Die gedungenen Gelehrten

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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Die gedungenen Gelehrten
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Viertes Bändchen, Seite 438–483
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Περὶ τῶν ἐν Μισθῷ συνόντων
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
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[438]
Die gedungenen Gelehrten.
Lucian an seinen Freund Timokles.

1. Wo soll ich beginnen, mein lieber Freund, wo enden, wenn ich dir schildern will, was Diejenigen zu leiden und zu thun gezwungen sind, welche sich an die Großen und Reichen als Gesellschafter vermiethen, und als Freunde derselben erscheinen, während ihr Verhältniß vielmehr den Namen der Knechtschaft verdient? Ich kenne viele, vielleicht die meisten der Widerwärtigkeiten, in welche solche Leute gerathen, zwar keineswegs aus eigener Erfahrung – ich war noch nie in der Noth, die Probe selbst machen zu müssen, und werde [439] auch, wollen’s die Götter, nie in diesen Fall kommen – sondern was ich weiß, weiß ich aus den vielfältigen Aeußerungen Solcher, welche selbst in diese Lage gerathen waren. Einige von Diesen seufzten damals noch unter ihrem Joche, als sie mir klagten, was sie ausstehen müßten. Andere aber waren ihm wie einem Gefängnisse entronnen, und gedachten nun nicht ohne Behagen des überstandenen Ungemachs. Es machte ihnen wirkliches Vergnügen, mir alle die Uebel vorzuzählen, denen sie nun entgangen waren: und sie waren mir daher nur um so glaubwürdiger, da sie in jene Verhältnisse, so zu sagen, durch alle Grade eingeweiht, und vor ihren Augen nach und nach alle jene Schleyer gefallen waren, hinter welchen sich die Wahrheit verbirgt. Ich hörte ihnen wirklich mit Aufmerksamkeit und Theilnahme zu: es war mir, als vernähme ich Schiffbrüchige, wie sie mit geschorenen Häuptern im Vorhofe eines Tempels stehend ihre wunderbare Rettung erzählen, wie sie da zu sagen wissen von haushohen Wellen, von Sturm und Ungewitter und Felsenriffen, von dem Mast, der zertrümmert, dem Steuerruder, das entzweigebrochen, der Ladung, die über Bord geworfen worden wäre, und wie endlich die Dioskuren (denn Diese dürfen bei solchen Scenen nicht fehlen) oder irgend ein anderer Deus ex machina plötzlich auf der Segelstange sitzend oder am Steuer stehend erschienen sey, und das Schiff auf ein sanftabhängiges Ufer geleitet habe, an welchem es vollends sachte und allmählig aus seinen Fugen gegangen, während sie selbst in Folge der göttlichen Gnade dasselbe wohlbehalten verlassen hätten. In diesem Tone sagen solche Leute je nach den Umständen eine lange Leyer von ihren Erlittenheiten her; und [440] indem sie sich nicht blos als Unglückliche, sondern auch als Günstlinge einer Gottheit darstellen, beabsichtigen sie desto reichlichere Almosen.

2. Jene Erstern aber wissen auch von Stürmen zu erzählen, und von gewaltigen, ja fünf- und zehnfach aufeinander gethürmten Wogen, von solchen nämlich, die in den Häusern der Reichen über sie herein gebrochen; wie anfänglich, da sie ausliefen, die See so glatt und ruhig geschienen; welches Ungemach aber während der ganzen Fahrt auszustehen gewesen, bald Durst, bald Seekrankheit, bald alle Kräfte übersteigende Anstrengung, um das eingedrungene Wasser auszuschöpfen; und wie endlich an einer verborgenen Klippe oder an einem schroffen Fels das arme Fahrzeug in Trümmer gegangen, und die Mitleidswerthen nackt und von allem Notwendigen entblößt kümmerlich an’s Land geschwommen wären. Bei solchen Schilderungen kam es mir vor, als ob die guten Leute noch manches Andere aus Scham verschwiegen und absichtlich zu vergessen suchten. Jene Uebel nun, die sie mir wirklich nannten, und die andern, auf welche ich aus ihren Aeußerungen schließen mußte, sind, wie ich mich überzeugte, von solchen Verbindungen mit großen Häusern unzertrennlich. Und da ich seit längerer Zeit zu bemerken glaube, daß du, mein lieber Timokles, Absichten auf eine Stelle dieser Art hast, so säume ich nicht, dir Alles, was ich über diese Sache zu sagen weiß, mitzutheilen.

3. Du warst schon öfters anwesend, wenn das Gespräch auf diesen Gegenstand fiel, wo denn Einer oder der Andere aus der Gesellschaft das Loos solcher Söldlinge als ein sehr glückliches pries: außer der Ehre, die Vornehmsten der Römer [441] zu Freunden zu haben, hatten sie das Vergnügen, unentgeldlich an köstlichen Tafeln zu speisen, prächtig zu wohnen, mit aller Bequemlichkeit und auf’s genußreichste zu reisen, und in einem mit weißen Pferden bespannten Wagen sich recht stattlich in die Brust werfen zu können, und obendrein für diese Freundschaft und das viele genossene Gute noch reichlich bezahlt zu werden; kurz sie wären die Glücklichen, denen, ohne daß sie zu pflügen und zu säen brauchten, Alles im Ueberflusse wüchse. So oft du solche und ähnliche Aeußerungen hörtest, bemerkte ich wohl, welche Begierde nach dieser Herrlichkeit sich in deinen Mienen ausdrückte: ich sah, wie du gleichsam schon den Mund öffnetest, um den köstlichen Köder zu verschlingen. Um mich nun für die Zukunft außer Verantwortung zu setzen, und damit du nicht sagen könnest, ich hätte dich zugleich mit der karischen Feige eine so gefährliche Angel verschlingen gesehen, ohne dich zuvor gewarnt zu haben, oder ohne dir zu Hülfe gekommen zu seyn, um dich von dem Haken zu befreien, bevor er noch durch den Schlund gedrungen wäre; sondern ich hätte gewartet, bis du an der verschluckten und fest eingehakten Angel in die Höhe gezogen und fortgeschleppt worden wärest, und hätte dann, da es zu spät war, unnütze Thränen des Bedauerns vergossen: – damit du mir also keine solchen Vorwürfe zu machen habest, die allerdings gegründet wären, und welchen ich auf keine Weise entgehen könnte, wenn ich dir die Gefahr nicht bei Zeiten gezeigt hätte, so schenke Allem, was ich dir nun sagen werde, ein aufmerksames Gehör: betrachte das Netz und die Reuse, die deiner wartet, mit aller Muße von außen, und überzeuge dich nicht erst, wenn du [442] schon drinnen steckst, wie unmöglich es ist, wieder herauszukommen: nimm die Angel selbst in die Hand, besieh dir die scharfen und rückwärts gekrümmten Spitzen des dreifachen Widerhakens, bring’ ihn in den geöffneten Mund und prüfe seine Wirkung; und wenn du alsdann nicht findest, daß er mit unwiderstehlicher Gewalt dich packt und festhält, und dir um so größere Schmerzen verursacht, je heftiger zu ziehst, so nenne mich einen hasenherzigen Gesellen, der eben deswegen Nichts hat, weil er Nichts wagt, und falle herzhaft über deinen Raub her, wenn du Lust hast, und schlinge wie eine gefräßige Möve die ganze Lockspeise auf einmal hinein.

4. Zwar soll diese meine Zuschrift zunächst nur dir gelten, mein Freund Timokles: doch dürfte sie nicht blos Diejenigen, welche sich die Philosophie und überhaupt die ernstern Studien zum Lebenszweck gemacht haben, sondern auch Grammatiker, Rhetoren und Musiker, kurz Alle berühren, welche um Sold die gebildeten Gesellschafter der Großen zu machen Lust tragen. Da es aber in diesen Verhältnissen Einem wie dem Andern geht, und die Erfahrungen Aller sich hierin ganz ähnlich sind, so siehst du selbst, wie so wenig ehrenvoll, ja wie schmählich für einen Philosophen eine Lage seyn muß, wo der Herr, in dessen Sold er steht, ihn durch keine würdigere Behandlung vor jenen Andern auszeichnet. So unangenehm übrigens Manches, was sich im Verlauf meiner Darstellung ergeben wird, Diesem oder Jenem zu hören seyn mag, so ist doch die Schuld mit allem Rechte zunächst Denen, die das Unwürdige thun, sodann Denen, die es leiden, beizumessen. Ich für meinen Theil bin schuldlos, es wäre denn, daß Wahrheitsliebe und Freimüthigkeit einen Vorwurf [443] begründeten. Was aber das übrige Gesindel betrifft, Spaßmacher[1], Schmarotzer und Schmeichler ohne alle Bildung, kleine, niederträchtig denkende Seelen, so wäre es weder der Mühe werth, diese von ihren Verbindungen mit großen Häusern abbringen zu wollen, noch würden sie solchen Mahnungen Gehör geben. Und in der That, man kann es diesen Creaturen auch nicht sehr verübeln, wenn sie auch bei der übermüthigsten Behandlung, die sie erdulden, von ihren Soldherrn gleichwohl nicht lassen wollen. Denn sie sind für ein solches Leben wie gemacht, und verdienen es nicht besser: zudem was gäbe es auch sonst noch, das ihre Neigung und Thätigkeit rege machen könnte? Nähme man ihnen Dieses, so wären sie die unbrauchbarsten, müßigsten, überflüssigsten Geschöpfe auf der Welt. So wenig also Diesen durch eine solche Behandlung Unrecht geschieht, eben so wenig kann jenen Herrn der Vorwurf des Uebermuths gemacht werden, wenn sie – den Nachttopf dazu brauchen, wozu er da ist. Denn nur um sich so mitspielen zu lassen, liefen sie ja in diese Häuser, und darin besteht eben die Kunst, die sie treiben, Alles zu leiden und zu Allem sich herzugeben. Um so mehr muß es unsern Unwillen erregen, Leute von Bildung auf gleiche Weise, wie Jene, behandelt zu sehen; und es verlohnt sich wohl, zu versuchen, so viel an uns ist, sie zurückzubringen und zur Freiheit ihnen wieder zu verhelfen.

