RE:Ioannes 22

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IX,2 (1916), Sp. 17951799
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22) Ioannes Malalas (Ἰωάννης Μαλάλας oder Μαλέλας, nicht Μαλαλᾶς) aus Antiochia in Syrien ist der Verfasser einer Chronographia oder Weltchronik, welche auf die spätere byzantinische, orientalische und slavische Annalistik einen ungeheuren Einfluß ausübte. Der Name Malalas syrisch malál = griechisch ῥήτωρ [so wird Malalas von Euagrios mehrmals genannt] kann einen Prediger oder einen Rechtsanwalt bedeuten. Malalas lebte zwischen 491 und 578 und war ein Zeitgenosse der Kaiser Anastasios I., Iustin I., Iustinian I. und Iustin II.

Das Werk des Malalas ist das älteste uns erhaltene Muster der christlich-byzantinischen Chronik, die der großen Masse die Weltgeschichte, meist in vulgärer Sprache, mundgerecht machte. Um das dem Alten und Neuen Testament und der Kirchengeschichte entnommene historische Gerüst ranken sich in buntem Durcheinander die griechischen Sagen, die Urgeschichte der Assyrier, Italer und Ägypter, die Geschichte der römischen Könige, der Diadochen, der römischen Kaiser. Dazwischen finden wir ohne inneren Zusammenhang mit den geschichtlichen Ereignissen Kuriositäten berichtet zur Erheiterung der Leser. Obwohl Malalas gelegentlich Urkunden benützt, ist seine Technik doch ganz roh und unbeholfen. Er kennt keine pragmatische Darstellung und trägt Wichtiges und Unwichtiges mit gleichem Ernste vor. Deutlich tritt die christlich-apologetische Tendenz des Autors gegenüber dem Heidentum und seine loyale Gesinnung gegen die Monarchie zutage. ,So ist das Werk ein geschichtliches Volksbuch im genauen Sinne des Wortes und bietet eine der ungebildeten Menge zusagende, weder Thron noch Altar verletzende und doch pikante, anziehende und verständliche Lektüre‘ (Krumbacher).

Aus welchen Quellen stammt nun diese seltsame Mischung von glaubwürdigen Berichten und wunderlichen Erzählungen? Malalas selbst nennt eine große Menge von Autoren als seine Gewährsmänner, von denen er jedoch die wenigsten tatsächlich benützt hat. Schon Bentley macht sich in seiner seit der Editio princeps mit dem Werke des Malalas vereinigten ,Epistola ad Ioannem Millium‘, in der er die Konjekturalkritik empfiehlt, über die vielen Schwindelzitate des Malalas lustig, ohne jedoch auf eine Untersuchung der wirklichen Quellen unseres Autors näher einzugehen. Entschieden ist diese Frage auch heute noch nicht. Nach Bourier (Über die Quellen d. ersten 14 Bücher d. I. M., Progr. Augsburg 1899 und 1900) hat Malalas drei Chroniken ausgeschrieben, die Werke des Domninos, Nestorianos und Timotheos. Patzig (Byz. Ztschr. X 598–611) dagegen hält Domninos und Nestorianos für identisch und nimmt an, daß Malalas tatsächlich die Schriftsteller benützt hat, die er im Prooimion (Wirth Chronographische Späne, Frankfurt a. M. 1894, 3f.) aufzählt, außerdem Servius, Vergil und Euripides. Vermutlich aber gehen die oben genannten Chronographen selber wieder auf Sextus Iulius Africanus zurück, der für die historischen Partien [1796] die Hauptquelle des Malalas zu sein scheint, ebenso wie die troianischen Geschichten auf den Schwindelbüchern des Diktys von Kreta und des Sisyphos aus Kos beruhen (vgl. Patzig Byz. Ztschr. I (1892) 131–152 und II 413–440. Noack Philol. Suppl. VI 2. Hälfte (1892) 403–500. Patzig Byz. Ztschr. XII 231–257). Auch Fastentafeln und Annalen von Antiochia benützte Malalas; vom 15. Buche ab schöpfte er aus mündlichen Berichten älterer Zeitgenossen. Kritiklos wie Malalas den Stoff aus seinen Quellen entnimmt, verarbeitet er ihn auch in seinem Werke. Er wiederholt sich und widerspricht sich, er stellt Parallelberichte verschiedener Autoren ohne jede erklärende Bemerkung nebeneinander. Dabei zeigt er oft eine ganz unglaubliche Unkenntnis in den einfachsten historischen Tatsachen. Im Zentrum der in den ersten 17 Büchern erzählten Ereignisse steht für Malalas seine Heimatstadt Antiochia. Er erzählt ihre Gründung, ihre Belagerungen und Zerstörungen, ihre Erdbeben und Feuersbrünste. Er beschreibt ihre Gebäude. Von der Mitte des 18. Buches ab ist nicht mehr Antiochia, sondern Konstantinopel der Mittelpunkt der historischen Darstellung.

