Poesie und Wirklichkeit

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Titel: Poesie und Wirklichkeit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 43–44
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[43] Poesie und Wirklichkeit. Die von den Romanschreibern, namentlich von Cooper herrührenden und weit verbreiteten Schilderungen und Nachrichten über die Indianer werden in den so eben erschienenen „Briefen eines Deutschen aus den Vereinigten Staaten“ als abgeschmackte, aller Wahrscheinlichkeit entbehrende Phantasiebilder hingestellt. Ein Berichterstatter über den zwischen Gouverneur Ramsay und den Dacotah’s im vorigen Jahre in Minnesota bei Traverse des Sioux abgeschlossenen Friedensvertrag äußert sich in dem Jahrbuche für Minnesota Seite 31 folgendermaßen über diesen Gegenstand. „Aus den übertriebenen Indianischen Fictionen in einen elenden, wirklichen Wigwam (Indianer-Zelt) zu gerathen, ist der tiefste Fall seit dem von Adam. Wenn es wirklich nur ein Schritt ist von dem Erhabenen zu dem Lächerlichen, so ist es ein senkrechter und langer Schritt. Es gibt kein sichereres und untrüglicheres Mittel, dem lesenden Publicum jetzt und für immer die Ideen von „Indianischer Romantik“ zu vertreiben, als einem mit den Indianern gepflogenen Friedensvertrage beizuwohnen!“ Der Schreiber des Vorstehenden lebte vom 30. Juni bis 6. August umgeben von vielen Hunderten von Indianern, welche mit Weib und Kind, Hab und Gut nach Traverse des Sioux gekommen waren, und hatte daher hinlänglich Gelegenheit, deren liebenswürdiges und chevalereskes Benehmen kennen zu lernen.

Wie unbeschreiblich romantisch würde es Dir vorkommen, in einem engen bis auf den Erdboden reichenden, mit erstickendem Rauche gefüllten Zelte mit noch zehn oder zwölf Personen zu wohnen, welche ihre Kleider niemals waschen, ihre Lagerfelle oder Decken kaum jemals ausschütteln, wie das Vieh in den Ställen ungenirt umherliegen, von Ungeziefer strotzend, dieses mit naiver Ungezwungenheit sich gegenseitig absuchen und gleich Affen mit den Zähnen zerbeißen, „weil es sie ja auch gebissen habe?“ Wie würde Dir ein Gericht Hundefleisch, Moschusratte, am Flusse todt aufgelesener Fische oder in den Schalen gekochter Schildkröten munden, nachdem die sittige[WS 1] Wirthin den Dir bestimmten hölzernen Eßnapf aus ganz besonderer Rücksicht für das Reinlichkeitsgefühl eines Weißen mit einer Hand voll Gras von ihrem Lager und dann noch mit einem Zipfel ihres Röckchens ausgewischt hatte, welches seit einem halben Jahre, weder bei Tag noch bei Nacht von ihrem zarten Leibe gekommen war?

Der viel gerühmte Stoicismus der Indianer und ihre gepriesene Beharrlichkeit und Ausdauer in Ausübung der Vergeltung für empfangene Beleidigungen sind ebenso lächerliche Uebertreibungen wie die übrigen schon erwähnten romantischen Charakterschilderungen derselben; denn sie lassen sich nicht allein durch ihre Habsucht verleiten, [44] nach erhaltenen Geschenken oder geforderten Gaben verschiedener Art der Blutrache für gemordete Verwandte zu entsagen, sondern ertragen auch geduldig Prügel oder laufen feig davon, wenn ein herzhafter Weißer sie mit dem Stocke für Frevel oder Unarten züchtigt. Ich lernte verschiedene unternehmende Hinterwäldler im Indianergebiete kennen, welche schon seit funfzehn bis zwanzig Jahren sich mitten unter den Rothhäuten angesiedelt, recht ansehnliche Farmen eingerichtet und sich bei jenen durch Muth und Entschlossenheit so hohe Achtung verschafft hatten, daß sie von denselben niemals ernstlich belästigt wurden. Zu meiner größten Verwunderung (ich war nämlich auch noch der Meinung, daß ein Schlag bei den Indianern, wie bei den alten Deutschen, nur durch den Tod des Beleidigers gesühnt werden könne) hörte ich von allen ersten Ansiedlern, daß sie ihre braunen Nachbarn stets am sichersten durch Anwendung des Stockes in gehöriger Entfernung gehalten hatten, und daß jene, wenn sie namentlich durch Branntwein aufgeregt und theils unter einander, theils mit den Weißen in Streit geraten wären, immer durch eine gehörige Tracht Prügel in die Schranken der „Convenienz“ zurückgebracht worden wären! Die weißen Vorläufer der Civilisation lachten über die Maßen über meine schwachen Ueberbleibsel von Achtung vor indianischer Ritterlichkeit; denn langer Umgang mit den Eingeborenen läßt sie dieselben für nicht viel besser als übermüthige Affen betrachten.

Zum Schlusse dieses unwillkürlich lang gewordenen Indianerbriefes will ich Dir noch ein Pröbchen von indianischer Ehrlichkeit und Treue gegen die nächsten Stammverwandten mittheilen, welches ich wörtlich aus der Juni-Nummer des „Dacotah-Freundes“ von 1852 übersetze. Der Artikel ist überschrieben: „Pferdediebe.“ „Durch soeben von den Prärien eingelaufene Nachrichten erfahren wir, daß sechs Dacotahkrieger von den Prärien sich nach dem Missouri aufmachten, um Pferde zu stehlen. Sie waren glücklich in ihrer Unternehmung und theilten auf dem Rückwege die Beute unter sich, wobei sich jedoch Einer von der Gesellschaft für übervortheilt hielt. Als in der nächsten Nacht die übrigen fünf schliefen, bemächtigte er sich ihrer Gewehre und erschoß sie sämmtlich oder glaubte vielmehr dies gethan zu haben, und ritt mit den Pferden davon, in der Absicht, sie für sich zu behalten und in das Lager der Seinigen zurückgekehrt vorzugeben, daß seine fünf Gefährten von Feinden erschlagen worden wären. Allein zu seinem nicht geringen Erstaunen holte ihn einer der Todtgeglaubten, welcher durch den erhaltenen Schuß nur betäubt worden, bald wieder zur Besinnung gekommen war und seine Spur verfolgt hatte, an seinem nächsten Ruheplatze ein, schlug die gleichmäßige Theilung der gestohlenen Pferde unter beiden vor und versprach dafür, die Lüge des Mörders nach der Heimkehr durch sein Zeugniß zu unterstützen. Der Antrag wurde angenommen und beide setzten den nächsten Tag über ihre Reise gemeinschaftlich fort; allein schon in der folgenden Nacht erhielt der schon Verwundete einen zweiten, besser berechneten Schuß, worauf der Missethäter wieder aufbrach und endlich bei den Seinigen angelangt erzählte, daß die Besitzer der gestohlenen Pferde ihn und seine Gefährten auf dem Rückwege überfallen und alle die letzteren getödtet hätten! Bald jedoch erschien der zum zweiten Male Gemordete im Lager von „Donnergesicht,“ eines benachbarten Häuptlings, und verklagte den Raubmörder, welcher sich sogleich, als er dies erfuhr, flüchtete, allein auch bald von den Angehörigen der Gemordeten verfolgt wurde. Bei Abgang der Nachricht von dieser Greuelthat wußte man noch nichts von seinem Tode, doch wird er demselben wohl schwerlich entgehen.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. sittsam, tugendhaft (Quelle: Duden online)