Russischer Krieg. – Afrikanisches Friedens-Oel

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Autor: Heinrich Beta
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Titel: Russischer Krieg. – Afrikanisches Friedens-Oel
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 352–353
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Russischer Krieg. – Afrikanisches Friedens-Oel.

Wie der Krieg manche Lichter ausputzt, ist nicht schwer zu begreifen. Der Talg wird theuer und die Sache ist gemacht. Wie aber derselbe Krieg in Afrika das Oel des Friedens unter Sklaven gießt und sie zur Freiheit und Civilisation ruft, bedarf einer weiteren Beleuchtung, um diesen großen Prozeß in seiner ganzen Größe zu übersehen.

Rußland war der Talg-, Lichter- und Seifenlieferant für Europa, besonders für England, welches in den letzten sechs Jahren 7,654,908 Centner Talg aus russischen Häfen erhielt. Der Krieg hat diese Zufuhr abgeschnitten, so daß in England Licht und Seife bereits über das Doppelte gestiegen sind und die russischen Talg-Producenten in Gefahr kommen, in ihrem eigenen Fette zu ersticken. Die ungeheueren Massen Rinder und Ochsen, welche in den großen Steppen Südrußlands weiden, sind für ganze Gegenden, Städte und Häfen fast die einzige Lebensquelle, insofern sie den Talg davon verkaufen können. Aus dem großen Vorrathe in den Steppen werden regelmäßig Heerden eingefangen und in die Salgans oder Talgfactoreien zur Mast getrieben. Sind sie fett genug, werden sie hundertweise geschlachtet und, nachdem die gröbsten Knochen herausgehackt sind, in Stücken zerhauen und in ungeheuern Kesseln ausgekocht. Die Kessel sind so fabelhaft groß, daß 12, 15 – 20 Ochsen auf einmal darin ausgekocht werden können. Die verschiedenen Abrahmungen den Talgs geben verschiedene Qualitäten, die in Fässer gepackt und in den Häfen an große Exporteurs verkauft werden. Man denke sich die Folgen des Krieges, wenn Millionen Zentner Talg und unzählige Wispel Getreide nicht durch Ausfuhr verwerthet werden können! Die Folgen sind auch für Europa nicht erfreulich, aber das weiß sich schon mit Amerika und Afrika zu helfen. England ist so zu sagen über den Berg und hat vor Beginn des Krieges schon Talglichter machen gelernt, ohne einen Tropfen Talg oder sonst thierisches Fett dabei zu verwenden.

Die Stearinlichter und Palmölkerzen sind im Allgemeinen bekannt, doch werden hier einige chemisch-technische Bemerkungen nicht überflüssig sein, weil es dadurch klarer wird, wie der russische Krieg die Sklaven in Afrika befreit.

Bis vor wenigen Jahren wurden in der von den Vorvätern ererbten Weise Talglichter gegossen, für die Reicheren von Wachs und Walrath. M. Chevreul, der ausgezeichnete französische Chemiker, fing aber 1811 an zu fragen und zu untersuchen, ob die Flamme des Talglichtes die ganze Substanz verzehre und nicht vielleicht etwas darin sein könnte, was den Verbrennungsprozeß und die Leuchtkraft eher störe, als fördere. Nach dreijähriger Untersuchung entdeckte er zuerst eine chemische Substanz im Talge, die er „margarische Säure“ nannte, später die „ölichte Säure“ und 1814 die „stearische Säure“ oder Stearin. Alle diese drei Säuren verbrennen, aber eine vierte, mit der sie im Talge chemisch verbunden sind und die er Glycerin nannte, erwies sich als unverbrennlich. Einige Jahre nach diesen Entdeckungen schlug Gay Lussac dem Entdecker vor, eine industrielle Anstalt für Fabrikation von margarischen und stearischen Lichtern (aus Talg, welcher von dem unverbrennlichen Glycerin befreit war) zu gründen. Beide Chemiker gingen nun mit ihrem Patente an’s Werk, aber da Niemand zweien Herren dienen kann, machten die großen Männer der Wissenschaft an sich die Erfahrung, daß sie der Welt auf industriellem [353] Wege keine Lichter weiter aufgehen lassen könnten. Ihre Anstalt machte 1825 bankerott. Die Chemiker zogen sich in ihre Laboratorien zurück und die Industrie bemächtigte sich ihres rechtmäßigen Antheils an der großen Entdeckung. Die Herren Bonnet, Milly und Motard machten Lichter mit (nach Chevreul) verbessertem Talge; aber noch bedurfte es fünf Pfund Talg um zwei Pfund der neuen Lichtermasse zu gewinnen, so daß sie nur zu hohen Preisen verkauft werden konnten. Giebt’s keinen Ersatz für Talg? war nun die Frage an das Schicksal. O ja! Palmöl. Ein großes Wort. Die Könige der Pflanzenwelt sollten nicht mehr nutzlos in der Wüste stehen und Millionen schwarzer Sklaven und Barbaren sollte die Stunde der Erlösung schlagen. Und so erscholl das Wort Palmöl für Talg. Dr. Hempel, ein Deutscher in London, und Mr. Blundell nahmen ein Patent auf die vom Ersteren erfundenen Palmwachslichter und Mr. Blundell und Mr. Spence machten solche Lichter, nachdem sie den Erfinder – wie das so Regel ist – bei Seite geschoben. Aber die Lichter sahen dunkel aus und kamen deshalb nicht recht in die Mode. Inzwischen ließ sich Mr. Soames Cacaonußöllichter patentiren. Er verkaufte sein Patent an die Herren Wilson und Lancaster, die Begründer der größten neuen Lichterfabrik in Vauxhall. Ihre Lichter bedurften erst noch der Lichtputze, aber bald entdeckte man, daß eine bestimmte Quantität Cacaonußstearin gemischt mit Palmölstearin die prächtigste Lichtermasse gab, die keines Putzens bedarf und deren schönes Licht wir wohl alle kennen. Dabei konnte das Pfund für ein Schilling und später noch billiger verkauft werden.