Überliefert ist uns die Chronographie des Malalas nur in einer einzigen Hs., dem Cod. Bodl. Baroccianus 182, saec. 12 in Oxford. Darin fehlen jedoch das erste Buch und der Anfang des zweiten, ferner der Schluß des letzten Buches, so daß das Werk nur bis zum J. 563 reicht. Doch scheint es der Verfasser bis 574 fortgeführt zu haben, da der Autor des Chronicon Palatinum eine Malalasausgabe benützte, die mit dem neunten Jahre Iustins II. schloß. Man könnte freilich auch annehmen, daß nicht Malalas, sondern ein Leser die ursprünglich bis zum Tode Iustinians reichende Chronographie verlängert habe.

Herausgegeben wurde das Werk in zwei Teilen; doch läßt sich nicht genau feststellen, wann die beiden Teile erschienen. Nach Patzig (Unerkannt und unbekannt gebliebene Malalasfragmente, Progr. d. Thomasschule, Leipzig 1891, 25) soll Malalas zwischen den J. 528 und 533/40 an den letzten beiden Büchern geschrieben und die ersten 17 Bücher um diese Zeit (nach Haury Byz. Ztschr. IX 340 dagegen nicht vor 548) in Antiochia herausgegeben haben. Nach dem Tode des Iustinian (565) habe er das 18. Buch, in dem er als Zeitgenosse die gleichzeitigen Ereignisse aufgezeichnet hatte, den ersten 17 Büchern hinzugefügt. Dürfen wir jedoch dem Chronicon Palatinum glauben, so erschien die Gesamtausgabe nicht vor dem J. 574, vielleicht erst nach dem Tode des Verfassers.

Nun ist, zuerst von H. Gelzer in seinem Sextus Iulius Africanus II 1 (1885), 129ff., die Behauptung aufgestellt worden, das Werk des Malalas schließe auf S. 473 der Bonner Angabe, der Schluß stamme von einem späteren Chronisten. Begründet wurde diese Hypothese mit dem Hinweis darauf, daß im Schlußteil des 18. Buches Konstantinopel, nicht mehr Antiochia den Mittelpunkt bilde und daß hier ein Orthodoxer spreche, während die ersten 17 Bücher, nach einzelnen Stellen zu schließen, entweder von einem Monophysiten geschrieben (Gelzer) oder überarbeitet (Gleye Byz. Ztschr. V 426) sein müßten. Ferner [1797] spricht dafür, daß Euagrios in seiner Kirchengeschichte und ebenso der vermutlich in Konstantinopel lebende Verfasser des Chronicon Paschale einen Malalas benützten, der mit dem 17. Buche schloß, während der früher schreitende Ioannes von Ephesos und der Autor des Chronicon Palatinum ein vollständiges Exemplar gehabt haben. Außerdem wiesen Gleye (s. o.) und Rüger (Studien zu M., Kissingen 1895) auf sprachliche Neuerungen im 18. Buche hin. Dem widersprach aber schon T. Mommsen (Beiträge zu der Lehre v. d. griechisch. Praepositionen, Berlin 1895, 439), und K. Wolf (Studien zur Sprache des M., Progr. d. Ludwigsgymn., München 1911 und 1912) erklärt die vom 15. Buche an auftretende moderne Sprache als die echte Sprache des Malalas, während der Autor in den ersten 14 Büchern infolge des engen Anschlusses an die Quellen seine individuelle Diktion völlig aufgegeben habe.

