RE:Pech

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XIX,1 (1937), Sp. [1937 1]–[1937 5]
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Pech (πίσσα, att. πίττα; pix). Das griechische Wort bezeichnet ebenso wie das lateinische sowohl Pech als auch Teer. Allerdings findet sich mitunter der Ausdruck pix liquida, der sich aber offenbar auf den wasserhaltigen Vorlauf bei der Teerbereitung bezieht, jedenfalls auf leichtflüssigen Teer, wie er sich zum Anstreichen eignet.

Geschichtliches. Die aus dem Harze harzführender Bäume durch Schwelen des Holzes gewonnene schwarze dickflüssige Masse, der Teer, ist zweifellos schon den Ägyptern bekannt gewesen und der Vorlauf bei der Teerbereitung, der vor allem konservierende Bestandteile, besonders auch Holzessig enthält, nicht der eigentliche Teer, wurde von ihnen zur Durchtränkung Verstorbener verwendet, wodurch die Verwesung aufgehalten wurde. Dies geht aus der Mitteilung des Plin. n. h. XVI 52 hervor: primus sudor aquae modo fluit canali. hoc in Syria cedrium vocatur, cui tanta vis est ut in Aegypto corpora hominum functorum perfusa eo serventur. Unter cedrium dürfte wohl nicht das wohlriechende Zedernöl gemeint sein, sondern das aus harzreichem Zedernholz gewonnene wasserhaltige Teeröl des Vorlaufes, den Plinius durch die Worte primus sudor kennzeichnet. Daß man zur Einbalsamung Verstorbener Asphalt benutzt hat, ist ja bekannt. Die Herstellung von Teer und P. ist demnach eine uralte Erfindung, so daß es nicht verwunderlich ist, wenn wir bei griechischen und römischen Schriftstellern die Herstellung und die Verwendung von Teer und P. vielfach erwähnt und ziemlich ausführlich beschrieben vorfinden. Das Verpichen und Teeren von Schiffen mit darauf folgendem Anstreichen mit Wachsfarbe dürfte schon in sehr früher Zeit bekannt gewesen sein. In dem Bruchstück 49(7) des Hipponax wird ein Maler genannt, der an den Längsseiten eines Schiffes eine lang hingestreckte Schlange gemalt hatte, die sich zum Steuer hinwand. Es liegt also die Vermutung nahe, daß der Schiffsrumpf außen zuerst mit Teer angestrichen wurde, um das Holz wasserdicht zu machen, und daß darüber erst der enkaustische Wachsfarbenanstrich oder eine Malerei mit Wachsfarbe eingebrannt wurde. Die Wachsfarbe verband sich natürlich chemisch mit dem darunter liegenden Teer sehr innig. Homer spricht von rotbemalten Schiffen (Il. II 637) und sein ,schwarzes Schiff‘ ist sicherlich, wie Blümner Gewerbe u. Künste bei Griechen u. Römern IV 454, 5 ganz richtig vermutet, ein nur mit Teer angestrichnes Schiff gewesen. Plinius schreibt n. h. XVI 52: Pix liquida ... navalibus muniendis multisque ad usus. Teer wurde also auch sonst vielfach verwendet, wofür mehrere Beispiele unter [2] dem Abschnitt ‚Verwendung‘ angeführt werden. Hier sei noch eine alte Verwendungsweise des P.s in der Bildhauerkunst mitgeteilt, wo man zum Abformen (ἐκμάττειν) neben Gips und Wachs auch P. verwendet hat (Luc. lup. trag. 33). Aus den P.-Formen wurden sicherlich Gipsabgüsse angefertigt. Dieses Verfahren dürfte ein sehr alter Brauch gewesen und häufig zur Lieferung käuflicher Massenware angewandt worden sein.

