Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Radibor

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Textdaten
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Autor: Otto Moser
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Titel: Radibor
Untertitel:
aus: Markgrafenthum Oberlausitz, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 3, Seite 12–14
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Commons und SLUB Dresden
Kurzbeschreibung:
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Radibor


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Radibor.


Bei dem wichtigen Einflusse, welchen die slavischen Volksstämme auf die Entwickelung unserer vaterländischen Cultur ausübten, dürfte es am Orte sein, der Beschreibung des wendischen Radibor, wo vor vielen Jahrhunderten sich ein Rathshof oder eine Gerichtsstätte befand, eine kurze Schilderung des Slavenvolkes vorauszuschicken. Die Slaven kamen schon mehrere Jahrhunderte vor Christo aus Asiens ungeheuren Steppen nach Europa und nahmen ihren Wohnsitz im jetzigen Galizien und Slavonien, von wo bis zur Ostsee hinab sie sich nach und nach ausbreiteten. Als bei der grossen Völkerwanderung unübersehbare Tartarenschwärme nach dem Westen flutheten, und alle Völkerschaften, auf die sie trafen, mit sich fortrissen, wurden auch die Slaven gezwungen, ihre bisherigen Wohnsitze zu verlassen, und zum Theil nach Norden, zum Theil nach Westen zu ziehen. Aufgemuntert durch die Einfälle der Deutschen in Italien, verliessen zuerst die Wenden, einer der mächtigsten Slavenstämme, ihr bisheriges Gebiet – das jetzige Polen und südwestliche Russland bis an die Grenze Asiens hin, nebst dem Lande jenseits der Weichsel – um von den verlassenen deutschen Fluren Besitz zu nehmen. Dieses theils unabhängige theils unter Herrschaft der Gothen stehende Volk drang zu Anfang des sechsten Jahrhunderts in Deutschland ein, breitete sich im Laufe der Zeit bis an die Elbe und Saale aus, und setzte sich ebenso in Böhmen und Mähren fest. Bald folgten andere slavische Stämme dem Beispiele der Wenden; auch sie suchten neue Wohnsitze und nahmen von den Ländern, wo sie sich niederliessen, und von den Seen und Flüssen, an denen sie Wohnungen erbauten, ihre Namen an.

Die Sorbenwenden sind der erste slavische Volksstamm, welcher in der Geschichte Deutschlands genannt wird. Sie theilten sich in Daleminzier, Miliener, Obotriten und andere Nebenstämme ein, und nahmen nach und nach von allen an der Elbe, Saale, Mulde und Elster gelegenen Ländern Besitz. Namentlich setzten sie sich um das Jahr 530 in dem östlichen Theile des Meissnerlandes fest, dessen Bewohner, die Sachsen – welche dieses Land von den Franken, als Belohnung für ihre Hülfe gegen die Thüringer, erhalten hatten – viel zu schwach waren, um die ungebetenen Gäste mit Gewalt zu vertreiben. Die Wenden aber hielten mit den Sachsen gute Freundschaft. Sie gaben ihnen Etwas von ihren Erzeugnissen ab und waren selbst dann noch ihre treuen Bundesgenossen, als die Franken beide Völkerschaften unterjocht hatten. Von den Sorbenwenden bekam der Theil des Meissnerlandes, welchen sie bewohnten, den Namen Sarabia oder Zyrbia, ein Ausdruck, der noch im spätern Mittelalter häufig gebraucht wurde.

