Preußische Fahnenweihe im Feindesland

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Autor: Georg Hiltl
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Titel: Preußische Fahnenweihe im Feindesland
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 172-175
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[172]
Preußische Fahnenweihe in Feindesland.
Aus den Erinnerungen eines Veteranen. Mitgetheilt von Georg Hiltl.

Am 3. September des Jahres 1815 war in Paris eine eigenthümliche Bewegung bemerkbar. Nicht wie sonst durchströmte eine rasche, lebendig dahinrollende Menschenfluth die Straßen der ungeheuren Stadt; nicht wie sonst tönten die Rufe des Sieges oder der Begrüßung aus tausend Kehlen in die Luft. Es war vielmehr eine düstre Stimmung in den sich versammelnden Massen [173] zu erkennen, ein finstrer Ernst lag auf vielen Gesichtern, und dennoch schien es, als zöge alle diese unwilligen, trübseligen, trotzigen Leute eine geheime Kraft nach einem gewissen Punkte der Stadt, wo Etwas vorgehen sollte, das die Kinder der großen Nation noch nicht gesehen hatten.

Am 3. September 1815 sollte laut Armeebefehl König Friedrich Wilhelm’s des Dritten von Preußen in der besiegten und eingenommenen Hauptstadt die Vertheilung und Verleihung von Fahnen an diejenigen Regimenter der Linie und Landwehren stattfinden, welche den großen Sieg erfochten hatten, ohne Fahnen, die Heiligthümer eines jeden braven Regimentes, zu besitzen. Diejenigen Regimenter aber, vor welchen her schon das Banner mit den preußischen Farben seit alter Zeit flatterte, wenn sie in den Kampf zogen, sie sollten zum Zeichen ihres Muthes, ihrer Hingebung in die Fahnenspitzen das eiserne Kreuz erhalten. Tags vorher war in dem Quartier König Friedrich Wilhelm’s des Dritten, dem Hotel des Vicekönigs von Italien in der Straße Bourbon, eine große, festliche Versammlung gewesen. Die hervorragendsten Führer der alliirten Armeen hatte der König an seinem Tische vereinigt, sein erster Becher galt dem Wohle der siegreichen Armeen, die nach gewaltiger Blutarbeit den größten Gegner niedergeworfen hatten, der wohl jemals im Sturme und Graus der Schlachten wider die Völker der Erde gestritten. Gegenüber der Tafel lagen auf langen, mit kostbaren Decken gezierten Tischen dreizehn Fahnen. Sie harrten ihrer ehrenvollen Bestimmung, sie waren nur noch ein Stiel, ein geschmückter, mit Bändern und Farben gezierter Streifen Zeug. Der Tag sollte erst kommen, der in diesen todten Stoffen das Leben erweckt, das Leben der Begeisterung, das in dem muthigen, unverzagten Herzen des Trägers wohnt, aus den feurigen Blicken der Tausende sprüht, welche nach der Fahne gerichtet sind, und das sie flattern und rauschen macht in der Sonne eines blutigen Entscheidungstages.

Neben diesen Neulingen ruhten die alten Banner; verschossen – staubig – matt das Silber, das Gold – gebleicht die einst so lebhaften Farben, aber ehrwürdig mit ihren durch Kugeln zerfetzten, löcherigen Tüchern, Reliquien aus bewegten Tagen, die Preußens Waffen zum Kriege geführt, die schon unsäglichem Schmerze, kühnem Entsagen, großherziger Selbstaufopferung zugewinkt und deren Fetzen ganzen Schaaren von Kriegern gezeigt hatten, an welcher Stelle im Gewühle des Kampfes Sieg oder Tod zu finden sei.

Diese alten Banner führten in ihren Spitzen in durchbrochner Arbeit das Zeichen des eisernen Kreuzes. Nicht weit von den also ruhenden Fahnen saßen fünfundneunzig Männer, gebräunte, schlicht aussehende, freudig ernste Männer. Sie gehörten ursprünglich den verschiedensten Ständen an, man konnte aber heute keinen Unterschied gewahren, sie glichen sich einander, sie schienen einer Familie entsprossen, der Dienst des Vaterlandes hatte sie zu Brüdern gemacht. Es waren neunzehn Feldwebel und Wachtmeister, neunzehn Unterofficiere und siebenundfünfzig Gemeine, Alle schmückte der Rock des siegreichen preußischen Soldaten, nur die Abzeichen der Regimenter schieden sie äußerlich.

