Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Kottmarsdorf

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Textdaten
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Autor: M. G.
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Titel: Kottmarsdorf
Untertitel:
aus: Markgrafenthum Oberlausitz, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 3, Seite 233–235
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser
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Erscheinungsort: Leipzig
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Kottmarsdorf
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Kottmarsdorf


führt seinen Namen von dem 1/2 Stunde gegen Süden gelegenen 1400 Fuss hohen Berge Kottmar; dessen Benennung man aus der wendischen Sprache herleitet, in welcher Kohd einen Gang bedeutet, und Mara soll eine Göttin der alten Slaven gewesen, auf diesem Berge verehrt und deshalb oft Wallfahrten dahin angestellt worden sein. Auch soll sich auf der Rathsbibliothek zu Görlitz ein gegossenes Bild, von der Länge und Dicke eines Fingers und nur mit einem kurzen Schurz bekleidet, befinden, von welchem man sagt, dass es auf dem Kottmar gefunden worden sei und jene Göttin vorstelle.

Vor dem Fusse des Kottmar zieht sich nach Westen hin ein mässiger Bergrücken über welchen Kottmarsdorf von Norden nach Süden längs der, von Löbau nach Rumburg führenden und seit 1828 erbauten Chausee hinläuft. Es liegt 11/2 Stunde südlich von Löbau, 2 Stunden westlich von Herrenhut, 21/2 nördlich von Rumburg und 11/2 Stunde östlich von Neusalza und grenzt mit seinen Fluren an die von Ebersbach, Ober-Friedersdorf, Dornhennersdorf, Gross-Schweidnitz, Nieder- und Ober-Cunnersdorf und an den, der Stadt Löbau gehörenden Kottmarswald.

In der Mitte des Dorfes erhebt sich auf jeder Seite und ganz in der Nähe desselben eine Anhöhe, deren jede mit einer Windmühle besetzt ist, und von denen man ein sehr weites und herrliches Panorama überblicken und mit bewaffneten Auge gegen 40 Kirchen überzählen kann.

Kottmarsdorf theilen Manche in Ober- und Unter-Kottmarsdorf: allein mit Unrecht; denn wenn man nach den früheren Besitzern urtheilen will, welche Theile von Kottmarsdorf besassen, so müsste man noch mehre Kottmarsdorfe unterscheiden: Die Eintheilung von Ober- und Unter-Kottmarsdorf hat wohl seinen Ursprung in den sogenannten Geist’schen Lehngut, welches ein besonderes von dem hiesigen Rittergute getrenntes Besitzthum bildete: allein dieses Gut wurde im Jahre 1692 von Hans Wenzel von Gersdorf für 3200 Thlr. gekauft und mit dem Rittergut combinirt, wohl aber bei späteren Besitzveränderung unter dem Namen des Geistischen Lehnguts besonders in Lehn genommen.

Ausserdem hatte der Pastor Primarius zu Löbau über 3 Bauern des Orts und über 17 Häusler die Gerichtsbarkeit, welche 1839 an das Königl. Justizamt Löbau abgetreten wurde.

18 Bauergüter, 19 Gärtner und 92 Häuslerwohnungen standen bis zur Einführung der neuen Gerichtsorganisation unter der Patrimonial-Gerichtsbarkeit des Rittergutsbesitzers.

Das Rittergut selbst mit 4 eingezogenen Bauergütern ist mit 6200 Steuereinheiten belegt und ist also schon ein grosses Gut zu nennen.

Es besitzt ein schönes Areal an Feldern, Wiesen und Holzungen und die Flur gehört zu den mässig fruchtbaren.

Die Herrschaftliche Wohnung besteht aus einem 2 Etagen hohen Gebäude von 12 Fenstern Fronte, die Wirthschaftsräume sind vortrefflich und bequem eingerichtet.

Die Gründung des Orts gehört zu einen der ältesten in dieser Gegend und eine Burg, von deren Ueberresten nichts mehr zu sehen ist, war schon im 11. Jahrhundert vorhanden.