Ein anderer sorbenwendischer Stamm hauste in der heutigen Lausitz, die ihren Namen von dem wendischen Worte Luza (Sumpf) erhalten haben soll. In Böhmen und Mähren suchten sich die Czechen festzusetzen; sie wurden aber von den Avaren, einer gleichfalls asiatischen Nation, bewältigt, und zur Zahlung eines Tributs gezwungen. Da jedoch die Sieger mit barbarischer Härte gegen die unterdrückten Czechen verfuhren, verbanden sich diese mit andern stammverwandten Völkern, schüttelten das schmachvolle Joch von sich und erhoben ihren Anführer Samo zum König, dessen Reich jedoch nur kurze Zeit bestand. Die Wanderungen der Slavenvölker hörten seit dieser Zeit auf, und im siebenten Jahrhundert treten Böhmen, Mähren und Schlesien bereits historisch als geschlossene Staaten auf. Nach Osten hin wohnten die Lechen oder Polen, und noch weiterhin die zahlreichen Slavenstämme, welche später den gemeinschaftlichen Namen Russen erhielten. An den östlichen Küsten des baltischen Meeres sassen die Porussen oder Preussen, an den westlichen die Pomeranen: im heutigen Mecklenburg die Obotriten, an der Mündung des Elbstroms die Polaben, auf den Inseln des baltischen Meeres die Rugier, und von der Oder bis jenseits der Elbe die Wilzen. Mit dem neunten Jahrhundert mussten die Slaven sich wiederum vor der überwiegenden Tapferkeit und Kriegskunst der Franken und übrigen Deutschen beugen, und geduldig mit ansehen, wie die Sieger die Bildsäulen ihrer Götter zerschmetterten und die heiligen Haine niederschlugen; aber kaum fühlten sie sich wieder etwas [13] gekräftigt, so begann der furchtbare Kampf um Freiheit und Religion von Neuem, und wiederum starben Tausende den Heldentod für ihre heiligsten Güter. Nach zweihundertjährigem Blutvergiessen vereinigte ein tapferer Wendenfürst – Gottschalk – noch einmal die Stämme der Wenden zu einem Volke, noch einmal gab es einen Wendenkönig und ein Wendenreich; aber bald lag seine Krone zerbrochen unter dem Banner des Christenkreuzes – die Sächsischen Herzöge und Dänemarks Könige machten dem wendischen Reiche ein Ende. Böhmen, Polen und Russland hatten sich gleichfalls unter einheimischen Fürsten zu selbstständigen Staaten herangebildet, die jedoch ihren Feinden mit Erfolg widerstanden, und in denen sehr bald das volle Ritterwesen sammt der Lehnsverfassung eintrat, wodurch Fürsten und Adel sich immer enger an einander anschlossen und das Volk ein Recht nach dem andern verlor, bis es endlich alles Grundes und Bodens beraubt, zur Leibeigenschaft herabsank.

Ueber die politische Verfassung der slavischen Völker wissen wir nur wenig, und was wir davon kennen, verdanken wir den Gesetzen der salischen und ripuanischen Franken, der Alanen, Baiern, Thüringer und Friesen. Nach dem Inhalt jener Gesetze waren die Slaven Leute von grosser Sittenreinheit, zwar rauh von Denk- und Handlungsweise, aber unbekannt mit fremden Lastern. Fleissig und betriebsam, liessen sie in der Nähe ihrer Wohnungen auch das kleinste Stück Land nicht unbebaut; sie kannten den Vortheil des Ackerbaues nur zu gut und betrieben ihn mit allem Eifer. Sie verehrten mehrere Götter, unter denen die vornehmsten Perun, Swantewit, Radegast, Bilbog, Czernebog, Flynz, Lada, Diwa und Marzanna hiessen und welche sie in dunklen Hainen und auf Bergen verehrten; doch erzeigten sie auch Quellen und Flüssen göttliche Ehre. Die Freiheit war ihnen ein so schätzbares Kleinod, dass sie es selbst mit dem letzten Blutstropfen zu erhalten suchten. Im Kriege hatten sie Anführer oder Könige, welche aus den besten und tapfersten Männern des Volkes gewählt wurden, jedoch im Frieden nicht mehr galten, wie jeder andere unbescholtene Mann. Ihre Todten verbrannten sie zu Asche, die man in irdenen Krügen sammelte und nebst Waffen und Zierrathen des Verstorbenen auf einer Anhöhe oder hochgelegenen Wiese begrub. Ihre Gerichte, welche von den Königen und Priestern abgehalten wurden, fanden an gewissen Tagen, entweder in Wäldern oder auf freien Plätzen, Statt, und eine solche Gerichtsstätte war einst – vielleicht vor einem Jahrtausend schon – unser Radibor, dessen wendischer Name Radwor aus den Worten Rade Dwor zusammen gesetzt, so viel als Rathshof oder Stätte der Berathung bedeutet, und das ohne Zweifel zur Zeit der Sorbenwenden ein nicht unwichtiger Ort war.