Im Vauxhalltheile Londons arbeitet nun die größte Lichterfabrik der Welt, ohne einen Tropfen Talg zu brauchen, eine neue Lichtquelle für Europa, der Erlöser Afrika’s und zugleich ein pädagogisches und administratives Muster für alle großen Industrieanstalten, da alle die unzähligen, darin beschäftigten Knaben und Mädchen zugleich auf das Sorgfältigste auf Kosten der Anstalt erzogen und in musterhaften Schulen unterrichtet werden.

Doch gehen wir auf unserem Wege vom russischen Kriege zu den Lichtern und von ihnen zur Civilisirung Afrika’s weiter.

Die Anstalt in Vauxhall macht Lichter von Pflanzensäften. Das Cacaonußöl kommt hauptsächlich von der Insel Ceylon, wo die Gesellschaft über Tausend Acker Cacaonußwaldung gekauft hat, um der Zufuhr sicher zu sein. Jeder Baum giebt von seiner Reife an (im zehnten Jahr) etwa 100 Jahre lang jährlich 100 Nüsse. Das Oel befindet sich im Kerne, aus welchem es ausgepreßt, getrocknet und dann durch Steine zermalmt und kalt und heiß behandelt wird. Aus dem letzteren Prozesse gewinnt man das Cacaonußöl.

Palmöl kommt aus der Schale der Palmfrucht, etwa von der Größe eines Taubenei’s mit einer goldenen, weichen Hülle. Letztere wird zerquetscht und gekocht, wobei sich aber das Oel sammelt, welches nach Abkühlung fest wie Butter wird und eben so aussieht. Die schwarzen Bewohner Guinea’s an der Westseite Afrika’s bringen diese „Butter“ in verschiedenen Gefäßen nach der Küste in die englischen Factoreien und Lagerhäuser und tauschen dafür englische Industrieartikel ein. Oft bringt Einer kaum ein Pfund hundert Meilen weit her, um sich Zeug zu einem neuen Anzug dafür zu holen.

Beide Oele unterliegen chemischen und mechanischen Processen, ehe sie zusammen die Stearinmasse bilden, aus denen die Lichter geformt (nicht gegossen) werden.

Die Sache steht jetzt nun also so, daß schöne Lichter von solider Stearinsäure gemacht werden, welche besser brennen, als die von ungereinigtem Talge, und wohlfeiler als die von gereinigtem. Palmöl giebt den Hauptbestandtheil jetzt schon wohlfeiler, als Talg, und dieses Palmöl wird gerade in den Theilen Afrika’s gewonnen, wo bisher der Sklavenhandel in der scheußlichsten und ausgedehntesten Weise betrieben wird. Dies thun hauptsächlich die verschiedenen Negerkönige, weil sie sich auf eine andere Weise keine „Steuern“ verschaffen können. Fängt nun aber das Volk an, in größerem Maße Palmöl zu produciren, können sich Könige und Unterthanen Geld verschaffen, ohne Menschen einzufangen und zu verkaufen. Der „Unterthan“ bekommt jetzt als „Producent“ Werth, den er früher nicht hatte. Dies ist ein gewaltiger, weil praktischer Cultur- und Civilisationsprozeß.

Mr. Wilson, Director der großen Stearinlichtfabrik in Vauxhall machte in einem öffentlichen Vortrage auf diesen wichtigen Umstand besonders aufmerksam, und eine Commission des Unterhauses, welcher die Untersuchung desselben übertragen worden war, verschaffte sich eine große Menge hierher bezügliche Thatsachen, besonders von Mr. Hutton, dessen Haus seit mehr als vierzig Jahren mit Afrika handelt. Letzterer erzählte, daß man jetzt statt der Perlen, kleinen Spiegel und sonstigen Spielereien, womit man bisher das Palmöl eintauschte, mehr nützliche, civilisirende Artikel sende und er einmal an König Jaman von Alt-Calabar ein ganzes, transportables Haus im Werthe von 7000 Thaler gesandt und die Bezahlung dafür durchaus in Palmöl bekommen habe.

