Schweizer Alpen-Bilder/Die Gemsjäger

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Autor: A. Bitter
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Titel: Die Gemsjäger
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17 + 18, S. 267-270;278-280
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Schweizer Alpen-Bilder.
Nr. 3     Die Gemsjäger.

Gar Mancher von den Tausenden und Abertausenden von Touristen, die von Albions weißen Küsten, aus grün Erin, aus der sandigen Mark oder aus den leichtsinnigen Städten des Frankenreichs im Hochsommer den gletscherumfangenen Paradiesen des Berner-Oberlandes oder den schauerlich-prächtigen, wilderhabenen Thalschluchten Graubündens, der Wiege des jungen Rheins, zueilen, um sich einmal in echt reiner Alpenluft zu baden, von der Gletschermilch, die der große Dichter in seinem Tell erwähnt, zu trinken und neuen Lebensmuth zu schöpfen, trägt sich mit gar wunderlichen Hoffnungen und Erwartungen von all den Wundern und Seltsamkeiten, welche ihm das vielgepriesene und auch viel geschmähte schweizerische Hochland darbieten soll. Wäre die gute Schweiz an Wundern auch so reich, wie das Buch von tausend und einer Nacht, es würde dieses noch bei weitem nicht ausreichen, um all diesen bizarren und sanguinischen Erwartungen auch nur zur Hälfte ein Genüge zu leisten. Der langbeinige Engländer, der leichtfüßige Franzose, der neugierige Yankee und selbst der gemüth- und phantasiereiche Deutsche, vorausgesetzt, daß sie die Schweiz noch nie gesehen haben, sind häufig schon beim ersten Ueberschreiten der Grenze sehr enttäuscht, ja manchmal förmlich entrüstet, weil es der spröden Mutter Natur nicht gefällt, ihnen von zehn zu zehn Schritten eine neunhundert Fuß hohe Felswand zu präsentiren und darüber hinab einen donnernden Gebirgsstrom im kühnsten Bogen springen zu lassen, daß er in der Luft zerstäubt, wie etwa der Staubbach im Lauterbrunnen-Thale. Eben so deconcertirt hat der Verfasser dieser Zeilen die genanten Leutchen auch schon oft gesehen, wenn sie auf stattlichem Dampfer den Thuner- und Brienzer-See hinauffahren und selbst mit dem besten Operngucker die lustigen Gemsheerden nicht erblicken können, von denen sie daheim so viel Schönes haben erzählen hören, und von deren tollen Sprüngen sie doch ein so vorzügliches Divertissement erwartet hatten. Sind ja diese beiden lieblichen Wasserbecken von himmelanstrebenden Gebirgsstöcken und Felswänden umschlossen, die anscheinend ganz bequem einigen Tausenden der interessanten Thierchen Kost und Logis darbieten könnten, und ist doch von alledem auch nicht die blässeste Spur zu sehen, wenn nicht etwa ein gutmüthiger Geißbube sich der Schaulustigen erbarmt und seine Heerde zahmer Alpenziegen den Ungeduldigen in Sicht getrieben hat, welch letzterer Umstand, namentlich in frühern Zeiten, wo treuherziger Glaube noch so viel zur Verschönerung der Welt beitrug, zuweilen die Reputation dieser Vorposten des Hochgebirges rettete, die sonst im angedeuteten Sinne nicht einmal den gerechtesten Anforderungen eines wohlerzogenen Menschen, der für sein gutes Geld reist, mehr entsprechen.

Doch nur nicht verzagt! – ’s ist mit den Gemsen, wie mit den Wasserfällen: das Hochgebirge kann allerdings damit aufwarten; nur kostet der Anblick der erstern weit mehr Mühe, weit mehr Muth und einen schwindelfreiem Kopf, als der Bewohner der Ebene es sich gewöhnlich vorstellt. Die schnellfüßige Antilope des Hochgebirges durchstreift noch immer in kleinern oder größern Heerden die Alpen, aber nur die einsamsten und höchsten Reviere derselben, und nur der, dem es gegeben ist, mit rüstigem Muthe und nie erschlaffenden Sehnen die schroffen Wände der Gebirgsstöcke zu erklimmen, und der nicht zu fürchten hat, daß auf scharfem Grate, den mehrere tausend Fuß tiefen Abgrund unter sich, um sich nichts als das blaue Aethermeer und den Geieradler, der einsam in diesem Ocean schwimmt, der Schwindel ihn packe und rettungslos hinunterstürze in die gähnende Kluft, darf sich mit einiger Bestimmtheit der Hoffnung hingeben, die herrlichen Thiere auf schmalem Grasbande weiden zu sehen und die Wachtgeiß bewundern zu können, wie sie auf erhöhtem Felsvorsprunge scharf nach allen Seiten auslugt, um die nahende Gefahr auf stundenweite Entfernungen zu erspähen und durch schrillen Pfiff, dem Räubersignale gleich, die Genossen zu benachrichtigen. Bemerkt ihn aber diese Schildwache, dann ist auch in kurzer Zeit die ganze Gesellschaft gespensterhaft schnell verschwunden, wenn nicht gerade Zufall und Ortslage es fügten, daß sie in sausender Jagd über das stundenlange Eisfeld hinfliegt. Das macht, die Menschen haben den klugen schönen Thieren, die noch bis zu Anfang dieses Jahrhunderts selbst die weniger unzugänglichen Bergkämme so reizend belebten, mit so unerbittlicher Mordlust nachgestellt, daß sie jetzt ganz zurückgedrängt sind in die wildesten Einöden und mit Ausnahme des Winters, wo sie in den tiefergelegenen Wäldern Schutz gegen die Unbilden der Witterung suchen, fast immer nur in der nächsten Nachbarschaft des ewigen Schnees hausen.