Sie waren geladen zur Tafel der Herrscher, der Führer. Sie stießen ihre Gläser an das ihres Königs und Kriegsherrn. Es war ein lauter, heller Klang, der sein Echo finden mußte im fernen deutschen Vaterlande, das diese Männer hatten befreien helfen vom fremden Joche, echte Kinder des Volkes, Alles verlassend auf den Ruf: „Rettet das Vaterland!“

Es war ein erhebender Tafelschluß in dem großen Hotel der Straße Bourbon am 2. September 1815 zu Paris, als unter den Klängen kriegerischer Musik die Nägel in die neuen Fahnen geschlagen wurden, als die Farben Preußens sich entfalteten in der eroberten Hauptstadt. Diese Vorgänge hatten nur dazu beigetragen, die gedrückte Stimmung der Franzosen in eine schmerzerfüllte zu verwandeln. Das große, sieggewohnte Volk sah den Feind zum zweiten Male in seiner Mitte. Und heute, am 3. September, sollte ein Schauspiel stattfinden, so neu, so demüthigend für die Kinder Frankreichs, daß selbst der Feind, der siegreiche, einen Ausbruch des empörten Nationalstolzes fürchtend, die Vorsichtsmaßregeln in der Stadt verdoppelt hatte.

Stumm dehnten sich die Reihen der Zuschauer von dem Champ de Mars aus bis zur Straße Bourbon hin. Inmitten des Marsfeldes sollte die Weihe der Fahnen geschehen, welche den Regimentern für ihren Sieg über französische Heere zum Lohne gereicht wurden. Welche wunderlichen Gruppen unter diesen Zuschauern! Finstere Mienen gewahrte man, dunkelgefärbte Gesichter, die sich über die vordersten Zuschauerreihen erhoben. Man erkannte auf den ersten Blick an der Haartracht, dem Barte, an der eigenthümlichen Art der bürgerlichen Kleidung den verkappten Soldaten. Diese Männer wollten sich überzeugen, ob es Traum oder Wirklichkeit sei, daß Feinde, siegreiche Feinde, in den Straßen von Paris als Herren schalteten, nachdem der große Meister der Schlachten, Napoleon, vernichtet, geflohen – gefangen war. Ihr Kaiser! Ihr Feldherr! Viele dieser Männer hatten die Siegeslaufbahn des Gewaltigen von Anbeginn mit ihm durchzogen. Sie waren ihm gefolgt in die Wüsten Aegyptens, in die lieblichen Gefilde Italiens, in die Eissteppen Rußlands, in die gesegneten Fluren Deutschlands. Sie waren zurückgekehrt von Elba, sie hatten mitten im Tosen des Kampfes gesehen, wie das „Mißgeschick von Waterloo“ die Schwingen des kaiserlichen Adlers lähmte, und jetzt sahen sie zwei doppelköpfige und einen einfachen Adler in der Hauptstadt[WS 1] ihre siegreichen Krallen wetzen. Das war ein tiefer, echt soldatischer Schmerz, der durch die Seele der alten Krieger zog. Sie traten dicht zusammen, sie flüsterten nur. Mit Verachtung sahen sie auf eine andere Gruppe lachender Gesichter; sie bestand aus Leuten, denen die Umänderung eben recht war; diese Leute waren es, die „Vivent les Alliés“ riefen, die aber ebensogut „Vive Napoleon“ gerufen hatten, als der Kaiser von Elba zurückkam. Sie werden auch bald „Vive Louis XVIII.“ schreien, zum zweiten Male schreien – und eine gehörige Anzahl von ihnen wird noch am Leben bleiben, um fünfzehn Jahre später, am 30. Juli, schreien zu können: „A bas les Bourbonrs! vive Louis Phillippe! vivent les Orléans!“

Eine dritte Gruppe von Menschen, am 3. September 1815 zum Schauen versammelt, verhielt sich fast theilnahmlos. Sie kreuzten die Arme über die Brust, oder hielten sie auf dem Rücken, oder steckten ihre Hände in die Hosentaschen und stellten sich breitbeinig hin. Auf den Gesichtern dieser Leute entdeckte man auch eine gewisse Heiterkeit, aber es war weder die Heiterkeit des Schmeichlers, noch die des Beglückten. Es war das Lächeln des Hohnes. Die Physiognomien dieser Art von Zuschauern zeigten Furchen, Falten, gekreuzte Linien. Große Bewegungen hatten die Züge dieser Leute mit fortwährendem Zucken, unheimlicher Lebendigkeit begabt, was doppelt auffiel, da ihre Körper sich sehr ruhig hielten.

