Predigt gegen den Nestorianismus, gehalten zu Konstantinopel

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Textdaten
Autor: Rabbula von Edessa
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Titel: Predigt gegen den Nestorianismus, gehalten zu Konstantinopel
Untertitel:
aus: Bibliothek der Kirchenväter, Band 38, S. 238-243.
Herausgeber:
Auflage: 1
Entstehungsdatum: 5. Jh.
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Jos. Koesel’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Kempten
Übersetzer: Gustav Bickell
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Faksimile auf den Commons
Kurzbeschreibung:
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Bild
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Bearbeitungsstand
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[238]
Predigt gegen den Nestorianismus, gehalten zu Konstantinopel.




Wir sind nur gering an Rede und Weisheit, ihr aber seid groß an geistiger Einsicht und Zungengewandtheit. Wer sollte also nicht in einer Gemeinde gleich dieser Bestürzung empfinden? Denn es ist sehr schwierig für Unwissende, die Rede eines Schriftkundigen zu beurtheilen. Ich aber bitte und flehe zu Gott, es möge ein Jeder durch die Gabe des in unsere Herzen eingegossenen Geistes so einsichtig werden, daß er der Belehrung durch einen Anderen nicht mehr bedürfe. Denn die Quelle aller Lehre ist die Gnade, durch welche unser Herr seine Kirche belehrt und inspirirt. Denn wenn wir auch von Natur Einsicht besaßen, so ist doch die Sünde durch unsern freien Willen zur Herrschaft über uns gelangt und hat unsern Verstand verfinstert. Deßhalb kam das Geschenk des geschriebenen Gesetzes, damit in dem Spiegel dieser offenbaren Weisheit jene verborgene, in [239] unserer Natur begründete wieder aufleben möchte. Trotzdem brachten die Menschen der Vorzeit ihr Leben in Sorglosigkeit hin, erstickten das natürliche Gesetz in ihren Leibern und begruben das geschriebene in ihren Seelen. Denn wegen der Schwäche ihres Fleisches vermochten sie nicht, weder das, was sie von Natur als recht erkannten, noch das, woran sie durch das Gesetz gemahnt wurden, durch Werke zu erfüllen. Seitdem aber die allbelebende Gnade Gottes allen Menschen offenbar geworden ist, hat sie uns durch ihre Weisheit unterwiesen, dem Frevel und den weltlichen Lüsten zu entsagen und in dieser Welt keusch, gerecht und gottesfürchtig zu leben. Denn die Menschwerdung unseres Herrn und sein Leiden, welches unser aller Erlösung ist, hat uns eine sichere, unsere Schwachheit stärkende Hilfe verliehen, so daß in uns nicht mehr die bloße Kenntniß seiner Gebote vorhanden ist, sondern auch die Kraft, sie zu erfüllen.

Dieses sollte genügen, meine Brüder, wenn ihr guten Willen habt, um euch zu bewegen, künftig alle Untersuchungen über Streitfragen und Wortzänkereien zu vermeiden und statt dessen der Ausübung guter Werke, die von uns verlangt werden, nachzueifern. Denn es geziemt sich heut zu Tage nicht für uns, unseren Sinn ausschließlich auf überflüssige Untersuchungen und Wortstreitigkeiten zu richten. Das ist ja wie eine Schmach und ein arger Hohn, daß ein Mensch auf der Straße ohne Scheu über die göttliche Majestät frech disputirt. Der Teufel, welcher einst unsere frühere Herrlichkeit beneidete und uns durch seine Schmeicheleien aus unserer wonnevollen Heimath vertrieb, eifert auch jetzt gegen die endgiltige Erlösung, die uns zu Theil geworden ist, und sucht uns durch seine Verlockungen sogar von der Höhe des Himmels herabzustürzen. Er will uns nämlich durch seine Ränke von der Beobachtung der Gebote unseres Herrn ablenken, durch welche wir in gliedliche Gemeinschaft mit Ihm gelangen können, und zerrt uns statt dessen zu schwierigen, das Maß unserer Einsicht überschreitenden Untersuchungen, um uns so das ewige Leben zu rauben. Es ist aber heilsamer, daß sich der Mensch nur gemäß seiner Fassungskraft [240] Weisheit zu erwerben suche, um daraus einen Antrieb zu guten Werken zu entnehmen, gleichwie es uns auch gut ist, die Sonne mit Maß anzuschauen, um von der Schönheit des Geschaffenen auf die Vollkommenheit des Schöpfers zu schließen. Wer aber die Sonne allzu lange und scharf zu betrachten wagt, der kann nicht nur nicht die Sonne, so wie er will, sehen, sondern beschädigt auch noch sein Augenlicht durch seine Dreistigkeit.

Ich beabsichtige aber, über den vollkommenen Wandel zu der Kirche Gottes zu reden, nicht als ob sie meiner Belehrung bedürfte, da ich ja nur ein unter Landleuten wohnender Mann vom Lande bin, der sogar meistens syrisch spricht. Was könnte ich also einer solchen Versammlung lehren, die vielmehr selbst alle Anderen zu belehren vermag?

Meine Lieben, es gibt zwei Hauptgebote, in welche das Gesetz und die Propheten eingeschlossen sind. Das erste heißt: „Du sollst lieben den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen.“ Wer nun liebt, der forscht nicht nach, sondern gehorcht, und untersucht nicht, sondern glaubt. Denn die Liebe zu Gott zeigt sich nicht in Worten, sondern durch die That, wie Er sagt: „Wer mich liebt, hält meine Gebote.“ Das andere Gebot aber, welches jenem gleich ist, lautet: „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“ Ferner wer liebt, der tödtet nicht, stiehlt nicht, bricht nicht die Ehe, lügt und betrügt nicht. Denn was er nicht will, daß ihm von den Leuten angethan werde, das thut er Anderen auch nicht, sondern da er die Menschen liebt, so thut er ihnen so, wie er will, daß sie ihm thun sollen. Dieß, meine Brüder, sind die Lehren, welche unseren Seelen Nutzen bringen und für die Auferbauung der ganzen Kirche Christi geeignet sind. Deßhalb sollten wir stets gerade diese Wahrheiten beherzigen und sie durch unsere Werke bekennen; denn sie allein sind der kostbare Erwerb unserer wahren Gerechtigkeit.