Wenn der Tag anbricht, oder der Mond besonders hell scheint, da steigen die Gemsen wohl an den Bergwänden nieder und suchen sich bequemere, aber immer nur solche Weideplätze auf, welche rings von Felsen geschützte Grasplätze darbieten; von 9–11 Uhr halten sie ein wenig Siesta, steigen um Mittag wieder grasend in die Höhe und ruhen dann bis gegen 4 Uhr schon wieder in der Nähe der Gletscher, oft sogar auf dem blanken Firn, von ihrer Tagfahrt aus, um später denselben Weg noch einmal hin und zurück zu machen. Besonders munter sind die flinken, mit unglaublicher Klettergewandtheit begabten Thiere im Herbste und im Vorwinter, wo sie sich an den schroffsten Abgründen und auf den schärfsten Felskanten in toller Lust umhertreiben, sich mit den Hörnchen gegenseitig hinunterstoßen und die hübschesten Scheinkämpfe aufführen. Wo die nächste Base der Gemse, die selbst vorzüglich kletternde Alpenziege, sich nicht mehr hingetraut, in den unzugänglichsten Grasplätzen der steilsten Hörner, auf jenen oft kaum fußbreiten Steinbänken, die sich bandartig um die jäh abstürzenden Felskuppen winden, bewegt sich die Antilope des Gebirges mit einer Leichtigkeit und Grazie, mit einer Spannkraft der Sehnen, die an’s Fabelhafte streift. Munter, zierlich gebaut, von höchst klugem Aussehen, ist die im Sommer rehfarbene, im Winter fast schwarze Gemse mit den zierlichen, feingebogenen und glänzend polirten Hörnchen, besonders in aufgescheuchtem Zustande, von überraschender Schönheit; da werden ihre Muskeln elastisch und stramm wie Stahlfedern, und mit dem Sturm an Schnelle wetteifernd, geht’s in herrlichen Sätzen über Kluft und Eis. Man hat am Monterosa einmal eine von einer Gemse übersprungene Kluft gemessen, und das Resultat dieser Messung hat nicht weniger denn 24 Fuß [268] ergeben. Von eben so vorzüglicher Organisation, wie ihre Muskeln und Sehnen, ist auch das Geruchsvermögen der Gemsen: sie wittern den Jäger, der im Winde steht, auf ungeheuere Entfernungen und gebehrden sich dabei viel unruhiger, als wenn sie ihn wirklich zu Gesicht bekommen. Verirrt sich ob der Flucht eine Gemse an eine Felswand, wo sie weder vor- noch rückwärts mehr kann, so bleibt sie nicht etwa rathlos stehen, sie mißt kurz entschlossen den nächsten Absprung, versucht das Unmögliche möglich zu machen, und ein Sprung in den Abgrund, in welchem sie rettungslos zerschellt, ist das Ende. Ist der Jäger das einzige sich ihr darbietende Hinderniß, um auf schmalem Felsbande, das zum Abgrunde führt, wieder umzukehren, so schießt sie pfeilschnell zurück, und der Jäger mag sich nur schnell auf den Bauch legen, wenn er nicht von dem heranstürmenden Thiere in die Tiefe geschleudert werden will. Thut er dies aber, so setzt das Thier einfach über ihn weg. Selbst im Hinunterstürzen verliert die kluge Gemse nicht ihre Geistesgegenwart, und wenn sie mitten im Falle noch einen Vorsprung an der jähen Felswand bemerkt, so rudert sie mit Leib und Füßen und beschreibt im Sturze eine krumme Linie, um die Zacke zu erreichen, was ihr auch nicht selten gelingt.

So ist das Thier beschaffen, dem die Menschen, die der Titel unseres Aufsatzes bezeichnet, bis in seine letzten Verstecke auf schwindelnden Pfaden nachstellen, es trotz seiner wunderbaren Eigenschaften, trotz seiner Windesschnelligkeit, Scheuheit und schlauen Vorsicht oft dennoch überlisten und als gute Beute zu Thal schleppen, freilich aber fast immer schließlich ob des verwegenen Spieles den jedesmaligen Einsatz, das Leben, einbüßen. So wurden die zwei berühmtesten Gemsjäger des Glarnerlandes, David Zricki von Mollis, und Kaspar Blumer von Glarus, nachdem sie viele Hunderte von Gemsen erlegt, trotz ihrer staunenswerthen Kaltblütigkeit und Klettergewandtheit zuletzt die Opfer ihres zur dämonischen Leidenschaftlichkeit hinaufgegipfelten Jagdtriebes. Der Erstere wurde sechsunddreißig Wochen lang vermißt, und Niemand wußte, ob der siebenundfünfzigjährige, rüstige Mann noch am Leben sei. Endlich wurde sein von Geiern und Füchsen zernagtes Gerippe auf einem Hügel der steilen Auernalp gefunden. Der Mann mußte furchtbar gelitten haben; denn nach einem gebrochenen Fuße und der Lage des Ortes, wo man seine Reste fand, zu schließen, hatte er sich nach einem Sturze noch weit hergeschleppt und war nach vergeblich abgefeuerten Nothschüssen dem Hunger und der Kälte erlegen. Blumer stürzte am Vorderglärnisch über eine ungeheuere Felswand, wo sein zerschellter Leichnam erst im darauffolgenden Sommer aufgefunden wurde. Bekannt ist die Geschichte von dem Berner Jäger, der auf dem vielbesuchten Grindelwaldgletscher in eine verdeckte Eisspalte fiel, ohne Schaden zu nehmen auf den trockenen Grund gelangte und durch die finstere Höhlung, welche dem festen Boden nach ein dem Gletscher entfließender Bach gebildet, mit unsäglichen Mühen an den Rand der Eiswüste gelangte, und zwar an eine Felswand, über die der Bach sich als Wasserfall stürzte. Solche Glücksfälle sind aber selten, und schon öfter hat es sich begeben, daß ein auf ähnliche Art Verunglückter Stunden, ja Tage und Nächte lang in solchen Gletscherspalten aushalten mußte, bis es den Jagdgenossen gelang, ihn mittelst Stricken und Stangen wieder an’s Tageslicht zu fördern. Glücklicher als die Meisten war der berühmte und berüchtigte Gemsenwürger Marcus Colani, von Pontresina im Bündnerlande. Dieser seltsame und unheimliche Geselle, der sich ein ganzes ungeheures Jagdrevier usurpirt hatte, in welches kein anderer Jäger sich so leicht hinwagte und in dem er ganze Rudel halbzahmer Gemsen hegte, erlegte bis zu seinem sechsundsechzigsten Jahre nicht weniger denn 2800 Stück dieser Thiere, eine Anzahl, die von keinem andern Jäger vor und nach ihm erreicht worden ist. Dieser Jägerfürst starb ruhig in seinem Bette, freilich in Folge der Strapazen eines mit dem Naturforscher Dr. Lenz unternommenen, von dem Letztern sehr romantisch geschilderten Jagdabenteuers.

