Sage vom Schloß Windeck

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Autor: Unbekannt
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Titel: Sage vom Schloß Windeck
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 459–464
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Kurzbeschreibung:
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[459]
Sage vom Schloß Windeck.[1]

Der Graf Walther, Vogt von Weinheim, war ein reicher, hochgeehrter Mann. Am Marktplatze, der Kirche gerade gegenüber, lag sein stattliches Wohnhaus, freundlich von Außen, doch im Innern zehnmal freundlicher, denn sein fröhlicher Muth schien alle Wände zu beseelen. Ernst, pünktlich und unverdrossen trug der Graf die Sorge für die Stadt, keine Mühe war ihm zu viel, keine Arbeit zu schwer, wenn er nur Abends ein Stündchen erübrigte, das er ganz sein nennen und mit einem verständigen Manne verplaudern konnte, wobei denn das Kelchglas mit süßem Behagen öfters geleert zu werden pflegte. Aber außer der guten Laune des alten Herrn, außer dem perlenden Rebensafte, gab es im Hause noch eine weit köstlichere Würze: [460] des Grafen Tochter, Adelheid, schön und lieblich wie die erste Rose des Frühlings. Sie pflegte an ihres Vaters Seite zu sitzen, pflegte mitzureden im verständigen Gespräche, und der Gast, dem sie den Becher kredenzte, hatte wohl Mühe, das holde Fräulein wieder zu vergessen, denn ihre Liebenswürdigkeit fand ihres Gleichen in der weiten Runde nimmer.

Zu jener Zeit war die zerstörte Burg Windeck gegen Vertauschung wieder an das Kloster Lorsch zurückgefallen. Der Abt Heinrich, um sich hier einen kräftigen Schirmvogt niederzusetzen, ließ sie wieder aufbauen, schöner und fester als zuvor. Die Oberaufsicht dieses Werkes leitete der Dombaumeister Pilgram von Worms, ein sehr erfahrener Meister, der demnach in dieser Angelegenheit häufig nach Weinheim kam, wo er seine Abendstunden gewöhnlich bei dem Grafen Walther zubrachte. Pilgram war ein seltener Mann, schlicht und einfach in seinem Benehmen, aber geistreich und voll gründlichen Wissens. Durch eine lange Reihe von Jahren hatten viele widrige Schicksale seinen Nacken gebeugt; unter seinen grauen, buschigen Augenbrauen wohnte ein tiefer, ernster, wehmüthiger Blick, der die Schattenseite des Lebens gesehen hatte, jedoch sich alsbald freundlich verklärte, wenn er sich Jemanden näherte und die milde Rede leicht von seinen Lippen floß. Er hatte in Ungarn sich ein Weib genommen, glückliche Jahre verlebt, den Wechsel des Schicksals mit ihr geduldig ertragen und sie viel zu früh verloren. An dem Ufer der Themse war es, wo er unter einer schattigen Eiche ihren Grabeshügel wölbte. Sie hatte ihm einen Sohn geboren, der jetzt, zum Jünglinge herangereift, des Vaters Trost und Freude war. Er widmete sich ebenfalls der Baukunst und arbeitete oben an der Wiederherstellung der Burg Windeck mit.

Der Graf Walther hielt in einem Schrein einen silbernen Becher verschlossen, auf dem die Sonne, zwei Säulen und allerlei Maurergeräthe abgebildet waren. Wenn Meister Pilgram seinen Abend bei dem Grafen zubrachte, tranken Beide aus demselben Becher, nannten sich Brüder und führten viel geheimnißvolle Reden. Zuweilen war auch Albrecht, Pilgrams Sohn, in der Gesellschaft, da kam jener Becher aber nicht auf den Tisch und das Gespräch auf keine geheimen Gegenstände.

[461] Albrecht war ein schöner Jüngling von stattlichem Wuchs und blühendem Antlitz. Um seinen Nacken spielten dunkle Locken, die braunen Augen blitzten helle Funken und um die milden Züge seines Mundes begann ein weicher Bart hervorzusprossen. Gebildet durch den Umgang seines Vaters, war er gewandt im Reden, scherzte gern und fühlte sich im Innersten beglückt, wenn er bei Tische, dem Grafen und dem Vater gegenüber, an der Seite des lieblichen Fräuleins saß. So war ihm manch wonniger Abend dahingeflogen; kein Wunder, wenn in dem Busen des Jünglings Ahnungen dämmerten und Träume von der höchsten Erdenseligkeit.