[241] Weil ich aber weiß, daß die Erwartung eueres Gehörs und die Aufmerksamkeit eueres Verstandes darauf gerichtet ist und erwartet, von uns Rechenschaft über unseren Glauben zu vernehmen, und durchaus von uns die Wahrheit über Christus zu wissen verlangt, so sind wir durch euere Liebe gezwungen, über solche Dinge vor euch zu reden, welche man eigentlich nur im Schweigen des Glaubens verehren sollte. Die Frage nun, über welche ihr verhandelt, ist folgende: ob die Jungfrau Maria in Wahrheit Mutter Gottes sei oder nur uneigentlich so genannt werde, oder ob sie vielleicht gar nicht einmal mit diesem Namen bezeichnet werden dürfe. Wir aber sagen, weil unsere Hoffnung, die ja unser Leben ist, feststeht, und weil unsere Zuversicht, deren wir uns rühmen, glaubwürdig ist, mit lauter Stimme ohne Scheu, daß Maria Mutter Gottes ist und mit vollem Rechte als solche gepriesen wird. Denn der Gott Logos, welcher im Himmel seiner Natur nach keine Mutter hatte, erwählte sie auf Erden nach seinem Wohlgefallen zu seiner Mutter. Ruft ja doch der Apostel aus: „Gott sandte seinen Sohn, und er ist geworden aus einem Weibe.“ Wenn jedoch Jemand wagen würde, zu behaupten, sie habe den Gott Logos seiner Natur nach geboren, so würde er nicht nur nicht gut sich ausdrücken, sondern gradezu ein falsches Bekenntniß ablegen. Denn wir nennen die heilige Jungfrau nicht deßhalb Mutter Gottes, als ob sie die Gottheit ihrer Natur nach geboren hätte, sondern weil der Gott Logos, als er Mensch wurde, aus ihr geboren worden ist. Denn es steht ja also geschrieben: „Eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, dessen Namen man Emmanuel nennen wird, das bedeutet: Unser Gott mit uns.“ Unser Herr hat aber nicht etwa seinen ersten Anfang von der seligen Jungfrau erhalten (denn das Wort war ja nach dem Zeugnisse des Johannes im Anfang bei seinem Vater), sondern Christus ist um seiner Barmherzigkeit willen aus ihr im Fleische erschienen, Er, welcher seiner Natur nach Gott über Alles ist.

Verzeihet, Geliebte, die Schwäche unserer Rede, da wir [242] nicht nach einem auswendig gelernten Aufsatz predigen. Wir haben nämlich nicht die Gewohnheit, unsere Predigt vorher aufzuschreiben, einzuüben und dann vorzutragen; sondern wir reden ohne Vorbereitung zu dem Volke Gottes, was die Gnade in unserm Herzen hervorbringt. Euch aber, Brüder, bitten wir, mit Einsicht auf die Bedeutung unserer einfachen Rede zu achten, statt auf kunstvolle Zusammenfügung zierlicher Worte. Wir glauben also, daß der Gott Logos bei Gott war und von Ewigkeit her seiner Natur nach vom Vater erzeugt ist, in der Vollendung der Zeiten aber um unseres Heiles willen im Fleische von der Jungfrau geboren wurde. Weder bekennen also Diejenigen auf die rechte Weise, welche meinen, er sei seiner Natur nach von der Jungfrau geboren worden, noch auch können umgekehrt Diejenigen dem Vorwurf der Lästerung entgehen, welche sagen, Maria habe einen bloßen Menschen oder einen mit dem heiligen Geiste Gesalbten geboren, selbst wenn sie vorschützen, daß sie nur wegen der Disputationen gegen die Irrlehrer Bedenken trügen, die heilige Jungfrau als Mutter Gottes zu preisen. Wir aber glauben nach dem Bekenntniß unserer heiligen Väter, daß der Gott Logos um unseretwillen den Leib angenommen hat und Mensch geworden ist. Nicht war der Eine in einem Anderen, sondern der Eine, welcher von Ewigkeit her bei dem Vater war aus der Natur des Vaters, eben Dieser ist im Fleische geboren worden aus dem Stamme Davids von der heiligen Jungfrau, der Mutter Gottes. Dabei verlor er nicht das, was er war, nämlich Gott und Sohn und Eingeborener, sondern auch bei seiner Menschwerdung blieb er Gott nach seiner Natur, Sohn nach seiner Person, Eingeborener nach seiner Zahl und Erstgeborener nach seiner Menschheit. Keine Veränderung, weder durch Hinzufügung noch durch Verminderung, hat an ihm stattgefunden; aber der seiner Natur nach Leidensunfähige hat an seinem Leibe nach seinem Wohlgefallen gelitten. Denn der Eingeborene hat sich selbst als Priester seinem Vater für uns zu einem fleckenlosen Opfer dargebracht [243] und uns durch seinen für uns erlittenen Tod erlöst. Gleichwie er nämlich in seinem Leibe mit dem Teufel gekämpft, ihn besiegt und unter unsere Füße gelegt hat, so hat er auch gelitten[1] . . .


  1. Die Blätter, auf welchen der Schluß dieser Predigt stand sind in der Handschrift abgerissen.