Die angedeuteten Gefahren sind jedoch nicht die einzigen, die den Jäger auf seinen verwegenen Fahrten bedrohen. Der fürchterlichste Feind des Jägers ist unstreitig der Nebel, der ihn oft, wenn er sich in die höchste Gletscherwildniß verstiegen hat, plötzlich überfällt und bei seiner außerordentlichen Dichtigkeit ihm kaum einen Blick vor- oder rückwärts gestattet. Da mag’s denn allerdings schlimm bestellt sein um den Mann, der, über schwindelndem Abgrunde hinschreitend, sich tappend auf dem kaum fußbreiten Pfade zurückfinden, oder auf dem weiten Gletscherfelde die vom Schnee trügerisch versteckte Spalte ausmeiden muß. Das ist buchstäblich ein Gang auf der schmalen Grenze zwischen Tod und Leben, und es gehört all die Kaltblütigkeit und der kaum begreifliche Spürsinn dieser an den rauhen Brüsten der Gebirgsnatur aufgesäugten Bursche dazu, um sich aus all diesen Fährlichkeiten herauszuwinden. Häufig suchen sie aber in solchen Fällen eine nothdürftig sichere Stelle auf und bringen, mittelst des Strickes, den sie immer mit sich zu führen pflegen, an eine Felszacke festgebunden, um nicht im Schlafe in den Abgrund zu stürzen, die Nacht in der nächsten Nachbarschaft der Geier und Adler zu. Das ist aber ein gar kühles Nachtlager auf die magere Suppe, die er sich in der mitgeführten eisernen Kelle bereitet hat, und gar oft muß sich der Jäger mittelst stundenlangen Umherlaufens oder dadurch, daß er einen schweren Stein hin und her trägt, vor dem Erfrieren schützen. Unser Bild stellt einen Berner Jäger dar, dessen Erlebnisse unter seinen Freunden und den Fremden, denen er oft als Führer diente, lange Zeit vielfach besprochen wurden. Auch er hatte sich, um nicht in den Abgrund hinunterzustürzen, in der Nacht an einen Fels angebunden, und seine Schilderung, wie er sorglos an der jähen Felswand sein Nachtquartier bezogen und trotz der Gefährlichkeit seines Bettes im Schatten der vom Monde beleuchteten Felsen ruhig entschlummert war, hatte etwas so Grausiges, daß man förmlich Athem schöpfte, wenn er seine Erzählung beendete.

Auch die nachfolgenden, in größeren Kreisen bisher noch nicht bekannt gewordenen Abenteuer dürften einen Beitrag für die Gefährlichkeit dieses Jägerhandwerks liefern.

„Ich ging,“ – so erzählte vor wenigen Tagen der ehemalige Gemsjäger und tüchtige Bergkundige Matthias Hefti von Glarus dem Verfasser dieser Zeilen – „als fünfzehnjähriger Bube ohne Vorwissen meiner Eltern nach der Bächialp (steiles Gebirge im Glarnerlande), um Gemsen zu jagen. Meine Mühe und mein Suchen waren vergeblich: die schlauen Thiere hatten mich gewittert, ich hatte ihnen den Wind nicht abzugewinnen gewußt und als ich den Kamm des Gebirges keuchend erreichte, da hatte ich das Vergnügen, ein kleines Rudel von fünf Stück wie der geschmierte Blitz so schnell den jenseitigen Abhang hinunterjagen zu sehen. ’s ist ein verfluchtes Ding, solches Nachsehen, und in wahrhaft lebensgefährlicher Stimmung trat ich, da der Abend schon nahte, meinen Rückweg an. Er führte mich zuerst eine Runse hinunter, wo das bröckelnde Gestein jeden Augenblick unter meinen Füßen wich, so daß ich im Grunde eher hinunter rollte, als ging, und dann auf ein nicht gar zu steil abgedachtes Plateau, auf dem zum Troste, wenn etwa üble Witterung den ganzen Heimweg unmöglich machen sollte, eine einsame Sennhütte stand. Den Ort hatte ich mir beim Hinaufsteigen genau gemerkt, und es war mir nicht entgangen, daß, nach den Blutspuren und andern Ueberresten zu schließen, da vor wenigen Tagen erst ein Schwein geschlachtet worden sein müsse. Dummer Weise, aber hatte ich die Hütte gleichwohl leer gefunden; sie mußte von den Insassen kürzlich erst verlassen worden sein, wie das auf den Alpen etwas eben nicht Außergewöhnliches ist. Wie ich nun so, in allerhand unerfreuliche Gedanken vertieft, die Halde hinabschlendere und gegen die verlassene Hütte hinschaue, da taucht aus dem hereinbrechenden Dunkel plötzlich eine niegesehene Figur vor mir auf, aus deren rundem Kopfe zwei Augen wie feurige Kugeln hervorleuchten. Freundliche Absichten schien das nicht eben heimelig aussehende Ding nicht zu haben, denn just war’s eben noch hell genug, daß ich die langen, schneeweißen Fangzähne bequem betrachten konnte, die es mir zum Willkommen vorwies. Sage Dir, Freund, es war ein kritischer Moment das, und meine jungen Beine wurden ordentlich dünn unter mir. Lache nur! ich schwöre darauf, Du hättest unter ähnlichen Umständen von Deinen Gehwerkzeugen den flinkesten Gebrauch gemacht. Hätt’s auch gethan, wenn nur der Rückweg nicht so mörderlich steil gewesen wäre, daß an ein schnelles Fortkommen nicht zu denken war. Na, die Verzweiflung hat wohl schon manchen Helden gemacht, und so reiße ich denn nicht ohne beträchtlichen Schlotter meine Büchse von der Schulter, ziele scharf nach der Brust des fortwährend die Zähne fletschenden Thieres, drücke los und sehe, wie die Bestie ein paar Mal über und über schlägt. Der Schuß hallt wie ein Donnerwetter an den Felswänden hinter mir wieder, habe aber keine Zeit, lange darauf zu horchen, denn in das hübsche Rollen mischt sich ein so verfluchtes Geheul, daß mir die Ohren noch heute davon gellen. Weder vor noch hinter mich sehend, wie ein vom Geier