Die ältesten sichern Nachrichten über Radibor gehen bis zum Jahre 1397 hinauf, wo ein Bürger von Budissin, Sigismund Behr, als Besitzer des Orts erscheint, und sich in einer Urkunde selbst „Patron und Collator von Radwor“ nennt. Er wird von Zeitgenossen als ein frommer und berühmter Mann bezeichnet, der im eben genannten Jahre zu Radibor die Kreuzkapelle gründete, und das Schutz- und Schirmrecht darüber dem jedesmaligen Pfarrherrn zu Radibor für alle künftigen Zeiten verlieh. Er erbte das Dorf Camina, befreite es von allen Frohndiensten, mit Ausnahme derer, welche dem Landesherrn und seinem Voigte zu leisten waren, und beschenkte es auf ewige Zeit mit allen weltlichen Rechten. Dem wackern Manne folgte die Familie von Bolberitz, von der Hans von Bolberitz in Urkunden namentlich vorkommt. Später gelangte Radibor an das alte edle Geschlecht Derer von Plaunitz, die es bis zum Ende des sechzehnten Jahrhunderts besassen. Im Jahre 1489 gehörte das Gut den Gebrüdern Johannes und Leonhard von Plaunitz, die es von ihrem Vater ererbt hatten, und 1529 den Gebrüdern Johannes und Heinrich von Plaunitz auf Rattwitz und Radibor. Christoph von Plaunitz, der 1557 zum Besitze des Gutes gelangte, verkaufte dasselbe 1589 an Christoph von Haugwitz, der es jedoch schon 1605 Christophen von Minkwitz überliess. Dieser Herr von Minkwitz war einer der eifrigsten Anhänger Luthers, der sich grosse Mühe gab, die Reformation auf seinen Gütern einzuführen und deshalb die katholischen Unterthanen nicht nur grausam verfolgte, sondern auch dem Pfarrherrn viel Leides anthat. Christoph von Minkwitz hatte von Kaiser Rudolph II. die Erlaubniss verlangt, einen protestantischen Pfarrer nach Radibor zu setzen; als ihm aber diese Bitte abgeschlagen wurde, „weil es eine Neuerung und von jeher in Radibor ein katholischer Pfarrer gewesen sei“ wurde der Herr von Minkwitz immer heftiger und die Katholiken hatten ein übles Leben bei ihm. Die kaiserliche Verweigerung bildete einen hauptsächlichen Punkt der Beschwerden, welche die Oberlausitzer Stände 1619 gegen Kaiser Ferdinand II. erhoben. Sie klagten in der Beschwerdeschrift: „Christoph von Minkwitz zu Radibor habe keinen evangelischen Pfarrer in die dortigen beiden Kirchen setzen dürfen, sondern müsse mit den Seinen und seinen Unterthanen auf eine Meile Weges in eine evangelische Kirche reisen.“

