Schneeglöckchen und Schneeflöckchen

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Autor: Lina
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Titel: Schneeglöckchen und Schneeflöckchen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 145–146
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[145]
Die Gartenlaube (1856) b 145.jpg

Schneeglöckchen und Schneeflöckchen.


Schneeglöckchen steht im Wasserglas,
Es hängt das Köpfchen müde,
Hat längst satt vom lauen Naß,
Hoch, läutet es zum Liede: –

„Ich habe mich durch Frost und Schnee
Gar mühsam durchgewunden!
Ich habe werder Ach noch Weh
Noch Herzensqual empfunden.
Zum Winterhimmel habe ich
Das Haupt emporgehoben,
Und wollt´ den Himmel hoch und blau
Mit keuschen Lippen loben.
Nun hat man mich als Stubenzier
Geknickt und dann gebrochen,
Bewundert und beäugelt schier,
Gepflückt, befühlt, berochen. –
Zu warm ist mir’s am Fenster hier,
Verdirbt mir Duft und Farbe schier,
Ich muss in Wasserfluthen
Verschmachten und verbluten!“ –

Da kräuselt sich und wirbelt sich
Der Schnee in tausend Flocken
Und an den Scheiben draußen schwirrt’s,

Und d’rinnen tönt’s wie Glocken.
Es treibt der Schnee die Flocken weiß,
Die pochen an das Fenster leis’
Und drehen sich im Kreise
Und flirren flüsternd hin und her
Ganz sacht nach Flocken Weise:

„Du wurdest von der Mutterbrust
Ach, schon so früh getrieben,
Du fandest nach so kurzer Lust
Den Tod statt treuen Lieben.
Wir aber sind vom Himmelssaum
Verlassen und verstoßen –
Uns giebt nich Erd’ noch Himmel Raum!
Wir sind die Heimatlohsen!!
Wir haben weder Zweck noch Ziel,
Rauh treibt mit uns der Wind sein Spiel!“

Da öffnet sich das Fenster leis’ –
Ein Kopf mit blonden Locken
Und eine Hand, so duftig weiß
Wie Schnee und Blumenflocken,
Schau’n in die kühle Luft hinaus
Und weh – es sinkt hernieder.

[146]

Der halbgewelkte Blumenstrauß –
Das Fenster schließt sich wieder. –
Da kommen denn Schneeflöckchen all’,
Schneeglöckchen zu bestatten
Und breiten sich in sanftem Fall
So lustig, leis’ wie Schatten
Auf ihrer Schwesterblume Grab –
Und hinter hellen Scheiben
Schaut froh ein lockig Kind herab,
Belacht das Flockentreiben. –
Noch ahnt es nicht, noch weiß es nicht
Von Welken und Verbluten –
Daß bald vielleicht sein Herz auch bricht
An Schicksals-Schnee und -Gluten.

Lina.