Die Augen dieser Menschen blickten ebenfalls lauernd und unstät. Um ihre Mundwinkel spielte das höhnische, schadenfrohe Lächeln. Trotz ihres gravitätischen Gebahrens trugen sie eine gewisse Nachlässigkeit in ihrer Kleidung, förmlich absichtlich, zur Schau, und ihr ganzes Wesen schien zu sagen: „Noch sind wir hier. Da habt Ihr’s. Wir haben voraus gewußt, daß es so kommen würde.“ Diese Leute waren die alten Republikaner von 1792. Sie freuten sich über den Einmarsch der Fremdlinge, den sie als eine Strafe für die Nichtanerkennung ihrer Principien betrachteten. Sie zuckten die Achseln und murmelten voll stiller Hoffnung auf die Wiederkehr der Conventsherrschaft: „Wer weiß, wie es noch kommen wird?“

Zwischen allen diesen verschiedenartig bewegten Menschen vertheilten sich nun die überaus zahlreichen und überall vorhandenen Neugierigen, die Menge, welche weder liebt noch haßt, die nur zusammenläuft und schreit, ohne irgend einen Grund zu haben, die immer da ist und immer wieder verschwindet, diese große, erbärmliche Sippschaft, die Niemand besser charakterisirt hat, als Cromwell, dem man Compliinente machte, daß bei seinem Einzuge so viele Zuschauer anwesend seien. „Bah!“ sagte der große Staatsmann. „Wenn ich einziehe, kommen hunderttausend, wenn ich gehängt werde, laufen dreimalhunderttausend zusammen.“

„Eiswasser, Cocoli, Früchte, frische Pasteten!“ So tönte es mitten in all den Wirrwarr, in alle Seufzer, Erwartungen und Verwünschungen hinein. Auf und nieder liefen die Verkäufer. „Frische Blumen!“ riefen Bouquetièren der Straße St. Honoré und der Boulevards. „Liquour à la Russie!“ heulte die heisere Stimme eines alten Branntweinschenkers. Die Gleichgültigen aßen, tranken und kauften. Immer lebendiger wurde die Unterhaltung. Man konnte bemerken, daß die Leute mit den soldatischen Gesichtern heftig agitirten, daß die alten Republikaner hetzten, daß die Bourbonisten abmahnten. Schon seit mehrern Wochen ahnten die Herrscher der siegreichen Armeen, daß sich eine Erhebung vorbereite; nächtliche Anfälle der Patrouillen, Zusammenrottungen, kaltes, erzwungenes [174] Benehmen gegen die Einquartierten bestärkten diesen Verdacht. Selbst bei den Neugierigen fand Aufreizung ein geneigtes Ohr, liebten sie doch die Veränderung, und wie lange war es her, daß in den Straßen von Paris Gefechte geliefert worden?

Da horch! Trommelwirbel! Alles wird still. Es beginnt die Feier des Tages, der seine Weihe durch die Einsegnung der Fahnen erhalten soll. Es ist dem Franzosen ein fremder Trommelwirbel. Da schreiten sie heran, die Sieger von Montmartre und Waterloo! Hurrah! Hurrah! wie die jungen, strammen Kerle die Schlägel rühren, wie das Kalbfell rasselt, wie die preußischen Wirbel anklingen an die Häuser von Paris, die hellen Pfeifen schrillend durch die Gassen tönen! Dann setzt die Musik rauschend ein und die Tritte hallen im Gleichmaß. Heute sind sie besser aufgeputzt, als am Tage des ersten Einmarsches, die Jungen aus der Kurmark, die flotten, pfiffigen, geriebenen Berliner. Sie gelten für großmäulig, aber sie haben gezeigt, daß sie schlagen können; man frage den General Thilemann, ob bei Waterloo Muth und Arm des Berliners nicht ebenso bei der Sache gewesen sind, wie sein Mundwerk? Die stämmigen Pommern, die schönen schlanken Westphalen – Alles zieht von der Straße Bourbon her gegen das Marsfeld.