Die spätern Nachrichten über die Schicksale dieser Burg sind nicht [234] aufzufinden und erst im 14. Jahrhundert haben wir wieder sichere Nachrichten über Kottmarsdorf. In diesem Säculo scheint in den Besitz von Kottmarsdorf die Stadt Löbau gekommen zu sein, welche damals über 80 Dörfer die unabhängige Gerichtsbarkeit verliehen erhielt und erst zur Zeit des sogenannten Pönfalls, also 1547 gingen diese Besitzungen und Rechte wieder verloren. Nun wurden einzelne adlige Familien mit den einzelnen Dörfern beliehen und Kottmarsdorf kam in die Hände der Herren von Poster, von welchen es dann auf das von Gersdorf’sche Geschlecht, Kittlitzer Linie, überging.

Caspar von Gersdorf auf Kittlitz starb 70 Jahr alt plötzlich am 1. Nov. 1637; ihm folgte Hans Wenzel von Gersdorf der 1708 mit Tode abging. Der Sohn des letzteren übernahm Kottmarsdorf und starb schon 1743. Von diesem erbten es seine Brüder Heinrich Adolph von Gersdorf auf Kittlitz und Gottlob Rudolph von Gersdorf auf Lautitz, welcher seinen Antheil an ersteren 1748 für 11,000 Thaler überlässt; 1757 kommt es an dessen Sohn Johann Erdmann von Gersdorf auf Wünschen welcher 1760 von Fr. Sophie Elisabeth verw. von Kyau geb. von Kraft auf Ober-Strawalde und Herrn Johann Ernst von Gersdorf auf Niederstrawalde gewidmete Pfarrgut, bestehend in 61/2 Acker säebaren Felder, 163/4 Acker Wiesen und 61/2 Acker Busch für 600 Thlr. kaufte, wobei es die Verkäufer übernahmen, diese 600 Thlr. dem dasigen Pfarrer mit 5 pCt. zu verzinsen.

Im Jahre 1763 verkaufte er Kottmarsdorf für 35,000 Thaler an Wolfgang Baron von Stein Churf. Sächs. Kammerherrn und General-Major, welcher in den Jahren von 1760-1771 sämmtliche Bauern- und Gärtnernahrungen, die bis dahin Lastnahrungen gewesen waren, an deren Inhaber verkaufte.

Nach dem 1783 erfolgten Tode desselben, besass es dessen hinterlassene Wittwe Frau Karoline von Stein geb. von Berlepsch, welche es 1793 an Frau Johanna Elisabeth Mehlhosin geb. Rudolph und deren Bruder Johann Christian Rudolph, Grundstücksbesitzer und Rector in Ober-Cunnersdorf verkaufte.

Nach der Schwester Tode übernahm letztrer auch die zweite ziemlich verschuldete Hälfte des Gutes; vermochte aber nicht in dem Besitze des Ganzen sich zu behaupten, 1825 kam es zur Sequestration und 1826 zur Subhastation, bei welcher es Carl Friedrich Jeremias in Ebersbach für 34,500 Thlr. an sich brachte, der es dermalen noch besitzt.

Die Gerichtsherrschaft zu Kottmarsdorf übt zugleich das Collaturrecht über Kirche und Schule.

Die Zeit, in welcher hier eine Kirche erbaut wurde, ist nicht genau bestimmt, doch gehört Kottmarsdorf zu den ältesten Kirchorten in dieser Gegend, da schon in einer Eintheilung der Kirchspiele vom Jahr 1346 der hiesigen Kirche gedacht wird. Ursprünglich war sie nur eine Kapelle und Filial von Löbau, woher jährlich einige Mal ein Kapellan kam, um hier Messe zu lesen.

Sie war der heil. Katharina und der heil. Anna geweiht, deren Legenden noch bis zum Jahr 1703 alle Jahre am Sonntage vor deren Namenstage von der Kanzel verlesen worden sind.