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Nachtquartier eines Gemsjägers.
Nach einer Originalzeichnung von H. Jenny.

verfolgtes Schaf, renne ich an der Hütte vorbei und den Berg hinunter. So schnell bin ich, glaub’ ich, in meinem Leben nur noch ein einziges Mal bergab gekommen. Werde Dir später erzählen, bei welcher Gelegenheit. – Als ich daheim mit kleinmüthiger Miene die Geschichte erzählte – es waren, wie das in den Bergdörfern häufig der Fall ist, mehrere Nachbarn bei uns zu Abendsitz – da beschloß man sogleich am andern Morgen nach der Alp zu gehen und nachzusehen, welchem Ungeheuer ich das Lebenslicht ausgeblasen habe. Meine Schilderung mochte wohl etwas ungenügend lauten, und das weckte nur noch mehr die Neugierde der Gebirgsleute. Rüstig machte man sich auch mit Tagesanbruch auf den Weg, und was fand man? – Dicht bei der Sennhütte lag meine Jagdbeute, mit durchschossener Brust, steif und starr zum Eiszapfen zusammengefroren, und ein mächtiger, ausgewachsener männlicher Luchs war’s, der sich ohne Zweifel von der Metzelsuppe der Sennen seinen nachträglichen Antheil hatte holen wollen.

„Das andere Mal,“ so fuhr mein origineller Erzähler fort, „das andere Mal, wo ich noch beförderlicher aus der Höhe in die Tiefe gelangte, war, daß ich mit meinem einige Jahre ältern Bruder mich eines Morgens früh zur Jagd nach dem schrecklich steilen Vorderglärnisch aufmachte. ’s ist ein Steigen dort, sag’ ich Dir, daß Dir darob nicht nur Hören und Sehen, sondern selbst das Mark in den Knochen vergehen würde. So auf einem Felsband hinzuschleichen, das fast so schmal ist, wie Dein Strumpfband, [270] neben Dir auf der einen Seite die glatte, senkrechte Felswand, über Dir den blauen Himmel und wieder neben und unter Dir das drei-, viertausend Fuß tiefe blanke Nichts, das könnte unter gewissen Umständen auch den solidesten Kopf zur Unzeit wirblig machen, und halten die Knochenwände das Gehirn nicht fest, ergreift Dich der Schwindel, dann ist’s, als wenn Dich ein Gespenst bei den Beinen packe, und Du fährst zur Tiefe ohne Testament und Absolution.

Nun, ich bin ein Glarner, und wir, mein Bruder und ich, krabbelten so ziemlich wohlbehalten bald durch Runsen, wo die liebe Gotteswelt bei jedem Schritte unter uns wegkollerte, bald über das dichte Filzwerk der Legföhren empor, bis wir endlich zu einem schon mit einem Lappen ewigen Schnees belegten, zwar verwettert steilen, aber eine ziemlich regelmäßige, schiefe Ebene bildenden Abhang geriethen, der unten in einen mit allerhand kleinem Steingerölle halb angefüllten Kessel auslief. Da hinauf mußten wir, um den scharfen Kamm oben überschreiten zu können, jenseits dessen in schmaler, tiefer Schlucht, ein sehr besuchter Wechsel der Gemsen sich befand. Meist auf allen Vieren kriechend, wie ein Dachdecker am Kirchthurmdache hängend, kletterten wir unverdrossen an der scharfen Seitenkante des Abhangs aufwärts, wobei uns die da und dort aus dem Schnee hervorragenden spitzigen und bröckeligen Steine einen gar nicht zu verachtenden Anhaltspunkt boten. Nach einer guten halben Stunde eifrigen Kletterns waren wir endlich oben und besahen uns verschnaufend die Gelegenheit. Neue Verlegenheit! Die Kante des Gebirgsabsatzes bestand aus einer wohl an zehn Fuß hohen, glatt abstürzenden Felsmauer, die uns, von unten gesehen, kaum als drei Fuß hohes, leicht zu überkletterndes Felsband erschienen war. Diese Mauer, an die wir so recht eigentlich mit der Nase angerannt waren, zog sich eine Strecke Weges in gerader Richtung längs der Höhe der Halde hinlaufend fort, dachte sich aber weiter rechts wieder schräg ab und schien dort leichter zu übersteigen. Der Weg nach jener niedrigeren Stelle war anscheinend so schwierig nicht, wenn wir uns dicht an die Felsmauer hielten, zu deren Füßen die matten Sonnenstrahlen einen schmalen Streifen Grundes freigeschmolzen hatten. Wir schritten daher bedächtig vorwärts und dann, als es abwärts ging, rasch dem Uebergangspunkte zu. Da ging’s nun freilich von selbst abwärts, durch die staubartige, aber tiefe Lage des trockenen Schnees. Auf einmal aber fing’s über unsern Köpfen an zu brausen und zu tosen, als wenn die Kielfedern von tausend Lämmergeiern uns umschwirrten. „Herrgott, die Staublauine! halt den Kopf in die Höhe, sonst erstickst Du!“ schrie mir mein Bruder zu, und das war Alles, was ich durch den infernalischen Lärm noch hören konnte, denn nachher vergingen mir buchstäblich alle Sinne. Mein letztes Gefühl war, als wenn ich aus einer Bombe geschossen durch alle Lüfte dahin führe, und dann nichts mehr! – Als ich wieder erwachte, war’s von einem nichts weniger als sanften Griffe, mittels dessen mein erfahrenerer und gewandterer Bruder mich vom Rande des Abgrundes zurückriß, an welchen die von unsern eigenen Füßen aufgeweckte Lauine mich nach einem unfreiwilligen Sprunge von dreihundert wohlgemessenen Schweizerfuß ganz bequem in einen klafterhohen Haufen lockeren Schnees hingelegt hatte. ’s war ein ganz eigenthümliches, sakrisches Gefühl, das mich überkam, als ich endlich mit Mühe den Antheil des immer noch wie feiner Staub umherwirbelnden Schnees aus den Augen gewischt hatte und nun in die bodenlose Tiefe unter mir hinuntersah. Wär’ die Lauine ein Kanonenschuß gewesen, so hätt’s kaum ein Loth Pulver mehr gebraucht, um mich wie eine Granatenbüchse über den kesselförmigen Fluhsatz hinüber und weiter in’s Bodenlose hinunterzublasen.“