5. Es wird, meine ich, wohlgethan seyn, vorerst die Beweggründe, die so Manche zu der bewußten Lebensart veranlassen, zu untersuchen und darzuthun, wie sie keineswegs [444] allzu stark und nöthigend seyn können. Auf diese Art würde ihnen schon der erste Vertheidigungsgrund ihrer freiwilligen Knechtschaft vorweg abgeschnitten. Wirklich schützen die Meisten von ihnen ihre Armuth und die Verlegenheit vor, in der sie waren, sich auch nur die nothwendigsten Bedürfnisse zu verschaffen, und glauben damit ihren Schritt hinlänglich beschönigt zu haben. Sie meinen, es wäre genug, wenn sie sagten, sie hätten nur dem ärgsten menschlichen Uebel, der Armuth, entgehen wollen, und das wäre ihnen doch wohl nicht zu verargen. Da sind sie gleich mit jenem alten Weidspruch des Theognis bei der Hand:

Null ist jeglicher Mann, der schmachtet in Fesseln der Armuth.[2]

und was Alles die niedrig Denkenden unter den Dichtern der Armuth Schreckliches nachgesagt haben. Fände ich nun, daß sie durch ihre eingegangenen Verbindungen ihrer Armuth in Wahrheit abgeholfen hätten, so wollte ich es rücksichtlich des Punktes, daß sie dabei nicht eben sehr unabhängig sind, so genau nicht nehmen. Nun aber ist Das, was sie erhalten (um mich eines Gleichnisses des großen Redners[3] zu bedienen), der Nahrung ähnlich, welche die Aerzte den Kranken zumessen, und welche ihnen weder Kräfte gibt, noch sie sterben läßt: es liegt also wohl am Tage, daß sie sich auch in dieser Beziehung schlecht berathen haben, da ihr Loos in der Hauptsache dasselbe geblieben ist. Sie sind arm nach wie [445] vor, sind genöthigt, von Andern zu nehmen, und können Nichts zurücklegen, weil sie nie zu viel haben, sondern Alles, was sie bekommen, und wenn sie noch so oft und noch so viel bekommen, ganz und gar auf augenblickliche Bedürfnisse verwenden müssen. Wäre es also nicht weit vernünftiger, statt auf diese Weise die Armuth hinzuhalten, indem ihr blos auf Augenblicke etwas abgeholfen wird, vielmehr ein Mittel auszusinnen, ihr auf immer los zu werden? und sollte man auch meinethalben, wie Theognis will, dieses Mittel in des Meeres tiefsten Gründen aufsuchen müssen.[4] Wer aber sich zum Söldlinge hergegeben hat, und sich einbildet, eben dadurch der Armuth entgangen zu seyn, während er doch eben so wenig Eigenthum hat und so dürftig ist als zuvor, wie sollte Dieser dem Vorwurfe des jämmerlichsten Selbstbetrugs entgehen?

6. Auch sind Welche, die uns versichern, sie würden sich vor der Armuth nicht gefürchtet haben, wenn sie im Stande gewesen wären, durch Arbeit, gleich andern Leuten, ihr nothdürftiges Brod zu verdienen: allein da ihnen Dieß durch Altersschwäche oder Kränklichkeit unmöglich gemacht wäre, hätten sie sich entschließen müssen, die für sie leichteste Lebensart zu ergreifen, das heißt, sich zu verdingen. Es wird sich jedoch bald zeigen, ob sie die Wahrheit sprechen, und ob sie wirklich so gar leicht zu Dem, was ihnen gegeben wird, kommen, oder ob sie nicht viele, ja vielleicht noch mehr Mühe und Beschwerlichkeit, als andere Leute, sich gefallen lassen müssen. In der That, es sieht einem frommen Wunsche gar zu ähnlich, eine allezeit parate Summe einzustreichen, ohne sich [446] darum bemühen und Etwas dafür thun zu dürfen. Und wirklich ist gerade das Gegentheil der Fall! Ich wüßte keine Worte zu finden, die vielen Unbequemlichkeiten, die unerträglichen Plackereyen zu schildern, welchen ein solcher gelehrter Hausfreund sich zu unterziehen hat. Es gehört wahrlich eine mehr, als gewöhnlich, dauerhafte Gesundheit dazu, um die Tausende von alltäglich vorkommenden Beschwerlichkeiten auszuhalten, welche den Körper bis zur äußersten Erschöpfung abmüden und am Ende verzehren. Ich werde unten an seinem Orte wieder auf diesen Punkt zurückkommen, wo auch von den übrigen Beschwerden dieser Lage die Rede seyn wird. Für jetzt begnüge ich mich, gezeigt zu haben, wie auch Diejenigen nicht die Wahrheit sagen, welche mit diesem zweiten Grunde den Verkauf ihrer Freiheit rechtfertigen wollen.

7. Noch ist Ein Grund, nämlich der wahre und eigentliche, übrig, den sie freilich durchaus nicht Wort haben. Um des Wohllebens willen, und angelockt von vielen glänzenden Aussichten, drängen sie sich in der Vornehmen Häuser; der Anblick so vielen Goldes und Silbers blendet sie, an jenen Tafeln zu sitzen, in jenen Genüssen zu schwelgen, däucht ihnen das höchste Glück; die schwärmerische Hoffnung, ihren Golddurst hier in vollen Zügen befriedigen zu können, hat sich ihrer bemächtigt. Das ist’s, was sie verführt und was sie aus freien Männern zu Knechten macht: nicht der Mangel am wenigen Nothdürftigen, den sie vorgeben, sondern die Sucht nach dem Ueberflüssigen und das Trachten nach einem kostbaren Vielerlei. Dafür werden sie denn auch behandelt [447] wie eine ausgelernte Buhlerin[5] ihren unglücklich schmachtenden Liebhaber behandelt. Sie begegnet ihm mit Stolz, und um ihn, wo möglich, immer in seiner verliebten Sclaverei zu erhalten, gewährt sie ihm nicht einmal die Gunstbezeugung des leichtesten Kusses. Denn zu klug, um nicht zu wissen, daß mit dem Genusse das Verliebtseyn aufhört, weiß sie dieser Entzauberung sorgfältig zu begegnen, und ihren Anbeter mit steter Hoffnung hinzuhalten. Um aber nicht befürchten zu müssen, der Arme möchte des ewigen Hoffens überdrüssig und von seinem Liebessehnen am Ende geheilt werden, beglückt sie ihn zuweilen mit einem süßlächelnden Blick und mit dem widerholten Versprechen, nun nächstens ihn zu erhören und seine Treue auf’s Köstlichste zu belohnen. Allein mittlerweise schleicht die Zeit dahin, und die Jahre nahen unvermerkt, wo Liebe so wenig als Gewährung von Werth ist: und nun – mit was Anderem, als mit Hoffen hat der Unglückliche sein ganzes Leben hingebracht?

8. Immerhin können wir das Verlangen nicht anklagen, so angenehm als möglich zu leben, und sollte es auch noch so viele Opfer kosten: und Wer wollte es dem Freunde des Vergnügens verargen, wenn er auf alle Weise sich dasselbe zu verschaffen sucht? Wiewohl es jedenfalls eine gemeine und sclavische Denkungsart verriethe, um des Vergnügens willen sogar sich selbst zu verkaufen, indem der Genuß der Freiheit immer ein weit süßerer ist: so ließe sich doch zur Noth auch dieser Schritt entschuldigen, im Falle der Zweck [448] wirklich erreicht würde. Allein auf eine ungewisse Erwartung von Genüssen hin einer Menge von Widerwärtigkeiten sich unterziehen, das ist unstreitig eben so thöricht als lächerlich, um so mehr, als man ja im Voraus klar genug sieht, wie unvermeidlich die letztern sind, während das gehoffte Angenehme, von welcher Art es auch seyn mag, in so langer Zeit noch Keinem zu Theil geworden, noch auch, wie aus guten Gründen zu schließen ist, jemals Einem zu Theil werden wird. Wenn daher die Gefährten des Ulysses[6] über dem süßen Lotus, den sie kosteten, alles Uebrige vergaßen, und im Augenblicke des Genusses das Wichtigere nicht achteten, so wird uns das Nichtachten keineswegs befremden, da ihre Seele ganz und gar mit dem Angenehmen der Gegenwart beschäftigt war. Würde hingegen Einer mit dem hungrigen Magen dabei stehen und zusehen, wie der Andere den süßen Lotus verspeist, und über der bloßen Hoffnung, er werde wohl endlich auch einmal davon zu kosten kriegen, alles Ehrenhafte und Rechte vergessen, – zum Herkules, ein solcher Narr verdiente nicht sanfter als dort die Homerischen Lotusesser zurecht gewiesen zu werden!

9. Mit dem Bisherigen werden nun so ziemlich alle die Beweggründe dargestellt seyn, aus welchen so Manche das Leben in großen Häusern suchen, und sich in die Hände der Reichen, zu jeder Diesen beliebigen Behandlung, ausliefern. Noch könnte allenfalls Derer Erwähnung geschehen, die sich bloß von der Ehre anlocken lassen, die Hausgenossen hochadeliger und bepurpurter Herren zu seyn; denn es gibt wirklich [449] deren nicht Wenige, welche hierin eine ganz besondere, über die gewöhnlichen Menschen sie hoch emporhebende, Auszeichnung erblicken: wiewohl ich für meinen Theil gestehe, daß ich nicht einmal der Hausgenosse des Kaisers selbst seyn und dafür mich ansehen lassen möchte, wenn ich außer dieser Ehre sonst keinen Vortheil davon haben sollte.

10. Wir wollen nun sehen, mein Timokles, was diese Leute sich gefallen lassen müssen, ehe sie die gewünschte Aufnahme in ein vornehmes Haus finden; sodann was sie erleiden, wenn sie drinn sind; und endlich, was eine solche Laufbahn gewöhnlich für ein Ende nimmt.

Man kann in der That nicht sagen, eine solche Stelle sey in demselben Grade, in welchem sie lästig ist, auch leicht zu erhalten, und man dürfe, statt aller weitern Bemühung, nur wollen, dann werde sich alles Uebrige von selbst machen. Im Gegentheile, es kostet viel Laufens und eines unausgesetzten Aufwartens vor der Thüre. Morgens mit dem frühsten muß man aufstehen, warten, sich hin und her stoßen, ausschließen, von einem Syrischen Thürhüter anschnarren und sich „zudringlich“ und „unverschämt“ schelten lassen, und sich unter die Willkühr eines Afrikanischen Nomenclator’s stellen, den man dafür noch bezahlen muß, daß er sich den rechten Namen vormerkt. Auch auf die Kleidung muß ein die Kräfte übersteigender Aufwand gemacht werden, um seinen Aufzug mit dem Rang Dessen, dem man den Hof macht, in einiges Verhältniß zu setzen: man muß die Farben wählen, welche der große Herr liebt, um nicht abzustechen, und ihm nicht widrig aufzufallen: man muß ihn unverdrossen allenthalben begleiten, oder vielmehr von seinen [450] Bedienten sich voranschieben lassen, und seine Begleitung vollzählig machen helfen. Und bei dem Allem können viele Tage nach einander vergehen, ohne daß er dich nur angesehen hat.