Seit der Reformation war Ober-Cunnersdorf Filial von Kottmarsdorf und der darüber aufgenommene Recess verblieb über 200 Jahre in Giltigkeit. Allein im 19. Jahrhundert wurde das Bedürfniss, einen eignen Pfarrer zu besitzen, immer fühlbarer, die Tochtergemeinde übertraf die Muttergemeinde an Volksmenge mehr als vierfach und als der 1800 in Kottmarsdorf eingezogene Pfarrer, Johann Gottlob Borns, sich willig erklärte, Kottmarsdorf zu verlassen und sich der Gemeinde zu Ober-Cunnersdorf allein zu widmen, erfolgte die Auspfarrung unter dem Dekan des Domstifts Franz Georg Lak, Bischof von Antigora und dem Kottmarsdorfer Collator, dem Past. Primarius zu Löbau, M. Brückner.

Durch ein Abfindungsquantum an die Mutterkirche wurden alle und jede bisherigen Verbindlichkeiten und Verhältnisse zwischen dieser und der Tochterkirche, die bisherige Collatur jedoch ohne Entschädigung, aufgehoben. Das Einkommen des Pfarrers zu Ober-Cunnersdorf wurde dabei durch fixes Salar für die verlorne Wiedemuth und durch Erhöhung der Gebühren für Amtsverrichtungen zu derselben Höhe gebracht, welche die bisher vereinigte Pfarrstelle gehabt hatte. Zur Entschädigung der Pfarr- und Schulstelle zu Kottmarsdorf, so wie zur Unterhaltung der Pfarr- und Schulgebäude, daselbst wurde von der Gemeinde zu Ober-Cunnersdorf ein Adversional-Quantum an das hiesige Kirchenaerar ausgezahlt.

Schule ist nur eine in Kottmarsdorf. Die Zahl der Schulkinder beläuft [235] sich auf 160, welche in 3 Classen getheilt sind, die blos ein Lehrer besorgt.

Der sognannte Kottmarsberg, welcher mit Fichten bewachsen gehört zum grösseren Theil der Stadt Löbau, blos der kleinere Theil ist Eigenthum von Kottmarsdorf.

Der Name dieses, 1400 Fuss Meereshöhe haltenden Berges soll von dem wendischen Khod (ein Gang) und von Mar oder Mara (ein Mittagsgespenst) herkommen. Um dieses Gespenst zu beruhigen, hat man, wie die Sage will, auf dem Berge geopfert. Ob ehedem heidnische Wallfahrten nach dem Berge stattgefunden, und ob der noch vorhandene Gebrauch benachbarter Ortschaften: zum 1. Pfingstfeiertag-Abend bei mehrern Hunderten auf den Berg zu ziehen, ein Ueberbleibsel jener Wallfahrten sei, lässt sich nicht darthun. Der Kottmar hat seinen Gipfel, der von unzähligen Punkten sichtbar ist, und 51° 0' 25 bis 35" der Br. und 32° 19' der Länge, folglich 21/2 Stunde von Löbau und 13/4 Stunde von Herrenhut zwischen Ober-Cunnersdorf, Kottmarsdorf, Ebersbach, Walddorf und den 8 Kottmarhäusern und bildet eine Art kleinen Centralgebirges, indem von ihm nach allen Seiten hin Bäche fliessen, insbesondere der Oderwitzer nach Südosten, der Ruppersdorfer nach Osten, der Cunnersdorfer nach Norden, der Ebersbacher nach Westen.

Die Kottmarhäuser stehen am Ursprung des Ruppersdorfer Baches (des eigentlichen Hauptbaches der Pliessnitz) am südwestlichen Theile des Berges und es gehören davon 1 Häusler nach Ober-Ruppersdorf, 1 Förster, 1 Wirth und 5 Häusler unter den Löbauer Rath.

(M. G.)