Schutzschrift für den Aufsatz „die gedungenen Gelehrten“

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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Schutzschrift für den Aufsatz „die gedungenen Gelehrten“
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Viertes Bändchen, Seite 483–497
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Ἀπολογία
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[483]
Schutzschrift
für den
Aufsatz: „die gedungenen Gelehrten.“
An meinen Freund Sabinus.

1. „Was mag wohl mein lieber Freund Sabinus zu den gedungenen Gelehrten gesagt haben?“ Diese Frage macht mir in der That seit lange her nicht wenig zu schaffen, mein Bester! Daß sie dich hie und da lachen machten, je nun – das habe ich nie bezweifelt. Weil aber, seitdem ich jenen Aufsatz geschrieben, mit meiner Lage eine Veränderung vorgegangen ist,[1] und ich mir vorstellen kann, [484] wie du über diesen meinen Schritt in Vergleichung mit meinen damaligen Aeußerungen urtheilen wirst, so will ich mich bemühen, dir zu zeigen, wie leicht das Eine mit dem Andern zu vereinbaren ist. Entweder bin ich ein gar zu schlechter Prophet, oder ich höre dich sagen: „Wie? in aller Welt! der Mann, der Das geschrieben, der so scharf gegen jene Lebensart losgezogen, vergißt auf einmal alle seine Grundsätze, ist wie ein umgewendeter Handschuh, und wirft sich von freien Stücken in die offenbarste, augenscheinlichste Knechtschaft? Wie vieler Midas- und Crösus-Schätze, wie vieler goldströmender Pactóle[2] mochte es bedurft haben, um ihn dahin zu bringen, die ihm sonst so theuer gewesene Unabhängigkeit, in welcher er seit seinen Kinderjahren gelebt hatte, aufzuopfern, und in einem Alter, wo er fast mit Einem Fuße schon in Charon’s Nachen steht, sich hinzuliefern, um sich an einem goldenen Halsbande, wie die Aeffchen und Eichhörnchen reicher Müßiggänger, hin und her zerren zu lassen? Welch ein Widerspruch zwischen jener Schrift und diesem Entschlusse? Heißt das nicht sich zum Schlechtern bekehren, und was einst gut und vernünftig gesagt war, durch die That widerrufen?“[3]

[485] 2. So ungefähr magst du zu dir selbst gesprochen haben; und es steht von deiner Freundschaft zu erwarten, daß du gesonnen bist, diese deine Gedanken auch mir in Gestalt einer zweckmäßigen Zurechtweisung beizubringen, wie sie sich von einem braven Mann und Philosophen, wie du bist, nicht anders vermuthen läßt. Ich will nun Dieß, an deiner Statt, selbst thun; und wenn es mir gelingen, wenn ich deine Rolle deiner nicht unwürdig spielen sollte, so soll Hermes Logios[4] sein Opfer haben: wo nicht, so magst du selbst das Mangelhafte ergänzen. – So wandle sich denn also die Scene: du bist der Sprechende, ich der Schweigende; willig unterwerfe ich mich Allem, was du, als mein Arzt, zu meiner Rettung vorzunehmen für nöthig hältst; schneide, brenne, lege die äzendsten Mittel auf meinen Schaden: ich werde stille halten. Du ergreifst also das Wort, mein lieber Sabinus, und sprichst folgendermaßen:

3. „Es war eine Zeit, Freund Lucian, wo jene Schrift sowohl in den zahlreichen Versammlungen, denen du dieselbe vorlasest (wie ich von Ohrenzeugen weiß), als auch bei solchen Gelehrten den verdienten Beifall fand, welche dieselbe eines besondern und aufmerksamern Studiums würdigten. Man lobte an ihr die unterhaltende Mannigfaltigkeit ihres Inhalts und das Wohlgewählte und Gefällige des Ausdrucks, so wie die Sachkenntniß und Aufrichtigkeit, womit du deinen [486] Gegenstand behandelt hast. Für ihren wesentlichsten Vorzug aber galt der Nutzen, den sie für jeden Leser, besonders aber für Gelehrte haben kann, indem sie vor der Gefahr sicher stellt, sich aus Unkunde der wahren Verhältnisse in eine sclavische Lage zu begeben. Allein da du nun selbst andern Sinnes geworden, und dem Genius der Freiheit auf immer, wie es scheint, den Abschied gegeben hast, nach dem heillosesten aller Sprüche dich richtend:

Der Freie auch sey Sclave, wo Gewinn ihm winkt,[5]

so hüte dich wohl, irgend Jemand, dem deine jetzige Lebensweise bekannt ist, deine Schrift vorzulesen: bitte vielmehr den unterirdischen Merkur, daß er auch Die, so sie schon früher gehört, mit Wasser aus dem Quell der Vergessenheit reichlich beträufeln möge; denn sonst dürfte man sagen, du hättest ein ähnliches Schicksal wie Bellerophon[6] gehabt, und dein eigenes Verdammungsurtheil geschrieben. In der That, ich sehe nicht, wie du dich auch nur scheinbar gegen deine Ankläger rechtfertigen mögest, am wenigsten, wenn sie ihre Anklage in Ironie kleiden, und deine Schrift, und den Geist der Freiheit, den sie athmet, loben, während sie den Verfasser im Joche der Knechtschaft, das er sich freiwillig aufgeladen, schmachten sehen.“

4. „Man könnte ihnen so sehr Unrecht nicht geben, wenn sie sagten, entweder sey das Buch nicht von dir, sondern von irgend einem freisinnigen, braven Manne, und du seyest [487] nur die Krähe, die sich mit fremden Federn brüste; oder, wenn es wirklich dein Werk sey, so habest du dieselbe Erfahrung, wie einst Saläthus, gemacht. Dieser Mann hatte nämlich den Crotoniaten ein äußerst strenges Strafgesetz gegen den Ehebruch gegeben, und sich dadurch sehr großen Beifall erworben, als er kurz darauf selbst bei der Gattin seines Bruders betroffen wurde. „Da haben wir ja den klaren baaren Saläthus!“ rufen deine Gegner; nur mit dem Unterschied, daß Jener um Vieles entschuldbarer ist, als du, indem er, wie er auch in seiner Vertheidigungsrede sagte, von Liebe unwiderstehlich hingerissen worden war, und, so gerne seine Crotoniaten aus Mitleiden ihn entkommen lassen wollten, dennoch freiwillig und großmüthig sich in die Flammen warf. Hingegen, was du thatest, erscheint um ein gut Theil thörichter: du hattest in jenem Aufsatze das Knechtische in der Stellung eines gelehrten Hausfreundes recht angelegentlich und nach seinen einzelnen Zügen dargethan, und hattest so scharf auf Diejenigen losgezogen, welche, wenn sie einmal in das Haus eines Reichen gerathen sind, und sich selbst zu Gefangenen gemacht haben, tausend unerträgliche Dinge sich gefallen lassen müssen. Und nun, im hohen Alter, und fast an der Schwelle des Lebens, begiebst du dich selbst in eine so unedle Dienstbarkeit; und es fehlt wenig, daß du sogar groß damit thust. Und je mehr du in deiner jetzigen Lage in die Augen fällst, desto lächerlicher sagen sie, machst du dich selbst, da der Widerspruch zwischen deiner Schrift und deiner Handlungsweise nur um so greller hervortritt.“

5. „Doch wozu weitere Klagegründe wider dich aufsuchen? [488] Ist doch Alles schon in jener bekannten Stelle einer vortrefflichen Tragödie enthalten:

Weg mit dem Weisen, der sich selbst nicht weise ist![7]

Uebrigens werden deine Gegner auch sonst um Vergleichungen nicht verlegen seyn, womit sie die schlimme Sache der Rolle, die du spielst, in’s Licht stellen werden. Die Einen vergleichen dich mit einem tragischen Schauspieler, der auf der Bühne ein Agamemnon, Creon oder gar ein Herkules ist, sobald er aber die Maske abgelegt hat, wieder der Polus oder Aristodémus wird, der er zuvor war, ein bloßer taglöhnender Comödiant, der sich auspfeifen, und bisweilen, wenn die Zuschauer es haben wollen, noch dazu peitschen lassen muß.[8] Andere werden sagen, es wäre dir gegangen, wie dem Affen der weiland hochberühmten Cleopatra. Dieser hatte, wie man erzählt, das Tanzen gelernt, und tanzte wirklich zu allgemeiner Bewunderung recht artig, mit vielem Anstande und mit richtiger Beobachtung des Charakters, indem er die Flötenmusik und den Gesang des Hymenäus mit seinen kunstvollen Bewegungen begleitete: kaum aber war er etlicher Feigen oder Mandeln, die in einiger Entfernung lagen, ansichtig geworden, gute Nacht Flöten, Takt und Tanzschritt: der Affe riß die Maske in Fetzen herunter, und fiel über die Mandeln und Feigen her.“