Capitain Forbes erzählt in seinem interessanten Buche „Dahomey und die Dahomeyaner“ (ein Reich an der Westküste, dessen König mit vielen Tausend Mann durchaus weiblicher Soldaten, welche zugleich seine Frauen sind, professionell vom Einfangen und Verkaufen der Gefangenen lebte), daß unzählige Massen von Bewohnern der Küste sich veranlaßt gefunden, den Sklavenhandel ganz aufzugeben, weil das Palmöl ein besseren, sichereres und anständigeres Brot bringe, daß die englischen Industrieartikel bei ihnen in hoher Gunst ständen und Tausende blos deshalb Palmöl machten, weil sie mit Sklaven solche Dinge nicht kaufen könnten. Wenigstens ein ganzes Drittel der ungeheuern Küste sei auf diese Weise bereits der Civilisation gewonnen. Alle Hauptverkehrsstraßen Central-Afrika’s, das Niger-Delta, die Benin’s, die Cameruner, die Calabaren haben sich bereits dem Gesetze der Civilisation unterworfen und sehen mit Ekel und Entrüstung auf den Sklavenhandel herab. Wir erinnern hierbei, daß die deutschen Entdeckungsreisenden Dr.. Barth, Dr.. Overweg, Dr.. Vogel (ein Leipziger) und der Engländer Richardson im Innern Afrika’s bereits die bedeutendsten Eroberungen für die Wissenschaft und zukünftigen civilisirenden Verkehr gemacht haben, ein anderer Deutscher die neueste Nigerexpedition mitmacht und die englische Regierung in Folge der wichtigen Entdeckungen Barth’s eben eine neue Expedition von der Westküste aus in’s Innere ausrüstet.

Nicht weniger als 20,000 Tonnengehalt von Schiffen sind allein von Liverpool aus mit dem Palmölimport beschäftigt. Von 1849 bis 1853 stieg die Palmöleinfuhr von 4,971,800 auf 6,632,560 Centner. Und bis dahin war noch nicht vom Kriege mit Rußland und doppelt und dreifach gestiegenen Talgpreisen die Rede. Der Einfluß des russischen Krieges auf den Frieden und die Civilisation Afrika’s wird nun durch das Interesse allmächtig. Die englisch-afrikanische Expedition hat gradehin den Zweck, eine gute Wasserverbindung mit den Theilen, wo der Palmölbaum am Reichlichsten und Vorzüglichsten wächst – am Zusammenflusse des Niger und Tsadda – die Dr. Barth für ein und denselben Fluß hält, ausfindig zu machen.

Diese Eroberungen Barth’s, Overweg’s, Vogel’s, Richardson’s in Verbindung mit der englischen Expedition und dem englischen und dem Licht-Interesse der Welt überhaupt werden wahrhafte Eroberungen sein und die glänzendsten Siege der Dundas’ und Napier’s überstrahlen.

So taugt aus dem Pulverdampfe der Ostsee und des schwarzen Meeres bedeutungsvoll der älteste Welttheil der Civilisation als ein neuer auf, Afrika, so lange eine leere, brennende Wüste im Weltmeere, eine Europa an Größe viermal übertreffende Welt voll bunten, glühenden, saftigen, lichtspendenden Lebens. Wo jetzt in unendlichen Wüsten und Oasen die Könige der Wildniß, die Palme und der Löwe, die Einsamkeit betrachten, wo die Schiffe der Sandmeere – die Kameele – und hochgethürmte Giraffen, Elephantenheerden und Sklavenkaravanen begegnen und das helläugige braune Tibbuh-Mädchen ängstlich sich und ihre Ziegen hütet, damit keine Räuberbande sie und ihren Reichthum wegfange, wo unabsehbare Oasen und strotzende Fluß- und Seeufer, fruchtbare Wälder und Wiesen vergebens in üppigsten Blüthen und Früchten strotzen und Tausend brauner und schwarzer Menschen neu- und wißbegierig um die ersten weißen Europäer herum sich drängen, um zu hören von einer fremden, schönen Welt, die ihnen so unendlichen Reichthum von Industrieschätzen für ihren Fleiß bietet – da wird es sich nun von allen Seiten, von Innen und Außen freudig regen, und freie, freudige Hände werden in immer wachsenden Schaaren aus goldenen Früchten das friedliche Licht pressen, das künftigen Lesern der Gartenlaube, am Feierabende im Kreise einer glücklichen Familie recht freundlich leuchten mag, ohne daß sie mitten in einem Satze nach der Lichtputze zu fragen brauchen.