Prinzessin und Kaufmann

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Textdaten
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Autor: J. Loewenberg
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Titel: Prinzessin und Kaufmann
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 492–494
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Emily Ruete und Rudolph Heinrich Ruete
Frauenleben in Sansibar
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[492]
Prinzessin und Kaufmann.
Eine zanzibarische Liebesgeschichte. Von J. Loewenberg.


Der Besuch der Königin von Saba bei König Salomo war seiner Zeit ein so hochwichtiges Ereigniß, daß er würdig erachtet wurde, in der heiligen Schrift registrirt zu werden. Und doch war er in Betracht der geographischen Entfernung nur ein Katzensprung gegen die Besuche, welche ägyptische, persische, indische, chinesische, japanische Potentaten und Herrschersöhne in unseren Tagen europäischen Höfen abstatten. Augenblicklich ist es der Sultan[WS 1] von Zanzibar, Seid Bargasch, der in London der Tageslöwe ist und, was ungleich mehr, dem sich die aufrichtigen Huldigungen, die schönsten Hoffnungen der Freunde civilisatorischer Cultur zuwenden.

Zanzibar, obwohl an der Schwelle, an der Küste Afrikas gelegen, begann uns erst seit wenig mehr als zwei Jahrzehnten bekannt zu werden. Es war bislang nur ein geographischer Begriff, und Fürst und Volk rangiren noch jetzt in unsern geographischen Schulbüchern auf keiner besondern Culturstufe. Um so mehr überrascht uns ein Liebesabenteuer, das hier emporgeblüht ist, und das die jetzige Anwesenheit der tropischen Majestät in London in Erinnerung gebracht hat.

Die Wasungu, das heißt die Fremden europäischen Ursprungs, bilden nur einen sehr geringen Theil der Bevölkerung von Zanzibar; bei von Decken’s Anwesenheit, 1860, waren es etwa fünfzig. Amerikaner waren die ersten, welche sich hier niederließen; ihnen folgten Engländer, Hamburger, Franzosen, als Kaufleute und Missionäre, und Alle erreichen ihre Zwecke. Die Kaufleute machen gute Geschäfte; die Missionäre haben segensreiche Wirksamkeit, und ihre Schulen werden gern besucht. England und Frankreich haben hier sogar Consulate.

Das Leben der Wasungu ist auch trotz allem Mangel an Theater und Concerten gesellig und angenehm. Sie erfreuen sich, trotz vielen bei den Arabern noch herrschenden Vorurtheilen, einer sehr angenehmen Stellung. Sie heben den Handel; dieser vermehrt die Steuern und Staatseinnahmen und – am Gelde hängt, zum Gelde drängt sich auch der Mensch in Zanzibar.

So war die Stellung der Europäer schon unter der Regierung des Vaters und des älteren Bruders „unseres“ Seid Bargasch stets eine geachtete, und sie erklärt die Freundschaftsverhältnisse und die Gunstbezeigungen, wie sie sonst in mohamedanischen Staaten fast unmöglich erscheinen.

Nicht nur der Sultan und die Würdenträger des Reichs verkehrten mit den Wasungu, auch die Damen des Hofes, namentlich zwei Schwestern des Herrschers, die Prinzessinnen Bibi Holli und Bibi Salima, zwei Stiefschwestern von einem Vater, dem vorletzten hochseligen Regenten.

Bibi Holli war die ältere.

Sie begünstigte die Fremden in huldvollster und unbefangenster Weise und verkehrte mit ihnen auf das Allergnädigste.

Eine kluge, zuthuliche Sclavin, Simakasi benamset, war in gewissem Sinne vertraute Hof- und Ehrendame, etwa wie Gräfin Mondecar am Hofe Philipp’s des Zweiten von Spanien. Sie war Vermittlerin aller Botschaften der Prinzessin. Sie war die Ueberbringerin ihrer Geschenke an die Wasungu. Kein Tag verging ohne solchen huldvollen Verkehr. Irgend eine Kleinigkeit, Blumen, Früchte, Backwerk wurden vom Harem aus in dieses oder jenes Haus gebracht und selbstverständlich andere Gegengaben zurückbefördert.

[493] Und Bibi Holli nahm alle Werthzeichen ehrfurchtsvoller Huldigung der Kaufleute und Modisten allergnädigst an. So schwanden die Jahre im flüchtigen Reigen der Horen. Aber es kam kein Prinz, die Prinzessin zur Herrin seines Harems zu erkiesen. Bibi Holli ahnte – ach! sie erkannte die tragische Wahrheit von der Vergänglichkeit der Frauenschöne:

„Und die Schönheit vergeht,
Und die Backen fallen ein –“

Die glühenden Huldigungen der Wasungu erkalteten zu Aeußerungen frostiger Ehrerbietung. Der Stern der Prinzessin fing an sich zu neigen, während der der jüngeren Schwester immer höher emporstieg.