„Für diesen Tag ist Dir denn doch der Appetit nach Gemsbraten vergangen, alter Freund, und Du hast’s gemacht, wie nach dem glorreichen Schuß auf den Luchs?“ sagte ich zu dem Erzähler, von einem humoristischen Schauder über dessen gefährliche Luftfahrt erfaßt.

„Meinst?“ entgegnete er in seiner eigenthümlichen, langgedehnten Weise. „Damals, als ich den Luftsprung machte, war ich kein fünfzehnjähriger Laffe mehr! Mein Kirschwasserfläschchen war zwar ob der eiligen Fahrt in Stücken gegangen, dem Bruder seines aber wohlbehalten mit ihm unten angelangt. Nachdem wir uns den Schnee nothdürftig aus den Kleidern geklopft – was, beiläufig bemerkt, gar keine leichte Sache war, weil der Lauinenstaub merkwürdig zähe sich festsetzt – nahmen wir ein Jeder einen herzhaften Schluck, machten uns auf’s Neue an das Erklimmen der Halde, die jetzt zum guten Theile rein gefegt war, und kamen glücklich oben an. Zwei Stunden später zappelte richtig ein ganz ordentlicher Bock auf dem Boden, den mir mein Bruder von der entgegengesetzten Seite her vor den Lauf trieb, und wir hatten schließlich alle Ursache, mit unserm Tagewerke, trotz des kleinen Unfalls, ganz zufrieden zu sein.“

So der wackere Matthias Hefti.

[278] Neben den Gefahren solcher unfreiwilligen Luftfahrten gab es aber für den passionirten Jäger noch andere, die ihm die Eifersucht der Concurrenten aus andern Cantonen oder dem benachbarten Auslande bereitete. Mit der zunehmenden Bildung sind diese Gefahren nun jetzt freilich meist verschwunden, und Jäger aus den verschiedenen Ländchen der Schweiz jagen nun auf den ehemals streitigen Grenzgebieten friedlich neben einander. Sie haben sich auf unsern großen nationalen Schützenfesten gegenseitig kennen und als Eidgenossen lieben und schätzen gelernt. Man klagt in unserer raschen Zeit gar häufig über die Verflachung des Volkes und über Verwischung der urfrischen Naturwüchsigkeit der Bewohner früher abgeschlossener Thalschaften, durch die Leichtigkeit der Verkehrsmittel. Zugegeben, daß der Dampf gar manche dieser Ureigenthümlichkeiten im Laufe eines halben Jahrhunderts zur blassen Mythe zusammenblasen wird – nimmt er aber dabei nichts Schlimmeres mit, als die Sitte, daß zwei tüchtige Burschen wegen [279] eines elenden Gratthieres sich kugelnwechselnd das Lebenslicht ausblasen, so möchte denn doch allmählich das sentimentale Gewinsel um eine nichts weniger als sanfte Vergangenheit verstummen. Vor dreißig bis fünfzig Jahren, da ging’s freilich auf den Cantonsgrenzen selbst zwischen den lieben Eidgenossen mitunter noch so naturwüchsig her, daß der wärmste Anhänger alter Sitte und der passionirteste Romantiker damit vollkommen hätte zufrieden sein dürfen. – Besonders scheint dieses auch in den vielfach zerklüfteten, einsamen Gebirgsdistricten der Fall gewesen zu sein, welche die bernische Landschaft Saanen von dem gletscherreichen Oberwallis trennen. Die Mittheilung eines Freundes des Verfassers, der früher selbst passionirter Gemsjäger in den genannten Gebieten gewesen ist, und deren Wahrhaftigkeit wir verbürgen können, möge als ein kleiner Beitrag zu all den zahlreichen Geschichten dieser Art hier noch Platz finden.

