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Seite:AdlerStudie.djvu/29

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I. Heredität.

Hier befinden wir uns auf bekanntem Boden.

Allerdings wird die Bedeutung der Heredität von verschiedenen Forschern verschieden gewertet. Die einen erheben wohl die Familienanamnese, weisen aber jeden exakten Schluß daraus zurück und wollen besten Falles eine größere oder geringere Erkrankungsneigung aus ihr entnehmen. Andere, besonders neuere Autoren finden nahezu gleiche hereditäre Verhältnisse bei Gesunden wie Kranken und lehnen jede tiefere Bedeutung des Hereditätsproblems ab. Zumeist herrscht die Auffassung von der Vererbbarkeit einer Körperanlage, die unter geeigneten Verhältnissen zur hereditären Erkrankung fuhrt. Soviel wir sehen, neigen die französischen Ärzte seit jeher zu einer schärferen Betonung der Heredität als die deutschen.

Widersprüche also, von denen wir meinen, daß sie nicht allzu schwer beseitigt werden können. In den Vordergrund unserer Behauptungen über Heredität gehört der Satz: Die Heredität besteht in der Vererbung eines oder mehrerer minderwertiger Organe.

Eine Übersicht über die als hereditär angesehenen Erkrankungen stützt diese Behauptung, die im Gegensatz steht zu der Auffassung einer hereditären Degeneration des gesamten Organismus. Selbst was gemischte Heredität genannt wird, bei Epilepsie, Seelenstörungen, Hysterie, Trunksucht etc., läßt sich nach einzelnen minderwertigen Organen gruppieren, wobei die Beeinflussung und Entwicklung des Zentralnervensystems vorwiegend in die Augen fällt. Nun werden wir schon an diesem Punkte eine Tatsache feststellen müssen, die für die ganze Auffassung unserer Studie von größtem Belange ist. Die Minderwertigkeit eines Organes kann sich nämlich in der Deszendenz an den verschiedensten Stellen des Organes manifestieren. Mit dieser Konstatierung läßt sich eine ganze Anzahl von Widersprüchen in der Hereditätslehre beseitigen. Vor allem reduziert sich die „gemischte Heredität“ auf einfache hereditäre Minderwertigkeit des Nervensystems. Aber auch jene Forscher kommen zu Recht, die dem Hereditätsproblem die größte Bedeutung zuerkennen, ungeachtet des scheinbaren Widerspruchs, der darin gesucht wird, daß von gesunden Eltern kranke Kinder oder von kranken Eltern vereinzelt gesunde Kinder abstammen

Empfohlene Zitierweise:
Alfred Adler: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Urban & Schwarzenberg, Berlin und Wien 1907, Seite 17. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:AdlerStudie.djvu/29&oldid=- (Version vom 31.7.2018)