Reingefallen

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Autor: Rudolf Kleinpaul
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Titel: Reingefallen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 123
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Reingefallen.

Plauderei von Rudolf Kleinpaul.

Als die Sieben Schwaben im Wirtshause zu Memmingen gerastet und dem Märzenbiere weidlich zugesprochen hatten, machten sie sich wieder auf die Socken, obschon es bereits dunkel zu werden anfing. Sie waren kaum zum Thore hinaus, so verirrten sie sich in einen Hopfengarten und verloren die Landstraße und liefen querfeldein. Auf einmal standen sie an einem Abhang, und unten, so däuchte es ihnen, lag ein See, der Wellen schlug. Es wallte und wogte wie in einem Meere, denn der Wind blies heftig, uferlos breitete sich die blaue Flut vor ihnen aus. „Potz Blitz,“ rief der Blitzschwab, „was ist da zu machen? Durch müssen wir, sonst kommen wir nicht nach Leutkirch!“ Sie jammerten noch ein wenig und lugten ins Wasser hinab, ob keine Walfische drin seien – endlich faßten sie sich ein Herz und sprangen selbsiebent hinunter in die fürchterliche Tiefe. Plumps! da lagen sie – aber sie gingen nicht unter – ein Weilchen blieben sie unbeweglich liegen, dann rührten und streckten sie ihre Glieder, krochen heraus wie Schnecken aus ihrem Häuslein und standen wieder auf. Der See war ein Flachsfeld gewesen, das in der Blüte stand und das sich im Winde bewegte wie eine Wasserfläche. Die Sieben Schwaben waren hineingefallen und nicht hineingefallen, in den Flachs, aber nicht ins Wasser.

Diese Täuschung ist eine alte, bereits der langobardische Geschichtenschreiber Paulus Diakonus erzählt, die Heruler hätten sich einmal auf der Flucht vor den Langobarden in ein blühendes Leinfeld gestürzt wie in einen Teich und seien hier, während sie die Arme wie zum Schwimmen ausbreiteten, von den nachsetzenden Feinden erschlagen worden. Und in einem bekannten Kindermärchen kommt die Braut an einen angeschwollenen Bach und findet weder Brücke noch Steg. Da war die Braut flink, hob ihre Kleider auf und wollte durchwaten. Wie sie nun eben den Fuß ins Wasser setzt, ruft neben ihr ein Mann. „Ei, wo hast du deine Augen?“ Da gingen ihr die Augen auf, und sie sah sich mitten in einem blaublühenden Flachsfelde stehen.

Den lieben Frauen, die sonst doch die Augen offen zu haben pflegen, passiert es auch anderwärts, auf diese Weise hereinzufallen. Die Königin vom Reich Arabien, die nach Jerusalem reiste, um den weisen Salomo zu sehen, und die auf der Goldnen Pforte zu Freiberg nach arabischer Tradition als Gemahlin Salomos erscheint, hieß Bilkis. Sie hatte sich vorgenommen, den König Salomo mit Rätseln zu versuchen, gab sich aber gleich bei ihrer Ankunft selber eine Blöße. Denn also erzählt der Koran: Sie wurde bedeutet, sich in den Audienzsaal zu verfügen. Wie sie eintrat, glaubte sie nicht anders, als daß sie durch ein tiefes Wasser waten müßte, und zog ihre Schuhe aus. Salomo aber sprach zu ihr. „Sie irren sich, Majestät, mein Saal ist mit Glas getäfelt.“

Die Frauen zu verblenden daß sie in einem großen Wasser zu stehen glaubten, war ein Lieblingskunststück der alten Zauberer, unter anderen auch eins des Doktor Faust, das er beim Grafen von Anhalt im Schloß aufführte.

Daß sie aber auch wirklich einmal hineinfallen und sich unversehens nasse Füße machen können, weiß jeder, der einmal in der Villa Mattei zu Rom gewesen ist; hier befindet sich eine vom klarsten Wasser erfüllte Grotte, die von dem Besitzer, einem Deutschen, gern für die wahre Grotte der Egeria erklärt wird. Das Wasser ist so klar, daß man es thatsächlich nicht sieht und von der Luft kaum unterscheidet. Infolgedessen patschen die Besucher hinein, was natürlich, da es keine Gefahr hat, zum Lachen Anlaß giebt. Hier hat Virgilius, der Zauberer, das Wasser unsichtbar gemacht, während es vorhin durch die blauen Flachsblüten oder durch Glas dem Auge vorgetäuscht ward. Erstere eignen sich in der That so gut dazu, das Wasser darzustellen daß sie die Künstler dazu benutzen. Anfang dieses Jahrhunderts lebte zu Würzburg der Professor Bonavita Joseph Blank. Er war früher Prediger zu Paradies bei Schaffhausen gewesen und hatte hier die Moosmosaik erfunden. Mit Moos, Holz, Vogelfedern, Samenkörnern, Schmetterlingsflügelstaub und – Flachs hatte er den Rheinfall und einen Seesturm abgebildet, die Federn und der Flachs thaten besonders bei den Wellen vorzügliche Wirkung. Diese Mosaiken sind im Blank’schen Kabinett zu Würzburg noch zu sehen. Für den „Seesturm“ hatte einst ein Engländer 4000 Gulden geboten. Was für Wirkungen man mit den einfachsten Mitteln erreichen kann, zeigt zum Beispiel der „Ausbruch des Vesuv“, ein Werk desselben Meisters. Das Feuer besteht aus den Flügeln einer Grille.

