RE:Agrostis

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 904906
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Agrostis (ἄγρωστις). Dieses Gras hält man teils für die Quecke, Triticum repens L. oder Agropyrum repens Beauv., teils für den Hundszahn, Panicum dactylon L. oder Cynodon dactylon Pers., welcher auch Himmelsschwaden oder Hundshirse genannt wird. Von ihm sagt Theophrast, dass der Stengel und überhaupt die oberen Teile kurz und schwach, die unteren dagegen zahlreich, gross und stark seien (H. pl. I 6, 10), die Wurzel in Glieder abgeteilt sei (ib. 7; de c. pl. IV 11, 13 u. ö.), dass ähnlich wie beim Cyperngrase, Cyperus longus L. und Cyperus rotundus L., aus diesen Gliedern die Pflanze entstehe, indem daraus nach unten die Wurzel und nach oben der Stengel hervorgehe (H. pl. IV 10, 6), weshalb sie schwer entwurzelt werden könne (ib. 5); die Wurzel sei auch süss, was bei den oberen Teilen nicht der Fall sei (de c. pl. VI 11, 10); der Stengel wachse nicht aufrecht, sondern ziehe sich zunächst auf der Erde hin (h. pl. IV 11, 13), und aus den einzelnen Teilen eines zerschnittenen Stengels könnten sich neue Pflanzen entwickeln (ib. II 2 , 1). Dioskorides (IV 30) sagt, dass die A. gegliederte Sprossen treibe, welche auf der Erde kröchen und süsse und gegliederte Wurzeln entsendeten; die Blätter seien spitz, hart und breit wie bei dem kleinen Rohre. Ebenso schildert Hieronymus (Comm. in Osee 10, 4 = Migne Patr. lat. XXV 906) die A. als ein dem Rohre ähnliches Gras (herba), welches aus den einzelnen Gelenken nach oben den Spross (frutex) und nach unten die Wurzel entsende und deren Sprossen selbst (ipsi frutices et virgulta) neues Gras hervorbrächten (alterius herbae seminairia sunt), so dass dieses bald, wenn man nicht alles Wurzelwerk ausgrabe, ganze Felder überwuchere; ja auch ein trockenes Stück der Pflanze, wenn es nur ein Gelenk habe, erfülle, auf kultiviertes Land gelangt, alles mit dieser Pflanze (gramen). Als ein schwer zu vertilgendes Unkraut finden wir die A. auch bei den Geoponikern (II 2, 2), teils im Brachfelde (III 5, 8), teils im Weingarten (III 10, 1), bei Pollux (I 246) auf unangebaut gelassenen Stellen. Ihren Standort bildet ferner auch die Umgebung von Seen und Flüssen (Theophr. de c. pl. VI 11, 10), wie die des Flusses auf der Phaeakeninsel (Hom. Od. VI 90) und die einer Quelle in Thrakien (Theokr. 13, 42), ferner Stellen, wo sich unterhalb der Erdoberfläche Wasser angesammelt hat (Polyb. bei Athen. VIII 332a. Geop. II 5,[905] 4. 6, 23), ferner die Hügel bei Tabiae zwischen Sorrent und Neapel (Galen. X 364. 365), endlich auch der Hausherd des messenischen Königs Aristodemos (Plut. de superst. 8). Andererseits gab die A., weil süss (μελιηδής) gute Weide für Maultiere (Hom. l. c.) und anderes Vieh (Diosc. l. c.). Von den Ärzten wurde die zerriebene süsse Wurzel (Diosc. ib. Galen. XI 633) angewandt, um Wunden (Diosc. ib.) und blutende Geschwüre zu heilen (Galen. XI 810); ein Decoct davon sollte gegen Bauchgrimmen wirksam sein, Geschwüre der Harnblase heilen (Diosc. ib.), Harnzwang heben (Diosc. ib. Eustath. ad Hom. l. c.) und Steine in der Blase (Diosc. ib. Galen. XI 811) oder den Nieren (Galen. XIX 694) auflesen. Endlich wird noch erwähnt, dass die A. die Verdauung bei Gänsen störe (Geop. XIV 22, 2) und, in das Nest der Haubenlerche gebracht, diese gegen die Schaben schütze (ib. XV 1, 9). Wichtig für die Unterscheidung ist allein die Beschreibung der unteren Partie des Stengels. Erstlich trifft das Merkmal, dass diese auf dem Erdboden hinkrieche, nur für den Hundszahn zu. Dann aber treibt diese bei ihm nicht nur wie auch bei der Quecke unterhalb der Erde, sondern auch oberhalb des Bodens nach allen Seiten kriechende Ausläufer, welche an verschiedenen Stellen neue Pflanzen bilden. Langethal Handb. d. landwirtschaftl. Pflanzenkunde⁵ 1876, I 3, 35. 55. Auch zur Weide eignet sich der Hundszahn jedenfalls besser als die Quecke, da er heute in Ostindien wo er Dubgras heisst, wegen des reichen Zuckergehaltes der Stengel für das beste Weidegras gilt. Dazu kommt, dass er besonders in den griechischen Küstenebenen grosse Rasenplätze bildet (Fraas Synopsis plant. florae classicae 302), auch in Griechenland häufiger verbreitet und als lästiges Unkraut des angebauten Landes bekannter als letztere ist (Heldreich in A. Mommsens Griech. Jahreszeiten 568), seine Wurzel aber als radix graminis allgemein im Gebrauch ist und dieselben Dienste leistet wie anderswo die Quecke. Heldreich in Nutzpflanzen Griechenl. 1862, 4. Dem steht auch nicht entgegen, dass Dioskorides (vgl. Isid. or. XVII 9, 104. Apul. de herb. 77) seine A. mit dem italienischen gramen identificiert, welchem Plinius (XXIV 178–182) dieselben Eigenschaften wie jener der A. zuschreibt. Denn, wenn Plinius von seinem gramen drei gramina aculeata oder dactyli unterscheidet und von dem ersten sagt, dass es an der Spitze meist fünf Stacheln (aculei) habe und, zusammengerollt in die Nase gesteckt, in derselben Blutausfluss hervorrufe, so versteht er darunter nicht den Hundszahn, sondern ein Fingergras, Panicum sanguinale L., Digitaria sanguinalis Scop. Von diesem sagt nämlich Palma (Vocabulario metodico ital. 1870 I 196), dass es sanguinella genannt werde, weil, wenn man die Ähren in die Nase stecke, Nasenbluten eintrete. Vielleicht ist dabei auch an Andropogon ischaemum L., da es ebenfalls sanguinella genannt wird, zu denken, jedenfalls aber nicht an den Hundszahn. Zu Bedenken giebt nur der Umstand Anlass, dass die A. von den griechischen Landleuten auch ἀγρία genannt wurde (Hieron. Suid. Eustath. a. O.), unter diesem Namen aber zugleich auch die lauchartige κολλητζίδα [906] (entweder Xanthium strumarium L. oder Galium aparine L.?) begriffen war (Schol. Theocr. l. c.). Denn, wenn auch Heldreich (an den angeführten Stellen) und Lenz (Bot. d. alten Gr. und R. 1859 S. 231) bemerken, dass der heutige Vulgärname des Hundszahns ἀγριάδα sei, so nennt der erstere an einer andern Stelle (Flore de l'île de Céphalonie 1883 p. 74. 76) statt dessen so die Quecke; das letztere thut auch Jannarakis Deutsch-neugr. Handwörterb. 1883. Ebenso verstehen die Italiener, wenngleich der Hundszahn auch in Italien häufiger vorkommt als die Quecke, unter gramigna beides, ja die Quecke ist die eigentlich officinelle Pflanze. Gennaro De Marco Flora di Montecassino, 1887, 245. Gibelli e Giacosa Le piante medicinali 36. Auch die Spanier bezeichnen beide Pflanzen mit grama; die Portugiesen nennen die Quecke grama, den Hundszahn grama digitada, die Franzosen jene chiendent, diesen chien pied de poule. Sonach ist es nicht ausgeschlossen, dass die Griechen mit A., sofern sie als Unkraut angeführt wird, unter Umständen auch die Quecke gemeint haben können.