Die übrigen oben angeführten Schwierigkeiten beseitigt sehr gut eine Hypothese von Haury (Joh. Mal. identisch mit dem Patriarchen Johannes Scholastikos, Byz. Ztschr. IX 337–356), der Malalas mit dem Patriarchen von Konstantinopel Ioannes III. Antiocheus (15. April 565 bis 31. August 577) zu identifizieren sucht. Als Argumente für die Identität der beiden werden angeführt der gleiche Name und Stand, ihr Aufenthalt in Antiochien, ihre Übersiedelung nach Konstantinopel und ihre literarische Tätigkeit daselbst bis zum J. 575, ihr freundschaftliches Verhältnis zu Iustin II., endlich ihre vermittelnde Stellung zwischen der monophysitischen und der orthodoxen Partei. So würde sich die in der Chronographie zu beobachtende Wandlung des Autors vom Monophysiten zum Orthodoxen von selbst erklären; sonst müßte man annehmen, daß das ursprünglich im monophysitischen Sinne geschriebene Werk von einem Orthodoxen überarbeitet wurde, wobei allerdings noch einige verräterische Spuren zurückblieben. Wenn ferner die Ausschreiber des Malalas bald ein nur 17 Bücher umfassendes Werk bald die vollständige Ausgabe benützten, so mag man das damit begründen, daß der Amtsnachfolger des Patriarchen Ioannes, der von ihm verdrängte Eutychios, die Verbreitung der zweiten Auflage nach Kräften zu hindern suchte.

Eine andere Lösung des Malalasproblems versucht Gleye. Er ist der Ansicht (Byz. Ztschr. II 160) ‚daß das Malalaswerk bloß die gräkosyrische Vulgarisierung eines weit höher stehenden Werkes ist, und der Verfasser dieses Werkes ist der sog. Johannes Antiochenus gewesen‘. Vgl. ferner Gleye Beiträge zur Johannesfrage, Byz. Ztschr. V 422–464, wo auch die Frage der Echtheit des 18. Buches und des Monophysitismus des Malalas behandelt wird. Neuerdings (Philolog. N. F. XXV 527ff.) scheint Gleye den Urmalalas in Ioannes Rhetor Diakrinomenos zu sehen und verweist auf zwei eigene, noch nicht erschienene Abhandlungen (S. 529 und 538). Richtig ist, daß die Oxforder Hs. uns nur eine verkürzte Redaktion des Originals bietet. Das beweisen die im Vergleich zu unserem Texte viel ausführlicheren tuskulanischen Fragmente, die Malalas-Stücke in der Osterchronik und im Theophanes, die konstantinischen Exzerpte Περὶ ἐπιβουλῶν (Th. Mommsen Herm. VI 366ff.) [1798] und die slavischen Bearbeitungen. Aber wesentlich verschieden dürfte das ursprüngliche Werk nicht gewesen sein; die historische Auffassung, das Kolorit der Darstellung und die naive, vulgäre Sprache scheint der Redaktor nicht verändert zu haben. Man könnte also mit Hilfe der Fragmente und der bei den Ausschreibern erhaltenen Stücke das Originalwerk im ganzen und großen wiederherstellen.