Einer der berühmtesten und schlauesten Gemsjäger der Landschaft Saanen sah sich eines Morgens, als er eben einen schroffen Gebirgskamm zu überschreiten im Begriffe stand, plötzlich einem Walliser Jäger gegenüber, der sich vermuthlich seinen Braten auf bernischem Gebiete zu holen im Begriff stand. Der Walliser, offenbar seinem Gegenüber nicht trauend, besann sich nicht lange, spielte das Prävenire, riß seine Büchse an die Backe und sandte dem unbequemen Concurrenten seine dreilöthige Kugel zu. Der Berner sank blitzschnell zusammen und rollte rücklings hinter die Gebirgskante hinunter, die er soeben erstiegen hatte. Der Walliser eilte herbei, um dem Getödteten seine Büchse und Jagdgeräthschaften abzunehmen. Seine Ueberraschung war aber eine nichts weniger als angenehme, als, auf zehn Schritte nahe gekommen, der Erschossene gesund wie ein Fisch aufsprang und nun seinerseits dem Verblüfften den drohenden Büchsenlauf entgegenstreckte und ihm mit unsanfter Betonung zurief, daß nun sein letztes Brod gebacken sei. Der Walliser mußte sich gefangen geben, denn er hatte gegen alle Schützenregeln es unterlassen, seine einläufige Büchse frisch zu laden. Sein Gegner begnügte sich zwar, auf sein flehentliches Bitten mit der bloßen Abnahme der Waffen und Munition, einigen wohlgemeinten Püffen mit dem Gewehrkolben und ließ den Sünder dann ohne weitere Züchtigung seines Weges ziehen; daß aber solche und ähnliche Geschichten nicht immer einen so humoristischen Verlauf nehmen, das ist nach den Erzählungen mancher Jäger unzweifelhaft, so viel von dem bekannten Latein dabei auch mit unterlaufen mag.

Merkwürdig ist die auch von Tschudi bestätigte Thatsache, daß ein fallender Stein auf den am schwindelnden Rande hinschreitenden Jäger eine fast unwiderstehliche magische Anziehungskraft ausübt. Fast unaufhaltsam dränge es den Menschen, dem Steine nachzusehen in den Abgrund, besonders wenn er ganz nahe beim Fuße abfalle, und wer diesem Gefühle nachgebe, sei unrettbar verloren. Die Jäger wenden in solchen Fällen das Gesicht sogleich nach der Felsenseite und stehen einen Augenblick still, um den Schwindelanfall vorübergehen zu lassen, bevor sie weiter schreiten. Hie und da, und zwar besonders in den Schluchten des Engadins, begegnet dem Jäger die kleine Ueberraschung, daß er statt einer Gemse plötzlich einen brummenden Bären vor sich sieht. Da gilt’s dann ein gutes Zielen; denn wird Meister Petz nicht gut getroffen, so pflegt er den Scherz sehr übel zu nehmen, und marschirt aufrecht auf den Hinterbeinen mit verteufelt langen Schritten auf den ungeschickten Schützen heran, um ihn in seinen Tatzen zusammen zu drücken, wie eine Preßwurst. In solchen Fällen hat’s schon gar oft ein Ringen Körper gegen Körper abgesetzt, und beide Kämpfer sind ob der unbrüderlichen Umarmung zusammen den steilen Berghang hinabgerollt. Doch – kaum sollte man es glauben – hat darob Braun meistens den Kürzeren gezogen, weil ihm schließlich das Messer des Jägers zur Unzeit zwischen die Rippen fuhr. Freilich hat der Jäger alle Ursache, sich später noch lange an die unfreundliche Begegnung zu erinnern, die zuweilen nur mit ein paar gebrochenen Rippen und jedenfalls nie ohne Einbuße einiger Lappen von Kleidern und Haut abläuft.

Ueber die Ausrüstung des Jägers nur einige kurze Andeutungen. Seine Kleidung ist von grobem Stoffe von ungefärbter Wolle, mit sich führt er neben seiner Büchse von schwerem Kaliber – die Spitzgeschosse haben sich als nicht wirksam genug herausgestellt – einen mittelgroßen Alpstock, eine Jagdtasche mit Pulver, Blei und Fernrohr, und eine eiserne Kelle. Als Proviant pflegt er Käse, Butter und Brod und eine Portion gesalzenes, geröstetes Mehl mit sich zu nehmen, mittelst dessen er sich in der Kelle Morgens und Abends eine stärkende Suppe zu bereiten pflegt. Geht’s hoch her, so wandert auch ein Fläschchen Kirschengeist mit. Besondere Sorgfalt verwendet der Jäger auch auf seine Schuhe, die so ziemlich nach der Natur des stahlharten Gemsfußes eingerichtet, außerordentlich fest gearbeitet und mit spitzköpfigen Nägeln beschlagen sein müssen, um auf den Felsbändern, wie auf den Eisfeldern fest auftreten zu können. Eine gewöhnliche Fußbekleidung würde bei solchen Märschen noch vor Abend in Fetzen gehen und den Fuß zu wenig vor Verwundungen schützen.

Nach dem, was wir hier in gedrängter Kürze oft nur flüchtig andeuten konnten, ist es einleuchtend, daß die Gemsenjagd längst aufgehört hat, ein eigentliches Herrenvergnügen zu sein. Wohl ist’s auch bei den eigentlichen Gemsjägern weit mehr ein fast dämonisch wirkender Trieb, eine unbezwingliche Leidenschaft, wenn auch nobler, doch derjenigen des passionirten Spielers vergleichbar, die weit mehr als bloße Gewinnsucht diese kühnen Menschen zu den verwegenen, toddrohenden Gängen antreibt; aber die meisten davon sind denn doch unbemittelte, an Entbehrungen und Strapazen gewöhnte, wetterfeste Leute, die zudem mit den kleinsten Details der Gebirgsmassen vertraut sind. Mag es auch hie und da in den Zeitungen stehen, daß der oder jener Prinz oder Minister im Berner Oberlande einen kühnen Jagdausflug gemacht und auch glücklich einen prächtigen Bock geschossen habe, so gestehen wir denn doch, daß wir dabei stets eines bescheidenen Zweifels an der Richtigkeit dieser Angaben uns nur schwer erwehren konnten. Wir haben Gelegenheit gehabt, die Jäger, welche den Herren als Führer und Begleiter auf dem Ausfluge gedient hatten, ganz eigenthümlich lächeln zu sehen, wenn von solchem Jagdglücke die Rede war. Der Gemsjäger ist eine schweigsame und zudem sehr praktische Natur, und wird selten ausschwatzen, wie viel blanke Thaler ihm die Verzichtleistung auf die Ehre eines guten Schusses eingetragen haben mag.