Einst saß das Fräulein Adelheid im Garten in einer blühenden Hollunderlaube, wo die Bergstraße vorüberzog und das Auge frei hinüberschaute nach der Burg, die bereits hochgethürmt auf der Spitze des Berges stand. Der Tag neigte sich zu Ende, fern über dem Rheine sank die Sonne hinter das blaue Gebirge und im sanften Rosenschimmer des Himmels weideten tausend luftige Lämmer.

Ein Geräusch weckte das Fräulein aus den sehnenden Träumen, in die sie der liebliche Abend gewiegt hatte; sie blickte um sich und Albrecht trat in die Laube mit ehrfurchtsvollem Gruße. „Fräulein,“ – sprach er – „mich führt ein Gesuch zu Euch, das Ihr mir nicht abschlagen dürft, weil Euch die Gewährung wenig kostet und mich unendlich glücklich machen wird. Morgen halte ich den Bauspruch droben auf der Burg. Ein bunter Kranz soll mir das Fest verschönen, und an dem Kranze soll ein Band, von Euch geschenkt, als höchstes Kleinod prangen; nicht wahr, Ihr schenkt mir ein solches Band?

Des Jünglings Wangen strahlten hohe Röthe, als er dieß sprach, das Fräulein aber nahm ohne Ziererei ein blaues Band aus ihren Lockenflechten und gab es ihm holdlächelnd mit den Worten: „Ist das gut genug?“ Voll Entzücken erhaschte Albrecht gleich mit dem Geschenk auch die Hand Adelheids und preßte sie voll Inbrunst an die Lippen, worauf er ohne Worte davon eilte.

Noch lange saß das Fräulein in der Laube tief beklommen und ohne zu wissen, was ihr den Busen so bewegte; tausend Gedanken durchkreuzten ihre Stirne, tausend Bilder umgaukelten [462] ihre Seele, doch im Hintergrunde stand immer das Bild Albrechts mit seinem wonneverklärten Blicke. Das Fräulein freute sich auf den kommenden Festtag, sie konnte fast die ganze Nacht nicht ruhen vor Erwartung, sich aber auch unerklärlicher Weise einer bangen Ahnung nicht erwehren, die wie eine finstere Wolke durch den Himmel ihrer Seele glitt.

Der Morgen kam, es wurde Nachmittag, doch die Sonne wollte sich nicht blicken lassen und blieb in einem trüben Schleier verhüllt, während ein rauher Wind durch das Thal strich. Dessenungeachtet sammelten sich eine Menge Gäste und Zuschauer zu dem festlichen Schauspiel; auch der Graf Walther fand sich ein, und an seiner Seite schritt in stattlichem Putze die schöne Adelheid. Heller Jubel erfüllte die Mauern der Burg, heller Jubel wiederhallte draußen unter dem versammelten Volke. Da schien selbst der Himmel freundlicher zu werden, die Wolken theilten sich und ein heiterer Sonnenblick überstrahlte die ganze lachende Landschaft. Jetzt trat Albrecht, schön geziert mit festlichem Gewande, auf die hohe Zinne der neuverjüngten Burg. Neben ihm, an einem dort aufgepflanzten grünen Lerchenstamme, hing der Kranz, mit Adelheids daran flatterndem Bande. Kühn und frei um sich blickend stand Albrecht auf dem erhabenen Mauergipfel, der Lärm des Volkes verstummte, Alles lauschte nur dem Bauspruche und der Jüngling begann:

„Wir haben fest auf Gott vertraut
     Und diese Mauern aufgebaut;
Gott schützte Alle die da waren,
     Kein Unglück ist uns widerfahren.

