Populär-wissenschaftlicher Vortrag des Dr. Sulphurius über die Stellung des Menschen in der Thierwelt

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Textdaten
Autor: Franz Bonn
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Titel: Populär-wissenschaftlicher Vortrag des Dr. Sulphurius über die Stellung des Menschen in der Thierwelt
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aus: Fliegende Blätter, Band 85, Nr. 2140, Seite 33–37
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Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: UB Heidelberg, Commons
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Illustrationen von Adolf Oberländer
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Populär-wissenschaftlicher Vortrag des Dr. Sulphurius über die Stellung des Menschen in der Thierwelt.

Auf einem der letzten Naturforschercongresse, welchem beizuwohnen wir leider durch unsere Studien verhindert waren, erklärte ein gelehrter Professor, der Mensch sei ein unvollkommneres Geschöpf als der Affe, da dieser letztere um zwei Paar Schneidezähne mehr besitze. In staunender Bewunderung lauschte das gebildete Europa der Weisheit dieser Behauptung und alle Geister beugten sich der Wucht dieser schlagenden Beweisführung.

Vier Zähne sind es, die uns zum Meisterstück der Schöpfung fehlen; hätten wir noch zwei Paar Zähne, so wären wir vollendete Affen! Da sieht man, wie wichtig die Zähne für den Menschen sind! Damit erklärt sich auch, warum das Zahnen bei den Kindern ein so wichtiges Geschäft ist und warum die Zahnärzte gar so theuer sind. Die Zähne sind die Hauptsache und zwar die Schneidezähne; sie sind ja die „schneidigsten“ und das „Schneidige“ regiert die Welt. Ob sich der Mensch, nachdem wir einmal auf diese Höhe unseres Wissens gelangt sind, nicht mit der Zeit ein Paar Schneidezähne noch angewöhnen und so in nicht zu ferner Zukunft den Gipfel thierischer Vollkommenheit erreichen wird, diese Möglichkeit wollen wir nicht näher untersuchen; es steht ja zu hoffen, daß wir endlich den Affenstandpunkt ganz und voll erreichen. Bis dahin müssen wir uns mit unserer Stellung in der Thierwelt einfach begnügen und uns mit dem Bewußtsein trösten, daß es außer dem Menschen noch gar Vieles gibt, was unter dem Affen ist.

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Aber wir gehen um einen Schritt weiter als der gelehrte Professor mit seinen mangelnden Schneidezähnen gegangen ist, wir sagen: „Der Mensch steht nicht nur unterm Affen, er steht unter der ganzen Thierwelt – die Spulwürmer vielleicht ausgenommen – er ist das unvernünftigste Geschöpf von Allen.“

Ein so gewaltiger Satz bedarf des Beweises – die folgende Darlegung soll ihn erbringen.

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Betrachten wir uns den Menschen als Kind. Das Kind nimmt Alles in den Mund, was seine Hände erhaschen können. Welches Rhinoceros thut dasselbe? Der Mensch, als Kind, schreit unsinnig, wenn ihm etwas wehe thut oder wenn er ein Spielzeug will, das er nicht erreichen kann; – der kleinste Fisch erträgt stumm die größten Schmerzen und welches Kalb erhebt ein so Mark und Bein durchdringendes Geschrei, wenn es ein Püppchen oder einen Wurstel sieht und denselben nicht gleich bekommt?! Menschenkinder strecken ihre Händchen nach Mond und Sternen aus und möchten am Liebsten die brennenden Christbaumkerzchen erfassen und sich daran verbrennen – von welchem noch so dummen Schafe sah man je desgleichen?

Das Kind benützt die Windeln, in die es gehüllt wird, [34] als hätten sie nicht die Bestimmung, es vor Frost zu schützen; – welches Schweinchen bedarf so vieler Wäsche als daß Menschenkind?

Wie furchtsam sind unsere Kinder, wenn es Nacht wird; – wo ist ein Hase, der so furchtsam wäre, daß er sich nicht ohne Nachtlicht zu schlafen getraute?

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Doch nicht nur daß Kind, auch der heranwachsende Knabe, das aufblühende Mädchen sind unvernünftiger, als die Thiere.

Seht die Jungen an, wie sie auf dem Wege zur Schule in jede Pfütze patschen, sich raufen und balgen und im Winter Schneeballen werfen! Benimmt sich das Zebra oder die Gemse ähnlich, und welches andere Beutelthier ärgert seinen Lehrer so, wie ein deutscher Schulknabe? Seht, wie die Mädchen plaudern und schwatzen und sich necken und rennen; – vergleicht mit ihnen die jungen Schildkröten und Schnecken, wie ehrsam und bedächtig wandeln diese ihres Weges dahin.