Mit dem Gesagten soll indeß keineswegs die Behauptung aufgestellt sein, daß nicht hie und da Fremde und Ungeübtere mit Erfolg an Gemsjagden theilnehmen und einen glücklichen Schuß thun könnten. Es ist dieses besonders auf den weniger gefährlichen Treibjagden der Fall, wo eine größere Anzahl von kundigen Jägern sich zu einem gemeinsamen Jagdzuge vereinigen. Die Gemsen werden dabei so umgangen, daß ein Jäger dieselben in den unteren Weiden aufstört und langsam bergan treibt, während die Uebrigen die Pässe besetzt halten, welche die Thiere gewöhnlich zu wählen pflegen. Diese Pässe sind den Jägern meist sehr genau bekannt. Solche Jagden finden besonders häufig im Appenzeller Lande, am Säntis statt und gewähren nicht selten den in jenem reizenden Ländchen weilenden Curgästen ein schönes Vergnügen. So erzählte uns Dr. Jaumann, vormaliger Jägerpräsident des Ländchens, kürzlich ein solch frohes Jagdabenteuer am genannten Berge, an welchem verschiedene Deutsche, unter anderen auch ein Sohn des bekannten Professors der Theologie H. in Berlin und, wenn ich nicht irre, auch der berühmte Verfasser des Buches „das Thierleben der Alpenwelt“ selbst, Theil nahmen. „Die Gesellschaft,“ wir lassen hier den Erzähler sprechen, „sammelte sich schon vor Beginn der Morgendämmerung in der Gaststube des freundlichen Weißbader. Der Stazi, Büschli und der Sepi-Toni, alle drei ganz urwüchsige Appenzeller Bauernbuben und geriebene Wildschützen, waren für die Partie mit engagirt. Nach flüchtig eingenommenem, frugalem Frühstück machte man sich auf den Weg. Lautlos ging’s die ersten Anhöhen hinan, und in Zeit von zwei Stunden gelangten wir auf die Alp-„Hütten“, einen Standpunkt, von wo aus man mittelst der Ferngläser bequem das Gebirge ausspähen konnte. „Acht Stück!“ keuchte plötzlich Einer mit verhaltener Stimme, und so war’s auch. Der Richtung folgend, die der Mann uns mit seinem Instrumente andeutete, gewahrten wir richtig in bedeutender Entfernung im sogenannten Hüttenlaub das kleine Rudel, anscheinend harmlos grasend, während die Wachtgeiß, auf einem Vorsprunge unbeweglich dastand und nur den Kopf und den feinen Hals hie und da herumdrehte, um nach allen Seiten hin die Gegend zu inspiciren. Rasch wurde der Operationsplan gemacht. Wir bestanden zusammen aus acht Mann. Zwei Mann bildeten das Centrum, und wieder je zwei den linken und den rechten Flügel. Die zwei Uebrigen bekamen die Bestimmung, die Gemsen über den „Laseyer“ und oben hinüber über die „Glockeren“ (niedrigere Gebirgsstöcke) zu umgehen und thalwärts ihren gewöhnlichen Wechseln entgegen zu treiben.

[280] Für diejenigen, welche die Pässe besetzt hielten, gab’s nun ein wohl an zwei Stunden dauerndes, lautloses Warten, während dessen wir die herrlichste Gelegenheit hatten, das prachtvolle Schauspiel der aufgehenden Sonne auf dem Gebirge zu beobachten. Noch lagen die Tannenwälder um uns fast nächtlich schwarz da, und nur über das Grün der höhern Alpweiden zuckte es dann und wann in blaßgelben Streifen hin und her, oder funkelte Leuchtwürmchen gleich auf den obersten Wipfeln der Wettertannen. Gegen Süden aber, da schimmerten die riesigen Kuppen der Glarner und Bündner Alpen wie in Rosengluth getauchtes Silber ins weite Land hinein, und mählich und mählich schienen sich blitzende, goldene Ströme wie Lavabäche nieder zu ergießen von den Flanken der strahlenden Häupter des Hochgebirgs in die noch vor wenigen Secunden in nebelige Schleier gehüllte weite Landschaft zu unseren Füßen, um die funkelnden Lichtwellen an alle Abhänge hinzuspritzen. Dazu tönte wie ein Morgenpsalm der Natur das feine Läuten der Heerdenglocken, hie und da durchbrochen von einem schmetternden, langathmigen Jauchzer der Sennen. Wahrhaftig, ich hatte ob dem Anblick ganz meine mordlustigen Gedanken vergessen. Da knallt plötzlich der Schuß meines Nebenmannes, und wie ich aufblicke, kommen windschnell zwei Gemsen die enge Schlucht daher gerannt, als deren einer Wächter ich bestellt war; auch ich reiße meine Büchse an die Wange und schieße. Beide Schüsse haben aber kein anderes Resultat, als daß die zierlichen Antilopen des Gebirgs so schnell wie unsere Kugeln aus dem Rohr an uns vorbeifliegen. Wie ich nun so recht verblüfft den Fleck anstarre, wohin ich meinen Schuß gerichtet, was steht da vor mir? – Eine ganz junge Gemse, und schaut mich in einer Entfernung von kaum sechs Schritten mit ihren schönen, klugen Gazellenaugen fast eben so verblüfft wie ich, aber anscheinend ganz furchtlos an. In meinem Leben mag ich wohl nie so einfältig ausgesehen haben! Laute Zurufe, doch wieder zu laden und das zierliche Thierchen zu erlegen, erweckten mich freilich zum Handeln, aber meine Hand zitterte so vor Aufregung, daß ich kaum den Ladestock in den Lauf bringen konnte. Endlich gelang’s, und eben wie ich die Büchse zum Anschlagen erhebe, da wird’s doch dem Neuling bedenklich, und in zwei Sätzen ist er verschwunden, als hätt’ ihn der Erdboden verschluckt. Ich hatte buchstäblich nicht einmal das Nachsehen. „Paßt auf! paßt auf! ’s kommt noch eine!“ brüllte im gleichen Moment oben über mir die Stimme der Sennen von der Hüttenalp; ’s war aber nicht gerade nöthig, daß ich mich nochmals mit einem Fehlschluß blamirte; links neben mir kracht prächtig und weit durch das Gebirge hinhallend wieder ein Schuß, und ein riesiger Gemsbock von siebzig Pfund purzelt auf eine Schneewiese vor die Füße der glücklichen Schützen hin. War das aber auch ein Halloh mit Triumphgeschrei, in das selbst die Sennen der Alp jauchzend mit einstimmten! Meine, es brausen mir noch jetzt die Ohren davon. ’s war aber auch schon der Mühe werth, denn das erlegte Thier war eine unter dem Namen Lafeyrer Bock schon lange berühmte Persönlichkeit, die Jahre lang aller Listen der Jäger gespottet hatte.

