, Instrumentenmacher in Freiberg (Sachsen), um 1721 ganz im Stillen die Idee praktisch ausführte und von Friedrich dem Großen, dem Preußenkönige, durch Geld und Anerkennung fleißig unterstützt wurde.

Wie unbeholfen die ersten Versuche ausgefallen sein müssen, läßt sich schon daraus entnehmen, daß die Hämmerchen, welche durch den Druck auf die Taste gegen die Saite geschnellt werden sollen, sich in kleinen Räderchen bewegten und die Hammerköpfe selbst mit Elensleder überzogen waren. Der Mensch sucht so oft die Lösung seiner Aufgabe durch die wunderlichsten Mittel zu erreichen, während das Richtige so nahe liegt. Jetzt bewegen sich die Hämmerchen in einer Gabel, damit die Reibung so gering wie möglich ist, und die Hammerköpfe sind mit Filz überzogen, um einen möglichst weichen und gleichmäßigen Ton zu erzielen.

Wie sehr die Erfindung des Pianoforte den Kunstinteressen entgegenkam und thatsächlich ein Bedürfniß der Zeit befriedigte, läßt sich aus der rapiden Verbreitung und unablässigen Verbesserung desselben am besten erkennen. Frankreich und England nahmen sich ganz besonders der Verbesserung des Pianoforte an, und was wir heute englische Mechanik nennen, [200] hat ihren Ursprung in den ersten Silbermann’schen Instrumenten. Die Deutschen verließen nämlich nach dem Tode desselben die von ihm angewandte Mechanik und erfanden die sogenannte deutsche Mechanik, während die Silbermann’sche durch einen Schüler Silbermann’s, Zumpe genannt, nach England gelangte und sich dort als englische Mechanik ausbildete. Dieselbe hat sich als so vorzüglich bewährt, daß jetzt alle Welt darnach arbeitet und sie auch die deutsche gänzlich verdrängt hat. Der Unterschied beruht hauptsächlich in der Art der Befestigung des Hammers: bei der deutschen Mechanik ruht er auf der verlängerten Taste selbst, bei der englischen dagegen hat er seinen Sitz auf einer besonderen Leiste.

Man ist jetzt eifrig bemüht, in Museen die alten vergessenen Kunstinstrumente aller Gattungen zu sammeln, um auch dem Zweige der geschichtlichen Forschung die Mittel an die Hand zu geben. Leider ist so barbarisch mit den Instrumenten umgegangen worden, daß wir über viele nur noch durch Beschreibungen und Abbildungen in Büchern Belehrung finden. Wer also im Besitze eines alten Instrumentes ist, der wird hiermit aufgefordert und gebeten, dasselbe nicht dem Verderben preiszugeben, sondern es irgend einem Museum anzubieten, wie deren in Dresden, Nürnberg, Salzburg, Wien und Berlin sich befinden. Kennen wir doch die Silbermann’schen ersten Pianoforte nur noch aus Beschreibungen, und wie interessant wäre es, die ganze Stufenleiter der Verbesserungen vor sich zu haben!

Rob. Eitner.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Mharius