11. Und wenn es dir auch einmal recht gut geht, und er nimmt dich gewahr, ruft dich herbei und richtet irgend eine Frage, wie sie ihm gerade vor den Mund kommt, an dich: so bist du bestürzt, kommst in die größte Verlegenheit, der Angstschweiß bricht dir aus, es schwindelt dir vor den Augen, du zitterst gerade im wichtigsten Augenblicke, und bist das Gelächter aller Umstehenden. Zum Beispiel er fragt dich: wie hieß der König der Achäer?[7] so muß er diese Frage mehreremal wiederholen, bis du endlich in der Verwirrung sagst: „Tausend hatten sie,“ weil du meinst, er hätte nach der Zahl ihrer Schiffe gefragt. Das nennen nun freilich die Gutdenkenden Schüchternheit, bei Herzhaften heißt es Zaghaftigkeit; aber Die dir übel wollen, sehen darin Mangel an Bildung und Lebensart. Du bist in Verzweiflung, daß der erste Anlaß, wo die Gnade des Herrn sich dir zuzuwenden schien, so mißlich ausgeschlagen, entfernst dich, und machst dir die bittersten Vorwürfe über deine thörichte Verzagtheit. Und wenn du nun

– – – genug unruhiger Nächte durchwachet,
Auch der blutigen Tage genug[8]

geharret hast (freilich nicht um eine Helena, noch auch eines Priamus starke Feste, sondern um die gehofften fünf Obolen [451] Taggeld zu gewinnen), so nimmt sich vielleicht, wenn es gut geht, irgend ein guter Genius, unverhofft erscheinend wie ein Theatergott, deiner an, und du wirst – zu einer Prüfung zugelassen, wie weit du es in Philosophie und schönen Wissenschaften gebracht habest. So angenehm sich dabei der reiche Herr unterhalten mag, der bei dieser Gelegenheit sich loben und glücklich preisen hört, so groß ist deine Noth, da es dir ist, als ob es den Kopf gelte, und Glück oder Unglück deines ganzen Lebens auf dem Spiele stehe. Denn es muß dir dabei sehr natürlich zu Sinne kommen, daß du von keinem Andern angenommen werdest, wenn du in dieser Prüfung unbrauchbar erfunden und abgewiesen werden solltest. Eben so unvermeidlich ist, daß dich jetzt tausend der verschiedenartigsten Empfindungen zerstreuen, Neid gegen Die, welche mit dir zugleich geprüft werden (denn du mußt immer voraussetzen, daß es noch Mehrere gibt, die dasselbe Ziel haben), Unzufriedenheit mit dir selbst, indem dir Alles, was du sagst, ungenügend erscheint, Furcht und Hoffnung, womit du an den Mienen des großen Herrn hängst, und dich vernichtet fühlst, wenn ihm eine deiner Antworten mißfällt, dagegen voll Heiterkeit und froher Erwartung bist, wenn er dich mit gnädigem Lächeln anhört.

12. Zudem ist es immer mehr als wahrscheinlich, daß du viele Widersacher haben wirst, von welchen Jeder einen Andern an diesen Platz schieben möchte, und daher unvermerkt und hinterrücks dir einen Treff zu geben sucht. Und nun stelle dir die ganze unwürdige Scene vor, einen Mann mit langem Barte und grauen Haaren, wie er sich examiniren lassen muß, ob er auch was Rechtes gelernt habe, und [452] mit anhören muß, wie die Stimmen über seine Kenntnisse noch obendrein getheilt sind! Bis man sich darüber vereinigt, ist dein bisheriger Lebenswandel der Gegenstand sehr geschäftiger Nachforschung. Man befragt deine Landsleute, deine Nachbarn; und wenn Einer derselben aus Mißgunst oder aus irgend einem unbedeutenden Anlasse übel gegen dich gestimmt, aussagt, z. B. du wärest den Eheweibern oder den schönen Knaben gefährlich, so nimmt man das für baare Münze;[9] sagen aber Alle und Jede nichts als Rühmliches von dir, so ist ein so einstimmiges Zeugniß zweideutig und erregt den Verdacht der Bestechung. Du siehst also, es müssen viele glückliche Umstände zusammentreffen; es darf auch nicht Eine Beziehung gegen dich seyn, oder es kann dir unmöglich glücken.

Doch – es sey: es ging Alles nach Wunsch und über alle Erwartung glücklich: der Große hat deine Leistungen gut gefunden, und die ausgezeichnetsten seiner Freunde, auf deren Urtheil er hierin am meisten baut, haben ihn darin bestärkt: seine Gemahlin will dir wohl, der Haushofmeister und der Verwalter sind dir wenigstens nicht entgegen, kein Mensch hat an deinem Lebenswandel Etwas auszusetzen: kurz Alles ist günstig, von allen Seiten stellen sich die Auspicien vortrefflich.

13. Du hast gesiegt, glücklicher Sterblicher! Du hast den olympischen Kranz errungen, ja vielmehr es ist, als ob du Babylon erobert, und Sardis hohe Burg eingenommen [453] hättest! Nun ist das Füllhorn des Glückes dein, und sogar die Hühner werden dir Milch geben.[10] Und damit jener Kranz nicht aus bloßem Laub bestehe, müssen nun zum Ersatz für das ausgestandene viele Ungemach die größten Vortheile dir erwachsen, es muß dir ein sehr ansehnlicher Ehrensold ausgesetzt und in jedem Augenblicke, wo du ihn brauchst, ohne Schwierigkeit ausgezahlt werden; die Achtung, mit welcher man dir begegnet, wird dich vor allen gewöhnlichen Leuten auszeichnen; jene Plackereien, das Stehen im Koth, das Laufen, das Harren vor der Thüre, das Durchwachen der Nächte hat nun ein Ende, du kannst dich nun bequem auf dein Ruhepolster legen, wonach du dich so sehr sehntest, und dich ganz allein den Beschäftigungen widmen, wegen deren du gleich anfangs angenommen worden bist, und wofür du deinen Gehalt beziehst. – Ja, mein lieber Timokles! so sollte es seyn: und man könnte sich das Unglück endlich noch gefallen lassen, ein so leichtes, bequemes und obendrein noch vergoldetes Joch zu tragen. Aber ach! daran fehlt viel, oder richtiger, es fehlt Alles. Glaube mir, in dem Verhältniß eines gelehrten Hausfreundes gibt es tausenderlei Dinge, die einem freien und edeldenkenden Manne unerträglich fallen müssen. Doch lasse dir eine Reihe solcher Situationen schildern, und entscheide dann selbst, ob es ein Mann, der sich auch nur einen geringen Grad wissenschaftlicher Bildung gegeben, in einer solchen Lage aushalten kann.

[454] 14. Ich will nun gleich bei der ersten Mahlzeit anfangen, zu welcher du geladen wirst, und wo du gleichsam die Vorweihe zu deiner neuen Bestimmung erhalten sollst. Zuerst erscheint bei dir ein ganz artiger Bedienter, um dich zur Tafel zu laden. Diesen Burschen mußt du vor allen Dingen auf deine Seite bringen; du drückst ihm also, um nicht unmanierlich zu erscheinen, zum wenigsten fünf Drachmen [einen Conventionsthaler] in die Hand. Der Mensch ziert sich: „Nein, nein, bei’m Herkules, das geschieht nicht, von dir nehme ich Nichts!“ Am Ende läßt er sich doch bewegen, nimmt, geht und – lacht in’s Fäustchen. Nun hast du genug zu thun, deine besten Kleider hervorzusuchen, dich zu baden, und so zierlich, als du nur immer kannst, dich herauszuputzen; und, weil es eben so wenig Lebensart verräth, der Erste zu erscheinen, als es unschicklich ist, zuletzt zu kommen, so mußt du ängstlich die Mittelzeit abpassen, um in das Tafelzimmer einzutreten. Dort empfängt man dich mit vieler Höflichkeit: ein Diener weist dir deinen Platz ganz in der Nähe des Hausherrn selbst an, so daß sich nur zwei seiner ältesten Freunde zwischen ihm und dir befinden.

15. Dir ist es, als wärest du in Jupiter’s Pallast gekommen: so staunst du Alles an, und so fremd und neu ist dir hier Alles. Während aber diese ungewohnten Scenen, deine Seele in beständiger Spannung erhalten, sind die Augen der Dienerschaft auf dich gerichtet, und Jeder der Anwesenden beobachtet sorgfältig dein Benehmen. Selbst dem reichen Herrn ist es nicht gleichgültig: er hat einen seiner Leute beauftragt, fleißig auf dich Acht zu geben, ob du nicht etwa zu oft nach seiner Gemahlin oder nach den hübschen aufwartenden [455] Bürschchen schielest. Die umstehenden Bedienten der Gäste bemerken recht gut dein blödes, betretnes Wesen; sie machen sich über die Unbehülflichkeit lustig, mit welcher du dich bewegst; und da dir sogar das vor dir liegende Handtuch etwas ganz Neues zu seyn scheint, so wird daraus der natürliche Schluß gezogen, du habest dein Tage nie bei einem vornehmen Herrn gespeist. Was Wunder, wenn du inzwischen vor lauter Verlegenheit die hellen Tropfen schwitzest, und, so durstig du bist, doch das Herz nicht hast, Wein zu verlangen, um für keinen Trinker angesehen zu werden. Eben so wenig wagst du es, von den vor dir stehenden, und in geschmackvoller Ordnung aufgestellten Speisen Etwas anzurühren, weil du nicht weißt, mit welcher Schüssel der Anfang gemacht werden muß, Es bleibt dir also nichts übrig, als nach dem Nachbar zu schielen, ihm Alles nachzumachen, und so zu lernen, wie die Theile der Mahlzeit auf einander folgen.