Bibi Salima war erblüht. Wir sagen nicht um der Prinzeß zu schmeicheln, sie wäre eine Wunderblume, ein Meteor zanzibarischer Schönheit gewesen. Sie war mehr. Außer dem Zauber der äußeren Erscheinung besaß sie Vorzüge höherer Art. Sie war in hohem Maße wahrhaft liebenswürdig; sie war eine edle Frauennatur von seltenen Eigenschaften des Herzens und des Geistes, von einem ganz außerordentlichen Streben nach wissenschaftlicher Vervollkommnung.

Und so saß des Sultans jüngstes Schwesterlein, Prinzeß Bibi Salima, an den linden mondhellen Abenden hinter den eisernen Gittern ihres Fensterleins und lauschte mit Theilnahme den Wasungu auf dem Nachbardache zu, wenn diese von Uleia, dem fernen Europa, erzählten, von den dortigen Sitten und Gebräuchen, von der geachteten freien Stellung der Frauen, von der Größe und Schönheit der Städte, von der Lieblichkeit des Landes und von tausenderlei Dingen, welche ihr wie lockende Märchensagen klangen. Sie lauschte mit Vergnügen den fremden Liedern, welche ihr zu Gefallen oft mehrstimmig vorgetragen wurden. Ihr klarer Verstand erkannte das Schöne und Gute der europäischen Sitten, und diese Erkenntniß weckte eine Sehnsucht in ihr, die sie fortzog in weite, unbegrenzte Fernen, traumselig,

„hangend und bangend in schwebender Pein.“

Und es kam die Krisis und, ach! auch das Aergerniß.

Der Wasungu, welcher das Nachbarhaus bewohnte, ein durch Festigkeit und Bestimmtheit des Charakters ausgezeichneter junger Mann, ein Deutscher aus einem Großhandelshause in Hamburg, erwarb sich nicht blos die Freundschaft, sondern die volle Liebe, das warme, überströmende Herz der zanzibarischen Prinzessin. Es erblühte ein Roman, ein Märchen aus „Tausend und eine Nacht“ in voller Wahrheit und Wirklichkeit, gegen die alle Phantasie der Dichtung zurückbleibt.

Der deutsche Kaufmann warb um die arabische Prinzessin. Und wie das Märchen es schildert, so geschah es. Es war, als hätten Torpedos alle Sitten des Harems, alle Gewohnheit des zanzibarischen Lebens, alle Etiquette des Hofes erschüttert und gesprengt. Eine so frevelnde Kühnheit des Wasungu, solche Herablassung einer Sultanstochter verwirrte alle Begriffe und Urtheile. Sultan Seid Madjid war von der Schuld der Schwester überzeugt. Sie wurde verhaftet und in den Kerker geworfen.

Einsam und verlassen schmachtete Bibi Salima und erwartete den Richterspruch des Bruders, der von der unbeugsamen Sitte beeinflußt war. Hülfe, Rettung, Wiedervereinigung mit dem Geliebten ihres Herzens schienen Fieberträume wüster Phantasieen. Der Befreiung, der Vereinigung mit dem geliebten Wasungu leuchtete keine Hoffnung. Und doch ging sie in Erfüllung, und alles, alles wurde Wirklichkeit, Wahrheit. Um nun mit keinem Titelchen von dieser Wahrheit abzuweichen, berichten und schließen wir nunmehr mit den Worten, mit denen die Erzählung des Ereignisses in „Baron Karl Claus von Decken’s Reisen in Ost-Afrika in den Jahren 1859 bis 1865“ endet. Da lesen wir Band I, Seite 114 wörtlich:

„Im Hafen Sansibars lag ein englisches Kriegsschiff. Der Capitain desselben muß wohl großherziger gedacht haben, als seine Landsleute in Indien und daheim, welche den deutschen Kaufmann und die Prinzessin später so schmachvoll verlästerten und verleumdeten; denn er hatte Verständniß für das Ansinnen des deutschen Kaufmannes und den Muth, ihm zu helfen. In einer späten Abendstunde stieß ein stark bemanntes Boot von jenem Kriegsschiffe ab, näherte sich lautlos dem Lande; bewaffnete Schiffer und Soldaten stiegen aus, wandten sich geraden Weges dem Kerker der Prinzessin zu, verscheuchte die Wachen, erbrachen das Thor und entführten die geängstigte Frau. Am andern Morgen hatte das Kriegsschiff die Gewässer Sansibars verlassen. Wer durfte es wagen, ihm seine Beute streitig zu machen?