[489] 6. Eben so, werden sie sagen, hast du (der doch sonst nicht etwa blos Darsteller, sondern sogar Dichter eines schönen Stücks war, und Andern so weise Lehren zu geben wußte) an einer Feige, die man dir zeigte, dich verrathen, daß du Nichts weiter als ein Affe bist, daß deine Weisheit blos auf der Zunge sitzt, und

daß du ein Andres im Herzen verbirgst, und ein Anderes redest.[9]

Und nicht mit Unrecht hieße es, all das Schöne, das du sagtest, und wofür du so gerne dich loben hörtest, hätte nur die Lippen dir genetzt, und den Gaumen dir trocken gelassen.“[10]

„So folgte dir denn die Strafe auf dem Fuße nach dafür, daß du armen Gesellen, die jenen Schritt in der Noth thaten, so übermüthig und unbarmherzig mitspieltest. Darum mußtest du bald darauf deine eigene Freiheit recht förmlich, fast wie mittelst öffentlichen Ausrufs, abschwören. Ist es doch, als ob Adrastéa damals, als du so lauten Beifall wegen deiner Schmähungen gegen Andere erntetest, lachend hinter deinem Rücken gestanden, und, als Göttin in die Zukunft schauend, dich in deiner jetzigen so verwandelten Lage erblickt hätte; denn weil du, ohne dich der Unbeständigkeit der menschlichen Dinge zu erinnern, über Leute loszogest, die von mancherlei ungünstigen Umständen genöthigt worden waren, zu einer solchen Dienstbarkeit sich zu bequemen, so ward es über dich verhängt, dasselbe Schicksal zu haben.“

[490] 7. „Wenn Jemand in einer Rede darthäte, Aeschines sey, nachdem er den Timarch gewisser Schändlichkeiten wegen öffentlich angeklagt hatte, späterhin selbst über Begebung ebenderselben Verbrechen betroffen worden, wie lächerlich, meinst du, würden es die Zuhörer finden, daß eben Der, welcher den Timarch wegen seiner Jugendsünden belangte, dieselben heillosen Streiche als ein alter Mann sich zu Schulden kommen ließ? Kurz und gut, du bist gerade wie jener Apotheker, der ein Mittel wider den Husten anpries, und versicherte, es helfe augenblicklich, aber, während er so sprach, vor lauter Husten Convulsionen bekam.“

8. Dieses, mein lieber Sabinus, und noch manches Andere dieser Art könnte etwa ein Ankläger, wie du, über einen so reichhaltigen Gegenstand wider mich vorbringen. Schon sinne ich hin und her, welchen Weg ich zu meiner Vertheidigung einschlagen soll. Freilich käme ich am kürzesten weg, wenn ich, anstatt mein Unrecht zu läugnen, recht demüthig meinen Rücken der Strafe darböte, und blos zu der Alltags-Entschuldigung meine Zuflucht nehmen wollte, das Geschick, das Verhängniß, mein Stern, hätte es so gefügt; da könnte ich denn von meinen Tadlern Nachsicht erbitten, da sie ja so gut wüßten, als ich, daß wir Sterbliche keines Dinges Herren, sondern in Allem der Willkühr eines mächtigern Wesens, des Geschickes, oder wie man’s heißen mag, unterworfen, also an Allem, was wir reden und thun, weil wir keinen freien Willen haben, unschuldig sind. Aber eine solche Ausrede wäre wohl zu gemein und abgedroschen; und auch du würdest, bei aller Freundschaft, es unerträglich finden, [491] wenn ich jene Stelle Homer’s zu meiner Vertheidigung vorschützen wollte:

– dem Verhängniß entrann wohl nie der Sterblichen Einer;[11]

oder:

– – – – – – – – – so hat es das Schicksal,
Als mich die Mutter gebar, in den werdenden Faden gesponnen.[12]