Die Natur macht es ebenso, nur daß sie nicht die Absicht hat, uns zu täuschen. Da die Sonne aufging, heißt es im Buche der Könige, däuchte die Moabiter das Gewässer rot zu sein wie Blut; und sprachen: „Es ist Blut, die Könige haben sich mit dem Schwert verderbet. Hui, Moab, mache dich nun flink darüber her!“ – Ja, proste Mahlzeit! das war reines Wasser. Auf der Fürstenschule in Meißen durften wir ausschlafen, wenn in der Nacht Gewitter gewesen war; infolgedessen wurden Kegelkugeln den Schlafsaal entlang gerollt, den Inspektor zu berücken. In Südhannover wurde sonst geläutet, wenn ein Gewitter im Anzug war, nur ein alter Kantor läutete schon, wenn sie in Kassel nur einmal mit der Kanone geschossen hatten. Er bekam nämlich für jedes Gewitterläuten eine besondere Vergütung.

Wie oft sind schon Mückenschwärme für eine Rauchsäule gehalten worden! Am 20. August 1859 spielte in Neubrandenburg ein Mückenschwarm dicht unter dem Kreuze des Marienkirchturms in einer Höhe von fast 100 m, so daß er, von unten gesehen, einer dünnen, in steter Wallung begriffenen Rauchwolke glich. In Ansbach ist einmal die Feuerwehr ausgerückt, weil ein Ameisenschwarm gegen Sonnenuntergang seinen Hochzeitsflug hielt.

Man kann damit vergleichen, wie es in Nürnberg, am 15. Mai 1886, mittags bei 16° Grad Wärme und heiterem Himmel schneite. Es war Blütenschnee, den die Luftströmung aus den Gärten und Anlagen der Vorstädte in die Stadt hineintrug. In Rom ist angeblich im Jahre 352 in einer Augustnacht auf den Esquilin frischer Schnee gefallen und zum Andenken daran auf dieser Stelle die Kirche Maria im Schnee (Santa Maria Maggiore) gegründet worden. Am Kirchweihfeste läßt man deshalb beim Hochamte noch heute weiße Blumenblätter von der Decke regnen. In diese Kirche wurde die Krippe des Jesuskindleins gebracht und seitdem Weihnachten am 25. Dezember gefeiert.

Der Kameruner, der beim Anblick eines deutschen Schneegestöbers in die Hände klatscht und ausruft: „Da regnet’s ja Baumwolle!“ besitzt keine stärkere Phantasie als sein Gebieter, der bei einer solchen Gelegenheit Frau Holle ihr Bett schütteln läßt, daß die Federn stieben, und unsere Anna, die in einer Gärtnerei einen hochroten Azaleenflor erblickt und sich einbildet, daß die Betten „gesimmert“(gesonnt) werden, schürzte sich wohl auch, um durch das Flachsfeld hindurchzuwaten.

Ja, wir lachen wohl über die armen Sieben Schwaben – und wir, wie oft sind wir selbst hineingefallen! Haben wir etwa nicht erst kürzlich blauen Dunst für Wirklichkeit angesehen und einen Mückenschwarm für eine Rauchsäule gehalten? Und vollends jetzt während der Karnevalszeit gefällt sich die maskierte Welt im Scherzen und Täuschen und die Reinfälle stehen auf der lustigen Abendordnung. So oft wir auch da schon hereingefallen – das stört uns beileibe nicht unsern Frohsinn! Diesen Frohsinn sollten wir uns aber auch im wirklichen Leben nicht rauben lassen und mit ihm die kleinen Reinfälle, die uns das Schicksal bringt, aufnehmen. Nur den Humor nicht verlieren und fest an der Hoffnung halten, daß wir wieder aufstehen werden wie die Sieben Schwaben! Dann gehen wir mit frischem Mut ans neue Werk und wetzen schon die kleinen Scharten aus!