16. Uebrigens wirst du durch die mannigfaltigen Eindrücke und Vorstellungen, welche deine Seele durchkreuzen, in die größte Gemüthsunordnung und wirklich in eine Art Betäubung versetzt. Bald denkst du: wie glücklich ist doch dieser reiche Mann in Mitten seines Goldes, seines Elfenbeins und aller dieser Herrlichkeit! Bald kommt es dir erbärmlich vor, wie ein Mensch wie du, der doch so gar Nichts ist, sich einbilden kann, sein Daseyn auf der Welt heiße auch Leben. Bisweilen aber fällt es dir doch wieder ein, dir die beneidenswerthesten Tage zu versprechen, da du das Alles mitgenießen und an Allem gleichen Antheil haben wirst: denn du meinest, so wie heute, würden hinfort alle Tage [456] Bacchanalien gefeiert. Und nun vollends die blühenden Jungen, die dich bedienen, und so süß dich anlächeln, welch eine reizende Zukunft malen sie dir! Und so schwebt dir beständig jenes Wort der Trojischen Greise bei Homer vor, die bei’m Anblick der Helena ausriefen:

Tadelt nicht die Troër und hellumschienten Achäer,
Die um ein solches Weib so lang ausharren im Elend.[11]

Eben so wenig, denkst Du, war es auch dir zu verargen, um eines solchen Götterlebens willen Vieles zu thun und zu dulden.

Nun geht das Zutrinken an. Der Hausherr hat sich einen der größten Pokale reichen lassen, und es dem „gelehrten Herrn,“[12] oder wie er dich sonst betiteln mag, zugebracht. Du empfängst den Becher aus seiner Hand, weißt aber nicht, was du dazu sagen mußt, und so hast du auf’s Neue die Meinung von dir erregt, daß du ein Mensch ohne Lebensart seyst.

17. Gleichwohl hat dieses gnädige Zutrinken die Mißgunst einiger ältern Hausfreunde rege gemacht, welche gleich anfangs der Platz, den man dir angewiesen, verdrossen hatte. Man kann es nicht verwinden, daß ein Mensch, der heute erst in’s Haus kam, sogleich Männern vorgezogen werden soll, welche schon so viele Jahre im Dienste ausgehalten hatten. Da fallen denn Aeußerungen unter ihnen, wie folgende: „das fehlte noch zu den vielen andern Widerwärtigkeiten, daß wir solchen [457] Menschen, die kaum die Schwelle betreten, nachstehen sollten! Was ist denn an diesen Griechen, daß ihnen allein die Stadt Rom offen steht, und man ihnen vor uns Allen den Vorzug gibt? Was glauben sie denn, daß ihre armseligen Declamationen nützen können?“ – „Hast du nicht gesehen,“ fällt ein Anderer ein, „wie er dem Becher zusprach, wie gierig er die Schüsseln zu sich zog und die Speisen verschlang? Es ist ein ungesitteter Hungerleider, dieser Bursche. Er hat sich wohl nie auch nur im Traume an Weißbrod satt gegessen, geschweige an Perlhühnern und Fasanen, wovon er uns kaum die Knochen übrig gelassen hat.“ – „Ihr närrischen Leute,“ sagt ein Dritter, „es wird nicht fünf Tage anstehen, so hört ihr ihn wohl hier in unserer Mitte eben dieselben Klagen führen. Für jetzt noch wird er wie ein Paar neue Schuhe in Acht genommen und in Ehren gehalten; laß diese einmal abgetreten und schmutzig geworden seyn, so wirft man sie in einen Winkel:[13] so ging es uns, und nicht anders wird es auch ihm ergehen.“ In diesem Tone geht es fort: ihre Gespräche drehen sich immer nur um deine Person, und bereits denkt mehr als Einer darauf, wie er dich durch Verläumdungen zu Falle bringen wolle.

18. Du siehst also, mein Freund, es ist, als ob die ganze Mahlzeit nur deinetwegen angestellt wäre: du bist fast der einzige Gegenstand von Allem, was dabei gesprochen wird. Inzwischen hast du von einem leichten, aber dabei raschen Weine, den du nicht gewohnt bist, nach und nach Etwas zu [458] viel getrunken, und fühlst dich, da ein Bedürfniß, dich zu entfernen, sich einstellt, gar sehr unbehaglich. Allein vor den Andern von der Tafel aufzustehen, wäre eben so unschicklich, als es nicht gerathen ist, zu bleiben. Gleichwohl zieht sich das Gelage in die Länge, die Gespräche werden lebhafter, ein Schauspiel folgt auf das andere,[14] – denn du sollst nun einmal heute alle Herrlichkeit deines Gönners zu Gesichte bekommen – dir hingegen vergeht in deinem peinlichen Zustande Sehen und Hören; und während Alles einem hochgepriesenen jungen Citherspieler zuhorcht, und du gezwungen in den allgemeinen Beifall einstimmst, wünschest du im Stillen ein Erdbeben oder einen Feuerlärm herbei, nur damit das Tafeln endlich einmal ein Ende hätte. –

19. Das wäre also die erste jener Mahlzeiten, mein lieber Timokles, die man sich gewöhnlich so köstlich vorstellt. Mir für meinen Theil ist ein derb gesalzener Thymiansalat lieber, wovon ich in Freiheit essen kann, wann, und wie viel, ich will.

Am Morgen des folgenden Tages – denn mit einer Schilderung der Magenbeschwerden, welche dich die Nacht über plagten, will ich dich verschonen – habt ihr, der Herr und du, eine Uebereinkunft zu schließen, wie viel jährlichen Gehalt und in welchen Fristen du ausgezahlt bekommen sollst. Er läßt dich also im Beiseyn zweier oder dreier seiner Freunde rufen, und nachdem er dich sitzen geheißen, fängt er ungefähr folgendermaßen an: „du hast nun selbst gesehen, [459] wie es in meinem Hause zugeht, und wie bei uns, mit Verbannung alles eitlen Pompes, durchaus auf einem einfachen, bürgerlichen Fuße gelebt wird. Sey hinfort überzeugt, daß Alles zwischen uns gemeinschaftlich ist, und benehme dich dieser Ueberzeugung gemäß. Denn es wäre doch wohl lächerlich, wenn ich den Mann, dem ich mein Wesentlichstes, meine Seele, und wahrhaftig auch meine Kinder (falls er welche hat, die des Unterrichts bedürfen) anvertraue, nicht auch eben so gut wie mich selbst für den Herrn aller meiner übrigen Güter halten wollte. Indessen muß doch etwas Bestimmtes zwischen uns ausgemacht werden; wiewohl ich sehe, wie sehr Bescheidenheit und Genügsamkeit deinen Charakter auszeichnet, und wiewohl ich recht gut weiß, daß du nicht in Hoffnung auf Geldgewinn, sondern aus reinem Verlangen nach meinem Wohlwollen und angezogen von der Hochachtung, die dir hier von Allen zu Theil wird, in unser Haus gekommen bist – gleichwohl soll etwas Bestimmtes ausgemacht werden. Sage nun selbst, was du verlangst; vergiß aber dabei nicht, mein Bester, die Geschenke in Anschlag zu bringen, mit welchen ich das ganze Jahr hindurch an jedem festlichen Tage, wie sich von selbst versteht, mich einstellen werde. Ich werde es an diesem Punkte durchaus nie fehlen lassen, wenn wir auch vor der Hand Nichts über denselben festsetzen. Du weißt aber selbst, wie viele dieser Gelegenheiten im Laufe eines Jahres eintreten. In Hinsicht auf diesen Umstand also wirst du deine Anforderung, wie ich denke, um so mäßiger einrichten, zumal da es euch gelehrten Herren ohnehin wohl ansteht, über Geldrücksichten erhaben zu seyn.“

[460] 20. Mit solchen Worten ungefähr wird er dich in deinen Hoffnungen gewaltig wankend machen, und dich dahin zu bringen wissen, daß du leichter zu behandeln bist. Du hattest von Talenten und Zehentausenden, von Landgütern und Dörfern geträumt: nun merkst du nachgerade, daß der Mensch ein Filz ist. Gleichwohl nimmst du seine Versprechungen mit Devotion an, und hältst das Wort: „Alles soll zwischen uns gemeinschaftlich seyn,“ für zuverläßig und gewiß, ohne zu bedenken, daß dergleichen Zusagen

Nur die äußersten Lippen, und nicht den Gaumen dir netzen.[15]

Endlich, weil du dich zu fordern schämst, überlässest du es ihm selbst, Etwas zu bestimmen. Er erklärt, Dieß in keinem Falle thun zu wollen, fordert aber einen der anwesenden Freunde auf, in’s Mittel zu treten und einen Vorschlag zu machen, nach welchem weder ihm, der noch viele andere und nöthigere Ausgaben habe, eine zu schwere Forderung auferlegt, noch dir eine zu geringe Belohnung geboten werde. Dieser Freund nun, ein alter Fuchs, von Jugend auf in den Künsten der Augendienerei geübt, nimmt das Wort und sagt: „du wirst wohl nicht läugnen wollen, mein Bester, daß kein glücklicherer Mann in ganz Rom ist, als du, dem ein Glück zufiel, das von den Vielen, die noch so eifrig darnach streben, immer noch Wenigen zu Theil werden wird, ich meine die Ehre, der Gesellschafter und Tisch- und Hausgenosse eines der ersten Römischen Großen geworden zu seyn. Wahrhaftig, das muß dir, wenn du vernünftig bist, mehr gelten, als [461] die Talente eines Crösus und alles Gold des Midas. Ich kenne viele namhafte und angesehene Männer, welche die bloße Ehre, im Umgange deines Gönners zu leben, und als seine Freunde öffentlich zu erscheinen, gerne mit vielem Gelde erkauften. Da du nun für ein so großes Glück sogar noch bezahlt werden sollst, so finde ich in der That nicht Worte, um dir zu sagen, wie wohl dir das Schicksal gewollt hat. Wenn du also kein gemeiner Mensch, dem es nur um’s Verprassen zu thun ist, seyn willst, so glaube ich, du begnügst dich mit – –“ und da nennt er denn die erbärmlichste Kleinigkeit, zumal wenn du sie mit deinen großen Erwartungen vergleichst.

21. Allein, was ist zu thun? Du bist nun einmal im Garne, und kommst nicht wieder los; also mußt du zufrieden seyn mit Dem, was dir geboten wird, und dir das Gebiß willig in’s Maul legen lassen. Und da der Zaum anfangs nur ganz sachte angezogen wird, und noch keine scharfen Sporen fühlbar werden, so bist du ganz gefügig und lenksam, bis du unvermerkt dich völlig an diesen Zwang gewöhnt hast. – Die Leute außerhalb der Schranken aber, in welche du getreten bist, beneiden dich um die Nähe des Großen, in welcher du lebst, und um das Glück, dort aus- und einzugehen, und ein Mitglied seines vertrautesten Cirkels geworden zu seyn. Du siehst zwar selbst noch nicht recht ein, warum man dich für so glücklich hält; doch freust du dich darüber, und suchst dich selbst mit der Einbildung zu hintergehen, es werde mit der Zeit schon besser kommen. Aber, Freund, von Allem, was du hoffest, geschieht gerade das Gegentheil: es geht dir, [462] nach dem Sprüchwort, wie dem Opfer des Mandrabulus,[16] das heißt, mit jedem Tage schlechter; und mit jedem Schritte kommst du weiter zurück.