Kohlenbrennen. Obgleich o. Bd. XI S. 1038-1045 Art. Kohle das Kohlenbrennen und die Errichtung eines Meilers beschrieben worden ist, so halte ich es dennoch für unerläßlich, bevor ich die Gewinnung von Teer und P. behandle, auf das ihr wohl zeitlich vorangegangne Gewerbe des Kohlenbrennens einzugehen; denn Holzkohle (ἄνθραξ; carbo) war im Altertum ein sehr wichtiges Erzeugnis, weil Steinkohlen zwar nicht unbekannt, aber doch nur ausnahmsweise erhältlich waren (Theophr. de lapid. 12. 13. 16). Daher muß man das Holzkohlenbrennen als ein uraltes Gewerbe ansehen, das man in waldreichen Gegenden betrieben hat und aus dem sich erst die Gewinnung von Teer und P. entwickelt haben kann. In den Acharnern des Aristophanes spielt der Chor der Köhler (ἀνθρακεύς, ἀνθρακευτής, ἀνθρακοκαύτης; carbonarius) eine Hauptrolle. Das Kohlenbrennen (ἀνθρακεία, ἀνθρακαύειν; carbonem coquere) scheint im Altertum im wesentlichen geradeso geschehen zu sein, wie es heute noch in Meilern ausgeführt wird. Man schichtete nämlich aus möglichst geraden und glatten Holzscheiten einen hohen Meiler (κάμινος, πνιγεύς) auf. Bei Plin. n. h. XVI 23 heißt ,Meiler aufrichten‘ acervos luto caminare. Mit dem Worte calix (Detlefsen) ist ebenda wohl nicht der Meiler selber bezeichnet, wie Blümner meint, sondern nur die äußere Umwandung, der aus feuchter Erde oder Lehm bestehende Meilermantel. Daher dürfte man wohl richtiger calyx (zu καλύπτω) schreiben. Der ringsum mit feuchter Erde oder Lehm abgedeckte und somit abgedichtete Holzhaufen, der Meiler (strues), wurde angezündet. Während das stoßweise aufgeschichtete Holz langsam schwelte, stieß man mit langen Stangen (conti) von den Seiten her Löcher hinein (Theophr. V 9, 4. Plin. n. h. XVI 23), damit es nicht am erforderlichen Luftzuge fehlte. Die diesbezügliche Beschreibung bei Plin. a. O. lautet: acervi consertis taleis recentibus luto caminantur, accensa strue contis pungitur durescens calix atque ita sudorem emittit. Zu der Übersetzung, die Lagercrantz o. Bd. XI S. 1041 gegeben hat, möchte ich folgendes bemerken: Ich übersetze taleae mit ‚Holzscheite‘, die aneinander gestellt werden (conserere); es sind keine Reiser. acervi wird wohl am richtigsten mit ‚Holzstöße‘ übersetzt. Sie werden ,zur Feuerstätte‘ mittels feuchter Erde (luto) etagenweise ‚aufeinandergesetzt‘ (caminantur). So entsteht ein [3] Meiler (strues) mit einem Mantel (calyx) aus feuchter Erde, der natürlich durch das Feuer im Inneren des Meilers nach und nach austrocknet und erhärtet.

Zur Herstellung von Holzkohle nahm man am liebsten sehr dichtes, festes Holz, weil es Holzkohle mit großer Heizkraft gab (Theophr. h. pl. V 9, 1); am besten eigneten sich hierzu Bäume, die im vollem Safte standen, und solche von trocknem, sonnigem Standort.

Gewinnung von Teer und P. Hierfür kamen natürlich harzreiche Holzarten, namentlich Kiefern- und Föhrenholz, in Betracht. Das Holz durfte nur langsam schwelen. Die Bereitung von P., das P.-Sieden, hieß bei den Griechen πίσσαν καίειν, bei den Römern picem coquere. Es wurde in der P.-Hütte (πισσουργεῖον; picaria) in folgender Weise ausgeführt: In einem Schwelofen (σύνθεσις bei Theophrastos, furnus oder alveus bei Plinius) wurden durch eine am Boden befindliche brennende Schicht aus fossilen Brennstoffen (nach Blümner o. Bd. II S. 351) die darüber aufgeschichteten Holzscheite der trocknen Destillation unterworfen, wobei sie unter der Bildung von Teer, Wasser und Gasen zunächst verkohlten. Dies geschah nach Theophrast. IX 3, 1. 2 in Makedonien auf folgende Weise, wobei ich der Beschreibung Blümners o. Bd. II S. 351 folge. Man richtete einen Platz gleichmäßig und eben wie eine Tenne her, nur mit einer festgestampften Vertiefung in der Mitte. Hierauf nahm man die Stämme, spaltete sie und setzte sie, ganz ähnlich wie beim Holzkohlenbrennen, zu einem Meiler zusammen, so daß die einzelnen Scheite aufrecht nebeneinander standen und Größe und Breite (des Meilers) im gleichen Verhältnis zunahmen. Die Höhe zum Umfang verhielt sich wie 1 : 2 oder 1 : 3, nämlich 50 : 100 oder 60 : 180 Ellen. Dieser Meiler wurde sodann mit Holz abgedeckt. Hierauf schüttete man so dicht Erde darauf, daß das Feuer nirgends herausschlagen konnte. Durch eine vorher ausgesparte Öffnung zündete man das Holz an und verschloß hierauf diese einzige Öffnung ebenfalls mit Holz und Erde. Der schwelende Meiler mußte beständig und sorgfältig beobachtet werden, damit sich keine durchschlagende Flamme bildete. Die Beobachtung geschah auf Leitern, die an den Meiler außen angestellt wurden. Wo Rauch entwich, dort mußte sogleich Erde aufgeworfen werden, damit eine Flamme im Keim erstickt wurde. Für den Abfluß des sich bei diesem Verfahren bildenden Teeres war im Boden eine Abflußrinne gegraben, durch die hindurch der Teer in eine etwa 16 Ellen entfernte Grube floß, worin man ihn sich abkühlen ließ. Die zuerst ausfließende Flüssigkeit, der Vorlauf, war ziemlich stark wasserhaltig; später kam der Teer aber dickflüssig heraus, und aus diesem Anteil des Teeres gewann man dadurch P., daß man den Teer in kupfernen Kesseln unter Zusatz von Essig kochte. Auf diese Weise erhielt man namentlich das hochgeschätzte bruttische P. aus Fichtenharz. Es war rötlich und ziemlich fettreich (Plin. n. h. XVI 53) und wurde mit Vorliebe zum Verpichen von Weinfässern und andren Gefäßen verwendet.