Und nun – da flattern sie im Winde hoch – zum ersten Male über den Häuptern der siegfreudigen Soldaten, die neuen preußischen Fahnen; es ist, als ob vom deutschen Lande her ein Windstoß grüßend herüberwehe und sie lustig bewege und selbst die wenigen Stücklein Zeug, welche die Kugeln an den Stangen der alten Fahnen gelassen haben, spielen, sich hebend, im Winde und flüstern einen leisen Gruß den Nachkommen derer, die vor langen Jahren zuerst die zerschossenen Banner aus dem Kampfe getragen. Dreizehn Unterofficiere, jeder geziert mit dem eisernen Kreuze, tragen die Fahnen und Standarten. Sie haben die Neulinge und die Alten aus dem Quartier des Königs abgeholt. Ein glänzendes Geleit wird dieser kleinen Schaar gegeben. Mit festem Tritte, stolz blickend, umgiebt die Fahnenträger das erste Bataillon des ersten Garderegiments zu Fuß. An der Spitze dieses Geleites erblickt man zwei junge, schlanke Officiere. Sie schauen muthig und heiter um sich, auf ihre Krieger, auf die drängende Volksmenge, ihre jugendliche Brust hebt sich bei dem Gedanken, daß auch sie nicht fern geblieben sind dem großen Streite für das Vaterland, für die Rechte der Unterdrückten. Diese beiden jungen, stattlichen Männer, diese Officiere vor den wallenden Fahnen sind Friedrich Wilhelm, der Kronprinz von Preußen und sein Bruder, Prinz Wilhelm, der heute als König Wilhelm der Erste auf dem Throne Preußens sitzt. Sie haben den ehrenvollen Auftrag erhalten, die preußischen Fahnen auf das Marsfeld von Paris zu geleiten.

Dort ging es lebendig und militärisch bunt her. Zur Fahnenweihe waren commandirt: fünf Regimenter Infanterie, drei Cavalerie-Regimenter. Die Infanterie stand in Colonnen zum Viereck geschlossen, die Cavalerie in der Fronte gegen das Viereck und gegen die Stadt gekehrt, in dem innern Raume die Detachements eines jeden Regiments, die Zahl von siebenzehn Bataillonen, neun Escadronen ausmachend. Die Garde und die Grenadiere standen auf dem Erdwalle, der das Marsfeld umgab.

Wunderbare Umwandlungen und Bestimmungen! Jenen Erdwall hatte man aufgeworfen, als König Ludwig der Sechszehnte das Fest der Versöhnung auf dem Marsfelde mit seinem Volke feierte; der letzte große militärische Act war das Champ de Mai gewesen, welches an eben der Stelle, wo heute die siegreichen Preußen standen, der gestürzte Kaiser über seine tapfere, glänznde Armee gehalten. Inmitten des Waffenglanzes stand ein schlichter Feldaltar. Vor demselben der Feldprobst Offelsmeier. Heran zogen sie, die Träger der Fahnen, an ihrer Spitze die Prinzen. Welche Gefühle durchkreuzten sich im Innern aller dieser Männer, als sie die Brücke überschritten, die zu dem Marsfelde führt! Es ist die Brücke von Jena, die Ihr betretet, preußische Männer! Aber Euer Tritt am 3. September 1815, der Tritt des Siegers, hat die Schmach in den Boden gestampft, Eure Fahnen haben den verhaßten Namen zugedeckt, Eure Waffen die gähnende Scharte aus, gewetzt.

Ein lautes Hurrah! empfing die Kommenden. Musik, Trommeln fielen betäubend ein. Tausende von blitzenden Gewehren klirrten empor und senkten sich wieder und bildeten dann eine starre Reihe von Erz, funkelnd im Glanze der Sonne. Die Fahnen zu ehren präsentirt man das Gewehr. Rechtsum schwenken die Fahnenträger und marschiren in den Raum, wo sie sich mit der Fronte gegen den Feldaltar aufstellen.

Hinein in das gewaltige Viereck reiten, gefolgt von glänzender Suite, Kaiser Alexander von Rußland und König Friedrich Wilhelm von Preußen. Welche Augenblicke nach so langen Jahren der Sorge, der Unruhe, des Kampfes! Tiefe Stille lagert sich über der ungeheueren Menschenmenge. Die Franzosen in dichten Massen das ungewohnte Schauspiel betrachtend, die Preußen gefesselt durch das Commando und den Ernst der Stunde. Die Tambours schlagen zum Gottesdienst, alle Fahnen senken sich, der Feldprobst erhebt seine Stimme. Die große Entfernung läßt seine Worte nur den Zunächststehenden hörbar werden. Nur einzelne, überlaut gerufene, durch die Begeisterung des Redners weit hinausgetragene Sätze seiner Ansprache werden von den letzten Soldaten verstanden, aber Alle ergreift es mächtig, als sie die Vordersten ihre Häupter senken sehen; der Augenblick ist gekommen, wo im stillen Gebete der Sieg für die neuen Fahnen erfleht wird.