Besonderes Interesse beansprucht die Sprache unseres Autors. Denn in Malalas haben wir ohne Zweifel ,das erste größere Denkmal der volksmäßigen Gräzität vor uns‘ (Krumbacher). Aus ihm vermögen wir ein ziemlich vollständiges Bild der griechischen Volkssprache zu gewinnen, die damals im oströmischen Reich gesprochen wurde und die sich in den nächsten Jahrhunderten zum mittelalterlichen Vulgärgriechisch und später zur neugriechischen Volkssprache weiterentwickelte. Fast alle aus früheren vulgären Autoren bekannten Neubildungen in der Formenlehre begegnen uns bei Malalas und führen uns die Entwicklung der klassischen Sprache über die Koine zur spätgriechischen Umgangssprache vor Augen. Noch mehr enthüllt uns die wesentlich vereinfachte und umgestaltete Syntax den veränderten Charakter der damaligen Vulgärgräzität. Auffallend sind die zahlreichen ionischen, lateinischen und semitischen Wörter und Konstruktionen, die der Sprache des Malalas ein buntes, kulturhistorisch interessantes Kolorit geben (vgl. Hatzidakis Jubiläumsschrift der Universität Athen 1888, 117ff. Rüger und K. Wolf s. o. Merz Zur Flexion des Verbums bei Malalas, Pirmasens 1911).

Als Volksbuch ersten Ranges erfreute sich die Chronik des Malalas einer großen Beliebtheit, und eine große Zahl späterer Autoren schöpfte aus dieser reichen Quelle. Schon vor dem J. 581 benützte Ioannes von Ephesos den Malalas in seiner syrisch abgefaßten Kirchengeschichte, vor 594 der Kirchenhistoriker Euagrios. Auf den unverkürzten Malalas gehen vermutlich zurück die aus dem Ende des 6. oder dem Anfang des 7. Jhdts. stammenden tuskulanischen Fragmente. Um 620 exzerpierte den Malalas Ioannes Antiochenus, um dieselbe Zeit entstand das Chronicon Paschale, das sich wörtlich an Malalas anschließt. Nur in einer äthiopischen Übersetzung erhalten ist uns die Weltchronik des Ioannes von Nikiu aus dem Ende des 7. Jhdts., der zahlreiche Stücke aus Malalas übernommen hat. Um 740 schrieb Ioannes von Damaskos, der die Erzählung von der blutflüssigen Frau (Malalas S. 236–239) in seiner dritten Rede über die Bilder wiedergibt. Ins 8. Jhdt. gehört auch noch das sog. Chronicon Palatinum, dessen historisches Material auf Malalas beruht. Im 9. Jhdt. erscheinen bei Theophanes und Georgios Monachos ganze Stücke in der Fassung des Malalas. Auch in der um 889 abgefaßten Chronik, woraus die Ἐκλογὴ ἱστοριῶν (Cramer An. Paris. II 165ff.) stammt, ist Malalas wörtlich ausgeschrieben. Die dem 10. Jhdt. zuzuweisenden konstantinischen Exzerpte Περὶ ἐπιβουλῶν bieten dagegen einen durch spätere Zusätze erweiterten Malalas-Text. Schließlich finden wir im 11. Jhdt. bei Kedrenos zahlreiche Partien aus Malalas, die jedoch nicht direkt aus der Chronographie, sondern aus verschiedenen [1799] Mittelquellen übernommen wurden. Einen bedeutenden Einfluß übte endlich Malalas auf die slavische Kulturwelt aus. Unter dem bulgarischen Fürsten Symeon (893–927) wurde nämlich die Chronographie von dem Presbyter Gregorij vollständig übersetzt und auf diesem für uns verlorenen Werk beruhen die in mehreren slavischen Sammelwerken erhaltenen Malalas-Stücke.

Das slavische Material zusammen mit dem griechischen kritisch zu verwerten und daraus die ursprüngliche Chronik des Malalas wiederzugewinnen, ist noch eine Aufgabe der Zukunft. Gleye hat dafür Vorarbeiten gemacht. (Weiteres über Malalas s. bei K. Krumbacher Gesch. d. Byz. Lit.² 325–334).

[Wolf.]