„Drum blickt mit dankerfülltem Sinn
     Zum treuen Himmelsvater hin,
Das Herz zu ihm emporgehoben,
     Laßt uns sein göttlich Walten loben!“

Hier ward ihm ein Becher voll Wein gereicht; hoch schwang er ihn empor und sprach fort:

[463]

„Jetzund auch auf des Burghern Wohl
     Schenkt’ mir der Knab’ den Becher voll:
Nie soll die Burg vor’m Feinde beben;
     Der edle Herr soll friedlich leben!“

Er leerte den Becher und schleuderte ihn weit hinaus unter das Volk, das ihn mit donnerndem Jubelrufen auffing. Ein zweiter Pokal ward ihm nun dargereicht, worauf er fortfuhr;

„Dem Meister, so den Plan entwarf,
     Den Riß gezogen fein und scharf,
Die Bogen wölbte und die Hallen,
     Ihm soll das zweite Hoch erschallen!“

Er leerte den Becher; der Volksjubel wiederholte sich, er aber redete weiter:

„Zum Dritten ist der Becher voll;
     Den leer ich auf der Herrin Wohl,
Um die ich ringen will und werben,
     Für die ich leben will und sterben.

„Und wenn sie mich nicht minnen will,
     So duld’ und leid’ ich ewig still;
Hoch stehen auch des Himmels Sterne,
     Doch labt ihr Blick in weiter Ferne.“

Plötzlich riß der Wind das blaue Band, Adelheids Geschenk, vom Kranze; der Jüngling will es noch erhaschen, aber zu weit sich vorbeugend, stürzt er herab von der schwindelnden Höhe. Entsetzen betäubt die Zuschauer, zerschmettert liegt der Jüngling unten auf den Felsenplatten, Adelheid, gleich einer starren Leiche, in den Armen ihres Vaters. Unbeschreiblich jammervoll war der Zustand des alten Baumeisters Pilgram, der nun das letzte Glück seines Lebens vernichtet sah; sein namenloser Schmerz ließ ihm keine lindernde Thräne. Unter den allgemeinen Wehklagen der Menge verklang das Fest.

Albrecht ward an der Stelle begraben, wo er den Tod gefunden. Ueber seiner Gruft baute sich Pilgram eine Hütte, [464] worin er den Rest seiner Tage in frommer Betrachtung und stiller Trauer verbrachte. Von Zeit zu Zeit besuchte ihn dort die nun allen Lebensfreuden erstorbene Adelheid, netzte seine weißen Locken mit ihren Thränen und schmückte das Grabmal des geliebten Jünglings mit vielen Blumen, deren sorgsame Wege jetzt noch ihr einziger Trost war. –

Die Zeit ist alt geworden, Epheu rankt sich längst um die Reste der Burg, auf jener Stelle ruht aber noch immer eine heilige Weihe und der Freund der Natur findet dort schöne seltene Pflanzen, wie deren gleichen der ganze Umkreis des Gebirges ihm keine mehr bietet.

(Ohne Namen des Verfassers mitgetheilt im Mannheimer Stadt- und Landboten Jahrg. 1831, S. Nr. 78 und 79.)

  1. Der Name der Stadt Weinheim, ursprünglich Winenheim, wie auch der der Burg Windeck (Win-deck, eine Decke des Weins), soll daher rühren, daß im Innern des Berges eine große Menge von Wein verschlossen ist. In den Rhein. Provinzialblättern, Jahrg. 1838, März- und Aprilheft, wird diese von Chamisso so schön bearbeitete Sage etwas verändert und ziemlich breitgetreten erzählt; dem ungenannten Verfasser schwebte gewiß Al. Schreibers Sage von Neu-Windeck „die todte Braut“ (s. den Sagencyklus von Bühl und Umgegend) vor, während Chamisso’s Sage eine Variante der Sage von Aug. Stöbers „Kellermeister auf Arnsburg“ ist. (S. Stöbers „Elsässisches Sagenbuch,“ S. 384).
    Dem Volksglauben nach geht auch auf Windeck ein Koch oder Kellermeister herum, vorzüglich am Gründonnerstage. „Da wird man geworfen oder sonst geneckt.“ Zum Belege dieser Sage wird erzählt, ein Pfälzischer Kammerherr sei auf diesen Tag einmal mit großen Schmerzen an den Füßen von da zurückgekommen. (Grimm, Vorzeit und Gegenwart an der Bergstraße etc. S. 168.)
    (Siehe J. Baaders Sagen der Pfalz, der Bergstraße und des Odenwaldes etc. S. 318.)