Ein Schrei der Entrüstung wurde laut in der Stadt Sansibar. Die Araber sannen auf Rache und die fremden Handlungshäuser sahen sich in ihren Grundfesten erschüttert. Was konnte nicht alles geschehen, wenn der unberechenbare Zorn des Sultans nicht allein den Schuldigen, sondern überhaupt alle Wasungu traf? Was sollte aus dem gewinnreichen Eintausch von Elfenbein, Gewürznäglein und Ochsenhäuten fernerhin werden? Der Verlust ließ sich kaum nach Tausenden und Hunderttausenden berechnen. Mancher sah in der Liebe des Berufsgenossen ein todeswürdiges Verbrechen und fürchtete mehr als der Missethäter selbst die zürnende Gerechtigkeit. Schlimmer aber verfuhr die eigentlich unbetheiligte indische und später auch die englische Presse. In dem fernen Lande fühlte sich jeder Philister im Innersten getroffen; viele der dortigen Biedermänner hätten lieber noch als der Sultan den deutschen ‚Dütenkrämer‘ (shop keeper), wie sie ihn verächtlich nannten, am Galgen hängen oder auf dem Pfahle stecken sehen. Der deutsche Kaufmann aber wappnete sich auch dieser schnöden Denkweise gegenüber mit derselben unerschütterlichen Ruhe, welche er in der ganzen Geschichte an den Tag gelegt hatte. Er wickelte seine Geschäfte ab, reiste dann nach Aden, traf hier mit der inzwischen zum Christenthume übergetretenen Prinzessin zusammen, ehelichte sie und zog mit ihr nach seiner Heimath. Hier, in einer Handelsstadt Deutschlands, lebt gegenwärtig das glückliche Paar. Die Prinzessin hat sich rasch in die neuen Verhältnisse gefunden, und die Liebe, welche sie von allen ihr Nahestehenden genießt, läßt sie lächeln über andersdenkende Kaufmannsfrauen, welche ihr nicht vergessen, daß sie – doch eine Prinzessin ist.“

Soweit die Erzählung von Decken’s, die schon 1869 gedruckt, aber, wie leider auch sein ganz vortreffliches Reisewerk selbst, in den nächsten turbulenten Jahren vergessen wurde. Der gegenwärtige Besuch des Sultans in London brachte den zanzibarischen Liebesroman wieder in Erinnerung, nicht ohne vermeintliche journalistische Verschönerung.

Dagegen nun kam von Dresden die authentische Mittheilung: Die Notizen, welche über die hier lebende „Prinzessin“ erschienen, bedürfen der Berichtigung, beziehungsweise der Ergänzung. Es hat seine Richtigkeit, daß dieselbe an der Hand ihres Bräutigams vor etwa sieben Jahren lediglich unter Mitnahme ihres Schmuckes aus Zanzibar flüchtete, zum Christenthume übertrat und Herrn Ruite heirathete. Nach vierjähriger glücklicher Ehe in Hamburg traf sie das harte Geschick, daß ihr Mann in Folge eines Sturzes vom Wagen der Pferdebahn starb. Seitdem lebt sie mit ihren Kindern aus dieser Ehe hier hochgeschätzt und verehrt in einem kleinen Bekanntenkreise. Außer Arabisch, ihrer Muttersprache, ist ihr Englisch und Deutsch vollständig geläufig, und in letzterem vervollkommnete sie sich in der Weise, daß sie bei einem hiesigen Gelehrten regelmäßige Stunden in Sprache und Literatur nahm, wogegen dieser von ihr Arabisch lernte, in welchem er es bereits zu einer gewissen Fertigkeit gebracht haben soll. Frau Ruite bekundet bei einer angenehmen und liebenswürdigen äußeren Erscheinung außerordentliches Streben nach wissenschaftlicher Vervollkommnung, wobei ihre schnelle Auffassung und ihr reger Geist wesentliche Hülfen sind. Gegenwärtig weilt Frau Ruite in London in der Familie des Dr. Lyon Playfair, um sich mit ihrem zur Zeit dort anwesenden Bruder, dem Sultan von Zanzibar, zu verständigen und zu versöhnen.