Vorbei ist aber plötzlich die andächtige Pause. Marsch schlagen die Tambours, wie Gewehrfeuer rollen die Wirbel das Feld entlang, schmetternd jubeln Pauken und Trompeten dazwischen in den Tönen des Pariser Einzugsmarsches, aus der gesenkten Haltung erheben sich die Fahnen, die neugeweihten, lustig tanzen und flattern die preußischen Farben, man sieht sie bald hier, bald dort, denn jeder Commandeur hat die Fahne seines Regimentes übernommen und bringt sie demselben. Tausend gute Wünsche, Gelöbnisse, Grüße schweben zur blitzenden Fahnenspitze empor; die alten, wohlbekannten Zeichen werden wie theuere Freunde empfangen. Da ist sie wieder in der Mitte ihrer Tapferen, die Fahne des braven zweiten westpreußischen Regimentes. Sie trägt einen besonderen Schmuck an ihrer Stange. Silberne Ringe umspannen diese. Die Fahne hat in dem erbitterten Kampfe bei Ligny geweht, sie ist in Gefahr gewesen dem Feinde in die Hand zu fallen, drei preußische Männer: der Fähnrich Schulze, die Musketiere Schwenke und Butzke haben die alte Geliebte des Regimentes gerettet. Die Namen der drei Leute klingen nicht gerade poetisch, aber ihre herzhafte That trägt Poesie genug in sich, die Poesie des Kampfes. Der Fähnrich schwang sich, um die von allen Seiten bedrohte Fahne zu retten, über eine Hecke zur Seite der Dorfgasse, welche unbesetzt war und ihm Aussicht auf Rettung bot. Von der Gewalt des Sprunges zu Boden geschleudert hielt Schulze seine Fahne dennoch fest. Dicht über seiner rechten Hand waren drei Kugeln in den Fahnenstock geschlagen, zwei von des Fähnrichs Verfolgern eilten herbei, faßten das untere Ende der Fahne und suchten sie ihm zu entreißen. Während dieses Ringens brach der Fahnenstock und schon meinten die Franzosen wenigstens die untere Hälfte als Beute entführen zu können, da schallt dem Fähnrich von der andern Seite der Hecke der Ruf zu: „Halten Sie fest, Herr Fähnrich.“ Die beiden Musketiere stürzen herbei, von ihren Bajonneten durchbohrt fallen die Franzosen. Die Fahne ist gerettet.

Heute wiegt sie sich stolzer im Winde, sie scheint verjüngt, die silbernen Verbände, welche die bei Ligny ihr geschlagene Wunde zusammenhalten, drücken den Fahnenstock nicht. Im Schafte die ehrenvolle Narbe, in der Spitze der Lohn dafür: das Kreuz von Eisen.

Die Glieder des Vierecks lösen sich auf. Eine ungeheuere Fluth von Bewaffneten ergießt sich über das Marsfeld. Sie stellen sich bald wieder in Ordnung. Die Monarchen reiten die Linien entlang. Dann marschirt Alles in Geschwindschritt vorüber, die detachirten Corps führt General von Pirch der Zweite. Donnernd entbeut das Geschütz den Abziehenden seinen Gruß; über die mächtige, besiegte Stadt dahin trägt der Wind die Wolken des Dampfes, der vorbeistreift an den entfalteten Feldzeichen. Preußisches Pulver! – Preußische Fahnen! – Hundert und ein Mal krachen die Kanonen! weit hinein in das Land schallt ihre eherne Stimme. Tragen die Lüfte vielleicht diese Donnerrufe über das Meer hinweg bis zu dem Schiffe, auf welchem der gestürzte Titan seinem Felsengrabe Sanct Helena zugeführt wird?

Als die preußischen Truppen abgezogen sind, macht sich der verhaltene Mißmuth der Franzosen Luft. Man hatte die kleinen, oft unscheinbaren Leute heute wieder betrachtet, ihre einfache Ausstattung, ihre plumpen Waffen gemustert. Und diese „Halbwilden“ wie man sie nannte, hatten die große Armee, die im glänzenden Kriegsschmucke einherzog, verglichen mit den dämonisch [175] prachtvollen Gebilden der Apokalypse – geschlagen. Jünglinge, Knaben der Schule entlaufen, hatten sich in die Reihen der erprobten Krieger gestellt und waren gleich ihnen in das Feuer gegangen auf den Ruf ihres Landesvaters; beschattet und geschirmt, geführt und – wie viel Tausende! – in das große, gemeinsame Grab gesenkt mit den Farben des preußischen Vaterlandes.