22. Allgemach dämmert die Wahrheit dir auf, und du beginnst einzusehen, daß jene schimmernden Hoffnungen nicht als goldfarbige Saifenblasen waren; und daß hingegen die wirklichen Beschwerden, die du dir aufgeladen, eben so lästig als unvermeidlich und anhaltend sind. Du wirst mich fragen, welche Beschwerden das seyen, und wirst mir gestehen, nicht zu begreifen, wie mit einem solchen Verhältnisse Mühseligkeiten und unerträgliche Lasten verbunden seyn können. Wohlan, mein Lieber, suchen wir also das Mühselige dieser Lage auf, und nicht blos Das, sondern auch das Schmähliche, Niederträchtige, mit Einem Wort, das Knechtische derselben – ein Punkt, bei welchem mit besonderer Aufmerksamkeit zu verweilen ist.

23. Wisse also für’s Erste, daß du mit dem Eintritt in ein solches Haus, in dessen Dienstbarkeit du dich verkauft hast, aufhören mußt, dich für einen freien Mann von guter Herkunft zu halten. Alle jene Rechte, welche deine freie Geburt und das Ansehen deiner Vorältern dir geben, mußt du vor der Schwelle lassen: denn Eleutheria[17] würde es verschmähen, [463] dich an einen Ort zu begleiten, wo eine so unwürdige und erniedrigende Behandlung deiner wartet. Es ist nun einmal nicht anders – und hörtest du das Wort noch so ungerne – du wirst ein Sclave seyn, und nicht bloß Eines Herren, sondern vieler Herren Sclave; wirst Knechtsdienste thun mit gekrümmtem Rücken von Morgen bis an den Abend,

– – gedungen für schmähliche Löhnung.[18]

Und da du in der Knechtschaft nicht aufgewachsen bist, sondern in deinem bereits vorgerückten Alter von ihr in die Schule genommen wirst, so kann es nicht fehlen, dein Herr erhält nicht einmal eine günstige Meinung von deiner Brauchbarkeit, und wird nur einen geringen Werth auf dich legen. Denn Was dich untüchtig macht, ist, daß dir von Zeit zu Zeit deine freie Geburt wieder einfällt: du stellst dich dann zuweilen ungeberdig, und eben darum fällt dir deine Sclaverei nur um so unerträglicher. Es wäre denn, daß du meintest, zur Freiheit gehöre bloß, keinen Pyrrhias oder Zopyrion[19] zum Vater zu haben, und nicht wie ein gemeiner Bithynischer Knecht von einem Ausrufer mit lautem Geschrei ausgeboten worden zu seyn. Allein, wenn der Zahltag da ist, und mein Freund steht in Mitten der Pyrrhiasse und Zopyrionen, und streckt nicht anders als die übrigen Sclaven seine Hand aus, um seinen Monatslohn in Empfang zu nehmen: wie da, mein Lieber? Heißt das nicht etwa sich selbst [464] verkaufen? Eines Ausrufers bedurfte Der freilich nicht, welcher sich selbst ausgeboten, und so lange schon um einen Herrn geworben hat.

24. Wie? Ehrvergessener (möchte ich alsdann sagen, um so mehr, da du ein Philosoph seyn willst), wenn du an Bord eines Schiffes in Feindes Hand gerathen oder von einem Seeräuber gefangen und verkauft würdest, wie würdest du jammern und über das Unrecht klagen, das dir widerführe? Oder wenn Einer dich ergreifen, und unter dem Vorgeben, du wärest sein Sclave, von dannen führen wollte, wie würdest du in Harnisch gerathen, wie würdest du über Gewalt schreien, mit wie lauter Stimme Himmel und Erde zu Zeugen, und die Gesetze zur Rache aufrufen! Und du selbst in einem Alter, in welchem der geborne Sclave anfängt, um seine Freilassung sich zu bemühen, hast dich sammt deiner Tugendwissenschaft und Weisheit um ein Paar Obolen verhandelt? So wenig also achtest du der Lehren des herrlichen Plato, des Chrysipp und Aristoteles, die stets dem edlen Freisinn das Wort gesprochen, die Verwerflichkeit der knechtischen Denkart gezeigt haben? Du schämst dich nicht, in den Reihen der Schmeichler, Tagdiebe und Schmarotzer zu erscheinen, in deinem Griechischen Philosophenmantel mitten unter dem Römer-Schwarme seltsam abzustechen, ein klägliches Latein zu radebrechen, und an lärmenden Tafeln mit einer Menge von Leuten zu speisen, die zum größten Theile hergelaufenes Gesindel und schlechte Bursche sind? Ist dir’s nicht eine Last, bei solchen Gelagen den Leuten schöne Worte sagen, und über die Gebühr trinken zu müssen, des Morgens aber, [465] in aller Früh, sobald das Zeichen[20] gegeben wird, aufzuspringen, des angenehmsten Traumes dich zu entschlagen, und, ohne dir auch nur Zeit zum Waschen zu nehmen, Treppe auf und ab zu rennen? Sind denn die Feigbohnen so rar geworden und der gemeine Ackerkohl, und ist das frische reine Quellwasser ausgegangen, daß du in der Noth zu einem solchen Mittel, dich fortzubringen, greifen mußtest? Oder ist es nicht vielmehr handgreiflich, daß es dir nicht um Wasser und Feigbohnen, sondern um köstliche Gerichte, und leckeres Backwerk und duftende Weine zu thun ist? Da geschieht es dir denn vollkommen recht, wenn dir der Angelhaken, wie einem gefräßigen Hecht, den lüsternen Rachen zerrissen hat. Dieser Leckerhaftigkeit folgt die Strafe auf dem Fuße nach: denn nun dienst du, wie ein Affe mit einem Halsband um den Nacken, den Leuten zum Gelächter. Du selbst zwar meinst es gut zu haben, weil es Feigen genug zum Naschen gibt; aber Freiheit und edles Selbstgefühl und das Andenken an deine ante Herkunft und deine ehemaligen Freunde und Verwandte ist dahin: und dieser Dinge wird hinfort nicht mehr gedacht.

25. Uebrigens könnte man sich noch zufrieden geben, wenn mit dieser Lage bloß die Unehre verbunden wäre, für einen Sclaven angesehen zu werden: allein auch die Dienste, die man dir zu thun auferlegt, sind die des gemeinsten Knechtes. Oder sieh’ einmal, ob Das, was dir zu besorgen zugemuthet wird, um ein Haar besser ist als die Verrichtungen [466] eines Dromo und Tibius? Denn die Liebe zu den Wissenschaften und gelehrten Kenntnissen, um deren willen der große Herr dich in’s Haus zu nehmen vorgab, macht ihm die wenigste Sorge. Wie kämen auch ein Esel und eine Cither zusammen? So Einer wäre mir wohl auch der Mann, der sich über dem eifrigen Studium von Homer’s hoher Kunst, oder des Demosthenes Rednerkraft, oder Plato’s großartigen Ideen abmagerte! Nimm die Gold- und Silbersucht und das ängstliche Sorgen um dergleichen Dinge aus seiner Seele, und was übrig bleibt, ist Eitelkeit, Schwäche, Genußsucht, Lüderlichkeit, unverschämter Muthwille und gemeine Unwissenheit. Und zu diesem Allem braucht er dich freilich nicht. Allein da du einen sehr ansehnlichen Philosophenbart und ein ehrwürdiges Gesicht hast, auch deinen Griechischen Mantel in wohlgeordneten Falten trägst, und man dich allgemein als einen Grammatiker, Rhetoriker oder Philosophen kennt, so däucht es ihm zweckmäßig, dich unter sein Gefolge zu stecken, um auch einen Gelehrten zu haben. Denn so wird man ihn, denkt er, für einen Freund Griechischer gelehrter Bildung, und überhaupt für einen Verehrer des Wahren und Schönen halten. Ist es also nicht, mein Freund, du habest nicht deine hohe Wissenschaft, sondern nur deinen Bart und deinen Mantel vermiethet? Aus diesem Grunde darfst du dich nie von seiner Person entfernen, um den Leuten als sein steter Begleiter aufzufallen: von dem Frühesten des Morgens an mußt du zu diesem Schaudienste dich hergeben, und darfst deinen Posten keinen Augenblick verlassen. Bisweilen fällt es ihm ein, dir die Hand zu reichen, und den nächsten besten Unsinn, der ihm auf die Zunge kommt, an dich hinzuschwatzen, damit [467] die Vorübergehenden denken sollen, der vornehme Herr könne nicht einmal auf der Straße seine gelehrten Studien vergessen, und wisse auch die Muße des Spazierengehens zu einem löblichen Zwecke zu verwenden.

