Frauenleben in Sansibar

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Titel: Frauenleben in Sansibar
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 771
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Alltagsleben von sansibarischen Frauen der Oberschicht im Allgemeinen und von Emily Ruete im Besonderen
s. auch „Prinzessin und Kaufmann
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[771] Frauenleben in Sansibar. Seitdem die deutsche ostafrikanische Gesellschaft in der Gegend von Sansibar Fuß gefaßt und die deutsche Flotte mit dem Sultan ein ernstes Wort gesprochen, ist das Interesse für die Zustände im Osten des schwarzen Welttheils ein sehr reges geworden. Ueber das Leben in der Residenz des Sultans selbst haben wir neuerdings zuverlässige Auskunft erhalten und zwar durch eine arabische Prinzessin, welche einen Hamburger Kaufmann geheirathet hat. Frau Ruete, einst Prinzessin Solmi und Tochter des Imam von Maskat, der sich die Insel Sansibar und die benachbarten Küstenstädte erobert hat und dort als Sultan regierte, hat „Memoiren einer arabischen Prinzessin“ herausgegeben, welche sehr gewandt geschrieben sind und von dem Leben in der Residenz ihres Vaters eine frische, farbenreiche Schilderung geben. Gewiß ist das Frauenleben im Orient ein höchst eingeschränktes im Vergleiche mit demjenigen im Abendlande; dennoch macht man sich bei uns von dem Haremsleben vielfach falsche Begriffe: ein Harem wird als eine Menagerie von weiblichen Schönheiten angesehen, die gleichsam in ihrem vergitterten Käfige müßig daliegen und sich im Halbschlaf langweilen. In Sansibar ist das anders; Frau Ruete schildert uns, wie es dort am Hofe des Sultans zugeht. Natürlich müssen die Frauen vermummt über die Straße gehen; Frau Ruete als aufgeklärte Bewohnerin der freien Hansestadt kann diese Sitte natürlich auch nicht billigen; doch findet sie es ebenso wenig geschmackvoll, wenn die deutschen Frauen sich halbentblößt in ihrer Balltoilette bewegen. Viermal des Tages müssen die Frauen ihre Gebete verrichten: dreimal zur vorgeschriebenen Stunde, das vierte können sie spätestens bis Mitternacht verschieben, wenn sie zum Besuche bei Freundinnen sind. Der Palast des Sultans hatte viele mit Palmbäumen und Orangenbäumen besetzte Höfe, in denen Pfauen, Gazellen, Perlhühner, Flamingos, Enten und Strauße frei umherliefen: in diesen Höfen lernten die Mädchen reiten auf weißen Maskateseln; die Knaben auf Pferden.

Die Prinzessinnen schliefen bis acht Uhr Morgens; dann wurden sie von einer Sklavin durch leises, sehr angenehmes Kneten geweckt, um ihre Toilette zu machen. Die Badewanne steht mit frischem Brunnenwasser bereit; ebenso ist die Garderobe zurechtgelegt, die schon am Abend vorher mit Jasmin- oder Orangenblüthen bestreut worden: das kalte Bad erfrischt und die mit feiner Kunst zusammengesetzten Wohlgerüche beleben in der angenehmsten Weise. Nach dem Frühstücke begeben sich die Herren in die Audienzgemächer: die Frauen setzen sich an die Fenster, sehen dem Treiben auf den Straßen zu, empfangen Besuche von den Herren, mündliche Anmeldungen für den Abend. Diejenigen, die weniger Geschmack finden an solchem gesellschaftlichen Verkehr, beschäftigen sich mit weiblichen Arbeiten, sticken ihre Masken, Hemden oder Beinkleider mit Gold, oder die Battisthemden des Gatten und Sohnes mit rother oder weißer Seide. Andere lesen Romane, besuchen Gesunde und Kranke in ihren Wohnungen. Um elf Uhr ist es Zeit zum Gebet; nachher ruht man sich in den heißen Stunden auf reizend geflochtenen, mit heiligen Sprüchen durchwebten weichen Matten aus, schläft und plaudert abwechselnd und ißt bei der Unterhaltung Kuchen und Obst. Um vier Uhr verrichtet man das dritte Gebet und wirft sich in glänzendere Nachmittagstoilette. Zum Essen findet sich die ganze Familie wieder zusammen; der Tisch ist oft mit fünfzehn Gerichten bedeckt; der Sultan, seine Frauen und Kinder setzen sich als echte Orientalen auf den mit Teppichen belegten Boden. Reis von mannigfacher Zubereitung, Hammelfleisch, Fische, Brote und Leckerbissen stehen auf der Tafel. Beim Essen wurde nie getrunken und selten gesprochen[.] Man aß mit den Fingern; die Messer und Gabeln wurden nur hervorgesucht, wenn Gäste aus Europa an der Hoftafel bewirthet wurden; dann hielten Sklaven und Sklavinnen Wasserbehälter und Handtücher bereit. Nach Tisch setzten sich die Erwachsenen auf europäische Stühle in einem freien Raum vor dem Gemache des Sultans; der Kaffee und aus Südfrankreich eingeführte Fruchtsäfte wurden herumgereicht. Man plaudert beim Klange einer großen Drehorgel, oder große Spieluhren lassen ihre Melodien ertönen: in diesem Nachmittagskoncerte wirkte auch eine Araberin Amra, die eine entzückend schöne Stimme hatte, als Sängerin mit. Darauf suchte Jeder wieder seine Beschäftigung auf, oder man ergab sich dem verbotenen Genusse des Betelkauens; auch Frau Ruete war eine eifrige Betelkauerin, ehe sie an die Elbe und Alster verschlagen wurde. Wenn der Trommelwirbel der indischen Garde und einige Gewehrschüsse ertönten, dann wurden Alle an ihr viertes Gebet erinnert. Das wurde meist sehr hastig und mit sehr weltlichen Gedanken verrichtet; denn gleich darauf durfte man ausgehen, wenn der Vater den Müttern und Töchtern die selten verweigerte Erlaubniß ertheilt hatte, oder man empfing Besuche im Hause; da wurde Kaffee und Limonade getrunken, wieder Obst und Kuchen gegessen, gescherzt und gelacht, vorgelesen, Karten gespielt, doch nie um Geld, gesungen, geraucht, gestickt, geklöppelt – ganz nach Wunsch und Neigung. Wer nicht ausgeht, begiebt sich entweder um zehn Uhr zur Ruhe oder er wandelt bei Mondschein auf den Dächern auf und ab. Bei dem Schlafengehen bieten zwei Sklavinnen ihre Dienste an, um das Einschlummern zu befördern; die Eine knetet wieder wie am Morgen leise die Glieder; die Andere schwingt den Fächer hin und her. Oft lassen sich auch die Damen von Sansibar die Füße mit Eau de Cologne und Wasser waschen.

Man darf es der Frau Ruete nicht verübeln, wenn sie von ihrem Leben als Prinzessin recht angenehme Erinnerungen behalten hat: ja, manche deutsche Dame, welche nicht verurtheilt ist, vermummt über die Straße zu gehen, würde ein solches Leben wie das in Sansibar vielleicht unterhaltender finden, als dasjenige, welches sie bei ihren Kaffeevisiten und Abendgesellschaften führt.