Nach Theophrastos dauerte das oben beschriebene Schwelen etwa zwei Tage, auch weniger. Man sprach während der Arbeitsdauer sogar Gebete [4] und brachte Opfer dar, um viel gutes P. zu erzielen (Theophr. 3), denn die Arbeit an den Meilern war sehr beschwerlich. Daher hat Plinius an Stelle des eigentlichen Meilers Schwelöfen empfohlen, die er n. h. XVI 53 alvei nennt, auch furni. Die alvei dürften mulden- oder wannen-förmig gebaute Öfen gewesen sein.

Zur Teerbereitung verwendete man vornehmlich das Holz der Kiefer (picea) und der Fichte (πίτυς; pinus), aber auch das Holz der Zypresse, des Wacholders, des Terpentinbaumes u. a. (Plin. n. h. XIV 122. 127. XVI 38ff. 52). Holz aus sonnigen Gegenden lieferte besonders gutes P. (Plin. n. h. XVI 59. 60). Das beste P. kam aus Bruttium (Strab. VI 261. Diosc. I 97. Verg. Georg. II 438. Colum. XII 18, 7. Plin. n. h. XIV 127. 135. XVI 53. XXIV 37. 39). Der fichtenreiche Silawald lieferte hierzu geeignetes Holz. Cicero erwähnt Brut. 85 im Silawalde P.-Siedereien (picariae).

Verwendung von Teer und P. Sie war sehr mannigfaltig. Wie schon oben erwähnt worden ist, dichtete man das Innere von Fässern und anderen Gefäßen mit P. und verschloß sie auch damit. So erwähnt Plin. n. h. XIV 134 picata dolia und XV 61 sowie XXXI 68. 113 picata vasa fictilia. Auch Cato spricht r. r. 25 von picata dolia, ebenso Colum. XII 4, 4. Horaz läßt carm. III 8, 10 den mit P. in die Amphoren eingezwängten Kork herausziehen und Martialis hat XIII 107 ein Epigramm auf den ,Gepichten (picatum) geschrieben, auf einen gut abgelagerten Wein aus Vienna. Der gepichte Wein aus Vienna wird auch von Plin. n. h. XIV 57 gelobt.

In manchen Gegenden bestrich man Wände und flache Dächer mit Teer; denn in Karthago notgezwungen aus Tuffstein hergestellte Wände wurden, um sie vor den Einflüssen der Witterung zu schützen, geteert (Plin. n. h. XXXVI 166). Auch sonst wurde bei Bauarbeiten Teer und P. verwendet. Vitruv empfiehlt VII 4, 2 den Anstrich mit Teer als Abwehrmittel gegen Feuchtigkeit: erectae mammatae tegulae ab imo ad summum ad parietem figantur, quarum interiores partes curiosius picentur, ut ab se respuant liquorem. Ferner mußte das zum Wasserschöpfen bestimmte Wasserrad (tympanum) mit Teer getränkt und wie Schiffe mit P. gedichtet werden (Vitruv. X 4, 2). In gleicher Weise mußten die Bretter der stärkeren Schöpfvorrichtung, coclea genannt, mit P. und Teer behandelt werden: sumitur salignea tenuis aut de Vitice secta regula quae uncta liquida pice figitur in primis decusis puncto (Vitruv. X 6, 2) und Vitruv. X 6, 3: ... aliae super alias figuntur unctae pice liquida . tunc eae tabulae pice saturantur.