Der Mensch sitzt sieben Jahre und Viele noch länger in dumpfer Stubenluft auf den harten Schulbänken, um Etwas zu lernen – bisweilen lernt er auch nichts; – läßt sich von dem Thiere das Gleiche nachweisen? Und doch kann jedes von ihnen, was es im Leben braucht, und gibt es keinen Papagei und keinen Staar, der nicht das genügende Maß von Bildung hätte.

Der Esel geht bekanntlich nur einmal auf das Eis – junge Leute, so oft es gefroren ist.

Seht Euch einmal die jungen Menschen an, wie unsinnig sie tanzen und sich auf Bällen echauffiren; – treibt der junge Elephant gleichen Blödsinn, oder habt Ihr ein Kameel je tanzen sehen?

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Bei solchen Tanz- und Eisgelegenheiten pflegt sich der junge Mensch beiderlei Geschlechtes zu verlieben und geräth dann in einen Zustand, in welchem er gewöhnlich noch unvernünftiger ist, als er sonst zu sein pflegt. In diesem Zustande macht der Jüngling in der Regel lyrische Gedichte und schreibt Liebesbriefe. Das Letztere geschieht häufig auch von weiblicher Seite. Diese heimlich geschriebenen Briefe werden im Falle anderweiter späterer Verlobung wieder zurückgegeben, haben also gar keinen vernünftigen Zweck – und wenn man sie erst auf ihren Inhalt prüfen wollte! – Welches Kaninchen schreibt Liebesbriefe, welche noch so dumme Gans würde ihre Federn freiwillig zu solchen Schreibereien hergeben, und hat je auch der verliebteste Maikäfer die Thorheit begangen, lyrisch zu dichten?

Welche Grille oder welche Katze ist so schonungslos gegen die Nachbarschaft, das Klavier- oder gar das Violinspielen zu lernen?

In der goldenen Zeit der Jugend gewöhnen sich die jungen Herren der Schöpfung unter anderen Untugenden auch häufig das Laster der Rauchens an. Man sieht Hunderte von cigarrenrauchenden [35] Knirpsen; – hat man je einen Frosch Cigarren rauchen sehen, oder gehen die Backfische so gerne wie die jungen Fräuleins, die von ihnen den Namen haben, zum Conditor, um zu naschen und Gefrornes zu speisen?

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Wo ist ein Amphibium, das so viele Stunden in rauchigen Kneipen und im Kaffeehaus zubrächte, als der Mensch, wenn er Student ist?

Hat man je erlebt, daß ein noch so edles Roß so unvernünftig ist, zu pauken und sich aus Ehrgefühl die Nase weghauen zu lassen, und – um einer andern Sorte von Studierenden gerecht zu werden – welcher Büffel studirt des Tages acht Stunden, um ein glänzendes Examen zu machen?

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Gibt es eine Gattung von Thieren, welche, wie das am Lande leider oft der Fall ist, am Kirchweihfeste oder bei Hochzeiten Raufereien veranstaltet, und von welchem Quadrupeden oder Vogel hat man je gehört, daß er am Kammerfenster seinen Nebenbuhler erstochen oder mit einem Zaunpfahl erschlagen hätte?

Gerade im Kapitel der Eifersucht läßt sich ein vernünftigeres Verhalten der Thierwelt nicht verkennen und vergeblich wird man in irgend einer Naturgeschichte nach einem Tiger suchen, der seine Louise mittels einer Limonade vergiftet hätte, wie der unglückselige Flötenspieler Ferdinand.

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Hat man je erlebt, daß sich ein Heuschreck erschossen, ertränkt, erhängt oder erstochen hätte, wie das bei den Menschen fast epidemisch zu werden droht? Kein seines Lebens noch so überdrüssiger und noch so mürrischer alter Kater hat noch je Hand an sich selbst gelegt und die ärmste Kirchenmaus trägt ihr Schicksal gelassen.

Wer nun glauben sollte, die menschliche Unvernunft nehme mit den Jahren ab, der befände sich erst recht im Irrthum. Wenn der [36] Mensch zu seinen Jahren kommt, so heirathet er oder er heirathet auch nicht und in beiden Fällen handelt er nicht immer vernünftig. Viele leben in der Ehe in fortwährendem Zank und Streit – welche Taube hält ihrem Gatten eine Gardinenpredigt, wenn er zu lange ausbleibt, und das gemeingefährliche Institut der Schwiegermütter findet in der Thierwelt gar keine Vertretung.

