RE:Polykleitos 15

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XXI,2 (1952), Sp. [1952 1720]–[1952 1722]
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15) P.‚ hervorragender Architekt, nach Paus. II 27, 5 Erbauer der Tholos und des Theaters im Asklepieion zu Epidauros. Da beide Bauwerke dem 4. Jhdt. angehören, muß P. viel jünger sein als der berühmte Bildhauer gleichen Namens, der Zeitgenosse des Pheidias (s. o. Nr. 10), an den Pausanias zu denken scheint, wenn er von dem Theater sagt, ἁρμονίας δὲ ἢ κάλλους ἕνεκα ἀρχτέκτων ποῖος ἐς ἅμιλλαν Πολυκλείτῳ γένοιτ’ ἂν ἀξιόχρεως; Πολύκλειτος γὰρ θέατρον τοῦτο καὶ οἴκημα τὸ περιφερὲς ὁ ποιήσας ἦν. Auch die vielfach angenommene Gleichsetzung mit dem jüngeren P., dem Schüler des Erzgießers Naukydes (o. Nr. 11), stößt auf chronologische Schwierigkeiten. Allenfalls könnte P. mit dem auf der Statuenbasis aus Theben IG VII 2532 genannten Bildhauer (O. Nr. 12) identisch sein. Aber die Tholos und namentlich das Theater sind doch in der Hauptsache keine Bildhauerarbeiten, sondern Schöpfungen eines genialen Architekten.

Allerdings stehen die Baugeschichte der Tholos und die damit in Zusammenhang gebrachte [1721] Datierung des Theaters keineswegs fest. Nach den inschriftlich erhaltenen Baurechnungen IG IV 1485 zog sich der Bau der Tholos oder, wie sie in der Inschrift heißt, der Thymele mit vielen Unterbrechungen mehr als ein Menschenalter lang hin. Der Schriftcharakter der Inschrift nötigt indes, den Baubeginn nicht früher als 360 v. Chr. anzusetzen (M. Fränkel IG IV S. 338 gegen B. Keil, der Athen. Mitt. XX 1895, 20ff. einen wesentlich früheren Baubeginn annahm). Es kommt hinzu, daß die nach der Inschrift zuerst ausgeführte äußere Säulenhalle mit ihren fast kleinlichen Metopenrosetten und dem Palmettenfries der Cellawand nach Dörpfelds Urteil nicht von demselben Architekten ausgeführt sein kann wie die korinthischen Kapitelle und die prächtige Rankensima des Innenbaues (Dörpfeld-Reisch Griech. Theater 130f). Daraus ergibt sich die Frage, ob P., wie man nach der Angabe des Pausanias annehmen sollte, den Entwurf zum Tholosbau gefertigt, aber nur den Außenbau selbst ausgeführt hat, oder ob von ihm die ausgezeichnete Innenarchitektur herrührt. Für letzteres ist die von Dörpfeld a. O. und anderen festgestellte Übereinstimmung der stilistischen Formen dieser Innenarchitektur und der Parodostore des Theaters geltend gemacht worden. Die Bautätigkeit des P. in Epidauros würde alsdann frühestens dem Ende des 4. Jhdts. angehören. Mit Rücksicht auf die in der Tholos befindlichen Gemälde des Pausias nimmt allerdings Hauser Röm. Mitt. XVII 1902, 247. 337ff. den Abschlnß der Bauarbeiten ‚nicht später als 330’ n. Chr. an. Allein die Beweiskraft der stilistischen Übereinstimmung zwischen dem Innenbau der Tholos und dem Theater scheidet für die vorliegende Frage aus, wenn Bulle Untersuch. an griech. Theatern (Abh. Akad. Münch. XXXIII 1928, 167f.) die Parodostore mit Recht für späthellenistische Zutaten und ihre Formen für bloße Nachahmungen der Tholosarchitektur erklärt. Es bleibt also die Möglichkeit, daß P. um die Mitte des Jahrhunderts den komplizierten Bau der Tholos entworfen, bis auf die Ausschmückung des Inneren ausgeführt und gleichzeitig das Theater gebaut hat.

Über die Tholos s. im übrigen Fiechter u. Bd. VI A S. 309 und die dort angegebene Literatur. Gegen den Versuch Pomtow Klio XII 283, die Tholos dem in den Baurechnungen des Asklepiostempels zu Epidauros genannten Architekten Theodotos (u. Bd. V A S. 1965 Nr. 55) zuzuschreiben. s. Schede Klio XIII 132f. und über die künstlerische Bedeutung des Schöpfers der Innenarchitektur Traufl. Ornam. 52. 66f. sowie Weickert Lesb. Kymat. 73, der zwar die Beweiskraft der Pausiasgemälde für die Datierung nicht gelten läßt, aber den Bau mit Schede in die J. 360-330 setzt. Die genauesten Angaben über die Tholos nach ihrer vollständigen Ausgrabung gibt Kavadias S.-Ber. Akad. Berl. 1909, 536, mit den Arch. Anz. 1909, 109ff. wiederholten Plänen. — Über das Theater s. Bulle a. O. und die daselbst angegebene Literatur. Der so wohlerhaltene Bau ist noch immer nicht genügend aufgenommen und veröffentlicht. Wegen der vollendeten Klarheit und Harmonie seiner Anlage gehört er zu den höchsten Leistungen des [1722] griechischen Theaterbaues (vgl. Fossum Harmony in the theater at Epidauros. Americ. Journ. Arch. XXX 1920, 70ff.)