Rumpelstilzchen (1812)

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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Rumpelstilzchen
Untertitel:
aus: Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe.
S. 253-255
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1812
Verlag: Realschulbuchhandlung
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: old.grimms.de = Commons
Kurzbeschreibung:
seit 1812: KHM 55
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Begriffsklärung Andere Ausgaben unter diesem Titel siehe unter: Rumpelstilzchen.


[253]
55.

Rumpelstilzchen.

Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Und es traf sich, daß er mit dem König zu sprechen kam und ihm sagte: „ich habe eine Tochter, die weiß die Kunst, Stroh in Gold zu verwandeln.“ Da ließ der König die Müllerstochter alsogleich kommen, und befahl ihr, eine ganze Kammer voll Stroh in einer Nacht in Gold zu verwandeln, und könne sie es nicht, so müsse sie sterben. Sie wurde in die Kammer eingesperrt, saß da und weinte, denn sie wußte um ihr Leben keinen Rath, wie das Stroh zu Gold werden sollte. Da trat auf einmal ein klein Männlein zu ihr, das sprach: „was giebst du mir, daß ich alles zu Gold mache?“ Sie that ihr Halsband ab und gabs dem Männlein, und es that, wie es versprochen hatte. Am andern Morgen fand der König die ganze Kammer voll Gold; aber sein Herz wurde dadurch nur noch begieriger, und er ließ die Müllerstochter in eine andere, noch größere Kammer voll Stroh thun, das sollte sie auch zu Gold machen. Und das Männlein kam wieder, sie gab ihm ihren Ring von der Hand, und alles wurde wieder zu Gold. Der König aber hieß sie die dritte [254] Nacht wieder in eine dritte Kammer sperren, die war noch größer als die beiden ersten und ganz voll Stroh, „und wenn dir das auch gelingt, sollst du meine Gemahlin werden.“ Da kam das Männlein und sagte: „ich will es noch einmal thun, aber du mußt mir das erste Kind versprechen, das du mit dem König bekommst.“ Sie versprach es in der Noth, und wie nun der König auch dieses Stroh in Gold verwandelt sah, nahm er die schöne Müllerstochter zu seiner Gemahlin.

Bald darauf kam die Königin ins Wochenbett, da trat das Männlein vor die Königin und forderte das versprochene Kind. Die Königin aber bat, was sie konnte und bot dem Männchen alle Reichthümer an, wenn es ihr ihr Kind lassen wollte, allein alles war vergebens. Endlich sagte es: „in drei Tagen komm ich wieder und hole das Kind, wenn du aber dann meinen Namen weißt, so sollst du das Kind behalten!“

Da sann die Königin den ersten und zweiten Tag, was doch das Männchen für einen Namen hätte, konnte sich aber nicht besinnen, und ward ganz betrübt. Am dritten Tag aber kam der König von der Jagd heim und erzählte ihr: ich bin vorgestern auf der Jagd gewesen, und als ich tief in den dunkelen Wald kam, war da ein kleines Haus und vor dem [255] Haus war ein gar zu lächerliches Männchen, das sprang als auf einem Bein davor herum, und schrie:

„heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hohl ich der Frau Königin ihr Kind,
ach wie gut ist, daß niemand weiß,
daß ich Rumpelstilzchen heiß!“

Wie die Königin das hörte, ward sie ganz froh und als das gefährliche Männlein kam, frug es: Frau Königin, wie heiß ich? – „heißest du Conrad?“ – Nein. – „Heißest du Heinrich?“ – Nein.

Heißt du etwa Rumpelstilzchen?

Das hat dir der Teufel gesagt! schrie das Männchen, lief zornig fort und kam nimmermehr wieder.

Anhang Band 1

[XXXIV]
Zum Rumpelstilzchen. No. 55.

Schon Fischart kann das Alter dieses Märchens bezeugen, im Gargantug, wo die Spiele verzeichnet werden, steht unter Num. 363. ein Spiel: „Rumpele stilt oder der Poppart.“ Man sagt auch Rumpenstinzchen. Die Erzählung selbst wird auch folgendermaßen anders angefangen: einem kleinen Mädchen dem wurde eine Kaute Flachs gegeben, daraus sollte es Flachs spinnen, aber was es spann, war immer Goldfaden und kein einziger Faden Flachs konnte aus ihrem Rädchen kommen. Da wurde es traurig, setzte sich aufs Dach und spann und spann drei Tage lang, aber immer nichts als Gold. Da kam ein klein Männchen gegangen: ich will dir helfen aus aller deiner Noth, ein junger Königssohn soll da vorbei kommen, [XXXV] und dich heirathen, aber du mußt mir dein erstes Kind versprechen etc. Auch wird das Männchen anders entdeckt. Eine Magd der Königin geht Nachts hinaus in den Wald, da sieht sie es auf einem Kochlöffel um ein groß Feuer herum reiten etc. Zuletzt fliegt auch das Männchen auf dem Kochlöffel zum Fenster hinaus. In vielen deutschen Märchen kommen Müller und Müllerstöchter vor (s. No. 31.), das gegenwärtige erinnert aber ganz sonderlich an die nordischen Fenia und Menia, die alles, was man haben wollte, mahlen konnten, und die der König Frode Frieden und Gold mahlen ließ. – Das Abfodern der Kinder greift in sehr viele Mythen ein.

Das Spinnen des Golds kann auch auf eine andere Art verstanden werden, nämlich durch die harte schwere, kummervolle Arbeit den Golddrath zu verfertigen, welche armen Jungfrauen überlassen blieb. So heißt es in einem altdän. Lied:

nu er min sorg saa mangefold,
som Jomfruer, de spinde guld.[1]

Anhang Band 2

[LXVII] Num. 55 (Rumpelstilzchen.) Eine andere Erzählung leitet so ein: die Frau geht vor einem Garten vorbei, worin schöne Kirschen hängen, bekommt ein Gelüsten, steigt ein und ißt davon; aber ein schwarzer Mann kommt aus der Erde und sie muß ihm für den Raub ihr Kind versprechen. Als es geboren ist, dringt er durch alle Wachen, die der Mann ausgestellt hat und will der Frau nur dann das Kind lassen, wenn sie seinen Namen weiß. Nun geht der Mann nach, sieht, wie er in eine Höhle steigt, die von allen Seiten mit Kochlöffeln behangen ist und hört wie er sich Fleder Flitz nennt. – Unser Märchen ist auch das französische Ricdinricdon in der Tour tenébreuse der Mlle L’heretier, wonach eine dänische gedruckte Bearbeitung: en smuk Historie om Rosanie … tjent ved Fandens Hielp for Spindepige. (Iris 1795. Juny. 244–46.) – Das Spinnen des Golds kann auch die schwere, kummervolle Arbeit Golddraht zu verfertigen andeuten, welche armen Jungfrauen überlassen blieb, so heißt es im altdän. Lied Kämpe Viser S. 165. V. 24.

Nu er min Sorg saa mangefold,
som Jongfruer, de spinde Guld.

Vgl. Wolfdieterich 89. und Iwein 6165. ff.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Ergänzt nach den Anmerkungen S. 388