Die Prinzessin von Zanzibar, Frau Wittwe Ruite, findet auch in London in den besten Kreisen lebhafte Theilnahme, doch zweifelt man daran, daß das Herz des Bruders, des regierenden Sultans, sich ihr in Gnade und in Edelmuth zuwenden werde.




Knüpfen wir hieran einige Momente zur Kenntniß des Landes und zur Charakteristik seines Herrschers, des Sultans Seid Bargasch.

Während man seit Jahrhunderten von allen Seiten, von Norden, Westen, Süden her Afrika zu erforschen suchte, blieb [494] die Ostküste des Erdtheils etwa vom zehnten Grade südlicher Breite, von C. Delgado, bis über den Aequator hinaus wenig beachtet. Erst die deutschen Missionäre Krapf, Rebmann, Erhardt berichteten Ende der vierziger Jahre von ungeheuren Schneebergen gerade unter dem Aequator und einem unermeßlichen Binnensee, dem Victoria- oder Ukerewesee mitten in Afrika. Die herodoteischen Märchen, die ptolemäischen Mondberge schienen Wahrheit geworden; die Berichte wirkten zündend auf den Forschungsdrang der Reisenden. Zunächst vervollständigten diese Nachrichten die Engländer Burton, Speke, Grant, sodann der Deutsche Albrecht Roscher, der 1860 an der Nordspitze des südlicheren Nyassa-Sees ermordet wurde. Die ausführlichsten Nachrichten aber sind dem oben erwähnten Werke des deutschen Barons von der Decken zu verdanken. Sie sind die Hauptquelle für die Kenntniß des Landes Zanzibar, dessen Beherrscher, wie gesagt, jetzt in London alle Aufmerksamkeit der geographischen Welt auf sich zieht, Sultan Seid Bargasch, dem auch wir unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden haben.

Seid Bargasch gehört der arabischen Race, der arabischen Nationalität an. Seine Hautfarbe ist licht; er hat nichts mit afrikanischen Negern oder Negerähnlichem gemein; seine ganze Familie zeichnet sich durch helle Gesichtsfarbe aus. Er gehört der edlen Dynastie der Imâme von Omân an der Ostküste Arabiens an, der Abu Seidi, welche die Jarebiten, die Jahrhunderte im heutigen Zanzibar geherrscht hatten, 1744 stürzte und mit dem ausgezeichneten und thatkräftigen Achmed ben Said eine geschichtlich bedeutsame Periode begann.

Der dritte Nachfolger Achmed’s war Seid Said, der in einer fünfzigjährigen Regierung, 1806–1856, es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hat, und auch in Europa als „Imâm von Maskat“ bekannt geworden ist. Er ist der Vater Seid Bargasch’s. Seid Said vereinigte die Küste des mittleren Ostafrika, das heutige Zanzibar, mit seinem Erblande Omân in Arabien zu einem ansehnlichen Reiche, siedelte 1840 aus dem arabischen Erblande Omân nach Zanzibar über und widmete sich nach stürmischen Anstrengungen den Werken des Friedens. So ereilte ihn 1856 im sechsundsechszigsten Lebensjahre der Tod. Er hinterließ neben vielen Töchtern elf Söhne, von denen Seid Suëni, Seid Madjid und „unser“ Seid Bargasch die bekanntesten sind. Nach Seid Said’s Tode zerfiel das Reich in eine arabische Hälfte unter Seid Suëni und in eine afrikanische unter Seid Madjid. – Erst nach dem Tode dieses letzteren, 1870, folgte ihm Seid Bargasch, der wegen eines gegen seinen Bruder angezettelten Aufstandes mehrere Jahre in der Verbannung leben mußte, größtentheils in Bombay, wo er die englische Sprache und europäische Sitten lernte. Das Exil war seine beste Schule; ihr verdankt er ein großes Maß seiner Bildung, die ihm und seiner Regierung zu Gute kommt. Er hob den Sclavenhandel auf.

Die Größe des Areals, der Bevölkerung seines Reiches ist auch nur mit Wahrscheinlichkeit noch nicht zu bestimmen.

Der Werth des Handels in Zanzibar beträgt an dreißig Millionen Reichsmark. Der Verkehr mit Europa und dem Caplande wird seit 1873 durch eine regelmäßige englische Dampferlinie vermittelt. Seid Bargasch hat auch ein Geschwader von Kriegsdampfern, welches jedoch in den letzten Jahren durch einen Orkan schwer geschädigt worden ist. Die Staatseinkünfte beliefen sich früher auf etwa anderthalb Millionen Reichsmark, von denen neun Zehntel die Handelszölle einbrachten. Gegenwärtig mag etwa ein Achtel der Einnahmen durch die Aufhebung des Sclavenhandels seit 1872 ausfallen, denn die Zahl der jährlich verzollten Sclaven betrug etwa zwanzigtausend, von denen pro Stück zwei Maria-Theresienthaler gezahlt wurden.