26. Und so mußt du, armer Freund, bald im Trab, bald im Schritt bergauf und bergab (denn so ist die Lage der Stadt beschaffen, wie du weißt), schwitzend und keuchend überallhin nebenher laufen:[21] und während er mit dem Freunde, den er besucht, ein Langes und Breites sich unterhält, stehst du (denn ein Sitz wird dir nicht gereicht) im Vorzimmer, ziehst ein Buch heraus, und fängst vor Langerweile zu lesen an. So kann die Nacht herbeikommen, ehe du einen Bissen zu essen oder Etwas zu trinken bekommen hast: nun mußt du noch in aller Eile und ganz zur Unzeit ein Bad nehmen, um doch wenigstens noch vor Mitternacht bei der Tafel zu erscheinen. Aber nun ist es nicht mehr wie das Erstemal, wo man dich in Ehren hielt, und wo die Augen aller Anwesenden auf dich gerichtet waren: jetzt, wenn irgend ein neuer Gast kommt, so heißt es: Platz gemacht! Am Ende wirst du in den äußersten Winkel des Saales gedrängt, wo sich Jeder zu sitzen schämen würde: dort bist du ein bloßer Zuschauer, wie die Schüsseln in die Runde gehen; denn bis sie an dich kommen, enthalten sie höchstens noch ein Paar Knochen, die du benagen darfst, oder hie und da ein leeres Malvenblatt, in welches irgend ein guter Bissen gewickelt gewesen war, und welches du aus Heißhunger ableckest, während es deine Vorgänger aus Verachtung liegen [468] ließen. – Aber die verächtliche Behandlung, die du hier erfährst, erstreckt sich auf alle Theile: nicht einmal ein ganzes Ey läßt man dir zukommen (versteht sich; es muß ja gar nicht seyn, daß du von Allem habest, was Gästen und Fremden vorgesetzt wird: Dieses zu verlangen, würde dir für eine undankbare Anmaßung ausgelegt werden). Werden z. B. Hühner aufgetischt, so wird das Schwerste und Fetteste dem Herrn des Hauses vorgelegt, und du erhältst entweder das Kleinste zur Hälfte, oder gar, um die Beleidigung noch auffallender zu machen, eine zähe Holztaube. Und wenn, was nicht selten geschieht, während der Mahlzeit ein weiterer Gast eintritt, für den es nicht reichen würde, so nimmt ein Diener, was dir vorgesetzt war, ohne Weiteres weg, indem er dir in’s Ohr flüstert: „du gehörst ja zum Hause“; und eilt damit an den Platz des Neuangekommenen. Gibt es endlich ein Wildferkel oder einen Hirschbraten zu vertheilen, so mußt du an dem Vorleger einen ganz besonders guten Freund haben, wenn du nicht, wie weiland Jupiter von Prometheus, mit Knochen und etwas Fett darüber, abgespeist werden sollst. Und daß nun die Schüssel vor deinem Vormann so lange stehen bleibt, bis er sich über Genüge versehen hat, bei dir hingegen so schnell als möglich vorbeieilt – sollte das nicht einen Mann von guter Herkunft, und wenn er auch nicht mehr Galle als eine Hirschkuh hätte, auf’s Aeußerste empören? Noch habe ich dir nicht gesagt, daß, während die Uebrigen einen sehr angenehmen und alten Wein trinken, du allein mit einem schlechten und trüben vorlieb nehmen mußt. Du hast also immer darauf bedacht zu seyn, ein goldenes oder silbernes Trinkgefäß zu bekommen, damit nicht die Farbe [469] deines Weines verrathe, was für ein gering geachteter Gast du bist. Doch, möchte dein Getränke auch noch so schlecht seyn, wenn du wenigstens nur nach Durst davon bekämest! So aber fordere einmal um das andere, der Bediente ist

– – – dem nichts Vernehmenden ähnlich.[22]

27. Vieles also, ja man kann sagen Alles an einer solchen Tafel wird für dich zur Quelle des Verdrusses: doch kränkender noch als alles Bisherige muß es dir seyn, wenn einem verdorbenen Jungen, der zu schändlichen Diensten sich hergibt,[23] einem Tanzmeister oder einem lüderlichen Bürschchen aus Alexandrien, der Ionische Buhlerliedchen zu singen weiß, weit mehr Ehre angethan wird, als dir. Aber wie könntest du auch eine Auszeichnung verlangen, die nur Leuten zu Theil wird, welche so verführerische Talente haben und geheime Liebesbriefchen so geschickt zuzustecken wissen.[24] Du drückst dich also vor Scham und Unmuth in den äußersten Winkel des Saales, seufzest über dein Mißgeschick und klagst die Glücksgöttin an, daß sie dir von der Gabe zu gefallen auch nicht das Mindeste beschieden. Wie gerne wolltest du, denke ich, solche Liebesliedchen verfertigen, oder wenigstens die Gabe besitzen, die von Andern verfertigten artig abzusingen? Denn daß nur durch solche Dinge Beifall und Geltung erworben wird, ist dir nun deutlich genug geworden. Ja, es käme dir nicht darauf an, wenn es seyn müßte, sogar die Rolle eines Zauberkünstlers oder eines der [470] Wahrsager zu spielen, welche reiche Erbschaften, hohe Ehrenstellen und unermeßliche Reichthümer versprechen. Denn du siehst, wie gut es solchen Leuten in den Häusern der Großen geht, und wie sehr sie dort in Ehren gehalten werden. Allein, so gerne du auch Einer von Jenen seyn wolltest, nur um nicht gänzlich für ein unnütz Geräthe zu passiren – du hast nun einmal das Unglück, nicht einmal für eine solche Rolle das hinlängliche Talent zu besitzen. Und so bleibt dir nichts übrig, als in aller Demuth dich hintansetzen zu lassen, und dein Loos in der Stille zu beklagen.

28. Denn wenn es zum Beispiel einem der Sclaven einfällt, dem Herrn zuzuflüstern, du wärest der Einzige gewesen, der seinen Beifall über das Tanzen oder Citherspiel des kleinen Lieblings der Frau nicht zu erkennen gab, so könnte Das nicht gut ablaufen. Du mußt also, obwohl durstiger als ein Frosch auf dem Trockenen, alle Uebrigen mit deinem Beifallsgeschrei ausstechen, und sogar oft, wenn die Andern stille geworden sind, eine studirte Lobrede hinten nach folgen lassen, wobei die Schmeicheleien nicht gespart werden dürfen. – Da sitzest du nun, ein lächerlicher Gast, fürwahr! duftest von Wohlgerüchen, bist mit Blumen bekränzt; aber zu essen und zu trinken bekommst du – Nichts. Du machst eine Figur, wie der Grabstein eines kürzlich Verstorbenen, dem das Todtenmahl dargebracht wird: man besalbt ihn, man bekränzt ihn, aber Wein und Speisen behält man für sich.

29. Ist vollends der Herr vom Hause eifersüchtig, und hat schöne Kinder oder eine junge Frau, und du bist nur nicht gar von allen Grazien verlassen, so ist das ein sehr mißlicher Umstand, der den Unfrieden bald genug herbeiführen [471] wird. Große Herren haben der Ohren und Augen gar zu viele, und Augen, die nicht blos sehen, was wirklich ist, sondern, um zu zeigen, daß sie nie schlummern, noch mehr, als das, gesehen haben wollen. Es muß dir also seyn, als befändest du dich an der Tafel eines Persischen Großen: du mußt mit immer niedergeschlagenen Augen dasitzen, aus Furcht, einer der Verschnittenen möchte einen Blick erlauschen, den du auf eine der Beischläferinnen des Herrn wärfest, und ein Zweiter, der schon mit gespanntem Bogen in Bereitschaft steht, möchte den frevelhaften Blick mit einem Pfeilschuß in deinen Backen, während du trinkest, bestrafen.

30. Die Tafel wird aufgehoben, du entfernst dich, schläfst ein wenig; aber mit dem ersten Hahnenruf wachst du wieder auf, und nun gehen deine Klagen an: “Ach ich armer, bejammernswürdiger Mensch! Warum verließ ich mein früheres angenehmes Leben, meine Studien, meine Muße, meine Freunde, die goldene Freiheit, zu gehen wie und wohin ich wollte, und zu schlafen, so lange ich Lust hatte! warum entsagte ich diesem Allem, um mich selbst in diesen Abgrund zu stürzen! Und Was ist mir dafür geworden, ihr Götter! Wo ist denn nun mein glänzender Lohn? Könnte ich nicht Alles, was ich hier habe, und noch weit mehr als Das, auch auf andere Weise erwerben, und dabei meine Freiheit und Unabhängigkeit bewahren? Nun bin ich, wie das Sprüchwort sagt, der Löwe am Zwirnfaden, der sich nach Belieben hin und her ziehen lassen muß. Und was mein Ungemach vollendet: ich weiß mich eben so wenig in Ansehen zu setzen, als beliebt und gefällig zu machen. Denn in den Künsten, welche zu diese Zwecke führen, bin ich ein Stümper gegen die [472] Leute, die sich ein besonderes Geschäft daraus machen. Mein Aeußeres ist nichts[WS 1] weniger als einnehmend; ein lustiger Geselle bei’m Trinkgelage bin ich nicht und kann es nicht seyn; und ich merke nur gar zu wohl, wie oft mein Anblick dem Herrn wirklichen Widerwillen erregt, zumal wenn ich angenehmer seyn will, als mir gegeben ist. Ich gelte ihm nun einmal für einen sauertöpfischen Menschen; und ich weiß nimmermehr, wie ich es angehen müßte, um für ihn zu passen. Bleibe ich ernst, wie es in meiner Art ist, so findet man mich ungenießbar, um nicht zu sagen, abscheulich. Nehme ich hingegen eine lächelnde Miene an, und suche möglichst gefällige Züge in mein Gesicht zu legen, so komme ich ihm so verächtlich und widerwärtig vor, daß er mich anspeien möchte: und mein Benehmen ist auch wirklich nicht anders, als wenn Einer eine komische Rolle in einer tragischen Maske spielen wollte. Und am Ende, welches andere Leben hoffe ich Thor mir selbst zu leben, wenn ich dieses gegenwärtige an einen Andern verkauft habe?“

31. Unter diesem Selbstgespräch vernimmst du das Zeichen zum Aufstehen, und nun geht die Reihe deiner Dienstverrichtungen von vorne an: du mußt wieder herumlaufen und stehen, und darfst, wenn du in diesen Strapazen ausdauern willst, ja nicht vergessen, dir zuvor Hüften und Kniekehlen tüchtig einzuschmieren. Abends bei Tafel ist es wieder wie gestern, und dauert wieder so lange wie gestern. Diese, von deiner frühern so sehr verschiedene, Lebensweise, der Mangel an Schlaf, das viele Schwitzen und die tägliche Abmattung untergraben allmählig deine Gesundheit: es bildet sich entweder eine Auszehrung, oder die Lungensucht [473] oder der Gliederschmerz, oder gar das liebe Podagra. Doch hältst du aus, so lange du kannst; und so nöthig es oft wäre, daß du dich zu Bette legtest, so ist dir doch nicht einmal Dieß vergönnt. Man wurde es für eine erheuchelte Krankheit halten und meinen, du wolltest dich deinen Pflichten entziehen. Alles Das macht, daß du beständig blaß bist, und einem Halbtodten ähnlicher, als einem Lebenden, siehst.

32. So ist das Leben in der Stadt beschaffen, mein Freund. Von den Auftritten aber, die du zu erwarten hast, wenn es auf die Reise geht, will ich nur einen einzigen erwähnen. Es regnet heftig; du bist der Letzte, an den die Reihe, abzufahren, kommt – denn es ist nun schon einmal dein Loos, überall der Letzte zu seyn – du siehst und wartest, bis am Ende keine Gelegenheit zum Fahren mehr für dich da ist: da packt man dich mit dem Koch oder dem Haarkräusler der Frau vom Hause zusammen, ohne dir auch nur ein erträgliches Lager von Laub unterzustreuen.

