Projecte zur Erweiterung der europäischen Gradmessung

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Textdaten
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Autor: Johann Jacob Baeyer
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Titel: Projecte zur Erweiterung der europäischen Gradmessung.
Untertitel:
aus: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Fünfter Band. S. 242–244
Herausgeber: Wilhelm David Koner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Dietrich Reimer
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Scans auf Commons Google
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[242]
X.
Projecte zur Erweiterung der europäischen Gradmessung.
Von General-Lieutenant Baeyer.


1) Vor drei oder vier Jahren hatte die ottomanische Regierung die russische aufgefordert, die Leitung einer Gradmessung auf türkischem Gebiet zu übernehmen, und hatte sich zur Beschaffung der nothwendigen Hülfs- und Transportmittel bereit erklärt, unter der Bedingung, daß türkische Offiziere an den Arbeiten Theil nehmen könnten. Der große russische Meridianbogen, der vom Nord-Cap bis nach Ismael bereits 25° 20′ Breitenunterschied zählt, sollte durch Bulgarien Rumelien und längs der Küste von Kleinasien über die Sporaden bis zur Spitze von Creta geführt und um 10 bis 11 Breitengrade verlängert werden. In den Jahren 1867 und 68 hatten bereits Recognoscirungen zum Aufsuchen paßlicher Dreieckspunkte in Bulgarien begonnen, allein der Aufstand in Creta rief den Verdacht wach, daß das wissenschaftliche Unternehmen nur zum Vorwand diene, um das Land zu militärischen Zwecken auszukundschaften. – Die russischen Emissäre, von denen die Zeitungen berichteten, waren eben Trigonometer, welche Stationspunkte aufsuchten. Die allgemeine Aufregung, welche dadurch entstand, veranlaßte die russische Regierung, die Trigonometer zurückzuziehen. Ob neuerdings die Arbeit wieder aufgenommen wurde, darüber ist mir nichts bekannt; ich hoffe aber im Interesse der Wissenschaft, daß es geschehen werde.

[243] 2) Ein zweites Project, welches bereits in der Ausführung begriffen, betrifft die Verlängerung des französischen Meridianbogens von Formentera nach Süden durch Algerien bis zur Wüste Sahara.

Die Commission für die neue Karte von Spanien hatte durch ihren Bevollmächtigten für die europäische Gradmessung, den rühmlichst bekannten Geodäten Colonel Ibañez, eine Neumessung des südlichen Theils der französischen Gradmessung, von den Pyrenäen bis Formentera angeordnet, weil die Festlegungen der Dreieckspunkte fast alle verloren gegangen waren. Den sorgfältigen Untersuchungen des Colonel Ibañez ist es indessen gelungen, den südlichen Endpunkt der französischen Gradmessung in einem Bauernhause auf Formentera wieder aufzufinden. Das Haus ist jetzt in den Besitz des Staates übergegangen, und der Endpunkt durch eine stattliche Pyramide von behauenen Steinen bezeichnet.

Nach dem ursprünglichen Plan der spanischen Commission sollte die Küstenkette nicht bloß bis Formentera, sondern längs der ganzen Küste der Halbinsel nach Süden fortgeführt werden. Als daher die Absicht der französischen Regierung bekannt wurde, eine Triangulation von Algerien ausführen zu lassen, entwickelte sich daraus das Project, diese Arbeiten zugleich für Gradmessungszwecke nutzbar zu machen, und den französischen Meridianbogen durch Algerien bis zur Wüste zu verlängern. Nach gegenseitiger Uebereinkunft hat die französische Regierung die Gradmessungsarbeiten in Algerien bis zur Meerenge von Gibraltar, die spanische die Verbindung von da bis Formentera übernommen. Durch diese Verlängerung werden dem französisch-englischen Meridianbogen noch etwa 7 Breitengrade hinzugefügt, so daß er von den Shetlands-Inseln bis an die Sahara 28 Breitengrade zählen wird.

3) Das dritte Project bezweckt, von Sicilien aus eine Dreieckskette nach der africanischen Küste hinüber zu führen, und durch das Tunesische Gebiet mit der französischen Triangulation in Algerien in Verbindung zu bringen.

Durch diese Verbindung wird der Theil des Mittelländischen Meeres zwischen Gibraltar und Sicilien von einer zusammenhängenden Gradmessungs-Operation dergestalt umschlossen, daß sich die Krümmungs-Verhältnisse dieser ansehnlichen Meeresfläche vollständig bestimmen lassen. Herr Generallieutenant Ricci, der Vorsitzende der italienischen Gradmessungs Commission hatte schon 1867 in der zweiten allgemeinen Conferenz der Bevollmächtigten für die europäische Gradmessung einen Vortrag über die Möglichkeit eines solchen trigonometrischen Ueberganges nach Africa gehalten, und nachgewiesen, wie die Insel Pantelaria eine solche Operation begünstige. Damals [244] dachte noch Niemand an eine Verwirklichung dieses Projectes, und heute bildet dasselbe, in Verbindung mit der franzosischen Triangulation in Algerien, bereits den Schlußstein zu einer der wichtigsten Unternehmungen der europäischen Gradmessung.

4) Das vierte Project besteht in der geodätischen Umschließung des adriatischen Meeres von Triest bis Corfu. Herr Feldmarschall-Lieutenant v. Fligely in Wien und Herr General-Lieutenant Ricci in Turin haben gemeinschaftlich die Durchführung dieses Unternehmens in die Hand genommen.

Die österreichische Küstentriangulation schließt sich zwischen Triest und Venedig an die italienische an, und erstreckt sich über Triest längs der dalmatinischen und albanesischen Küste bis nach Corfu. Die italienische Kette läuft über Ancona längs der Küste bis nach Otranto, wo die trigonometrische Verbindung mit Corfu hergestellt werden wird.

Beide Küstenketten werden außerdem von der großen Wiener Meridiankette, die sich in Italien durch Apulien, Calabrien und Sicilien bis zum Cap Passaro verlängert, in der Gegend der Tremiti-Inseln durchschnitten. – Diese Verbindung über das adriatische Meer hinweg ist im vorigen Jahre ausgeführt worden, und es ist der geschickten Leitung der österreichischen und italienischen Commissare, der Herren v. Ganahl und de Vechi gelungen, alle Schwierigkeiten, welche die unwirthbaren Felsenspitzen und die großen Entfernungen darboten, glücklich zu überwinden und einen vollständigen polygonalen Uebergang über das Meer zu Stande zu bringen.