9. Ich verzichte also auf eine Ausrede, die man mir doch nicht gelten ließe. Wenn ich nun aber versichern wollte, daß es weder Geld noch irgend eine reizende Aussicht war, wodurch ich mich anködern ließ, sondern daß lediglich die Bewunderung des Verstandes und des edeln großsinnigen Charakters dieses Mannes[13] den Wunsch in mir rege machte, Antheil an der öffentlichen Thätigkeit eines solchen Mannes zu haben; so fürchte ich, zu der bereits wider mich angestellten Klage noch die Anschuldigung der Schmeichelei mir zuzuziehen und als ein Mensch zu erscheinen, der, wie das Sprüchwort sagt, einen Keil mit dem andern austreiben, d. h. von einem geringern Vorwurf sich mittelst eines größern reinigen will, insofern die Schmeichelei unter allen Untugenden den meisten Sclavensinn verräth, und eben darum für die häßlichste gilt.

10. Was bliebe mir also, wenn ich weder Dieses noch Jenes sagen will, noch übrig, als gerade heraus zu bekennen, [492] daß ich nichts Tüchtiges zu meiner Vertheidigung anzuführen wisse? Allenfalls hälte ich noch einen Nothanker im Rückhalt; ich könnte nämlich über mein Alter, meine Kränklichkeit, so wie über die Mittellosigkeit Klagen führen, welche Einen, nur um ihrer los zu werden, zu dem Aeußersten treiben kann. Da wäre es wohl nicht uneben, des Euripides Medéa auftreten, und mit einer kleinen Veränderung folgende Stelle zu meinen Gunsten recitiren zu lassen:

Ich weiß, wie Schlimmes ich zu thun entschlossen bin;
Doch Armuth hat in mir den bessern Sinn besiegt.[14]

Denn die Stelle des Theognis fällt hier Jedem auch ohne mein Erinnern ein, wo er, um der Armuth zu entgehen, nöthigenfalls sogar von hohen Felsen in des Meeres tiefste Tiefen sich zu stürzen räth.

11. Das wäre also so ziemlich Alles, was Einer in einem Falle, wie der meinige, zu seiner Vertheidigung vorbringen könnte: allein ich kann nicht bergen, daß keiner dieser Punkte mir gut genug aussieht, um mich auf ihn verlassen zu wollen. Du hast also nicht zu besorgen, mein Bester, daß ich von irgend einem derselben im Ernste Gebrauch machen werde. Ein altes Sprüchwort zu Argos sagt: „bewahre uns der Himmel vor einem solchen Hunger, daß wir unsere Cyllarabis[15] ansäen müßten!“ Eben so bin auch ich noch nicht so arm an tüchtigen Rechtfertigungsgründen, daß ich in der Verzweiflung Ausflüchte, wie Jene, suchen müßte. Ich [493] gebe dir also nur das Einzige zu bedenken, daß es ein himmelweiter Unterschied ist, ob sich Einer in das Haus irgend eines Reichen verdingt, um Knechtsdienste zu thun, und sich Alles gefallen zu lassen, was mein Büchlein des Nähern besagt; oder ob Einer im Staatsdienste stehend an den öffentlichen Geschäften nach Vermögen Antheil nimmt, und dafür vom Kaiser seinen Gehalt empfängt. Betrachte diese beide Verhältnisse, jedes für sich, etwas genauer, und du wirst finden, daß sie, wie die Musiker sprechen, um zwei ganze Octaven aus einander liegen, und daß sie sich nicht ähnlicher sehen, als das Blei dem Silber, das Erz dem Golde, die Anemone der Rose, und der Affe dem Menschen. Eine Unterordnung unter einen Höhern um einen bestimmten Sold findet allerdings auch hier Statt, wie dort; allein das Dienstverhältniß selbst ist ein ganz anderes. Dort ist es die erklärteste Knechtschaft: Die, welche sich auf jene Bedingungen eingelassen haben, unterscheiden sich nur sehr wenig von den hausgebornen oder angekauften Sclaven; während Männern meiner Klasse die wichtigsten Staatsangelegenheiten durch die Hände gehen, wodurch sie in den Stand gesetzt sind, ganzen Städten und Provinzen sich nützlich zu machen. Wie unbillig wäre es also, bloß deßwegen, weil wir besoldet sind, verächtlich von uns zu sprechen, und uns in die Classe jener Erstern herabzuziehen, um die Diesen geltende Anklage auch auf uns auszudehnen? Wollte man Das, so müßte man überhaupt alle kaiserlichen Bedienungen verwerfen: und die Präfekten ganzer Provinzen, die Oberbeamten in den Städten, die Befehlshaber von Legionen und ganzen Armeen, würden gleichfalls sehr übel daran gethan haben, solche Stellen anzunehmen, [494] da ja mit jeder derselben ein Gehalt verbunden ist. Man muß aber, dächte ich, nicht um Eines Punktes willen ein Verdammungsurtheil über das Ganze aussprechen, noch Alle, die einen bestimmten Sold empfangen, blos deßwegen in Eine Reihe stellen.