33. Ich kann mich hier nicht enthalten, dir ein lächerliches Abenteuer zu erzählen, welches dem Stoiker Thesmopolis, wie ich aus seinem eigenen Munde habe, begegnete, und das in der That eben so gut jedem Andern in dieser Lage begegnen konnte. Er war als gelehrter Hausfreund bei einer reichen Frau angestellt, die unter sehr großem Aufwand eines der ansehnlichsten Häuser der Stadt machte. Einst wurde auf’s Land gefahren, und gleich die erste Neckerei, die er erfuhr, war, daß sich neben ihn, den ehrwürdigen Philosophen, ein Cinäde, eine der unmännlichsten Creaturen, setzen mußte. Dieser Cinäde galt, wie du dir vorstellen kannst, sehr viel bei der vornehmen Frau, und führte den Namen [474] Chelidonion [Schwälbchen, ein Hetärenname]. Nun denke dir den griesgrämigen, graubärtigen Alten (du kennst ja den Thesmopolis mit seinem ehrwürdigen langen Barte), was der für eine Figur neben dem geschminkten und bemalten weibischen Burschen machte, der immer den Kopf, wie eine freche Dirne, hin und herwarf, und bei’m Herkules! eher einem Geier, dem man die Barthaare um den Hals ausgerauft hat, als einer Schwalbe ähnlich sah. Und hätte ihn Thesmopolis nicht auf’s Inständigste gebeten, so hätte er sich mit einer Weiberhaube auf dem Kopfe neben unsern Philosophen auf den Wagen gepflanzt. Den ganzen Weg über ward er ihm mit seinem unaufhörlichen Trillern und Zwitschern beschwerlich, und nur mit Gewalt hatte er ihn zurückhalten können, daß er nicht auf dem Wagen zu tanzen anfing. Allein noch etwas weit Schlimmeres ward dem guten Alten aufgeladen.

34. Die Herrin ließ ihn zu sich rufen, und sprach zu ihm: „lieber Thesmopolis, du könntest mich recht sehr verbinden – ich hätte eine große Bitte an dich – aber nicht wahr, du schlägst mir’s nicht ab, und lässest dich nicht lange bitten?“ Natürlicherweise erbietet sich Thesmopolis zu allen Diensten. „Nun siehst du,“ fährt seine Gebieterin fort, „ich weiß, daß du ein gutgesinnter, sorgsamer und liebreicher Mann bist. Daher bitte ich recht schön, nimm hier mein Hündchen, die Myrrhina, zu dir in den Wagen, und gieb mir doch ja auf sie Acht, daß es ihr an Nichts fehle. Sie ist trächtig, das arme Geschöpf, und ihre Zeit ist ganz nahe. Die ungehorsamen Schlingel da, die Bedienten, machen sich ja aus mir selbst nicht viel unter Weges: wie viel weniger werden sie sich um das arme Thierchen bekümmern? Glaube [475] mir also, du wirst mir keinen kleinen Gefallen thun, wenn du das allerliebste Hündchen, das mir so sehr am Herzen liegt, in deine Obhut nehmen willst.“ Daß sie ihre Bitten nicht noch mit Thränen begleitete, war Alles; und so konnte Thesmopolis nicht anders, als ihr versprechen, es zu thun. Das war denn die lustigste Scene von der Welt, wie das Hundegesichtchen aus seinem Mantel unter dem langen Barte hervorguckte, während der gute Mann einmal um das andere angepißt wurde (ein Umstand, dessen er freilich nicht erwähnte), und wie es nach Maltheser-Art mit seinem hellen Stimmchen belferte, und den Philosophen-Bart beleckte, an welchem vielleicht hier und da noch einige Spuren von der gestrigen Abendmahlzeit hängen geblieben waren. Sein Reisegefährte, der Cinäde, der gewöhnlich über der Tafel seine lustigen Einfälle auf Kosten der Gäste preisgab, ergriff nun die nächste Gelegenheit, seinen Witz auch an Thesmopolis auszulassen, indem er sagte: „An Thesmopolis habe ich weiter Nichts auszusetzen, als daß er uns neulich aus einem Stoiker ein Cyniker [Hundephilosoph] geworden ist. Man sagt sogar, die Hündin hätte in seinem Philosophen-Mantel Junge geworfen.“

35. Solcher Muthwille, oder vielmehr Uebermuth wird mit den guten Hausgelehrten getrieben, die man allmählig daran gewöhnt hat, sich Alles gefallen zu lassen. Ich kenne einen gewissen Rhetor, einen Mann von Geist, der einst aufgefordert wurde, über der Tafel eine Rede aus dem Stegreif zu halten. Er that es; und, wirklich war sein Vortrag nichts weniger als ungeschickt, sondern im Gegentheil sehr kraftvoll und gediegen. Als er zu Ende war, ertönte lauter Beifall, [476] nicht wegen der Rede selbst, sondern weil man sie, statt mit Wasser, mit einem Eimer Wein gemessen hatte.[25] Und dieses Wagestückchen mußte er, wie es heißt, um den Preis von zweihundert Drachmen[26] sich zumuthen lassen. Doch solche Späße möchten noch immer hingehen. Aber wenn der reiche Herr selbst ein Dichter oder Geschichtschreiber seyn will, und seine Produkte über der Tafel herdeklamirt, dann gilt es, zu loben, Alles herrlich zu finden, auf immer neue Wendungen der Schmeichelei zu sinnen, und wenn man darüber bersten möchte. Manche sind unter ihnen, die ihrer Schönheit wegen bewundert seyn wollen; einen solchen Gecken mußt du einen Adonis oder Hyacinth schelten, wenn er gleich eine ellenlange Nase hätte. Denn unterließest du deine Lobsprüche, so würde dieß als ein Beweis von Neid und gefährlichem Widerwillen gegen deinen Herrn angesehen werden, und du hättest das Schicksal eines Philoxenus zu gewarten.[27] Fällt es einem Solchen ein, Philosoph oder Redner seyn zu wollen, so muß man ihn dafür passiren lassen; und so viele Sprachschnitzer er begehen mag, so ist doch Alles, was er spricht und schreibt, voll Attischer Feinheit und Hymettischen Honigs, und so, wie er, zu sprechen und zu schreiben, muß hinfort Gesetz seyn.

[477] 36. Gleichwohl könnte dieses Alles, wenn es nur bei den Männern statt fände, noch erträglich gefunden werden. Allein es gibt auch Frauen, die sich viel damit wissen, einen Gelehrten im Solde zu haben, und neben ihrer Sänfte hergehen zu lassen. Denn auch darin glauben sie ein Mittel, zu gefallen, gefunden zu haben, wenn es von ihnen heißt, sie wären hoch gebildet, wären Freundinnen der Philosophie und machten Gedichte, die denen der Sappho um Weniges nachstünden. Daher führen auch sie ihre Rhetoren, Grammatiker und Philosophen mit sich. Was aber das Lustigste ist, so hören sie die Vorträge ihrer Gelehrten nur am Putztische, und während sie sich die Haare flechten lassen, oder über der Tafel an: denn sonst haben sie keine Zeit. Da kann es denn oft der Fall seyn, daß, während der Philosoph in einer moralischen Abhandlung begriffen ist, eine Zofe eintritt und der Gebieterin ein Briefchen ihres Geliebten einhändigt: nun muß der Sittenlehrer stehen und warten, bis diese ihrem Buhlen eine Antwort geschrieben; und dann erst hüpft sie wieder herbei, um die Tugendpredigt vollends anzuhören.

37. Sind denn endlich nach langem Harren die Saturnalien oder großen Quinquatrien [das Minervenfest] herangerückt, und es soll dir irgend ein armseliges Oberkleid oder eine halbdurchsichtige Tunika zum Geschenke gebracht werden, so wird wegen der Kleinigkeit ein großes und gewaltiges Aufhebens gemacht. Zuerst kommt Einer, der im Vorbeigehen gehört hat, wie der Herr zu Rathe ging, was er dir geben sollte: er ist eiligst herbeigelaufen, um dir diese angenehme Nachricht zu bringen, und – sein reichliches Trinkgeld zu holen. Am Morgen des Festtages erscheinen dann wenigstens [478] ihrer Dreizehen mit dem Geschenke selbst, und Jeder derselben weiß dir gar viel zu erzählen, wie manche Worte er deswegen habe verlieren, wie oft den Herrn daran erinnern müssen; Jeder will Der gewesen seyn, dem der Auftrag ward, ein Kleid für dich auszulesen, und der das schönste dir ausgesucht habe. Alle gehen also beschenkt davon, und gleichwohl brummen sie im Abgehen, du hättest ihnen zu wenig gegeben.

38. Was deinen Gehalt betrifft, so wird er dir in ganz kleinen Portionen, zu zwei oder vier Obolen, ausgezahlt, die du aber nicht fordern darfst, indem dir Dieß als lästige Zudringlichkeit aufgerechnet würde. Um also doch Etwas zu erhalten, mußt du dich zuerst bei dem Herrn selbst auf’s Schmeicheln und Bitten legen, sodann dem Haushofmeister recht schön thun, was wieder eine ganz neue Art von Kriecherei erfordert. Eben so wenig darfst du irgend einen der alten Hausfreunde und Rathgeber deines Herrn vernachlässigen. Und Was du endlich auf diese Art erhältst, bist du inzwischen längst dem Kleidertrödler, Schuster oder dem Arzte schuldig geworden, und so bist du um Nichts reicher, als ob du gar Nichts bekommen hättest.