Auf Christoph von Minkwitz folgte 1640 Erentreich von Minkwitz, und diesem 1675 Georg von Minkwitz, der Radibor 1685 an Johannes Julius von Burkersroda verkaufte, von welchem es ebenfalls durch Kauf im Jahre 1707 an Friedrich Wilhelm von Schack gelangte, den Erbauer des noch jetzt stehenden herrschaftlichen Schlosses. Der letzte Zweig der Schack’schen Familie veräusserte das Gut 1765 für 80,000 Thaler an den kaiserlichen General Baron Joseph von Ried, wieder der erste katholische Besitzer seit der Reformation, welcher aus der Reichsstadt Offenbach stammte und schon nach einigen Jahren mit Tode abging, worauf Radibor an dessen Bruder, den Obristlieutenant Baron Ludwig von Ried fiel. Im Jahre 1783 erkaufte Radibor der königlich Sächsische Minister von Wurmb für seine Mündel Maria Johanna Nepomucena Gräfin von Bolza, die sich 1787 mit dem Grafen von Gondrecourt, einem französischen Kreolen von der Insel Guadeloupe, wo er bedeutende Pflanzungen besass, vermählte. Die Gräfin begleitete ihren Gemahl im Jahre 1802 nach Paris und verkaufte nach und nach die früher zu Radibor gehörigen Ortschaften Quoos und Bornitz nebst vielen Ländereien für 60,000 Thaler, das Hauptgut selbst aber 1805 für 80,000 Thaler an den Sächsischen Rittmeister Carl Friedrich Wilhelm von Bose, der es jedoch nur bis 1819 besass, in welchem Jahre es an den herzoglich Gothaischen Regierungsrath Johann Georg Geissler kam, der es für 50,000 Thaler erstand. Nach des Regierungsraths Tode erbte Radibor Werner Reinhold Geissler, Doctor der Rechte (1830) und verkaufte es 1842 an einen Herrn von Swoboda, von welchem das Gut indessen schon 1843 durch Kauf an Reinhold von Voss überging. Der jetzige Besitzer ist seit 1854 Herr Clemens Graf von Einsiedel.

Zu dem Rittergute gehören im Ganzen 865 Scheffel, wovon 485 Scheffel [14] Feld, grösstentheils guter Weizenboden, 123 Scheffel Wiesen, 150 Scheffel Waldung und 85 Scheffel Teiche. Als lebendes Inventar werden gehalten 50 Stück Rindvieh, 12 Pferde und 300 Schafe. Zugleich hat das Gut eine bedeutende Brauerei und auf seinen Fluren ein starkes Braunkohlenlager. – Der Ort zählt 90 Hausnummern.

Das katholische Kirchdorf Radibor hat zwei Gotteshäuser, von denen die Pfarrkirche zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts gegründet wurde, und in den Jahren 1680 und 1816 bedeutende Reparaturen erfuhr. Ein kleiner alterthümlicher Seitenalter trägt die Jahreszahl 1319. Der Pfarrer Michael Welde, welcher in der Mitte des vorigen Jahrhunderts hier amtirte, ist der Herausgeber des vortrefflichen wendischen Gesangbuches, welches ausser in Radibor auch in der wendischen Kirche zu Budissin eingeführt ist. Die zweite Kirche oder Kapelle zum heiligen Kreuz gründete, wie schon bemerkt, 1397 der damalige Besitzer des Rittergutes Sigmund Behr, und es befindet sich die Fundationsurkunde noch jetzt im Pfarrarchiv. In alter Zeit soll die Kreuzkirche eine Wallfahrtskapelle gewesen sein, an der ein besonderer Geistlicher angestellt war; jetzt findet in ihr jährlich nur viermal Hauptgottesdienst und ausserdem die kirchliche Feier bei Begräbnissen statt. Im Jahre 1630 wurde diese Kirche von einem Orkane fast gänzlich zerstört und blieb in diesem Zustande bis 1652, wo der damalige Pfarrer Aloysius Lock sie durch gesammelte Liebesgaben wieder herstellen liess. –

Die Parochie besteht aus elf eingepfarrten Ortschaften, deren Einwohner theils Katholiken theils Protestanten sind. Die eingepfarrten Orte sind: Radibor, Brahne, Luppe, Luppedubrau, Camina, Grossdubrau, Mirka und Luttowitz, Bornitz, Neubornitz, Cölle und Stroschütz.

Otto Moser, Redact.