12. Auch habe ich in meiner Schrift nicht gesagt, daß überhaupt Alle, welche um Gehalt dienen, ein elendes Leben führen; sondern ich habe blos das Loos Derjenigen als kläglich dargestellt, welche in Privathäusern unter dem Titel gelehrter Hausfreunde wie bloße Sclaven behandelt werden. Der Fall hingegen, in welchem ich mich befinde, mein lieber Freund, ist ganz und gar ein anderer. Meine häusliche Lage ist dieselbe geblieben, welche sie früher war: als öffentliche Person aber stelle ich ein Glied der höchsten Behörde von Aegypten vor: und wirklich ist kein geringer Antheil an der Verwaltung dieser Provinz mir anvertraut. Du wirst dich davon selbst überzeugen, wenn ich dir sage, daß meines Amts ist, die Prozesse einzuleiten, für die ordentliche Aufeinanderfolge der gerichtlichen Verhandlungen zu wachen, über Alles, was verhandelt und verfügt wird, Protokolle zu besorgen, die gerichtlichen Reden der Sachwalter zu beaufsichtigen, die kaiserlichen Entscheidungen und Befehle in den deutlichsten, getreuesten, auf’s Gewissenhafteste beglaubigten Abschriften im öffentlichen Archive auf ewige Zeiten zu hinterlegen. Der Gehalt, welchen ich nicht etwa von einem Privatmanne, sondern aus der kaiserlichen Kasse beziehe, ist nichts weniger als unbedeutend, sondern im Gegentheil sehr reichlich. Außerdem ist mir die Aussicht eröffnet, in der Folge, wenn Alles [495] geht, wie es soll, die Präfektur einer ganzen Provinz, oder eine andere hohe kaiserliche Bedienung zu erhalten.

13. Ich will mich nun aber des mir zustehenden Rechtes, mit aller Freimüthigkeit mich zu vertheidigen und der mir zur Last gelegten Beschuldigung zu begegnen, in vollem Umfange und mehr noch, als ich wirklich nöthig hätte, bedienen, und stelle also die Behauptung auf: es gibt überhaupt keinen Menschen, der nicht in irgend einem Solde stünde. Nicht einmal Diejenigen, welche die höchsten Stellen einnehmen, kannst du davon ausnehmen: denn auch der Kaiser ist nicht ohne seinen Lohn. Ohne hier der Steuern und Abgaben erwähnen zu wollen, die ihm jährlich von seinen Unterthanen eingehen, so findet ja ein großer Herrscher seinen schönsten Lohn in dem Lob, in dem allgemeinen Ruhm und der unbegränzten Verehrung, welche ihm von seinen beglückten Unterthanen gezollt wird; die Ehrensäulen, die Altäre, die Tempel, welche ihm das dankbare Volk weiht, sind sie nicht eine Belohnung für die aufmerksame Fürsorge, womit er das allgemeine Wohl zu befördern, und das Bessere zu verbreiten bemüht ist? Um nun Kleines mit Großem zu vergleichen, so steige von der höchsten Spitze des Haufens bis zu dem kleinsten seiner Bestandtheile herab, und du wirst bei näherer Betrachtung finden, daß wir nur in Größe und Kleinheit von den Höchsten verschieden sind, übrigens Alle, Hohe und Niedere (Jeder in seiner Art) um Lohn dienen.