Aus P. bereitete man auch eine Malerschwärze (Plin. n. h. XXXV 41: fit enim e fuligine pluribus modis resina vel pice exustis, über deren Darstellung Vitruv. VII 10 ebenfalls berichtet (s. o. Bd. XI S. 1044). Metallene Gegenstände, die man vor Rost schützen wollte, bestrich man mit Teer (Plin. n. h. XXXIV 99: Aera ... servari optime in liquida pice tradunt).

Sehr mannigfaltig war die Verwendung von P. und Teer in der Heilkunde, worüber Plinius an vielen Stellen berichtet . In der Georg. III 450 erwähnt Virgil Ideae pices = idäische P.-Stücke als Zusatz zu einem Heilmittel für Widder.

[5] Bekannt war auch, daß sich Apfel in ausgepichten und ausgeteerten Fässern gut hielten (Plin. n. h. XV 62), überhaupt Obst, wenn die Stiele mit P. verschmiert wurden. Ameisen ließen sich vertreiben, wenn die Baumstämme gut mit Teer bestrichen wurden (Plin. n. h. XVII 226). Schädlich wirkte Teer aber auf die Keimkraft der Getreidesämereien ein (Plin. n. h. XVIII 152). Als zweite Grundlage eines Honigbaues diente pissoceros, eine Zusammensetzung aus P. und Wachs (Plin. n. h. XI 16). Auch hat man verstanden, aus P. ein Öl herzustellen, pissinum oleum, das in Syrien aus Ölbäumen natürlich hervorfloß und das man elaeomeli nannte (Plin. n. h. XV 31f. XXIII 96). Es diente als Hustenmittel und gegen die Räude der Vierfüßler.

Eine nicht unbeträchtliche Menge P. wird man zur Herstellung von Fackeln gebraucht haben. Sie waren aus Kienspänen (taedae), mehrere zu einem Bündel vereinigt (δεταί bei Hom. Il. XI 554), aus mit P. bestrichnen Reisern oder Weinreben oder aus solchem Werg hergestellt und überall käuflich.

Auch in der Kriegskunst wurde P. verwendet. Iulius Caesar führt bell. Gall. VII 22, 5 siedendheiß gemachtes P. (fervefacta pix) zur Abwehr gegen Feinde und ebd. 24, 4 P. als Anfachungsmittel bei Feuerbränden an. Im bell. civ. II 11, 2 werden mit P. und Kienspänen vollgepropfte Tonnen angezündet und von der Mauer auf die Breschhütte hinabrollen gelassen (cupas taeda ac pice refertas incendunt easque de muro in musculum devolvunt). In ähnlicher Weise schreibt Vitruv. X 10, 10: sic . . temperavit aenea aquae ferventis et picis de superne contra capita hostium. Nach Plautus und Lucretius wurde zur Strafe siedendes P. auf den Leib von Sklaven geträufelt.

Ferner berichtet Plin. n. h. XVI 59 über ein ausgrabbares P.: Theopompus scripsit in Apolloniatarum agro picem fossilem non deteriorem Macedonica inveniri. Es war wohl die nämliche Masse, die von Plin. n. h. XXIV 41 pissasphaltos genannt wird. Es wird also ein Erd-P., ein Bitumen wie das bitumen Iudaicum, das Juden-P. (Plin. n. h. VII 65) gewesen sein, worüber o. Bd. II S. 1727 Art. Asphalt näheres mitgeteilt worden ist.

Nicht unerwähnt darf die xoppissa genannte pechartige Masse bleiben, die von Schiffen abgekratzt wurde, die man mit Teer und Wachsfarbe angestrichen hatte (s. o. unter ,Geschichtlichem‘). Sie wurde als Heilmittel wie Teer, P. und Harz verwendet und sollte heilkräftiger als diese Mittel namentlich bei Knochengeschwülsten gewesen sein (Plin. n. h. XVI 56 und XXIV 41). Unter pix bei Vitruv. VIII 3, 8: Zacynthio et circa Dyrrhachium et Apolloniam fontes sunt qui picis magnam multitudinem cum aqua evomunt dürfte Bitumen gemeint sein. Ferner erwähnt Plinius n. h. XXXV 180 eine Verfälschung des Asphaltes (bitumen) mit P.. um ihn glänzender und schwerer zu machen.

Schließlich sei noch mitgeteilt, daß zur Bezeichnung pechschwarzer Färbungen die Eigenschaftswörter piceus und picinus dienten. Bei Lucret. VI 257 werden schwarze Regenwolken mit einem P.-Strom (picis flumen) verglichen.