Fort ging’s mit dem alten schlauen Burschen zur Sennhütte, wo er sich’s schon gefallen lassen mußte, ausgeweidet und dafür mit feinen, wohlriechenden Alpenkräutern ausgestopft zu werden. Die Leber wurde sofort in Butter gebacken und gab bei unserem erregten Appetite ein ganz delicates Gabelfrühstück. Mitten beim Mahle entdeckte ein durch’s Fernrohr spähender Jäger ein Rudel von mindestens 16 Gemsen, die ganz gemüthlich grasend bergan der Klus bei Mugelis-Alp zuwandern. „Aufgebrochen!“ hieß es von allen Seiten, und den Sennen den Rest unserer Mahlzeit überlassend, ging’s mit verdoppeltem Eifer wieder bergan. Nach zwei Stunden angestrengten Steigens fanden wir auch ganz richtig die Klus, und nur die Hauptsache fehlte, die Gemsen nämlich! Dessenungeachtet zogen wir aber Abends mit Freudenschüssen und bei Fackelschein mit unserer Beute im Weißbad ein, und wurde ich auch bei dem fröhlichen Zechen, das folgte, wegen meines ausgezeichneten Kernschusses tüchtig gehänselt, so habe ich doch den Tag als einen der frohesten meines Lebens in meinem Kalender roth angestrichen.“

So unser Vergnügungsjäger. Das ist aber, wie bereits bemerkt, die von der Einzeljagd weit verschiedene Treibjagd. Wohl ist auch diese nicht immer ohne Gefahr. So ging vor wenigen Jahren ein im schönen Hotel Bellevue zu Thun logirender Engländer in Gesellschaft mit Andern auf die Gemsjagd in das nicht weit von da entfernte Kienthal. Einen steilen Abhang hinaufkletternd, glitt er aus und rollte hinunter, seine Büchse entlud sich ob des Sturzes, und die Kugel durchdrang den Körper des unglücklichen Briten. Abenteuer, wie das haarsträubende des Rudolph Bläsi von Schwanden, der in Verfolgung einer angeschossenen Gemse sich durch seinen Eifer verleiten ließ, auf ein schmales, kaum für die Breite seines Fußes ausreichendes Felsenband hinunter zu springen, und dann die grausige Entdeckung machte, daß er hinter sich die glatte, senkrechte Felsenwand, vor sich einen unermeßlich tiefen Abgrund habe, in welchen hinunter auch die leiseste Bewegung ihn stürzen müsse, kommen indeß auf der Treibjagd wohl nicht vor. Mehr als der Umstand, daß Bläsi es fast zwei halbe Tage und eine Nacht zwischen Himmel und Erde hängend aushielt, bis sein Freund und Jagdgenosse Manuel Walcher ihn aus der entsetzlichen Situation erlöste, mag den Leser in Erstaunen setzen, daß der unverwüstliche Jäger, trotzdem, daß vor Ensetzen seine Haare in der Schreckensnacht silberweiß geworden waren, später weit davon entfernt war, sein gefährliches Handwerk aufzugeben; und wir citiren diesen weithin bekannt gewordenen Vorfall nur als einen Beleg, wie tief die Jagdleidenschaft in den hartnäckigen Söhnen des Gebirges festsitzt.

Die berühmtesten Gemsjäger der Jetztzeit sind Johann Rüdi von Pontresina, Karl Joseph Infenger von Isenthal im Canton Uri, Benedict Cathomen aus Bünden und Ignaz Troger von Ober-Emo im Wallis. Aber obschon diese Herren nebst vielen anderen ein jeder schon viele Hunderte von Gemsen erlegt haben, so ist deswegen keineswegs zu fürchten, daß die schönen Gratthiere dort am Ende gar ausgerottet werden möchten. Die flüchtige Antilope des Gebirges ist zu schnellfüßig und zu schlau, und die zahllosen undurchdringlichen Gebirgslabyrinthe der Gletscherwildniß bieten ihr der Schlupfwinkel zu viele, wo der schlaueste und verwegenste Jäger ihr nicht zu folgen vermag. Zudem steht der Preis, den sich der Jäger im Glücksfall erringt, in keinem Verhältnisse zu den Gefahren, die den Jäger auf seinen Streifereien Schritt vor Schritt umlauern. Die Zahl der guten Gemsjäger hat denn auch eher ab- als zugenommen, während tüchtige Beobachter in den letzten Jahren unzweifelhaft eine Vermehrung des Wildstandes bemerkt haben wollen.

A. Bitter.