14. Hätte ich also in meiner Schrift den Satz geltend gemacht: Niemand soll irgend ein Geschäft treiben; so könnte man mit Recht sagen, ich wäre meinem eigenen Verbote verfallen. Weil aber im ganzen Büchlein nichts dergleichen [496] geschrieben steht, und im Gegentheil jedes braven Manne Pflicht ist, thätig zu seyn; wie könnte man seine Kräfte zweckmäßiger verwenden, als wenn man in Gemeinschaft befreundeter Männer für das allgemeine Beste arbeitet, und seine Treue, seinen Eifer, seine Liebe zum anvertrauten Berufe vor aller Welt bethätigt, um nicht eine träge Masse zu seyn, die, wie Homer sagt,

– – nutzlos die Erde belastet – ?[16]

15. Endlich muß ich meine Tadler erinnern, vor allen Dingen zu bedenken, daß sie es nicht mit einem Manne zu thun haben, der sich für einen Weisen ausgibt (ob es einen wirklichen gibt, laß ich dahin gestellt seyn), sondern mit einem Manne von ganz gewöhnlichem Schlage, der sich ein wenig im Reden und Schriftstellern versucht und damit ein bescheiden Theil von Beifall davon getragen, im Uebrigen zu der hohen Tugendübung unserer philosophischen Koryphäen sich in seinem Leben nicht emporgeschwungen hat – ein Umstand, der mir um so weniger Kummer macht, als ich überhaupt noch Keinen getroffen habe, der Das, was der Name Weiser verspricht, vollständig geleistet hätte. Besonders aber sollte es mich an dir wundern, mein Sabinus, wenn du mir wegen meiner jetzigen Lage Vorwürfe machen wolltest, da ich Derselbe bin, den du vor langer Zeit auf deiner Reise nach den westlichen Küstenländern in Gallien trafst, wo ich als angestellter Lehrer der Rhetorik schon damals einen sehr großen Gehalt aus öffentlichen Kassen bezog, und zu den bestbesoldeten Sophisten gezählt wurde.

[497] Dieß ist es, mein lieber Freund, was ich dir, ungeachtet sehr gehäufter Amtsgeschäfte, zu meiner Rechtfertigung und zum Beweise schreiben wollte, wie so wenig gleichgültig es mir sey, von dir losgesprochen oder verurtheilt zu werden. Denn was die Uebrigen betrifft, und wenn sie Alle aus Einem Ton über mich loszögen, so genügte mir statt aller Antwort das alte Sprüchlein: „Was kümmert Das den Hippoklides?“[17]



  1. Er hatte, wie sich weiter unten ergibt, die Stelle eines Bureauchefs bei der Präfektur von Aegypten angenommen. Der Griechische Text scheint an dieser Stelle nicht gesund zu seyn: ich habe nach dem wahrscheinlichsten Sinn übersetzt.
  2. Der Pactólus, ein Flüßchen in Lydien, aus dessen Sand Gold gewonnen wurde.
  3. Im Texte steht noch: „eine Palinodie in’s Schlimmere anstimmen, aber wahrlich nicht um einer Helena, noch um jener Thaten bei Ilium willen“ – eine, wohl ziemlich ungeschickt ausgedrückte, Anspielung auf Stesichorus, der wegen gewisser Lästerungen, die er sich in einem seiner Gedichte gegen die Helena erlaubt hatte, das Gesicht verloren, und weil er jene Blasphemien in einen Lobgesang umstimmte, [485] den Gebrauch seiner Augen wieder erhalten haben soll. Also wäre der Sinn dieser Stelle: „ein Widerruf in’s Schlimmere und nicht in’s Bessere, wie jener des Stesichorus.“
  4. Merkur, als Gott der Beredtsamkeit.
  5. Aus den Phönicierinnen des Euripides V. 406.
  6. Der von Protus an Iobates einen Uriasbrief trug.
  7. Bruchstück des Euripides. Vergl. Cic. Briefe ad Fam. XIII, 15.
  8. M. s. Fischer 33.
  9. Nach Hom. Il. IX, 313.
  10. Anspielung auf ebend. XXII, 495.
  11. Iliade VI, 488.
  12. Nach Il. XX, 128.
  13. Des, uns übrigens unbekannten, Präfekten von Aegypten.
  14. Aus Eurip. Medea 1078, wo Zorn steht statt Armuth.
  15. Ein heiliger, zu gymnastischen Uebungen, bestimmter Platz zu Argos im Peloponnes.
  16. Il. XVIII, 104.
  17. Hippoklides aus Athen, einer der Freyer um die Tochter des Sicyonischen Fürsten Elisthenes, mißfiel Diesem wegen einer gewissen leichtfertigen Art von Tanz, erwiederte aber den Zuruf desselben: „Hippoklides, du hast dich um meine Tochter getanzt!“ mit obigen, nachmals sprichwörtlich gewordenen, Worten.