„Das ist die Folge, wenn man den Leuten à la Bonaparte vertraut,“ sagten die Bourbonisten vom Marsfeld zurückkehrend. „Ein Mal mußte der Mensch fallen.“

„So rächt sich der Verrath an der Nation, von Talleyrand und Fouché ausgeheckt,“ sagten die Republikaner. „Statt des Convents der Säbel der Fremdlinge!“

„Höchst merkwürdig diese Fahnenweihe!“ sagten die Neugierigen. „Wie oft hat man auf dem Champ de Mars nun schon eroberte Fahnen gesehen! Wer hätte gedacht, daß siegreiche Feinde zwei Mal, mitten in Paris selbst, ihre Waffen und Standarten aufpflanzen würden! Man erlebt doch Vielerlei!“

Die alten Soldaten aber standen wieder beisammen. Sie blickten ernst den abmarschirenden Preußen nach, deren letzte Colonnen in den Straßen von Paris verschwanden. „Diese Leute sind Helden,“ sagte ein alter napoleonischer Oberst. „Wir, als Soldaten, müssen das zuerst eingestehen. Aus ihren Augen, aus ihrer Haltung blitzt ein hoher, kriegerischer Geist. Er fliegt durch ihre Reihen, er schwebt um die Spitzen ihrer alten und neuen Fahnen, heraufbeschworen durch den Spruch, den sie auf ihren Kreuzen tragen. Ihre Armeen sind ,Das Volk in Waffen.‘“ –

Fünfzig Jahre später! und wieder tönt der Ruf: „Zu den Waffen! es gilt für deutsches Land, für deutsches Recht zu streiten.“ Hat der lange, tiefe Friede die Arme schlaff gemacht für das Waffenhandwerk? Ist der Geist der kriegerischen Vorfahren gewichen von den Nachkommen? Die Armee Preußens ist glänzend, wohlgeschult, herrlich auf den Paraden, in den Manövers. Wie wird sie aber sein, wenn der Ernst herantritt? Wenn es gilt, mit Blut zu schreiben, wo im Norden die Grenze des deutschen Vaterlandes gegen den tückischen Nachbar sein soll, der lange Jahre hindurch mit unbegreiflichem Stolze und Hochmuth das deutsche Recht verhöhnte?

Schon ziehen sie hinaus; gerufen von Ambos, von Hammer und Meißel, von Pflug und Büchern, von Wechselbank und Strazze, wieder einzutreten in das Heer, zu zeigen, daß sie einstehen können für das Vaterland mit Leben und Blut.

Diese preußischen Männer hat der Friede nicht erschlafft, diese Waffen sind nicht nur für Glanz und Schimmer der Paraden, diese Fahnen sind nicht nur Andenken vergangener Großthaten. Im verderblichen Froste des Winters, auf unwirthlichem, gefahrbringendem Wege, umlauert von Verrath, dringen die Neulinge im ernsten Kampfe unaufhaltsam vor. Sie werfen den Feind, sie erklimmen furchtbare Schanzen unter dem Donner todbringender Geschütze, das Meer schreckt sie nicht, die Waffe im Arm landen sie an feindlicher Infel. Ihre Leiber decken den Boden, zerfetzte, verstümmelte Glieder nehmen sie mit nach Haus, aber sie haben gezeigt, daß die alte Kraft, die dereinst die Väter zum Siege führte, ihnen geblieben ist, sie haben mit ihrem Blute das schon losgerissene Stück wieder an Deutschland gekittet, und Der, welcher, vor fünfzig Jahren ein Jüngling, die neuen Fahnen auf das Marsfeld geleitete, der schaut sie heute wieder entfaltet, ein Zeichen des Sieges seiner Armee – seines Volkes.

Stolz und lustig flattern sie am Ufer des Meeres auf den eroberten Schanzen, wie sie dereinst flatterten im besiegten Paris. Weit hinaus in die Ostsee schimmern sie, umblitzt von den Bajonneten und Säbeln ihrer Krieger, umdonnert von den Siegesgrüßen ihrer Geschütze. – Preußisches Pulver! Preußische Fahnen!



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Haupstadt