Bei Dioskorides (IV 32) und Plinius (l. c.) ist nun noch von einer A., bezw. einem gramen „auf dem Parnass“ die Rede (vgl. Galen. XI 810. Apul. de herb. 77). Diese Pflanze soll sonst im ganzen dieselben Eigenschaften wie die vorige haben, nur die fingerdicke Wurzel weich und weiss, besonders aber die Blüte weiss und wohlriechend und die Blätter epheuartig sein. Dass diese kein Gras ist, ist klar, aber schwer festzustellen, welche Pflanze sie ist. Sprengel schlägt in seinem Commentar zu Dioskorides die Campanula cymbalaria Sibth. vor, doch sind abgesehen von an deren Bedenken deren Blüten blau (Boissier Flors orientalis III 1875, 919); Fraas (l. c.) denkt an Serapias grandiflora L., d. h. entweder Cephalanthera ensifolia Rich. oder C. pallens Willd., aber deren Blätter sind lanzettlich, nicht gelappt, nur die unteren Blätter der letzteren länglich-eiförmig und zugespitzt. Boissier l. c. V 1884, 85. Endlich spricht Dioskorides (IV 31; vgl. Apul. a. O.) noch von einer καλαμάγρωστις, von der er nur sagt, dass sie grösser sei als die A. und von ihrem Genuss das Vieh sterbe, besonders von dem Genuss derjenigen, welche an den Wegen in Babylonien wachse. Diese identificiert Sprengel mit dem Landrohrgras, Calamagrostis epigeios Roth, Frass mit Sorghum Halepense L. und will dazu auch die nach Dioskorides (IV 32) in Kilikien wachsende κίννα rechnen.

[Olck.]