Dieser empfindliche Ausfall ist auch die wesentliche Ursache des Besuches Seid Bargasch’s in England. Er hofft durch persönliche Verhandlungen einen Ersatz für die Einbuße aus der Abschaffung des Sclavenhandels zu erlangen, und ohne Zweifel wird die englische Regierung loyal und gerecht genug sein, um die Maßregeln gegen den Sclavenhandel zu vervollständigen und zu schirmen.

Die Gesellschaft zur Abschaffung des Sclavenhandels hat auch bereits dem afrikanischen Herrscher eine Deputation in’s Haus geschickt, um ihm für seine treue Innehaltung der früheren Zusagen zu danken und die Klagen vorzutragen, daß Zanzibar doch noch immer der Rüstplatz zu Sclavenexpeditionen ist. Die Deputation bat um weitere Maßregeln zur vollständigen Ausrottung des Menschenhandels und um Oeffnung der Häfen und Flüsse für den legitimen Handel, welcher bald einen überreichen Ersatz für die beklagten Steuerausfälle bieten würde. – Seid Bargasch versicherte mit großer Zuvorkommenheit, daß er lebhaft wünsche, Englands Forderungen zu erfüllen. Aber der tief eingewurzelte Brauch des Sclavenhandels lasse sich nicht mit einem Schlage ausrotten; er werde indeß das Möglichste thun.

Noch lebhafter und schöner war der Ausdruck seiner Dankadresse an die geographische Gesellschaft, die ihn zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt hatte, und in deren Sitzung er von Sir Henry Rawlison feierlich begrüßt wurde. Seid Bargasch ließ seinerseits durch den Dolmetscher, Dr. Badger, eine Adresse verlesen, in welcher er seine große Freude aussprach, sich in die Gesellschaft eingeführt zu sehen, und ihr für die herzliche Begrüßung dankte. Er habe erstaunlich viel über das Wirken der Gesellschaft in allen Theilen der Erde vernommen, über Manches aber auch genauere Kunde erlangt durch seinen Freund John Kirk (den englischen Consul in Zanzibar), besonders über die Forschungsreisen, welche Burton, Speke, Grant, Livingstone, Manley und Cameron in ihrem Auftrage in Ost- und Centralafrika unternahmen. Durch sie habe die Welt zuverlässige Berichte über das Land der großen Seen erhalten, und sie hätten ihn selbst die Landstriche genauer kennen gelehrt, die zwar zu seinem Gebiete gerechnet worden, aber nur ungenügend bekannt gewesen seien. Diese Forschungen müßten sicherlich große Vortheile im Gefolge haben. Er selbst habe, so viel in seinen schwachen Kräften gestanden, dieselben gefördert, unter großen Schwierigkeiten, die man nicht immer genugsam in Betracht gezogen habe. Er werde dies auch ferner thun, besonders da er jetzt ein Mitglied der Gesellschaft sei und aufgemuntert durch das, was er hier in England sehe. Die Adresse abließt mit erneuten freundschaftlichen Versicherungen. Der Sultan unterzeichnete die arabische Abschrift derselben und bemerkte dabei, er hoffe, daß dies nicht das letzte Document sei, das er für die geographische Gesellschaft unterzeichne.

Zanzibar ist übrigens, wie es in v. Decken’s Reise heißt, für Reisende an der Ostküste Afrikas dasselbe und mehr, was Kairo und Chartum für den Nordosten sind. Hier kann man sich mit Allem versorgen was man braucht, und bleibt in Verbindung mit der Heimath.

Und welch’ ein Zufall! Während der Sultan von Zanzibar in London feierlichst verspricht, den Sclavenhandel mit allen Kräften zu unterdrücken, kommt die Nachricht, daß an der afrikanischen Küste ein Sclavenschiff unter französischer Flagge aufgebracht sei, das aber den französischen Behörden ausgeliefert werden mußte und von diesen freigegeben wurde, weil mit Frankreich ein Vertrag zur Unterdrückung der Sclaverei nicht existirt, – mit Frankreich, das mit prahlerischem „Elan“ sich brüstet, an der Spitze der Civilisation zu marschiren! –

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Sultau