Man betrachte den Menschen in Beziehung zu seinen Mitmenschen. Sucht nicht im Kampf um’s Dasein einer den andern zu verdrängen und in den Staub zu treten? Jeder will der Erste an der Kasse sein, um den besten Platz zu erhaschen. Wo findet man dergleichen in der Thierwelt? Fällt es dem Haushahn bei, ein Adler sein zu wollen? Pfuscht die Ameise der Biene in’s Handwerk oder macht ein Stockfisch Anspruch auf eine Villegiatur am Starnbergersee, Bodensee etc.? Außer den beiden spazierengehenden Löwen, die sich bis auf die Wedel gegenseitig aufgefressen haben, ist ein Beispiel der Concurrenz, welcher täglich Tausende von Menschen zum Opfer fallen, wohl nicht bekannt.

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Die Menschen führen Processe; – welcher Ochse hat so wenig Intelligenz, das Gleiche zu thun? Welcher Advokat ist trotz allen Studiums so schlau, wie eine Schlange und welcher Hecht müßte jahrelang Pandekten studieren, um einen Rechtshandel entscheiden zu können? Der Mensch studiert Medizin, um Kranke gesund zu machen und umgekehrt, er muß viele Glieder amputiren, um ein geschickter Chirurg zu werden; – wie einfach besorgt das ohne Studium jedes Krokodil, und der Affe, der irgendwo seinen Schweif verloren hat, curirt sich selbst, während der Arzt von seinen kranken und sterbenden Mitmenschen lebt.

Man wende nicht ein, daß auch viele Thiere von anderen Thieren leben und daß der Stärkere den Schwächeren frißt, denn auch der Mensch, wenn er nicht reiner Vegetarianer ist, ernährt sich von der Thierwelt und der Fall, daß ein Menschenfresser an einer Indigestion stirbt, die er sich durch den Genuß seiner unverdaulichen Großeltern zugezogen, ist auch heutzutage, wenigstens in unsern neuen Colonialgebieten, nicht unmöglich.

Werfen wir einen kurzen Blick auf das politische Leben. Wo bestehen in der Thierwelt Parlamente? Gibt es unter den Flöhen sozialistische Umtriebe, unter den Hyänen Nihilisten? Lassen sich die wolletragenden Schafe zur Wahlurne treiben und hält irgend ein Zweihufer Reden, wie wir sie von Menschen zu lesen gewohnt sind?

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Besitzen die Raubthiere so viel Blutdurst, daß sie unermüdlich darauf bedacht sind, neue Schußwaffen zu erfinden und wird nicht die Krupp’sche Kanone ausschließlich im Dienste der Menschheit verwendet?

Kennen die Thiere die gefährlichste aller modernen Waffen – die Tagespresse, die mit vergifteten Pfeilen unsern guten Namen [37] trifft und in dem Spinnengewebe der Lüge die Eintagsfliege „Neuigkeit“ fängt und aussaugt. Welcher Iltis kann nicht frühstücken, ohne dabei sein Tagblatt zu lesen und welcher heißhungrige Marder ist so gefräßig, wie der Mensch als Zeitungsleser?

Aber das Thier ist auch geschickter, als der Mensch.

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Haben nicht das Schaf und das Kameel, welche doch zu den dümmsten Thieren gerechnet werden, lange vor dem Menschen das Wollregime erfunden? Welcher Nimrod vermag sich in Erlegung des Wildes mit einem Fuchse zu messen und wie weit steht das geübteste Mitglied eines Fischereivereines hinter dem jüngsten Fischotter zurück? Ist nicht der Hühnerhund und der krummbeinige Dachs meist klüger als der edle Sonntagsjäger, den sie zur Jagd begleiten?

Kann sich eine postalische Einrichtung an Schnelligkeit und Sicherheit mit den Brieftauben vergleichen und wo ist ein Architekt, der ohne Plan und Kostenvoranschlag einen Dachsbau mit so geringen Kosten herzustellen vermöchte?

Gibt es ein Stachelschwein, das so häßliche Bilder malen könnte, wie es manchem modernen Künstler gelingt und hat irgend ein Nilpferd schon gräßlichere Mißtöne hervorgebracht, als die menschliche Tonkunst der Zukunft sie zu erzeugen bestrebt ist?

Doch genug! Wollten wir unser Thema erschöpfend behandeln, so könnte man am Ende unseren eigenen Vortrag als einen Beweis für die Richtigkeit unserer Behauptung betrachten. Man lockt mit solchen Erörterungen schließlich doch keinen Seehund aus dem Ofen, und so lange uns die vier weiteren Schneidezähne fehlen, können wir uns eben auch mit dem besten Willen nicht besser herausbeißen.

v. Miris.