39. So wenig beneidenswerth aber diese deine Lage ist, so ist doch immer die Mißgunst vieler Leute wider dich rege, deren Verläumdungen nachgerade bei dem Herrn ein immer geneigteres Ohr finden, je mehr er sieht, wie dich die unaufhörlichen Mühseligkeiten unbrauchbar zu machen anfangen. Denn es kann nicht fehlen, dieser Sclavendienst reibt dich allmählig auf, du wirst kraftlos und lahm, das Podagra beschleicht dich unvermerkt. Die Blüthen und Früchte deiner [479] besten Jahre hat er gepflückt, deine brauchbarsten Kräfte hast du in seinem Dienste verzehrt; und da du nun, einem abgetragenen und halbzerfetzten Gewande gleich, zu Nichts mehr gut bist, sieht er sich um, in welchen Schmutzwinkel er dich werfen wolle, um einen Andern, der jene Mühseligkeiten besser aushalten kann, anzunehmen. Da bedarf es denn bloß irgend einer aus der Luft gegriffenen Beschuldigung, zum Beispiel, du, alter Mann, hättest einen Knaben vom Hause verführt, oder ein Zöfchen der Frau um ihre Unschuld bringen wollen – Dieß ist genug, um dich bei Nacht und Nebel über Hals und Kopf zum Hause hinaus zu werfen. Da stehst du nun, rathlos und von aller menschlichen Hülfe verlassen, altersschwach und obendrein mit einem vortrefflichen Podagra belastet; all dein früheres Wissen hast du in dieser langen Zeit allgemach verlernt; du schleppst dich mit einem ungeheuern Hängebauch und einem weiten Magen, den du weder füllen, noch mit guten Worten abspeisen kannst;[28] und dein Gaumen, der nach wie vor seine gewohnten Forderungen macht, ist gewaltig unzufrieden mit den Entbehrungen, die er lernen soll.

40. Einen neuen Herrn, der dich in sein Haus nehme, findest du nicht: denn du stehest bereits in den Jahren, wo man dich mit einem alten Pferde vergleichen möchte, an dem nicht einmal die Haut mehr zu gebrauchen ist. Zudem hat die Verstoßung aus jenem Hause gar sehr deinem guten Rufe geschadet; und, wie man immer gerne das Schlimmere vermuthet, so heißt es, du wärest ein Ehebrecher, ein Giftmischer [480] und dergl. Dein Ankläger findet allen Glauben, ehe er noch ein Wort gesprochen hat. Du bist ja ein Grieche, also ein Mensch ohne Charakter und zu jedem Schurkenstreiche fähig. Denn diese Meinung haben sie zu Rom nun einmal von uns Allen gefaßt; und in der That, es ist ihnen eben nicht so sehr zu verdenken. Wirklich glaube ich der Ursache des übeln Rufs, in welchem wir bei ihnen stehen, auf den Grund gekommen zu seyn. Es sind der Griechen gar zu Viele, welche sich, weil sie nichts Tüchtiges gelernt haben, in die Häuser der Reichen einschleichen, mit dem Vorgeben, sie verstünden sich auf’s Wahrsagen, Zaubern und Giftmischen, und besäßen die Kunst, in geliebten Personen Gegenliebe zu erwecken, so wie den Feinden alles Unheil auf’s Haupt zu senden. Diese Menschen nennen sich Gelehrte, kleiden sich in die Tracht der Philosophen, und wissen sich mit ihren langen Bärten ein besonderes ehrwürdiges Ansehen zu geben. Ist es nicht Wunder, wenn nun die Römer von allen Griechen eine gleich üble Meinung bekommen, da sie Diejenigen, welche sie für die Weisesten und Besten unter Allen hielten, als so schlechte Bursche kennen lernen, zumal wenn sie die verworfene Schmeichler- und Schmarotzer-Natur Derselben, die sich an der Tafel und bei allen andern Gelegenheiten kund thut, und ihre sclavische, nur auf den Gewinn erpichte, Sinnesart beobachten?

41. Daß sie aber Diejenigen, welche sie aus ihren Häusern stießen, ganz besonders hassen, und, wenn sie können, auf alle Weise zu verderben suchen, ist wohl sehr begreiflich. Denn sie können sich vorstellen, daß Menschen, von denen sie so genau gekannt, so oft in ihrer ganzen Blöße gesehen worden [481] sind, alle die geheimen Schwächen ihrer Natur unter die Leute bringen werden. Das ist’s, was sie ängstigt. Diese Herren gleichen insgesammt jenen prächtigen Bücherrollen, die mit goldenen Knöpfen und auf der Außenseite in der schönsten Purpurfarbe prangen; öffnet man sie aber, was findet man? des Thyestes Geschichte, wie er seine eigenen Kinder verzehrt, oder des Oedipus, wie er mit seiner Mutter Blutschande treibt, oder des Tereus, wie er zwei Schwestern auf einmal nothzüchtigt. Gerade so ist es mit diesen Großen: ihr glänzendes, goldenes und purpurnes Aeußere birgt des Abscheulichen so viel, daß man bei einem Jeden Derselben, wenn man sein Inneres aufrollen wollte, Stoff genug zu einer Euripideïschen oder Sophokleïschen Tragödie fände. Ihr eigenes Bewußtseyn sagt ihnen Dieß; daher ist Jeder, der ihr Haus verlassen hat, und nun vielleicht, weil er sie genau kennt, ihre Jämmerlichkeiten der Welt zum besten gibt, ein Gegenstand ihres Hasses und ihrer Verfolgung.

42. Endlich will ich dir noch, mein lieber Timokles, in der Art des berühmten Leben-Gemäldes von Cebes ein anschauliches Bild von dieser Lebensart entwerfen: ein Blick auf dasselbe wird dir sagen, ob du dich zu ihr entschließen sollst oder nicht. Zwar wünschte ich wohl, daß mir ein Apelles, Parrhasius, Aëtion oder Euphranor bei diesem Geschäfte zur Hand ginge: allein da solche wackere Meister heut zu Tage selten geworden sind, so begnüge ich mich, dir dieß Bild in seinen einfachen Umrissen zu geben.

Denke dir also einen, nicht auf ebenem Boden, sondern auf einem Hügel stehenden Tempel mit einer von hohen Säulen getragenen und von Gold schimmernden Vorhalle. Der [482] Zugang ist mühsam, steil und schlüpfrig, so daß Viele, die schon oben zu seyn glaubten, im letzten Augenblicke noch ausglitten und den Berg wieder herabrollten. Im Innern des Tempels sitzt der Gott des Reichthums, mit Gold ganz überdeckt, recht schön und liebreizend anzusehen. Sein Liebhaber, der mit Mühe endlich die Anhöhe erklommen hat, und nun vor dem Eingange steht, hat den Blick unverwandt und wie bezaubert auf das viele Gold gerichtet. Da faßt ihn die Hoffnung, in Gestalt einer schönen Jungfrau in buntem Gewande, bei der Hand, und führt ihn in’s Innere, wo mit jedem Schritte sein Erstaunen wächst. Dort nehmen ihn, während die Hoffnung immer vor ihm hergeht, zwei andere weibliche Wesen in Empfang, die Täuschung und die Knechtschaft, von denen er sodann dem Genius der Mühe übergeben wird. Dieser läßt den Armen sich tüchtig zerarbeiten, und liefert ihn am Ende, wenn er Gesundheit und gute Farbe verloren hat, an das Alter aus, von welchem ihn die Verachtung in Empfang nimmt, um ihn zuletzt zur Verzweiflung zu treiben. Die Hoffnung hat sich inzwischen unsichtbar gemacht, und er selbst, der arme Betrogene, wird, nicht durch das goldene Portal, wo er hereingekommen, sondern durch ein verstecktes Hinterpförtchen hinausgestoßen. Und wie er nun so draußen steht, nackt, mit einem Hängebauche, seine Blöße mit der Linken deckend, und mit der Rechten sich wie ein Rasender an der Kehle packend, kommt ihm die Reue weinend entgegen, um mit ihren unnützen Vorwürfen den Bejammernswerthen vollends zu vernichten.

[483] Nun denn, mein bester Timokles, betrachte dieses Gemälde Zug für Zug, und frage dich selbst, ob es dir wohl anstünde, zu der vordern Thüre in die Behausung des Reichthums einzutreten, um zur Hinterthüre so schimpflich wieder hinausgeworfen zu werden? Uebrigens – thue was du willst; nur vergiß das weise Wort Plato’s[29] nicht: „die Gottheit ist ohne Schuld; diese liegt in deiner eignen Wahl.“



  1. Nach der Vermuthung von Jakobs: γελοιαστάς.
  2. Frei nach Theogn. v. 179. f.
  3. Des Demosthenes, am Schlusse der dritten olynthischen Rede, S. 35. Ausg. v. Bekker.
  4. M. sehe den Timon 26.
  5. Das Original spricht, more graeco, von einer männlichen Kokette.
  6. Odyss. IX, 94. ff.
  7. Agamemnon.
  8. Il. IX, 325. f.
  9. Im Original steht sprüchwörtlich: „so ist Dieß ein Zeugniß aus Jupiter’s Schreibtafel,“ d. h. ein unumstößliches.
  10. Ein Griechisches Sprüchwort; in unserer Volkssprache ist das ähnliche: Wer Glück hat, dem kalbt ein Ochs.
  11. Iliade III, 156 f.
  12. Διδάσκαλος ist hier für die Griechischen Leser just Das, was für einen Theil der Deutschen: “Herr Magister!“
  13. Das Original sagt: „man wirft sie unter das Bette, um sie von Wanzen bevölkert werden zu lassen.“
  14. Tänzerinnen, Flötenspielerinnen, Sänger, Pantomimen u. dergl.
  15. Iliade XXII, 495.
  16. Mandrabulus aus Samos gelobte der Juno für einen gefundenen großen Schatz ein jährliches reiches Opfer. Im ersten Jahre brachte er ihr ein goldenes Schaf dar, im zweiten ein silbernes, im dritten ein kupfernes, im vierten und in den folgenden Nichts.
  17. Die Freiheit.
  18. Das Original ist Parodie des Schlusses von Odyssee XIX. 541.
  19. Sclavennamen.
  20. Mit einer Art thönerner Glocke, als Signal für die Domestiken.
  21. Während der reiche Herr auf dem Tragsessel sitzt.
  22. Iliade XXIII, 430.
  23. Einem Cinäden.
  24. „so verführerische – wissen.“ Wieland.
  25. Die Redner sprachen gewöhnlich nach der Wasseruhr[WS 2], s. Fischer 24. Der rohe Spaß bestand darin, daß einige Trinker, während der Rhetor sprach, eine Amphora Wein leerten. Bei dem obigen Ausdruck Eimer ist jedoch nicht an den großen Württemb. Eimer zu denken. Die Amphora war = 26 Franz. Litres = 14 Würt. Maaß.
  26. Acht Louisd’or.
  27. Der in die Steinbrüche zu Syrakus gesperrt wurde, weil er die Gedichte des Dionys nicht schön fand.
  28. „schleppst dich – kannst“ Wieland.
  29. Im 10ten B. der Republik.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: nicht
  2. Vorlage: Wasserruhr